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ZEITSCHRIFT FÜR BÜCHERFREUNDE. 


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ZEITSCHRIFT 


FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 


Herausgegeben 


FEDOR VON ZOBELTITZ. 


Zweiter Jahrgang. — 1898/1899. 
Erster Band. 



Bielefeld und Leipzig. 
Verlag von Velhagen & Klasing. 


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Inhaltsverzeichnis 

IL Jahrgang 1898/1899. — Erster Band. 

Die illustrierten Beiträge sind mit * bezeichnet 


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er. 

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3 


Grössere Aufsätze. 

Seite 

* Aufseesser, Julius: Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 70 

Buchholtz, Arend: Die Berliner Litteratur von 1848.83, 133 

♦Bulthaupt, Heinrich: Die Bremischen Theaterzettel von 1688. 170 

Fischer von Röslerstamm, E.: Vom deutschen Autographenmarkt. 215 

♦Forrer, R.: Mittelalterliche und neuere Lesezeichen. 57 

♦Frick, Georg: August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle 201 

♦Fuchs, Eduard: Lola Montez in der Karikatur. 105 

*Gen6e, Rudolph: Das Notenskizzenbuch Mozarts aus London 1764. 79 

Goebcl, Theodor: Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 63 

♦Grunwald, F.: Wie logieren wir unsere Bücher? Anregungen und Vorschläge ... 127 

♦Hagen, Johannes: Zur kunstgeschichtlichen Litteratur. 249 

♦Häuften, Adolf: Uber die Bibliothek Johann Fischarts. 21 

♦König, Heinz: Georg Leopold Fuhrmanns Schriftprobenbuch von 1616. 220 

♦Leiningen-Westerburg, K E. Graf zu: Neue Ex-Libris. 35 

Loubier, Jean: Bibliographien von William Morris Schriften. 256 

♦Müller-Brauel, Hans: Drei Ex-Libris der Lüneburger Ratsbibliothek. 209 

♦Ring, Max: Zur Geschichte des „Kladderadatsch". 176 

von Schleinitz, Otto: Die dritte Ashbumham-Auktion. 186 

— Caxton im British Museum. 94 

Schmidt, Adolf: Mittelalterliche Lesezeichen. Ein Nachtrag. 213 

Schur, Emst: Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 

L Der gegenwärtige Stand. 32 

IL Neue Typen. 137 

HI. Die Komposition als Mittel. 227 

♦Sondheim, Moriz: William Morris. 12 

♦Witkowski, Georg: Chodowieclds Werther-Bilder. 153 


561884 


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VI 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

*Wolff, Eugen: Inwieweit rührt „Die Familie Schroffenstein“ von Kleist her?. 232 

♦von Zobeltitz, Fedor: Die Bibliophilen. I. Eduard Grisebach. 163 

— Zusätze zur Geschichte des Kladderadatsch von Max Ring . . 176 

* — Neue Illustrationswerke.. 89 

♦von Zur Westen, Walter: Moderne deutsche Notentitel. 1 

• v,w 

W 

Kritik. 


Seite 


Adam. Paul: Die praktischen Arbeiten des Buch¬ 
binders. (—bl—). 40 

Berner, Otto: ’s FreindL Heft I. (—f.). 144 

Bilderbosen für Schule und Haus. (Theodor GoebeL) 190 
Bock, Alfred: Aus einer kleinen Universitätsstadt. 

Kulturgeschichtliche Bilder (I). (A. L. Jellinek.) 143 

Bogvennen, udgivet af Forening for Boghaandvaerk. 

(!>•). 144 

Börner, A.: Die lateinischen Schülergespräche der 

Humanisten. L (A. L. Jellinek). 142 


Fontane, Theodor: Chr. Fr. Scherenberg und das 

litterarische Berlin von 1840 bis 1860. (v. Z.) 263 

— Von zwanzig zu dreissig. (v. Z.) . . . 263 

Forrer, R.: Les Imprimeurs de Tissus dans leurs 
Relations historiques et artistiques avec les 

Corporations. (— z.). 44 

Fragments of the Books of Kings according to the 
translation of Aquila, from a Manuscript for- 
merly in the Geniza at Kairo. (Otto von 


Schleinitz). 192 

Fachs, Eduard: 1848 in der Karikatur. (K. v. R.) 261 

Grand-Carteret, John: L’Affaire Dreyfus et l’Image. 

(F. von Zobeltitz). 192 

„Hausschatz moderner Kunst“, Heft 6 bis 10. (—bl—) 262 

Helerli, Julie: Die Schweizer-Trachten vom XVTL 

bis XIX. Jahrhundert nach Originalen. (—n.) 96 


Heltz, Paul: Die Kölner Büchermarken bis Anfang 
des XVII. Jahrhunderts. Mit Nachrichten über 


die Drucker von Otto Zaretzky. (P. E. R.) . 143 

— Neujahrs wünsche des XV. Jahrhundert. 

(W. L. Schreiber). 260 

Holmes, Richard R.: Queen Victoria. (—s.) ... 44 

Kaufmann, Georg: Die Geschichte der deutschen 

Universitäten. (A. L. Jellinek). 141 

Luther, Johannes: Die Reformationsbibliographie 

und die Geschichte der deutschen Sprache. (Kp.) 258 

Meisterwerke der Holzschneidekunst. Neue Folge. 

Viertes Heft Moderne Meister. (—L.) . . 97 

Nansen, Fridtjof: In Nacht und Eis. Supplement (—tz.) 259 


Seite 


„Pan.“ Zweite Hälfte des dritten Jahrgangs, drittes 

und viertes Heft (—f.). 97 

— IIL Jahrgang. IV. Heft (v. Rh.). 258 

Pernwerth von Birnstein: Imitata. Lateinische Nach¬ 
bildungen bekannter deutscher Gedichte. 

(A. L. Jellinek). 189 

Plato: Codex Oxoniensis Clarkianus 39. Hrsgeg. 

von Dr. Scato de Vries. (— 1 —). 193 

Proctor, Robert: Early printed Books. (v. S.) . • 145 

von Reber, F., u. A. Bayersdorf er: Klassischer 

Skulpturenschatz. (—f.).. 191 

Reimann, Heinrich: Johannes Brahms. (Robert 

Eitner). 188 

von Schack, Graf Adolf Friedrich: Gesammelte 

Werke. (—f.). 191 

Schillers Werke. Hrsgeg. von Ludwig Bellermann. 

(-bl-). 190 


Student, der Leipziger, vor hundert Jahren. Neu¬ 
druck aus den „Wanderungen und Kreuzzügen 
durch einen Teil Deutschlands von Anselmus 
Rabiosus dem Jüngeren“. (A. L. Jellinek) . 143 

Uzanne, Octave: L’Art dans la d^coration ext^rieure 

des livres en France et ä l’fetranger. (K. R.) 41 

„Ver Sacrum“. Organ der Vereinigung bildender 


Künstler Österreichs. (L.). 262 

Wasmann, Friedrich: Ein deutsches Künstlerleben 
von ihm selbst geschildert Hrsgeg. von 

Bernt Grönvold. (—K.). 39 

Werkmeister, Karl: Das neunzehnte Jahrhundert in 

Bildnissen, (v. R.). 95 

— Desgl. Heft 3 bis 8. (—bl—) .... 261 

Wrede, Richard: Die Körperstrafen bei allen Völkern 
von den ältesten Zeiten bis auf die Gegen¬ 
wart (—bl—). 191 

Wyl, W.: Spaziergänge in Neapel, Sorrent, Pom¬ 
peji etc. (—g.). 192 

— Aus Tizians Tagen. (—g.). 192 

Zarncke, Friedrich: Aufsätze und Reden zur Kultur- 

und Zeitgeschichte. (A. L. Jellinek) .... 142 


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Inhaltsverzeichnis. 


vn 


Chronik. 


Meinungsaustausch. 


Blnmaner über Buchausstattung. (Dr. D.) .... 

Der Casanova-Brief in der Morrison-Sammlung. (Dr. 

H. H. Meier). 

Druckerei, die erste, in KonstantinopeL (—r.) . . 
Gttbitx* Schnitte. Wo befinden sich die Holzstöcke 
zu den Schnitten von Friedrich Wilhelm G.? 

(R. Winter).•. 

Gubitz* Schnitte. Antwort (W.). 

Heines „Buch der Lieder“. (Hugo Oswald, München) 47 
Die Druckerfamilie Le Rouge. (W. L. Schreiber) 196 
Wer ist Verfasser der „Geschichte eines Patriotischen 

Kaufmanns“? (Max Freund.) (G. Weisstein) 100, 147 


Seit« 


Zu dem Aufsatz: „Ein Annalenwerk der Litho¬ 
graphie“. (J. A.). 147 

Zu dem Aufsatz über die Bremischen Theaterzettel 

von 1688. (Heinr. Bulthaupt, Bremen) . . . 267 

Zu dem Aufsatz „Über die Bibliothek Johann 

Fischarts“. (A. Hauffen). 148 

Zu d. Aufsatz: „Lola Montez i. d. Karikatur“ (E. Fuchs) 196 
Zu dem Aufsatz über die Lola Montez-Karikaturen. 

(R. Ferber, Hamburg). 267 

Desgl. (v. P.). 267 

Zu W. Rowes Aufsatz „Zur litteratur über Friedrich 

Wilhelm IL“ (Ludw. Geiger). 48 


Seite 

48 

IOO 

267 


196 

268 


Mitteilungen. 


Absatz der Scheffelschen Werke. (Hugo Oswald) 194 
Ansstellung der Kgl. Universitäts-Bibliothek Würz¬ 
burg. (E. Freys) .. 265 

Bauernfamilie, Eine büchersammelnde. (Hans Müller- 

Brauel). 145 

Bnchformate nach ihrer historischen und ästhetischen 

Entwickelung (G. Milchsack). 45 

Dokument zur Geschichte der Buchdruckerkunst 

Jean Brito.100, 195 

Druckermarken aus Speier und Neustadt a. d. Hardt 

(F. W. E. Roth). 99 

* Einband, älterer türkischer. (Ed. Heyck) .... 264 

* Einbände, Neue. 45 


Ez-Libris, Ein gemaltes, Rudolfs von Franckenstein, 
Bischofs von Speyer 1552—1560. (Adolf 


Schmidt). 266 

Frau von Krfldener, Schriften von und über* (Heinr. 

Meisner) . 195 

Wer hat Luthers Thesen gedruckt? (—r.) .... 147 


'"Plakate der 1896er Ausstellung für Elektrotechnik 
und Kunstgewerbe in Stuttgart und für das 
Krefelder Kaiser Wilhelm-Museum, (bl—) . 263 

Schrift, Deutsche oder lateinische. Ein Brief von 


Karl Simrock. (Georg Bötticher). 193 

Die Welgelsche Miniatoren - Sammlung. (C. A. 

Grumpelt). 98 


Buchausstattung. 


Bredenbrücker, Richard Crispin: der Dorfbeglücker 

und Anderes. (—f.).. 197 

Dehmel, Richard: Erlösungen. (—bl—) . ... 198 

* Dichterbuch, Hannoversches. Ein Sammelbuch 
heimatlicher Dichtung. Hrsgeg. von Hans 

Müller-Brauel. (—z.).. . 268 

Gerlach, Hugo: Heirat auf Tausch. (—f.) .... 197 

Hegeier, Wilhelm: Sonnige Tage. (—f.) .... 198 


Larsen, Karl: Doktor Ix. (—bl—).. 198 

List, Guido: Der Unbesiegbare. (—r.). 268 

Roland, Emil: In blauer Feme. (—f.). 197 


von Scheffer, Thassilo: Seltene Stunden, (—bl—) 198 

Scheiter, J. G., & Giesecke: Probenheft (—K.) . 269 

„Die Schweiz.“ Illustrierte Halbmonatsschrift (—z.) 198 
Viebig, Clara: Vor Tau und Tag. (—f.) .... 198 

von Zobeltitz, Fedor: Der gemordete Wald . . . 198 


Antiquariatsmarkt 


E. Halle: 1700 Porträts. (D. V.). 51 

S. Kende: Briefwechsel zwischen Joh. Peter Ecker¬ 
mann und Auguste Kladzig. (—bl—) . . . 270 


♦Jacques Rosenthal: Alte Handschriften, Pergament¬ 
drucke etc. (—bl—).101, 148 

Nathan Rosenthal: 16 Seltenheitskataloge. (—m.) 269 


Von den Auktionen. 


Amsler & Ruthardt: Bibliothek v. Sallet (—f.) 101 

Bums’ „Poems“ (Kilmamock-Ausgabe). (—ho.) . 5° 

Des Marquis de Chennevifcres Sammlung von 

200 Zeichnungen französischer Künstler . . 197 

Gilhofer & Ranschburg: Autographen. 49 

Hötel Drouot: zweiter Teil der Bibliothek Alfred 

Blgis. 50 

— Wasserbilder und Zeichnungen von F^licien 

Rops. 50 


J. M. Heberle: Pergamenthandschriften aus der 

Kunstsammlung des Konsul Becker. (—bl—) 196 

Georg Hirth-Kollektion in München. 197 

Leo Liepmannssohn: Autographen. 49 

Die zweite Hälfte der Auktion Piat in Paris. (—m.) 196 
Sammlung seltener Bücher des Grafen du Piv. (—s.) 102 
Salvaing de Boissieus Bibliothek in Grenoble. (—m.) 50 
Sotheby: Bibliothek von George Skene; Autographen 

und histor. Dokumente. (—s.). 50 


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vm 


Inhaltsverzeichnis. 


Kleine Notizen. 


Seite 

Amerika.152, 200, 272 

Belgien.54, 200 

Deutschland.52, 102, 149, 198, 269 

England.55, 104, 151, 200, 271 

Frankreich.56, 104, 152, 199, 272 


Seite 

Holland. 200 

Italien.56, 152 

Österreich-Ungarn.53, 103, 269 

Spanien. 152 


Beiblatt 

Zn Heft 1—6: Kataloge — Aus der Antiquariatswelt — Bibliographie — Von den Auktionen — Rundschau der 
Presse — Aus den Vereinen — Sprechecke — Briefkasten — Anzeigen. 

t 

Kunstbeilagen. 

Einhand zn Söder man ns „Johannes.“ Entworfen und gezeichnet von Otto Eckmann (J. G. Cottasche Buchhandlung) 
(zw. S. 44 / 45 )- 

Ex-Librls der alten Lfinehnrger Ratsbibliothek (zw. S. 208/209). 



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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte fiir Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

2. Jahrgang 1898/99. - Heft 1: April 1898. 


Moderne deutsche Notentitel. 


Von 

Walter von Zur Westen in Berlin. 




früher in Deutschland seltene künst¬ 
lerische Ausschmückung der Buch- 
umschläge hat seit kurzem einen 
Umfang 
angenommen. Aufeini- 
ge bezeichnende Bei¬ 
spiele hat der Heraus¬ 
geber in Heft I vorigen 
Jahres der „Zeitschrift 
für Bücherfreunde“ hin¬ 
gewiesen. Die nach¬ 
folgenden Zeilen sollen 
die auf dieselben Ur¬ 
sachen zurückzuführen¬ 
de Parallelbewegung 
auf dem Gebiete des 
Musikalienhandels schil- 
dern, deren Anfänge 
ebenfalls in der jüng¬ 
sten Zeit liegen. Ein¬ 
leitend will ich einige 
von Künstlerhand ge¬ 
fertigte Notentitel aus 
früheren Jahren erwäh¬ 
nen, die mir gelegent¬ 
lich bekannt geworden 
sind, und zugleich ver¬ 
suchen, die Entwicke¬ 
lung der äusseren Aus¬ 
stattung der Musikalien 
Z. f. £. 98/99. 


in unserm Jahrhundert kurz zu skizzieren. In 
den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts 
präsentierten sich die Notenhefte fast durchweg 

in schlichtem Gewände. 
Der einfache Schrift¬ 
titel bildete die Regel. 
Nur in Ausnahmefällen 
wurden die Deckel mit 
einem zeichnerischen 
Schmuck versehen, der 
dann entweder in einer 
ornamentalen Rand¬ 
leiste oder einer mässig 
grossen, die Mitte des 
Blattes einnehmenden 
Vignette bestand. Den 
beliebtesten Gegen¬ 
stand der letzteren bil¬ 
dete begreiflicherweise 
eine verzierte Lyra, oft 
zusammen mit andern 
Instrumenten. Dane¬ 
ben kommen auch alle¬ 
gorische Gestalten, Mu 
sen,Genien etc. häufiger 
vor. Illustrationen zu 
der die Grundlage der 
Komposition bildenden 
Dichtung habe ich aber 
seltener gefunden. 

1 


Notentitel von Hans Unger. 
(A. W. Rosts Verlag in Dresden.) 


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2 


von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


SolcheVignetten 
hat Moritz von 
Schwind als junger 
Künstler um die 
Mitte der zwanziger 
Jahre zu einer Reihe 
von Klavierstücken 
aus dem Barbier von 
Sevüla, Edoardo e 
Cristina, zu Tancred 
und HTurco in Italia, 
zurDiebischenElster 
und vielen andern 
Tonwerken entwor¬ 
fen („Moritz von 
Schwind, sein Leben 
und seine Werke“ 
von Dr. H. Holland, 

Stuttgart 1873. S. 

19). Diese Noten¬ 
hefte habe ich leider 
in Berlin nicht auf¬ 
treiben können. — 

Von Schwinds Hand 
rührtaucheine durch 
den Holzschnitt re¬ 
produzierte Titel¬ 
zeichnung zu Karl 
Perfalls „Reigen des Rattenfängers“, Erinnerung 
an das Künstlermaskenfest 1853, her (Joseph 
Aibl, München). Ein Exemplar des Blattes be¬ 
findet sich im hiesigen Kgl. Kupferstichkabinett. 
Es stellt mehrere Damen dar, die im Gespräch 
beieinander stehen, und ist eine künstlerisch 
ziemlich belanglose Gelegenheitsarbeit. 

Unter den ornamentalen Randleisten der 
ersten Jahrzehnte finden sich eine Anzahl treff¬ 
licher Arbeiten. Als beliebig herausgegriffenes 
Beispiel erwähne ich den Titel von Nicolos „Ro- 
mances“, herausgegeben von Jäger. Allmählich 
nahmen die Umrahmungen einen grösseren 
Umfang ein. Man gestaltete sie zum Beispiel 
als reich dekorierte gotische Portale oder man 
verschmolz sie mit figürlichen Kompositionen. 
Ein vorzügliches Blatt der letzteren Art ist der 
Deckel der „Sonntagsmusik“ gewählt und be¬ 
arbeitet von E. Pauer (Breitkopf & Härtel, 
Leipzig), den Alexander Strähuber , ein Schüler 
Schnorrs, 1840 entworfen hat Den oberen und 
unteren Rand nehmen Gruppen musizierender 
und Wein lesender Engel ein. Die beiden Lang¬ 


seiten sind mit Guir- 
landen geschmückt, 
die durch verschlun¬ 
gene Weinreben und 
Rosenzweige gebil¬ 
det werden. 

Auch Ludwig 
Richters Titelzeich¬ 
nungen tragen, so¬ 
weit sie mir bekannt 
sind, den Charakter 
von Umrahmungen, 
wenn sie auch den 
grössten Teil der 
Seite bedecken. Der 
Deckel von „43 Kla¬ 
vierstücken für die 
Jugend“ von Robert 
Schumann, op. 68, 
herausgegeben von 
Clara Schumann 
(Breitkopf & Härtel) 
zeichnet sich durch 
eine Fülle lieblicher 
Scenen aus dem 
Kinderleben aus, die 
so fein und treu be¬ 
obachtet und mit so 
schlichter Poesie zur Darstellung gebracht sind, 
wie eben nur Ludwig Richter es vermochte. 
Als dekoratives Blatt steht aber der Titel 
von „Jungbrunnen, die schönsten Kinderlieder, 
herausgegeben von C. Reinecke“ (Breitkopf & 
Härtel) höher. Mehrere Kinder belustigen sich 
an einer Quelle unter dem Schutze eines harfe¬ 
spielenden Engels. Eine alte Frau steht abseits 
und sieht mit freundlichem Lächeln zu. Zu 
beiden Seiten ragen schlanke Bäume empor, 
deren Kronen sich vereinigen und das Blatt 
nach oben hin abschliessen. Nicht ganz so 
gelungen wie diese Arbeit scheint mir der Titel 
von Karl Reineckes „Bornesange“ (Breitkopf & 
Härtel). Bei Hoff („Ludwig Richter“, Dresden 
1877) finde ich noch den Titel zu „Hausmusik“ 
von W. Riehl (Cotta, Stuttgart 1855) erwähnt, 
ferner den 1849 entworfenen zu Volkmar 
Schurigs „Lieder, Perlen deutscher Tonkunst“ 
(C. C. Meinhold Söhne, Dresden), der besonders 
deshalb bemerkenswert erscheint, weil er — für 
die damalige Zeit ein Ausnahmefall — in mehreren 
Farben, und zwar sehr hübsch, ausgeführt ist. 



P/vlStoevingI 

Kompositionen 

Pv'* 

«v// ‘Violine 

’i «hü r / vn o 

, PiANOFORTE 

OP 1 ZwE! LyRISOlC ST\€KE- M ts: 

•VI’WEHMVT» - TROST 

OP 3 -Zwd SoM»MeR-loyu.EN . »w- 
"*1 Zv-Z weien- 
Ntl MlTTAÖS{** rv*VWA) 

CMh AM Spki NOQVELL- 

Charakterstvdi e_- . *50 

op -6 Zwej-Stvcckp.* 

nr»t LtCBÜUED-ALÖvnSUATT • 150 

n*i- Konzert-etzde . tSc 

op- 8 ’Der wisch-Tanz • 2x1 > 


-LEIPZIG- 

jgccs-Mvs ikai_*rn 

tR L 


Notentitel von Curt Stoeving. 

(Mit Genehmigung von C. F. W. Siegelt Musikalienhandlung [R. Linnemann] 
in Leipzig.) 


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von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


3 


Allmählich wurde die Sitte, die Deckel von 
Tonwerken mit zeichnerischem Beiwerk zu ver¬ 
sehen, allgemeiner und erlangte auf dem Ge¬ 
biete der Lieder und Tänze eine grosse Ver¬ 
breitung. Auch an Umfang nahm der zeich¬ 
nerische Schmuck zu. Nach und nach wurden 
die in mässiger Grösse gehaltenen Vignetten 
durch Bilder verdrängt, die einen beträchtlichen 
Teil der Seite einnahmen. Da aber das zeich¬ 
nerische Beiwerk regelmässig künstlerisch wert¬ 
los war, so hat seine Zunahme die äussere 
Erscheinung der Musikalien eher verschlechtert 
als verbessert. 

Eine glänzende Ausnahme bildet das Titel¬ 
blatt zu Hermann Krigars „Spanische Lieder“, 
op. 26 (G. Heinze, Dresden), das Adolf Menzel 
1866 entworfen hat. Durch ein hohes Portal, 
dessen Bogen den Titel desWerkes, dieWidmung 
„Frau Viardot-Garcia“ und das Bild der Ge¬ 
feierten trägt, blickt man in einen mit dichtem 
Gesträuch bewachsenen Garten. Ein genial 
entworfenes Rokokogitter, dessen Spitzen sich 
zu dem Namen des Komponisten verschlingen 
und dessen graziöse Formen einen reizvollen 
Gegensatz zu der massiven Wucht des Portals 
bilden, schliesst ihn zwar von der Aussenwelt 
ab, aber die weiten Öffnungen zwischen den 
Stäben des Gitters gewähren einem jungen 
Spanier die Möglichkeit, ein zärtliches Ge¬ 
spräch mit seiner im Garten stehenden An¬ 
gebeteten zu fuhren. Ein drolliger Amor 
schleicht, im Begriff seinen Bogen auf das 
Mädchen anzulegen, durch das Gebüsch heran. 
Auf der linken Seite des Bildes klagt das 
Mädchen der Mutter seinen Liebeskummer: ** 
Bitt’ ihn, o Mutter, 

Bitte den Knaben 
Nicht mehr zu zielen, 

Weil er mich tötet! 

Mutter, o Mutter, 

Die launische Liebe 
Höhnt und versöhnt mich 
Flieht mich und zieht mich! 

Der gewaltige Atlas, der das Portal trägt, blickt 
mit ironischem Schmunzeln auf die Gruppe 
herab und scheint mit seiner steinernen Hand 
den Kopf der Kleinen streicheln zu wollen. 
Wie fast alle dekorativen Arbeiten Menzels 
fesselt das Blatt weniger durch monumentale 
Grösse, als durch die Behandlung des Details 
und die Fülle geistvoller Einfalle. 

Ausser dieser Arbeit existiert übrigens noch 


ein Notentitel, den Menzel nicht nur entworfen, 
sondern auch selbst lithographiert hat. Den 
Deckel, der mir in der Kgl. Bibliothek gezeigt 
wurde, schmückt eine Komposition des Weber- 
schen Gedichtes „Das arme Kind“ von Hie¬ 
ronymus Thrun. Ein junger Mann, dessen vor¬ 
nehm geschnittenes Gesicht einen schmerzlichen 
Ausdruck zeigt, liegt auf dem Totenbett Er 
trägt Uniform, die Arme sind über der mit 
Orden geschmückten Brust gekreuzt. Es ist 
der junge Herzog von Reichstadt, Napoleons I. 
Sohn, der „schon in silberner Wiege die 
Königskrone von Rom getragen“ hatte und zum 
mächtigsten Herrscher der Erde bestimmt zu sein 
schien, der dann aber nach dem Sturze seines 
Vaters als „Gefangener Europas“ in Österreich 
leben musste, bis er 1832 im Alter von 21 Jahren 
aus einem Leben abberufen wurde, das ihm 
nur Enttäuschungen gebracht hatte. Das 
interessante Blatt stammt jedenfalls aus der 
ersten Hälfte der dreissiger Jahre, als der junge 
Künstler sich durch Anfertigung von Stein¬ 
zeichnungen zu den verschiedensten Gelegen¬ 
heiten seinen Unterhalt verdienen musste, gehört 
also zu den Inkunabeln Menzelscher Kunst. 

1886, 20 Jahre nach dem Erscheinen der 
Spanischen Lieder, entstanden die 5 Deckel¬ 
zeichnungen, die Max Klinger für Kompo¬ 
sitionen seines Freundes Brahms entworfen hat 
(N. Simrock, Berlin). Die Vorzüge der Werke 
Klingers, ihr vornehmer, alle lauten Effekte ver¬ 
schmähender Charakter, die Gedankentiefe, die 
reiche, eigenartige und erhabene Phantasie, die 
in ihnen zu Tage tritt, rühmt man auch Brahms 
Schöpfungen nach, und diese Gleichheit ihres 
künstlerischen Naturells machte Klinger zum 
berufenen malerischen Interpreten des grossen 
Komponisten. Eine besonders glückliche Lei¬ 
stung ist der Titel zu „Vier Lieder“, op. 96 
(Abbildung Seite 11). In einem südlichen Meere, 
über dem sich ein mit leichten, weissen Wolken 
bedeckter Himmel wölbt, tummeln sich Delphine, 
Tritone und seltsame Meerungetüme; rechts 
schliesst ein kahler Höhenzug, auf dem einige 
Cypressen emporragen, den Horizont ab. Die 
Mitte des Blattes nimmt eine Votivtafel ein, die 
die Schrift trägt, und von deren reichverzierter 
Bekrönung ein gewaltiger Adler in die Ferne 
späht. 

Während aus dieser Titelzeichnung ein Ton 
jauchzender Lebensfreude herausklingt, trägt 


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4 


von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


der äussere Umschlag desselben Heftes einen 
ruhigen, idyllischen Charakter. Im Schatten 
eines Baumes am Ufer eines stillen Gewässers 
schläft ein Jüngling und träumt von der fernen 
oder verstorbenen Geliebten, deren schatten¬ 
haftes Bild in den Zweigen des Baumes er¬ 
scheint Die Anregung zu dieser Arbeit mögen 
dem Künstler die Heineschen Verse: 

Über mein Bett erhebt sich ein Baum, 

Drin singt die junge Nachtigall, 

Sie singt von lauter Liebe, 

Ich hör* es sogar im Traum. 

aus dem Gedicht: „Der Tod, der ist die kühle 
Nacht“ gegeben haben, dessen Komposition 
das Heft eröffnet. Auffallend ist auf diesem 
Umschlag, ebenso wie auf dem Titel von op. 97: 
„6 Lieder“, die seltsame verschnörkelte Form 


der Buchstaben, die fast ausschliesslich als 
Ornament wirken und ihren Schriftcharakter 
fast ganz verloren haben, so dass sie nur schwer 
lesbar sind. Sie lassen den Meister der Schrift 
noch nicht ahnen, als der sich Klinger nach¬ 
mals in dem Titel zur Brahmsphantasie be¬ 
währte. — 

Aus der Zeit vor der modernen Bewegung 
stammt auch Emil D'öpler des Jüngeren ge¬ 
schmackvoller und dem Charakter der Dichtung 
trefflich angepasster Umschlag zum „Sang an 
Ägir“ (Bote & Bock, Berlin, 1894). Paul Heys 
Titel zu Julius Heys „Neue Kinderlieder“ (Breit¬ 
kopf & Härtel) sei hier ebenfalls erwähnt. — 
Auch gegenwärtig sind es hauptsächlich 
Lieder und Tänze, deren Deckel zeichnerischen 
Schmuck erhalten — ja, man kann wohl sagen, 

dass der grössere Teil 
der Neuerscheinun¬ 
gen auf diesem Gebiet 
mit irgend welchem 
bildlichen Beiwerk 
versehen wird, oft 
freilich nur mit einer 
bescheidenen Rand¬ 
verzierung oder mit 
einem Bilde des Kom¬ 
ponisten oder des¬ 
jenigen, dem das Heft 
gewidmet ist. Bei 
Couplets treten an 
deren Steile der Sän- 
gerbezw.dieSängerin, 
deren Vortrag das 
Lied zuerst populär 
gemacht hat. So 
prangen die Bilder 
der Barrisons, Cäcilie 
Carolas, Flora Fleu- 
rettes, Paula Menottis, 
kurz aller berühmten 
Chansonnette - Divas 
der letzten Jahre auf 
den Deckeln ihrer 
Repertoirestücke. 

Übrigens hat sich 
das Aussehen des bild¬ 
lichen Beiwerks in 
den letzten 10 bis 15 
Jahren gänzlich ver¬ 
ändert. Die früher 


HISTOIRE DROLE 

(Curiose Geschichte) 


MORCEAU DE GENRE 
POUR PIANO Ä 4- MAINS 



PAR ED. POLDINI. 


Notentitel von Bruno Wenn erb erg. 
(Verlag von Julius Hainau er in Breslau.) 






von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


5 



Notentitel von Hermann Hirzel. 

(Mit Genehmigung der Firma Heinrichshofens Verlag in Magdeburg.) 


üblichen schlichten Schwarz -Weiss¬ 
bilder sind durch buntfarbige Dar¬ 
stellungen verdrängt worden, die nicht 
nur schmücken, sondern zugleich auf¬ 
fallen sollen. Dieser letztere Zweck 
steht bei Couplets und andern Musik¬ 
stücken niederen Genres sogar in erster 
Linie. Da man auch jetzt künstlerische 
Kräfte nur in Ausnahmefällen zum 
Entwurf der Titelzeichnungen heran¬ 
zog, so musste diese Neuerung zu einer 
weiteren Verschlechterung des Aus¬ 
sehens der Notenhefte und schliesslich 
zu dem unerfreulichen Gesamtbilde 
führen, das die äussere Ausstattung 
der Tonwerke bis vor kurzem aus¬ 
schliesslich bot und noch jetzt bedauer¬ 
licher Weise grösstenteils bietet. 

Den ersten Schritt zu einer 
Besserung dieses Zustandes hat die 
Lithographische Anstalt von Röder in 
Leipzig gethan, indem sie eine Anzahl 
künstlerischer Kräfte für das Ent¬ 
werfen von Notentiteln gewann. Der 
Hauptplatz unter ihnen gebührt Bruno 
Wennerberg , einem jungen Künstler 
schwedischer Abkunft, der gegenwärtig in 
Leipzig lebt. Er ist kein origineller Geist, aber 
ein äusserst vielseitiges Talent; er besitzt eine 
erstaunliche Fülle glücklicher Einfälle und be¬ 
wegt sich in gleich geschickter Weise auf den 
verschiedenartigsten Stoffgebieten. Seit 1895 
hat er sicher weit über 100 Notentitel ge¬ 
schaffen, und diese erstaunliche Produktivität 
erklärt zur Genüge, dass unter seinen Leistungen 
sich viele geringwertige, manche ganz verfehlte 
befinden. Indes würde man dem Künstler 
überhaupt Unrecht thun, wollte man an seine 
Arbeiten einen absoluten Mafsstab anlegen. 
Vielmehr muss man bei ihrer Beurteilung 
berücksichtigen, dass er an die Wünsche der 
Verleger gebunden ist, die sich ihrerseits mög¬ 
lichst an den Geschmack ihres Publikums anzu¬ 
lehnen suchen und künstlerischen Neuerungen 
meist ablehnend gegenüberstehen. Um das 
Verdienst Wennerbergs richtig zu würdigen, 
durchblättere man die Couplets von Paul Lincke, 
Aletter, Simon u. s. w., von denen einige mit 
Titelzeichnungen von seiner Hand geschmückt 
sind. Durch den stofflichen Inhalt unterscheiden 
sich seine Arbeiten nicht von den übrigen. Sie 


stellen etwa eine Chansonnette oder Tänzerin 
in ihrem Auftreten dar, oder geben eine Scene 
aus einem Balllokal oder aus der Operette, der 
das Couplet entnommen ist. Um so deutlicher 
tritt aber der grosse Unterschied zwischen den 
flott gezeichneten, graziösen und koloristisch 
geschmackvollen Schöpfungen Wennerbergs und 
den übrigen unkünstlerischen, oft geradezu rohen 
Blätternhervor. AlsbesondersgelungeneCouplet- 
titel Wennerbergs nenne ich die zu Aletters 
„Klex - Marie“ und „Negerpolka“ (E. Aletter, 
Nauheim), zu Paul Linckes „Verführungswalzet 
und „O ihr Männer“ (Köhler, Gera), und zu R. 
Fischers „Mademoiselle Franziska“ (Wemthal, 
Magdeburg). 

In den früheren Arbeiten Wennerbergs zu 
Musikstücken anderer Art tritt bisweilen eine 
Neigung zur Süsslichkeit störend hervor, so in 
der Darstellung des im Garten lustwandelnden 
Liebespaares im Kostüm der Biedermeierzeit 
auf dem Deckel von E. Laurys: „Im wunder¬ 
schönen Monat Mai“ (Raabe & Plothow, Berlin). 
In ihrer Art prächtige Arbeiten voll feinen 
Humors und liebenswürdiger Grazie sind da¬ 
gegen die Bilder des Kinderballes auf Fr. Behrs 


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6 


von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


„Ffite des enfants“ (Hug, Basel, 1896) und des 
Mittagsessens im Königsschloss auf Adelheid 
Wettes: „Froschkönig“ (Heinrichshofen, Magde¬ 
burg), dessen Handlung der Künstler in die 
Rokokozeit verlegt hat. Betrachtet man aber 
die bisher besprochenen Titel Wennerbergs in 
ihrer Eigenschaft als dekorative Blätter, so 
lassen sie Manches zu wünschen übrig. Der 
Grund' liegt einmal darin, dass sie in der heute 
in unsem sogenannten Prachtwerken herrschen¬ 
den Illustrationsmanier ausgefiihrt sind. Be¬ 
sonders stark scheint mir der Einfluss der von 
Thumann illustrierten Klassikerausgaben hervor¬ 
zutreten. Eine eigentliche dekorative Wirkung 
geht den Blättern daher naturgemäss ab. 

An demselben Mangel leiden übrigens auch 
die überaus zarten' und geschmackvollen Bilder, 
mit denen Frau Simrock -Michael eine bedeu¬ 
tende Anzahl von Kompositionen Godards (Un 
songe), Bohms und anderer geschmückt hat 
(N. Simrock, Berlin). 

Hierzu kommt das höchst unerfreuliche und 
unkünstlerische Aussehen der nicht von Wenner- 
berg herrührenden Schrift, die sowohl Formen¬ 
schönheit wie Ausdrucksfähigkeit meist ver¬ 
missen lässt. Zudem sind auf ein und derselben 
Titelseite Buchstaben der verschiedenartigsten 
Formen, Farben und Grössen zur Anwendung 
gebracht, d. h. in den verschiedensten Lagen 
über das Blatt verstreut. Von einer einheit¬ 
lichen Wirkung des Titels durch Verschmelzung 
von Bild und Schrift zu einem harmonischen 
Ganzen oder durch Ausfüllung des durch das 
Bild freigelassenen Raumes durch Buchstaben, 
deren Formen dem Charakter des ersteren an¬ 
gepasst sind, kann daher nicht die Rede sein. 
Selbst die zarten Kompositionen Wennerbergs 
auf den Deckeln von O. Köhlers „Vision“, 
°p. 157 (Stern, Berlin), und Ludwig Schyttes 
„Dryaden“, op. 84* (Hainauer, Breslau), bei 
denen infolge ihres linearen Charakters ein 
harmonischer Zusammenklang von Bild und 
Schrift unschwer zu erreichen gewesen wäre, 
werden durch die unangemessene Form der 
Typen um ihre beste Wirkung gebracht. Die 
Darstellung auf dem letztgenannten Titel sah 
ich übrigens kürzlich als Gemälde auf der 
Leipziger Ausstellung, natürlich um ein Viel¬ 
faches vergrössert Ob der Künstler sich auch 
sonst noch auf dem Gebiete der hohen Kunst 
bethätigt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. 


In seinen neuesten Arbeiten ist Wennerberg 
ein ganz anderer geworden. Er strebt jetzt mit 
Erfolg dekorative Wirkungen an und hat bereits 
eine Reihe von Deckelzeichnungen geliefert, 
die Grösse der Anschauung und ein bedeutendes 
Talent für geschmackvolle und ungezwungene 
Stilisierung bekunden. Mit diesen Vorzügen 
verbindet sich auf den Titeln von Ludwig 
Schyttes „Elegie“, op. 84® (Hainauer), und L. 
Campbell-Tiptons „Lowes Wehrefore“ (F. Schu- 
berth jr., Leipzig) ein tiefer Empfindungsgehalt, 
während in der flotten Ballscene auf Louis 
Gannes: „Mazurka d’amour“ (C. Gehrmann, 
Stockholm) ein feiner Humor herrscht, der in 
den eigenartigen Deckeln zu Poldinis „Histoire 
dröle“ (Abbildung Seite 4) und „Valse des 
poup^es“ (Hainauer) einen Stich ins Bizarre 
bekommt. Auch die Titel zu „Mandolinata“ 
von Martin Roeder (Fr. Schuberth) und „Dream 
of beauty“ von T. H. Slater (London, Reeves) 
gehören der stilisierenden Periode Wennerbergs 
an. Die Anregung zu diesen Arbeiten verdankt 
der Künstler wohl in erster Linie englischen 
Vorbildern, daneben ist aber auch der Einfluss 
des Plakatstils unverkennbar. 

Die moderne Plakatbewegung hat in dop¬ 
pelter Weise anregend gewirkt. Einmal haben 
die von einigen Museen veranstalteten Aus¬ 
stellungen ausländischer Affichen wenigstens 
einem Teil unserer industriellen und kommer¬ 
ziellen Kreise zum Bewusstsein gebracht, dass 
eine künstlerische Ausgestaltung ihres Reklame¬ 
wesens nicht notwendig nur ein kostspieliger 
Luxus zu sein brauche, sondern, richtig aus¬ 
gefiihrt, auch geschäftliche Vorteile bringen 
könne. Sodann hat die Veranstaltung der mit 
hohen Preisen ausgestatteten Konkurrenzen 
zum ersten Male zahlreiche künstlerische Kräfte 
zur Beschäftigung mit derartigen rein dekora¬ 
tiven Aufgaben veranlasst, von denen sie sich 
bis dahin stolz femgehalten hatten. 

Die wichtigste Lehre, die man den Meister¬ 
werken der französischen Plakatkunst entnehmen 
konnte, war die, dass man durch Beobachtung 
gewisser Stilgesetze, insbesondere durch ge¬ 
schickte Vereinfachung und durch Neben¬ 
einanderstellung weniger kräftiger und in 
grösseren Massen zusammengehaltener Töne 
die stärksten Wirkungen erzielen könnte. Es 
war klar, dass man durch analoge Anwendung 
dieser Prinzipien den Buch- bezw. Notendeckel 


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von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


7 


zu einer „Affiche intime“ machen, ihn befähigen 
konnte, im Schaufenster und auf dem Aus¬ 
lagetisch der Buchhandlungen sich aus der 
Masse der übrigen Werke herauszuheben und 
die Augen des Publikums auf sich zu ziehen. 
Andererseits durfte aber nicht übersehen werden, 
dass heute der feste Einband nicht mehr so 
allgemein ist wie früher, und dass bei belletri¬ 
stischen Werken und besonders bei Notenheften 
die Brochure nicht ein nur provisorisches, 
sondern häufig bereits das endgiltige Gewand 
des Druckwerkes bildet. Daher musste der 
Künstler in erster Linie bestrebt sein, den 
Umschlag in einer Weise zu dekorieren, die 
ihn zu einem würdigen Schmuck des Werkes 
machte. Naturgemäss musste hinter dieser 
dauernden Bestimmung seine vorübergehende, 
als Plakat im Kleinen zu dienen, zurücktreten. 
Durch weise Beschränkung, durch Vermeidung 
aller lauten Effekte und starken Wirkungen ist 
es aber den Meistern der französischen Plakat¬ 
kunst, Ch^ret, Steinlen, Grasset, M£tivet und 
anderen vielfach gelungen, in ihren Deckel¬ 
zeichnungen beide Zwecke zu vereinen. 

Unter den deutschen Künstlern, welche die 
Dekoration von Notendeckeln in diesem Sinne 
unternommen haben, gebührt W. Voigt , dessen 
Umschlag zu Fr. Schaffners „Ballade“ (A. 
Schmid, München) eine ganz hervorragende 
künstlerische Leistung ist, der erste Platz (Ab¬ 
bildung Seite 8). Das lebhaft bewegte Titelblatt 
von K. Bauer zu Thudichums: „Gebt Raum“ 
(ebenda) ist gleichfalls eine glückliche Lösung 
der Aufgabe. Auch Paul Kämmerers Titel zu 
Alexander von Fielitz „Narrenliedem“ (Breit¬ 
kopf & Härtel) sei lobend erwähnt, wenn er 
auch in der Gesamtwirkung etwas unruhig ist. 
Weniger gelungen erscheinen mir die Deckel¬ 
zeichnungen auf Schiedermeyers Liedern und 
auf Wilhelm Maukes: „4 Gesänge“ (beide bei 
A. Schmid), von denen die letztere von Caspari 
herrührt —* 

F. Stucks Titel zu W. Maukes „Meister¬ 
lieder“, op. 23 (Schuster & Loeffler, Berlin) ist 
weniger wegen der bildlichen Darstellung — 
Kornähren auf blauem Grunde — als wegen der 
monumentalen Behandlung der meisterhaft in 
den Raum komponierten Schrift bemerkenswert. 
— Eine ältere Arbeit Stucks ist die humorvolle, 
aber künstlerisch nicht sehr bedeutende Deckel¬ 
zeichnung zu O. Stiegers „Immergrünmarsch“ 


(A. Schmid). Von dem Don Juan-Deckel des 
Künstlers wird weiter unten die Rede sein. 

Von Karl Klinisch, dem bekannten Schöpfer 
des Schultheissplakats, rührt der Titel von 
Konrad Ansorges: „Valse impromptu“ (Chal- 
lier, Berlin) her. Er zeigt in einem Medaillon 
die Halbfigur eines hageren Mannes in antiker 
Gewandung, dessen Gesicht einen finstern und 
grausamen Ausdruck trägt Man würde ihn 
für einen römischen Cäsaren halten, wenn nicht 
ein paar riesige Fledermausflügel an seinen 
Schultern ihn als ein teuflisches Wesen charak¬ 
terisierten. Das Blatt leidet unter dem oben 
berührten Fehler, mehr Plakat als Titel zu sein. 
Noch weiter geht in dieser Beziehung Reznicek 
in seinem Umschlag zu H. E. Oberstötters 
Walzer „Am Isarsstrand“ (A. Seiling, München), 
auf dem er eine Gesellschaftsscene in seiner 
bekannten flotten und mondainen Manier mit 
stark satirischem Anflug zur Darstellung bringt. 
Durch Anwendung mehrerer lebhafter Farben¬ 
töne, unter denen violett und kanariengelb vor¬ 
herrschen, hat er einen ausserordentlichen 
Effekt erzielt. Auch Hans Ungers Deckel zu 
Emst Rosts Polka: „Mephistopheles“ (Abbildung 
Seite 1) ist von diesem Fehler nicht freizu¬ 
sprechen. Er trägt das Bild des Titelhelden, 
dessen Gesicht zu cynischem Grinsen verzerrt 
ist und dessen rotes Gewand sich leuchtend 
von dem schwarzen Grunde abhebt. Im übrigen 
ist das Blatt aber ebenso wie der Titel zu E. 
Rosts Marsch: „Lagloire“ (beidebei A.W. Rost, 
Dresden) eine hervorragende Leistung (Abbil¬ 
dung Seite 9), die ein glänzendes Zeugnis für 
das grosse Können des jungen Künstlers ab- 
giebt, in dessen Werken sich in seltener Weise 
seelische Belebung und starker Empfindungs¬ 
gehalt mit dekorativer Wirkung vereinigen. 
Bewunderungswürdig ist auch, wie vollständig 
in dem Titel zu „Mephistopheles“ die originelle 
Schrift mit dem Bilde zu einer dekorativen 
Einheit verschmolzen ist. 

Der grösste Teil der soeben aufgeführten 
Tonwerke weist in seiner Ausstattung neben 
dem künstlerischen zugleich einen kunstgewerb¬ 
lichen Fortschritt auf. Bisher war der Noten¬ 
titel regelmässig ein integrierender Bestandteil 
des Notenheftes gewesen; er bildete dessen 
erste Seite, war aus demselben Papier gefertigt 
und häufig auf der Rückseite mit Noten be¬ 
druckt. Um ihn nunmehr zu befähigen, einen 


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Notentitel von W. Voigt. 

(Verlag von Alfred Schmid Nachf., Unico Hensel, in München.) 


wirklichen Schutz des Tonwerkes zu bilden, löste andern Druckwerk, ausser dem künstlerisch aus- 
man ihn jetzt aus der Verbindung mit dem gestatteten Umschlag noch einen besonderen 
Notenheft, stellte ihn aus festerem Papier oder Schrifttitel gaben. Durch eine derartige würdige 
Pappe her und behandelte ihn als Mappe, in Ausstattung zeichnen sich unter den neuesten 
die das Heft gelegt wurde — kurz, man ver- Erscheinungen besonders die erwähnten Rost¬ 
wandelte den Titel in einen Umschlag, zu dessen sehen Kompositionen aus, bei denen offenbar 
Herstellung man häufig, um seine selbständige auch die Schrifttitel von Unger entworfen sind. 
Existenz zu betonen, buntfarbiges Papier resp. Übrigens war bereits 1894 der „Sang an Ägir“ 
Pappe verwandte. Einige Verleger gingen noch in solch vornehmem Gewände erschienen, hatte 
weiter, indem sie dem Notenheft, wie jedem aber damals wenig Nachfolge gefunden. 


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von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


9 


Zu den bisher besprochenen Blättern, die 
sich mehr oder weniger stark an den Plakatstil 
anlehnen, stehen die Arbeiten Strathmanns, 
Lechters und Hirzeis dadurch in einem gewissen 
Gegensatz, dass ihre Wirkung lediglich in ihrer 
eigenartigen Stilisierung und ihrem persönlichen 
Charakter beruht. Auch stofflich unterscheiden 
sie sich von den meisten übrigen dadurch, dass 
sie nicht zugleich illustrativ, sondern rein de¬ 
korativ sind. Sie sind von dem Inhalte des 
Musikstückes, das sie schmücken, ganz unab¬ 
hängig und lehnen sich weder an seinen 
Titel, noch an den Text des komponierten 
Liedes an. 

Von Karl Stralhmann rührt der Umschlag 
zu Pöbings: „Vor der Schlacht“ (A. Schmid) 
her. Wie allen derartigen Arbeiten des Künst¬ 
lers fehlt auch der Dekoration dieses Blattes 
das organisch-konstruktive Element. Es ist ge- 
wissermassen eine ornamentale Phantasie von 
hoher Originalität und fremdartiger Schönheit 
Das Blatt, das in stumpfem Grün und Rot mit 
mässiger Anwendung von Gold gehalten ist, be¬ 
weist den vornehmen künstlerischen Geschmack 
seines Schöpfers. — 

Wie Stralhmann , so 
hat auchMelchiorLeckter 
bisher nur einen Noten¬ 
titel geschaffen, der 
Kompositionen Richard 
Winzers (G. Plothow, 

Berlin) schmückt. Er ist 
im Stilcharakter der Go¬ 
tik gehalten, mit deren 
mystischer übersinn - 
licherEmpfindungsweise 
das künstlerische Na¬ 
turell Lechters so starke 
Berührungspunkte hat, 
dass er in ihrer Formen¬ 
welt bekanntlich den 
passendsten Ausdruck 
für die Verkörperung 
seiner Ideen gefunden 
hat Das Blatt zeigt eine 
fürstliche Frauengestalt, 
deren Haupt ein Heili¬ 
genschein umgiebt, und 
die mit verzücktem Aus¬ 
druck ihre Krone mit 
hocherhobenen Händen 

Z. f. B. 98/99. 


emporhält, als wollte sie sie dem Himmel als 
Weihgeschenk darbringen. Obwohl Lechter 
hier auf sein eigentlichstes Element, die Farbe, 
verzichten musste, ist die Arbeit doch von 
ausserordentlich ergreifender Wirkung. .Die 
starken Konturen der Zeichnung erinnern an 
die Bleifassungen der Glasfenster, in deren Her¬ 
stellung Lechters Hauptstärke liegt. 

In noch höherem Mafse als Lechter gehört 
der bekannte Berliner Landschaftsradierer Her¬ 
mann Hirzel zu den Hoffnungen des deutschen 
Kunstgewerbes, weil er, im Gegensatz zu der 
archaistischen Kunstweise jenes, neue Formen 
zu finden strebt. Er hat sich stets gern auf 
dem Gebiete der angewandten Kunst bethätigt, 
— mit welch glücklichem Erfolge, das be¬ 
weisen seine Entwürfe zu den bei Louis Werner 
hergestellten Brochen, zu Ex-Libris, Buchum¬ 
schlägen und Geschäftskarten. Auch seine 
hier zu besprechenden Notentitel zu Liedern 
Hans Herrmanns sind zum grössten Teil sehr 
bedeutende Leistungen. Wie alle Arbeiten 
des Künstlers tragen sie einen ganz persön¬ 
lichen Charakter. Hirzel ist eine starke Indi¬ 
vidualität und besitzt eine 
reiche Fülle dekorativer 
Ideen. Er ist kein leicht 
schaffendes Talent, aber 
gestützt auf sein hin¬ 
gebendes Naturstudium 
gelingt es seinem uner¬ 
müdlichen Streben fast 
immer, vollgültige Aus¬ 
drucksmittel für seine 
eigenartigen künstleri¬ 
schen Gedanken zu fin¬ 
den. Das stete Vor¬ 
wärtsstreben, das für den 
Künstler charakteristisch 
ist, dokumentiert sich 
auch in der grossen stoff¬ 
lichen und stilistischen 
Verschiedenheit seiner 
Notentitel. Niemals ganz 
mit dem Erreichten zu¬ 
frieden, hat er immer 
wieder neue Lösungen 
der Aufgabe gesucht, und 
fast jedes Blatt bedeutet 
einen Fortschritt gegen 
das vorhergehende. Man 



Notentitel von Hans Unger. 
(A. W. Rost's Verlag in Dresden.) 


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IO 


von Zar Westen, Moderne deutsche NotentiteL 


beachte beispielsweise den gewaltigen Unter¬ 
schied zwischen der wenig glücklichen ornamen¬ 
talen Deckelzeichnung zu „5 Lieder“, op. 27 
(H. Weinholtz, Berlin), die zu Hirzeis frühesten 
Arbeiten auf diesem Gebiete gehört, und seinen 
neuesten Titelblättern zu „6 Gesänge“, op. 10, 
„5 Gesänge“, op. 3 und „Duette“, op. 2 (Hein¬ 
richshofen, Magdeburg). Diese Titel sind Meister¬ 
stücke geschmackvoller Dekoration (Abbildung 
Seite 5). Hirzel hat hier lediglich Motive aus 
der Pflanzenwelt verwendet, der er stets ein 
besonders eingehendes Studium gewidmet hat 
Disteln, Nelken, Blätter des Löwenzahns sind 
scheinbar absichtslos über das Blatt verstreut, 
und doch wirkt das Ganze wie ein gefälliges 
Ornament. Die graziöse Leichtigkeit, die Eck¬ 
manns ähnliche Arbeiten auszeichnet, fehlt den 
Hirzelschen Blättern allerdings, dafür wirken sie 
aber kräftiger und ausdrucksvoller. Auch sind 
die Pflanzen im Detail naturalistischer behandelt 
und bedeutend weniger stilisiert Übrigens spielt 
die Pflanzenwelt auch in zwei früheren Titeln, 
bei denen eine landschaftliche Scenerie den 
Hauptgegenstand der Dekoration bildet, eine 
bedeutende Rolle, nämlich in den Deckelzeich¬ 
nungen zu „3 Lieder“ op. 6 . (Heinrichshofen, 
Magdeburg), und „Deutsche Meisterlieder“, op. 
13 (Schuster & Loeflfler, Berlin). Auf dem 
letztgenannten Titel zieht sich eine prächtige 
Lilie, um deren Stengel sich eine Krone 
schlingt, über die ganze Seite und ragt mit ihrer 
Blüte in eine schöne, schwermütige italienische 
Nachtlandschaft hinein. Die Lilie soll auf den 
Namen Detlevs von Liliencron, des Dichters 
der Deutschen Meisterlieder, hindeuten. Von 
den übrigen Titelzeichnungen Hirzeis ist be¬ 
sonders die stimmungsvolle Darstellung des 
Meeres, in dessen ruhigen Fluten sich der Mond 
spiegelt, auf „Gesänge und Balladen“, op. 5 
(Heinrichshofen), bemerkenswert Der Deckel 
von „Helios“, op. 1 (Emil Grude, Leipzig), fällt 
besonders durch seine starke und eigenartige 
Stilisierung der Landschaft auf. Der Titel 
von „6 Lieder“, op. 37 (Ries & Erler, Berlin), 
Hirzeis erste Deckelzeichnung, ist weniger ge¬ 
lungen. 

Während die bisher aufgezählten neuen künst¬ 
lerischen Notentitel neben ihrem schmückenden 
Zweck zugleich auffallen sollen, verfolgten Karl 
Marr in dem schönen Umschlag zu Noris 
,^4 Lieder“ und A. H. in der Deckelzeichnung 


zu W. Maukes „2 Lieder“ (beide bei A. Schmid, 
München) lediglich die erstere Absicht Soweit 
mir bekannt, sind sie die einzigen bedeutenderen 
Vertreter dieses Standpunkts auf dem Gebiete 
der Lieder und Tänze. Denn die Titel von 
„Capri-Lieder“ und von Fr. Faltis „Kairo Gigerl¬ 
marsch“ können nicht hierher gerechnet werden, 
da die auf ihnen befindlichen skizzenhaften 
Zeichnungen von Allers offenbar nicht zu diesem 
Zwecke entworfen sind. 

Dagegen hat dies rein künstlerische Deko¬ 
rationsprinzip in der übrigen musikalischen 
Litteratur eine grosse Verbreitung. Besonders 
beliebt ist hier noch immer die ornamentale 
Umrahmung, die fast stets in schlichtem Schwarz 
gehalten und nur selten in bunten Farben aus¬ 
geführt ist Als Beispiele des Ausnahmefalls 
erwähne ich die Titel von Tschaikowskys 
„Ouvertüre“, op. 76, von Josephs Withols 
„Ouvertüre dramatique“, op. 21 (beide bei Bel- 
laieff, Leipzig 1896), und von L. Campbeil- 
Tiptons „Tho* Yon Forget“ (Fritz Schuberth jr., 
Leipzig). — Treffliche Randleisten in Renais¬ 
sance und Rokoko hat vor allem P. Halm 
geschaffen. (Musik am preussischen Hofe, 
Breitkopf & Härtel; Lieder flir eine Singstimme 
von Rob. Schumann. Schott Söhne, Mainz). 
Auch F. ThierscK Umrahmung zur „Edition 
Cotta“ sei hier angeführt. 

Neuerdings hat man vielfach die historischen 
Stilformen durch naturalistisch stilisierte Pflanzen 
ersetzt. Ein gutes Blatt dieser Art ist der ano¬ 
nyme Titel von E. Pessards „Kompositionen für 
Pianoforte“ (Heinrichshofen, Magdeburg). In 
grösserem Mafsstabe hat die Firma Breitkopf 
& Härtel diese Dekorationsweise bei ihren Ver¬ 
lagswerken zur Anwendung gebracht. Unter 
den mir bekannt gewordenen Titeln ist der beste 
der von Mac Dowells „Zweite indische Suite“ 
(op. 48), der im Sinne der Eckmannschen 
Arbeiten gehalten ist. Den übrigen derartigen 
Umschlägen zu Heusers „Präludium und Fuge“ 
op. 26, und zu mehreren Klavierwerken Bametts 
kommt eine höhere künstlerische Bedeutung 
nicht zu. — Im Anschluss an diese Arbeiten 
möchte ich den leider unsignierten Titel von 
Hans Herrmanns „Berceuse“ (für Violine, Hein¬ 
richshofen, Magdeburg) hervorheben, auf dem 
eine geschmackvoll stilisierte dunkelblaue Mohn¬ 
blume zwanglos über die Seite gelegt ist. Der 
Einfluss der oben besprochenen Titelzeichnungen 


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von Zur Westen, Moderne deutsche Notentitel. 


II 


Hirzels tritt in dem schönen Blatte deutlich 
hervor. 

Wie dieses, so schmückt auch ein von Curt 
Sföving meisterhaft entworfener Umschlag Kom¬ 
positionen für Violine, und zwar rühren diese 
von Paul Stöving her (Siegel, Leipzig, 1895). 
Zwei hochgewachsene Frauen in antiker Ge¬ 
wandung, von denen eine die Violine spielt, lehnen 
sich an einen Lorbeerbaum. Die Gesichter sind 
streng und herb in der Form, aber von seelen¬ 
vollem Ausdruck. 

Die ausserordent¬ 
liche Linienschön¬ 
heit der Zeichnung 
und ihre vollkom¬ 
mene Harmonie mit 
dertrefflichenSchrift 
machen die Arbeit 
zu einem hervor¬ 
ragenden dekora¬ 
tiven Blatte (Abbil¬ 
dung Seite 2). 

Eine geschickte 
Leistung ist der „Sk“ 
signierte Titel von 
S. Jadassohns No- 
tumo für Flöte op. 

I 33 (Breitkopf & 

Härtel), wenn er 
auch in dem land¬ 
schaftlichen Hinter¬ 
gründe stark von 
einer in der „Ju¬ 
gend“ veröffentlich¬ 
ten Arbeit Jossots 
beeinflusst ist. Unter 
den Deckelzeich - 
nungen zu Opern 
befindet sich wenig künstlerisch Bemerkens¬ 
wertes. Der schöne Titel zu Edgar Tinels 
„Godleva“ fallt nicht in den Rahmen unserer 
Besprechung, da meines Wissens weder der 
Komponist noch der Künstler Deutsche sind. 
Streng genommen gehört deshalb auch der 
durch seine originelle Erfindung ausgezeichnete 
Titel zu Johann Strauss: „Göttin der Vernunft“ 
nicht hierher. Auf dem Deckel von Franz 
Wüllners Klavierauszug des Don Juan befindet 
sich eine photomechanische Reproduktion eines 
Gemäldes von Franz Stuck. Don Juan, dessen 
schönes Gesicht einen stolzen triumphierenden 


Ausdruck trägt, spielt die Guitarre. Im Hinter¬ 
grund sieht man eine Anzahl Frauen, die seine 
Verführungskünste in Unglück gestürzt haben, 
am Boden liegen. — Faute de mieux erwähne 
ich noch die Titel zu Gounods „Margarethe“ 
von H. A. (Bote & Bock, Berlin, 1895) und zu 
M. Jaffas „Eckehard“ (Rabe & Plothow, Berlin). 

Von Deckelzeichnungen zu geistlicher Musik 
kann ich als künstlerisch bedeutend nur an¬ 
führen den von dem Münchener Landschafter 

Baer entworfenen 
Titel zu F.W. Bachs 
„Konzert für die Or¬ 
gel“, für Pianoforte 
bearbeitet von A. 
Stradal, und den von 
J. Sattler geschaffe¬ 
nen Titel zu Fr. 
Liszts „Fantasie und 
Fuge“, auf das Piano¬ 
forte übertragen von 
F. Busoni (beide bei 
Breitkopf & Härtel). 
DasSattlerscheBlatt 
ist in seiner Art 
gewiss eine gute 
künstlerische Leis¬ 
tung, flir seinen 
Zweck aber meines 
Ermessens ungeeig¬ 
net. Freilich soll der 
Künstler auch vor 
der Darstellung des 
Hässlichen nicht zu¬ 
rückschrecken, wo 
es charakteristisch 
ist; warum aber die 
beiden Choralsänger 
auf dem Busonischen Musikstück so abstossende 
Sträflingsphysiognomien haben müssen, vermag 
ich nicht einzusehen. Der Verkauf des Ton¬ 
werkes wird dadurch sicher ebensowenig ge¬ 
fördert, wie durch die altertümelnde Manier des 
Ganzen. Gegenüber der heute so verbreiteten 
archaistischen Richtung kann ich mir nicht ver¬ 
sagen, an die Worte zu erinnern, die ein grund¬ 
deutscher Künstler und warmer Verehrer unserer 
altdeutschen Meister, Ludwig Richter, nach Be¬ 
trachtung eines Memlinkschen Bildes nieder¬ 
schrieb: „Den Geist dieser Maler zu erfassen, 
und denselben Weg für die deutsche Kunst 



y.v- v ■ 

ggffPi 


P J.BRAHMS 

■-*' VIER LIEDER 



I I I r 


f- TÜR EIRE Sir\CSTIMME \ 

MIT BECLEITURC DES 

, * 


Notentitel von Max Klinger. 
(Musikverlag von N. Simrock in Berlin.) 


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12 


Sondheim, William Morris. 


einzuschlagen, würde noch immer das Rechte 
sein. Es sollen ihre Unvollkommenheiten und 
die Eigentümlichkeiten ihrer Zeit nicht nach¬ 
geahmt werden, sondern im Gegenteil sollen 
wir unsere Zeit und unsere Umgebung mit der¬ 
selben Treue, Liebe und Wahrhaftigkeit abzu¬ 
spiegeln trachten. . 

Wir sind am Ende unserer Betrachtung. 
Auch heute ist das Gesamtbild der äusseren 
Ausstattung unserer Musikalien noch immer 


wenig erfreulich. Zweifellos ist aber ein An¬ 
fang zur Besserung mit den angeführten Ar¬ 
beiten gemacht, und der kurze Zeitraum, inner¬ 
halb dessen sie entstanden, der Ruf der 
Verlagsbuchhandlungen und lithographischen 
Anstalten, für die sie gefertigt worden sind, und 
vor allem die Namen ihrer Schöpfer bezeugen 
das Interesse der beteiligten Kreise und geben 
immerhin eine gewisse Gewähr für den guten 
Fortgang der Bewegung. 


& 


William Morris. 

Von 

Moriz Sondheim in Frankfurt am Main. 


Initial mit Rankenoraament 
vonWilliam Morris. 

(Nach A. Vallance 
„The Art of W. Morris.“ 
London, Bell & Sons.) 


m 3. Oktober 1896 
ist William Morris 
in London ge - 
storben. Sein 
Name wurde in 
Deutschland erst durch seine 
Nekrologe allgemein be¬ 
kannt; mit Verwunderung 
vernahm man damals bei 
Uns, dass er ein hervorragen¬ 
der Künstler, ein bedeutender 
Dichter, ein populärer Sozial¬ 
politiker gewesen. Dass man 
sich in Deutschland nicht 
früher mit ihm beschäftigt 
hatte, ist um so seltsamer, 
als William Morris unser 
Interesse in mehrfacher Hin¬ 
sicht beansprucht; auf den 
verschiedensten Gebieten ist 
er schöpferisch thätig ge¬ 
wesen, vieles und vielerlei hat 
er geschaffen und niemals 
Unbedeutendes, denn alles 
was von ihm ausging, trug 
den Stempel seiner starken 


Individualität. Hier sei der Ver¬ 
such gemacht, sein Wirken als 
Buchillustrator und Drucker zu 
schildern; der Leser möge ver¬ 
zeihen, wenn dabei manches 
berührt wird, was über den Rahmen dieser 
Zeitschrift hinausragt; bei William Morris war 
nichts zufällig und äusserlich, Gedanken und 
Werke entsprangen aus seiner innersten Natur, 
und will man auch nur ein kleines Gebiet seiner 
Thätigkeit richtig beurteilen, so ist es nötig, 
seine ganze Persönlichkeit ins Auge zu fassen. 

William Morris wurde im Jahre 1834 in 
Walthamstow geboren. Er war das älteste 
Kind eines reichen Kaufmannes und genoss 
die Erziehung, welche in England den Söhnen 
begüterter Familien zu teil wird. Mit achtzehn 
Jahren bezog er die Universität Oxford, um 
Theologie zu studieren; hier traf er mit Eduard 
Bume-Jones zusammen, der an demselben Tage 
wie er immatrikuliert wurde. Beide Jünglinge 
hatten dieselbe Denkart und dieselben ästhe¬ 
tischen Bestrebungen, und es entstand zwischen 
ihnen eine ernste, wahrhafte Freundschaft, 
welche nur der Tod lösen sollte. 

Es war dies die Zeit, wo eine kleine Maler¬ 
gruppe mit der Begeisterung einer religiösen 
Sekte ihre Kunstanschauungen verfocht, die 
Praeraphaeliten, welche den Mut hatten zu 


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Sondheim, William Morris. 


13 



bekennen, dass Raphael für sie 
Höhepunkt und Decadenz der 
Kunst sei. Ihr Ideal, ihre Meister 
waren jene primitiven Italiener, 
welche, wie Ruskin sagt, ihre 
Werke „mit der bescheidenen 
Einfalt ernster Menschen“ schufen, 
welche darstellten, was sie liebten, 
was sie empfanden, was sie glaub¬ 
ten, in kindlicher Unschuld, ohne 
von konventioneller Schönheit et¬ 
was zu wissen. In dieser kleinen 
Gemeinde hatte sich damals schon 
eine Spaltung gebildet, und einsam 
wandelte seine Bahn Dante Gabriel 
Rossetti. Werke von ihm sahen 
die beiden Freunde in Oxford; sie 
wirkten auf sie wie eine Offen¬ 
barung. Nach schweren Kämpfen 
warf Bume-Jones das Studenten¬ 
barett von sich und zog nach 
London, um Maler zu werden. 

Wie sein grosses Talent von 
Rossetti sofort erkannt wurde, wie 
er Schüler und Freund des Meisters 
wurde, wie seine weiche Natur 
sich an den dämonischen Rossetti 
anschmiegte, wie er die Verach¬ 
tung und den Spott der Kritik 
und der Menge überwand und 
Englands gefeiertster Maler wur¬ 
de, ist eines der merkwürdigsten 
Kapitel der modernen Kunst¬ 
geschichte. 

William Morris wurde es nicht 
so leicht, den richtigen Weg zu finden. Er hatte 
eine feurige Phantasie und scharfe Sinne, welche 
einen unbestimmten Drang zu künstlerischem 
Gestalten weckten, aber wofür ihn die Natur 
ausgerüstet, erkannte er nur nach langem 
Herumtasten. Er beteiligte sich an einer litte- 
rarischen Zeitschrift, The Oxford and Cambridge 
Magazine, wurde Maler, arbeitete dreiviertel 
Jahr bei einem Architekten und trat schliesslich 
mit einem Band Dichtungen hervor, welche 
ungehört verhallten. Die ganze Auflage blieb 
bis auf wenige verschenkte und einige verkaufte 
Exemplare beim Verleger aufgehäuft und wurde 
später eingestampft; jetzt gehört das Büchlein The 
defence of Guenevere and otherpoems by William 
Morris , London 1858, zu den grössten Selten¬ 


heiten und wird in England mit Gold auf¬ 
gewogen. 

Um diese Zeit beschloss Morris zu heiraten 
und sich ein wirkliches Künstlerheim zu bauen. 
Heute wäre dies für einen solchen Mann selbst¬ 
verständlich und leicht, damals war es eine 
unerhörte Neuerung von fast unüberwindlicher 
Schwierigkeit. „Damals,“ sagt A. Vallance, 
„konnte man weder für Geld noch für gute 
Worte schöne moderne Möbel bekommen. Es 
ist wohl überflüssig, die Scheusslichkeiten auf¬ 
zuzählen, welche dieser Zeit eigentümlich waren: 
Kissen mit Perlenstickereien, gehäkelte Deckchen 
auf Rosshaarsophas, Wachsblumen unter Glas¬ 
glocken, Missgestalten aus gepresster Bronze 
und vergoldetem Stuck, Teppiche mit so- 


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14 


Sondheim, William Morris. 


genannten naturalistischen Blumenomamenten, 
mit falschen Schatten und schiefer Perspektive. 
Die Erinnerung an sie, an die Crinoline und 
an das knallrote Geranium als Zierpflanze ist 
in Vielen unter uns nur allzu schmerzvoll 
lebendig.“ 1 William Morris unternahm es, gegen 
diese Geschmackswidrigkeiten anzukämpfen. 
Philipp Webb baute das Haus, mit Hilfe von 
Freunden und Freundinnen wurden Fresken 
gemalt, Möbel entworfen, Stickereien ausgeführt, 
und es entstand „das rote Haus in Upton“. 
Die Wetterfahne auf dem Giebel trägt die 
Jahreszahl 1859; dieses Jahr bezeichnet den 
Beginn einer neuen Aera für die englische 
Kleinkunst, denn bei dem Bau und der Ein¬ 
richtung dieses Hauses hat William Morris sein 
Talent als genialster Dekorateur entdeckt, und 
was er für sich in seinen vier Wänden aus¬ 
geführt, ist die Einleitung zu einer völligen 
Umwälzung des modernen Kunstgewerbes ge¬ 
worden. 

Wie dies kam, hat Rossetti in launiger 
Weise erzählt. „Eines Abends“, sagt er, „sassen 
wir Freunde zusammen und unterhielten uns 
über die Art, wie in alten Zeiten die Künstler 
allerhand Dinge machten, wie sie Ornamente 
zeichneten und Möbel entwarfen, und einer 
von uns schlug vor — es war mehr Scherz 
als Emst — jeder von uns solle fünf Pfund 
deponieren, um eine solche Gesellschaft zu 
gründen. Fünfpfundnoten waren damals bei 
uns seltene Gewächse, und ich möchte nicht 
darauf schwören, dass der Tisch sofort von 
Fünfpfundnoten starrte; wie dem auch sei, die 
Gesellschaft wurde gegründet, aber es wurde 
natürlich kein Vertrag oder dergleichen ge¬ 
macht. Morris wurde zum Leiter erwählt, nicht 
etwa weil wir uns auch nur im Traume vor¬ 
stellten, er könnte ein Geschäftsmann werden, 
sondern weil er der einzige unter uns war, der 
Geld und Zeit übrig hatte.“ 2 So entstand im 
Jahre 1861 die Firma Morris 6r» Co.; ihre Teil¬ 
haber waren William Morris, Dante Gabriel 
Rossetti, Bume-Jones, Madox Brown, Arthur 
Hughes, Philipp Webb und einige andere. In 
einem Prospekte zeigten sie an, eine Gesell¬ 
schaft von Künstlern habe sich vereinigt, um 


Arbeiten billig auszufuhren, und werde ihre 
freie Zeit dazu verwenden, künstlerische Zeich¬ 
nungen für gewerbliche Erzeugnisse jeder Art 
zu entwerfen. 

Zum erstenmale seit undenklicher Zeit 
stiegen bedeutende Künstler zu den Hand¬ 
werkern hinab; die Kluft, welche sie seit drei 
Jahrhunderten zu ihrem Verderben getrennt 
hatte, war überbrückt Dass dies gelang, war 
das Werk von William Morris. Seine unver¬ 
siegbare Arbeitskraft, seine eiserne Energie, 
seine heitere Schaffensfreude machten ihn vom 
ersten Tage an zur Seele des Unternehmens, 
das er von 1874 an ganz allein weiterfuhrte 
und zu einer solchen Höhe brachte, dass es 
tonangebend wurde. Zahllos waren die Orna¬ 
mente und Entwürfe, die er im Laufe der 
Jahre gezeichnet, aber auch im Laboratorium 
und in der Werkstatt — er nannte sich mit 
Stolz einen Handwerker — arbeitete er un¬ 
ermüdlich. Vergessene Künste entdeckte er 
von neuem; das Emaillieren von Kacheln, das 
Weben und Färben von Stoffen, die Teppich¬ 
fabrikation und die Stickkunst wurden neu¬ 
belebt; die Glasmalerei, welche in England 
untergegangen war, sodass die Kirchen ihre 
Fenster aus München beziehen mussten, erlebte 
durch ihn ihre Wiedergeburt, und die grösste 
Sorgfalt widmete er der Fabrikation von Ta¬ 
peten, des wichtigsten Faktors in der Zimmer¬ 
dekoration. „Er wurde der grosse Reformator 
des englischen Hauses und alles dessen, was 
den dekorativen Künsten gehört Fenster¬ 
malereien, Stoffe, Tapeten, Mobilien, Keramik, 
Buchgewerbe, alles wurde von ihm zu einer 
harmonischen Gesamtheit geeint, einfach und 
gediegen, künstlerisch und in allen Teilen stets 
streng der Art der verarbeiteten Materialien 
entsprechend.“^ 

Das Geheimnis seiner Kunst lag darin, dass 
bei allem, was er ausfuhrte, der Zweck des 
Gegenstandes grundlegend blieb. War die 
Form gefunden und bequem und doch archi¬ 
tektonisch schön ausgefuhrt, so entstand das 
Ornament, welches ihr entsprach, wie von 
selbst. Niemals ist er in den Fehler vieler 
Kunstgewerbetreibenden verfallen, schöne Oma- 


1 A. Vallance, The art of William Morris 1897, S. 38. 

2 Athenaeum 1896, Octobre, p. 488. 

3 S. Bing, Wohin treiben wir? (Dekorative Kunst, Oktober 1897, S. 3.) 


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Sondheim, William Morris. 


IS 


mente am ungeeigneten Orte oder in wider¬ 
strebendem Material auszufuhren, so dass sie 
störend wirken müssen; daher machen seine 
Werke den Eindruck des Natürlichen, Selbst¬ 
verständlichen, sie sind organisch aufgebaut, 
und die Verzierungen wachsen aus ihnen her¬ 
aus, statt aufgesetzt zu sein. 

Bei dieser rastlosen Thätigkeit fand William 
Morris noch Zeit für andere Dinge, von denen 
jedes einen ganzen Menschen forderte. Von 
seinen zahlreichen poetischen und prosaischen 
Werken seien nur erwähnt The üfe and death 
of Jason (1867), The earthly Paradise, ein Epos 
in vier Bänden (1868—70), The story of Sigurd 
the Volsung and the fall of the Nibelungs (1877), 
The story of the glittering plain (1891), The 
wood beyond the world (1895), The well at the 
worlds end (1896). Dabei übersetzte er in 
Verse die ganze Odyssee, die ganze Aeneis, 
Beowulf und zahlreiche nordische Sagas und 
fand noch Zeit zu vielen sozialistischen Schriften; 
denn wie sein Freund Ruskin glaubte er an 
die Erlösung der Menschheit, an eine langsame, 
friedliche Umwälzung, nach welcher ein schönes, 
einfaches Leben ohne Kriege, ohne Kampf 
um’s Dasein sich ausbreiten würde. Man hat 
oft gelächelt über „den Sozialisten Morris“, 
dessen Arbeiten nur den obersten Klassen 
erreichbar, nur für eine Gemeinde von aus¬ 
erlesenem Geschmacke verständlich waren; 
aber gerade, weil er eine Kunst wollte, die 
„von dem Volke für das Volk geschaffen, Ver¬ 
fertigern und Benützem zur Freude gereiche“, 
gerade, weil er die Unmöglichkeit einsah, dieses 
Ideal in der heutigen Gesellschaft zu erreichen, 
sehnte er sich nach einem späteren, schöneren 
Zeitalter. „Die Menschen werden alsdann 
glücklich sein bei ihrer Arbeit“, verkündigte 
er, „und dieses Glück wird eine edle, volks¬ 
tümliche Kunst erzeugen. Diese Kunst wird 
unsere Strassen so schön wie die Wälder, so 
erhebend wie die Berge machen; alle Arbeiten 
der Menschen werden mit der Natur harmo¬ 
nieren, werden vernünftig und schön sein; aber 
alles wird einfach und erhebend, nicht kindisch 


oder entnervend sein. An den öffentlichen 
Gebäuden wird keine Schönheit, kein Schmuck 
fehlen, die des Menschen Geist und Hand 
erschaffen können, aber in den Privatwohnungen 
wird kein Zeichen von Verschwendung, von 
Prunk und Überhebung sein, und jeder wird 
sein Teil vom Besten haben.“ 1 Unermüdlich 
predigte er diese Lehre dem Volke; an den 
Strassenecken in Hammersmith, an dem vor¬ 
nehmen Strand verteilte er sozialistische Trak¬ 
tätchen. „Es ist ein Traum“, sagte er selbst, 
aber er glaubte an die Möglichkeit seiner Ver¬ 
wirklichung. 

Dreamer of dreams , bom out of my due 
time , hat sich William Morris im Earthly 
Paradise genannt; dabei schwebte ihm das 
Mittelalter als seine eigentliche Zeit vor, und 
in der That, wie in Kiplings The finest story of 
the world die Seele des Helden einst einen 
Ruderer auf dem Vikingerschiff Thorfin Karl- 
sefnes belebt hatte, so schien sein Geist im 
Mittelalter einem kunstliebenden Klosterbruder 
angehört zu haben. Das Eindringen der Re¬ 
naissance in die germanische Welt hielt er für 
ein Unglück. „Die Deutschen“, sagt er, „hatten 
im Mittelalter eine schöne, volkstümliche Kunst, 
aber sie nahmen die Renaissance mit seltamer 
Heftigkeit und Hast auf und wurden vom 
künstlerischen Standpunkte ein Volk von rheto¬ 
rischen Pedanten. Die mittelalterliche Kunst 
starb dahin, ihr folgte eine stumpfsinnige und 
rohe Periode rhetorischer und akademischer 
Kunst, welche seitdem Europa in allem, was 
mit der Ornamentik zusammenhängt, gefangen 
gehalten hat. Eine Ausnahme jedoch machte 
Albrecht Dürer, denn obgleich seine Manier 
durch die Renaissance angesteckt wurde, mach¬ 
ten ihn seine unvergleichliche Phantasie und sein 
Verstand durchaus gotisch in der Denkart.“ 2 

Das Epitheton „gotisch“, das in seinem 
Munde das höchste Lob ist, passte in vollem 
Mafse auf ihn selbst. Aber er ahmte die 
Werke des Mittelalters nicht nach, er setzte 
sie fort; in seinen Dichtungen und Kunstwerken 
blieb er trotz des Archaismus der Motive und 
der Form selbständig und modern, ebenso wie 


x W. Morris, The decorative arts, their relation to modern life and progress. London 1878, p. 31. 

* W. Morris, Onthe artistic qualities of the woodcut books of Ulm. (Bibliographica, London 1895 I p* 437 sqq.) 


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16 


Sondheim, William Morris. 


Büme-Jones trotz der Anlehnung an alte Meister 
in seinen Bildern immer der Engländer unseres 
Jahrhunderts blieb. Da wo die Renaissance die 
gotische Tradition durchbrochen hatte, knüpfte 
er wieder an und schuf seine Werke, wie 
wenn auf das XV. gleich das XIX. Jahrhundert 
gefolgt wäre. 

Dies erklärt uns, wie es möglich war, dass 
er sich eine Zeitlang einem Kunstzweige widmen 
konnte, welchen die Buchdruckerpressen der 
Renaissance vernichtet hatten, dem Schreiben 
und Illuminieren von Handschriften. Das Un¬ 
begreifliche brachte er fertig: während um ihn 
das Londoner Leben tobte, in den Fabriken 
die Maschinen keuchten, unter dem Boden die 
Eisenbahnzüge dröhnten, sass er in seinem 
Studio wie ein Mönch des XTV. Jahrhunderts 
in seiner Zelle und malte Buchstaben auf dem 
Pergament. Lady Bume-Jones besitzt mehrere 
Codices von seiner Hand, die Vallance be¬ 
schrieben hat: Gedichte von ihm selbst, 51 
Seiten 4 0 , mit Ornamenten und Initialen, und 
mit Bildern von Ch. Fairfax Murray — The 
story of the Dwellers in Eyr, 239 Seiten in 
Folio mit der Schlussschrift: „Ich habe dieses 
Buch aus dem Isländischen übersetzt mit Hilfe 
meines Lehrers in dieser Sprache, Eirfkr 
Magnüsson; es war das erste isländische Buch, 
das ich mit ihm gelesen. Ich habe es selbst 
ganz geschrieben und alle Ornamente in dem 
Buche selbst ausgeführt, mit Ausnahme der 
Goldblättchen auf Seite 1, 230 und 239, welche 
einer unserer Handwerker Namens Wilday auf¬ 
gelegt hat. William Morris, 26 Queen Square, 
Bloomsbuty, London 19. April 1871.“ — Ferner 
The story of Hen Thorir . The story of the 
banded men . The story of Haward the Halt . 
Translated and engrossed by William Morris . 
244 Seiten kl. 4 0 — und The Rubdiydt of 
Omar Khayydm, 23 Seiten. — Herr Fairfax 
Murray besitzt von ihm einen Folioband, The 
story of Frithiof; für sich selbst hatte Morris 
die Oden des Horaz geschrieben. Sein be¬ 
deutendstes Werk dieser Art sollte Virgils 
Aeneis werden, die er in der Schrift des XI. 
Jahrhunderts schreiben und Bume-Jones illu¬ 
strieren wollte. Er Hess sich dafür das feinste 
Pergament aus Italien kommen, und Bume- 
Jones entwarf eine Anzahl Zeichnungen. Diese 
Riesenarbeit, welche die beiden Freunde im 
Anfänge der siebziger Jahre unternahmen, wurde 


— man möchte sagen zum Glücke — niemals 
zu Ende geführt 

Bei einer Natur wie William Morris war 
der Übergang vom Kalligraphen zum Drucker 
eine logische Notwendigkeit. „Ich mag keine 
Kunst für Wenige, wie ich keine Bildung für 
Wenige und keine Freiheit für Wenige mag“, 
hatte er einmal gesagt; die kostbaren Hand¬ 
schriften, die er herstellte, konnten nur einem 
kleinen Kreise von Freunden etwas sein, durch 
die Buchdruckerkunst war es möglich, die 
grosse Gemeinde der BibUophilen zu beglücken 
und seinen Kunstansichten die weiteste Ver¬ 
breitung zu geben. Mit der Buchomamentik 
hatte er sich schon in den sechziger Jahren 
beschäftigt, schon damals hatte er in seinen 
Mufsestunden — denn so unwahrscheinüch es 
klingt, der Vielbeschäftigte hatte Mufsestunden 

— sich im Holzschnitt geübt, Dürerblätter 
kopiert und Holzstöcke nach eigenen Zeich¬ 
nungen verfertigt. Seit 1883 trat er dem Plane 
näher, eine Presse zu errichten, aber erst 1890, 
als er ein Exemplar von Wynkyn de Wördes 
Goldener Legende kaufte, bekam seine Absicht 
eine feste Form in dem Entschlüsse, dieses 
berühmte Buch neu zu drucken. Von jenem 
Tage an bis zu seinem Tode widmete er den 
besten Teil seiner Kraft der edlen Druckkunst. 

Hierbei ging er von denselben Grundsätzen 
aus, die ihn bei allen seinen anderen Arbeiten 
geleitet hatten. „Eure Lehrer,“ hatte er im 
Jahre 1878 in einem Vortrage für Handwerker 
gesagt, „Eure Lehrer müssen sein Natur und 
Geschichte; was die Natur betrifft, so ist es 
so klar, dass Ihr von ihr lernen müsst, dass 
ich jetzt nicht dabei zu verweilen brauche; 
was die Geschichte anbelangt, so glaube ich 
nicht, dass irgend jemand, ausser den höchsten 
Geistern, heutzutage irgend etwas leisten kann 
ohne eifriges Studium der alten Kunst. Wenn 
Ihr glaubt, dass dies im Widerspruch steht zu 
dem, was ich Euch über den Tod jener alten 
Kunst gesagt habe und über die Notwendig¬ 
keit, die ich daraus folgerte, eine Kunst zu 
schaffen, die für unsere Zeit charakteristisch 
sei, so kann ich nur folgendes sagen: Wenn 
wir nicht die alten Werke direkt studieren und 
verstehen lernen, so werden wir durch die 
schwachen Arbeiten um uns herum beeinflusst 


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Sondheim, William Morris. 



immm. 



werden und werden die besseren Werke, ohne sie zu verstehen, 
nach ihren Nachahmern kopieren, was sicherlich keine verständige 
Kunst hervorbringen wird. Lasst uns daher die alte Kunst mit 
Verständnis studieren, lasst uns durch sie belehrt, erleuchtet 
werden, immer an dem Entschlüsse festhaltend, sie nicht nach¬ 
zuahmen oder zu wiederholen, entweder gar keine Kunst zu 
haben oder eine Kunst, welche wir unser eigen gemacht haben.“ 1 

Diesen Prinzipien folgend, machte er sich an die Arbeit. 
Natur und Geschichte waren seine Lehrmeister: die Natur, 
indem er von der Schreibschrift ausging, aus welcher die Druck¬ 
schrift entstanden ist, die Geschichte, indem er zu den alten 
Drucken zurückgriff, von welchen unsere heutigen Typen her¬ 
stammen. Damals begann er Inkunabeln und Holzschnittbücher 
zu sammeln, und in wenigen Jahren brachte er eine kleine 
Bibliothek von auserlesener Schönheit zusammen. Da er das 
Schönste der besten Offizinen auswählte, glich seine Sammlung 
einem Kleinodienschreine, und wer sie jemals gesehen, wird 
den abgerundeten Eindruck, den sie machte, nie vergessen. 

Nachdem er die Typenformen der alten Drucker verglichen 
und analysiert, um die Prinzipien, welche ihrer Schönheit zu 
Grunde lagen, zu erforschen, begann er Typen zu suchen, 
welche die Vorzüge der alten besitzen und den Anforderungen 
der Neuzeit entsprechen sollten. Er zeichnete jeden Buchstaben 
in grossem Mafsstabe, damit ihm kein Proportionsfehler entgehe, 
dann liess er ihn photographisch verkleinern und unterzog ihn 
einem neuen Studium, bevor er ihn schneiden liess. So ver¬ 
fertigte er eine romanische (Antiqua) Type, welche er „die 
Goldene“ nannte, und eine gotische, die er in zwei Grössen 
hersteilen liess, „die Troja und die Chaucer Type“. 

Interessant ist, dass William Morris hierbei die theoretischen 
Forderungen praktisch ausführte, welche bereits 1885 Heinrich 
Wallau in seiner Ästhetik der Druckschrift aufgestellt hatte, 

1 W. Morris, The decorative arts, London 1878 p. 18. 






fwi? 


Rankenornament auf schwarzem Grunde von William Morris. 

(Nach A. Vallance „The Art of William Morris'* Verlag von George Bell & Sons in London.) 

Z. {. B. 98/99. 


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iS 


Sondheim, William Morris. 


obgleich er dieses Schriftchen, das in einem 
Sammelbande versteckt ist, wohl kaum gekannt 
und jedenfalls nicht gelesen hat, da er kein 
Deutsch verstand. Wie es Wallau verlangte, 
ist die gotische Schrift von William Morris 
„durchweg auf dem klaren Federductus auf¬ 
gebaut“ und die Versalien (grosse Buchstaben) 
sind aus altertümlichen Bildungen „in geläufigere 
Formen übergeführt“. Die romanische Type 
erinnert auffallend an diejenige Johannes 
Schöffers in Mainz, welche Wallau als „Bei¬ 
spiel trefflich gebauter Antiqua“ abgebildet hat. 1 

Mit der Beschaffung der Typen war erst 
ein Schritt zur Herstellung des Buches gethan. 
Die Wahl des Papiers und der Schwärze 
erforderten nicht geringere Sorgfalt. Keines 
der vorhandenen Papiere genügte William 
Morris; er hasste das uninteressante, glatte 
Maschinenpapier, aber ebenso wenig gefiel ihm 
dasjenige, welches Handpapier nachahmt. Nach 
der alten Methode liess er wirkliches Hand¬ 
papier hersteilen, zu welchem er selbst das 
Wasserzeichen mit seinem Monogramm WM 
zeichnete. Die Druckerschwärze liess er aus 
dem Auslande kommen, da ihm keine englische 
schwarz genug war. Dass er sie nach alter 
Weise mit der Hand auftragen liess und mit 
Handpressen arbeitete, braucht kaum ausdrück¬ 
lich gesagt zu werden. 

So wurde im Jahre 1891 die Keimscott 
Presse in Hammersmith eingerichtet. Am 31. 
Januar wurde die erste Kolumne gesetzt, und 
am 4. April verliess das erste Buch die Presse: 
The story of the glittering plain by William 
Morris, in 200 Exemplaren gedruckt. Es war 
ein Buch ohne Verzierungen, aber in seiner 
Einfachheit ein vollendetes Kunstwerk. Im 
September folgten Poems by the way by William 
Morris, rot und schwarz in 300 Exemplaren 
gedruckt, mit Randverzierungen. Seitdem zierte 
William Morris alle seine Drucke mit Initialen 
und Bordüren in Holzschnitt, und vielfach 
wurden sie mit Bildern nach Handzeichnungen 
von Bume-Jones geschmückt Von 1891 bis 
1896 hat die Keimscott Presse fünfundvierzig 
Drucke veröffentlicht, für welche alle Ornamente 
von Morris selbst gezeichnet wurden. 

In diesen Verzierungen kann man zwei 


getrennte Gruppen unterscheiden. Die eine 
umfasst schlanke Rankenomamente in Umriss¬ 
zeichnung, welche sich um zwei Ränder der 
Seiten winden; sie sind stark beeinflusst von 
ähnlichen Leisten, die in frühen süddeutschen 
Drucken Vorkommen. Zur zweiten Gruppe ge¬ 
hören ganze Umrahmungen auf schwarzem 
Grunde, in welchen Morris durchaus selbständig 
vorging; die Motive sind ebenfalls der Pflanzen¬ 
welt entnommen, Rosen, Akanthusblätter, Reben 
und Trauben umschliessen die Seiten in schwung¬ 
vollen Windungen. Die Initialen im Texte 
passen sich diesen Bordüren an. Ganz eigen¬ 
tümlich sind die Titelblätter, auf welchen sich 
die Schrift von einem Blumenornamente ab¬ 
hebt, das von einer kräftigen Umrahmung um¬ 
geben ist 

Den Höhepunkt der Keimscott Presse be¬ 
zeichnet der grosse Chaucer, an welchem 
Morris anderthalb Jahre, vom Oktober 1894 
bis zum Mai 1896, arbeitete. Das Buch wurde 
in 438 Exemplaren gedruckt, die sämtlich 
subskribiert wurden, sodass es schon bei seinem 
Erscheinen zu den seltenen Büchern gehörte. 
Wie in keinem andern Drucke von Morris ist 
in diesem Folianten eine wunderbare Harmonie 
zwischen Typendruck und Illustration erzielt 
An die Bilder von Bume-Jones mit den gotisch 
langgestreckten Gestalten schmiegen sich die 
Randleisten von William Morris und bilden 
mit der schönen gotischen Type, die sie um¬ 
rahmen, so vollständig ein Ganzes, dass man 
vergisst, ein gedrucktes Blatt mit Bleilettem 
und Holzstöcken vor sich zu haben, und nur 
den Eindruck eines einheitlichen Kunstwerkes 
aus einem Gusse empfängt. 

Das Aufsehen, welches die ersten Drucke 
der Keimscott Presse machten, ist noch nicht 
vergessen. Die vornehmen Quartanten in den 
weichen, biegsamen Pergamenteinbänden, mit 

This is the Golden type. 

'übte is tbc Türoy type* 

*Cbis is tbe Cbaucer type. 

Die drei Typen der Keimscott Presse: 

Die Goldene, die Troja- und die Chaucertype. 


1 H. Wallau, Ästhetik der Druckschrift. (Gesammelte Studien zur Kunstgeschichte. Festgabe für A. Springer.) 
Leipzig 1885. S. 151 ff. 


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Sondheim, William Morris. 


19 


dem tiefschwarzen Drucke und den ungewohnten 
Verzierungen auf starkem und doch zartem 
Papier bildeten das Entzücken aller Bücher¬ 
freunde. Besonders der Chaucer wurde bei 
seinem Erscheinen von der englischen Presse 
als „das vornehmste Buch, das je gedruckt 
worden“, als „das Ideal des modernen Buches“ 
gepriesen, und mit diesem Urteile stimmte bei 
uns auch R. Muther überein, der von William 
Morris rühmt, er habe „das moderne Buch 
geschaffen zu einer Zeit, als man anderwärts 
noch durchaus an der Nachahmung der alten 
Vorbilder festhielt“. 1 Dieser Ausspruch dürfte 
jedoch nicht ganz zutreffend sein. Für Bücher 
von „gotischer Denkart“, für die Goldene Legende, 
für Chaucer , für 
die Werke von 
William Morris, 
sind sie ein pas¬ 
sendes Gewand, 
aber mit Recht ist 
darauf hingewie¬ 
sen worden, dass 
bei Shakespeare 
in dieser Ausstat¬ 
tung der Wider¬ 
spruch zwischen 
Geist und Form 
uns stört; 2 eine 
„moderne“ Dich¬ 
tung von der 
Keimscott Presse 
gedruckt, wirkt wie ein Anachronismus. Des¬ 
halb kann der Chaucer , wenn er auch das 
Meisterwerk der Typographie unserer Zeit ist, 
nicht das typische Buch des XIX. Jahrhunderts 
werden, wie etwa der Poliphilo das Buch der 
italienischen Renaissance, der Theuerdank unser 
Buch des XVI. Jahrhunderts, die Baisers von 
Dorat das Buch Frankreichs im vorigen Jahr¬ 
hundert sind; Chaucer ist das typische Buch 
von William Morris, oder wenn man den Be¬ 
griff erweitern will, das typische Buch des 
englischen Praeraphaelismus, nicht das moderne 
Buch im eigentlichen Sinne. Aber die Grund¬ 
sätze, nach welchen er gedruckt worden, zeigen 
uns, wie wir arbeiten müssen, nicht um das 


moderne Buch zu schaffen — dies ist ein 
leeres Wort — aber um Bücher zu schaffen, 
die jetzt und dauernd Kunstwerke sind. Diese 
Grundsätze sind so logisch, dass sie banal 
klingen, und doch wird es nicht überflüssig 
sein, sie hier zu wiederholen in den schlichten, 
einfachen Worten, in welchen William Morris 
sie einmal vorgetragen. 

„Das Äussere eines Buches“, sagt er ,3 
„wird notwendig durch den Inhalt bestimmt. 
Ein Werk über Differentialrechnung, ein medi¬ 
zinisches Werk, ein Wörterbuch, eine Samm¬ 
lung von Parlamentsreden oder eine Abhandlung 
über Dünger werden kaum Ornamente erhalten 
wie ein Band lyrischer Gedichte, ein Klassiker 

oder dergleichen. 
Ein Buch über 
Kunst, denke ich, 
verträgt weniger 
Ornamente als ir¬ 
gend eine andere 
Art von Büchern, 
{non bisin idem ist 
ein guter Spruch), 
und wiederum ein 
Buch, das erklä¬ 
rende oder an¬ 
dere notwendige 
Abbildungen ha¬ 
ben muss, sollte 
überhaupt keine 
eigentliche Orna¬ 
mente haben, weil Ornament und Illustration 
fast niemals in Einklang kommen können. Aber 
was auch der Inhalt eines Buches sei und wie 
bar an Schmuck es bleibe, so kann es doch ein 
Kunstwerk sein, wenn die Type gut und die 
allgemeine Anordnung eine sorgfältige ist. Ja, 
ich behaupte, dass ein ganz schmuckloses Buch 
schön sein kann, wenn es, sozusagen, archi¬ 
tektonisch gut ist. Nun, lasst uns sehen, was 
diese architektonische Anordnung von uns ver¬ 
langt. Erstens, die Seiten müssen klar und 
leicht lesbar sein, was kaum geschehen kann, 
wenn nicht, zweitens, die Typen gut gezeichnet 
sind; und drittens, ob die Ränder breit oder 
schmal seien, so müssen sie im richtigen Ver- 



Das Druckerzeichen der Keimscott Presse. 


1 R. Muther, Geschichte der Malerei III 506. 

a H. P. Home, W. Morris as a printer (Saturday Review 1896, p. 439). 

3 W. Morris. The ideal book (Transactions of the bibliogr. Society 1893). 


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20 


Sondheim, William Morris. 


hältnisse zu den Kolumnen stehen. Der weisse 
Raum zwischen den Buchstaben muss klein sein; 
was Unleserlichkeit verursacht, ist nicht diese 
Art von Zusammenpressen, sondern die Schmal¬ 
heit der Typen selbst Der nächstwichtige Punkt 
ist der Abstand zwischen den Wörtern. Es 
sollte nicht mehr Raum zwischen ihnen gelassen 
werden, als gerade nötig ist, um sie deutlich 
von einander zu trennen. Was die Lage der 
gedruckten Seite auf dem Papier anbelangt, 
so muss der innere Rand der schmälste sein, 
der obere muss breiter, der vordere noch breiter 

und der untere der breiteste sein.Die 

Ornamente müssen in demselben Mafse wie die 
Typen selbst einen eigentlichen Bestandteil 
der Seiten ausmachen, und um ornamental zu 
wirken, müssen sie sich gewissen Beschränkungen 
unterwerfen und architektonisch werden . . . .“ 

William Morris ist am 3. Oktober 1896 
gestorben. Seitdem hat die Keimscott Presse 
noch einige Bände gedruckt, die er vorbereitet 
hatte. Von dem Froissart, der vielleicht den 
Chaucer übertreffen sollte, sind nur zwei Blätter 
vollendet worden. Im Augenblicke, da ich 
diese Zeilen schreibe, erhalte ich eine Anzeige 
von den Leitern der Keimscott Presse, in 
welcher das Erscheinen von noch zwei Büchern 
angekündigt wird: Some German woodcuts of 
the fifteenth Century , bring reproductions from 
books that were in the library at Keimscott 
House t together with a Hst of the Principal 
woodcut books in that library, und A note by 
William Morris on his aims in starting the 
Keimscott Press: together with facts conceming 
the Press and an annotated Hst of all the books 
there printed % compiled by S. C. CockerelL Dies 
werden die letzten Bücher sein, welche die 
Keimscott Presse veröffentlicht. Die Druckerei 
ist Anfang des Jahres 1898 geschlossen worden; 
die Typen bleiben in den Händen der Trustees 
für spätere Benutzung, aber die Ornamente 
von William Morris sollen nicht mehr zur An¬ 
wendung kommen, die Holzstöcke werden 
dem British Museum einverleibt werden. Wenn 
dieser Aufsatz erscheint, wird die Keimscott 


Presse schon der Vergangenheit angehören. 
Sie war so sehr das Werk, die Sache ihres 
Schöpfers, dass ihr Fortbestehen ohne ihn 
nicht denkbar war, und doch wird diese Nach¬ 
richt jeden Bücherfreund berühren, wie wenn 
William Morris zum zweiten Male gestorben 
wäre. 

„Mit William Morris“, schrieb vor wenigen 
Monaten die Zeitschrift Bibliograpkica in dem 
Epilog, mit welchem sie ihr Eingehen an¬ 
kündigte, „haben wir einen Mann verloren, 
dessen Leben besseren Dingen gewidmet war 
als der Bibliographie, aber als Forscher und 
Sammler wahrte er bis zu seinem Ende reges 
Interesse für unsere Sache, und durch die 
herrliche Folge von Büchern, die seine Keimscott 
Presse erzeugt hat, hat er viel gewirkt für eine 
Frage, welche jedem wahren Bibliographen am 
Herzen liegt, für die Vervollkommnung des mo¬ 
dernen Buches. Von dem Menschen William 
Morris zu sprechen ist hier nicht der Ort; ihn 
auch nur ein wenig kennen, hiess ihn lieben, 
und diejenigen, welche ihn am besten gekannt, 
haben ihn am meisten geliebt.“ Eine Zeit 
wird kommen, wo alle, welche den Menschen 
William Morris gekannt haben, nicht mehr 
sein werden; die mächtige Bewegung im Kunst¬ 
gewerbe, die er durch sein Beispiel und seine 
Thatkraft hervorgerufen, wird vorübergehen, 
und Neues wird die Erinnerung an sie im Ge¬ 
dächtnisse der Menschen verdrängen; seine 
Zimmergeräte werden der veränderten Mode 
weichen müssen, seine Dichtungen werden als 
„Dichtungen der Praeraphaelitischen Schule“ 
nur den Forschem bekannt bleiben, denn nur 
das höchste in der Poesie hat ewiges Leben. 
Von allem, was er geschaffen, wird nur Eines 
lebendig bleiben: seine Bücher. Und dies ist 
genug. Wäre er nur der Schöpfer der Keimscott 
Presse gewesen, so würde dies genügen, um 
seinen Namen unsterblich zu machen. Dauernd 
und unverwüstlich wie die Inkunabeln, wie sie 
mit ewiger Schönheit und unvergänglicher 
Jugendfrische begabt, werden seine Bücher 
bleiben als das vollendetste, was er gewollt und 
geschaffen, als der vollkommenste Ausdruck 
seiner machtvollen, künstlerischen Individualität. 




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Über die Bibliothek Johann Fischarts. 

Von 

Professor Dr. Adolf Hauffen in Prag. 


ass Johann Fischart (circa 1548—1590) 
eine reichhaltige Büchersammlung be¬ 
sessen habe, kann bei seiner poly¬ 
historischen Gelehrsamkeit, seinen vielseitigen 
Interessen und seiner ausgebreiteten schrift¬ 
stellerischen Wirksamkeit von vornherein als 
selbstverständlich angenommen werden. Zweifel¬ 
los hat er die Schriften besessen, die von ihm 
übersetzt oder überarbeitet wurden, Rabelais 
und Plutarch, Bodins Dämonomanie, des Mamix 
Bienenkorb, des Wolfgang Lazius Migrationes 
und andere, ferner die Bücher, bei deren Ver¬ 
öffentlichung er durch Beiträge oder Vorreden 
beteiligt war, und jedenfalls auch einen grossen 
Teil der Schriften, die ihm als Quellen dienten. 

Sicheren Nachweis über einen Teil seines 
Bücherschatzes geben uns jetzt die Funde, die 
dem Hofbibliothekar Dr. Adolf Schmidt in 
Darmstadt geglückt sind und die er mir in 
liebenswürdiger Weise zur Benutzung flir meine 
vorbereitete Monographie über Fischart über¬ 
lassen hat. Hier sei nur ein kurzer vorläufiger 
Bericht über die neuen Fischarteana erstattet. 

Die Funde bestehen aus sieben Büchern, die 
mit Namenseintragungen und einer grossen Zahl 
zum Teil sehr umfangreicher Randbemerkungen 
von Fischarts Hand versehen sind, sowie in 
einem Sammelbande von Handschriften. Diese 
Sammlung (Folio Nr. 2794), 157 Blätter stark, 
enthält Abschriften von deutschen, französi¬ 
schen und lateinischen Akten des Herzogtums 
Lothringen, zumeist aus der zweiten Hälfte des 
XVI. Jahrhunderts. Und zwar Gesetze, Urteile 
und Verordnungen, die sich Fischart als Amt¬ 
mann zu Forbach (1584—1590) für seine Be¬ 
rufszwecke zurecht gelegt hat. Sie rühren nicht 
von Fischarts Hand her, sind nur gelegentlich 
mit Regesten von ihm versehen und geben 
leider keinen näheren Aufschluss über sein 
Forbacher Leben und Wirken. Sie sollen uns 
hier nicht weiter beschäftigen. 

Die Randbemerkungen zu den erwähnten 
Büchern aber bieten manchen interessanten 
Beitrag zu der Arbeitsweise, den politischen 


Ansichten und wissenschaftlichen Zukunfts¬ 
plänen des nach kaum vollendetem vierzigsten 
Lebensjahre verstorbenen Schriftstellers. Die 
meisten sind lateinisch, einige deutsch, viele 
lateinisch und deutsch gemischt, in einer flüch¬ 
tigen, oft nur mit Mühe zu entziffernden Hand¬ 
schrift abgefasst Sie stammen aus den acht¬ 
ziger Jahren, also auch aus der Forbacher Zeit 
Fischart hat augenscheinlich als Amtmann 
Mufse genug gehabt zu wissenschaftlichen Lieb¬ 
habereien und war in den letzten Lebensjahren 
in umfassenderWeise mit sprachvergleichenden, 
geschichtlichen und etymologischen Studien be¬ 
schäftigt, die freilich (weil von Anfang an falsch 
angefasst) zu keinem Ergebnis geführt haben. 

Die Bücher nun, um die es sich hier handelt, 
sind folgende: 

1. Joannes Goropius Becanus. Opera, hactenus 
in lucem non edita. Antverpiae. Christophorus 
Plantinus. 1580. 

2. Joannes Pieritis Valerianus. Hieroglyphica, 
sive de sacris Aegyptiorum, aliarumque gen¬ 
tium literis Commentarii. Basileae. Thomas 
Guarinus. 1567. 

3. Abraham Ortelius . Synonymia Geogra¬ 
phica sive populorum, regionum, insularum, 
urbium etc. appellationes et nomina. Ant¬ 
verpiae. Christophorus Plantinus. 1578. 

4. Aegidius Tschudi. De prisca ac vera 
Alpina Rhaetia, cum cetero Alpinarum gentium 
tractu etc. descriptio. Basileae. Michael Isen- 
grinius. 1538. 

5. Hieronymus Candanus. De rerum varietate 
libri XVII. Basileae. Henricus Petri. 1557. 

6. Sprichwörter , Schöne, Weise, Klugreden. 
Franckfurt am Meyn. Bei Christian Egenolffs 
Erben. 1565. 

7. Haussbuch, darinn begriffen werdend 
flinfftzig Predigen Heinrychen Bullingers . Bern. 
Bei Samuel Apiario. 1558. 

Eines dieser Bücher, der Pierius, hat 
dem inneren Deckel ein schönes, von Jost 
Ammann gezeichnetes Ex-Libris Fischarts auf¬ 
geklebt. 1 Dieser (wie es scheint) nur in einem 



1 Eine Nachbildung und genaue Beschreibung dieses Bücherzeichens hat Dr. Adolf Schmidt in den Quartal¬ 
blättern des historischen Vereins für das Grossherzogtum Hessen, N. F., 1. Band, S. 474—476, veröffentlicht. 


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22 


Hauffen, Über die Bibliothek Johann Fischarts. 


Exemplar erhaltene, 88 mm breite und 129 mm 
hohe Holzschnitt hat auf dem inneren ovalen 
Rande die Inschrift „Insignia J. Fischarti Mentzer 
V. J. D.“, rechts das oft angewandte auf dem 
vollen Namen: „Johann Fischart genannt 
Mentzer“ beruhende Anagramm: Jove Fovente 
Gignitur Minerva. Das Wappen des Bücher¬ 
zeichens ist ein redendes. Es enthält im Schilde 
und auf dem Helm einen Delphin, daneben 
einen in einMuschel- 
horn blasenden Tri¬ 
ton, eine Krabbe, 

Ruder und Dreizack, 

Schilf und anderes, 
das zusammenFwÄ- 
^r/ausdrücken soll. 

Mittelbar deutet 
den Beruf Fischarts 
die Aufschrift des 
Spruchbandes „Non 
cuius vis vector“ an. 

Sie bezieht sich auf 
den Delphin, der nur 
einen Dichter auf 
seinem Rücken tra¬ 
gen mag. Ähnliche 
Zeichen wie die be¬ 
kannten Sinnbilder 
des Christentums in 
der Cartouche über 
dem Bilde hat Fisch¬ 
art in seine Bücher 
eigenhändig einge¬ 
tragen, so z. B. auf 
das Schlussblatt des 
Pierius. Es ist darum 
wahrscheinlich, dass 
er das Bücherzei¬ 
chen 'dem Zeichner 
selbst angegeben oder vorskizziert hat. 

Alle die genannten Bücher enthalten Namens- 
Eintragungen und Anagramme von Fischarts 
Hand. Auf den sechs Titelblättern zu den 
einzelnen Werken der Opera des Becanus finden 
wir 1) Pro Fischarto Meintzer V. J. D. (d. i. 
utriusque juris doctor) und die Anagramme 
„Ihove Fovente Gignitur Minerva“ und „In Fit¬ 
tichen Gotts Mein Strass“, wo zu den Namen 
auch noch eine Andeutung des Geburtsortes 
Strassburg hinzukommt. 2) „J. Fischartus al: 
Mentzer“ (cognominatus in einer Breviatur) und 


„Justa FortitudineGrataque Mediocritate.“ 3)„J. 
F. G. M.“ und „Ingenua Facilitate Genialique 
Modestia.“ 4) Das öfter angewandte Mono¬ 
gramm Fischarts, das eine Verschlingung der 
Buchstaben J. F. V. J. D. zeigt 5) Neben dem 
eben bezeichneten Monogramm noch „Ipso Fixo 
Gustamus Mannam.“ 6) „J. Fischart d. Mentzer.“ 
„J. V. D.“ und „Jove Favente Gratificatur Mer- 
curius.“ Auf dem Titelblatt zum Pierius befindet 

sich neben lateini¬ 
schen Anagrammen 
die Einzeichnung 
„Joh. Fischart Ge¬ 
nant Mentzer“. Auf 
dem Titelblatt zum 
Ortelius giebt der 
Besitzer sein Mono¬ 
gramm und seinen 
Namen in griechi¬ 
schen Lettern, aber 
mit der lateinischen 
Ligatur oe :Oiöxqepr, 
zum Tschudi: J. 
Fischärt d. M., zum 
Cardanus: J. Fisch¬ 
art dictus M(entzer, 
der Schluss ist ab¬ 
gerissen) und das 
Monogramm Christi 
in einem Kreise, zu 
der Sprichwörter¬ 
sammlung nur das 
Monogramm,auf das 
erste Blatt der For- 
bacher Papiere: 
<J>iöX<*P T peyivl^ep, 
auf das zweite Blatt: 
Intus Forisque Gau¬ 
dium Metusque, auf 
das Vorsatzblatt der Predigten Bullingers: Justi 
fausta Memoria, auf dem Titel: I. Oiöxapr 
Moyuv^ep. 

Ausserdem hat Fischart auf der linken Vor¬ 
satzseite neben dem Haupttitel des Becanus, 
sowie auf den letzten zwei Seiten des Index 
zum Pierius eine grosse Reihe von lateinischen 
und deutschen Anagrammen zusammengestellt. 
Neben denen, die wir bereits kennen, befinden 
sich dabei viele Neue, z. B. Jehova Fortitudo 
Gentis Miserae (Psalm 28), Justitia Firmatur 
Gratia Misericordiaque, In Fide Gaudium Meum. 



J. r./A—y m 

Porträt von Johann Fischart. 

(Nach dem Titelbild aus seinem „Philosophisch Ehezuchtbüchlein", 
Strassburg 1607.) 


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Häuften, Über die Bibliothek Johann Fischarts. 


23 


Auch mit fünf Worten, den Doktortitel andeu¬ 
tend: Immarescunt Familiae Gratia Marcescente 
Domini, und deutsch: In Freudiger Gedult 
Mutig. In Forchten Gottes Mächtig. Im Frieden 
Gottes Mit Ich Förchte Got Mehr, und viele 
ähnliche Wahlsprüche, die neben der häufigen 
Anwendung der christlichen Sinnbilder den 
frommen, religiösen Sinn Fischarts neuerdings 
erweisen. Endlich ein schon bekanntes Ana¬ 
gramm mit einem seltsamen neuen Nachsatz, 
worin sich der Dichter Erinnerung nach dem 
Tode erbittet: „In Freuden gedenck mein, sagt 
der Todenkopf Jo. Fisch, gen. Mentz.“ 

Aufzeichnungen, die neues Licht auf Fisch¬ 
arts nur lückenhaft bekannte Lebensgeschichte 
werfen würden, finden wir in den genannten 
Büchern leider gar nicht. Zu seiner Familien¬ 
geschichte aber gehört die Randbemerkung zu 
Becanus I 164, die Neues über die (ihrem 
Namen nach bereits aus einer Strassburger Ur¬ 
kunde bekannte) Mutter Fischarts bringt. Im 
Anschluss an den Text, der von der Silbe Cur 
handelt, bespricht Fischart am unteren Rande 
den Familiennamen Kirchmann und ähnliche 
und sagt wörtlich: Kurmann, unde adhuc fa- 
milia insignis Kurman, a qua descendit mater 
mea Barbara Kürmännin. Erat familia patricia 
Coloniae; ast migravit in viciniam Westphaliae. 

Fischarts Familiengeschichte und Lebens¬ 
lauf führt uns also an die Ufer des Rheins von 
Basel bis Köln herab und in deren unmittelbare 
Nachbarschaft. Die Familie seiner Mutter 
stammt, wie wir sehen, aus Köln; die seines 
Vaters aus Mainz. „Mentzer“ ist auch bereits 
der Beiname des Vaters und giebt für unsern 
Schriftsteller nur die Familienabstammung, nicht 
den Geburtsort an. Fischart selbst stammt 
zweifellos aus Strassburg, was ich vor kurzem 
in der Zeitschrift Euphorion 3 S. 363 ff. an der 
Hand von Urkunden gezeigt habe. Für Strass¬ 
burg erweist er auch in seinen Schriften zeit¬ 
lebens die grösste Anhänglichkeit und thätiges 
Interesse; einige dienen unmittelbar zur Ver¬ 
herrlichung der Heimat Auch aus den neu er¬ 
schlossenen Randbemerkungen können wir diese 
besondere Teilnahme für die Vaterstadt wieder¬ 
holt ersehen. Genannt sei hier nur die umfängliche 
Randbemerkung zu des Becanus Besprechung 
des Wortes Tartessus (I 228), worin Fischart 
über die Entstehung und Deutung der Namen 
Strassburg und Argentoratum, über die An¬ 


fänge, das hohe Alter und die Ureinwohner 
der Stadt konfuse, sachlich wertlose Meinungen 
vorträgt, die vielleicht Bruchstücke oder Aus¬ 
züge aus seinem verloren gegangenen Werke 
Origines Argentoratenses darstellen. 

Der Vater und die übrigen Angehörigen 
Fischarts werden in den Urkunden und Nach¬ 
richten, die uns vorliegen, immer nur Fischer 
(oder Vischer) genannt, was ich auch a. a. O. 
gezeigt habe. Fischart selbst erscheint bald 
nach seinem Tode in Urkunden und Büchern 
wiederholt als Fischer. Die Vermutung drängt 
sich von selbst auf, dass erst unser Schrift¬ 
steller seinen Familiennamen in Fischärt und 
Fischart umgeändert hat, um besser von den 
vielen damals in die Öffentlichkeit getretenen 
Johann Fischer geschieden zu werden. Namens¬ 
änderungen der Schriftsteller waren ja im 
XVI. Jahrhundert gang und gäbe. Fischart 
hat sich für seinen Namen immer sehr interes¬ 
siert und hat, was aus einzelnen Stellen in der 
Geschichtklitterung und dem Bienenkörbe 
hervorgeht, den normannischen Eigennamen 
Guiscard für # eine Verwälschung von Fischart 
gehalten. Auch in unseren Randbemerkungen 
ist häufig von dem Namen die Rede. So 
spricht Tschudi (S. 121) von Zusammen¬ 

setzungen, die eine bestimmte Beschaffenheit 
anzeigen sollen und aus ,art‘ gebildet werden. 
Seinen Beispielen: „Löwen art, Bern art, Engel 
art“ fügt Fischart auch seinen eigenen Namen 
bei. Zu des Becanus Auseinandersetzungen 
über das Wort Schiff (I 106) fügt Fischart eine 
längere Randbemerkung über seinen Namen, 
die als Beispiel für die Art und Weise seiner 
krausen Etymologien und historischen Sprünge 
mitgeteilt werden mag: 

„Schiff verso Fisch. Hinc Fischart navis dicta, 
quae prope natationem aliquam habeat, die Art des 
Fisches. Et plane verso Fischart: Habes Tragschiff 
vel Trauschiff. Et iterum converso Fischwart seu Fisch- 
fart, dass daher fahrt, wie ain schiff: Inde propter con- 
tinuas navigationes suas Normannorum principes, qui 
Normanniam, Siciliam, Neapolim, Calabriam, Apuliam, 
Treverim etc. subjugarunt, hoc cognomen Fischard 
sibi sumserunt: vel id habuerunt a maioribus Japeticis, 
vel Navis ipsorum principalis hoc nomen ferebat, vel 
insigne ipsorum erat Navis vel Delphinus in vexillis et 
velis. Barrius (?) etiam in Calabria montem Clibanum 
Visardo nomin at, absque dubio aNormannicis Vischartis, 
quod Vischartberg: weil sie den Schiffen dorfften trauen. 
Nam ichnica retrorsa lectione^Fischart est Trauschiff, 
quod nomen in omnem tutum portum potest quadrari; 


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Verkleinertes Titelblatt zu Becanus „Hermathena" (Antwerpen 1580) 
mit Eintragungen von der Hand Johann Fischarts. 


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Hieroglyphka 

SIVE DE SACRIS AEGY. 

ptiorvm, aliarvm'qve gentivm 

literisCömmcntarij, Io a n n i s PiERiiVale- ^ e ,P.c> 
t'«’ rianiBolzanijBellunenfis, 7;. ’ T/v-/ 

vr r 

JK C L l o Ave vstiko Curionc duobusLibrisau< 5 H J & # . ■ 
niultis »magimbus dlulirati. 


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Wabrvi» JnfcfCowmc»tjrij<Monfilum yin.:rwm hißonaru, numifmatum, yeterumLiru 
faripnouumexpicjtwnem, yerttmerum prxter^eppttaca&alu fhrAfa to< o- 

rw« comwffiwMW ttr> entern m.t^ru cum obUtf*tienejyl*Am:tum jtersrum htcrurmm , m a»j- 
i>¥5 luud wo <£« (lirtÜMmipfum,<«r ^Jpoßoios Prtpheuiyhmufmodt loentiorubm *> /w/iü/1 
^ Indern tu , exqußtum utterp) etstnmm r *Vf /a»c »*on temerc P?xl)j«oram , Pf tönern, :U> y 
ptnur.cn yrrosad ^evjpttcidcürintc praruprvfcfloi 'mt*ü:+* 4 :(puppe citmhieroglyphue ln- 
qmmhtl di*Jßt,qutvn dtumtrum hmunär*mq i rrrum natvramupertre. Vale, 
&])oep<rwcundo um per Piermm obUiu Lmefcto ßditncrJmere. 


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Verkleinertes Titelblatt zu Pierius „Hieroglyphica“ (Basel 1567) 
mit Eintragungen von der Hand Johann Fischarta. 


Z. f. B. 98/99. 


4 


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2 6 


Hauffen, Über die Bibliothek Johann Fischarts. 


quia vero Nortmanni ac experti navigatores ubique 
tutos portus reperiebant, ideo nomen hoc usurpabant. 

Statt einfach von der Herkunft seiner väter¬ 
lichen Familie ein Wort zu sagen, wie Fischart 
dies beim Namen seiner Mutter gethan hat, 
verfällt er hier und an anderen Stellen, wo von 
seinem Namen die Rede ist, auf die fern- 
liegendsten Dinge. Dieser auffällige Umstand 
scheint mir die Annahme zu verstärken, dass 
der Name Fisch^rt eine willkürlich gemachte, 
nicht eine ererbte Bildung darstellt. 

Auf seine eigenen Schriften weist Fischart 
auch ab und zu in den Randglossen hin. In¬ 
teressant ist darunter namentlich eine Erwäh¬ 
nung: In der Vorrede zum zweiten Buche der 
Opera des Becanus beklagt sich der Verleger 
Plantinus darüber, dass der bekannte Philologe 
Josef Scaliger abfällig über Becanus geurteilt 
habe: quod etsi parum de honestissimo viro 
honestum; tarnen illuc valuit, ut commotis multis 
ad videndum, plura hoc triennio exemplaria 
Becceselanorum vendiderim. Fischart setzt an 
den Rand: Sicut Argent. factum, cum J. Fab. 
in concione traduceret versionem meam Rabe- 
laesii. Darnach hat also ein Gegner Fischarts, 
J. Fab(ius?), dessen Geschichtklitterung vor einer 
Versammlung verspottet, doch damit das 
Gegenteil seiner Absichten, einen besseren 
Absatz des Werkes, hervorgerufen. Dies muss 
ungefähr im Jahre 1580 der Fall gewesen sein, 
denn im Jahr 1582 erschien die bereits not¬ 
wendig gewordene zweite Ausgabe der Ge¬ 
schichtklitterung. 

Eine neue Schrift kündigt er für die Zu¬ 
kunft an. Ein handschriftlicher Zusatz zum 
Index des Becanus I verzeichnet: Fischarti 
libellus de Allemannorum Sibilo vel Sch. 200, 
und auf der genannten Seite sehen wir, wie 
Fischart gegenüber dem niederländischen sc in 
den Beispielen des Becanus des alemannischen 
sich rühmt und hinzufügt: De quo (nämlich sch) 
singulärem, Deo volente, conficiam libellum. 
Ausgefiihrt hat er jedoch diesen Plan gewiss 
nicht, denn es ist weiter nichts darüber be¬ 
kannt geworden. 

Mehrere Randbemerkungen verweisen auf 
handschriftliche etymologische Sammlungen, die 
sich Fischart angelegt hat. Becanus II 94 sagt 
er: ut in collectaneis meis Etymologicis de- 
monstro, und ähnlich an mehreren anderen 
Stellen. In Fischarts Collectaneen war (nach 


seinen Andeutungen zu schliessen) von Götter¬ 
und Völkemamen, von philosophischen Be¬ 
griffen und von Ausdrücken des täglichen 
Lebens die Rede, und die Bezeichnung Farrago, 
Gemengsel, die ihnen Fischart gibt, erscheint 
ganz berechtigt. Wir werden dem Verluste 
dieser Papiermassen keine Thräne nachweinen; 
es genügt an den Proben, die uns erhalten 
sind. Und an verbliebenen Resten ist kein 
Mangel, denn die überwiegende Menge der 
zahlreichen Randbemerkungen sind etymolo¬ 
gischer Natur, indem Fischart im Widerspruch 
oder in Ergänzung der in den benützten Bü¬ 
chern vorgetragenen Etymologien seine eigenen 
Ansichten beibringt Seine Etymologien sind 
natürlich ganz in der Art gehalten, wie es im 
XVI. Jahrhundert üblich war, und wissenschaft¬ 
lich völlig wertlos. Sie sind ohne eine Ahnung 
von den Wortbildungs- und Lautgesetzen, ohne 
Kenntnis der wirklichen Beziehungen ver¬ 
wandter Sprachen untereinander mit der grössten 
Willkür unternommen. 

Das wichtigste Princip der Linguisten jener 
Zeit war die conversio. Darnach sollte ein 
Wort mit jenem Worte derselben oder einer 
anderen Sprache verwandt sein, das man durch 
Umkehrung gewann. Also „Fisch“ ist ver¬ 
wandt mit „Schiff*, lupa mit „buhlen“. Aber 
fiir verwandt oder gleichen Ursprungs hielt man 
auch jene Wörter, die einander ähnlich klangen, 
oder durch Umstellung der Buchstaben, durch 
Einschub oder Streichung einzelner Konsonanten 
und Vokale gleich oder ähnlich gemacht werden 
konnten. Bei Fischart insbesondere, dem immer 
der Schalk im Nacken sitzt, kommt es noch 
hinzu, dass er selten die Gelegenheit zu einem 
Witz oder einer naheliegenden spasshaften Be¬ 
ziehung ungenützt Vorbeigehen lässt. Auch 
hier bringt er oft die komischen Ausdeutungen 
von Fremdwörtern an, die wir bereits aus der Ge¬ 
schichtklitterung und anderen Schriften kennen, 
z. B. „Hüpfetherum“ für „Hippodrom“, oder 
„Maulhängkolie“ für „Melancholie“, und die 
gewiss nicht ernst zu nehmen sind. In der 
That kann man bei seinen überaus kühnen 
Wortdeutungen oft nicht wissen, wo der Ernst 
aufhört und der Scherz anfängt. Nur ein 
Beispiel für viele: 

Im Pierius ist S. 100a von der Maus die Rede. 
Fischart setzt an den Rand: „Hinc et Esopus mythice 
mulierem in murem mutatam fabulatus est: quo Murlier 


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Hauffen, Ober die Bibliothek Johann Fischarts. 


27 


(wie sie den wol murren vnd beissen können) r in 1 
Mullier: Hinc juris glossatores Mulierem a Mollitia 
derivant, quamvis alii a malitia, Ja wol Maulitia, so 
käms wol vberain mit murren vnd beissen.* 1 

Neben den etymologischen Randglossen 
finden wir in den genannten Büchern in ge¬ 
ringerer Anzahl noch regestenartige Bemer¬ 
kungen, ferner Beispiele, Vergleiche, Redens¬ 
arten im Anschluss an die gegebenen Texte, 
Ausrufe des Beifalls und des Widerspruchs, 
deutsche Übersetzungen der mitgeteilten latei¬ 
nischen und griechischen Citate und ergänzende 
Erörterungen. Ich glaube nicht, dass es der 
Mühe lohnen würde, einmal die ganze Masse 
dieser Randbemerkungen vollständig zu ver¬ 
öffentlichen. Gut gewählte Proben und Aus¬ 
züge müssten den litterarhistorischen Anforde¬ 
rungen unter allen Umständen genügen. Hier 
kann ich ohnehin nicht mehr geben, als die 
ganze Richtung und Tendenz der Fischartischen 
Randglossen, die mit völliger Klarheit aller¬ 
dings nur in den Werken des Becanus zu Tage 
treten, näher zu beleuchten. 

Der von 1518—1572 lebende Antwerpener 
Arzt Joannes Goropius Becanus war als Sprach¬ 
forscher ein siebenseltsamer Kautz. In seinen 
umfangreichen, lateinisch geschriebenen, mit 
einem grossen Aufwand ausgebreiteter, aber 
unfruchtbarer Gelehrsamkeit abgefasstenWerken 
sucht er immer wieder die von ihm aufgestellte 
wunderliche Hypothese zu erweisen, dass das 
Germanische und zwar insbesonders das Nieder¬ 
ländische (lingua Cimbrica) die älteste Sprache 
der Menschheit sei. Mit den Anfängen der 
sprachvergleichenden Studien und der ger¬ 
manischen Philologie, die in der zweiten Hälfte 
des XVI. Jahrhunderts gerade in dem vom 
spanischen Joche befreiten Holland mit national- 
patriotischem Eifer betrieben wurde, hängen 
auch die Bestrebungen des Becanus zusammen. 
War er doch der Erste, der (in seinen Origines 
Antwerpienses) ein kleines gotisches Bruchstück 
veröffentlichte. Aber Niemand ging in dem 
einseitigsten Stolz auf seine Muttersprache so 
weit, Niemand war so verrannt in ein von An¬ 
fang an verkehrtes Verfahren als Becanus. 
Begreiflich, dass er von dem hervorragendsten 
Philologen der Zeit, von Josef Scaliger, in der 
heftigsten Weise als circulator (Marktschreier) 
angegriffen wurde. 

Für uns handelt es sich nur um die Opera 


des Becanus, die erst nach dessen Tode durch 
den Verleger Plantinus 1580 herausgegeben 
wurden. Es sind sechs Werke: Hermathena 
(Doppelbüste von Hermes und Athene im Sinn 
von Erläuterung gebraucht), Hieroglyphica, Ver- 
tumnus (der Gott des Wechsels und des Wandels 
in der Natur, von dessen Besprechung die Aus¬ 
führungen dieses Werkes ausgehen), Gallica, 
Francica und Hispanica. Sie handeln alle von der 
Entstehung der Sprache, von Sprachphilosophie 
und Sprachvergleichung, von der ältesten Ge¬ 
schichte und den Wanderungen der Völker in 
kritikloser und phantastischer Weise. In allen 
kommt Becanus auf verschiedenen Wegen immer 
wieder zu seiner fixen Idee von der nieder¬ 
ländischen Ursprache zurück. 

Die Verwandtschaft der klassischen Sprachen 
mit dem Deutschen, sowie der germanischen 
Sprachen untereinander wurde im XVI. Jahr¬ 
hundert bereits beobachtet. Gefördert wurden 
diese vergleichenden Studien durch den kirch¬ 
lichen Glaubenssatz, dass das Menschen¬ 
geschlecht bis zur babylonischen Verwirrung 
nur eine Sprache gebraucht habe. Ziemlich 
allgemein galt begreiflicherweise das Hebräische 
für diese Ursprache. Becanus aber führte da¬ 
gegen ins Feld, dass griechische und römische 
Schriftsteller Barbarensprachen für die ältesten 
zu erklären pflegten und dass das Hebräische 
zu grosse Mängel zeige, als dass es als Mutter 
der übrigen Sprachen betrachtet werden könnte. 
Nur die beste Sprache könne auch zugleich 
die älteste sein, nur jene, die sich von Anfang 
an unverändert erhalten habe, so dass ihre 
Worte die Natur der zu bezeichnenden Gegen¬ 
stände am deutlichsten nachahmen und die 
wahre Bedeutung der Begriffe aus dem Namen 
selbst erkannt werden könne (ita ut rerum 
notitia maximarum ex ipsis nominibus capiatur). 
Das Niederländische allein zeige alle die er¬ 
forderlichen Vorzüge. Wie es vom heiligen 
Geiste dem Menschengeschlechte übergeben 
worden sei, so habe sich sein bewunderungs¬ 
würdiger Bau durch besondere göttliche Gnade 
rein und unversehrt erhalten, so dass bei den 
niederländischen Worten der ursprüngliche 
Grund der gewählten Bezeichnung klar zu Tage 
liege. Wollte man bei Worten anderer Sprachen 
die wahre Meinung (verissima ratio) herausfinden, 
dann müsste man zur Erklärung immer wieder 
auf die niederländischen Wurzeln zurückgreifen. 


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28 


Häuften, Über die Bibliothek Johann Fischarts. 


Dieser Standpunkt des Becanus musste hat er doch selbst 
Fischart von vornherein sympathisch berühren; und zehnten Kapitel 











äcccflione, carflarum ob quaij 
omnia exigifa hac vöcula ;f!au, 
Latinis Naulum, provc&ura 
cc jCjiianauw mcrccs fignattv 
hoc tempore* flau pro N auc V; 
poftlimir») iure ul ciiücatem ( 

jf>nv Ff* uari,tjua; yxjgc aJ Fxhcnura efl 

fc«p- vlä,äfr«jh»3i/quodcfttbanai 

»tcppw. proptcrea qubd 

fiant; tum quöd ipfe ortinrnm 
^ ' chitcöus,dum Nocho ärc«r 

f v" ■. * vU-' lincando & pracfcribendo. &c 

Z&Mfö-'JX '*prim lim Dtp conucnit, ita p< 
... = 1 . eomäxime,vt fern per record 

per perpetuö in mentcm vcn 
beneficiuuwn Naue maxims 
ties^eep noftras nauis nomt 
Ynenclator: nos item aures h; 
■' öas,ne fardi tanta verbonu 

fJ t ^drßftrt**W "if*. Afccp&ftepen Grard inriw \ 

' €--% M litterarum, &portrettra redu 

: , VidemuS itaque qüanca ratic 

refert. fern per homines &£ er 
Fotcaflls itaque Nochtts vöc< 
,, - , : ir dam iq uopcr|*ctu6crcatoris 

<5 uam ma S is nerivötesfimus 
verfamurjvcveihac defola« 
•; r r \ 4 V." V .t • 'i. nbn a!uisau*fecuricatis,auc^ 

" mcntacrcauit, ita perpetuo I 
liquidem nauteä nobisdefit,c 
quibusde cAu(fi$alia vöcabt’ 
& obfo lcfoant, aliavel de no 1 
tis partes voccntur ? Satis iar 
dusnosventus tulitadopifi« 
eorum quardc infinito patri: 
•: dum (ätisnauigatum. feiiciO| 

, ijb dtk qtt* togas ? Eius, ioquarajqux d 

__ vnd *referente ,Ego füm, quidq.; 

*' *r' rretcxic. Qua: ergo aliahzc 
* ’ Deusde-peb,verum vnüin 



Randbemerkung Johann Fischarts über seinen Namen (vgl. S. 23) 
in den „Opera“ des Becanus, Antwerpen 1580. 


unter anderem im zweiten 
der Geschichtklitterung die 
deutsche Sprache mit na¬ 
tionalem Selbstbewusstsein 
über die lateinische und 
griechische erhoben und 
hier, sowie in der Dämo¬ 
nomanie, gern auf des Be¬ 
canus Ausführungen „von 
der Älte und Herrlichkeit 
der deutschen Sprache“ 
verwiesen. In zahlreichen 
Randglossen zu den Opera 
wird seine freudige Zu¬ 
stimmung zu den Behaup¬ 
tungen des Becanus laut. 
Doch wer der Methode des 
Becanus zustimmte, der 
musste schliesslich, falls er 
einem anderen Stamm an¬ 
gehörte, zu einem abwei¬ 
chenden Ergebnis kommen. 
Wie jener im Niederlän¬ 
dischen die natürlichsten 
und verständlichsten Be¬ 
zeichnungen zu allen Be¬ 
griffen zu finden glaubte, 
so kam Fischart, obwohl 
im allgemeinen auf seiner 
Seite stehend, im beson¬ 
deren zu der Überzeugung, 
dass das Deutsche nicht in 
der niederländischen, son¬ 
dern in der oberdeutschen 
und zwar in der alemanni¬ 
schen Form (also in Fisch¬ 
arts eigener Mundart) die 
beste, älteste, natürlichste 
Sprache darstelle. 

Becanus hat die Vor¬ 
züge des Niederdeutschen 
scharf und auf Kosten des 
Hochdeutschen betont. Er 
meint unter anderem, dass 
die ursprüngliche (die rich¬ 
tige Bedeutung anzeigende) 
Form im Niederdeutschen 
besser bewahrt sei. Luna , 
so sagt er z. B., heisse bei 
den Niederdeutschen Man , 
bei den Hochdeutschen 



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Hauffen, Über die Bibliothek Johann Fischarts. 


29 


Mon (Mond). Sein Name aber 
komme vom mahnen , weil er 
durch die wechselnde Form an 
den Fortgang der Zeit und durch 
die Flut, die er hervorrufe, an 
die Abhängigkeit der irdischen 
Verhältnisse von den himmlischen 
gemahne. Die niederdeutsche 
Form sei also die ursprüngliche 
und richtige. Die den Hoch¬ 
deutschen (bekanntlich seit der 
zweiten Lautverschiebung) eige¬ 
nen pf \ fs und z nennt Becanus 
tierische Laute (ferinae litterae) 
und rühmt ihnen gegenüber das 
„attische“ / der Niederländer. 
Die Oberdeutschen oder Ale¬ 
mannen, sagt er, sprechen mit 
aufgeblähten Backen, schärfen 
ihre Worte mit S-Lauten und 
zischen wie die Schlangen. Mit 
ihrer barbarischen rauhen Rede¬ 
weise verunstalten sie die edle 
germanische Sprache so arg, 
dass sie kaum wieder zu er¬ 
kennen sei. 

Mit demselben Eifer und mit 
derselben starren Überzeugung 
steht nun Fischart auf Seite der 
alemannischen Mundart. Ein 
grosser Teil der Randglossen 
besteht darin, dass er den 
niederländischen Beispielen des 
Becanus hochdeutsche gegen¬ 
überstellt und zu zeigen versucht, 
dass diese die Ursprünglichkeit 
des Germanischen noch ent¬ 
schiedener erweisen. Er wirft 
seinem Autor vor, dass dieser 
aus Hass gegen die Oberdeut¬ 
schen (odio superiorum Germa- 
norum) den Laut z unberück¬ 
sichtigt lasse, der doch in der 
lateinischen, griechischen und 
hebräischen Sprache vorhanden 
sei. Er hält auch nicht mit 
drastischen Spottreden zurück: 
„Das T geht gar stumpf ab, wie 
ein gestutzter Hund.“ — „Ihr (der 
Niederländer) magere, dürre, 
schnatternde backen wollen vnser 



SuobtnU 

S*tHortttn 
dijlctlH*. 






VC! 

r • • • 

lufpicion 

ltraui Gallo °mc 
cantüm, Icd ömniurr 
natu pofteriräs primur 
mi vocantlitj cc‘* ÄV “' 
’itiyc nihil miri 

ihrer G rxcos h< 
Gallos: tantafai^ 
citui Cxfar,qui i 
tiairi com pai äffe. 
quofdam fuiffe q r 
ficultatc vix taod 
eile, ctiani 
cium ex Ptolcmacp,c 
fe ipfi hactcnusr- 
nomintmus. 

Germanis, fec r _, T 

t’ur. Audio hic Allen 
tu homuncio ex i nfirr 
lc». Ger manorun i fen 
nedum comparate ? 

Nemo efit ÜoftVaJiü 
tur * Ego verb ri^que 
cönt’roucifia habend 
xquos iudices pröflig 
toru m fu n t extern*, 
acque totmuLys ebtn 
Beiprim am lau dehl tr 
plfcaüfla , L.unä hob 
yyia^, 'Hic ii rogetur, Vtrur 
: Tain liöincnclatüram 
./nöhdmiranöheöi in 1 
'rerenius qox fäöjat v 
. Tü?dad‘eln fatte;pfcrft 
" fiös mbnuj t hdi! 

'do attöllic/tM^.d« 
ra lixc infcrfdffl 
■SB & Dcnd^l 






> y 


m Cerncreht 


Randbemerkung Johann Fischarts (vgl. S. 30) 
in den „Opera" des Becanus. 


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3° 


Hauffen, Über die Bibliothek Johann Fischarts. 


vralt S wie ein Ent im Water aufsschnattern 
und aufstrecken.“ Und neben den Kosenamen 
„Wattländer“ und „Quatvögel“ zeichnet Fischart 
einen Niederländer auf, der zur Strafe für seine 
falsche Aussprache am „gallischen Tau“, das 
ist am Galgen, baumeln muss. Mit welch* starrem 
Stammesdünkel standen doch im XVI. Jahr¬ 
hundert Hoch- und Niederdeutsche einander 
gegenüber! — 

Zahlreich und umfänglich sind auch Fisch¬ 
arts Randbemerkungen zum Pierius . Dieser 
hervorragende italienische Gelehrte denkt in 
seinem Buche „Hieroglyphica“ natürlich gar nicht 
an eine Entzifferung der ägyptischen Bilder¬ 
schrift, die ja erst unserem Jahrhundert Vor¬ 
behalten blieb. Er betrachtet vielmehr die 
Hieroglyphen, soweit sie damals bekannt waren, 
als Symbole und behandelt sie gemeinsam mit 
griechischen und römischen Bildwerken, indem 
er aus alten Schriftstellern ein überreiches Material 
zur sinnbildlichen oder mystischen Deutung von 
Tieren, Pflanzen, Steinen, Waffen, Körperteilen, 
geometrischen Figuren u. s. w. zusammenträgt. 
Fischart hat sich für die Erläuterung der Em¬ 
bleme oder „Lehrgemäl“ immer sehr interes¬ 
siert, an der Ausgabe von Emblemenwerken 
sich wiederholt beteiligt, den Pierius und ver¬ 
wandte Schriften, (die er auf dem Titelblatt 
zum Pierius verzeichnet) für das 12. Kapitel 
seiner Geschichtklitterung und anderwärts be¬ 
nützt Seine Randbemerkungen zum Pierius 
geben Ergänzungen aus dem Kreise deutscher 
Wappenbilder, ferner Sprichwörter und Fabeln, 
doch auch viel Etymologisches, endlich auf den 
letzten Blättern eine grosse Reihe deutscher, 
lateinischer, griechischer, französischer und 
italienischer Wahlsprüche. 

Die (zumeist etymologisierenden) Rand¬ 
bemerkungen zu den übrigen Darmstädter 
Büchern bieten wenig Bemerkenswertes. Die 
Emolffische Sprichwörtersammlung, die Fischart 
mehrfach, namentlich für das „Ehezuchtbüch¬ 
lein“ ausgeplündert hat (vgl. meinen Nachweis 
in der Zeitschrift für deutsche Philologie 27, 
331 ff.) zeigt auffälliger Weise ausserdem Mono¬ 
gramm keine Eintragungen von Fischarts Hand. 

Neben den sieben Darmstädter Büchern 
stammt aus Fischarts Bibliothek auch das in 
Tübingen aufbewahrte Werk „Histoire de nostre 
temps contenant les Commentaires de Testat 
de la Religion et de la Republique sous les 


Roys Henry et Frangois seconde et Charles 
neufieme“, 1566, dessen drei Bände mit je 
einer Namens-Eintragung und je einem fran¬ 
zösischen Wahlspruch von Fischarts Hand ver¬ 
sehen sind (vgl. Serapeum 1847, S. 202), ferner 
das Berliner Exemplar der Onomastica (Archiv 
f. Litteraturg. 10, S. 422) und der Wolfenbüttler 
Miscellanband mit siebzehn französischen, italie¬ 
nischen und lateinischen Flugschriften zumeist 
politischen Inhalts (Alemannia 1 S. 250—254). 
Auch eine der ältesten mythologischen Dar¬ 
stellungen aus dem Kreise der italienischen 
Humanisten „De deis gentium libri sive syn- 
tagmata XVII“ von Lilio Gregorio Gyraldo muss 
Fischart besessen haben, denn er weist im 
Becanus ( 1 175 und II121) auf seine annotationes 
zu diesem Werke hin. Sein Handexemplar ist 
allerdings bisher noch nicht gefunden worden. 

Zu Beginn der achtziger Jahre mag Fischart 
schon eine ganz stattliche Büchersammlung be¬ 
sessen haben. Aus dieser Zeit stammt sein 
schönes Gedicht auf die Bibliothek der Abtei 
zu Theleme, das er in die zweite Ausgabe 
seiner Geschichtklitterung 1582 (Aislebens Neu¬ 
druck S. 441—446) eingefügt hat. Dieses hohe 
Lied eines echten Bücherfreundes, auf das ich 
zum Schlüsse kurz hinweisen möchte, ist, wie 
sein treuherziger, ganz persönlicher Ton, die 
warme Freude und Begeisterung über die 
Bücherschätze erweist, zweifellos auch ganz 
persönlich empfunden und auf Fischarts eigenen 
Bücherbesitz gemünzt. Ist doch auch hier 
Gessners Tierbuch mit Namen genannt, das 
Fischart waidlich ausgenützt und ganz sicher 
besessen hat. 

„Gott grüss Euch, liebe Bücher mein!“ Mit 
diesem herzlichen Zuruf beginnt das Gedicht. 
„Ihr seid noch unversehrt und wohlerhalten, 
denn ich schone Euch sorgsam. Ich nehme 
Euch nicht gleich nach Tische vor, mit noch 
unsauberen Händen, ich netze nicht Eure Blätter 
mit nassen Fingern, und hebe Euch auf einen 
ruhigen sicheren Platz auf, wo Euch keine Ge¬ 
fahren drohen!“ — Hieran schliesst sich ein 
begeistertes Lob der Schriftsteller: 

O, jhr Scribenten wol erkant, 

Die jhr durch ewer Schrifft 

Berhuemt macht ewer Vatterland 

Vnd ewig Ehr euch stifft! 

Der Name guter Schriftsteller verwelkt nicht; 
unendlichen Segen schaffen ihre Werke, denn 


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Hauffen, Uber die Bibliothek Johann Fischarts. 3* 



Verkleinertes Schlussblatt der „Hieroglyphica" des Pierius 
mit Eintragungen von der Hand Johann Fischarts. 


sie verbreiten sittliche Anschauungen, sie rügen faltig die Verbreitung und den Einfluss guter 

böse Fürsten, sie lehren Gesetz und Rechte, Bücher gemehrt habe. 

sie verkünden Gottes Vollen, sie erzählen edle Hett Welschland disen Fund ergründ 

Thaten der Vorfahren und weisen kühnen See- Seins rhuemens wer kein end, 

fahrern den Weg in ferne Länder. Nun hats euch Teutschen Gott gegünt, 

Ja jeder guter Geist hie find Desshalb J n wo1 anwendt 

Was jn freut und erquickt Fürstlich sei es, grosse Büchersammlungen an- 

Im Zusammenhang damit wird „der löblich zulegen. (Fischart rühmt ja auch die Fugger 
Fund der edlen Truckerey“ gerühmt, die tausend- und die Medici wegen ihrer Bücherfreundschaft.) 


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32 


Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


Wäre der Dichter ein Fürst, dann müssten 
viele „solcher Zeughäuser der Weissheit“ ent¬ 
stehen. Zum Schlüsse ruft er die Musen an, 
sie mögen die Bücher vor ihren ärgsten Feinden, 
den Milben und Schaben, vor den Pergament¬ 
händlern und vor dem Ketzerfeuer behüten. 


Die Musen haben Fischarts Bitte zum Teil 
erfüllt und eine Reihe seiner Bücher vor 
der Vernichtung bewahrt. Es mag wohl die 
Muse Klio sein, der wir für die Erhaltung und 
Wiederentdeckung der Bücher unseren Dank 
und besondere Verehrung schulden! 


Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 

Von 

Ernst Schur in Friedenau-Berlin. 

I. 

Der gegenwärtige Stand. 


er Drang, die Gegenstände des äusseren 
Lebens, die uns umgeben, mit dem 
Stempel unseres Geistes, unserer Seele 
zu versehen, so dass sie erst von uns geschaffen 
und geformt erscheinen, ist allmählich auch 
dem Buch zugute gekommen. Der Zug zum 
Dekorativen, die kunstgewerbliche Richtung, 
hat endlich langsam, zuerst mit schüchternen 
Versuchen, ein Gebiet ergriffen, das bis dahin 
fast ganz brach gelegen: die Buchausstattung. 
Die Buchausstattung zerfällt ihrer Natur nach 
in äussere und innere. Was die eine zuviel 
bekommen hat, hat man der anderen genommen. 
Vor der Buntheit, die einem aus den Auslagen 
der Buchläden entgegensieht, möchte man oft 
die gepeinigten Augen schliessen; öffnet man 
aber ein Buch, das auf der Aussenseite die 
Signatur des modernen Ichs trägt, so hat man 
das alte Lied und das alte Leid wieder vor 
sich. Der Umschlag ist neu geworden; die 
Type ist, die alte geblieben. Noch nie ist 
jemand auf die so naheliegende Idee verfallen, 
eine neue moderne Type zu gestalten. 

Man ahnte wohl den klaffenden Widerspruch 
zwischen aussen und innen und suchte dem 
abzuhelfen; um den Kern der Sache ging und 
geht man herum. Der Illustrator verwandelt 
sich in den Dekorator, und Heine, Eckmann, 
Vallotton zeichnen ihre Vignetten, die das 
Innere des Buches modern beleben. Eine 
geistsprühende, prickelnde Zeichnung, die in 


die Nerven geht, steht ruhig neben den alten, 
ewig gleichen Typen, und jeden, der ein feines 
Gefühl für durchgebildete Harmonie des Ganzen 
besitzt, muss diese Stillosigkeit beleidigen. Hat 
man kein Gefühl dafür, wie lächerlich in einem 
modernen Interieur das Buch wirken muss, aus 
dem einem die ganze Ledemheit vergangener 
Jahrhunderte entgegengähnt ? — 

Die beiden Richtungen in der äusseren 
Buchausstattung, die ich die englische und die 
französische nennen möchte — die eine, mehr 
malerisch, setzt ein Bild auf den Deckel, die 
andere, mehr architektonisch, sucht durch An¬ 
ordnung der Typen zu wirken — haben nicht 
so auf das Innere eingewirkt. Als Ausfluss, 
Weiterbildung der malerischen ist es zu be¬ 
trachten, wenn man den Text unterbricht, 
abschneidet, kurz: verziert mit Zeichnungen, 
Vignetten. Diese Art, wie gesagt, ist mehr¬ 
fach angewandt worden, zumal da sie von der 
japanischen Kunst, die so viele Vorbilder dafür 
lieferte, wenn nicht angeregt, so doch neu 
belebt wurde. Auch ging man auf die alten 
deutschen, namentlich französischen Hand¬ 
schriften gern zurück. Hierbei blieb man stehen. 

Die englische Richtung ging weiter, aber 
nicht tiefer. Sie schuf zwar ein ganzes neues 
Bild aus Antiquarischem und Modernem ge¬ 
mischt, das aber krankhafte Keime in sich 
trug, wohl des einzelnen Sehnsucht zu be¬ 
friedigen imstande war, aber keine Gewähr für 



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Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


33 


die der allmählich doch heranreifenden All¬ 
gemeinheit entsprechende Fortentwickelung. 
So wunderbar die englischen Bücher als Ganzes 
wirken — sie sind nicht, wie sie die Menge, 
die Gesundheit verlangt. So sehr also W. Morris 
den einzelnen befriedigt, so weit entfernt er 
sich von einer naturgemässen Weiterentwicke¬ 
lung; in seinen Bemühungen liegt trotz vieler 
Anregungen etwas stagnierendes, etwas, das 
wie Traum, Flucht, Vergangenheit aussieht. 
Wenn ihm daher auch das Verdienst anzu¬ 
erkennen ist, dass er als erster sich dem 
Problem näherte, die Type zu erneuern, so 
muss man doch wieder betonen: sich genähert 
hat . Denn was er gab, war eine Wieder¬ 
erweckung alter Melodien, die von seiner Seele 
den Klang bekamen. Wenn er auch sich selbst 
seine Typen herstellte, mit Freude vertiefte er 
sich in die alten Codices und grub und grub, 
verband eigenes mit altem, dadurch wohl etwas 
Ganzes, aber nichts Neues schaffend. Seine 
Bücher — und nach ihm gehen die meisten 
in seinen Spuren — tragen den Stempel der 
Romantik: Flucht in die Vergangenheit; sie 
fuhren uns in das Mittelalter zurück, wecken 
Erinnerungen an Klöster, Burgen und Städte; 
eine klosterartige Stille breitet sich aus; wir 
sehen den Mönch mit Liebe über seinen Text 
gebeugt, und so haben die Bücher einen selt¬ 
samen Zauber in sich,‘wie etwas Verschlafenes, 
wie verirrte, suchende Jungfrauen. Wenn wir 
das Verdienst des Engländers formulieren 
wollen, so müssen wir sagen, dass er ein 
tüchtiger Pionier, dass er aber zu sehr Künstler, 
zu sehr Dichter war, um der Praxis zu dienen; 
seine Persönlichkeit, seine Wünsche, die nach 
Befriedigung und Erfüllung hungerten, waren 
mächtiger als seine Absichten. 

Von Morris und seiner Schule führt kein 
Weg weiter zu neuen Ergebnissen. Man ist 
bei dem alten stehen geblieben, rückwärts¬ 
schauend, ausbauend, ergänzend. So wurde 
der rückwärts gewandte Geist des Engländers 
für die Entwickelung ein Stillstand. Der Fort¬ 
schritt, der in seiner Richtung gegenüber der 
französischen lag, war der, dass er das Buch 
als etwas Ganzes betrachtete, das von A bis 
Z, will sagen vom Umschlag bis zur Mitteilung 
des Druckortes auf der letzten Seite, den 
Stempel der Einheitlichkeit an sich tragen 
musste; dass man dem Text nicht äusserlich 

Z. f. B. 98/99. 


etwas Schmückendes bald hier, bald da in 
holder Sinnlosigkeit zufugen dürfe, sondern 
dass das Innere des Buches sich organisch 
dem Ganzen einfügen, sich ohne Widerspruch 
aus dem Gegebenen herausentwickeln müsse. 

Der gegenwärtige Stand ist nun folgender: 
kurz bezeichnet, allgemeinste Hilflosigkeit; den 
Ausweg, die einzige Rettung sieht man in einem 
immer ratloser werdenden Eklekticismus. Man 
baut Stützen, vielleicht kostbarer Art, die das 
morsche Gebäude tragen sollen, wo ein nach ein¬ 
fachsten, natürlichen Grundsätzen gebautes neues 
Haus genügen würde. Franzosen, Engländer, Ja¬ 
paner, Mittelalter liefern Vorbilder, die man gern 
und sklavisch kopiert Bezeichnend für diese 
Epoche, in der wir uns jetzt befinden, ist, dass man 
energisch bestrebt ist, auf alle mögliche Weise 
um den Kernpunkt der Sache herumzugehen! 
Man schont mit ängstlicher Sorgfalt die Type, 
man sucht dem Buch im Innern die alte Starr¬ 
heit zu erhalten; nichts Auflösendes will man, 
keine freie, originelle Anordnung, nichts in 
neuer Gliederung gleichmässig Aufgebautes, 
von Anfang bis zu Ende Durchkomponiertes. 
Der Umschlag ist neu; ab und zu, wenn auch 
selten, spüren die Künstler die Notwendigkeit, 
das Vorblatt mit in den Bereich ihrer Thätig- 
keit zu ziehen; dann aber hat man immer das 
Gefühl, als wäre ihnen hier ein donnerndes 
Halt zugerufen worden; sie wagen sich nicht 
über die geheiligte Grenze. Ja — derjenige, 
der dann endlich den Bann brechen und, die 
Gesetze des Dekorativen auch im Innern an¬ 
wendend, dem toten Buchstaben Leben ein¬ 
hauchen, die starre Anordnung in ein lebendiges, 
dem sinnlichen Auge wohlgefälliges Spiel auf- 
lösen will, der begegnet allgemeiner Verständnis¬ 
losigkeit 

Man nimmt sich die Errungenschaften der 
Vorgänger, der Vorgänger, die doch als die 
ersten Anreger naturgemäss nichts Endgiltiges 
geben konnten, zu Herzen und sucht sich ihre 
Bemühungen zu nutze zu machen. 

Es entstehen nun Bücher, die sich an die 
Franzosen und an die Japaner anschliessen; 
um das beste zu nennen, Heine-Lindner „Die 
Barrisons“; oder man nimmt zu der Freiheit 
der Gruppierung die alte breite Holzschnitt¬ 
technik mit individueller Note und erinnert sich 
daran, was man aus dem Studium alter Hand¬ 
schriften gelernt hat, dass man früher nie eine 

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34 


Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


Bild-, sondern immer nur eine Flächenwirkung 
mit der Seite ausüben wollte; ich nenne 
Vallotton-Bierbaum „Der bunte Vogel" Doch 
ist letzteres wohl mehr auf Bierbaums, als auf 
des Franzosen Rechnung zu setzen, denn die 
Franzosen haben sich, soweit ich es übersehe, 
auf diesem Gebiete überhaupt nicht am Wett¬ 
bewerb beteiligt. Anders machen es wieder 
die Engländer. Folgen sie nicht den Bahnen, 
in denen William Morris und seine Schüler 
sich bewegten, so lassen sie kurz entschlossen 
und praktisch veranlagt überhaupt allen Schmuck 
und beschränken sich auf klaren, einfachen 
Druck, wobei sie manchmal durch originelle 
Anordnung ein treffliches Gesamtbild erreichen. 
Damit soll kein Urteil über die künstlerische 
Veranlagung beider Nationen gefällt sein. 
Thatsache ist nur und das soll hier festgestellt 
werden, dass die Engländer sich schnell in 
die Sachlage hineinfanden; vielleicht, weil sie 
weniger Eigenes hatten und darum sich dem 
Fremden um so bereitwilliger hingaben. 

In Deutschland vergass man Morris’ kühne 
That nicht. Man wagte sich an die Type 
heran. Druckereien, deren Besitzer Geld und 
guten Willen hatten, machten sich ans Werk; 
vielleicht auch nur guten Willen; denn die 
Mehrkosten muss der Verleger decken, der sie 
sich wieder bisweilen vom Autor bezahlen lässt. 
Man erfand, gestaltete also nicht neu, sondern 
grub alte, verschollene, vergessene Typen 
wieder aus. Weil sie unbekannt geworden 
waren, übten sie oft einen eigenen Reiz aus. 
Neben einem unpersönlichen Werk wie Sattlers 
„Rheinische Städtekultur" neben Fidus „Hohen 
Liedern", wo sich wieder die leidige Illustration 
bemerkbar machte, erschienen Bücher, gedruckt 
bei Drugulin, die eines eigenen, persönlichen 
Wertes nicht entbehrten. So war eine An¬ 
regung wenigstens benutzt worden. In seiner 
Ratlosigkeit und in dem Drange, dem ge¬ 


druckten Wort etwas Fremdartiges zu geben, 
das zur Betrachtung reizt, verfielen Dichter wie 
Steffen George und der Kreis, der sich um ihn 
schart, darauf, die Anfangsbuchstaben der 
Worte immer klein zu geben, Interpunktionen, 
wo sie überflüssig sind, wegzulassen, und sie 
haben den Zweck, den sie im Auge hatten, 
durch dieses Mittel, das ihnen die Verlegenheit 
eingab, wohl erreicht. Zu guterletzt übernimmt 
man von den Engländern die Kompositions¬ 
methode und verleiht so oft dem Bilde einer 
Seite je nach der Form eine gewisse, angenehm 
und fein wirkende Schlankheit oder Derbheit 
Doch ging man hierin weiter wie die Vorbilder 
und Hess sich mehr von künstlerischen Ge¬ 
sichtspunkten leiten. 

Man sieht, das dunkle Streben nach Er¬ 
neuerung ist überall vorhanden; am stärksten 
wohl in den germanischen Ländern, England, 
Deutschland; Belgien wird nicht hintenan 
bleiben, vielleicht durch die Vermischung ger¬ 
manischer und romanischer Elemente besonders 
begünstigt, wie es ja schon in mancher Hin¬ 
sicht ein glücklicher Vollender war. Morris 
hat man dem Anschein nach wieder vergessen. 
Dem Anscheine nach; denn in Wirklichkeit 
bleibt sein Erfolg unvergessen und wirkt still 
und gerade darum nachdrückHch bei den 
Künstlern nach, die Talent mit Intelligenz ver¬ 
binden. Denn wenn man heute schon Bücher 
sieht, wo der Künstler oder der Autor dem 
Drang nachgegeben hat, sein Werk durch¬ 
greifend zu gestalten, wenn Künstler wie Lechter 
sich nicht damit begnügen, dem Verleger den 
Umschlag zu liefern, sondern auch noch ein 
Vorblatt zu geben, so sieht man klar, dass In¬ 
tentionen, auf das Innere des Buches über¬ 
zugehen, um hier Wandel und Neues zu schaffen, 
wohl vorhanden sind. Von den Aussichten 
und Möglichkeiten, die sich da eröffnen, wird 
in meinem nächsten Aufsatz die Rede sein. 




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Neue Ex-Libris. 

Von 

K. E. Graf zu Leiningen-Westerburg in München. 


KrSjnRXe bereits im ersten Heft dieser Zeitschrift 
B^^iMfldes weiteren ausgeflihrt wurde, ist die 
TO v i erun deinhalb Jahrhundert alte Sitte, die 
Bücher seiner Bibliothek durch ein 
„ Bibliothekzeichen“ oder „ Ex-Libris “ zu sichern 
und zu schmücken, wieder vollständig in Aufnahme 
gekommen. Wird doch in Heft i der „Deutschen 
Ex-Libris-Zeitschrift“ 1898 nachgewiesen, dass, dank 
zahlreicher Artikel in deutschen Zeitschriften und 
speziell im Organ des Ex-Libris-Vereins , in den 
letzten vier Jahren in Deutschland, Österreich 


Ex-Libris Georg Wilhelm Heinrich Ehrhardt, 
gezeichnet von Emil Döpler d. J. 


und der Schweiz über 600 neue Ex-Libris ent¬ 
standen sind. 

Jeder Bücherfreund fühlt sich mit seinen Bücher¬ 
schätzen „eins“ und empfindet einen durch Ausleihen 
und Nichtwiederkehren hervorgerufenen Verlust 
tief, namentlich, wenn es sich um ein besseres, 
selteneres oder teures Werk handelt, das vielleicht 
nur schwer wieder angeschafft werden kann. Wer 
bei einem grösseren Bekanntenkreis oder regerer 
Benutzung seiner Büchersammlung durch gute 
Freunde und ungetreue Nachbarn beim Verleihen 
eines Buches nicht sofort den Namen 
des Entleihers mit dem Titel des Buches 
aufschreibt, wird sich erfahrungsgemäss 
oft schon nach ein paar Monaten nicht 
mehr genau entsinnen können, wem er 
dies oder jenes Buch geliehen hat 
Der Entleiher aber wird, wenn er nicht 
gerade in die Kategorie der professio¬ 
nellen Büchermarder oder in die der 
ganz Vergesslichen gehört, sich durch 
ein im inneren Vorderdeckel eines 
Buches eingeklebtes Bibliothekzeichen 
beim Aufschlagen des Werkes stets 
mahnen lassen: „Das Buch gehört ja 
dem N. N.; dem muss ich es nun 
endlich zurückgeben!“ So erfüllt das 
stumme und doch beredt erinnernde 
Bibliothekzeichen seinen Hauptzweck: 
den der Sicherung. Sein anderer 
Zweck, den der Schmückung des 
Buches, steht in zweiter Linie, ist aber 
deshalb nicht ganz nebensächlich; denn 
ein hübsch ausgeführtes Bibliothek¬ 
zeichen gereicht den Büchern einer 
grösseren oder kleineren Bibliothek 
immer zur Zierde und giebt noch 
kommenden Geschlechtern Kunde von 
der Bücherliebe, dem Wissensdrang 
und dem Geschmack des Ahnen. Wer 
kein Krösus ist, kann sich mit Zink¬ 
ätzung und Clich£ begnügen, wer aber 
viel für Bücheranschafiungen auszu¬ 
geben in der Lage ist, sollte auch etwas 
mehr für ein „besseres“ Bibliothek¬ 
zeichen übrig haben, d. h. nicht den 
üblichen, wohlfeilen (meist schreck¬ 
lichen) Dilettanten und die billigste 
Herstellungsart zu seinem Ex-Libris 
„benützen“, sondern sich an einen 
guten Künstler wenden und die Aus¬ 
gabe für eine Radierung, einen Kupfer¬ 
stich, eine Heliogravüre etc. nicht 
scheuen. In früherer Zeit gab man 
sehr viel auf Ex-Libris und liess sich 



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Graf zu Leiningen-Westerburg, Neue Ex-Libris. 



HJ/aLuschek. I8<}5 - 

Ex-Libris Heinz Tovote, 
gezeichnet von Hans Baluscheck. 


diese Kunstblätter auch etwas kosten. Die aus dem 
XVI., XVII. und XVin. Jahrhundert uns erhaltenen 
Bibliothekzeichen sind vielfach in den Arbeitsstuben 
berühmter Meister entstanden und zeichnen sich 
denn auch durch ihre Schönheit aus. Und noch 
heute werden in Amerika und England eine Menge 
Ex-Libris lediglich in Radierung und Kupferstich 
hergestellt; man zahlt dort oft 3—400 Mark für ein 
Blatt, d. h. für Zeichnung und Platte; nur unser 
Kontinent schwelgt im harmlosen Cliche. 

Ehedem verausgabte man viel Geld für kost¬ 
bare Leder-Einbände, namentlich in Frankreich — 
auch in dieser Beziehung steht es in unserer Zeit 
bei uns besser — also schrecke man nicht davor 
zurück, heutzutage etwas daran zu wagen, seine 
ans Herz gewachsenen Lieblinge auch im Inneren 
zu schützen und zu zieren, besonders mit etwas, das 
bleibenden Wert hat Man hat seine Freude daran 
und ausserdem den Nutzen davon, indem ausge¬ 
liehene und schon schnöde vergessene Bücher früher 
oder später doch zur heimatlichen Bibliothek zurück¬ 
kehren. 

Die hier abgebildeten Bibliothekzeichen sind in 
den letzten zwei Jahren entstanden und erbringen 
den Beweis dafür, wie mannigfach sowohl der 


Geschmack und die Motive der Grundidee sind, 
als auch wie verschieden solch ein Besitzzeichen 
ausgestattet werden kann. Stark einengende „Vor¬ 
schriften“ für ein Ex-Libris existieren kaum, ab¬ 
gesehen von den Gesetzen guten Geschmacks und 
gewisser Stilreinheit und Stileinheit Das Charakte¬ 
ristische für den Besitzer soll in den auf dem Blatte 
dargestellten Beziehungen auf seine Person, sein 
Studium, seine Lieblingsbeschäftigung und dergl. 
bestehen; der Besitzer ist die Hauptperson, nicht 
der mehr oder minder phaatasiereiche Zeichner; 
somit muss sich der letztere schon dem ersteren 
bezüglich der direkten Wünsche unterordnen. Trotz¬ 
dem kann der Zeichner auch seine Kunst zur 
Geltung bringen, einerseits durch individuelle Art der 
Auffassung und Ausführung der Zeichnung selbst, 
andererseits dadurch, dass er persönliche Vorschläge 
macht oder ein unruhig wirkendes „Zuviel“ in den 
gewünschten „Beziehungen“, eindämmt und be¬ 
schneidet, sowie das Blatt vor Überladung in der 
Zeichnung bewahrt. Ob das betreffende Blatt „alt¬ 
deutsch“ oder „modern“, genreartig oder rein 
heraldisch, landschaftlich oder figürlich ausgeführt 
werden soll, ist im grossen und ganzen gleichgültig; 
das hängt eben allein von der Wahl des Bestellers 
ab. Nur zwei Dinge sind zu vermeiden: die sog. 
„verrückte“ Idee, d. h. wenn einer gar zu sehr 
symbolisch wirken will — und eine hässlich-lieder¬ 
liche Zeichnung, alias ein genialseinsollendes Ge¬ 
schmier. 

Vor allzuviel „Altdeutsch“ in der Ausführung 
der Zeichnung ist auch zu warnen; wenn ein 



Ex-Libris Anton Wenig, 
gezeichnet von Bernhard Wenig. 


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Graf zu Leiningen-Westerburg, Neue Ex-Libris. 


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Zeichner des XV. und XVI. Jahrhunderts 
oft steife, eckige Figuren, hässliche Ge¬ 
sichter und dicke Linien etc. zeichnete 
und in Holz schnitt, so konnte es eben 
mancher von ihnen damals nicht besser. 
Es giebt zwar auch genug moderne 
„Künstler“, die nie „zeichnen“ gelernt 
haben, aber im allgemeinen ist doch der 
Stand der heutigen Zeichenkunst ein 
höherer, als vor drei und vier Jahr¬ 
hunderten, und daher sollten wir mehr 
Kinder unserer Zeit, statt Kopisten des 
früheren oft Unschönen sein. Wer unsere 
guten alten Meister wirklich studiert hat, 
weiss sehr wohl, was er von diesen an¬ 
nehmen kann und was er aus ihrer Zeit 
weglassen muss. Unüberlegt einfach 
nachmachen, hat weder Wert noch wird 
es allgemeinen und dauernden Beifall 
finden. 

Doch genug für heute; nur noch 
kurz eine kleine Besprechung der hier 
abgebüdeten, bisher nicht veröffentlichten 
Beispiele, um die Art und Weise zu er¬ 
klären, auf welche einzelne Beziehungen 
zum Ex-Libris-Besitzer ausgedrückt werden 
können. 

Die Gelehrtengestalt auf dem schönen 
Ehrhardtschen Ex-Libris — von Pro¬ 
fessor Emil Dopler d. J Hand — weist 
darauf hin, dass der Ex-Libris-Besitzer 
„Faustsammler“ ist; das oben ange¬ 
brachte Ehewappen ist reinen Stils und 
fehlerfrei und sticht wohlthätig von den 
vielerlei Missgeburten ab, die sich 
manche „Künstler“ unserer Tage kenntnis- 
und gedankenlos leisten, welche viel¬ 
leicht in ein Kostüm werk hineingeblickt 
haben, aber nicht bedenken, dassWappen, 
Schilde nnd Helme eben mit zur Tracht 





&$$$ Foton- 
Cobui^r-DtöoT 
Corner Ca^fon- 
manuftus. 


LBECKER.P' 


Ex-Libris Fedor von Zobeltitz, 
gezeichnet von Carl Leonhard Becker. 


vergangener Zeiten gehören. Faust sitzt in seinen Wenn auch in diesem Falle der ritterliche Wappen- 
Arbeitssessel, die rechte Hand auf dem Folianten, halter nicht Porträt ist, so Hesse sich in anderem 


die linke auf die Armlehne gestützt; das Auge Falle in gleicher Weise leicht ein sogenanntes 
bückt sinnend in die aufgehende Sonne der Porträt-Ex-Libris ausführen. — Das Ex-Libris ist 
Wissenschaft hinein. Zu seinen Füssen sieht man sehr hübsch, fein und geschmackvoll im Entwurf, 
den Himmelsglobus, ringsum Bücher, Kolben, sauber in der Zeichnung, anmutend in der Idee. 
Mörser—das ganze Arsenal eines mittelalterlichen Ludwig Jacobcnuskis Ex-Libris — von dem 
Gelehrten. vortrefflichen Radierer Hermann Hirzel in Char- 


Auf dem in drei Grössen, für Folio-, Oktav- 
und kleinere Bände gefertigten, im Original braun 
getönten Fedor von Zobeltitzschen Bibliothekzeichen 
— von dem der Berliner Kunstwelt wohlbekannten 
Kupferstecher Carl Leonhard Becker , der übrigens 
jetzt in Bonn lebt, gezeichnet — deuten die Masken 
oben auf die dramatische, Erntekranz und Sichel 
auf die landwirtschaftliche Thätigkeit des Besitzers 
hin, die Jahreszahl 1207 auf das erste urkundliche 
Vorkommen seines Geschlechts, die Bücher auf seine 
ütterarischen und bibliophüen Neigungen u. s. w. 


lottenburg, dessen Goldschmiedarbeiten nicht minder 
hoch geschätzt werden — zeigt die Verwendung von 
Motiven aus lyrischen Werken des Betreffenden; der 
Totenkopf im Monde hat Bezug auf Dichtungen des 
Ex-Libris-Besitzers, die Lyra auf seine Beschäftigung, 
die Blumen etc. auf seine Freude an der Natur. 

Das Bibliothekzeichen May von Feilitzsch — 
von Bernhard IVenig, einem sehr talentierten Künst¬ 
ler in Berchtesgaden — enthält ausser Monogramm 
und Wappenschüd (dieses leider aus heraldisch 
nicht guter Zeit) die Lieblingsblumen der Besitzerin. 


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3» 


Graf zu Leiningen-Westerburg, Neue Ez-Libris. 


Das Ex-Libris Anion Wenig 
— von seinem Bruder, dem 
eben genannten Bernhard 
Wenig — stellt einen schrei¬ 
benden Mönch dar, zum 
Zeichen, dass der Eigentümer 
des Buches Theologe ist; im 
Hintergründe ragt der heimat¬ 
liche Watzmann empor. Die 
Zeichnung lehnt sich in der 
Manier mit Glück an die 
Holzschnitttechnik der alten 
Meister an; der in das Missale 
vor ihm Noten einzeichnende 
Mönch ist ganz vortrefflich 
charakterisiert. 

Das Ex-Libris Otto Julius 
Bierbaum — von E. R. Weiss 
in Berlin, der auf dem Gebiete 
der modernen Illustration be¬ 
reits Vortreffliches geleistet 
hat — zeigt gleichfalls An¬ 
spielungen auf den Namen 
und die Thätigkeit des ge¬ 
nannten Schriftstellers: der 
Birnbaum deutet auf Bier¬ 
baum, die Rose blüht auf 
dem Felde der Poesie, die Eule ist die Verkörperung 
der Weisheit Derartig rein moderne Darstellungen 
würden aber besser nicht in einen alten Schild 
gesetzt. Doch ist sonst der Entwurf hübsch und 
von feinem künstlerischem Geschmack. 

Besonderes Interesse verdient das Bibliothek- 
zeichen moderner Richtung von Heinz Tovote in 


Berlin, sowohl wegen der 
Person des Besitzers, des 
bekannten Schriftstellers und 
Verfassers von „Fallobst“, 
„Mutter“, „Heisses Blut“ etc., 
als auch wegen der Eigenart 
der von den namentlich in 
letzter Zeit vielgenannten 
Maler Hans Balluscheck in 
Berlin herrührenden treff¬ 
lichen Zeichnung, welche 
Motive ausTovotes „Fallobst“ 
und anderen Schriften des 
Autors darstellt und behan¬ 
delt. Das Ex-Libris beweist, 
dass man sehr wohl statt 
allgemein gehaltener Heral¬ 
dik auch aus persönlicher 
Symbolik ein verständliches 
und geschmackvolles Ganze 
schaffen kann. 

Aus diesen wenigen Bei¬ 
spielen, denen später weitere 
folgen sollen, ersieht man, 
wie vielseitig ein Bibliothek¬ 
zeichen gestaltet werden kann; 
vielleicht lässt sich mancher 
Leser und Bücherfreund schon durch diese Zeilen 
zu einem eigenen Ex-Libris für seine Bibliothek 
anregen. An tüchtigen und ideenreichen Zeichnern 
fehlt es bei uns wahrlich nicht Der Herausgeber 
dieser Zeitschrift sowie der Schreiber dieser Zeüen 
(München, Amalienstrasse 51 d ) sind gern bereit, 
Auskünfte und Hinweise zu erteilen. 



Ex-Libris May von Feilitzsch, 
gezeichnet von Bernhard Wenig. 



K.R.W. 

•ri«- 

Ex-Libris Otto Julius Bierbaum, 
gezeichnet von E. R. Wein. 


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Kritik, 


Friedrich Wasmann . Ein deutsches Künstlerleben, 
von ihm selbst geschildert. Herausgegeben von Bemt 
Grötruold. München, Verlagsanstalt F. Bruckmann, 
Akt.-Ges. 

Zehn Jahre nach dem Tode des Künstlers — er starb 
1886—hat der bekannte nordische Maler Bemt Grönvold 
es unternommen, Friedrich Wasmann Geltung zu ver¬ 
schaffen, nachdem er durch einen Zufall viele Hunderte 
von Skizzenblättern von dessen Hand in einem Städtchen 
Tirols entdeckt hatte. Die Autobiographie befand sich in 
den Händen der Witwe, und aus ihren schlichten Zeilen 
blickt ein langes, ernstem Streben geweihtes Leben, 
doch sie verrät auch, woran 
es lag, dass Wasmann es trotz 
Fleiss und Begabung zu keiner 
besseren Stellung bringen 
konnte. Ich möchte mich 
hier nicht auf eine kurze 
Kritik des Rein-Äusserlichen 
beschränken, sondern zu- 
sammenhangslos , wie der 
karge Platz es befiehlt, ein¬ 
zelne Äusserungen hervor¬ 
heben, die mir für den Mann 
und seine Zeit charakteristisch 
zu sein scheinen, so z. B. seine 
Sehnsucht nach dem Norden 
mit seinen wilden Helden, die 
selbst im späteren Alter, als 
der sieche Leib den milden 
Süden und die müde Seele 
den Zauber des Katholizismus 
nicht mehr missen können, 
noch hier und da auftaucht 
und ihn an die ferne Heimat 
erinnert. 

Wasmanns leidenschaft¬ 
liche Liebe zu dem neuen 
Glauben, den er späterhin annahm, beeinflusst oft auch 
seine Rückblicke. Ein Beispiel sei mir gestattet. 
Wie jeden deutschen Knaben, suchten seine Lehrer 
auch ihn für den grossen Friedrich zu begeistern. Sein 
junges Herz flog dem Helden zu; er hält es jedoch für 
notwendig, gleichsam entschuldigend hinzuzufügen, dass 
„die Grossthaten Friedrichs II. und seine Religions¬ 
verachtung“ nur seiner Phantasie behagt hätten. An 
anderer Stelle sucht er die instinktive Naturverehrung 
seines Künstlersinnes als „unheiliges Religionsempfin¬ 
den“ zu verketzern. 

Im Hamburger Johanneum, dem ehemaligen 
Johanniterkloster, erhielt Wasmann seine wissenschaft¬ 
liche Ausbildung, und die Kreuzgänge und Zellen 
mögen wohl bei dem unreifen, zwischen Cynismus und 
Pantheismus schwankenden Jünglinge den ersten Anstoss 
zur späteren Konversion gegeben haben. Dass die 
„ismen“ keine Acquisition der Neuzeit sind und nur in 
der Reihenfolge wechseln, erfährt man in dem den 
Dresdner Studien an der Akademie gewidmeten Kapitel. 


Da heisst es u. A.: „Als Haupt der alten Schule galt 
Professor M., der in seinem grossen Bilde ,Tod des 
Kodrus* das höchste von anatomisch richtiger Zeich¬ 
nung erreicht hatte und auf höhere geistige Vorzüge 
wohl ebenso wenig Anspruch machen konnte, als 
noch jetzt die renommierte römische Kunst unter dem 
Cavaliere Camucini“ . . . 

Es ist bezeichnend, dass der junge Künstler, gleich 
wie er seinen Beruf nicht aus innerem Drang heraus, 
sondern auf Empfehlung seines Zeichenlehrers wählte, 
auch an dem froh-frischen, übermütigen Bohfcmetreiben 
der M usensöhne keinen Gefallen fand. Diesen korrekten, 
alltäglichen, grübelnden Cha¬ 
rakter spiegeln alle seine 
Arbeiten wieder. Auch von 
den meisten seiner asketi¬ 
schen, bevorzugten Freunde in 
Hamburg, den Malern Runge, 
Oldach, Spekter, weiss man 
kaum noch etwas. Ein Sti¬ 
pendium gestattet dem jungen 
Maler, in München weiter zu 
studieren, und seine Schilde¬ 
rung über die Einfachheit in 
Sitte und Sprache Isar-Athens 
verwundert uns schier. „Treff¬ 
liches Bier“, fährt er dann 
fort, „verlangt der Tage¬ 
löhner ebenso unverfälscht zu 
trinken, wie der Banquier, da 
es mit einem Stücke guten 
Brodes oft die einzige Nahrung 

der Armen ausmacht.“- 

„Der Tross der krassen Natu¬ 
ralisten (1829!!), welche die 
Natur so zu sagen auf die 
Leinewand kleben u. s. w.“, 
fanden schon damals keine 
Gnade vor den Augen der Zünftigen, die von Cornelius, 
dem Direktor der Akademie, in strengster Disciplin 
gehalten wurden und ein braves, gemütvolles, spiess- 
bürgerliches Leben führten. Als Wasmann 30 Jahre 
darauf wieder nach München kam, wehte freilich ein 
ganz anderer Wind, der ihm weit weniger gefiel. 

Sein kränklicher Körper nötigte Wasmann, das 
rauhe München mit Südtirol, „welches wenig in den 
Weltverkehr hineingezogen und fast nur von Münchner 
Malern durchstreift wurde,“ zu vertauschen. Im Sand¬ 
wirtshaus zu St. Leonhard sah er die Witwe Hofers, ein 
uraltes, schweigsames, tabakrauchendes Mütterchen. 
Wir folgen, ohne Bemerkenswerthes zu finden, dem 
Künstler nach Welschland hinein; nach Verona, Modena, 
zwischen Spionen und Aufrührern, auch nach Pisa, 
Livorno und Florenz, bis er endlich in Rom eine längere 
Station macht Doch erfahrt man mehr über Wohnung 
und Geselligkeit als über die Kunstströmungen, die 
zur Zeit Overbecks die Malerkreise der ewigen Stadt 
durchfluteten. Wasmann hält sich lieber zu den Dänen, 



EX LIBRI5 • 

LVPUlC JAC°G°WM v 1V 


Ex-Libris Dr. Ludwig Jacobowski, 
gezeichnet von Hermann Hirzel. 


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40 


Kritik. 


da sie „nicht so uneinig untereinander wären, wie die 
Deutschen“, doch macht er die Bekanntschaft Riedels, 
an dessen „Sakuntala“ und „Neapolitanischer Familie“ 
er das „erstarrend natürliche“ Kolorit des Mensehen¬ 
fleisches rühmt. Ferner die Bekanntschaft Overbecks, 
Cornelius und des Lechthaler Landschafters Koch, von 
dessen Sarkasmus sich manch’ Pröbchen erhalten hat 

Nachdem der junge Künstler sich allmählich ganz 
in Italien eingelebt, stiegen ihm, dem Protestanten, 
in der römischen Umgebung allerhand religiöse Skrupel 
auf, die merkwürdigerweise durch die Lektüre von 
Luthers Schriften noch genährt wurden, und unter der 
Leitung eines ihm von Overbeck, seinem angebeteten 
Meister, empfohlenen Kanonikus begann er, sich dem 
Katholizismus zuzuwenden. Leider kann man aus 
den eingefügten, meist nicht datierten Skizzen nicht 
schliessen, welchen Einfluss die wechselnde Seelen¬ 
stimmung auf die Kunst Wasmanns ausgeübt hat Mit 
seiner Firmung endet sein Stipendium, und er kehrt 
nach München zurück. 

Zum erstenmal steht der Künstler vor der Not¬ 
wendigkeit, Geld zu verdienen; Krankheit und Ver¬ 
lassenheit quälen ihn, bis er bei einer vornehmen, ver¬ 
armten Dame Unterkunft findet In dieser Zeit lernt er 
Clemens Brentano kennen, den er als sehr mitteilungs¬ 
bedürftigen, liebenswürdigen Sonderling schildert, der 
den reichen Ertrag seiner Schriften milden Stiftungen 
schenkte und, selbst höchst ärmlich lebend, Tag für 
Tag an seinem Lieblings werk, den „Visionen der 
Katharina Emmerich“ arbeitete. 

Eine grosse Schar interessanter Charakterköpfe 
drängt sich nun in die Autobiographie. Da ist Guido 
Görres, der Übersetzer der „Nachfolge Christi“ des 
Thomas a Kempis, Genelli, der Maler, und Stieglitz, 
der Träumer und Poet Auch Schelling liess sich in 
München hören und der Orientalist Windischmann, der 
später die berüchtigte Lola Montez so scharf heimsandte, 
als sie ihn zu ihrem Hauskaplan machen wollte und der 
bis zum Tode Wasmanns treuer Berater blieb. Die 
künstlerische Ausbeute jener an seelischen Einwirkungen 
reichen Zeit ist jedoch erstaunlich mager, und als auch 
der Verdienst abnimmt, pilgert der junge Künstler aber¬ 
mals nach Tirol und lässt sich in Meran nieder. Zahl¬ 
reiche Porträtaufträge helfen ihm ein gut Teil vorwärts 
und bringen gesellschaftliche Annehmlichkeiten mit 
sich; die Erinnerungen verwischen sich. Erst der grosse 
Hamburger Brand 1842 erweckt die Sehnsucht nach 
der langentbehrten Heimat in ihm, und seine nunmehr 
sorgenfreien Verhältnisse gestatten ihm, als glücklicher, 
erfolgreicher Mann vor den Seinen zu erscheinen, wenn¬ 
gleich seine Gesundheit bereits untergraben ist und er 
nicht mehr zu Fuss, wie ehedem, mit dem Ränzel auf 
dem Rücken wandern kann. Bald findet sich auch in 
Hamburg ein Kreis von Künstlern zusammen, Erwin 
Speckter und sein Bruder Otto, der bekannte Märchen¬ 
illustrator, der phantasiebegabte Kaufmann und die drei 
Gebrüder Gensler. Auch seine künftige Gattin gewinnt 
Wasmann, aber mehr und mehr tritt über persönlichen 
Erlebnissen meist religiöser Natur der allgemein inter¬ 
essante Spiegel jener ganzen Zeit zurück. Der Welt¬ 
bürger verschwindet völlig. Als er mit seiner jungen 


Frau zum drittenmal nach Meran zieht, hören wir 
auch nichts mehr vom früheren Überschwang der 
Naturbewunderung, und bald beherrscht selbstgefällige 
Frömmelei das Buch völlig. Man verstehe mich recht: 
ich spreche von Frömmelei, nicht von Frömmigkeit, 
vor der ich den Hut abziehe. 

Das, allerdings ausserordentlich splendid aus¬ 
gestattete Werk kostet 50 M. Der Inhalt der Autobio¬ 
graphie Wasmanns allein dürfte kaum solche Auslagen 
rechtfertigen, doch entschädigen die vielen und zum Teil 
sehr feinen Skizzen, welche eingefügt sind — die Re¬ 
produktion gemalter Porträts lässt ein Urteil nicht recht 
zu — für das jähe Versanden des Lebensbomes, der in 
den ersten Kapiteln so heiter sprudelt. Das Selbst¬ 
bildnis Wasmanns und die Porträts seiner Nächsten 
interessieren naturgemäss am meisten. Wasmann war 
ein fleissiger Künstler; seine Studienblätter bieten Stoff 
zu einer ganzen Galerie von Gemälden. Ja, einzelnes, 
der Kopf eines Ziegenbocks, das Haupt eines Mädchens 
z. B., sind von unverwelklichem Reiz. Eine lebensvolle 
Aktstudie erfreut mehr als die unzähÜgen Gewand¬ 
raffungen und Frauenzöpfe, die der Herr Herausgeber 
reproduzieren liess, 

Th. Th. Heine hat die Kapitelstücke und die 
Umschlagzeichnung entworfen; so reizend sie sind, so 
wollen sie doch nicht so recht zu dem Inhalt des Buches 
passen. Kirchenstillleben und Marterl, blutende Herzen 
und Altarkerzen wären mehr am Platz gewesen. 

Friedrich Wasmann mag ein guter, rechtschaffener 
und frommer Mann gewesen sein: ein echt „deutscher 
Künstler,“ wie der Titel des Buches ihn nennt, war 
er nicht. Trotz alledem wünsche ich, dass das 
Werk, das schon durch seine Ausstattung die Freude 
der BibUophilen erregen wird, Käufer finden möge. 
Nicht auf den Zeüen allein, sondern auch zwischen 
ihnen steht Manches, das interessant ist —k. 

Die praktischen A rbeiten des Buchbinders . Von Paul 
Adam. Mit 129 Abbildungen. Wien, Pest, Leipzig, 
A. Hartlebens Verlag. 1898. 

Der Verfasser des vorliegenden Werks ist Leiter 
der Fachschule für kunstgewerbUche Buchbinderei in 
Düsseldorf, also selbst ein Fachmann, und zwar einer 
von denen, die sich nicht nur in langjähriger Praxis 
einen glänzenden Namen erworben haben, sondern die 
sich auch bemühen, durch allgemein verständlich ge¬ 
haltene Schriften theoretisch fördernd zu wirken. Das 
neueste Werk Adams schliesst sich der Reihe seiner 
früheren Publikationen würdig an. Der Verfasser hat 
sich darauf beschränkt, nur die Arbeiten der reinen 
Buchbinderei zu berücksichtigen, soweit sie sich auf 
die Herstellung des Buchs für Verlag, Sortiment und 
Privatkundschaft und auf die Herstellung von Geschäfts¬ 
büchern beziehen, während die sogenannten Galanterie¬ 
arbeiten, die feineren Liebhabereinbände, Diplomrollen, 
Mappen etc. ausgeschieden wurden. Es sollte sich eben 
nur um ein Lehrbuch der handwerksmässigen Buch¬ 
binderei handeln; trotzdem wird man das Werk auch 


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Kritik. 


41 


für feinere Arbeiten zu Rate ziehen können, zumal diese 
vielfach in den Abbildungen Berücksichtigung finden. 

Wir können an dieser Stelle selbstverständlich 
keinen Auszug des Buches geben, da es sich lediglich 
um Fragen der Technik handelt Um aber eine Über¬ 
sicht des Stoffes zu gewähren, sei wenigstens etwas 
näher auf die Gruppierung hingewiesen. Die Einleitung 
enthält zunächst eine kurze Bibliographie derjenigen 
Spezialwerke, die sich mit den für die Buchbinderei 
notwendigen Stoffen befassen, dann eine eingehendere 
Besprechung der Stoffe zum Heften und Kleben, zum 
Schutze des Buchkörpers und zur Verzierung, sowie 
eine Skizzierung der nötigen Werkzeuge. Der erste 
Hauptteü behandelt die Herstellung des Buchkörpers. 

1. Die allgemeinen Vorarbeiten: Falzen, Kollationieren, 
Auseinandernehmen, Nachfalzen, Flicken u.s. w. 2. Die 
grundlegenden Arbeiten: Einsägen, Vorsätze, Heften, 
Leimen, also das Zusammenfügen des Buchblocks. 
3. Das Formen des Buchblocks: Beschneiden, Runden, 
Abpressen, Auf binden. 4. Buchschnitt und Kapital¬ 
verzierung: Gesprengter, gefärbter, Walzen-, Kleister-, 
Marmorier- und Goldschnitt; die Behandlung des Ka¬ 
pitals, d. h. der Ränder des Buchs und des Rückens, 
und des Kapitalbands. 5. Die Befestigung des Deckels 
am Buchblock und ihre verschiedenen Arten. Haupt¬ 
abschnitt 11 befasst sich mit der Herstellung des äusseren 
Einbands. Zunächst mit der Deckenverzierung, mit den 
Arbeiten an der Vergolderpresse (Blind-, Gold-, Färb-, 
Reliefdruck), der Behandlung angesetzter Bücher (Ein¬ 
hängen in Decken und Fertigmachen), mit der Hand¬ 
vergoldung und dem sonstigen Ausputz. Dies letztere 
Kapitel ist besonders umfangreich und auch für den 
Laien sehr interessant. Das Vergolden erfordert viel 
Geduld, Genauigkeit und langjährige Übung. Es ent¬ 
stand im XV. Jahrhundert aus der Technik des Blind¬ 
drucks, der bis dahin die äussere Buchverzierung 
beherrscht hatte. Noch schwieriger ist naturgemäss die 
Handvergoldung, zu der man sich der Rollen, Filete, 
Bogen und Stempel bedient. Der Laie kann sich 
schwer einen Begriff machen, welcher grossen Subtilität 
und manuellen Geschicklichkeit es bedarf, um eine 
tadellose Hand Vergoldung herzustellen. Der Rücken¬ 
druck speziell erfordert ein genaues Vorzeichnen und 
die Beachtung gewisser feststehender Regeln bei der 
Anordnung der Schrift; zahlreiche Abbüdungen er¬ 
leichtern auch hier das Verständnis. Kapitel 10 und n 
beschäftigen sich schliesslich mit der Herstellung von 
Geschäfts- und Schulbüchern und den „Aufzügen“ von 
Karten, Plakaten etc. 

Das Werk ist, wie gesagt, ein Lehrbuch des hand- 
werksmässigen Betriebs der Buchbinderei. Seine tadel¬ 
lose Vollendung wird der Kunstbuchbinderei immer 
vorangehen müssen. Auch darüber spricht der Ver¬ 
fasser in einem kurzen Schlusswort sich aus. Und noch 
ein sehr vernünftiges Wort fügt er an, das wir hier 
wiedergeben wollen, weü gerade in unseren Tagen der 
Kampf zwischen Alt und Jung auch in die Werkstätten 
der Buchbinder getragen worden ist. „Über den so¬ 
genannten Geschmack lässt sich bekanntlich nicht 
streiten, denn Geschmack ist meist Modesache, manch¬ 
mal Modethorheit Aber der denkende Handwerker 
Z. f. B. 98/99. 


soll sich über die Grundlage des Erlaubten und grund¬ 
sätzlich Verwerflichen innerhalb seines Faches klar 
sein; im übrigen kann er sich jeder Moderichtung an¬ 
passen ....“ —bl— 

« 

LArt dans la cUcoration extdrieure des livres en 
France et ä TEtranger. Les Couvertures illuströes, les 
Cartonnages d’Editeurs, la Reliure d’Art par Octave 
Uzanne. Paris, Sociötö fran$aise d'Editions d’Art, 
L.-Henry May. 1898. 

Herr Uzanne hat seirfer „Nouvelle Bibliopolis“ einen 
neuen starken Band folgen lassen, in dem er in grossen 
Zügen all’ das bringt, was über das Äussere des 
modernen Buches zu sagen ist. Es handelt sich um 
die augenblicklich beliebtesten Einbände im allgemeinen, 
um die „Esthötique de ses apparences“. Dem illu¬ 
strierten Buchdeckel ist die erste Studie gewidmet. 
Der Engländer, individuell bis zum Egoismus, hat auch 
am stärksten das Einzelschaffen in die praktische All¬ 
gemeinheit übertragen; wie er zuerst eine neue Archi¬ 
tektur bei seinen Wohnhäusern, prächtige Farben in 
seinen Zimmern anwandte, so geht auch von ihm und 
seinen transoceanischen Brüdern die grosse Neube¬ 
wegung in Bezug auf Deckelillustration, auf das ma- 
schinenmässige Binden aus. Erst das XIX. Jahrhundert 
konnte den Gedanken fassen, das Papier selbst zu 
schmücken. Die mittelalterliche Kunst verdrängte einst 
die ursprünglichen Holzdeckel durch Elfenbein und 
Gold. Reiche Edelsteine wechselten mit farbigem 
Schmelz; die Schliessen wurden zu wahren Schmuck¬ 
stücken. Neben getriebenen Platten aus Kupfer und 
Silber fanden gemalte Miniaturen berühmter Meister 
ihre Anwendung, durch leichte Scheibchen von Feld- 
spath geschützt 

Im XVI. Jahrhundert tauchten die ersten pappenen 
Deckel auf. Man überzog sie mit Schwanenhaut und 
später, auf eine aus Italien stammende Anregung hin, 
mit Leder. Hauptsächlich ist es das Kalbsleder, das 
auf feuchtem Wege granitiert, marmoriert, gemuschelt, 
gekerbt und an den Ecken mit kleinen phantasie- und 
bedeutungslosen Ornamenten versehen wurde. Der 
meist rote, seltener gelbe Schnitt wurde marmoriert 
oder mit feinen kleinen Zeichnungen unter Vergoldung 
versehen. Die Holländer bevorzugten weisses Velin 
oder Pergament mit nach innen gebogenen Rändern, 
die Deutschen färbten das gleiche Material grün und 
übersäten es mit Färb flecken. Der Titel auf den Rücken 
wurde entweder mit der Hand kalligraphiert oder in 
Gold gepresst. Alle Sorgfalt wandte man dem Fronti- 
spice, dem Titelblatt, zu. In der zweiten Hälfte des 
XVIII. Jahrhunderts vertauschte man den strengen 
Lederband mit dem Halbfranz und seinen Pappdeckeln. 
In Deutschland entstand der leichte biegsame Karton¬ 
deckel, den Pradel später zu hoher Vollendung brachte. 
Schliesslich kam man zum einfach auf die Broschüre 
geklebten Papierdeckel, da die Zahl der täglich er¬ 
scheinenden Flugschriften ein Einbinden unmöglich 
machte: graublaues, fahlgrünes, grobes Papier, ohne 
Titelaufdruck, nur als Schutzdecke gedacht. Die be¬ 
rühmten Kolporteure des vorigen Jahrhunderts brachten 


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42 


Kritik. 


diese Bändchen selbst in die Salons und Boudoirs und 
dienten gleichzeitig der politischen Polizei als viel¬ 
beschäftigte Spione. 

Um 1800 brachte Pierre Didot d. Ä. eine grosse 
Neuerung: das bunte Deckelpapier erhielt den voll¬ 
ständigen Titel des Buches und sein Frontispice; Perlen¬ 
reihen und Grequemuster folgten; Lefevre, Didot, 
Desoer führten die Philosophen des XVI 11 . Jahrhunderts 
in dieser Ausstattung ein. Auch die folgende Gene¬ 
ration: Rapet Blaise d. Ä., Panckoncke und Renouard 
bringen wenig Neues, doch ahnt man schon die antiki¬ 
sierende Periode mit Helm und Schwert, die durch 
Lavocad so charakteristisch zum Ausdruck gebracht 
wurde. Zwischen 1815 und 1830 erschienen im Palais- 
Royal, dem Mittelpunkt des Buchhandels, Broschüren 
der Firmen Dentu, Delaunay, Chaumerot u. a., deren 
seltene Farben und Zierleisten die Blicke auf sich zogen. 
Zunächst waren es die Romantiker, deren Bücher im 
neuen Kleide erschienen: Tony, Johannot, Boulanger 
warfen leichte Zierlinien auf die Aussenseite; daneben 
finden wir den gotischen, sogen. Kathedralstil, und häufig 
auch Skelett- und Schädelmotive. 

Um die Mitte des Jahrhunderts feierte der Holz¬ 
schnitt seine Triumphe unter Granville, Gavami, Dau- 
mier u. a.; Balzacs, Dumas’, Brillat-Savarins Werken 
kam er zugute. Doch wurde solche Auszeichnung nur 
den Auserlesenen zu teil, die grosse Masse blieb unge- 
schmückt, so wie es heute noch die gelben Bände 
Charpentiers zu 3,50 Fr. sind. Während des zweiten 
Kaiserreichs bereiteten Dorü, Daumier, Norin, Beau¬ 
mont in ihren die Sitten charakterisierenden Skizzen 
den heutigen Buchumschlag vor, doch kam der grosse 
Aufschwung erst nach dem siebziger Krieg, als Chüret, 
Steinlen, Mucha ihr Talent von der grossen Mauer¬ 
anzeige auch auf die kleine Deckelaffiche des Buches 
erstreckten. Die Farbenpracht und Originalität ziehen 
die Blicke auf sich, und das grosse Publikum beginnt 
sich vor den bunten Auslagen zu stauen. 

Dieser koloristischen Polyphonie widmet Uzanne 
hauptsächlich sein Buch, doch schliesst er diejenigen 
Bände aus, deren farbige Flächen nur durch eine magere 
Vignette, ein Druckerzeichen, eine schwarz und rote 
Titelanführung geschmückt sind, sowie auch die wunder¬ 
voll bearbeiteten Üni-Papiere mit ihren Moirierungen 
und Streublümchen, Damascierungen und Ledemarben, 
Seiden- und Leinenimitationen, die das Herz des Bücher¬ 
freundes erfreuen, um sich speziell dem seinem Inhalt 
gemäss dekorierten Buche zuzuwenden. 

Er erzählt, wie als erste derartige Werke die „Ca¬ 
prices d’un BibliophÜe“ von Bellanger und „Le Bric-ä- 
Brac de l’Amour“ von Perret auf seine Anregung hin 
mit einem ülustrierten Deckel versehen wurden, und 
wie ihm der Versuch, zwei Farben anzubringen, gerade¬ 
zu als Tollkühnheit angerechnet wurde. Zu Beginn 
der achtziger Jahre ergriff dann ein wahrer Taumel 
die Buchhändlerwelt; jedes Genre von Drucksachen 
erhielt sein buntes Bild. Da waren die Pamphlete 
Jogand Pagfcs (der unter dem Namen Leo Taxil noch 
kürzlich so viel Schmutz aufgewühlt hat) mit cynischen 
Bildern, daneben die frivolen Pikanterien Sylvestre- 
scher Art, von Nachahmern Ropsscher Nacktheit mit 


schwarzen Strümpfen bekleidet, neben ernsteren Werken, 
Reisebeschreibungen, Monographien, so gross und 
schwer, dass es eine förmliche Arbeit war, sie zu 
heben. Gleichzeitig erschienen Luxusausgaben der 
graziösen Romane des XVIII. Jahrhunderts mit ihren 
muschligen Ornamenten und allegorischen Amoretten 
und auch eine kleine Anzahl moderner Romanschrift¬ 
steller, wie Zola, Daudet, Maupassant, Bourget. Der 
Orient begann grossen Einfluss zu gewinnen. Mit 
tausend reizenden Dingen kamen auch Arbeiten Ho- 
kousais und Ontamaros aus Japan ins Abendland und 
wurden zahlreich nachgeahmt. Andrerseits stiftete die 
leidenschaftliche Anerkennung, die Ch^rets und Grassets 
Plakate fanden, eine förmliche Schule. Bald bildeten 
sich Extreme; die einen proklamierten die Silhouette 
(imagerie), die andern die Umränderung(vitrail). Heute 
werden beide Arten vereint oder eine der unzähligen 
dazwischen liegenden Schattierungen mit gleichem Er¬ 
folge angewandt Völlige Anarchie herrscht in Bezug 
auf die Technik; Aquarell und Gravierung, Tusche und 
Kreide, F arben und Silhouetten werden gemischt Auf das 
Typische in der Erscheinung allein ist das Augenmerk 
gerichtet, sei's anekdotisch oder symbolisch, schwarz 
oder polychrom. Die Künstler haben sich mit den 
Reproduktionstechnikem in Verbindung gesetzt und 
beherrschen ihr Ausdrucksvermögen mehr als je. Der 
Photographie ist nur eine Vermittlungsthätigkeit ein¬ 
geräumt worden; sie dient bei der Heliogravüre, Hoch¬ 
schnitt und Tiefschnitt, auf Zink oder Kupfer, bei der 
Phototypie und Photolithographie neben den andern 
Reproduktionsarten: dem Holzschnitt, dem Stich, der 
Radierung, dem Kupferstich. 

Zahlreiche Buchdeckel illustrieren die verschiedenen 
Techniken, einige treffende Worte kennzeichnen die 
leitenden oder weniger bekannten, jedoch originellen 
Künstler. Sie alle zu erwähnen würde uns zu weit 
führen. Giraldon, Grasset, Steinlen, Vallotton, Robida, 
Caran d’Ache, Norin, Willette sind uns ja liebe Be¬ 
kannte. Avril, Auriol u. a. fangen auch diesseits des 
Rheines an, sich Freunde zu erwerben. Rops und Mucha 
werden bei uns beinahe noch mehr geschätzt als da¬ 
heim. Von vielen der jüngeren Künstler, z. B. von 
Rysselberghe und Vidal, hat auch unsere Zeitschrift 
Reproduktionen gebracht. 

Der kurze Abschnitt, der Deutschland gewidmet 
ist, erwähnt lobend Sattler — zugleich mit unserm Blatt, 
dem ein Vollbüd eingeräumt worden ist — Hirzel, 
Eckmann, Heine, Weiss, Fidus und tadelt ein paar 
unbekannte Grössen von geringem Geschmack. 

In England dominiert natürlich Walter Crane, doch 
kommen auch Leute wie Beardsley, Caldecott, Greena- 
way, die beiden letzteren besonders als Kinderbuch¬ 
illustratoren, Kemble, Patten Wilson zu Wort. Von 
Amerika kennen wir freilich mehr und bessere Künstler, 
als die von Uzanne angeführten, und auch Belgien ist 
mit Rysselberghe und Combaz nicht erschöpft; die 
Schweiz, Spanien, die nordische Halbinsel, Ost-Europa 
fehlen ganz, und doch beginnt auch in „Halbasien“ sich 
frisches Leben zu regen, das einer Berücksichtigung 
w ohl wert wäre. 

Die fabrikmässige Bindekunst behandelt der nächste 


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Kritik. 


43 


Abschnitt, der freilich manche Wiederholung bringt. 
Während bei der Handbinderei das gebundene Buch 
dekoriert wird, stellt die maschinelle Binderei die Deckel 
im grossen her, und man überzieht die Bücher dann; 
freilich nähert sich die erste, sehr mühsame Art weit 
mehr der Kunst. Als Datum der Anwendung der Leine¬ 
wand als Deckmaterial nennt Uzanne das Jahr 1818, 
und zwar waren es Engländer oder Amerikaner, von 
denen dieser praktische und geschmackvolle Einband 
ausging; allerdings trug zunächst der Rücken ein weisses 
Papierschildchen mit Titel. Bei einer 1833 erschienenen 
Byronausgabe in 17 Bänden benutzte man zuerst den 
Golddruck für den Titel. Nur wenige französische Buch- 
binderfirmen aus dem Anfang unseres Jahrhunderts sind 
noch bekannt. Engel, Len&gre, Magnier haben allein 
ihr Gewerbe beherrscht, wenn auch der gute Geschmack 
etwas hintenangesetzt wurde bei dem Strom von Gold 
und Rot, der sich über die Büchermenge ergoss. Auch 
Souze hat mit seinen tinten - typographischen Ver¬ 
zierungen und Goldverschwendungen viel verbrochen, 
doch sind die nüchterner gehaltenen Werke, wie das 
Buch Ruth, Goethes Frauen, die Evangelien u. s. w., 
nicht ohne Interesse. In jener Zeit massloser Geschmack¬ 
losigkeit zeichnete sich Hachette durch leidliche Vor¬ 
nehmheit aus; in den letzten 15 Jahren hat Giraldon 
wohl an hundert reizende Entwürfe für Hachette ge¬ 
liefert, welche über vieles Zeitgenössische hinwegragen, 
weil sie vom Künstler im Material selbst entworfen 
wurden. 

Der Engländer liebt zum Lesen fertige, d. h. auf¬ 
geschnittene, gebundene Bücher. Die schon 1822 im 
Gebrauch vorkommenden Leinewanddeckel wurden erst 
15 Jahre später mit Gold geschmückt Leider hatte 
man die Gewohnheit angenommen, eine der schwarz- 
weissen Illustrationen des Textes in Gold auf dunklem 
Grunde auf den Umschlag zu setzen. Jetzt hat man 
einen geschmackvollen Mittelweg gefunden, der be¬ 
sonders durch Fisher Unrin in seiner Pinafore-Sammlung 
Dents Neudrucke vertreten wird. Die Herren Gleeson 
White, Bradley und Ricketts stehen an der Spitze der 
originellen Verwender des Kartons. Natürlich hat man 
neben der Leine wand auch mehr oder weniger gelungene 
Versuche mit Baumwolle, Kattun und allerhand Seiden 
gemacht. 

Die zweite Hälfte des Buches handelt von Kunst- 
einbänden und Einbandkünstlern. Wir hören, dass sich 
in der assyrischen Abteilung des British Museums Terra- 
cottaeinbände vorfinden, und dass im alten Rom die 
Berufsarten eines „glutinator“ und eines „bibliopegus“ 
denen unserer Buchbinder nahestanden. Sie klebten 
die Papyrus- und Pergamentblätter aneinander und 
rollten sie auf Edelholzstäbchen, deren Knäufe geschnitzt 
waren. Feste rote Lederriemen, seidene Bänder, pur¬ 
purne Hüllen schützten die Rollen, die häufig mit 
duftendem Cederöl gegen den Wurmfrass getränkt 
waren. Schon in Griechenland kannte man die Form 
des flachen Bandes und wandte sie im Mittelalter viel¬ 
fach für Kirchenbücher an. In den Bibliotheken burgun- 
discher Fürsten fand man kostbare mit gestickten und 
gewebten Seidenstoffen bezogene, durch Gold und Perlen 
geschmückte Bände, deren „fermoüers“ oder Schliessen 


— manchmal vier an der Zahl — besonders reich 
waren. Auch goldene Papiermesser und seidene Lese¬ 
zeichen benutzte man. Bis zur Hälfte des XV. Jahr¬ 
hunderts war die Bindekunst ausschliesslich mönchisch 
und schöne Einbände das Monopol der Edelleute, 
welche ihre Künstler nur für sich arbeiten liessen. Später 
wurde das Gewerbe durch mancherlei Vorrechte be¬ 
schränkt. So kam das Buch, nachdem der Binder die 
Holzdeckel bezogen und mit Eisendruckarabesken ge¬ 
ziert, direkt in die Hände der Goldschmiede, welche allein 
das Recht hatten, kostbare, perlengestickte Gewebe und 
Emaillen anzubringen. Darauf wanderte es zum Binder 
zurück, der es mit leichtem Leder- oder Seidenfutteral 
versah, um es vor Staub zu schützen. Im XVI. Jahr¬ 
hundert erschienen die Pappdeckel, die, mit Pergament 
bezogen und mit reizvollem Goldomament bepresst, 
auch dem Bescheideneren zugänglich wurden. Aldus 
führte handlichere Formate ein, die den Folioband 
ersetzten. Aus jener Zeit ist uns nur der Name des 
Vicenti Filius überkommen. Bis zur Zeit Franz I. er¬ 
schienen die Einbände anonym. Die Buchhändler, wie 
Vörard, Lenoir u. a., besorgten ihren Kunden den Ein¬ 
band, doch haben einige, z. B. Roffet, le Faucheux, 
auch selbst eingebunden. Ausser dem nicht doku¬ 
mentarisch nachweisbaren Gascon oder Gigon, sind die 
ersten Binder Frankreichs die feve, Nicolas und Clovis, 
gewesen, welche Ende des XVI., Anfang des XVII. 
Jahrhunderts Hoflieferanten des Königs waren. Ihnen 
folgt eine grosse Reihe bekannter Namen: Pigorreau, 
Ruette, Michon u. a.; Boyet und du Seuil schlossen das 
Jahrhundert. Das folgende Säculum wurde zunächst 
von den Dynastien der Padeloups und Derömes, je 12 
und 14 von beiden, und ihrer Vorliebe für das Maroquin 
beherrscht. Die Revolution räumte gründlich damit 
auf. Phrygische Mützen und Liktorenbündel ersetzten 
die Lilien, Papier das Vollleder, Massenbehandlung das 
liebevolle Individualisieren. Bozöriau führte dann zu 
Beginn unseres Jahrhunderts den schrecklichen neu¬ 
römischen sogen. „Pompier“-Stil ein; seinem Schüler 
Thouvenin war es Vorbehalten, den zierlich verschnör¬ 
kelten gotischen Ogivalstil zu bringen, der viele Freunde 
gefunden hat. Trautz-Bauzonnet, David, Lortic u. a. 
waren ausgezeichnete Binder nach ihm; sie liehen aus 
allen Stüen, doch Neues brachten sie nicht Gegen 
das Jahr 1880 gab es einen Binder, der dem Neuen, 
Symbolischen entgegenseufzte: Amand; nur wenige 
Bibliophilen unterstützten ihn, die meisten wandten ihm 
entsetzt den Rücken. Doch seine Schule wirkte; bei 
der 1889 er Ausstellung nahm die neue Technik schon 
einen Ehrenplatz ein. An der Spitze der Schar der 
Gemässigten marschiert Marius Michel, der bei allem 
Geschmack und Fleiss doch immer ein wenig Pedant 
bleibt Zur gleichen Gruppe ist auch Mercier, Cazins 
Nachfolger, zu zählen, der Meister der „petits fers“ und 
Goldlinien; er hat sich in Maylaender und Ghyssens 
würdige Schüler herangebildet Auch L£on Gruel, 
Marcelin Lortic, F. David gehören dazu. Eine zweite 
Gruppe, Uzanne nennt sie Evolutionisten, von 1890 
bilden Pötrus Ruban, Charles Meunier, Lucien Magnin 
aus Lyon, Raparlier u. a. Noch eine dritte Gruppe 
existiert, die der regelverachtenden freien Bindekünster, 


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44 


Kritik. 


deren bekanntester Ren 6 Wiener in Nancy ist Dann ist 
ferner zu nennen Lepfcre, der geschickte Xylograph, An¬ 
toinette Wallgren, die unendlich zarte Reliefs bossiert, 
Mdme. Waldeck-Rousseau, welche das Ledertreiben, 
Mdme. Rollince, welche die Pyrogravüre bevorzugt. 
Unter den Eglomisten und Emaillisten sind M. G. Meier, 
Roche und Charpentier die bedeutendsten. 

Uzannes Mitteilungen über den Künstlereinband im 
Auslande sind an anderer Stelle schon ausführlicher 
und umfassender niedergelegt worden; sie erschöpfen 
naturgemäss das weite Gebiet nicht. Die ungeheure 
Anzahl von Illustrationen jeder Art und Technik von 
Bucheinbänden, die Uzannes Buch eingefügt sind, geben 
jedoch ein ziemlich deutliches Bild des augenblicklich 
herrschenden Geschmackes, und das hat ja der Ver¬ 
fasser beabsichtigt. Das Werk ist vortrefflich aus¬ 
gestattet; die Couvertüre entwarf Lovis Rheade. Als 
echter Uzanne, mit allen von ihm beliebten Intimitäten, 
Vorzügen und Oberflächlichkeiten, hat es so rasch Ab¬ 
nehmer gefunden, dass es jetzt schon im Buchhandel 
vergriffen ist. K. R. 

j® 

Queen Victoria by Richard R. Holmes , Librarian 
to the Queen. Illustrated from the Royal collections. 
Boussod Valadon & Co. London. 

Auf das Erscheinen des obigen Werkes wurde 
bereits früher an dieser Stelle aufmerksam gemacht. 
Mr. R. Holmes, der Bibliothekar der Privatbücher¬ 
sammlungen der Königin, hatte bei der Abfassung der 
Biographie einen schwierigen Stand, weil seine Arbeit 
durchweg einen halbamtlichen Charakter nicht ver¬ 
leugnen konnte. Die Verantwortung war auf der einen 
Seite eine bedeutende, während umgekehrt seine Frei¬ 
heit eine sehr beschränkte blieb. Er durfte weder 
angreifen, noch verteidigen, weder Motive analysieren, 
noch Handlungen kritisieren, weder die Charaktere der 
Lebenden untersuchen, noch auf die der Verstorbenen 
Streiflichter fallen lassen. Als Entschädigung hierfür 
konnte er Thatsachen aus erster Hand erfahren, und 
unrichtige Erzählungen mit peinlichster Genauigkeit 
berichtigen, sowie endlich in allen kleinen Dingen die 
ungeschminkteste Wahrheit sagen. Dies trifft vor allem 
zu für die Jugendzeit der Königin Victoria. Für diesen 
Lebensabschnitt der Regentin muss das Buch als ein 
unentbehrliches bezeichnet werden. Die Grundlage für 
das Werk bildet das Tagebuch der Königin, das in sorg¬ 
samster Weise bis auf den heutigen Tag von ihr selbst 
fortgeführt wurde. Die Königin hat auch unter dem 
stärksten Drang der Geschäfte ihre Jugendliebhabereien 
niemals gänzlich aufgegeben. In den letzten fünfzehn 
Jahren hat z. B. die Königin mit Signor Posti ebenso 
musiciert, wie sie es früher mit Mendelssohn that. 
Auch heute noch skizziert sie überall, wo sie hinkommt, 
ihre landschaftliche Umgebung. Ihre Lehrer in diesem 
Fache waren Westall, Landseer und Lear. In der 
Radierung nahm die Königin seit 1847 Lehrstunden 
bei Leith und in den letzten zwölf Jahren bei Mr. Green. 
Ihre Lieblingsdichter sind Shakespeare, Scott und 
Tennyson, während von Romanschriftstellern, oder 
besser gesagt, Schriftstellerinnen begünstigt werden: Jane 


Austin, Charlotte Bronti, die Eliot und Mrs. Oliphant. 
Den Verlust der Letzteren empfand sie besonders 
schmerzlich. Mr. Holmes zeigt uns, dass die Königin 
ferner gründlich in der deutschen und französischen 
Litteratur zu Hause ist. EndÜch bekundet die hohe 
Frau ein ausserordentliches Interesse für indische 
Bücher. Die Illustrationen stellen die Königin in allen 
Lebensaltern dar; es befinden sich darunter auch vor¬ 
treffliche Photogravüren nach ihren Porträts von Winter¬ 
halter. Mr. Thomson hat die zu reproducierenden 
Porträts, Bilder und Kunstgegenstände ausgewählt, zu 
welchem Zwecke ihm sämtliche Schlösser u. s. w. zur 
Verfügung standen. — s. 

Les Itnprimeurs de tissus dans leurs re/afions 
historiques et artistiques avec les corporations par 
R. Forrer. Strassburg, bei Ch. Muh & Co. 1898. 

Der innige Zusammenhang zwischen Zeugdrucker 
und Buchdrucker, den Forrer in seiner vortrefflichen 
Studie klarlegt, erlaubt uns, einiges aus dem Heftchen 
an dieser Stelle zu reproduzieren. 

Schon Plinius spricht in seiner Abhandlung: „De 
vestium pictura“ von der Geschicklichkeit der alten 
Egypter, Stoffe mit Mustern von zweierlei Farben zu 
versehen, und zwar scheint man die auszusparenden 
Muster in einer lehmigen oder wachshaltigen Masse 
aufgetragen und nach dem Färben des Grundtones 
durch Entfernen des Breis hell erhalten zu haben. Auch 
fand man in den Nekropolen von Achmim und Sakkarrah 
zwischen zweifarbig bedruckten Zeugen in Holz ge¬ 
schnitzte Druckerstempel. Forrer hat genauere Studien 
hierüber in seinem 1894 in Strassburg erschienenen 
Buche: „Die Zeugdrucke der byzantinischen, roma¬ 
nischen, gothischen und späteren Kunstepochen“ ver¬ 
öffentlicht Die Färberkunst blühte im Orient, besonders 
in Persien, wo man die Färbereien „Christuswerkstätte“ 
nannte, danach der Sage Christus ein Färber gewesen sein 
soll; dort fanden europäische Reisende die vergessene 
Kunst im XVII. Jahrhundert und brachten sie nach 
Deutschland. 

Doch versuchte man auch in Europa schon im 
frühen Mittelalter die teueren gewebten Musterstoffe 
durch billigere bedruckte zu ersetzen. Man bestreute 
mit klebriger Flüssigkeit nachgezogene Linien mit Gold 
und Silber, um Brokat herzustellen. Ein Manuskript 
des XV. Jahrhunderts, das man im Katharinenkloster 
zu Nürnberg fand, beschreibt diese Technik ausführlich. 
Auch die Luxusgesetze erwähnen diese Druckstoffe als 
unerlaubt. Auch die kleinen, stets hölzernen Drucker¬ 
stempel entwickelten sich bei zunehmender Fertigkeit, 
so dass man riesige Wandbehänge, z. B. die „Tapisserie 
von Sion“ im Baseler Museum u. a. aus dem XIV. und 
XV. Jahrhundert kennt. Heraldische, romanische 
und freierfundene Muster wechselten mit einander. 
Die allgemeine Üppigkeit der Renaissance führte einen 
Stillstand in der Zeugdruckerei herbei; nach dem 
30jährigen Krieg belebte sie sich neu, und es wurde 
Mode, weisse leinene Kleider zu tragen, deren Ränder 
von schwarzen gedruckten Spitzen eingefasst waren. 
Ein Nürnberger Manuskript vom Ende des XVII. Jahr- 


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< / nwnhang zwischen 7 r 
r Mi Forrer in seiner • 

.■ 1 >v t . 1 u.-bt uns, einiges aus d* 
reproduzieren. 

. - Bhnius spricht in seiner Abhandaa 
- {ivliira 1 von der Geschickliehkeit d* . 

Motte mit Mustern von zweierlei Fa. o- 

• ..en. und zwar scheint man die auszuspat' 

* r »n einer lehmigen oder wachshaltigen 

i ! <n und nach dem Farben des Grim'g 
• . %?nen des Breis hell erhalten zu haben. A 

■ • . .• afi ’u den Nekropolen von Achmim und Sakkar’ eh 
. 1, - 'an zweifarbig bedruckten Zeugen in Holz 
s« hrntzte Druckerstempel. Forrer hat genauere Studien 
hierüber in seinem 1894 in Strassburg erschienenen 
Buche: ,,Die Zeugdnicke der byzantinischen, rom 1* 
nischcn, gothisclun und späteren Kunstepochen“ ver 
öffentlicht. Die Färberkunst blühte im Orient, besonders 
in Persien, wo man die Färbereien ,,Christuswerkstätte“ 
nannte, danach der Sage Christus ein Färber gewesen sein 
soll; dort fanden europäische Reisende die vergessene 
Kunst im XVII. Jahrhundert und brachten sie nach 
I Deutschland. 

Doch versuchte man auch in Europa schon im 
frühen Mittelalter die teueren gewebten Musterstoffe 
dun h billigere bedruckte zu ersetzen. Man bestreute 
mit klebriger Flüssigkeit nachgezogene Linien mit Gold 
und Silber, um Brokat herzustellen. Ein Manuskript 
des XV. Jahrhunderts, das man im Katharinenkloster 
zu Nürnberg fand, beschreibt diese Technik ausführlich. 
Auch die Luxusge-erze erwähnen diese Druckstoffe als 
unerlaubt. Auch die kleinen, stets hölzernen Drucker* 
Stempel entwickelten sich bei zunehmender Fertigkeit, 
so da^s man riesige Wandbehängc, z. B. die ,.Tapisserie 
von Sion“ im Baseler Museum 11. a. aus dem XIV. und 
XV. Jahrhundert kennt. Heraldische, romanische 
und freierfundene Muster wechselten mit einander. 
Die allgemeine Üppigkeit der Renaissance führte einen 
Stillstand in der Zeugdruckerei herbei; nach dem 
30jährigen Krieg belebte sie sich neu, und es wurde 
Mode, weissc leinene Kleider zu tragen, deren Rand< r 
von schwarzen gedruckten Spitzen eingefasst waren. 
Ein Nürnberger Manuskript vom Ende des XVII. Jahi* 


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Einband zu Sudermanns „Johannes“, 

entworfen und gezeichnet von Otto Eck mann (J. G. Cottasche Buchhandlung in Stuttgart). 


Zeitschrift für Bücherfreunde. 


Zu: Neue Einbände. 


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Chronik. 


45 


hunderts zeigt auch ein „Stoffdruckerwappen“, das in 
einer Wäschemangel besteht. Um diese Zeit lernte 
man die orientalische Technik des Aussparens kennen 
und gelangte während des folgenden Jahrhunderts zu 
einer geschickten Verschmelzung beider Arten. Neu 
erfundene Maschinen kamen dazu, so dass man eine 
unbegrenzte Zahl von Farben anzuwenden im Stande 
war. 

Die Zünfteordnung früherer Zeiten beschränkte jedes 
Gewerbe streng auf sich selbst. Sogar innerhalb der 
Färberei gab es Specialisten, als da sind Schwarz- oder 
Blaufarber, Seiden- oder Leinenfärber. Eine solche 
Einteüung liess sich aber bei den Zeugdruckem schlecht 
bewerkstelligen, denn der Zeugdrucker zeichnete, 
schnitt und gravierte selbst, auch bereitete er seine 
Farben und druckte eigenhändig. Diese Vereinigung 
sonst streng getrennter Handwerke führte zu vielen 
Streitigkeiten. Zunächst wurden die Zeugdrucker in 
Antwerpen und Wien, sowie auch in Italien allgemein 
der Malergilde zugeteilt. Eine sonderbare Ausnahme 
büdet Löwen, wo ein „prints-nydere“ sich 1452 weigert, 
unter die Tischler zu gehen. Eine zweite Ausnahme 
müssen wir für die Klöster machen, welche sich mit allen 
Handwerken zu befassen liebten. Wie sehr sie gerade 
die Druckerei pflegten, geht aus einem Nürnberger 
Manuskript des XV. Jahrhunderts hervor, das aus dem 
Katharinenkloster stammt, wo es unser sehr geschätzter 
Mitarbeiter, Herr Boesch, entdeckte, und das detailliert 
von der Kunst „mit Gold, Silber, Wollstaub und andern 
Farben zu drucken“ spricht. Die Maler, als Jünger einer 
freien Kunst, waren nicht gezwungen, sich einer Gilde 
einzureihen, doch schlossen sie sich freiwillig zusammen. 
Die Buchdrucker schlossen sich ihnen an, bis sie zahl¬ 
reich genug geworden waren, eine eigeneZunft zu bilden. 
Auch diese Buchdrucker haben vielfach Zeuge bedruckt, 


ja, waren zum Teü anfangs Stofffärber; erst später 
teilten sich die Gewerbe. So hat sich Schönsperger 
zu Augsburg, aus dessen Pressen der köstliche „Theuer- 
dank“ für Kaiser Maximilian hervorging, auch mit Stoff¬ 
bedrucken beschäftigt. Jörg Gastei betrieb in Zwickau 
und Glauchau neben seiner Buch-und Flugblattdruckerei 
eine schwunghafte Stoffdruckerei. Nach der Renaissance 
reihte man die Zeugdrucker den Tuchscherem ein, 
denen ihre Kunst thatsächlich am Nächsten stand. Ende 
des XVII. Jahrhunderts begannen die Augsburger 
Brüder Neuhofer zuerst die beiden Drucktechniken zu 
verschmelzen, doch da sie nicht selbst färben durften, 
mussten sie sich mit einem Färber associiren und, als 
das Geschäft sich ausdehnte, auch mit einem Tischler. 
Als sich nach einem Streite die Gemeinschaft löste, 
verbreitete sich das Geheimnis der neuen Kunst mit 
solcher Schnelle, dass man schon 1693 zum „Drucker¬ 
zeichen“ als Schutz gegen die Konkurrenz greifen musste. 
Gegen 1700 reihten sich nun die Zeugdrucker ganz der 
Gilde der Färber ein. Die Färbergewerkswappen 
jener Zeit weisen diese Einschaltung auf; hatten sie 
bisher nur Tuchrolle und Färberstab gezeigt, so w*aren 
ihnen nun Druckrollen und Holzschläger beigefügt. 

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
entstanden die grossen Fabriken der Peel in Church 
(England), der Oberkampf in Jouy, Schüle in Augsburg; 
Städte wie Mühlhausen und St. Etienne sind aus der¬ 
artigen Druckereien hervorgegangen. Die Industrie 
hat einen unermesslichen Aufschwung genommen, seit 
die Leinewand durch Baumwolle als Material ersetzt 
worden ist. In unserem Jahrhundert der Konzentration 
hat das Anwachsen der grossen Etablissements die 
kleinen Färber und Drucker fast überall vernichtet; mit 
ihnen aber endet die eigentliche, in ihren Phasen sehr 
interessante Geschichte der Zeugdrucker. —z. 


4P 


Chronik. 


Mitteilungen. 


Neue Einbände . — Das diesem Hefte beige¬ 
gebene Kunstblatt reproduziert den wohlfeilen Ein¬ 
band zu Hermann Sudermanns Tragödie „Johannes“. 
Die schöne Deckelzeichnung, die in ihrer feinen 
Farbenharmonie ganz eigenartig wirkt, entwarf 
Professor Otto Eckmann. Die übrigen wiederge¬ 
gebenen Luxuseinbände stammen aus dem kunst¬ 
gewerblichen Atelier von G. Ludwig in Frankfurt 
a. M. Fig. 1. Einband zu einem Album; Mittel¬ 
stück Stempeldruck mit drei Stempeln, der Rand 
Rollendruck auf rotem Maroquin £crase. Fig. 2. 
Familienbibel in rotem Maroquin 6cras6; Bogen¬ 
handvergoldung, antikes Schloss. Fig. 3. Album¬ 


einband in hellhavannabraunem Maroquin ecras£; 
Blätter grün, Blüthen rot; Handvergoldung mit 
Bogen und Stempeln. Fig. 4. Albumeinband in 
altrosa Maroquin £crase; die Blumenbordüre auf 
hellgrünem Bande. Rollendruck; die Blumenstücke 
im Mittelfelde Bogen- und Stempeldruck. —z. 

Ä? 

Auf der letzten Philologenversammlung in Dresden 
hielt der Wolfenbütteier Bibliothekar Dr. G. Milchsack 
einen Vortrag über die Buchformate nach ihrer histo¬ 
rischen und ästhetischen Entwickelung, der in den 
Einzelheiten auch für unsere Leser interessant ist. Der 
Vortragende führte u. a. das Folgende aus: 


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4 6 


Chronik. 



Unter Buchformaten verstehe ich hier nicht die 
äusseren Buchformen, die wir als Folio, Quart, Oktav 
u. s. w. bezeichnen, sondern die Formate, welche der 
Buchdrucker macht, wenn er die räumlichen Ab¬ 
messungen (Höhe und Breite) der Schriftkolumnen und 
der sie umgebenden weissen Ränder (Stege) bestimmt. 
Diese fiir die Schönheit des Buches so wichtige Ein¬ 
teilung des Raumes ist heute ausserordentlich ver¬ 
schiedenartig und individuell. Die von den bedeutendsten 
typographischen Fachschriftsteilem (Franke, Lorck, 
Wagner, Waldow, Mäser, Wunder) aufgestellten Regeln 
für das „Formatmachen“ nehmen teils auf die aus der 
Eigenartigkeit des 
Buches hervorgehen¬ 
den ästhetischen For¬ 
derungen nicht die 
gebührende Rück¬ 
sicht, teils sind sie so 
kompliziert, dass sie 
schon deshalb prak¬ 
tisch wenig brauchbar 
werden. 

Ausgehend nun 
von der Erwägung, 
dass das Buch, ein 
Band von mit Schrift 
bedeckten und zum 
Lesen bestimmten 
Blättern, schon ein 
tausendjähriger und 
höchst wichtiger Kul¬ 
turträger war, als Gu¬ 
tenberg den Typen¬ 
druck erfand, und 
dass Schöffer, sein ers¬ 
ter und vornehmster 
Gehilfe, die Kunst des 
Buchschreibens aus¬ 
übte und vortrefflich 
verstand, darf man 
mit gutemGrunde ver¬ 
muten, dass Schöffer 
der jungen typogra¬ 
phischen Kunst, wie 
so manches andere, 
auch ein Formatge¬ 
setz in die Wiege gelegt habe. In der That zeigen 
die Formate der ersten Drucke insofern eine gewisse 
Gesetzmässigkeit, als bei ihnen die Breite der Ränder 
vom Bundsteg zum Kopfsteg und von diesem zum 
Seitensteg und Fusssteg stetig zunimmt. Infolge dieser 
Raumeinteilung stellen sich zwei einander gegen¬ 
überstehende Seiten eines solchen Buches als sym¬ 
metrische Hälften eines Ganzen dar, und die von unten 
nach oben stetig abnehmende Breite der Stege bewirkt, 
dass sich die zahlreichen weissen und schwarzen Flächen 
zu einem harmonischen und gleichsam architektonischen 
Aufbau Zusammenschlüssen, in welchem die getragenen, 
gestützten und verbundenen Teile, die Kolumnen, wirk¬ 
lich getragen, gestützt und verbunden, die tragenden, 
stützenden und verbindenden Teile, die Ränder, dagegen 


Neue Einbände. Fig. x. 

Albumeinband in rotem Maroquin von G. Ludwig in Frankfurt a. M. 


als wirklich tragend, stützend und verbindend erscheinen. 

Auf Grund dieser historischen und ästhetischen 
Thatsachen und Beobachtungen habe ich schon vor 
einer längeren Reihe von Jahren drei Formatgesetze 
entworfen, deren Anwendung i. in jedem einzelnen Falle 
Formate hervorbringt, die denen der besten alten Meister 
möglichst nahe kommen, 2. die sämtlichen vier Ränder 
in ein unendlich bewegliches, aber proportional stets 
sich gleichbleibendes Verhältnis zu einander setzt, der¬ 
gestalt, dass die kleinste Verbreiterung oder Ver¬ 
schmälerung notwendig die entsprechenden Verbreite¬ 
rungen oder Verschmälerungen der anderen drei Ränder 

nach sich zieht, und 3. 
so einfach ist, dass sie 
von jedermann mit 
Leichtigkeit ausge- 
fiihrt werden kann. 

Das erste Gesetz 
lautet: wenn dieBreite 
des halben Bundstegs 
a ist, so soll die Breite 
des Kopfstegs (halben 

Kreuzstegs) —, die 
2 

Breite des Seitenstegs 
(halben Mittelstegrs) 
2 a, die Breite des 
3 a 

Fussstegs 2 — sein. 

Oder in einem Zahlen¬ 
beispiel ausgedrückt 
20:30:40:60 mm. 

Das zweite Gesetz 
lautet: wenn die Brei¬ 
te des halben Bund¬ 
stegs a ist, so soll die 
Breite des Kopfstegs 
3a 

—, die Breite des 
2 

5 a 

Seitenstegs —, die 
2 

Breite des Fussstegs 

3a _ _ 

2 — sem. Oder m 
2 

einem Zahlenbeispiel 

ausgedrückt 20 : 30 : 50 :60 mm. 

Das dritte Gesetz lautet: wenn die Breite des halben 

3 a 

Bundstegs a ist, so soll die Breite des Kopfstegs —, 

2 

die Breite des Seitenstegs 2 a, die Breite des Fussstegs 
5 * 

2 

20 


sein. Oder in einem Zahlenbeispiel ausgedrückt 


30 : 40 : 50 mm. 

Das erste Gesetz, welches, ästhetisch genommen, 
das beste Verhältnis angiebt, empfiehlt sich bei allen 
mittleren und guten Buchausstattungen, namentlich bei 
den Oktav- und Quartformaten. Das zweite Gesetz kann 
bei besonders splendiden und reichen Buchausstattungen 
gebraucht werden, dürfte ausserdem aber bei allen 


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Chronik. 


47 


Folioformaten den Vorzug verdienen. Das dritte Gesetz 
soll bei kompressen Ausstattungen, wo auf möglichste 
Raumausnützung gesehen werden muss, zur Anwendung 
kommen. 

Das Grössenverhältnis der Schriftenkolumnen soll 
bei Folio und Oktav stets das gleiche sein, es soll sich 
nämlich ihre Höhe (einschliesslich des Kolumnentitels) 
zu ihrer Breite wie 5 :3 (goldener Schnitt) verhalten. 
Bei Quart verdient das Verhältnis 4:3 vor allen anderen 
den Vorzug. 

Natürlich kann und wird es Bücher geben, bei 
denen sich diese Gesetze überhaupt nicht oder nur 
unter Erhöhung der Herstellungskosten anwenden lassen. 
Diese Fälle werden indessen bei einigem gutem Willen 
immer Ausnahmen sein. 

Unsere Bücher leiden durchweg an dem Fehler, 
dass die Ränder zu schmal sind. Dieser falschen Spar¬ 
samkeit steht andererseits eine Raumverschwendung 
gegenüber an Stellen des Buches, wo sie nicht nur 
nicht nützt, sondern schadet, nämlich bei den Vorreden, 
Inhaltsverzeichnissen, Registern, Widmungen, am An¬ 
fänge und Ende der Kapitel u. s. w. Auch in dieser 
Beziehung haben wir von den alten Meistern noch vieles 
zu lernen. 


Meinungsaustausch. 


Zu der im Februarheft der „Z. f. B.“ veröffent¬ 
lichten bibliographischen Plauderei über Heines 
„Buch der Lieder“ von Gustav Karfieles kann ich 
einiges nachtragen. 

Karpeles verweist die Interessenten fiir Heinesche 
Gedichtautographen auf den Jahrgang 1840 der 
„Europa“ von August Lewald, wo vier Gedichte 
Heines facsimiliert wiedergegeben sind. Leichter 
zugänglich als in dem nahezu 60 Jahre alten Jahr¬ 
gange der „Europa“ ist dieses Facsimile in der 
„Deutschen Dichtung“, in der es in neuer Wieder¬ 
gabe in Heft 6 ihres I. Bandes auf S. 156/57 ver¬ 
öffentlicht worden ist. Damals — im Jahre 1887 — 
befand sich das Manuskript im Besitze des Schrift¬ 
stellers Max Kalbeck in Wien, der in dem genannten 
Heft über Heine-Reliquien sehr interessante Mit¬ 
teilungen gemacht hat, deren Lektüre jedem, der 
sich für Autographen interessiert, zu empfehlen ist. 
Das Autograph enthält, wie oben bemerkt, vier 
Gedichte, und zwar aus dem „Neuen Frühling“, 
im ersten Entwurf, der erkennen lässt, wie sich die 
Gedanken des Dichters bemüht haben, eine voll¬ 
kommene Ausgestaltung zu erreichen. Korrekturen 
über Korrekturen! 

Zahm gegen dieses Manuskript ist das des 
Harzreise - „Vorspie ?s*\ wie Heine — jedenfalls zur 
Freude aller Sprachreiniger — ursprünglich diesen 
„ Prolog ", wie alle Ausgaben drucken, genannt hat. 
Das Facsimile dieses Vorspiels bringt die „Deutsche 
Dichtung“ in Heft 5 des II. Bandes. Das Manu¬ 
skript war 1887 im Besitz der Frau Baronin E. von 
König-Warthausen in Stuttgart. In dieser H andschrift 


ist nur der 2. und 3. Vers, welche in der nächsten 
Strophe ohne die geringste Änderung wieder aufge¬ 
nommen worden sind, aus der 3. Strophe herausge¬ 
strichen. Ausser diesem Facsimile bringt dieses Heft 
der „Deutschen Dichtung“ noch einen Brief Heines 
„An dem Studios# Christian Sethe in Düsseldorf“ aus 
Hamburg vom 27. Oktober 1816. 

Zu den Illustrationen und Bildern, die zu Heines 
„Buch der Lieder“ oder im Anschluss daran entstanden 
sind, kann ich aus meiner im letzten Jahrgange des 
„Börsenblattes für den deutschen Buchhandel“ er¬ 
schienenen Bibliographie „Unsere Illustratoren“, die 
auch von der „Z. f. B.“ nicht unbeachtet geblieben ist, 
nachtragen: die Illustrationen E. Brünings zum „Buch 
der Lieder“, die von O. Herrfurth zu Heines Werken 
und eine Zeichnung von Alex. Franz „Die Lorelei“, die 
als No. 8 der „Neuen Flugblätter“ bei Breitkopf & Härtel 
in Leipzig erschienen ist. Mancherlei würde sich an 
Illustrationen zu Heines „Buch der Lieder“ noch in 
Anthologien und Zeitschriften finden. So haben wir in 
den bei der Verlagsanstalt F. Bruckmann in München 
erschienenen „Bildern zu deutschen Volks- und Lieb- 
lingsliedem“ ein Bild von Ph. Sporrer zu dem Liede 
„Du bist wie eine Blume“, in den von Carl Lossow illu¬ 
strierten, in demselben Verlage erschienenen „Deutschen 
Liedern“ eine Illustration zum „Armen Petri“. An Ge¬ 
mälden scheint — ich habe die Kataloge der Photo¬ 
graphischen Gesellschaft in Berlin, der Photographischen 
Union und von Franz Hanfstaengl in München, be- 


Neue Einbände. Fig. 2. 

Bibeleinband in rotem Maroquin von G. Ludwig in Frankfurt a. M. 



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48 


Chronik. 


kanntlich der drei grössten Kunstverlage Deutschlands, 
von welchen die beiden ersteren Übersichten über die 
Stoffgebiete in ihren Katalogen geben, zur Hand — 
scheint nichts Nennenswertes entstanden zu sein. 
Shakespeare und Goethe sind in dieser Beziehung am 
besten weggekommen. Dekoriert der Verleger — wie 
ich es aus langjähriger Praxis kenne — ein Bild auch 
mit einem Verse aus einem Dichter, so kann man doch 
nicht davon sprechen, dass der Maler ein Bild zu Heine, 
Goethe, Uhland, Chamisso gemalt habe. Viele Maler 
können monatelang ein Bild malen, ohne dass sie einen 
Titel für ihr Bild zu geben vermögen. Ginge man jedoch 
von der Voraussetzung aus, dass der Künstler einen 
Vers im Bilde festzuhalten sucht — ein Vorgang, der 


betitelt „Die Buchdruckerkunst", in welchem der Dichter 
seinem entrüsteten Herzen u. a. folgendermassen Luft 
macht: 

Allein der Deutsche blieb bey dem Gewände, 

Das er zur Notdurft ihr gegeben, stehn, 

Und überliess nun einem fremden Lande 

Den Ruhm, auch schön gekleidet sie zu sehn. 

Der Aide, der Stephan’ und Baskerville 
Und der Didots, und der Bodoni’s Hand 
Verschönerte der Weisheit deutsche Hülle, 

Und weit zurück blieb unser Vaterland 
Denn eine deutsche Lotterbubenrotte 
Vergriff sich hier am Geisteseigentum, 

Und hing der Weisheit Kindern nun zum Spotte 
Die Lumpen ihres eignen Schmutzes um. 



Neue Einbände. Fig. 3. 

Albumeinband in hellbraunem Maroquin von G. Ludwig in Frankfurt a. M. 


selten zu konstatieren ist — dann könnte man allerdings 
noch einiges an Bildern zu Heine herbeischaffen, würde 
damit aber nur ein falsches Büd davon geben, wie sehr 
oder wie wenig Heine die Maler zu Bildern inspiriert hat 

München. Hugo Oswald. 

Es werden jetzt aller Orten rege Geister geschäftig, 
um auf dem Gebiete der Buchausstattung im Lande 
der Buchdruckerkunst gründüch mit dem alten bettel¬ 
haften Unfug aufzuräumen. 

Da dürfte es an der Zeit sein, den Stossseufzer 
eines Dichters des XVIII. Jahrhunderts der Vergessen¬ 
heit zu entreissen. 

Im Jahre 1787 erschienen in 1. Ausgabe: Gedichte 
von Blumauer. 2 Teile. Wien, bei Rudolph Grässer 
und Companie, 1787. 

Auf Seite 24 ff. derselben befindet sich ein Gedicht, 


Man sieht, dass also schon vor mehr als hundert 
Jahren von Einzelnen das Unwürdige der deutschen 
Buchausstattung anerkannt wurde und wir nicht erst heute 
allmählich zur Erkenntnis dessen kommen, was wir der 
unvergänglichen Kunst unseres grossen Gutenberg 
schuldig sind. 

Zum Schlüsse fragt der Dichter: 

Wie lange wird zur Schande unsrer Väter 

Noch deutscher Schmutz die deutsche Kunst entweihn ? 

Und wird der Schritt, den hier ein Ehrenretter 
Der Weisheit wagt, ganz ohne Folgen sein? . . . 

Harburg. Dr. D. 

* 

Zu dem interessanten Aufsatz W. Rowes „Zur Lite¬ 
ratur über Friedrich Wilhelm II.“ in Heft 11 bemerke 
ich, dass der Verfasser manche wichtige Notizen über 
Siede, die aus Archivarien, alten Zeitschriften und 


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Chronik. 


49 


Sammelwerken geschöpft sind, in meinem Buche 
„Berlin“, Geistiges Leben der preussischen Hauptstadt, 
i 895 » I» 95 » io 5 » 1 16, 230 hätte finden können. Es ist für 
den Schriftsteller ein sehr trauriges Gefühl, dass der¬ 
artige mühevolle Arbeiten selbst von Spezialisten nicht 
genügend beachtet werden. 

Berlin. Prof\ Dr. Ludw. Geiger . 


Von den Auktionen. 


Die letzte Autographenversteigerung bei Gilhofer&r* 
Ranschburg in Wien erzielte nicht allzu hohe Angebote. 
Für den Original-Briefwechsel der Kaiserin Maria 
Theresia mit ihrem Leibarzte van Swieten, 22 Stücke, 
wurden 295 Fl. gezahlt. Ein spanischer Brief Karls V. 
vom 30. Mai 1533 an den Papst, in dem der Kaiser 
die Scheidung Heinrichs VIII. von Katharina von 
Aragonien und dessen Vermählung mit Anna Boleyn 
zu verhindern suchte, brachte nur 226 Fl. Ausser 
diesen historischen Stücken erreichten die Briefe von 
Musikern die höchsten Preise: Beethoven 176 und 
87 t / 2 Fl., beide an seinen Neffen gerichtet; Haydn 89 
und 125 Fl., Richard Wagner 120 und 60 Fl. Von 
Dichtem waren die heimischen besonders begehrt; ein 
Brief Raimunds wurde mit 110 FL, Briefe von Grillparzer 
mit 34 bis 51 Fl. zugeschlagen, während Stücke von 
Goethe (33 Fl.) und Schiller, abgesehen von einem 
Brief Schillers an Hufeland (121 Fl.), Herder, Wieland, 
Bürger u. s. w. verhältnismässig gering bezahlt wurden. 
In der Sammlung befanden sich auch das Original- 
Manuskript einer Schick¬ 
salstragödie von Müllner 
mit „Varianten, besonders 
zum Gebrauch an Orten, 
wo die römisch-katholische 
Religion die herrschende 
und die Theaterzensur ri- 
goristisch ist“, das flir 60 
FI. verkauft wurde, und 
sehr interessante Aufzeich¬ 
nungen auf mehr als 600 
Seiten von Marie Gabriele 
Kittl, der Vorleserin der 
Kaiserin Charlotte von 
Mexiko, welche diese über 
den Ozean begleitete. Den 
höchsten Preis, 365 Fl., er¬ 
zielte die letzte Nummer: 
ein sprechend ähnliches, 
vorzüglich auf Elfenbein 
ausgefiihrtes Kleinbildnis 
Robert Schumanns. 

* 

Auf der letzten grossen 
Autographenauktion bei 
Leo Liepmannssohn in Ber- 

Z. f. B. 98/99. 


lin erzielte den höchsten Preis ein Brief G. E. Lessings 
aus der Zeit, da der Dichter als Sekretär des Generals 
van Tauentzien in Breslau weüte. Das Schreiben, vom 
20. November 1761, ist sehr gut erhalten und war bisher 
allen Lessingforschem unbekannt. Der 18 Zeilen lange 
Brief wurde mit 725 Mark bezahlt. Die höchsten Preise 
erzielten dann die Schiller-Manuskripte. Ein Brief vom 
10. und 12. März 1789 an Körner,der eingehend Schillers 
Plan zu einem Epos über Friedrich den Grossen behan¬ 
delt, der bekanntlich nie zur Ansfuhrung kam, brachte 
480 Mark. Ein anderes Schreiben des Dichters mit dem 
Datum „Jena, den 12. Oktober 1795“ bot insofern be¬ 
sonderes Interesse, als es bei Gödeke ausdrücklich als 
verloren bezeichnet wird. Der an Crusius gerichtete 
Brief, Herausgabe Schillerscher Gedichte betreffend, 
ging für 465 Mark fort. Ein eigenhändiges Gedicht¬ 
manuskript Schillers, enthaltend zwei der bekannten 
Räthsel aus „Turandot“, wurde mit 455 Mark bezahlt 
(Posony, Wien). Die Handschrift von Theodor Körners 
Gedicht „Harras der kühne Springer“, mit zahlreichen 
Korrekturen, ging für 400 Mark fort; das Gedicht „An 
den Frühling“ brachte 155 Mark. Ein eigenhändiges 
Gedicht von Goethe „Mailied“, mit der Überschrift 
„Im May“, anfangend: „Zwischen Waizen und Korn, 
zwischen Hecken und Dom“ erzielte 395 Mark, während 
Höltys Dichtung „Wer wollte sich mit Grillen plagen“, 
in der Original-Handschrift für 205 Mark verkauft 
wurde. Ein Gedicht von Friedrich Hölderlin „Stutgard, 
an Siegfried Schmidt“, brachte 110 Mark. Ein sehr 
interessanter Brief von Ewald Christian von Kleist, 
datiert „Leipzig, den 3. Juli 1757“, an den Baron 
Christian Ludwig von Brandt, den Stallmeister des 
Prinzen August Wilhelm von Preussen, gerichtet, kam auf 



• Neue Einbände. Fig. 4. 

Albumeinband in altrosafarbenem Maroquin von G. Ludwig in Frankfurt a. M. 


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50 


Chronik. 


105 Mark; ein eigenhändiges Gedicht von Ludwig 
Uhland „Trinkspruch“ erzielte 115 Mark. 

Mb 

In Grenoble fand kürzlich der Verkauf einer Biblio¬ 
thek statt, die fast drei Jahrhunderte alt war, die Sal- 
vaing de Boissieus; eine Reihe von besonders wertvollen 
Büchern finden wir in der „Revue biblio-iconographique“ 
verzeichnet. U. a.: 

Les exposicions des || euvangües en romant. Cham- 
bdry, Anthoine Neyret, das erste dort gedruckte Buch. 
(3850 Fr.) 

Le grant vita XPI des Ludolf von Sachsen, Paris, 
Antoine V^rard, um 1500 (2 vol. in-fol. got., schlechter 
sog. Holzeinband. [790 Fr.]) 

Incipit-Missali ad usum eccle. cath. || dralis sei ap- 
polinaris valen. || (Mss. in-fol. got. auf Pergament in 
schlechtem Holzband, um 1447 geschrieben. [1200 Fr.]) 

Decisiones Guidonis papae. Grenoble 1490 (in-fol. 
in weissem Pergamentband, erstes in Grenoble ge¬ 
drucktes Buch. [1775 Fr.]) 

Le jeu des eschez || moraiise. Paris, V^rard 1504 
(in-fol. got, in gauffriertem Kalbleder schlecht erhalten. 
[1060 Fr.]) 

Etymologicum magnum graecum Venet Zachäriae 
Calliergi, 1499 (in-fol., italienischer Einband aus dem 
XVI. Jhrdt. [1049 Fr.]) 

Fontani, opera, Venetiis Aldi, 1513 (in schönem 
Grolierschen Einband. [1120 Fr.]) 

La tres ioyeuse, plaisante et recröative histoire ... 
le gentil seigneur de Bayart. Paris. Nicolas Couteau 
pour Gabliot dupre, 1527 (in-40 got., von Bauzonnet in 
Maroquin gebunden. [1040 Fr.]) 

Lucan Suetone et Salluste en frangoys. Paris, 
Ydrard, 1500 (Holzband. [651 Fr.]) 

L’Etat de la Provence par l’abb^ R. D.B. (D. Robert 
de Briangon). Paris 1693 (in-12, Kalblederband mit 
Wappen des C. U. L. F£vre de Caumartin-Saint-Ange. 
[576 Fr.]) 

Le Livre de Iehan Bocasse (sic.). Paris, Wrard 
1493 (in-foL got, fig. s. b., schlecht erhaltener Kalbleder¬ 
band. [1013 Fr.]) 

Im Ganzen sind gegen 50000 Fr. erzielt worden. 

—m. 

* 

Einzelne Preise von der Auktion des zweiten Teils 
der Bibliothek Alfred Btfgis im Hotel Drouot teilt das 
„Bull, du Biblioph.“ mit. M. Begis war Mitglied der 
„Soci&£ des Amis des Livres“, und die versteigerten 
Werke waren meist besondere, für die Gesellschaft 
gedruckten Ausgaben; das erklärt die Höhe der An¬ 
gebote für die Neudrucke. Es erzielten u. a.: Merimee 
„Chronique de Charles IX.“, 1876, 600 Fr.; Murger 
„Seines de la Bohöme“, 1879, 5 30 Fr.; Hugo „Les 
Orientales“, 1882, 185 Fr.; Balzac „Eugünie Grandet“, 
1883, 631 Fr.; Voltaire „Zadig“, 1893, 975 Fr. Ferner 
die „Galerie des modes“ 905 Fr.; „Les Amours de 
Charlot et Toinette“, 1799, 925 Fr.; „Theatre de Cam¬ 
pagne“, 1767 (mit Wappen der Marie Antoinette) 1005 


Fr.; Restif,, Le Palais royal“, 1790, noFr.;Sade„Crimes 
de l’amour“, an VIII (mit Autogramm und einer Zeich¬ 
nung des Verfassers) 110 Fr. 

.* 

Im Hotel Drouot in Paris brachte die Versteigerung 
von 73 Wasserbildem und Zeichnungen von FMieten 
Rops 25000 Fr., darunter Juli 800, die Freundinnen 
2000, Wahrheit 480, das Kreuz 2880, Frau mit einem 
Hampelmann 1400, Frau mit dem Fernglas 930, Ver¬ 
ehrer in Christi 900, die Andacht des Herrn Roch 
(weiland Pariser Scharfrichter) 345 Fr. 

Mb 

Wie man uns aus London schreibt, wurden auf 
einer Bücherauktion zu Edinburgh in der ersten Februar¬ 
woche für ein Exemplar der ersten Ausgabe, der so¬ 
genannten Kilmamock-Ausgabe von Bums „Poems“ 
11675 Mark gezahlt. Diese erste Auflage von Bums’ 
Gedichten ist im Jahre 1786 erschienen und bestand 
aus nur 600 Exemplaren. Bums’ Gedichte wurden vom 
Publikum sehr günstig aufgenommen und so populär, 
dass diese kleine Auflage bald zu Fetzen zerlesen war. 
Das vorliegende Exemplar dürfte das einzige aus der 
Kilmamock-Ausgabe wohlerhaltene sein, ein Umstand, 
der den enormen Preis, der für das Exemplar erzielt 
worden ist und der alle früheren Preise weit hinter sich 
lässt, erklärlich macht Das Büchlein hatte 1786 drei Mark 
gekostet, vor dreissig Jahren fand es eine Witwe unter 
den Büchern ihres Mannes und offerierte es in der 
Zeitung. Ein Herr aus Broughty-Ferry erstand das 
Exemplar für 170 Mark, um es 1880 für 1200 Mark an 
einen Herrn A. C. Lamb, einen wohlbekannten Biblio¬ 
philen in Dundee, zu verkaufen. Dessen Erbe hat nun¬ 
mehr das Büchlein für die obengenannte Summe an 
einen Londoner Bücherliebhaber abgetreten. Wie J. 
C. M. Beilew in seinem 1884 erschienenen „Poets’ 
Corner“ mitteiit, hat der Dichter aus dieser Auflage 
seiner Gedichte 20 $ gelöst, die zweite Auflage, die 
bereits 1788 auf dem Markte war, brachte ihm bedeutend 
mehr ein, nämlich 500 $. —ho. 

Mb 

Im Februar beendete Sotheby in London die vier¬ 
tägige Auktion der Bibliothek von George Skene, die 
im XVII. und XVIII. Jahrhundert angelegt worden war. 
Die Sammlung bestand im Ganzen aus 1058 Nummern, 
die 26550 Mk. erzielten. Ein defektes Exemplar der 
ersten Ausgabe von „The Bishop’s Bible“, 1568 von Jugge 
gedruckt, brachte 165 Mk.; dieselbe, bei Buck 1638 in 
Cambridge hergestellt, 185 Mk. (Sotheran); SirW.Hopes 
„New Short and easy Method of Fencing“, mit Stichen, 
1707 gedruckt, 155 Mk.; B. de Montfaucons „Monu¬ 
ments de la Monarchie Frangaise“, 1729—33, 255 Mk. 
(Quaritch); „Nuove Inventioni di Balli“, von Caesare 
Negri, Mailand 1604, wurde mit 155 Mk. bezahlt (Qua¬ 
ritch); „The sealed Book“, 1662, 310 Mk. (Quaritch). 


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Chronik. 


51 


Am 2. Februar gelangte bei derselben Firma eine 
kleine, aber wertvolle Bibliothek zur Auktion. Er¬ 
wähnenswert war: „Canterbury Tales“, R. Pynsons Aus¬ 
gabe von Chaucers Werk, 1493, dessen einziges intaktes 
Exemplar sich in der Spencer-Rylands-Sammlung be¬ 
findet. Das hier angebotene Exemplar ist defekt, da 
22 Blätter fehlen. Mr. Leighton erstand dasselbe für 
3000 Mk. Im vergangenen Jahre brachte dasselbe 
Buch 4000 Mk., während das Exemplar aus der 
Ashbumham-Bibliothek 4666 Mk. erreichte. „The Court 
of Civill Courtesie“, 1591, aus der Heb er-Auktion, wo¬ 
selbst es 1830 mit 19 Schillingen bezahlt wurde, kam 
hier auf 400 Mk. (Quaritch). Es ist nur noch ein gleiches 
Exemplar in der Huth-Bibliothek bekannt. „Englands 
Pamassus“, 1600, gut erhalten, 510 Mk. (Maggs); Oliver 
Goldsmith „The deserted Village“, 1770, erste Ausgabe, 
160 Mk. (Pearson); „Histoire de la nouvelle France“, 
1618, von Marc Lescarbot, mit 4 Originalkarten, 320 Mk. 
(Quaritch); „Marguerites de la Marguerite des Prin- 
cesses“, Lyon 1547, von Brunet als die seltenste Aus¬ 
gabe beschrieben, 445 Mk. (Ellis); John Elliot „The 
Gospel amount the Indians in New England“, 1655, die 
seltene Originalausgabe, 430 Mk. (Pearson); Antonio 
Tempestas 20 Originalzeichnungen zu Tassos Jerusalem, 
aus der Hamilton-Sammlung, 160 Mk. (Pearson); 
Miltons „Paradise lost“, schönes Exemplar der ersten 
Folioausgabe, 142 Mk. (Sotheran). 

Eine Sammlung von Autographen und historischen 
Dokumenten , die Sotheby gleichfalls Anfang des Jahres 
versteigerte, brachte mittlere Preise. Eine Originalkarte 
mit beschreibendem Text von der Hand George 
Washingtons, 1750, aus der Zeit, da er die Vermessungen 
der Waldungen in Virginien leitete, kam auf 200 M. 
(Tregaskis); ein Brief Oliver Cromwells, 1648, an den 
Obersten Howlett, 240 M. (Lindsay); ein Brief von 
Lord Wentworth, späteren Lord Strafford, 1635 an den 
Grafen Leicester gerichtet, 330 M. (Pearson); ein Brief 
von dem Herzog von Marlborough an den Herzog von 
Ormonde, 1707, 185 M. (Bolton). Ein lateinischer Brief 
von Philipp Melanchthon an Veit Dietrich, 12. Februar 
1539, der bisher nicht publiziert sein soll und interessantes 
Material über Luther enthält, erzielte 130 M. (Halle); 
ein langer Brief von Laurence Sterne, 250 M.; ein Brief 
Karl II., 1653, Paris, an den Prinzen Rupert, 130 M. 
(Parker); ein Brief des Grafen Clarendon an den Prinzen 
Rupert, 1648, aus dem Haag datiert, 198 M. (Barker) ; 
ein schöner Brief der Königin Elisabeth, vom 15. Februar 
1569, an den Grafen Shrewsbury, 250 M. (Pearson); 
ein Brief Ludwig XIV., 1666, an die Königin von Polen, 
126 M. (Pearson); ein Brief von WilÜam Penn, 1707, 
235 M. (Barker); eine Sammlung von Quäker-Doku¬ 
menten aus dem Ende des XVII. Jahrhunderts, 450 M. 
(Pregaskis); ein von Cromweii Unterzeichneter Brief, 
1655, an die Admiralität gerichtet, 250 M. (Pearson). 

—s. 


Antiquariatsmarkt. 

Der hübsch ausgestattete letzte Kunst - Katalog 
(Nr. XX) der Firma J. Halle in München umfasst 140 


Druckseiten mit den Anzeigen von 1700 Porträts (500 
Damen- und 1200 Herrenbüdnisse). Jede der beiden 
Abteilungen ist alphabetisch geordnet; den Schluss 
bildet ein Register der Künstlernamen; 4 Lichtdruck¬ 
tafeln mit 8 Abbildungen sind beigefügt Gleich zu 
Anfang finden wir die Reproduktion eines höchst inter¬ 
essanten Blattes, das erste von Ludwig von Siegen zu 
Sechten, dem Erfinder der Schabmanier, in dieser 
Kunst hergestellte Porträt der Amalie Elisabeth Land¬ 
gräfin von Hessen, geb. Gräfin von Hanau. Nr. 80 
bringt ein Porträt der Kaiserin Katharina II. in ganzer 
Figur, vor dem Thronsessel stehend, nach dem be¬ 
rühmten Bilde von Rosselin gestochen von Francesco 
Bartolozzi; auch verschiedene andere Bildnisse Katha¬ 
rinas sind angezeigt. Ein schönes dekoratives Blatt 
ist Nr. 127 „Cornelia and her Children“, die Lady Cock- 
bum mit ihren drei Kindern darstellend, von Sir 
Joshua Reynolds gemalt und von C. Wükin in Punktier¬ 
manier ausgeführt. Nach Reymolds ist auch das Porträt 
der Georgiana Countess Spencer von Thomas Watson 
in Schabkunst ausgeführt (Nr. 447), das Exemplar in 
vorzüglichem erstem Abdruck vor der Schrift. Ein 
hübsches Damenporträt, ebenfalls in Reproduktion 
wiedergegeben, ist das auch kostümlich interessante 
BÜdnis der Katharine Viscountess Hampden, nach John 
Hoppner von J. Young geschabt Blätter nach J. Hopp- 
ner sind bekanntlich stets gesucht und selten zu finden. 
Unter Nr. 194—199 sind Bildnisse der preussischen 
Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine, Gemahlin 
Wühelms V. von Oranien, notirt: Nr. 194 nach Hoppner, 
Nr. 195 von Valentin Green in Schabmanier ausgeführt. 
Nr. 196 und 197 bieten besonderes Interesse; die Prin¬ 
zessin ist auf diesen Blättern nach Männerart zu Pferde 
sitzend, „ä 1 ’Amazone“, dargestellt. Da die Prinzessin 
mehrfach so abgebüdet ist, dürfte anzunehmen sein, 
dass sie das Pferd stets nach Herrenart bestiegen hat. 
Nr. 210 a bis 212 bringen seltene Büdnisse von 
Eleonora Gwynne, der englischen Schauspielerin und 
Geliebten Karls II. Von Nr. 210a ist eine Reproduktion 
beigegeben, ein frühes und schönes Schabkunstblatt von 
Tompson: Eleonora Gwynne mit ihren beiden Söhnen 
in fast ganzer Figur unter einem Baum sitzend. Die 
Wiener Schule des XVIII. Jahrhunderts, die in Punktier¬ 
kunst und Schabmanier gleich den Engländern Vorzüg¬ 
liches leistete, ist mit zwei tüchtigen Blättern unter 
Nr. 259: Fürsün Lichtenstein geb. Gräfin Manderscheid 
und Nr. 465: Prinzessin Lichnowsky geb. Gräfin Thun 
vertreten. Die beiden Blätter sind von Grassi gemalt 
und von Pfeiffer in Punktiermanier ausgeführt. Von 
Marie Antoinette finden sich unter Nr. 317—324 einige 
sehr schöne Blätter; besonders hervorzuheben ist das 
Blatt von J. R. Smith, nach einer Original-Kreide¬ 
zeichnung geschabt und 1776 von dem Kupferstecher 
und Kunstverleger John Boydell in London heraus¬ 
gegeben. Nr. 397 stellt die Tochter des Kosackengenerals 
Platoff dar, nach dem Leben von Paul Svinin Esq. ge¬ 
zeichnet und von J. Godby sc. Die Dame ist in pol¬ 
nischer Tracht und in ganzer Figur dargestellt, darunter 
liest man folgende Anmerkung: „The Lady with 50000 
Crowns to her fortune, offered as a reward for bringing 
in Bonaparte, dead or alive.“ Nr. 1390 und 1392 


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52 


Chronik. 


bezeichnen Bildnisse des Vaters, von welchen die Nr. 1390, 
der General zu Pferde, bemerkenswert ist, ein herr¬ 
liches Schabkunstblatt in Grossfolio, nach T. Phillips 
Gemälde von William Ward ausgeführt, in erstem 
Zustande mit offener Schrift und unbeschnittenem Rande. 
Den Kupferstecher Francesco Bartolozzi finden wir 
unter vielen andern Blättern mit einem von ihm selbst 
gezeichneten und gestochenen prächtigen Damenbildnis 
in ganzer Figur, in Punktiermanier ausgeführt, vertreten; 
es ist in einem „Open letter proof ‘ und in einem gewöhn¬ 
lichen Abdruck vorhanden. Den Schluss der Abteilung 
„Damenbildnisse“ bildet das Werk von Sir Thomas 
Lawrence „50 Splendid Mezzotint Portraits of the 
choicest works of this eminent Artist“, London (1836— 
1845), ein herrliches Porträtwerk in Schabmanier, von 
den besten Künstlern der Zeit ausgeführt. 

Die zweite Abteüung, „Herrenbildnisse“, enthält 
ebenfalls eine Reihe sehr interessanter Stücke, doch 
gestattet der Raum nicht, auf die Einzelheiten näher 
einzugehen. Wir verweisen nur noch auf die vier 
Reproduktionen dieser Abteilung: Nr.1002, Heinrich III., 
König von Frankreich, ein seltener italienischer Stich; 
Nr. 1007, Heinrich IV. von Frankreich zu Pferde, von 
Ren. Elstrake, dem engÜschen Stecher, in Linienmanier 
ausgeführt (Wie Nagler im Künstlerlexikon bemerkt, 
sind dessen Arbeiten gleichfalls von grösster Seltenheit) 
Von Hermann Graf L’Estocq, Leibarzt und Günstling 
der Kaiserin Elisabeth I., notiert der Katalog ein Schab¬ 
kunstblatt von J. Stenglin nach dem Gemälde von 
Grooth. Der Graf ist in reichem Kostüm dargestellt, 
auf der Brust das Bildnis der Kaiserin tragend. Nr. 
1386 endlich zeigt uns das Büdnis des Majors General 
Phillips, eines englischen Generals in Nordamerika, ein 
seltenes Schabkunstblatt nach dem Gemälde von Cotes, 
von Valentin Green ausgeführt. 

Der Katalog ohne Illustrationen wird umsonst und 
der mit den 8 Reproduktionen für 1 Mk. Interessenten 
zur Verfügung gestellt. D. V. 


Kleine Notizen. 


Deutschland. 

Unter dem Titel „Bilder aus Alt Stuttgart 1 , ge¬ 
sammelt von M. Bach und C, Lotter , hat der Verlag von 
Robert Lutz in Stuttgart, der sich speciell der schwä¬ 
bischen Dichtung in warmer und opferwilliger Weise 
annimmt, ein nicht genug zu empfehlendes Werk ge¬ 
schaffen. Wir glauben schon, was in der Vorrede gesagt 
wird: dass es unendlich viel Zeit und gewaltige Mühe 
gekostet hat, die Vorlagen für das reiche Illustrations¬ 
material zu schaffen, das das Buch schmückt. Der 
Sauttersche Prospekt von Stuttgart gehört heute zu den 
nur noch schwer auffindbaren Seltenheiten, und ähnlich 
verhält es sich mit manchem anderem Büde der in dem 
Werke niedergelegten Sammlung. Die Anordnung des 
Textes ist nur zu loben. Max Bach hat auf Grund der 
besten Quellen die Schüderung der Altstadt und ihrer 
bedeutendsten Baulichkeiten — Schloss, Lusthaus, Rat- 


und Herrenhaus, die Klosterhöfe, die Kirchen und 
Vorstädte — geliefert Daran schliesst sich eine, auf 
eingehenden archivalischen Studien basierende Ent- 
wickelungsgeschichte der Bauthätigkeit unter König 
Friedrich und eine Sammlung von Studien zur älteren 
Topographie und Geschichte Stuttgarts. Wir erwähnen 
aus diesen Bachs interessante Skizzen über die ältesten 
Abbüdungen und Pläne der württembergischen Haupt¬ 
stadt und Barths Geschichte der Stuttgarter Wirtshäuser. 
Dass die Schüderungen nicht lehrhaft trocken gehalten, 
sondern frisch und anregend geschrieben sind, erhöht 
den Wert des Buchs. —f. 

Noch nachträglich geht uns der Katalog der letzten 
Kunstausstellung im Kaiser Wilhelm-Museum zu Kre¬ 
feld zu. Das äussere Titelblatt schmückt eine wunder¬ 
schöne Zeichnung von O. Eckmann, ein Kranz von 
Kornblumen, der das aus den Buchstaben K W M ge- 
büdete Monogramm umrahmt. Auch die Rückseite des 
Umschlags trägt eine Vignette von Eckmanns Hand: 
eine aufblühende Kornblume auf dunklem Grunde. 
F. Hendrikson in Kopenhagen hat die Ausführung 
übernommen. Vortrefflich sind die Lichtbilder der 
Gemälde, nach Aufnahmen von Otto Scharf in Krefeld 
von Studders & Kohl in Leipzig ausgeführt. —g. 


Im Verlage von J. A. Stargardt in Berlin erschien 
der zweite Band der „ Geschichte der rheinischen Städte- 
kultur“ von Heinrich Boos, illustriert von Joseph Sattler, 
und bei Eugen Diederichs in Florenz und Leipzig „Die 
deutsche Revolution 1848/49“ von Hans Blum, mit zahl¬ 
reichen authentischen Facsimilebeilagen, Karikaturen, 
Porträts und Illustrationen. Auf beide Werke, die im 
nächsten Hefte näher gewürdigt werden sollen, sei 
heute nur hingewiesen. 


Der vierte Band der „Monographien zur Welt¬ 
geschichte“ (Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig) 
bringt eine umfangreiche, mit 228 Illustrationen und 
14 Kunstbeilagen geschmückte Darstellung des Lebens 
und Wirkens Bismarcks von Professor Dr. Eduard 
Heyck . Der stattliche Band kostet nur 4 M., die Lieb¬ 
haberausgabe 20 M. 


Auch Berlin hat nunmehr seine „Jugend.“ Unter 
dem Titel „Das Narrenschiff' ‘ erscheint seit Beginn 
des Jahres eine „Wochenschrift für fröhliche Kunst,“ 
die manches Hübsche und Gelungene bringt. Aber 
die allzu sklavische Anlehnung an das Münchener Vor¬ 
bild hätte sich wohl vermeiden lassen. 


ln alten Akten der württembergischen Regierung 
hat man das Adelsdiplom gefunden, durch welches am 
7. September 1802 der Römische Kaiser Franz II. auf 
den Wunsch des Herzogs zu Sachsen - Weimar dem 
Dichter Johann Christoph Friedrich Schiller den Adel 
verliehen hat. Der „Staats-Anzeiger für Württemberg“ 
veröffentlicht in besonderer Beilage das Aktenstück im 
Wortlaut; dasselbe ist besonders darum von Intere sse 


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Chronik. 


53 


weil darin im damaligenKurialstü die Gründe, die Schiller 
einer solchen Ehrung würdig machen, gar nicht übel auf¬ 
gezählt sind. Der betreffende Passus lautet: „Obwohl 
die Höhe der römisch-kaiserlichen Würde, in welche der 
allmächtige Gott Uns nach seiner väterlichen Vorsehung 
gesetzt hat, vorhin mit vielen herrlichen und adeligen 
Geschlechtern und Unterthanen gezieret ist; so sind 
Wir doch mehrers geneigt, derjenigen Namen und 
Geschlechter, welche vortreffliche Sitten und Thaten 
auszuüben sich bestreben, in höhere Ehre und Würde 
zu setzen, ünd mit Unseren kaiserlichen Gnaden zu 
bedenken, damit noch andere durch dergleichen milde 
Belohnungen rühmlicher Eigenschaften zur Nachfolge 
guten Verhaltens und Ausübung adeliger und löblicher 
Thaten gleichfalls bewogen und aufgemuntert werden. 
Wenn Uns nun allerunterthänigst vorgetragen worden 
ist, dass der rühmlichst bekannte Gelehrte und Schrift¬ 
steller Johann Christoph Fridrich Schiller, von ehr¬ 
samen teutschen Voreltern abstamme, wie dann sein 
Vater als Offizier in herzoglich Würtembergischen 
Diensten angestellt war, auch im siebenjährigen Krieg 
unter den deutschen Reichstruppen gefochten hat, und 
als Obrist Wachtmeister gestorben ist; er selbst aber 
in der Militärakademie zu Stuttgart seine wissenschaft¬ 
liche Bildung erhalten, und als er zum ordentlichen 
öffentlichen Lehrer auf der Akademie zu Jena berufen 
worden, mit allgemeinem und seltenem Beyfalle Vor¬ 
lesungen, besonders über die Geschichte, gehalten habe; 
ferner dass seine historischen sowohl als die in den 
Umfang der schönen Wissenschaften gehörigen Schriften 
in der gelehrten Welt mit gleichem ungetheiltem Wohl¬ 
gefallen aufgenommen worden seyn, und unter diesen 
besonders seine vortreffliche Gedichte, selbst dem 
Geiste der deutschen Sprache einen neuen Schwung 
gegeben hätten; auch im Auslande würden seine Talente 
hoch geschätzt; so dass er von mehreren ausländischen 
Gelehrten-Gesellschaften als Ehrenmitglied aufgenom¬ 
men sey; seit einigen Jahren aber, als herzoglich-säch¬ 
sischer Hofrath, und mit einer Gattin aus einem guten 
adeligen Hause verehlicht, sich in der Residenz Seiner 
des Herzogs zu Sachsen-Weimar Liebden auf halte, es 
auch der lebhafte Wunsch Seiner Liebden sey, dass 
gedachter Hofrat sowohl wegen dessen in ganz Deutsch¬ 
land und im Auslande anerkannten ausgezeichneten 
Rufes, als auch sonst in verschiedenen auf die Gesell¬ 
schaft, in welcher derselbe lebe, sich beziehenden Rück¬ 
sichten noch eine persönliche Ehrenauszeichnung 
geniesse; Wir daher gnädigst geruhen möchten, den¬ 
selben sammt seinen ehelichen Nachkommen in des 
heiligen römischen Reichs Adelstand mildest zu erheben, 
welche allerhöchste Gnade er lebenslang mit tief¬ 
schuldigstem Danke verehren werde, welches derselbe 
auch wohl thun kann, mag und soll.“ Es wird dann in 
langen Sätzen dieses Adelsrecht dargethan und um¬ 
schrieben, auch ein Wappen mit genauer Beschreibung 
und Abbildung verliehen: „als einen von Gold und 
Blau quergetheilten Schild mit einem wachsenden natür¬ 
lichen weisen Einhome in der oberen und einem 
goldenen Querstreifen in der unteren Hälfte; auf dem 
Schilde ruht rechtsgekehrt ein — mit einem natürlichen 
Lorberkranze geschmückter, goldgekrönterfreiadeliger, 


offener, blau angeloffener und rothgefütterter, mit gol¬ 
denem Halsschmucke und blau und goldener Decke 
behängter Tumierhelm, auf dessen Krone das im Schild 
beschriebene Einhorn wiederholt erscheint.“ Dieses 
Wappen darf der geadelte Dichter und seine Nach¬ 
kommen „in Streiten, Stürmen, Schlachten, Kämpfen und 
Turnieren, Gestechen, Gefechten, Ritterspielen“ u. s. w. 
gebrauchen. Unterzeichnet ist der Adelsbrief vom Kaiser 
Franz und gegengezeichnet vom Fürsten zu Colloredo- 
Mannsfeld. 

In der „Deutschen Revue“ veröffentlicht Alf Chr. 
Kalischer eine Anzahl bisher ungedruckter Briefe 
Beethovens an den kaiserlichen Hofsekretär N. v. Zmes- 
kall in Wien. Aus ihnen erfahrt man, dass der grosse 
Komponist zu denjenigen Künstlern gehört, die sich 
voll Interesse mit dem Problem der Flugmaschine be¬ 
schäftigt haben. Allerdings geschah das bei Beethoven 
mehr als eifriger Zuschauer, denn als selbstthätiger 
Erfinder. In jenem Briefw echsel ist nämlich wiederholt 
von den „Degenschen Ausflügen“ die Rede, denen der 
Meister während eines Sommeraufenthaltes in Baden 
bei Wien gehuldigt hat. Diese Ausflüge beziehen sich 
auf die Flugversuche des damals Aufsehen erregenden 
Luftschiffers Jakob Degen. Der Mann dieses Namens 
war ein Schweizer, 1756 im Kanton Basel geboren. 
Als 10jähriger Knabe war er mit seinem Vater 
nach Wien gekommen, wo er als Mechaniker und 
Werkmeister arbeitete, nachdem er ursprüngüch die 
Uhrmacherei erlernt hatte. Er erfand dann eine Flug¬ 
maschine, mit der er seit 1808 in Wien Versuche 
anstellte. Im Jahre 1813 liess er sein aeronautisches 
Licht in Paris leuchten, doch ohne besonderen Erfolg. 
1820 erfand Degen in Wien den Doppeldruck für Wert¬ 
papiere und ward infolgedessen Beamter der National¬ 
bank. Er starb 1848 im Alter von 92 Jahren. Die 
Freude Beethovens an Jakob Degens Flugversuchen 
geht aus seinen Mitteilungen und Andeutungen in den 
Briefen an Zmeskall deutlich hervor. 


Aus dem letzten Berichte der Berliner Litteratur- 
archivgesellschaft ist zu entnehmen, dass das Archiv 
bereits nahezu 12000 Briefe und etwa 500 grössere Hand¬ 
schriften besitzt. Im Jahre 1897 wurden u. a. Briefe von 
Charlotte Schiller und Amalie Imhoff an Fritz v. Stein, 
desgleichen die für die Goethe-Forschung hochinteres¬ 
santen Briefe von J. G. Zimmermann an Frau v. Stein 
erworben. Diese sind im Auszuge in dem letzten Hefte 
der Mitteilungen aus dem Litteraturarchiv veröffentlicht 
worden. Durch die Überweisung der Notizbücher 
Johann Gottfried Schadows seitens der Erbin gelangte 
die Gesellschaft in den Besitz eines für eine Biographie 
Schadows unentbehrlichen Materials. Die tagebuch¬ 
artigen Notizen des grossen Meisters umfassen die Jahre 
1804 bis 1853. 


Österreich-Ungarn. 

Es ist kein schlechtes Zeichen der Zeit, dass die 
Kunstzeitschriften allerwärts wie die Pilze empor- 


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54 


Chronik. 


schiessen. Es weht ein Frühlingswind, und wenn als 
wärmender Sonnenschein auch die Gunst des Publi¬ 
kums nicht ausbleibt, können wir uns im Interesse 
kräftigen Vorwärtsschreitens auf dem weiten Felde 
fröhlicher Kunst nur gratulieren. Unter dem sonnigen 
Namen „Ver sacrum“ hat die Vereinigung bildender 
Künstler Österreichs sich ein besonderes Organ ge¬ 
schaffen, das in schön ausgestatteten Monatsheften zum 
Jahresabonnement von 12 Kronen oder 10 Mark bei 
Gerlach & Schenk in Wien erscheint. Das erste Heft 
verspricht viel. Max Burkhard , dem sein Rücktritt 
vom Direktionsposten des Burgtheaters Zeit giebt, sich 
wieder mehr seinen litterarischen und künstlerischen 
Neigungen zu widmen, leitet das Unternehmen mit 
einem poetisch gestimmten Vorwort ein. Dann folgt 
ein Artikel über die Ziele des Blattes. „Das Kunst¬ 
empfinden unserer Zeit zu wecken, anzuregen und zu 
verbreiten, ist unser Ziel, ist der Hauptgrund, weshalb 
wir eine Zeitschrift herausgeben“.... Hermann Bahr, 
der nicht fehlen darf, spricht über die Sezessionsgruppe 
der österreichischen Künstler in seinem immer an¬ 
regenden Plauderton und charakterisiert das Streben 
der „Vereinigung“ unter Degenfuchteln wider die 
„Genossenschaft“. Die Wiener Sezession stehe auf 
anderem Boden als die in München und Paris. Hier 
handele es sich nicht darum, neben die alte Kunst eine 
neue zu stellen, für und gegen die Tradition zu streiten, 
sondern um die einfache Frage: Geschäft oder Kunst? 
Die Wiener Sezession ist also gewissermassen ein agi- 
tatorischerVerein, kriegführend gegen das Fabrikanten- 
tum in der landsässigen Kunst. Wunderhübsch erzählt 
Ludwig Hevesi vom alten jungen Rudolf Alt. Eine 
Chronik der Ausstellungen schliesst das erste Heft ab. 
Schon im Format — 28 7 a zu 3 ° cm — betont die Zeit¬ 
schrift, dass sie etwas Besonderes will, und auch in 
dem Bilderreichtum der Numero Eins tritt kräftig, 
„agitatorisch“ sagt Bahr, ihre Eigenart hervor. Sehr 
fein ist die Aktstudie Jos. Engelharts auf der ersten 
Seite; ein guter zeichnerischer Scherz von Gustav Klimt 
beweist, dass man in der Sezession auch lachen will. 
Der Entwurf J. Malczewskis für den „Polnischen Pe¬ 
gasus“ zeigt originelle Prägung, Gedankeninhalt und 
bei aller Flüchtigkeit der Skizzierung die sauberste 
Korrektheit. Ganz famos ist der „dekorative Fleck“ 
Kolo Mosers, ein weisses Mädchengesicht mit roten 
Lippen und rotem Haar, ein paar lichtgrüne Blätter 
in diesem. Charakteristisch hat R. Bacher das Porträt 
des grossen Perspektivikers Rudolf Alt entworfen, von 
dem eine prächtige Zeichnung des Stephansplatzes bei¬ 
gefügt ist. Dem „Frühlingstreiben“ von Maxim. Lenz 
fehlt es an Klarheit und Körperlichkeit; gut ist das 
vorderste, auf den Beschauer zustürmende Mädchen 
in seiner nicht leichten Verkürzung gezeichnet. Über 
das ganze Heft ist eine fast überreiche Anzahl von 
Zierstückcn ausgestreut, zum Teil ganz entzückende 
Sächelchen, wie das Römerpaar von J. V. Krämer, die 
Blumenranken Mosers und der Jos. Hoffmannsche 
Buchschmuck. Adolf Böhms „Bach der Thränen“ soll 
vielleicht eine Konzession an die Radikalen sein. Es 
ist eine böse Schmiererei; die Figuren verzeichnet, das 
Ganze nicht einmal dekorativ wirksam. Aber ob des 


vielen Guten verzeiht man den Herausgebern gerne 
diese Geschmacklosigkeit. Jedenfalls kann man dem 
„Heiligen Frühling“ eine üppige Sommerreife w ünschen. 

—f. 

Wie die Berliner Nationalgalerie unter Herrn von 
Tschudi, so scheint auch das Wiener Museum für Kunst 
und Industrie unter der Leitung seines neuen Direktors, 
des Hofrats von Scala, einer besseren Zukunft entgegen 
zu gehen. Es hat sich in den bei Artaria & Co. in 
Wien erscheinenden Monatsheften „ Kunst und Kunst¬ 
handwerk"" (jährlich 12 Fl. = 20 M.) nunmehr auch 
ein eigenes Organ geschaffen, dessen erste, sehr statt¬ 
liche Doppelnummer uns vorliegt. Ein köstliches Ka¬ 
lendarium von Lefflers Hand, derselben, die Andersens 
„Prinzessin und Schweinehirt“ so wundervoll illustrierte, 
leitet das Buch ein; Leffler kann Hermann Vogel zur 
Seite gestellt werden, was Humor, Poesie und prächtige 
Schilderung betrifft; er überragt ihn aber in der Har¬ 
monie der Farbengebung. Der Eismonat bringt — nicht 
ganz chronologisch — die heiligen drei Könige und 
den Stern von Bethlehem, der Hornung eine Huldigung 
des kaiserlichen Geburtstagskindes ohne eine Spur 
von Liebedienerei. Die kleinen, das Kalenderblatt um¬ 
rahmenden Felder sind von grösster Feinheit. Der 
Burg des Grafen Wilzcek in der Nähe von Wien, 
Kreuzenstein mit Namen, widmet Camillo Sitte einen 
mit anschaulichen Illustrationen versehenen Artikel; die 
genaue Abbildung der Pfaffenstube mit ihrer Bücherei 
dürfte unsere Leser besonders interessieren. H E. 
von Berlepsch sucht Felician von Myrbach, den Viel¬ 
unterschätzten, in einer längeren Arbeit dem Publikum 
näher zu bringen, von charakteristischen Studienblättem, 
unter denen besonders die Wälle von Chester hervor¬ 
zuheben sind, unterstützt. Über die englischen Möbel 
seit Heinrich XII. plaudert Mr. Hungerford-Pollen sehr 
fesselnd, während Lacher in Graz sich den Weizersaal 
des dortigen Museums zum Thema gewählt hat. Eine 
allgemeine Übersicht des Wiener Kunstlebens hat 
Hevesis bewährte Feder beigesteuert. Reizvolle Einzel¬ 
illustrationen, Interieurs, Vasen und anderes sind in 
die Rubrik der kleineren Nachrichten eingestreut. Ein 
kurzer bibliographischer Anhang über die „Litteratur 
des Kunstgewerbes“ ist eine froh zu begrüssende 
Neuerung. Auch diese Zeitschrift, auf die wir in ge¬ 
legentlichen Besprechungen zurückkommen werden, ist 
ein Beweis für das frische Aufblühen deutscher Kunst 
in den Donaulanden. —f. 


Belgien. 

Der 1897er Jahrgang von „ De Vlaamse School “ 
(Antwerpen, J. E. Buschmann) wurde uns in geschmack¬ 
vollem Leinenband zugesandt. Es ist eine Freude, 
beim Durchblättern dieses Bandes feststellen zu 
können, w r elche starke Wurzeln der germanische Geist 
im vlämischen Kunstleben geschlagen hat. Freilich 
ist es kein Wunder, da der Leiter des Blattes, Pol de 
Mont, selbst ein begeisterter Deutscher ist, dessen Ein¬ 
fluss man Seite für Seite zu spüren meint. So findet 


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Chronik. 


55 


man unter den litterarischen Beiträgen neben Rooses, 
Gezelle, Meijere, Emants, Koster auch Namen aus un¬ 
serem jüngeren Bekanntenkreis: Bierbaum, Flaischlen, 
Holz, Klaus Groth, Meier-Graefe, Falke u. a. Die künst¬ 
lerische Ausstattung der Zeitschrift ist vornehm, ohne 
prunkhaft zu sein. A. Baertsoen, Jan van Beers (u. a. 
mit einem prächtigen Porträt Racheforts), Axel Gallon 
Kallela, Willem Linnig jun., A. von Neste, Karel Doudelet 
und der Worpsweder Vogeler sind ülustrativ am meisten 
vertreten. —f. 


England. 

Mr. S. A. Strong, der Bibliothekar des Hauses der 
Lords, hat in dem Februarheft von „Longman’s Maga¬ 
zine“ einen Beitrag geliefert, der Mitteilungen aus den 
Papieren des Herzogs von Devonshire enthält, darunter 
auch Originalbriefe von Thackeray und Dickens an den 
damaligen Herzog von Devonshire, die bisher unbekannt 
waren. Letzterer bittet Thackeray um einige Aufschlüsse 
über die Modelle zu den handelnden Personen in 
„Vanity Fair“. In dem Antwortschreiben spricht sich 
der Autor, meiner Ansicht nach, nicht sehr klar über 
den Gegenstand aus, ja es finden sich sogar Wider¬ 
sprüche in demselben, namentlich was „Lady Crawley“ 
(Becky Sharp) betrifft. Es scheint mir fast, dass 
Thackeray absichtlich in diesen Briefen irreleitende Be¬ 
merkungen unterfliessen lässt. —s. 


Bei Kegan Paul & Co. erschien „F. W, Finshams 
Artist and Engravers of British and American Book- 
Plates .“ Dies mühsam abgefasste Nachschlagewerk 
enthält auch eine alphabetische Liste der Namen von 
einigen hundert Kupferstechern und den von ihrer Hand 
geschaffenen Bücherzeichen. —s. 


Ein zur Beurteilung Tennysons dienender und bis¬ 
her in Deutschland nicht publizierter Brief an die 
Schriftstellerin Miss Marie Corellilautet: „Liebe Madam; 
ich danke Ihnen herzlichst für Ihren freundlichen Brief 
und für die Gabe von ,Ardath‘, ein hervorragendes 
Werk von machtvoller Gestaltung. Nach meiner An¬ 
sicht thun Sie wohl daran, nicht nach Ruhm zu fragen. 
Der moderne Ruhm erweist sich nur zu oft als eine 
Dornenkrone, die Grobheit und die Plattheit der Welt 
auf uns häuft. Mitunter wünsche ich, dass ich niemals 
eine Zeile geschrieben hätte. Ihr Tennyson.“ —z. 


Über die auch von uns mehrfach erwähnten neu 
aufgefundenen Dichtungen des griechischen Lyrikers 
Bakchylides bringt die Frankfurter Zeitung einen längeren 
Aufsatz, dem wir folgende Einzelheiten entnehmen: 
Der Papyrus, der nach der Schrift auf die Mitte des 
ersten vorchristlichen Jahrhunderts zurückdatiert wird, 


enthält 20 mehr oder weniger vollständige Gedichte. 
Es sind 14 Epinikien, Siegergedichte von der Art der 
Pindarischen Oden auf Sieger in Wettspielen, auf Lands¬ 
leute des Dichters, auf Hieron von Syrakus, den Patron 
des Bakchylides, und auf andere. Teüweise sind die¬ 
selben Siege besungen wie in Pindars Siegergesängen. 
Die anderen erhaltenen sechs Lieder sind Päane, Hym¬ 
nen, Dithyramben, darunter ein Zwiegesang; sie erweitern 
zweifellos unsere Kenntnis der griechischen Poesie¬ 
formen. Nicht Pindars gewaltige Grösse, die sich zu¬ 
weilen auch in einer gewissen Dunkelheit ergeht, finden 
wir in Bakchylides; eine mehr konventionelle Feinheit 
gegenüber Pindars Individualismus ist ihr Charakte¬ 
ristikum. Dabei eine Freude an der Natur, die sich 
in malerischen Schilderungen und Vergleichen äussert. 
„Des Sonnenstrahls Glanz hinter der Sturmwolke 
Düsterheit“ sehen die Trojaner, als Achilleus wegen 
Briseis nicht zum Kampfe zieht Wie auch die 
griechische Sagen- und Mythologie-Kenntnis durch den 
Neufund bereichert und manches daraus aufgeklärt 
wird, zeigt die 17. Ode. Pausanius und Hyginus 
(ersterer bei Schüderung der Gemälde des Mikon an 
den Wänden des Theseums) erzählen, wie Minos, als er 
die 14 Jünglinge und Jungfrauen als Opfer für den 
Minotaurus nach Kreta holte, mit Theseus in Streit 
geraten sei wegen einer Jungfrau Namens Eriboea 
(Pausanias hat Periboea). Der Streit um die Jungfrau 
ward zum Streit über die göttliche Herkunft zwischen 
dem Zeus-Sohne und Theseus, dem Sohne Poseidons. 
Minos rief den Donner und Blitz seines göttlichen 
Vaters mit Erfolg als Zeugen herbei und verlangte 
von Theseus, dass er einen Ring aus der Tiefe des 
Meeres hervorhole als Beweis dafür, dass Poseidon sein 
Vater sei Auf der berühmten Vase des Klitias und 
Ergotimus, der sogenannten Francois-Vase in Florenz, 
einem der merkwürdigsten Stücke der Florentiner 
Sammlung, ist auch diese Scene dargestellt. Aber 
man wusste die Malerei nicht recht zu erklären. Noch 
der treffliche Führer durch die Antiken von Florenz 
von Walter Amelung (München, Bruckmann 1897) 
schreibt über die Scene auf der Fran$ois-Vase: „Die 
Schiffsmannschaft ist in lebhafter Erregung, der Steuer¬ 
mann hat staunend die Hand erhoben, ein anderer 
streckt im hellsten Jubel beide Arme in die Luft, 
andere scheinen ebenfalls aussteigen zu wollen und 
einer, der es gar nicht hat erwarten können, schwimmt 
ans Land.“ Aber so ist es nicht, es ist Theseus, der 
mit dem Ring des Minos aus der Tiefe aus seines 
Vaters Reich aufgetaucht ist. Bei Bakchylides lautet 
die Stelle: „Es zitterte der athenischen Jugend ganze 
Schar, als der Held ins Meer sprang; — Aus den 
Augen floss die Thräne, tragen mussten sie die schwere 
Not. Doch — rasch trugen meerbewohnende Delphine 
Theseus in des rosselenkenden Vaters — herrliche Be¬ 
hausung, Jetzt ritt er hier zum Palaste der Götter. 
Wir erschraken, — als des schätzereichen Nereus 
Töchter vor ihm auftauchten. Von ihren lieblichen — 
Gestalten ging ein Glanz aus wie der des Feuers, um 
ihre Haare wanden sich — goldgeflochtene Binden. 
Mit ihren thautropfenden Füssen ergötzten sie das — 
Herz im Reigen. Und Theseus sah des Vaters ge- 


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56 


Chronik. 


liebte Gattin, die liebliche, — grossäugige Amphitrite 
im herrlichen Palaste, die ihm den glänzenden Ring — 
reichte (oder einen Purpurmantel, hier ist die Stelle 
verderbt) und den goldenen — Kranz aufs Haupt setzte, 
den ihr einst Aphrodite zur Hochzeit geschenkt hatte. — 
Nichts, was die Götter wollen, ist unglaublich für den 
Mann von Gefühl und Sinn. — Jetzt erscheint Theseus 
wieder an des Schiffes scharf die Wogen durchschneiden¬ 
dem — Vorderteil. Wie schwanden da des Minos 
Siegesgedanken, als der Held, ein — Wunder für alle; 
zu schauen, unbenetzt auftaucht aus dem Salzmeere! 
Glanz — ging aus von der Götter Geschenken, die er 
an den Fingern trug als Schmuck; es — jauchzen die 
Mädchen, es schallt das Weltmeer und die Jünglinge 

sangen den — Päan mit lieblichen Stimmen-“ Auch 

über die Krösus- und Kyrussage breitet Bakchylides 
ein neues Licht Nicht Kyrus lässt den besiegten 
Lyderkönig auf den Scheiterhaufen steigen: freiwillig 
will der besiegte König sich selbst mit Kindern und 
Schätzen dem Flammentode weihen; doch Zeus löscht 
die Flammen durch Sturm, und Apollo entrückt den 
König wegen seiner Frömmigkeit als den Wohlthäter 
Delphis mit seinen Kindern zu den Hyperboräem. 
Und wieder singt der gläubige Dichter wie in dem 
Theseus-Wunder: „Nichts ist unglaubwürdig, was der 
Götter Vorsorge schafft.“ (III, 51). Herodots all¬ 
gemein bekannte Erzählung von Krösus und Kyrus ist 
nach Bakchylides niedergeschrieben. 


Italien. 

Wir haben zur Zeit freudig die erste ins Leben 
getretene bibliographische Vereinigung Italiens begrüsst 
und auch bereits kurze Auszüge aus ihren Statuten 
gebracht. Heute liegen uns die vollständigen Akten 
der ersten Zusammenkunft der „ Socictä bibliografica 
italiana“ vox, aus denen, wir noch folgendes entnehmen: 

Am 23. September 1897 eröffnete der Präsident 
Fumagalli die erste Sitzung; der Verein zählte z. Z. 
258 Mitglieder, Bibliothekare, Autoren, Buchhändler 
und Amateure. Glückwünsche und Geschenke liefen 
von vielen Seiten ein; u. a. ein „Saggio d’una Biblio- 
grafia marittima italiana“ von Prof. Calani aus Rom. 
Die privaten Sitzungen des 23. und 24. vergehen zum 
Teil unter Diskussionen über Statutenangelegenheiten, 
sowie über Gefängnisbibliotheken. Die öffentlichen 
Sitzungen, die am gleichen Tage und am 25. statt¬ 
fanden, brachten Berichte über die II. internationale 
Buchhändlerkonferenz in London, über das universale 
bibliographische Repertorium und das Dezimalklassi¬ 
fikationssystem Deweys und über den Plan eines bio¬ 
bibliographischen Diktionärs sämtlicher italienischer 
Schriftsteller bis zum Jahr 1900. Fumagalli schloss den 


ersten Tag mit einer sehr interessanten Rede, die 
bequemere Neuordnung öffentlicher Bibliotheken be¬ 
treffend 

Den Mitgliedern und Gästen dieser ersten Zusammen¬ 
kunft wurden schöne, auf Handpresskartons in rot und 
schwarz mit gotischen Buchstaben gedruckte Erinne¬ 
rungsblätter überreicht, die Luca Beltrami mit dem 
geschmackvollen Zeichen der Gesellschaft in rot und 
gold geschmückt hatte. Die Zeichnung stellt ein ge¬ 
öffnetes Buch mit dem Motto: Qui seit ubi sit scientia 
sapienti est proximus dar, neben dem eine antike 
Lampe strahlt. Darüber steht: „Societä bibliografica 
italiana“ und ein Rundband enthält die Namen der 
12 berühmtesten italienischen Biographen. Ausserdem 
verteilten einzelne Mitglieder Festschriften, so Bertarelli 
eine herrlich illustrierte Abhandlung über Ex-Libris und 
Calani sein „Saggio di una bibliografia marittima 
italiana“. Die Druckertintenfabrik Lorilleux widmete 
phototypische Blätter, den Manzoni-Saal in der Brera- 
bibliothek darstellend, bei Bassani in Mailand nach 
einer Photographie Dubrays ausgeführt, und durch 
Prof. Bassi mit illustrierendem Text versehen —m. 


Frankreich. 

Seinem interessanten Werk über Affichen lässt 
Uon Maillard jetzt „Les Menus et Programmes illu - 
strds“ vom XVII. Jahrhundert bis zum heutigen Tage 
folgen. Das Buch ist auf Vdlin du Marais bei Lahure 
gedruckt und in der Libraire Artistique G. Boudet, 
Editeur et Libr. Ch. Tallandier, erschienen. Von den 
1050 Exemplaren der Auflage sind je 25 auf Japan 
und China abgezogen worden. Mucha hat den Um¬ 
schlag illustriert. Das Werk ist so interessant, dass 
wir es noch näher besprechen werden. —m. 


Die letzte Schöpfung des nunmehr verstorbenen 
Verlegers L. Conquet ist Longus' Daphnis et Chlol in 
der Courrierschen Übersetzung gewesen. Paul Avril 
lieferte die zierlichen Gravierungen, Kapitelanfänge und 
Schlüsse zu dem auf feinstem Velin du Marais ge¬ 
druckten Oktavbändchen, von dem nur eine geringe 
Anzahl Abzüge hergestellt wurde. Courrier fand in der 
Florentiner Bibliothek das Original des Schäfergedichtes, 
deshalb zog auch Conquet seine Übertragung der 
Amyotschen (1559) vor. Eine der ersten Ausgaben der 
Pastorale erschien bei Quillan in Paris, mit Zeichnungen 
Rögents, von Audran graviert, und hat vielfach hohe 
Preise erzielt. 1800 erschien eine Ausgabe bei Didot, 
von Prud’hon und Gdrard illustriert, dann 1872 bei 
Jonaust, 1878 bei Quantin, 1890 bei Launette. —m. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse: Berlin \V. Augsburgerstrasse 61 erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. — Papier der Neuen Papier- 

Manufaktur in Strassburg i. E. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

2. Jahrgang 1898/99. - Heft 2: Mai 1898. 


Mittelalterliche und neuere Lesezeichen. 


Von 


Dr. R. Forrer in Strassburg i. E. 



selsohren nennt man gemeinhin 
jene die Bücher so verunstal¬ 
tenden umgebogenen Blatt¬ 
ecken, welche dazu dienen 
sollen, Seiten mit besonders 
interessanten Textstellen oder 
jene Seite eines Buches, bei welcher man in 
der Lektüre stehen geblieben ist, zu markieren, 
um sie beim Nachschlagen ohne langes Suchen 
rasch wiederzufinden. Gut erzogene Leute 
wenden derlei Gedächtnisnachhelfer, die an 
den „Knoten im Schnupftuche“ erinnern, nicht 
oder wenigstens nicht bei besseren Büchern 
an, sondern benutzen für diesen Zweck das 
sogenannte Buch - oder Lesezeiche?i 
(englisch the bookmark), nicht 
zu verwechseln natürlich mit dem 
verwandt klingenden „Bibliotheks¬ 
zeichen“ oder „Ex-Libris“, das 
man gelegentlich auch als „Bücher¬ 
zeichen“ verdeutscht sieht, damit 
aber leicht Begriffsverwechselun¬ 
gen herbeiführt. Also nicht um 
die mehr oder minder kunstreich 
ausgefiihrten Bücher- oder besser 
und deutlicher gesagt Bibliotheks¬ 
zeichen handelt es sich hier, 
sondern um Signete , welche dazu 
dienen sollen, in Büchern Seiten 
mit interessanten Abbildungen 
Z. f. B. 98/99. 



Abb. x. Mittelalterliches Buch 
mit Lesezeichen. 


oder wichtigen Textstellen zu markieren, oder 
jene Seite zu bezeichnen, bei welcher man die 
Lektüre wieder aufzunehmen wünscht. Das Bi¬ 
bliothekszeichen, als das Zeichen des Besitzes 
resp. der Zugehörigkeit, sitzt angeklebt im vor¬ 
deren Buchdeckel, das Lesezeichen dagegen ist 
beweglich und hervorgegangen aus dem Be¬ 
dürfnis der mittelalterlichen Chorsänger, die ein¬ 
zelnen öfters gebrauchten Gesänge in den Anti¬ 
phonarien ohne langes Suchen rasch zu finden. 

Um die betreffenden Seiten zu bezeichnen, 
schnitt man sich lange schmale Pergament¬ 
streifen oder bediente sich zu demselben Zwecke 
schmaler gewebter Bändchen aus Seide. Da 
aber diese lose eingelegten Strei¬ 
fen zu leicht sich verloren, um¬ 
somehr, als jene Antiphonarien 
beim Gebrauche nicht wagerecht 
gelegt, sondern auf den Sing¬ 
pulten schräg aufrecht gestellt 
wurden (um sie allen Sängern 
sichtbar zu machen), ging man 
einen Schritt weiter und versah 
jene Lesezeichen oben mit einem 
Knopfe, welcher das Herunter¬ 
rutschen verhütete (Abb. 1). Waren 
mehrere solcher Lesezeichen in 
einem Buche nötig, so vereinigte 
man oft alle ihre oberen Enden in 
einem Knopfe und ging insofern 
8 


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Forrer, Mittelalterliche und neuere Lesezeichen. 



noch einen Schritt 
vorwärts, als man 
zur weiteren Erleich¬ 
terung des Suchens 
verschiedenfarbige 
Streifen zur Anwen¬ 
dung brachte. 

Solche mittelalterliche 
Lesezeichen haben sich 
noch mehrfach erhalten, 
sind aber bis jetzt zumeist 
der Beachtung entgangen. 
Die Streifen bestehen ge¬ 
wöhnlich aus farbiger Seide; 
der Knopf ist zierlich in 
Kugelform geflochten, bald 
aus den Enden der ver¬ 
schiedenfarbigen Bänder 
gebildet, bald separat ge¬ 
arbeitet und mit Quästchen 
verziert. Ich gebe in den 
Abbildungen 2 und 3 und 
S und 6 Proben solcher, 
meist mittelalterlichen Per¬ 
gament-Manuskripten des 
XIV. und XV. Jahrhunderts 
entnommenen gotischen 


sieren sich durch die 
liebevolle Sorgfalt, die 
man selbst diesem un¬ 
scheinbaren Geräte an¬ 
gedeihen liess, die aber 
im Zusammenhang steht 
mit der Kostbarkeit der 
damaligen Bücher über¬ 
haupt Kostbar war das 
Material dieser Buch¬ 
zeichen, und ebenso auch 
die darauf verwendete 
Arbeit und Sorgfalt eine 
nicht unbedeutende. Wie 
liebevoll erdacht und 
gearbeitet ist zum Bei¬ 
spiel das Lesezeichen 
Abb. 3 (XV.Jahrhundert), 
dessen um einen Kern 
geflochtene cyprische 
Goldbrokatfaden orna¬ 
mentale Muster bilden, 
und das in drei, mit 
ebenso niedlich gearbei¬ 
teten Brokatknöpfen ver¬ 
sehene, rote Seidenquäst- 
chen ausläuft. Andere 


Abb. 2 u. 3. 

Mittelalterliche 

Lesezeichen. 

Lesezeichen. So unschein¬ 
bar diese kleinen Ge¬ 
brauchsgegenstände sind, 
so lässt sich doch in ihrer 
Entstehung und Ent¬ 
wickelung eine ganze 
Reihe von Stadien ver¬ 
folgen, die sich in engem 
Zusammenhang mit der 
Entwickelung des Buch - 
Wesens selbst zeigen: Die 
vorerwähnten gotischen 
Lesezeichen charakteri- 




r®unf4)id 
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^ " K: 


Abb. 4 . 

Lesezeichen aus dem XV11I. Jahrhundert 



Abb. 5 u. 6. 

Mittelalterliches und 
Empire-Lesezeichen. 

Endknöpfe (z. B. Abb. 2, 
XTV. Jahrhundert) sind 
mit Gold und roter Seide 
umsponnen oder zierlich 
geflochten (wie Abb. 5). 

Mit der Zeit der Re¬ 
naissance, als dieDrucker- 
kunstdieWeltmitBüchern 
überschwemmte und das 
einzelne Buch an Wert 
verlor, verlor sich auch 
die Kostbarkeit des Buch¬ 
zeichens, parallel gehend 
mit einer veränderten, 
vereinfachten Form des¬ 
selben . Bisher war das 
Lesezeichen für sich ein 


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Forrer, Mittelalterliche und neuere Lesezeichen. 


59 



Abb. 7. 

Lesezeichen aus dem XVIIL Jahrhundert 
(Auf schwarzem Untergrund.) 


selbständiges Objekt, gerade wie der Lesegriffel, 
mit welchem der Leser den Lettern folgte, ein 
zum Buche gehöriger „stummer Diener“. Im 
XVI. Jahrhundert nun begann man das Lese¬ 
zeichen als einen zum Buche selbst gehörigen Be - 
standteil umzuarbeiten, indem man den schmalen 
Bandstreifen oben im Rücken des Bucheinbandes 
befestigte. Dadurch wurde natürlich der Knopf 
überflüssig und es verlor sich somit der das 
Ganze zierende Schmuck. In dieser Form hat 
sich das Buchzeichen stellenweise bis heute 
erhalten, sei es, dass der Verleger gleich bei 
Ausgabe des Buches ein solches Bändchen ein- 
legen oder mitbinden liess, sei es, dass dies 
der Käufer nachträglich anbrachte. In der 
ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, als die so¬ 
genannten Haararbeiten üblich geworden, fertigte 
man sich nicht selten dergleichen Lesezeichen 
auch aus den Haaren lieber Verstorbener. 
Dann ging man noch weiter und begann — 
hauptsächlich bei Erbauungsbüchern — das 
untere Ende des Buchzeichens mit kleinen 
goldenen oder silbernen Kreuzchen, Ankern, 
Herzen, Perlen u. dgl. zu zieren und damit dem 
Buchzeichen am unteren Ende für den ihm am 


oberen genommenen Schmuck einen Ersatz zu 
geben. 

Schon früh trat aber diesen Bänderzeichen 
eine Schwester in Gestalt des graphischen Lese¬ 
zeichens (wie ich dieses zum Unterschied von 
den oben behandelten nennen will) zur Seite. 
Bei der Kostbarkeit der Pergamentmanuskripte 
konnte die Sitte oder besser Unsitte der Ein¬ 
gangs erwähnten „Eselsohren“ unmöglich auf- 
kommen. Das gab sich erst mit der Entwertung 
des einzelnen Buches durch die Massenproduktion 
auf dem Wege des Druckes. Daneben aber 
war es die natürlichste Sache der Welt, dass 
man, wo man gerade eine oder mehrere Seiten 
sich vormerken wollte, sie durch das Einlegen 
einiger Streifen Papieres markierte . Auf diese 
Weise müssen schon sehr früh Lese- oder 
Merkzeichen entstanden sein, wobei man dann 
bald einen Schritt weiter ging und je nach 
Stimmung des Lesers oder Charakter des be¬ 
treffenden Buches diese Papierstreifen mit 
Sprüchen religiösen oder weltlichen Inhaltes 



Abb. 8. 

Lesezeichen aus dem XVIII. Jahrhundert. 


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Forrer, Mittelalterliche und neuere Lesezeichen. 



Abb. 9. 

Lesezeichen von Caspar Lavater. 


versah. So fand ich in einer Cosmographie 
des Sebastian Münster von 1598 einen langen 
Papierstreifen, 

Der Name: Gottes ewigbleibt: Drum der from Christ davon nicht weichtTI 

auf dem der obige Spruch handschriftlich ein¬ 
getragen ist. Ein anderes solches Blatt zeigt 
eine sorgfältig gezeichnete Ornamentcar¬ 
touche und darüber den Vers: 

Laster der Nationen. 

Die Spanier lieben nur das Spiel: 

Die Teutschen trinken gerne viel : 

Franzosen halten mehr vom Essen, 

Italiener von Caressen. 

Im XVH. und XVIII. Jahrhundert wurde 
es allgemeine Sitte, in die Gebetbücher und 
Bibeln Lesezeichen in Form von Heiligen¬ 
bildern , Bändern mit frommen Sprüchen 
u. dgl. einzulegen. Die Katholiken bevor¬ 
zugten die Einlage von sogenannten Wall¬ 
fahrtsbildchen, Andere zogen Bildchen mit 
weltlichem Schmuck vor. Unter den zahl¬ 
reichen Lesezeichen dieser Art, welche ich 
gesammelt habe, befindet sich neben den 
hier in Abb. 4 und 7 als Proben abgebildeten 
auch das in Abb. 8 reproduzierte Lesezeichen 
in altelsässischer Bauernmalerei. Die Lese¬ 
zeichen werden in dieser Zeit überaus viel¬ 


fältig: Der Eine verwendet dazu ein Gebet 
oder einen Ablasszettel, der Andere das Bild 
seines Schutzpatrons, der Dritte anmutig in 
Kupfer gestochene Bildchen wie bei Abb. 4, und 
in einem Buche, das wohl einst einem etwas 
vielgeliebten Mädchen angehört hatte, fand ich 
als Lesezeichen das durchbrochen ausge¬ 
schnittene (travail en ddcoupure) Pergament¬ 
blättchen Abb. 7 mit dem Verse: 

„Dein hertz ist wie ein taubenhauss 

Fliegt ein nein Der ander rauss.“ 

Der berühmte Physiognomiker Pfarrer Caspar 
Lavater in Zürich hat sich in zahlreichen Lese¬ 
zeichen verewigt. Lavater war nicht nur ein 
vielbeliebter und hochverehrter, sondern auch 
sehr schreibseliger Seelsorger, der die frommen, 
im übrigen aber oft ganz vorzüglichen und 
von tiefer Gottesfurcht durchwehten Sprüche 
nur so aus dem Ärmel schüttelte. Da schenkte 
er denn seinen zahlreichen Verehrern, Ver¬ 
ehrerinnen und Pfarrkindem als vielbegehrte 
und willkommene Gabe Buchzeichen mit eigen¬ 
händig eingeschriebenen und von ihm verfassten 
Sprüchen. Dieselben sind zumeist auf mit 
Kupferstichbörtchen verzierten oblongen Papier¬ 
zetteln geschrieben und tragen gewöhnlich nur 
Spruch und Datum, selten auch seine Unter¬ 
schrift. (Proben solcher Lesezeichen vgl. Abb. 9 
und 10). Bekannt sind ferner die bald in viel¬ 
farbigem Papierdruck, bald in Stickerei auf Papier 


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Abb. 10. 

Lesezeichen von Caspar Lavater. 


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Forrer, Mittelalterliche und neuere Lesezeichen. 


61 


oder auf dünnem Stramin ausgeführten, meist 
mit frommen Sprüchen und Bildern gezierten 
Lesezeichen, welche man noch heute den Kon¬ 
firmanden in ihre Kirchengesangbücher schenkt 
und mit denen sich fromme Leute gern unter¬ 
einander zu erfreuen pflegen. 


Zeichen (Bookmarks) beilegen, deren bildlicher 
Schmuck jeweils dem Inhalte des betreffenden 
Buches angepasst ist (Abb. n und 12). Dr. 
Hirths Zeitschrift „Die Jugend“ hat schon mehr¬ 
fach Entwürfe zu Lesezeichen publiziert (Abb. 13 
und 14) und auch Schuster & Loeffler in Berlin 



Abb. 11. 

Lesezeichen der Firma R. H. Russell in New York. 


Abb. 12. 


Neuerdings und wohl als Folge des Wieder¬ 
auflebens der Ex-Libriskunst, beginnen auch 
die Bibliophilen mit dem Gebrauch künstlerisch 
dekorierter Lesezeichen, ja in Amerika haben 
sich diese schon so eingebürgert, dass z. B. 
die Kunstverleger R. H. Russell seit einiger Zeit 
den von ihnen herausgegebenen Büchern Lese- 


(Abb. 15), sowie E. Pierson in Dresden (Abb. 16) 
pflegen ihren Veröffentlichungen die hier facsi- 
milierten beizugeben. Ich selbst verwende das zu 
diesem Zwecke angefertigte Buch- oder Lese¬ 
zeichen Abb. 17, und wäre es, schon im Interesse 
unserer Künstler, freudig zu begrüssen, wenn diese 
Sitte auch bei uns allgemeinere Verbreitung fände. 


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Forrer, Mittelalterliche und neuere Lesezeichen. 



JUGEND 


JL 


JUGEND 


Abb. 13. Lesezeichen der „Jugend**. 



Natürlicherweise kommt es bei 
Herstellung künstlerischer Lese¬ 
zeichen, genau so wie bei den 
Ex-Libris, in erster Reihe darauf 
an, über welche Mittel man zu 
dem gedachten Zwecke zu ver¬ 
fügen hat oder verfügen will. Die 
Technik der Zinkographie ist so¬ 
weit vorgeschritten, dass ein ein¬ 
faches Ätzbild schon sehr hübsch 
aussehen kann. Selbstverständlich 
ist bei einer feineren Zeichnung 
der Holzschnitt vorzuziehen; will 
man in die Zeichnung farbige 
Töne hineinbringen — um so 
besser. Im Allgemeinen muss be¬ 
tont werden, dass ein Lesezeichen 
auffallen ,, den Blick sofort auf sich 
lenken soll. Eine Kolorierung 
oder wenigstens ein bunter Ton ist 
also nicht nur hübsch, sondern 
auch zweckmässig. Die äussere 
Form wird gewöhnlich eine läng¬ 
liche sein; quadratische Lese¬ 
zeichen, wie die Lavaterschen, sind 
nicht recht praktisch, weil sie 
leichter aus dem Buche, über 
dessen oberen oder unteren Schnitt 
sie hervorragen müssen, heraus¬ 
fallen können. Früher brachte 
man bei Papierlesezeichen häufig 
oberhalb einen zungenartigen Ein¬ 
schnitt (en ddcoupure) an, in den 
man sodann das Buchblatt schob, 
auf dem man eine Stelle markieren 
wollte. Aber praktisch ist auch 
das nicht; da sich das Lesezeichen 
auf diese Weise nicht in der Längs¬ 
richtung verschieben lässt, so 
wird das obere Ende beim Ein¬ 
reihen des Buchs in die Bibliothek 
oder durch ein gelegentliches Ver¬ 
sehen leicht umgebogen und umgeknickt und das Ganze verunstaltet. 

Die Art der Zeichnung wird sich immer nach dem Geschmacke 
des Einzelnen richten. Figürliches Symbolisches und Allegorisches 
dürfte sich am besten eignen. Auch Persönliches — Beziehungen 
auf den Besitzer, seine Neigungen und Studien — kann in der 
Zeichnung der Lesezeichen zum Ausdruck kommen, wie in der 
der Ex-Libris. Die Anbringung des Namens des Besitzers scheint 
mir erforderlich, doch auch der Name sollte von künstlerischer 
Hand entworfen, nicht nur in schlichten Typen gedruckt sein. 


Abb. 14. Lesezeichen der „Jugend* 


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Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 

Von 

Theodor Goebel in Stuttgart. 



as sich jetzt seinem Ende nähernde XIX. 
Jahrhundert hat sich auf den Tafeln 

der Geschichte 


nach zwei Richtungen: in der Schnellig¬ 
keit und in der hohen Kunst Als Gipfel der 
ersteren darf zur Zeit 


der druckenden Kunst mit 

unauslöschlichen Lettern 
eingezeichnet. Schon 
seine erstenJahre brachten 
eine Erfindung von weit¬ 
reichendem Einfluss für 
denBuchdruck: di eeiseme 
Handpresse Stanhopes, 
und das erste Jahrzehnt 
sah Friedrich Koenigs 
das ganze Wesen des 
Buchdrucks umgestalten¬ 
de Erfindung, die Schnell¬ 
presse , auf sicherer Bahn 
des Gelingens: 1811 er¬ 
folgte der erste Bücher¬ 
druck auf einer solchen, 
und mit dem 29. No¬ 
vember 1814 konnte die 
„Times“ der Welt ver¬ 
künden, dass die Druck¬ 
maschine das Feld des 
Zeitungsdrucks erobert 
habe. — Wenige Jahre 
vor Ablauf des XVIII. 
Jahrhunderts, 1796, hatte 
Sene/elder die schöne litho¬ 
graphische Kunst erfun¬ 
den; 1810 erschien bei 
Cotta in Stuttgart das 
erste deutsche Werk über 
„Das Geheimnis des Stein¬ 
drucks“, dessen Erfinder 
es im Laufeder Jahre noch 
gelang, fast alle Zweige 
desselben zu entwickeln 
und seine Kunst zu einer 
hohen Stufe der Vollen¬ 
dung zu führen. Schritt 
für Schritt folgten nun 



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die Rotationsmaschine 
angesehen werden, die 
jetzt Hunderttausende von 
Zeitungsdrucken in fast 
der gleichen Zahl von 
Stunden vollendet, als man 
mit der Holzpresse Mo¬ 
nate dafür brauchte, und 
auch die Schnellpresse für 
feinen Werk» und Acci- 
denzdruck hat, gleich der 
lithographischen Schnell¬ 
presse, hinsichtlich ihrer 
Leistungsfähigkeit nach 
Quantität und Qualität 
ausserordentliche Vervoll¬ 
kommnungen erfahren. 
Ein Zweig des typo¬ 
graphischen Gewerbes 
schien indes für immer in 
die Bahnen verwiesen zu 
sein, die ihm Gutenberg 
gefunden: der Typensatz. 
Zwar lassen sich die Be¬ 
strebungen , auch für 
diesen Maschinen zu er¬ 
sinnen, ebenfalls bis in die 
ersten Jahrzehnte dieses 
Jahrhunderts zurückver¬ 
folgen, doch sie alle 
scheiterten an technischen 
Schwierigkeiten, bis es 
endlich dem deutschen 
Uhrmacher Mergenthaler 
gelang, eine Setz - und 
Zeilengiess-Maschinezu er¬ 
finden, mittelst welcher in 
höchst sinnreicher Weise 
der Satz hergestellt und 
zugleich zu festen Zeilen 


die Vervollkommnungen 
im typographischen wie 
im lithographischen Druck 


Abb. 15. 

Lesezeichen der Firma Schuster & Loeffler 
in Berlin. 


vereinigt gegossen werden 
konnte, eine Erfindung, 
die zum Streben in gleicher 


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6 4 


Goebel, Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 


Richtung anspomte und zu überraschenden 
Erfolgen geführt hat. Von Setzmaschinen mit 
beweglichen Typen haben sich bis jetzt nur 
wenige relativ bewährt; die Herrichtung der 
Typen für den Satz und das Ablegen der ge¬ 
brauchten reduzierten die 
mit den Maschinen erhofften 
Vorteile immer wieder auf 
ein, die beträchtliche, für die¬ 
selben zu machende Kapitals¬ 
anlage nicht belohnendes 
Minimum. 

Im Schriftguss selbst aber 
hat das Jahrhundert recht 
bedeutende und belangreiche 
Erfolge gebracht, denn der 
langsame und kostspielige 
Handguss ist auch hier 
durch sehr leistungsfähige 
Maschinen ersetzt worden, 
deren Vervollkommnung in 
den sogenannnten Komplett - 
maschinen dahin gesteigert 
worden ist, dass die ge¬ 
gossene Type diese in druck¬ 
fertigem Zustande, in Reihen 
aufgesetzt, verlässt, und 
keinerlei Zwischenstationen, 
wie sie selbst die gewöhn¬ 
lichen Giessmaschinen noch 
bedingen, durch Abbrechen 
des Angusses, Schleifen der 
Typen u. s. w., mehr zu 
passieren hat. 

Noch ein weiterer, in 
diesem Jahrhundert erfolgter 
Fortschritt in der Herstellung 
der Druckformen ist zu ver¬ 
zeichnen: die Erfindung der 
Papierstereotypie . Die prak¬ 
tische Verwertung der Gips¬ 
stereotypie, mit welcher ein 
deutscher Pfarrer, Müller zu 
Leiden in Holland, um 1710 die ersten Versuche 
machte, datiert zwar auch erst vom Schluss des 
vorigen oder Anfang dieses Jahrhunderts, die 
Papierstereotypie jedoch ermöglichte erst die 
Erzeugung von halbrunden Druckplatten und da¬ 
mit die volle Ausnutzung der Rotationsmaschine. 

Von weittragendster Bedeutung für die 
Druckkunst wurden zwei weitere, fast gleichzeitig 


gemachte Erfindungen: die der Photographie 
und der Galvanoplastik , obwohl man anfäng¬ 
lich ihren Wert nach dieser Richtung kaum 
geahnt haben mag. Aus ihrer Vereinigung 
sind die zahlreichen photomechanischen Druck¬ 
verfahren, zum Teil unter 
Herbeiziehung der Ätzkunst, 
hervorgegangen, welche heu¬ 
te namentlich das Illustra¬ 
tionswesen auf eine so hohe 
Stufe gehoben und ihm so 
allgemeine Verbreitung ge¬ 
geben haben, wie es eine 
solche durch’Holzschnitt und 
Kupferstich und selbst mit 
Hilfe der neuerfundenen 
lithographischen Kunst nie¬ 
mals erreicht haben würde, 
obgleich der durch den 
Engländer Bewick neube¬ 
lebte Holzschnitt auch in 
diesem Jahrhundert eineVoll- 
kommenheit erreicht hat, wie 
er sie vordem niemals besass. 

Die hervorragendsten 
Töchter der Photographie 
aber sind im Druckwesen die 
Photolithographie , der Licht¬ 
druck und der von letzterem 
fast wieder ganz verdrängte 
Woodburydruck , sowie für 
die Buchdruckpresse die 
Photozinkographie und ihre 
Krönung, die von Meisenbach 
in München erfundene Auto¬ 
typie durch welche erst die 
Herstellung von Halbton¬ 
bildern auch im Buchdruck 
und der gleichzeitige Druck 
derselben mit dem Texte 
der Werke, Zeitschriften etc. 
ermöglicht wurde; fiir die 
Kupferdruckpresse aber er¬ 
stand die Heliographie und die Helio - oder 
Photogravüre , erstere die Reproduktion von 
Bildern in Strich- oder Punktmanier, letztere die 
Wiedergabe in Halbtönen auch von Gemälden, 
Tuschezeichnungen, photographischen Natur¬ 
aufnahmen etc. 

Welche Verbreitung die hier genannten 
Verfahren im Illustrationswesen gefunden, resp. 



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Goebel, Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 


65 


wie sehr sie selbst zu dessen Verbreitung bei¬ 
getragen haben, ist hinreichend bekannt, nur 
auf die Förderung der Illustration durch die 
Galvanoplastik sei noch hingewiesen. Sie er¬ 
möglicht die Abnahme unge¬ 
zählter minutiös originalgetreuer 
Druckplatten (Clich6s) von Holz¬ 
schnitten, Zinkätzungen, Kupfer¬ 
druckplatten u. s. w., wobei die 
Originale stets intakt erhalten 
werden, die Abdrucke aber, 
infolge der willigen Annahme 
und freien Abgabe der Druck¬ 
farbe durch das Kupfer, ebenso 
rein und schön erscheinen, als 
wenn sie von diesen selbst ge¬ 
druckt worden wären. Diese 
Möglichkeit der unbeschränk¬ 
ten Erzeugung von Platten hat 
deren Verkauf oder Tausch 
nach allen Weltteilen hervor¬ 
gerufen und damit dem Druck¬ 
gewerbe auch nach dieser 
Richtung hin Aufschwung und 
Bedeutung gegeben. Dass auf 
galvanischem Wege den Ori¬ 
ginalplatten aus Zink oder 
Kupfer auch grössere Wider¬ 
standsfähigkeit durch Ver¬ 
nickelung und Verstählung 
verliehen werden, ja dass man 
Platten ganz aus Eisen durch 
Niederschlagen im galvanischen 
Bade erzeugen kann, sei nur 
nebenher erwähnt. 

Aus der im Vorstehenden 
gegebenen flüchtigen Skizzie- 
rung der in diesem Jahrhundert 
geschehenen bedeutungsvollen 
Fortschritte im graphischen 
Gewerbe geht hervor, wie diese 
durch ein Zusammenkommen 
glücklicher und hochwichtiger 
Erfindungen möglich waren und 
wie sie beigetragen haben zur Bereicherung 
unseres Wissens und zur Verschönerung des 
Lebens durch Verallgemeinerung der Kunst. 
An drei mir vorliegenden Publikationen möge 
dies als durch die Thatsachen belegt dargethan 
werden. 

Die erste ist die vor wenigen Wochen zur 

Z. f. B. 98/99. 


Ausgabe gelangte achte Mappe der von der 
Direktion der Deutschen Reichsdruckerei unter 
Mitwirkung von Dr. F. Lippmann, Direktor des 
Kupferstichkabinets in Berlin, herausgegebenen 
Kupferstiche und Holzschnitte 
alter Meister in Nachbildungen, 
ein Werk vornehmster Art, das 
von dem leider so früh ver¬ 
storbenen genialen Direktor 
der Reichsdruckerei, Herrn 
Geheimen Oberregierungsrat 
Busse , begonnen und von dem 
derzeitigen Direktor, Herrn Ge¬ 
heimen Rechnungsrat Wendt , in 
vollster Erkenntnis der hohen 
Bedeutung des Unternehmens 
in gleicher Schönheit fortgesetzt 
wird. Ein Werk wie dieses 
würde ohne die Erfindung der 
photomechanischen Künste in 
derartig facsimiletreuer Aus¬ 
führung nahezu unmöglich sein, 
denn seine Herstellung würde 
nur durch die bedeutendsten 
Künstler in Kupferstich und 
Xylographie erreicht werden 
können, die Kosten aber müssten 
sich alsdann ins unerschwing¬ 
liche steigern, wie auch die Zeit¬ 
dauer dafür eine unbemessene 
sein würde. Bisher enthielt jede 
der Mappen dreissig Tafeln 
nach Kupferstichen und zwanzig 
nach Holzschnitten, die vor¬ 
liegende achte weicht davon 
ab, insofern sie fiinfunddreissig 
Kupferstich- und fünfzehn Holz¬ 
schnitt-Tafeln enthält; alle acht 
Mappen haben aber im ganzen 
bis jetzt vierhundert Tafeln 
veröffentlicht — in der That 
ein Riesenwerk, zu dessen Be¬ 
wältigung es natürlich, wenn 
auch nicht ausübender Stecher¬ 
meister und Holzschneider, so doch einer 
künstlerischen Leitung und einer Kraft ersten 
Ranges bedurfte. Diese besitzt die Reichs¬ 
druckerei in glücklicher Vereinigung in ihrem 
Direktor und in dem Leiter der betreffenden 
chalcographischen Abteilung, Herrn Professor 
Rose , unter dessen Meisterhand die photo- 

9 



Tiülfir 


Abb. 17. 

Lesezeichen von Dr. R. Forrer 
in Stuttgart. 


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66 


Goebel, Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 


mechanische Kunst zur hohen , bildenden Kunst 
wird. 

Die aus gelblichgrauem unsatiniertem Kar¬ 
ton bestehenden Tafeln des Werkes messen 
38*/* : 52V2 cm; die darauf lose aufgelegten 
Drucke erfolgten auf weisses Papier, das nur 
einen ganz leichten Stich ins Gelbliche hat. 
Ihre Zahl beträgt, da auf manchen Tafeln sich 
mehrere derselben befinden, bei den Kupfer¬ 
stichen zweiundsechszig und bei den Holz¬ 
schnitten fünfundzwanzig; von zweiundvierzig 
Meistern sind Werke reproduziert, von denen 
fünfundzwanzig zum erstenmale erscheinen. 
Dem Namen oder dem Monogramm jedes 
Neuerscheinenden ist, sofern dies möglich ge¬ 
wesen, auf der Inhaltstafel eine kurze biogra¬ 
phische Notiz angehängt; auf Künstler, von 
denen Werke bereits in früheren Mappen ge¬ 
geben wurden, wird nur hingewiesen. Was 
nun die Art der reproduzierten Kupferstiche 
anbelangt, so waren achtzehn ihrer Originale 
in Linienstich, dreizehn in Radierung, zwei in 
Schabkunst und zwei in Punktiermanier aus¬ 
geführt; von allen aber kann man sagen, dass 
ihre Reproduktion eine ganz meisterhafte, origi¬ 
nalgetreue ist; die Handschrift des Künstlers 
erscheint in keiner Weise beeinträchtigt und 
ist mit allen charakteristischen Eigenheiten 
jedes derselben wiedergegeben. Auf einzelne 
Blätter näher eingehen zu wollen, würde zu 
weit führen, denn fast jedem lassen sich be¬ 
sondere Schönheiten nachrühmen, nur der Ge¬ 
burt Christi von dem Genueser Künstler Giovanni 
Benedetto Castiglione sei gedacht, der ausser¬ 
ordentlichen Ähnlichkeit halber, welche die 
Technik dieses Meisters mit der Rembrandts 
hat, so dass man beim ersten Erblicken seines 
Blattes dasselbe unwillkürlich für eine Arbeit 
des grossen Holländers zu halten geneigt ist. 
Auch die beiden Schabkunstblätter und die in 
Punktiermanier sind, trotz der Schwierigkeit 
der Reproduktion dieser Techniken, künst¬ 
lerisch hochvollendet. 

Die Nachbildung der Holzschnitte alter 
Meister mit Hilfe der photomechanischen Ver¬ 
fahren bot, da es sich hier meist um kräftige 
Linien, niemals um Halbtöne handelte, ge¬ 
ringere Schwierigkeiten, zumal sie auch nicht 
für den Druck auf der Kupferdruckpresse, 
sondern für den der Buchdruckpresse bestimmt 
sind. Die Schönheit und Tiefe des letzteren 


ist wahrscheinlich mit Hilfe der Galvanoplastik 
noch erhöht worden, indem man die photo- 
zinkographisch gewonnene Platte noch galva¬ 
nisch verkupferte oder vernickelte, dadurch 
ihre Affinität gegenüber der Druckfarbe nicht 
unwesentlich steigernd. Auch einige Farben¬ 
holzschnitte sind aufgenommen worden; der 
heilige Georg zu Pferde, nach Lucas Cranach, 
gedruckt auf blauschwarzes Papier in Schwarz 
und Gold, ist von besonders malerischer 
Wirkung. 

So wird in dieser Mappe mit Hilfe der 
photomechanischen Künste den Kindern des 
XIX. Jahrhunderts wieder eine Fülle prächtiger 
Werke der alten Meister zu einem Preise ge¬ 
boten, für welchen kaum ein einziges der auf 
seinen fünfzig Tafeln nachgebildeten sieben¬ 
undachtzig Originale zu erlangen sein dürfte, 
denn Blätter von Dürer, Schongauer, Marcantonio 
Raimondi, Annibale Carracci, Claude Lorrain, 
Bartolozzi, Lucas Cranach, Hans Burgkmair, 
Holbein d. J., Geoffroy Tory, Lucas van Leyden 
u. s. w. bedingen bekanntlich hohe Preise; über 
die Vortrefflichkeit der Nachbildungen aber 
herrscht nur eine Stimme, und die Direktion 
der Reichsdruckerei hat sehr weise gehandelt, 
dass sie ihren Stempel auf der Rückseite 
aller Blätter anbringen und diese als „Facsimile- 
Reproduktion“ bezeichnen liess, um Kunst¬ 
händler mit möglicherweise etwas weitem 
Gewissen nicht der Versuchung auszusetzen, 
dieselben einiger künstlicher „Veralterung“ zu 
unterwerfen und sie dann als Originale in die 
Hände noch nicht genügend gewitzigter Kunst¬ 
freunde gelangen zu lassen. 

Die zweite der für den Fortschritt im 
graphischen Gewerbe als typisch zu erachtenden 
Publikationen trägt den einfachen Titel „Richard 
Bong, 1872—1897“; sie ist ein dem Manne, 
dessen Namen sie trägt, zum fünfundzwanzig¬ 
jährigen Bestehen seines Geschäfts gewidmetes 
Jubiläumswerk grossartigen Stils, in welchem 
uns namentlich der Holzschnitt, sowohl in 
Schwarz als auch in Farben in vollendetster 
Schönheit entgegentritt. Das Werk ist in Folio 
auf feinsten, gelblich getönten Velin-Karton 
gedruckt und enthält eine Skizze des Lebens 
und der Thätigkeit des Mannes, der, als Setzer¬ 
lehrling seine Geschäftsthätigkeit beginnend und 
sodann zum Berufe des Xylographen über¬ 
gehend, zum Reformator des Illustrationswesens 


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Goebel, Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 


67 


in deutschen Zeitschriften, in die er den Farben¬ 
holzschnitt einfuhrte, geworden ist, indem er 
zugleich auch den Tonschnitt in den von ihm 
herausgegebenen Blättern, namentlich in der 
„Modernen Kunst“ und „Zur guten Stunde“, 
auf eine vorher nur in seltenen Ausnahmen 
in der allgemeinen illustrierten Zeitschriften- 
Litteratur erreichte Höhe hob. Besonders aber 
ist es der Farbenholzschnitt, um dessen Po¬ 
pularisierung sich Bong die grössten Verdienste 
erworben hat. Es ist derselbe zwar keine 
neue Erfindung, und ein 1822 in England 
erschienenes Werk vou William Savage: „Hints 
on Decorative Printing“ giebt davon schon 
recht schöne, aber auch recht verfehlte Bei¬ 
spiele, die um so unbefriedigender werden, je 
mehr Platten der Drucker verwendet; in Wien 
schuf Heinrich Knöfler wahre chromoxylo- 
graphische Meisterwerke, und dessen Söhne 
Heinrich und Rudolf übertreffen den Vater 
noch in manchen ihrer Leistungen; ihre Thätig- 
keit ist jedoch nur selten aus den engen 
Grenzen religiöser Kunst herausgetreten und 
erst Richerd Bong war es, welcher die Chromo- 
xylographie in die illustrierten Zeitschriften 
einfuhrte und damit einen gewaltigen Schritt 
vorwärts that auf dem Wege des Fortschritts. 
Die Erfolge, welche er hiermit und durch seine 
meisterhaften Tonschnitte erzielte, zwangen die 
anderen, vorzugsweise die Unterhaltungslitteratur 
pflegenden illustrierten Zeitschriften, ihm auf 
der neueröffneten Bahn unter grossen, nicht 
immer freudig übernommenen Anstrengungen 
zu folgen, und so ist Bong thatsächlich zu 
einem Förderer und Reformator der Zeit- 
schriften-Illustration geworden, wie man dies 
z. B. sehr leicht durch einen Vergleich früherer 
Jahrgänge von „Über Land und Meer“ und 
„Illustrierte Welt“, die heute auch in jeder Hin¬ 
sicht Ausgezeichnetes bieten, mit deren Bänden 
der letzten Jahre bestätigt finden wird. 

Das Bongsche Jubiläumswerk aber darf man 
füglich als ein dem Fortschritt des Holzschnitts 
in diesem Jahrhundert errichtetes Monument 
bezeichnen, denn es enthält u. a. einen von 
Bong selbst ausgeführten Clair-obscur-Schnitt 
von kaum jemals erreichter Feinheit, desgleichen 
eine grosse Zahl künstlerisch vollendeter Ton¬ 
schnitte, darunter mehrere von des Meisters 
Hand selbst, sowie Farbenschnitte von so 
grosser Zartheit und duftiger Weichheit in den 


Übergängen und ausserordentlichem Reichtum 
in den Tönen, dass man glauben möchte, diese 
Blätter könnten nur auf chromolithographischem 
Wege oder durch Kupferdruck hergestellt sein. 

Damit nun aber ein entschiedener Fort¬ 
schritt auf dem Gebiete der Illustration über¬ 
haupt möglich sei, musste ihm ein solcher auf 
anderem Gebiete, auf dem des Papiers , voran¬ 
gehen oder doch mit ihm gleichzeitig Schritt 
halten. Als ein Ausdruck desselben kann die 
dritte der vorliegenden Publikationen gelten, 
auch ein Jubiläumswerk, das den Titel trägt 
„Die Patentpapierfabrik zu Penig. Ein Bei¬ 
trag zur Geschichte des Papiers, herausgegeben 
von Heino Castorf, kaufmännischer Direktor 
der Aktiengesellschaft.“ Ausserdem trägt der 
Titel noch die Bemerkungen: „Druck: A. Wohl¬ 
feld, Magdeburg. Excelsior-Kunstdruckpapier: 
Aktiengesellschaft Chromo, Altenburg. Surro¬ 
gatfreier Papierstoff zu diesem Kunstdruck¬ 
papier: Penig.“ 

Die Papierfabriken zu Penig zählen zu den 
ältesten Deutschlands; sie sind schon 1537 
gegründet worden. Das Jubiläum, welches Ver¬ 
anlassung wurde zur Herstellung des dasselbe 
feiernden Prachtwerks, galt nun nicht dieser 
Gründung, sondern nur der vor fünfundzwanzig 
Jahren erfolgten Umwandlung der Fabriken in 
eine Aktiengesellschaft; dass diese hieraus Ver¬ 
anlassung nahm zur Herausgabe eines gross¬ 
artigen Jubiläumswerkes, dessen Druck sie in 
die Meisterhand Wohlfelds legte, verdient 
warmen Dank seitens aller Angehörigen des 
Buchgewerbes. Dasselbe enthält zuerst eine 
kurze Darstellung der Erfindung und Aus¬ 
breitung der Papierfabrikation, schildert sodann, 
durch Dokumente belegt, die Gründung der 
Fabrik zu Penig und ihre Entwickelung, und 
führt schliesslich den Besucher derselben durch 
deren ausgedehnte Räume, sowie auch durch 
die Filialfabriken zu Reisewitz und Wilischthal 
und die Holzschleiferei zu Wolkenstein, hieran 
noch statistische Notizen knüpfend. Der be¬ 
schreibende, reich illustrierte und mit Plänen 
ausgestattete Text ist zum Teil in sehr blumen¬ 
reichem Stile geschrieben, wie man ihn in der 
Regel in technischen Werken nicht gewohnt ist. 

Wenn weiter oben gesagt wurde, das Bong¬ 
sche Jubiläumswerk sei ein dem Fortschritt der 
Illustration in diesem Jahrhundert errichtetes 
Monument, so darf man das Peniger Pracht- 


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Goebel, Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 


werk auch als einen Merkstein für den Fort¬ 
schritt der Papierfabrikation im gleichen Zeit¬ 
räume bezeichnen. Bis zum Anfänge desselben 
gab es nur geschöpftes Papier; erst 1799 wurde 
die Papiermaschine erfunden, und es bedurfte 
noch zweier Jahrzehnte, bevor die erste dieser 
Maschinen ihren Einzug in Deutschland hielt 
Bis dahin aber stand die deutsche Papier¬ 
fabrikation auf einer sehr niedrigen Stufe; 
„einen Schandartikel" nannte Friedrich Koenig, 
der Erfinder der Schnellpresse, das deutsche 
Büttenpapier noch im Jahre 1818 in einem an 
Brockhaus in Leipzig gerichteten Briefe, und 
man kann diese harte Bezeichnung durch das 
zum Brockhausschen Konversations-Lexikon in 
jenen Jahren verwandte Papier durchaus be¬ 
stätigt finden. Und nun betrachte man das 
zu dem Peniger Jubiläumswerk verwandte Ex- 
celsior-Kunstdruckpapier! Wer wollte sich da 
nicht auch des im Laufe dieses Jahrhunderts 
in der Papierfabrikation gemachten Fortschritts 
freuen — kann es eine lebendigere, über¬ 
zeugendere Bestätigung desselben geben? 

Überblickt man nun nach diesen Dar¬ 
legungen den Stand des graphischen Gewerbes 
in Deutschland im allgemeinen und die im 
Laufe dieses Jahrhunderts gemachten Fort¬ 
schritte im besonderen, so kann man nur von 
freudiger Befriedigung erfüllt werden; mögen 
die Anhänger der „guten alten Zeit" auch 
noch so lebhaft schwärmen für den so¬ 
genannten „modernen Stil", so werden sie da¬ 
mit doch nicht das Zeitenrad rückwärts zu 
drehen vermögen, so lange sie die grobklotzige 
Linie alter Messerholzschnitte, wenn sie nicht 
auch von Künstlerhand durchgeistigt ist, uns 
als ein Evangelium, als das Nonplusultra der 
Kunst anpreisen — das sagen uns unsere 
drei Beispiele. Was wir von den Werken der 
alten Meister in den von der Reichsdruckerei 
herausgegebenen Mappen erblicken, trägt immer 
den Stempel des Genialen und wird stets als 
Vorbild gelten können für die Gegenwart und 
dem Fortschritt dienen; in welcher glänzenden 
und weittragenden Weise er aber im Laufe 
dieses Jahrhunderts gefördert worden ist in allen 
Zweigen des Buchgewerbes, das ist an der 
Hand der geschilderten Werke darzuthun ver¬ 
sucht worden. 

Zum Schluss sei noch ein kurzer Blick auf 
die graphische Ausstattung des Bongschen 


und des Peniger Jubiläumswerkes geworfen. 
Von dem ersteren lässt sich nur sagen, dass 
diese in jeder Beziehung meisterhaft ist; der 
Satz bot keine Gelegenheit zur Entfaltung be¬ 
sonderer Kunsttechnik, der Druck aber stellte 
um so höhere Anforderungen an die Meister 
der Presse, und diese haben ihnen in jeder 
Hinsicht entsprochen. Das Werk wurde in ful. 
Sittenfelds Buchdruckerei in Berlin gedruckt. 

— Das Peniger Werk ist in seinem Textteile 
ganz in Braun gedruckt, was man nicht gerade 
als eine glückliche Idee bei einem Werke von 
164 Seiten Grossquart bezeichnen kann, denn 
erstens erschwert diese Farbe das Lesen der 
langen Zeilen ungemein, und zweitens erscheinen 
die zwar ganz vortrefflich gedruckten Illustra¬ 
tionen in Schwarz, wo sie zwischen dem Texte 
stehen, hart und der braune Textdruck tritt zu 
sehr zurück, wird von den schwarzen Illu¬ 
strationen, die sozusagen aus ihm herausspringen, 
gedrückt und majorisiert Trefflich gewählt 
aber ist das Oliv für den Eindruck der Kopf¬ 
leisten und Schlussvignetten modernen Stils, 
denen dadurch ihre wuchtige Schwere ge¬ 
nommen wird, und auch die dem Titel und 
der Widmung untergedruckten schwungvollen 
Ornamente in lichtem Gelblichgrün sind unge¬ 
mein reizvoll und schön. Den Buchdruck be¬ 
sorgte, wie schon erwähnt, die renommierte 
Kunstdruckerei von A. Wohlfeld in Magdeburg. 

— Die Einbanddecke ist von entsprechender 
Schönheit; sie trägt auf gelblichem Grunde die 
Titelworte in braunen, goldumrandeten Typen, 
am Fusse der Decke aber erhebt sich eine 
blühende Papyruspflanze aus einem mit Wasser¬ 
rosen bedeckten See. Was indes die Heraus¬ 
geber des Werkes veranlassen konnte, nach 
der schönen Decke ein hart gelbgrünes Vor¬ 
satzblatt folgen zu lassen und den Schnitt des 
Buches ebenso zu färben, das ist dem Schreiber 
dieser Zeilen ein Rätsel. Hübsch ist diese 
Färbung nicht. 

Im Augenblick, da ich mich zum Abschluss 
dieses Aufsatzes anschicke, geht mir ein neues 
Werk zu, das ebenfalls in glänzender Weise 
Zeugnis ablegt von der grossartigen Entwickelung 
auf graphischem Gebiete, und zwar hinsichtlich 
der Druckfarbe : Das Musterbuch der Fabrik 
von Buch - und Steindruckfarben von Gebrüder 
Schmidt zu Frankfurt a. M.-Bockenheim. Sein 
Eintreffen ist insofern ein sehr glückliches, als 


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Goebel, Vom Fortschritt in der graphischen Kunst und Technik. 


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durch dasselbe auch nach dieser Seite hin ein 
zeitgemässer Beleg gegeben wird von den Fort¬ 
schritten der graphischen Kunst und Technik 
in diesem Jahrhundert. 

Noch vor wenig mehr als fünfzig Jahren 
„kochten“ sich viele Buchdrucker, namentlich 
in den kleineren Städten, ihre Farben, im ge¬ 
wöhnlichen Leben Druckerschwärze genannt, 
selbst, und da dieses Kochen nur im Freien, 
meistens vor den Stadtthoren, stattfinden durfte, 
der Feuergefährlichkeit halber, es dafür auch 
eines schönen, regenfreien Tages benötigte, so 
waren Farbekochen und Extrafeiertag identische 
Begriffe für die Arbeiter an den Pressen, 
umsomehr, als es dabei auch „abgekröschte 
Semmeln“ gab — Semmeln, die in das schon 
stark erhitzte Leinöl gehalten wurden, um ihm 
etwaige Wasserteile rascher zu entziehen; — 
sie aber bildeten einen Hochgenuss, dessen 
möglicherweise aus dem Fettgehalt der Semmeln 
entspringenden Nachteilen die Drucker durch 
Beigabe eines Schnäpschens vorbeugten. 

Diese mit dem Farbkochen verbundene be¬ 
scheidene Festlichkeit mag wohl an manchen 
Orten die Ursache gewesen sein, weshalb nach 
der Ansicht der alten Drucker die in Fabriken 
erzeugte Farbe „nichts taugte“, denn solche 
Fabriken waren ebenfalls im Anfänge dieses 
Jahrhunderts in England entstanden und in 
dessen zweiten Jahrzehnt auch in Frankreich 
errichtet worden; Deutschland ist noch später 
gefolgt, und die Einführung der Schnellpresse 
ist in dieser Richtung förderlich gewesen, da, 
die selbstgekochte Farbe, wenn sie nicht auch 
wiederholt durch Farbemühlen gegangen war 
des schlecht eingerührten und gar nicht ver¬ 
riebenen Russes halber sich oft im hohen 
Grade arbeitshindernd erwies und den Farb- 
apparat der Druckmaschinen verstopfte. 

Das Bessere aber ist siegreich geblieben über 
persönliche Vorurteile und Vorteile, und heute 
giebt es sicherlich im ganzen Deutschen Reiche 
keinen einzigen Drucker mehr, welcher sich 
seine schwarze Farbe selbst kochen möchte, 
und auch die bunten werden, sobald hierfür 
nur ein einigermassen entsprechender Bedarf 
vorhanden, nicht mehr vom Drucker selbst 
angerieben, sondern druckfertig aus den Fabriken 
bezogen. Von diesen giebt es jetzt eine 
ganze Anzahl höchstleistungsfähiger und solider, 
zu denen auch die vorgenannte der Gebrüder 


Schmidt in Bockenheim-Frankfurt gehört; sie 
hat in der relativ kurzen Zeit ihres Bestehens 
— die ältesten deutschen Farbenfabriken datieren 
ihre Entstehung in die vierziger Jahre dieses 
Jahrhunderts zurück — ihre Fabrikräume bereits 
viermal vergrössern müssen, und ist jetzt in der 
Lage, mit Hilfe der vollendetsten Maschinen 
täglich sechstausend Kilo Buch- und Steindruck¬ 
farbe in tadelloser Qualität zu liefern. 

Von dem hochvollendeten Stande der Druck¬ 
farbenindustrie in der Gegenwart aber giebt 
das erwähnte neue Musterbuch dieser Firma 
Zeugnis. Dasselbe enthält eine ansehnliche 
Zahl prächtiger Holzschnitte, ausgewählt aus 
der Leipziger „Illustrierten Zeitung“ und aus 
Bongs „Moderne Kunst“, sowie mehrere Auto¬ 
typien aus Prachtwerken; erstere wurden durch¬ 
weg in Schwarz, letztere aber auch in Tonfarben 
gedruckt, und jedes kunstsinnige Auge wird 
sich an der wunderbaren Schönheit dieser 
Musterdrucke erfreuen. Tiefe, Reinheit und 
Lustre vereinigen sich hier zum Kunstwerk, 
von Lustre aber ist gerade nur so viel vor¬ 
handen, um dem Bilde Leben und Feuer zu 
verleihen, ohne das Auge durch Glanz und 
falsche Lichter irre zu führen. Dass diese 
Farben nicht immer billig sein können, liegt 
in der Natur der Sache; ihr Preis bewegt sich 
zwischen 240 und 800 Mark pro 100 Kilo und 
ist bei den bunten Farben, von denen nament¬ 
lich Rot zu den teuersten gehört, noch höher, 
was teils durch die mühevolle und zeitraubende 
Herstellung, teils durch die Kostbarkeit der 
hierfür dienenden Rohstoffe bedingt wird. 

Neben den Schwarzdrucken sind in dem 
Musterbuche auch eine Anzahl Drucke in bunten 
Farben, darunter in nur mit den Grundfarben 
Gelb, Rot und Blau hergestelltem sogenannten 
Dreifarbendruck enthalten, die ebenfalls für den 
hohen Stand der Farbenfabrikation in der 
Gegenwart sprechen. Namentlich bezeugen 
dies die in den Dreifarbendrucken verwendeten 
Grundfarben, denn wären diese nicht völlig klar 
und chemisch rein, so würden sich niemals die 
durch ihren Übereinanderdruck beabsichtigten 
Töne und Nummern erzielen lassen und häss¬ 
liche Fehldrucke müssten die Folge sein. Che¬ 
mische Reinheit ist indes nicht die einzige 
Bedingung für das Gelingen solcher Drucke, 
die im Buchdruck meist mit Hilfe von Auto¬ 
typieplatten hergestellt werden; das äusserst 


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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 


feine Korn dieser Platten bedingt auch eine 
aufs feinste geriebene Farbe, andernfalls würden 
Cliches von der Zartheit des im Musterbuch 
in sieben verschiedenen Tonfarben gegebenen 
Marine-Stimmungsbildes gar nicht zu drucken 
sein. In dem Schmidtschen Buche aber bilden 
sie wahre Triumphe der Farbenfabrikation. 

Was hier von den Farben für den Buch- 
und Steindruck gesagt ist, gilt auch von denen 
für den Lichtdruck, welcher sich übrigens der 
dabei angewandten Lasurfarben halber für den 
Dreifarbendruck zur Erzielung reicher und über¬ 
raschender Effekte ganz besonders eignet. In 
dem Musterbuche ist allerdings kein solcher 


enthalten; nur ein einfarbiger Lichtdruck wird 
gegeben, um mehr als 130 Köpfe von Zeitungen 
und Zeitschriften zu reproduzieren, zu deren 
Druck Gebrüder Schmidtsche Farben dienen. 

Bildet somit das Farben-Musterbuch dieser 
Firma für uns einen glücklichen Abschluss des 
graphischen Bildes, welches zu entwerfen hier 
angestrebt worden ist, so ist sein Inhalt auch 
als ein grossartiges Zeugnis für den Fortschritt 
auf dem besonderen Gebiete der Druckfarben¬ 
fabrikation zu betrachten, und die Firma, welche 
denselben zu bieten vermochte, verdient in 
durchaus berechtigter Weise die Glückwünsche 
aller Drucker und Druckauftraggeber. 




Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 

Von 

Julius Aufseesser in Berlin. 


n seiner Geschichte der ersten litho¬ 
graphischen Anstalt an der Feiertags¬ 
schule spricht Ferchl häufig von seinem 
„Annalenwerk“ und bereitet mit seinen Andeu¬ 
tungen auf ein Nachschlagebuch vor, welches 
von der Erfindung anfangend bis in die sechs- 
ziger Jahre aufsteigend eine genaue Geschichte 
des Steindrucks mit allen ihren Einzelheiten 
und interessanten Erscheinungen geben sollte. 
Dieses Annalenwerk ist niemals zum Abschluss 
gelangt, aber die oft wiederholten Hinweise des 
Verfassers auf seinen wertvollen Inhalt rufen 
in jedem Sammler und Forscher begreiflicher¬ 
weise die heissesten Wünsche wach, aus diesem 
reichen Born zu schöpfen. Die erste dunkle 
Zeit der Erfindung, die erste schüchterne Aus¬ 
übung der neuen Kunst und ihrer elementaren 
Schöpfungen harren noch der Aufklärung und 
der Vervollständigung, und so war die Ungeduld, 
mit welcher das so anspruchvoll angekündigte 
Opus Ferchls erwartet wurde, naturgemäss 
schon in den sechsziger Jahren eine grosse. 
Die Hoffnung, in einem, von einem pedantisch 
genauen Chronisten geführten Annalenwerk 
wertvolle Schlusssteine für so viele lückenhafte 
Berichte, in erster Linie aber summarisch und 


chronologisch die Leistungen vieler interessan¬ 
ter Künstler festgestellt zu finden, ist wohl auch 
sehr begreiflich gewesen, und zu ihr im Ver¬ 
hältnis stand die Enttäuschung in den Kreisen 
der Interessenten, als Ferchl starb, ohne das 
Manuskript abgeschlossen zu haben. Selbst das 
Fragment schien verloren und galt eine Reihe 
von Jahren als untergegangen, wenigstens als 
unauffindbar, bis der bekannte Kunstkenner 
und Sammler Assessor Dorgerbh den Ver¬ 
diensten, welche er sich in reichem Mafse um 
die künstlerische Lithographie erworben hat, 
ein neues durch die Auffindung der für uns 
so bedeutungsvollen Blätter hinzufügte. Ihm 
verdanken wir die Möglichkeit, authentische 
Nachrichten aus den Aufzeichnungen eines Zeit¬ 
genossen von Senefelder schöpfen zu können. 

Wenn wir einer eigenen Empfindung Aus¬ 
druck geben dürfen, so müssen wir freilich 
gestehen, dass in dem Werke nicht allzuviel 
Neues gesagt wird, und dass die gehegten Er¬ 
wartungen wohl allgemeiner Enttäuschung be¬ 
gegnen dürften. Es liegt dies aber hauptsächlich 
daran, dass sich Ferchl in seinem ersten Werke 
schon so ausgesprochen hat, dass ihm wenig zu 
sagen übrig geblieben ist; die Mitteilungen im 



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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 


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Annalenwerk beschränken sich mehr auf epi¬ 
sodenhafte Erzählungen zuVorgängen, die wir 
bereits kennen. 

Obwohl das Annalenwerk seiner Anlage 
nach eine Geschichte der Lithographie in ihrer 
gesamten Ausdehnung, das Ausland einge¬ 
rechnet, geben will, denn die Notizen des 
Verstorbenen erstrecken sich über Deutschland, 
Österreich, die Schweiz, Holland, Frankreich, 
England, Italien und selbst Spanien, ist dem 
Verfasser doch nur München übersichtlich ge¬ 
wesen. Was ausserhalb dieser Stadt, die frei¬ 
lich die interessanteste für uns ist und bleiben 
wird, vorgeht, schöpft er nach seinen eigenen 
Anmerkungen aus dem Münchener Kunstblatt, 
dessen gelegentliche Abhandlungen über aus¬ 
wärtige Kunstausstellungen und Neuerschei¬ 
nungen keineswegs ein nur annäherndes Bild 
der lithographischen Bewegung geben. Wer 
die schwerfällige Art des Verkehrs in den ersten 
vierziger Jahren unseres Jahrhunderts kennt, 
wird auch begreifen, dass es dem heutigen 
Forscher leichter ist, erschöpfendes Material 
über damalige Vorgänge zu sammeln als dem 
Chronisten jener Zeit. 

Trotzdem muss zugestanden werden, dass 
bei dem Studium der Annalen das Bild der 
Ausbreitung der Lithographie in Deutschland 
ein etwas klareres wird. Es zeigt sich, dass 
die Gründung der Andreschen Notendruckerei in 
Offenbach die meisten künstlerischen Inititative 
für den Norden gegeben hat, vielleicht mehr, 
als München selbst bei seiner grossen Entfer¬ 
nung es vermochte. Dort gab Andr£ im Jahre 
1800 wahrscheinlich als erstes grösseres musi¬ 
kalisches Werk „Die Schöpfung“ in lithogra¬ 
phischer Ausführung heraus und kurze Zeit 
später eine Klavierschule von Rödinger, und 
der Umstand, dass dieser Werke besondere 
Erwähnung gethan wird, lässt sie uns als eine 
grosse That für die damalige Zeit erscheinen; 
sonst mögen sich die Erzeugnisse jener Druckerei, 
welcher heute bedauerlicherweise jeder Anhalts¬ 
punkt für die früheren Werke fehlt, auf kleinere 
Kompositionen beschränkt haben. Dann er¬ 
wachte auch in Offenbach der Sinn für die künst¬ 
lerische Seite der Lithographie, und Francois 
Johannot liess 1802 durch den Maler Mathias 
Koch eine Ruinenlandschaft im Geschmacke 
Piranesis zeichnen, welcher 1803 gleichfalls von 
Koch eine Pflanzenstudie nach Hackert folgte. 


Beide Blätter sind auf „marbre polyauthogra- 
phique“ in Kreidemanier gezeichnet, scheinen 
sich jedoch trotz ihrer Schönheit nur einen ge¬ 
ringen Kreis von Freunden erworben zu haben, 
was aus ihrer Seltenheit und dem Umstand zu 
schliessen ist, dass Johannot noch im gleichen 
Jahre diesem rein künstlerischen ein kommerziell¬ 
künstlerisches Produkt in seinen „Dessins de 
broderie“ folgen liess. In Offenbach machte zu 
dieser Zeit Wilhelm Reuter , der schon früher 
von uns eingehend besprochene Berliner Maler, 
seine ersten Studien und Zeichnungen in der 
neuen Kunst, gemeinsam mit dem Mainzer 
Historiker Professor Nicolaus Vogt dessen 1803 
gezeichnete 4 Blätter die Inkunabeln-Sammlung 
der Mainzer Bibliothek als mit zu den ersten 
lithographischen Kunstprodukten gehörig auf¬ 
bewahrt. 1804 erschien dort auch ein in einem 
Oval dargestelltes Porträt des „Chretieu de 
Mechel, Doyen des Graveurs allemands“ von 
Charles Prince cFIsembourg auf Stein gezeichnet. 
Einen Abdruck haben wir im Germanischen 
Museum in Nürnberg gesehen; er hat Ähnlich¬ 
keit mit den ersten Münchener lithographischen 
Porträts, und man kann daher annehmen, dass 
die Zeichnung nicht wie die Kochschen Blätter 
auf marbre polyauthographique, sondern schon 
auf Solenhofer Platten gemacht worden ist. Dass 
in Offenbach zuerst eine geschäftliche Ver¬ 
wertung der Lithographie in grossem Stil ver¬ 
sucht wurde, unterliegt keinem Zweifel; Joh. 
Andre, der praktische Kaufmann, hatte ihre 
Bedeutung auf diesem Gebiet sofort bei seinem 
Besuche in München richtig erkannt. 

Aber auch der ihr innewohnende ausser¬ 
ordentlich grosse künstlerische Wert wurde 
hier schnell erfasst, und wenn auch Offenbach 
nicht das geeignete Feld zu ihrer ganzen Ent¬ 
faltung auf diesem Gebiet bot, so sind doch 
von hier die Meister ausgezogen, welche den 
grössten Teil der ersten lithographischen 
Druckereien im Norden Deutschlands gegründet 
haben und die in ihren Produkten die künst¬ 
lerische Seite neben der kommerziellen, wie 
Notendruck, Bücherdruck und Kartographie, 
immer stark betonten. 

In Gotha rief schon 1802 die neue Kunst 
so grosses Interesse hervor, dass man in dem 
Wunsche, eine lithographische Anstalt zu be¬ 
sitzen, den Regensburger Drucker Niedermayer 
zu einer Übersiedlung zu bewegen suchte; der 


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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 


Freiherr von Zach wollte ihn durch Vermittelung 
des Professors Heinrich in Regensburg für diese 
Absicht günstig stimmen. Mit der Zusicherung 
eines Privilegiums war auch die Mahnung zu 
schneller Ausnützung desselben verbunden, „da 
ein gewisser Andr6 in Offenbach und noch 
Drucker von andern Städten neue Methoden auf 
Stein zu drucken, erfunden und angeboten“ 
hätten. — Die Furcht vor Konkurrenz mag 
Niedermayer zur Aufgabe des bestehenden 
Projekts bewogen, auch mag in jener Zeit die 
Übersiedlung nach einem fremden Ort noch 
viele andere Bedenken hervorgerufen haben. 
Sorge vor Wettbewerb hätte jedoch, wie sich 
später herausstellte, den Plan nicht zu vereiteln 
brauchen, denn die ersten lithographischen 
Erzeugnisse aus Gotha, teils hilflose Nachzeich¬ 
nungen Münchener Lithographien, teils unge¬ 


schickte Originale, aber auch einige geistreiche 
Steinätzungen, begegnen uns erst sechs Jahre 
später. Mit der Aufschrift „Steindruck in Gotha, 
gezeichnet von Menge “ liegt uns eine Tier¬ 
landschaft im Roosschen Stile vor, welche im 
Druck so vollständig misslungen ist, dass die 
Schattenpartien immer nur eine gleichmässig 
schwarze Fläche bilden und das ganze Blatt, 
eine Kreidezeichnung, fast den Eindruck einer 
verklecksten Tintenzeichnung hervorruft. In um¬ 
gekehrter Weise ist „Un Cosaque“, nach Lejeune 
1807 „Gotha gedruckt und von Ronnenkampf 
gezeichnet“, im Druck hell-bräunlich-grau und 
matt ausgefallen. 

Die Steinätzungen mit „Emest fec.“ und 
„Steindruck Gotha“ bezeichnet, sind dagegen rei¬ 
zend komponierte Vignetten; sie stellen spielende 
und musizierende Putten dar und scheinen zu¬ 
gleich mit einem in den Stein 
geritzten Blatt zur Anatomie 
der Insekten gefertigt worden 
zu sein. »Emst S . inv. et 
del. Gotha 1808“, eine Kreide¬ 
zeichnung, giebt eine hüge¬ 
lige Landschaft mit einer 
Kirche und Baumgruppen, 
ein Blatt, welches trotz des 
mangelhaften Druckes doch 
angenehm und künstlerisch 
wirkt. Wir müssen anneh¬ 
men, dass Ernst S. auch der 
Autor der mit Emest fec. 
oben bezeichneten Blätter 
ist, sicher aber ein Mitglied 
der Familie des Hartmann 
S.> welcher 1809 „Skizzen 
zur besseren Ausführung für 
Künstler und zur Nachah¬ 
mung für Schüler, als Ver¬ 
suche des chemischen Stein¬ 
drucks in Gotha“ herausgab. 
Dieses Werk besteht aus 10 
Blättern, auf welchen ähn¬ 
lich wie bei dem Muster¬ 
buche in München die ver¬ 
schiedenen lithographischen 
Kunstmanieren, allerdings in 
der unvollkommendstenWei- 
se, veranschaulicht werden. 
Es sind Figurenzeichnungen 
und Landschaften in Kreide- 





Titelblatt zu Schillers Reiterlied, 1807 gezeichnet von S » n Stuttgart. 
Öng.-Grösse der Lithographie 34x24 cm. 


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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 


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^ixmbevgtr tm, 

Gegen 1820 auf Stein gezeichnet von F. C. Fues. 

Orig.-Grösse 22X27 cm. 


manier, Noten und Gedichte, welche teils mit 
der Feder auf Stein geschrieben, teils in den 
Stein geschnitten sind. Neben den besseren 
Kreidezeichnungen von Emst S. tritt uns hier 
als Lithograph für die Noten Hartmann S. und 
Z. f. B. 98/99. 


als Verfertiger der in Stein geschnittenen 
Blätter Michaelis entgegen. Mit der Annahme, 
in dem Hefte eine Dilettanten-Arbeit vor uns 
zu haben, scheinen wir nicht fehl zu greifen, 
aber wenn diese Leistungen zwölf Jahre nach 

10 


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Aufseesser, Ein ungedruckte» Annalenwerk der Lithographie. 


Erfindung der Lithographie auch wohl mit 
als deren primitivste Erzeugnisse in Deutsch¬ 
land betrachtet werden dürfen, so besitzen 
sie für uns dennoch einen hohen historischen 
Wert. Unter bedeutend grösseren künstlerischen 
Gesichtspunkten tritt uns ein Werk entgegen, 
welches sich: „Erste im Königreich Sachsen 
erschienene Sammlung artistischer Versuche in 
Steindruck. Herausgegeben von A. v . Dzitn - 
bozvski- Dresden“ betitelt. Dasselbe trägt keine 
Jahreszahl, soll aber 1806 herausgegeben worden 
sein, und sein Charakter wie die Technik der 
Zeichnung und des Druckes haben so viel Ver¬ 
wandtes mit den zur gleichen Zeit, 1804 bis 
1806 in München erschienenen Blättern, dass wir 
dieses Jahr ohne Skrupel als das richtige an¬ 
nehmen können. Merkwürdigerweise ist das 
Dzimbowskische Buch in keinem Werke über 
Lithographie angeführt, während so viele minder¬ 
wertige Erscheinungen als Frühdrucke Beachtung 
gefunden haben. Das Buch ist 31 cm hoch 
und 24 cm breit und beginnt mit einem Titel¬ 
porträt in Kreidemanier, den Kurfürsten und 
späteren ersten König von Sachsen Friedrich 
August in Uniform in einem Oval darstellend, 
ein Blatt, das in seiner flotten Zeichnung und 
seinem guten Druck an die späteren Frankschen 
Porträts der bayrischen Fürstengallerie erinnert. 
Der dem Porträt folgende Titel ist in acht 
Zeilen, von Arabesken umgeben, mit Kreide ge¬ 
schrieben, etwas grau in der Farbe wie alle 
Drucke dieser Zeit, aber sehr hübsch und wirk¬ 
sam gedruckt. Da bei so frühen und seltenen 
Drucken auch das einzelne Blatt Wert für den 
Sammler besitzt, so fuhren wir sämtliche 
Tafeln einzeln auf. 

Blatt t . Landschaft mit Fluss und einer 
Brücke im Hintergründe, über welche zwei 
Männer Kühe treiben, rechts ein Laubwald, in 
der Feme eine Kirche. Kreidezeichnung, links 
mit Stamm inv . (Joh. Gottlieb Samuel Stamm, 
Dresden) bezeichnet und ganz im Stile der 
alten Wagenbauerschen Landschaften gehalten. 
Dasselbe Blatt wird als 

Blatt 2 koloriert wiederholt. 

Blatt 3. Ein Wildbach, über welchen eine 
Brücke führt, die ein Mann beschreitet Im 
Hintergrund felsige Ufer mit einer Burg, rechts 
ein Laubwald. Der Charakter wie oben, das 
Blatt sicher auch von Stamm gezeichnet. Es 
wiederholt sich als 


Blatt 4 koloriert. 

Blatt 5. Waldlandschaft; links schreitet auf 
einer Brücke, die in eine Niederung fuhrt, ein 
Fussgänger. Wie oben. 

Blatt 6 . Wiederholung, koloriert. 

Blatt 7. Tierstudie. Drei Kühe und ein 
Schaf in einer Gruppe. Ohne Unterschrift. Steif 
und schlecht gezeichnet und ohne künstlerischen 
Stempel. 

Blatt 8. Wiederholung, koloriert 

Blatt g . Mit der Feder gezeichnet. Ruinen 
eines antiken Denkmals in einer Landschaft, 
eine fein aufgefasste und ebenso ausgefuhrte 
Zeichnung, die sich koloriert als 

Blatt 10 wiederholt. 

Blatt 11. Wie oben. Ruine eines gewölbe¬ 
artigen, wahrscheinlich römischen Tempels in 
einer Landschaft, ebenso wie das vorige Blatt 
behandelt, und koloriert wiederholt als 

Blatt 12. 

Blatt 13 . Kreidezeichnung. Ein Seiden¬ 
pudel, steif in Zeichnung und etwas matt im 
Druck mit der Unterschrift „Pucstnka“. 

Blatt 14. Kreidezeichnung. Eine Kuh, eine 
Ziege und ein Schaf in einer Landschaft, einfach 
und etwas steif in Zeichnung, ungleich und 
unrein im Druck und mit „Klengel fec." be¬ 
zeichnet. 

So wenig Übung diese Blätter als erste 
Versuche im Steindruck naturgemäss zeigen, so 
wenig der heutige Beschauer von ihren künst¬ 
lerischen Eigenschaften befriedigt werden dürfte, 
so sehr sprechen sie doch für die Bestrebungen 
der Künstler, der neuen Erfindung Anhänger 
zu gewinnen. Etwa zwei Jahre nach den ersten 
Lieferungen der von Mitterer in München 
herausgegebenen Kunstprodukte erschienen, 
lehnen sie sich, besonders die Blätter in Kreide¬ 
manier, streng an diese Vorbilder an. 

Die Federzeichnungen auf Stein sind besser 
als die Münchener jener Zeit, fein ausgefuhrte 
und scharf gedruckte Landschaften, deren Voll¬ 
endung unser höchstes Interesse beanspruchen 
darf. Das Werk kann, wenn das Jahr 1806 
sich als authentisch für seine Geburt heraus¬ 
stellt, als Vorläufer des Musterbuches von 
Gleissner, Senefelder cn Co. betrachtet werden. 
Es würde als solches sogar die Bedeutung der 
genannten Senefelderschen Musterzeichnungen 
für Kreide und Federmanier herabzusetzen ge¬ 
eignet sein, jedenfalls aber liefert es ein glän- 


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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 


75 


zendes Zeugnis für Sachsens und Dresdens 
Interesse an den lithographischen Bestrebungen 
jener Zeit. 

Ein Jahr später, 1807, richtete die Cottasche 
Buchdruckerei in Stuttgart durch den Hofrat 
Rapp eine lithographische Druckerei ein. Rapp 
liess aus München einen Drucker, Carl Stroh - 
hofer , welcher bei Senefelder gearbeitet hatte, 
kommen und durch ihn wurde die neue Kunst, 
allerdings noch sehr mangelhaft, auch in Stutt¬ 
gart eingefuhrt. Strohhofer, mit dem Verfahren 
wohl, nicht aber mit seinen technischen Fein¬ 
heiten vertraut, legte Rapp die Notwendigkeit 
auf, eine ganze Schule eigener Versuche durch¬ 
zuarbeiten und wertvolle Erfahrungen zu sammeln, 
welche dieser 1810 in seinem Werke über die 
Technik der Lithographie veröffentlicht hat. 
Nach Ferchl ist das erste 1807 in Stuttgart 
gedruckte Blatt eine Landschaft mit Badenden, 
in Kreidemanier ausgeführt und mit H. Rif 
bezeichnet. Uns ist dasselbe nur als eine am 
8. Dezember 1807 erschienene Federzeichnung 
bekannt. Fein entworfen und meisterhaft ge¬ 
druckt, ist das Blatt von intimem Reiz; es ist 
jedenfalls eine der bemerkenswertesten In¬ 
kunabeln und von weit höherem künstlerischen 
Wert als das 1808 erschienene, aber schon 
1807 gezeichnete illustrierte Reiterlied aus 
Wallenstein. Das Blatt, das nur in 150 Exem¬ 
plaren herausgegeben worden sein soll, zeigt 
auf der ersten Seite in Kreidemanier eine 
Scene aus Wallensteins Lager und auf den 
weiteren Seiten die Noten und den Text des 
Reiterliedes, von J. Carl Ansfeld in Stein ge¬ 
graben. Eine grosse detaillierte Karte von 
Deutschland, mehrere gut ausgeführte mili¬ 
tärische Pläne und ein Blatt mit Insekten sollen 
in sehr gelungenen Abdrücken erschienen sein, 
das grösste Interesse jedoch darf ein im De¬ 
zember 1807 gemachter Versuch beanspruchen. 
Aus einem geschwärzten Stein wurde die Zeich¬ 
nung in Lichtem herausgekratzt, ein Experi¬ 
ment, welches ein glänzendes Resultat und 
eine grosse Anzahl guter Abdrücke ergeben 
haben soll. Es muss insofern als hochbedeut¬ 
sam angesehen werden, weil es als erste Probe 
der geschabten Manier und als Vorläufer der 
von Hinsemann herausgegebenen Blätter und 
der Art von Charlet und Menzel auftritt. Wir 
glauben nicht fehlzugehen, wenn wir als jenen 
Versuch nach eingehenden Forschungen das 


Blatt bezeichnen, welches Rapp in seinem zum 
Lehrbuch gehörigen Bilderatlas 1810 abgedruckt 
hat und welches zwei allegorische Zeichnungen 
nach Michel Angelo wiedergiebt. 

Wenn wir in chronologischer Reihenfolge 
die Ausbreitung der Lithographie weiter ver¬ 
folgen, so müssen wir uns nunmehr den ersten 
Erscheinungen in Nürnberg im Jahre 1808 zu¬ 
wenden. Eigentümlicherweise spricht darüber 
Ferchl in seinen Annalen gar nicht und auch 
in seinem Werke vom Jahre 1856 beschränkt 
er sich auf die Angabe einiger Namen, die teil¬ 
weise erst viel später in Frage kommen; ebenso¬ 
wenig sind die Arbeiten der Künstler einzeln 
angeführt, wie er dies bei anderen Städten thut. 

Von den damals in Nürnberg lebenden be¬ 
deutenderen Kupferstechern wurde der Stein¬ 
druck entweder als minderwertig gar nicht 
beachtet oder nur als neue Spielerei für Gelegen¬ 
heitszeichnungen und Neujahrsgratulationen 
verwendet. Nichtsdestoweniger interessieren 
uns heute diese wenigen Demonstrationen der 
neuen Kunst lebhaft und wir haben uns deshalb 
bemüht, aus der ehemals Ambergschen Samm¬ 
lung in der Nürnberger Stadtbibliothek und aus 
der Weishauptschen Sammlung im Germanischen 
Museum diejenigen Blätter, welche der Inku¬ 
nabel-Epoche angehören und für den Sammler 
immerhin von Bedeutung sind, ausfindig zu 
machen. Indem wir sie nachstehend folgen 
lassen, verschliessen wir uns natürlich dem 
Bewusstsein nicht, dass noch manches wertvolle 
und interessante Blatt existieren mag, das sich 
unserer Nachforschung entzogen hat. 

1809. „CY/r. Wilder del. Nbg.“ stellt in 
Kreidemanier eine Landschaft aus Altbayem 
dar. Auf den Papierrand ist als Caprice ein 
Elegant der damaligen Zeit in glänzenden Lack¬ 
stiefeln gezeichnet. Aus derselben Zeit und 
auch von Wilder stammt eine ähnliche Land¬ 
schaft (in schwarz und braun) mit Hütte und 
Wasser; an einem See stehen mehrere kleine 
Häuser. Das erstangefuhrte Blatt soll übrigens 
in schwarz und koloriert vertreten gewesen sein. 
Beide Blätter circa 35 zu 40 cm. 

Aus den Jahren von 1808 bis 1810 ist ein 
sehr interessantes Blatt zu datieren, welches 
den Vorhang im Nürnberger Theater darstellt, in 
Kreidemanier ausgefuhrt und mit Hungermüller 
bezeichnet. Die grossartig komponierte Alle¬ 
gorie ist in vollendeter Technik wiedeigegeben; 


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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 



Gruppenbild. 

1803 mit der Feder auf Stein geieichnet von Nicolaus Vogt in Mainz. 
Orig.-Grösse 19X20 cm. 


das Blatt gehört zu den schönsten Drucken 
jener Zeit. 

1811. f. A. Börner , 2 Blatt Federzeichnungen, 
„Liebhaber“ und „Kenner“ betitelt Die Ge¬ 
nannten stehen jeder in einem Bilderkabinet und 
sind in das Beschauen von Gemälden vertieft. 

1811 . „Zum neuen Jahre 1812.“ Gratulations¬ 
karte des Pfarrers Ch . Wilder , des ersten Litho¬ 
graphen in Nürnberg. Die Federzeichnung stellt 
ein kleines Landschaftsbild mit Bäumen und 
Felsstücken dar, links „Klengel a Nuremberg 
1811“, rechts „gez. von Ch. Wilder 1811“ be¬ 
zeichnet. 

1812. Chr. Wilder, Kreidezeichnung. Ansicht 
des fünfeckigen Turmes zu Nürnberg vom 
platten Lande aus. 

1812 . Unbezeichnete Kreidezeichnung. In¬ 
schrift: „Am 1. Januar 1812.“ Aus einer Thüre 
tritt ein Herr, dessen Rock in die Thürspalte 
eingeklemmt ist Unterschrift: „Ich bin ge¬ 
hindert und kann nicht kommen, also mein 
Kompliment und nicht übel aufgenommen“. 


1813. „ Chr . Wilder fec. 
1813“ und als Neujahrswunsch 
für 1814 verwendet. Prospekt 
von Nürnberg, von Lichtenhof 
aus gesehen, schöne Aussicht 
auf die Burg mit belebter 
Staffage, links ein grosser 
Baum. Kreidezeichnung. 

Von 1808 bis 1813 exi¬ 
stieren eine Anzahl Oval¬ 
porträts in Kreidemanier, 
schwarz und koloriert, ohne 
Künstlernamen, Nürnberger 
Bürger darstellend. 

1815 . Hummelstein, nach 
der Natur gezeichnet von 
Georg Hofmann. „Meinem 
edlen Wohlthäter geweiht am 
1.Jan. 1815.“ Dilettantenhafte 
Zeichnung in Kreidemanier. 

1815/1820. Eine Anzahl 
mit „C. Hautsch inv.“ be- 
zeichneter Jagdporträts, der 
Jäger in ganzer Figur mit 
angelegter Büchse und Hund. 
Die Blätter tragen in Litho¬ 
graphie die Widmungen der 
Porträtierten an ihre Freunde. 
1820 ca. Ansicht des 
Burgzwingers gegen Morgen. Kreidezeichnung 
mit Ton. Im Vordergründe ein Tisch mit 
Flaschen und Gläsern, an welchem zwei rau¬ 
chende Offiziere sitzen. Rechts davon zwei 
musizierende Paare, welche singen und Guitarre 
und Flöte spielen. Sehr schönes, grosses Blatt 
Querfolio und mit C. Fl. (vielleicht C. Fleisch¬ 
mann) bezeichnet. 

1820 ca. Eingang in die Burg zu Nürnberg. 
Kreidezeichnung mit Ton und der Überschrift 
„Zum neuen Jahr“, gezeichnet von C. von Mayr. 

Der bekannteste Nürnberger Lithograph der 
zwanziger Jahre, der im eigenen Verlag zeichnete, 
aber auch andere Künstler heranzog, war 
G. P. Büchner. Von ihm existieren gegen 
12 kolorierte Blätter, Bilder aus dem Militär¬ 
leben, Paraden und Aufzüge, welche meist in¬ 
teressante Plätze und historische Gebäude als 
Staffage haben. Die Zeichnungen sind sehr 
hübsch komponiert und nur etwas roh ge¬ 
druckt, ebenso wie zwei in demselben Verlag 
erschienene, aber mit Fues gezeichnete Nürn- 


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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 


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berger Volkstypen. Diese, eine Nürnberger 
Salzfischerin und eine Bratwurstfrau darstellend, 
sind in Kreidemanier ausserordentlich lebendig 
aufgefasste, aber roh gezeichnete Blätter, die 
in schwarz und koloriert verausgabt wurden 
und für uns den Abschluss der Inkunabel-Zeit 
bezeichnen. 

Damit ist zugleich alles das für diese Epoche 
Interessante erschöpft, was wir aus Ferchls Auf¬ 
zeichnungen nutzbar machen zu können glaubten. 
Wenn wir den Annalen einen bescheideren 
Titel zu geben das Recht hätten, dann würden 
wir sie ein chronologisch geordnetes Notizbuch 
nennen, keinesfalls aber ein wissenschaftlich 
systematisch durchgeführtes Werk. Ferchl hat 
alle auf die Lithographie bezüglichen Notizen, 
die ihm zur Hand kamen, sorgfältig gesammelt 
und sie mit dem Datum versehen, und das allein 
würde, wenn ihm alles überhaupt Erschienene 


zugänglich geworden wäre, ein kostbares Nach¬ 
schlagewerk ergeben. Die Sammlung der No¬ 
tizen trägt aber im allgemeinen zu sehr den 
Stempel des Zufälligen und Lückenhaften, als dass 
sie von grossem Nutzen sein könnte. Was von 
Interesse und unbestreitbarem Wert, das sind die 
Ankündigungen der Münchener lithographischen 
Lieferungswerke, ihre Preise und die genaue 
Zeitbestimmung ihres Erscheinens — Prospekte, 
welche meist im Original dem Manuskript bei¬ 
liegen. Ebenso begrüssen wir freudig einen 
Katalog Münchener Lithographen und ihrer 
Werke. Die Künstler kennen wir zwar meist 
schon aus dem Ferchlschen Werke vom Jahre 
1856, ihre hauptsächlichsten Arbeiten jedoch 
sind hier mit dem Datum ihres Entstehens ver¬ 
sehen und bilden somit einen willkommenen 
Anhaltspunkt für die Ordnung unserer Samm¬ 
lungen. Als ersten Katalog aufgeführt, genau 



Landschaft mit Badenden. 

1807 mit der Feder auf Stein gezeichnet von H. Rapp in Stuttgart. 
Orig.-Grösse 23X19 cm. 


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Aufseesser, Ein ungedrucktes Annalenwerk der Lithographie. 


nach Lieferungen geordnet und mit dem Monat 
der Herstellung bezeichnet, finden wir die von 
Professor Mitterer 1804—1807 herausgegebenen 
interessanten Kunstprodukte in Handzeichnungs¬ 
manier. Ein zweiter Katalog, von Mitterer 
selbst handschriftlich gefertigt und scheinbar 
von ihm als Lagerkatalog verwendet, betitelt 
sich: „Zweiter Originalkatalog aller von 1804 
bis 1808 in der ersten Churfürstlichen Stein¬ 
druckerei von H. Mitterer erschienen Arbeiten,“ 
43 Titel mit 416 Nummern. Wir finden darin 
die Namen von Wagenbauer, Hauber, den 
Quaglios, Mettenleiter, Mayrhoffer, Raf. Wintter 
Klotz u. a. m. mit Arbeiten, welche im Aus¬ 
zuge schon in Ferchls erstem Werk, über¬ 
sichtlicher aber noch in der Münchener Bilder¬ 
chronik von J. Maillinger angeführt sind. Letzt¬ 
genanntes Werk bietet überhaupt jedem Sammler 
auf lithographischem Gebiet die weitaus wert¬ 
vollsten Aufschlüsse. 

Dass im Jahre 1803 zum erstenmale Litho¬ 
graphie und Typographie vereinigt in der 
Münchener Zeitschrift „Das blaue Blatt“ auf¬ 


treten, ist die interessanteste Nachricht, welche 
uns die Annalen bringen, zumal da Ferchl 
früher diese Vereinigung für das 1808 er¬ 
schienene Werk Mitterers „Anleitung zur Geo¬ 
metrie“ festgestellt hatte. 

Das Annalenwerk, das Herr Dorgerloh der 
Königlichen Bauakademie zu Berlin vermacht 
hat, repräsentiert im Manuskript ein Gewicht 
von 10 Kilo, und wenn wir zu dem Entschluss 
gelangt sind, uns durch ein so umfangreiches, 
meist schwer leserliches Material hindurch¬ 
zuarbeiten, so war die Hoffnung auf eine reiche 
Ausbeute dabei bestimmend. Sie ist freilich 
getäuscht worden, aber einerseits erspart dieser 
kurze Aufsatz anderen Forschem die Mühe 
unserer Arbeit und ausserdem werden auch die 
wenigen neuen Notizen, die Ferchl bietet, als 
Lückenausfüller den Sammlern von Interesse 
sein. Denn so lange wir kein sorgfältig aus¬ 
gearbeitetes Nachschlagebuch über die Litho¬ 
graphie besitzen, müssen wir dankbar jede Ver¬ 
öffentlichung begrüssen, die flir den historischen 
Entwicklungsgang der Kunst neue Daten bringt 



Pflanzenstudie nach Philipp Hackert. 
Mathias Koch incise in marmo 1803. 

Orig.-Grösse 116X36 cm. 


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Das Notenskizzenbuch Mozarts aus London 1764. 

Von 

Professor Dr. Rudolph Genee in Berlin. 


n demselben Jahre, in dem Mozart ge¬ 
boren wurde, hatte sein Vater, der 
Salzburger Fürstbischöfliche Musikus, 
seine Violin- Schule herausgegeben. Dreizehn 
Jahre später, im Jahre 1769, erschien eine neue 
Auflage, und in dem Vorwort dazu konnte er 
es sich nicht versagen, seines Sohnes Wolfgang 
als des wunderbarsten Musik-Genies Erwähnung 
zu thun. Indem er das verzögerte Erscheinen 
der neuen Auflage seiner Violin-Schule damit 
begründet, dass er in den letzten Jahren mit 
seinen Kindern viel auf Reisen 
war, fahrt er fort: 

„Ich könnte hier die Ge¬ 
legenheit ergreifen, das Publi¬ 
kum mit einer Geschichte zu 
unterhalten, die vielleicht nur 
alle Jahrhundert erscheint, und 
die im Reiche der Musik in 
solchem Grade des Wunder¬ 
baren vielleicht gar noch 
niemals erschienen ist; ich 
könnte das wunderbare Genie 
meines Sohnes beschreiben, 
dessen unbegreiflich schnellen 
Fortgang in dem ganzen Um¬ 
fang der musikalischen Wissen¬ 
schaft von dem fünften bis in 
das dreizehnte Jahr seines 
Alters umständlich erzählen; 
und ich könnte mich bei einer 
so unglaublichen Sache auf das 
unwidersprechliche Zeugnis vie¬ 
ler der grössten europäischen 
Höfe, auf das Zeugnis der 
grössten Musikmeister, ja sogar 
auf das Zeugnis des Neides 
berufen“ — etc. 

Von den Reisen, die Leo¬ 
pold Mozart hier erwähnt, fallen 
für uns zunächst diejenigen 
ins Gewicht, die er mit den 
beiden Kindern in den Jahren 
1763—1765 nach Paris und 
London machte. Schon in Paris 
hatte das Genie des sieben¬ 


jährigen Knaben alles in das äusserste Er¬ 
staunen versetzt, so dass der bekannte Ency- 
klopädist Baron Fr. M. Grimm in seiner „Cor- 
respondence litteraire“ etc. nach Herzählung 
der geradezu unglaublichen Leistungen dieses 
Knaben u. a. schrieb: „Ich sehe es wahrlich 
noch kommen, dass dieses Kind mir den Kopf 
verdreht, wenn ich es noch ein einziges mal 
höre, und es macht mir begreiflich, wie schwer 
es sein müsse, sich vor Wahnsinn zu bewahren, 
wenn man Wunder erlebt.“ 

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in, ( 7 /vußt Jfctett 

Verkleinertes Titelblatt der auf Veranlassung 
der Königin Charlotte von England komponierten „Sechs Sonaten" Mozarts. 

(Abb. 1.) 


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8 o 


Genie, Das Notenskizzenbuch Mozarts aus London 1764. 


Nach dem Aufenthalte in Paris, der vom 
Herbst 1763 bis April 1764 währte, reiste der 
Vater mit den beiden Kindern, dem achtjährigen 
Wolfgang und der um mehrere Jahre älteren 
Schwester Nannerl, über Calais nach London, 
wo das Aufsehen, das namentlich der Knabe 
machte, fast noch grösser war, als in Paris. 
Auch aus London haben wir eine dem unbe¬ 
greiflichen Knaben gewidmete Abhandlung, die 
der gelehrte Mr. D. Barrington einige Jahre 
später in den „Philosophical Transactions“ ver¬ 
öffentlichte. 

In London, wo die Musiker-Familie ein Jahr 
und drei Monate geblieben war, hatte sich bei 
Wolfgang besonders sein Eifer im Komponieren 
erheblich gesteigert. Hier war es, wo er nicht 
nur eine ganze Serie von Sonaten für Klavier 
und Violine geschrieben hat, sondern wo auch 
seine ersten Sinfonien entstanden sind, die 
erste während einer ernsten Krankheit des 
Vaters und ohne dass er dabei das Klavier zu 
Hilfe zu nehmen brauchte. Schon in der Anfangs¬ 
zeit des Londoner Aufenthaltes hatte der be¬ 
glückte Vater an seinen Salzburger Freund 
Hagenauer geschrieben, dass man sich in Salz¬ 
burg gar keinen Begriff davon machen könne, 
was Wolfgang jetzt leiste und was er in der 
Musik-Theorie jetzt wisse: — „wer es nicht 
sieht und hört, kann es nicht glauben.“ 

Sonaten für Klavier und Violine hatte er 
schon in Paris geschrieben, und infolgedessen 
hatte in London die junge Königin, geborene 
Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, den Wunsch 
geäussert, dass er ihr einige Sonaten schreiben 
und dedicieren möge. Schon Ende des Sommers 
1764 wurden diese sechs Sonaten in London 
gestochen und erschienen unter dem Titel, den 
wir hier in Verkleinerung nach der Original- 
Ausgabe wiedergeben (Abb. 1). Man wird auf 
diesem Titelblatt zunächst bemerken, dass dabei 
das jugendliche Alter des Komponisten (Ag6 
de huit An’s) ausdrücklich angegeben ist, sowie 
ferner, dass das Sonatenheft in des Vaters 
Wohnung — Thrift Street Soho — käuflich zu 
haben war. Bei den auf dem Titelblatt an¬ 
gegebenen Taufnamen, bezeichnet mit J. G. 
Wolfgang, ist zu bemerken, dass die voll¬ 
ständigen Vornamen nach dem Taufbuche 
lauteten: Johannes Chrisostomus Wolfgang 
Gottlieb. Die ersten beiden Namen Hess er 
später fallen, und den Gottlieb hatte er in 


Amadeus übersetzt; aber der eigentliche Nenn¬ 
name blieb Wolfgang, und so hat ihn auch 
der Vater in seinen Briefen stets nur Wolf¬ 
gangerl genannt, oder mit halb scherzender 
Bewunderung: unsem grossen Wolfgang oder 
auch Master Wolfgang. 

Übrigens konnte Leopold Mozart mit den 
Londoner Stichen der Sonaten ebenso wenig 
zufrieden sein, wie er es mit den Pariser Stichen 
war, denn auch in den Londoner Stichen ist 
die Stellung der Noten, in der Übereinstimmung 
zwischen Violin- und Bassstimmen des Klaviers, 
häufig eine sehr fehlerhafte. Die Dedikation 
der Sonaten, wie der Titel in französischer 
Sprache, ist sehr lang, und sie brachte dem 
Vater von der Königin ein Geschenk von 
50 Guineen (also etwa 1000 Mk.) ein, die aber 
wohl für die Kosten des Stiches draufgingen. 

Wenn wir die in London geschriebenen 
Sonaten und Sinfonien des achtjährigen Mozart 
längst kennen, so war dagegen ein'kleines, 
nicht für die Veröffentlichung bestimmtes und 
von ihm in London vollgeschriebenes Noten - 
Skizzenbuch , das eine Menge reizender melo¬ 
discher Motive enthält, bisher gänzlich unbekannt, 
so dass auch weder O. Jahn noch Köchel in 
ihren umfassenden Werken davon Notiz nehmen 
konnten. Das Büchelchen, das ich neuerdings 
aus seiner Verborgenheit ans Licht gebracht 
habe, hat das Format der älteren Stamm¬ 
bücher und ist in Leder gebunden. Dasselbe 
war ehemals im Besitze des Herrn Paul Mendels¬ 
sohn-Bartholdy, des Bruders von Felix, und 
ist nach dem Tode des Besitzers auf dessen 
Sohn, Ernst v. Mendelssohn in Berlin, über¬ 
gegangen. Niemand hatte bisher von dem 
Vorhandensein eines solchen Schatzes etwas 
gewusst, und nur ein glücklicher Zufall machte 
mich damit bekannt Besondere Umstände 
hatten mich veranlasst, eine Mozartsche Opem- 
partitur, deren Handschrift im Besitze des 
Herrn v. Mendelssohn ist, durchzusehen. Als 
ich damit fertig war, hatte Herr v. Mendelssohn 
mir das Notenbüchlein gezeigt, wie mir schien 
in Unsicherheit über den Inhalt desselben wie 
über den danach zu schätzenden Wert Auf 
dem ersten unHniirten Blatte erkannte ich in 
der mit Bleistift geschriebenen Angabe: „Di 
Wolfgango Mozart ä Londra 1764“ sogleich 
die schönen Schriftzüge des Vaters, und durch 
Vergleichung der Notenschrift mit derjenigen 


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Z. f. B. 98/99. 


II 


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F» csimile aus dem Londoner Notenskizzenbuch Mozarts. 
(Abb. 3 ) 
























82 


Genie, Das Notenskizzenbuch Mozarts aus London 1764. 


Mozartschen Kompositionen, die wir ebenfalls 
aus dieser Londoner Zeit in seiner Handschrift 
haben, konnte ich auch die Echtheit der Noten¬ 
schrift leicht feststellen; denn die Berliner 
Königliche Bibliothek besitzt unter der Masse 
der Mozarteana auch seine 1764 in London 
geschriebene Sinfonie in Es-dur (Köchel Nr. 
16). Obwohl nun in dem Skizzenbuch die 
Notenschrift — je nach der Laune des Kna¬ 
ben wie nach der Verschiedenheit des Mate¬ 
rials — erhebliche Abweichungen zeigt, so 
giebt es doch gewisse Eigentümlichkeiten in 
der Schreibweise, auch in den Notenstrichen, 
Vorzeichen und Teilungen der Noten, die durch¬ 
aus bezeichnend und auch hier auffällig vor¬ 
handen sind. Von den 37 kleinen Stücken, 
die 86 Notenseiten füllen, sind die ersten 
25 Stücke mit Bleistift geschrieben, und erst 
im letzten Drittel tritt die Schrift mit der 
Feder und Tinte ein. Ganz im Anfänge ist 
die Schrift noch knabenhaft steif, wird aber 
schon auf der dritten Seite freier und fliessender, 
später aber so flüchtig, dass man oft grosse 
Mühe hat, über das, was er meinte, Klarheit 
zu erlangen. Eine Auswahl dieser Stücke 
habe ich im fünften Hefte der von mir her¬ 
ausgegebenen „Mitteüungen für die Mozart- 
Gemeinde in Berlin“ (E. S. Mittler & Sohn) 
teils in Notenstich, teils in Facsimiles mitgeteilt. 
Die Facsimiles interessieren natürlich am meisten, 
und ich gebe deshalb hier auf Wunsch des 
Herrn v. Zobeltitz zwei weitere Proben, aus 


denen man zugleich die grosse Verschiedenheit 
der Handschrift ersehen kann. Die erste Probe 
(Abb. 2) giebt die Bleistift-Handschrift von der 
ersten Notenreihe des allerersten Stückchens, 
das ein freundliches und sehr zierliches Allegro ist. 
Ganz anders erscheint die zweite Probe (Abb. 3), 
die aus den späteren, mit Tinte geschriebenen 
Stücken genommen ist. Die zwei Notenreihen 
gehören zu den kürzesten Stücken der Skizzen, 
und die Flüchtigkeit der Handschrift, die sich 
auch in den durchgängig schief stehenden 
Noten und Taktstrichen zeigt, ist hier so arg, 
dass auch der erfahrene Musiker Schwierig¬ 
keiten haben wird, die Absicht des Komponisten 
zu erkennen, denn die Noten stehen hier häufig 
an falscher Stelle; entweder sind sie zwischen 
die Linien geraten, wo sie auf der Linie 
stehen sollen, oder umgekehrt. 

Erstaunlich aber und bezeichnend für das 
Genie ist es auch hier, dass bei einem acht¬ 
jährigen Knaben und bei den schon recht 
komplizierten musikalischen Gedanken die Feder 
in solcher wilden Flüchtigkeit über das Papier 
gleiten konnte. 

Man kann schon aus einem solchen Bei¬ 
spiele ermessen, wie wichtig das Notenskizzen¬ 
buch für diese frühe Epoche des aufsteigenden 
musikalischen Genies des wunderbaren Ton¬ 
künstlers ist, dieses „Wunders der Natur“ — 
the prodigy of nature — wie der Knabe mit 
Recht auch in den vorliegenden Londoner 
Konzert-Anzeigen genannt wurde. 



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Die Berliner Litteratur von 1848. 

Von 

Dr. Arend Buchholtz in Berlin. 


B nfi ie Bewegung des Jahres 1848, die 
H Ew fl die stürmischen Märztage eingeleitet 
hatten, war noch lange nicht zur 
Ruhe gekommen, als der Plan zu einer aus¬ 
führlichen Darstellung der Berliner Revolution 
entstand, allein er scheiterte, weil die in Aus¬ 
sicht genommenen Mitarbeiter Friedrich von 
Raumer, Reilstab, Friedrich Förster u. a. die 
gewichtigsten Bedenken hatten: man stand 
noch mitten in den verworrenen Parteikämpfen, 
und Licht und Schatten gerecht zu verteilen, 
erschien mit Recht als unlösbare Aufgabe. 
Es hat trotzdem an Bearbeitungen jener Episode 
in der Berliner Geschichte damals nicht gefehlt: 
Adolph Streckfuss schrieb sein „Freies Preussen“, 
Adolph Stahr seine Geschichte der„preussischen 
Revolution", Adolph Wolff seine dreibändige 
„Berliner Revolutionschronik", August Brass 
sein Buch von „Berlins Barrikaden"; zu einer 
anonymen Darstellung der Zeit vom 28. Febr. 
bis zum 31. März vereinigte sich eine Anzahl 
Mitkämpfer und Augenzeugen, und bis auf den 
heutigen Tag ist jenen ersten Berichten eine 
reiche Litteratur von Denkwürdigkeiten und 
Monographien gefolgt, und dennoch müssen 
wir sagen: es giebt noch immer keine den 
Stoff erschöpfende, nach Urteil und Form be¬ 
friedigende Geschichte der Berliner Revolution 
wie des Jahres 1848 überhaupt, und immer be¬ 
dauernswert wird es bleiben, dass, als sich 
Heinrich v. Treitschke anschickte, den sechsten 
Band seiner deutschen Geschichte zu schreiben, 
der Tod ihn abrief. 

Wenn wir nach einer Erklärung dafür suchen, 
dass eine zuverlässige Geschichte der Revo¬ 
lution von 1848 noch immer nicht geschrieben 
ist, so finden wir sie darin, dass die umfang¬ 
reichen Sammlungen zur Geschichte jener Zeit, 
die in vielen tausend kleinen Drucken und 
einzelnen Blättern bestehen, wohl kaum in einer 
öffentlichen Bibliothek Nummer für Nummer 
verzeichnet und daher der Benutzung nicht 
recht zugänglich sind und das Aktenmaterial 
der Staatsarchive für jene Zeit in der Regel 
nicht freigegeben wird. Wir haben eben eine 
Bibliographie der Litteratur des Jahres 1848, 


die über eine Aufzählung der Hauptwerke hin¬ 
ausgeht, bisher nicht gekannt Der erste, der 
mit nimmermüdem Eifer den Anfang mit einer 
Katalogisierung der Einblattdrucke von 1848 
nach ihren vier Hauptmomenten — Inhalt, 
Datum, Unterzeichner und Drucker — machte, 
war der verdienstvolle Berliner Sammler Otto 
Göritz, aber er berücksichtigte in dem Kataloge 
seiner der Stadt Berlin dargebrachten Biblio¬ 
thek (Zur vaterländischen Geschichte Abt. 2, 
i 893) nur die Zeit vom März bis zum Eintritt 
des Belagerungszustandes im November, und 
die Zahl der Blätter war von einer Vollständig¬ 
keit weit entfernt, auch hatte er die Nachklänge 
des Jahres 48 nicht in Betracht gezogen. 

Da fiel der Stadt Berlin vor fünf Jahren 
die reiche Sammlung des Dr. George Friedlaender 
zu, und nun haben wir in dem von der Berliner 
Magistratsbibliothek im Sommer 1897 heraus¬ 
gegebenen „ Verzeichniss der Fricdlaenderschen 
Sammlung zur Geschichte der Bewegung von 
1848. Berlin, Buchdruckerei von Wilhelm 
Baensch, 1897", VI 292 S. 8°, die erste Biblio¬ 
graphie der politischen 1848-Litteratur. 

Der verdienstvolle Sammler war in Dorpat 
1829 geboren, als Sohn des Professors der 
Staatswissenschaften Dr. Eberhard David Fried¬ 
laender, hatte in Dorpat seine Erziehung und 
akademische Bildung als Mediziner erhalten, 
war dann nach Deutschland übergesiedelt und 
hatte sich als Arzt in Berlin niedergelassen. 
Hier hat er von 1855 bis zu seinem am 
14. November 1892 erfolgten Tode seinem 
ärztlichen Berufe gelebt Er war ein hoch- 
begabter und vielseitig gebildeter Mann, ein 
vertrauter Freund von Guido Weiss und Johann 
Jacoby, mit dessen politischen Anschauungen 
sich auch seine Gesinnung deckte. Am Partei¬ 
leben nahm er allezeit den regsten Anteil, ohne 
selbst als Redner oder Schriftsteller eingreifen 
zu wollen. Litterarisch thätig ist er nur in sehr 
geringem Umfange gewesen: was er geschrieben 
hat, beschränkt sich auf einige Zeitungsartikel, 
die anonym erschienen sind. Aber schon bald 
nach seiner Niederlassung in Berlin war er 
bemüht, alle gedruckten Quellen zur Geschichte 


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8 4 


Buchholtz, Die Berliner Litteratnr von 1848. 


des Jahres 1848, Zeitungen, Broschüren, humo¬ 
ristische Blätter, Karikaturen u. ä. zu sammeln, 
um einem künftigen Historiker jener Zeit, der 
all* seine Sympathie galt, die Bahn zu ebnen. 
Anfangs sammelte er nur Berolinensien, dann 
aber sprengte sein unermüdlicher Eifer die 
engen Schranken und er zog Preussen und 
selbst die anderen deutschen Staaten in den 
Rahmen seiner Erwerbungen hinein. Da er 
sich schon vor vierzig und mehr Jahren ans 
Sammeln machte, so glückte seinem Spürsinn 
manche schöne Erwerbung, die heute, wenn 
überhaupt, so nur mit reichen Geldmitteln, die 
Friedlaender nicht zur Verfügung standen, 
gelingen könnte. Und wie er die Grenzen 
seines Sammeleifers räumlich erweiterte, so 
steckte er sie auch zeitlich viel weiter hinaus, 
als anfangs seine Absicht gewesen war. Er 
ging mit der ihm eigenen Beharrlichkeit den 
in der gedruckten Litteratur zu Tage getretenen 
Regungen des oppositionellen Geistes gegen 
die Staatsregierung und die bestehenden Zu¬ 
stände bis in das Ende des vorigen Jahrhunderts 
nach und verfolgte sie bis zur Lösung der 
schleswig-holsteinischen Frage im Jahre 1864. 
Für das erweiterte Gebiet konnte er leider 
nicht dieselben Erfolge erzielen, wie für das 
ursprünglich bevorzugte kleinere Feld der Be¬ 
tätigung: während hier ein Reichtum herrscht, 
der von anderen Sammlungen kaum übertroffen 
wird, klaffen dort weite Lücken. 

Im wesentlichen kann die Friedlaendersche 
Sammlung als eine Bibliothek bezeichnet werden, 
die die Litteratur des Liberalismus in Deutsch¬ 
land bis zur Beilegung des Konflikts im Jahre 
1866 umfasst, und ihr Katalog ist ein biblio¬ 
graphisches Nachschlagewerk, das gewiss leicht 
ergänzt werden kann, im grossen und ganzen 
aber für die wissenschaftliche Benutzung des 
Quellenmaterials zur Geschichte jener Zeit von 
bleibendem Wert sein wird. „Das Jahr 1848 
mit all seinen lehrreichen Thorheiten“, so schrieb 
mir Guido Weiss, bekanntlich selbst ein Acht¬ 
undvierziger, „ersteht da wie eine Photographie 
vor dem jener Zeit Kundigen, und das Buch 
sollte den Historikern, die es noch nicht wissen, 
ein Fingerzeig sein, wie in dieser Zeit, in der 
das litterarische Leben sich mehr und mehr 
in Flugschriften' und Zeitungen auflöst, die 
Bewahrung, Sonderung und Benutzung dieser 
Tagesfliegen notwendig wird“. . . 


Als die Magistratsbibliothek die Sammlung 
übernahm, fand sie einen ansehnlichen TeU 
Katalogarbeit bereits vor. Friedlaender selbst 
hatte, wie es scheint, gleich zu Beginn seiner 
Erwerbsthätigkeit die Einblattdrucke und ein¬ 
zelnen Zeitungsnummem, deren er habhaft wurde, 
sorgsam auf Zetteln verzeichnet, auch schon mit 
Angabe des Inhalts, Verfassers, Druckers und 
des Datums. Das Manuskript bedurfte indessen 
einer gründlichen Sichtung vom ersten bis zum 
letzten Blatt, des Vergleichs mit der Vorlage, 
der Ergänzung und noch öfter der Kürzung, 
bis es druckfertig war. Friedlaenders biblio¬ 
graphische Arbeit hatte sich aber nur auf die 
Aufnahme der Plakate und Flugblätter be¬ 
schränkt. Ihm war es überhaupt in allererster 
Reihe um diese zu thun, die er, in sieben 
schwarz-rot-goldenen Mappen vereinigt, mit 
Argusaugen hütete, ohne sie aber dem Ver¬ 
ständnisvollen zu verschliessen. Erst in zweiter 
Reihe kamen für ihn die Broschüren und um¬ 
fassenderen Werke, die in das Gebiet dieser 
Oppositions- und Revolutionslitteratur fielen, in 
Betracht, und die schleswig-holsteinische und 
die polnische Frage wurden, nebenbei berück¬ 
sichtigt, weil der Liberalismus den Kämpfen 
der Schleswig-Holsteiner und Polen um Er¬ 
ringung politischer Freiheit und Selbständigkeit 
sympathisch gegenüberstand. 

An einer noch weitem Ausgestaltung und 
Vervollständigung seiner Sammlung ist Fried¬ 
laender mitten in eifrigster Arbeit durch den 
Tod gehindert worden. Die Sammlung zählt, 
von dem Inhalt der Plakatenmappen abgesehen, 
gegen dreitausendfünfhundert Nummern. 

Bei der Zusammenstellung der Einblatt¬ 
drucke und Zeitungsnummem war Friedlaender 
streng chronologisch verfahren. Diese An¬ 
ordnung ist auch im gedruckten Kataloge als 
die vom Sammler gegebene beibehalten worden. 
Auf die Verzeichnung der unzähligen einzelnen 
Nummern der Tagesblätter, die in die Mappen 
hineingefügt sind, musste verzichtet werden, 
um die Übersicht nicht zu erschweren. 

Der Katalog beginnt mit der Aufzählung der 
Litteratur über Deutschland und Preussen vor 
dem Jahre 1806. Hieran schliesst sich als einer 
der wertvollsten Teile der Bibliothek deren Be¬ 
sitz an Zeitungen, Zeitschriften, Kalendern und 
ähnlichen periodischen Drucksachen aus der 
Zeit von 1806 bis etwa 1866 — neben langen 


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Buchholtz, Die Berliner Litteratur von 1848. 


85 


Reihen von Jahrgängen bekannter politischer 
Blätter die beredten Zeichen eines kurzen, oft nur 
nach Tagen zählenden Daseins. Von einer 
ganzen Anzahl Blätter wissen wir sogar, dass sie 
sich nur zu einer einzigen Nummer haben auf¬ 
schwingen können: hoffnungsvoll und froh des 
mit Mühe gewonnenen Verlegers verfasste der 
glückliche Journalist schnell ein inhaltreiches 
Programm, Nummer eins ward gesetzt, gedruckt 
und ausgetragen, um nur allzu schnell im Strom 
der Bewegung unterzusinken, in den ersten 
Lebensanfangen von glücklichem Nebenbuhlern 
erstickt. Andere Blätter konnten von Glück 
sagen, wenn sie sich bis zu Wrangels Einzug 
hielten; nur wenige haben die Revolution um 
einige Jahre überdauert, und nur ein paar, wie 
die Nationalzeitung, die Kreuzzeitung, der 
Kladderadatsch haben sich aus jenen Tagen 
in die Gegenwart hinübergerettet Die ersten 
Flugversuche der befreiten Presse haben nur 
kurze Gunst genossen. 

Von den damals in Berlin täglich erscheinen¬ 
den vier Zeitungen, der offiziösen Allgemeinen 
Preussischen, der Vossischen, der Spenerschen 
und der Berliner Zeitungshalle von Gustav Julius, 
wurde die letzte allein als das revolutionäre 
Organ, als das Blatt des entschiedenen Fort¬ 
schritts anerkannt Am 22. März wurde die 
fünfte grosse politische Zeitung, die National¬ 
zeitung, angekündigt; bald folgten die Kreuz¬ 
zeitung, die Berliner Abendzeitung und die 
vielen anderen, die der Friedlaendersche Kata¬ 
log aufzählt, wie die humoristischen Blätter, auf 
die ich weiter unten eingehe. Politik und Wissen¬ 
schaft verband eine weitverbreitete Wochen¬ 
schrift „Die medizinische Reform“, die die beiden 
Arzte Virchow und Leubuscher herausgaben. 
Es ist überhaupt eine auffallende Erscheinung, 
dass als Wortführer in der freiheitlichen Be¬ 
wegung von 1848 so viele Äjzte auftraten. 
Man wird dabei an ein Wort des alten Kieler 
Arztes Professor Hensler erinnert, das uns 
Niebuhr in einem seiner Zirkulationsbriefe aus 
Holland überliefert hat. Hensler war kein Re¬ 
volutionär, meinte aber, dass „Ärzte und Physiker 
vor allen anderen Gelehrten geneigt wären, bis 
zur äussersten Wildheit in diese Partei hinein¬ 
zugehen“. . . 

Neun Seiten füllt das Verzeichniss der Zei¬ 
tungen und Zeitungsrudera in dem Friedlaender- 
schen Kataloge, unter ihnen die grössten Selten¬ 


heiten, wovon kaum noch andere Exemplare 
nachzuweisen sind. 

Aus der Gruppe des Kataloges, die „Deutsch¬ 
land und Preussen von 1806 bis zur Bewegung 
von 1848“ umfasst, verdient die reiche Litteratur 
hervorgehoben zu werden, die die kirchliche 
Bewegung der dreissiger und vierziger Jahre 
behandelt: die evangelische Kirche, die pro¬ 
testantischen Freunde, der Deutschkatholizismus 
sind mit einer erdrückenden Fülle ihrer nicht 
recht erfreulichen kleinen und grossen Ver¬ 
öffentlichungen vertreten. 

Sehr ansehnlich ist die Litteratur der Frank¬ 
furter Nationalversammlung. Aber die Haupt¬ 
masse des Vorhandenen gruppiert sich um die 
politische Bewegung in Preussen seit dem ver¬ 
einigten Landtage, um die Jahre 1848 und 
1849 und die preussischen Verfassungskämpfe. 
Hier lassen sich die Ereignisse an der Hand 
der vielen tausend Blätter, der Maueranschläge, 
der Flugblätter, der politischen, humoristischen 
und satirischen Zeitungen, der politischen Ge¬ 
dichte Tag für Tag, in den entscheidendsten 
Tagen oft Stunde für Stunde verfolgen, von 
jenem 28. Februar 1848 an, wo ein Extrablatt 
der Allgemeinen Preussischen Zeitung um die 
Mittagszeit den Ausbruch der Pariser Februar¬ 
revolution verkündete, bis zu den Dezembertagen 
1849, wo „Feierklänge am Tage der Befreiung 
des Geheimen Ober-Tribunalsrat Waldeck“ an¬ 
gestimmt wurden. 

Mit einem Schlage hatte das Berliner Leben 
in der ersten Märzwoche 1848 ein anderes Ge¬ 
sicht bekommen. Man lebte ganz nach aussen; 
als spannungsvoll harrender Zuschauer hörte 
man begierig auf die neuesten politischen Be¬ 
gebnisse in Nähe und Ferne und griff nach den 
Blättern, die an den Ecken angeschlagen und 
auf den Strassen feilgeboten wurden: es ist 
Berliner Strassenlitteratur, die einen grossen 
und den wertvollsten Teil der Sammlung aus¬ 
macht, Blätter, die eine ephemere Existenz ge¬ 
habt haben, die von Hand zu Hand gegangen 
sind und über die Vorgänge des Tages, oft 
getreu, öfter allerdings tendenziös gefärbt, je 
nach dem Standpunkt des Verfassers und dem 
Fluge seiner Phantasie, berichten. Der deutsche 
Journalismus hat eben damals eine merkwürdige 
Lehrzeit durchgemacht. 

Mit der Strassenlitteratur, die sie schufen 
haben die Märztage einer Anzahl litterarischer 


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86 


Buchholtz, Die Berliner Litterator von 1848. 


Genies zur Berühmtheit verholfen, die, wenn 
sie auch kurzlebig, so doch damals, in jenen 
Tagen der Ungebundenheit der Presse, unbe¬ 
stritten war. Nur von wenigen unter den 
damals aufgekommenen Tagesschriftsteilem 
hatte man überhaupt schon einmal gehört, die 
meisten waren unbekannte Leute, von dunkler 
Herkunft, man wusste nicht, wovon sie sich 
nährten und kleideten, die Welle hob sie und 
verschlang sie. Viel gesunder und fruchtbarer 
Geist, lebendige Ideen, nur selten freilich die 
Bildung tief und sicher die positiven Kennt¬ 
nisse, aber eine Fähigkeit, die Sprache zu hand¬ 
haben, die oft meisterhaft ist, selbst in der Be¬ 
handlung des Dialektes; in der Gesinnung 
Variationen vom Ideal bis zur niedrigsten Aus¬ 
artung. 

Diese litterarischen Genies, deren Namen 
damals auf allen Lippen waren, bei Anhängern 
und Gegnern, haben ein kurzes Dasein im 
vollsten Licht der Öffentlichkeit geführt; zurück¬ 
gesunken in die Luft der Alltäglichkeit erstickten 
sie, und von den meisten hat man dann draussen 
in der Welt wohl nur einmal wieder gehört: 
wenn die Tagespresse ihren Tod in kurzen 
Worten meldete, kaum dass sich man dann 
noch des Namens entsann. Auch dem be¬ 
kanntesten und talentvollsten unter allen den 
Journalisten jener stürmischen Zeit ist es nicht 
viel anders ergangen: Friedrich Wilhelm Alex¬ 
ander Held. Sein Leben ist noch immer nicht 
geschrieben worden, wenn wir von E. Kneschkes 
nur allzu dürftiger Skizze in der „Allgemeinen 
deutschen Biographie“ und einigen Mitteilungen 
anderer Achtundvierziger absehen, von denen 
einer auf ihn das böse Wort Börnes anwendet: 
„Was bliebe an ihm zu loben übrig? Nichts, als 
dass er ein grosser Künstler war und zu reden 
verstand; die Natur in ihm war schlecht“. Die 
Lauterkeit seiner Gesinnung wurde schon an- 
gezweifelt, als sich die Leute an den Strassen¬ 
ecken drängten, um sein neuestes Plakat zu 
lesen. Zuerst Lieutenant, dann Schauspieler 
und endlich Schriftsteller, was er bis an seinen 
Tod, 1872, blieb, immer mit wechselndem Er¬ 
folge, anmassend, pathetisch in Rede und Ge¬ 
berde, ehrgeizig, von lockerem Leben, ober¬ 
flächlich gebildet, aber ein Schriftsteller von 
packender Frische und Lebendigkeit Seine 
Zeitungsartikel wie seine Maueranschläge fessel¬ 
ten immer durch Originalität der Gedanken und 


der Ausdrucksweise, durch Entschiedenheit und 
Verständlichkeit, darum ist denn auch der 
grosse Einfluss, den er 1848 auf die politische 
Gesinnung der Berliner ausgeübt hat, nur allzu 
erklärlich. 

In der kaum übersehbaren Masse von Ein¬ 
blattdrucken aus der Zeit von 1848 bis 1849, 
von Extrablättern der Zeitungen, von Bekannt¬ 
machungen der Behörden, von Adressen und 
Manifesten, von Flugblättern aller Arten aus 
der Mitte der Bevölkerung aller Stände und 
Berufsklassen erregen das meiste Interesse auch 
beim heutigen Leser noch die Heldschen Plakate. 
Sie waren immer schnell entworfen, denn Held 
konnte nur arbeiten wenn, das Feuer ihm auf 
den Nägeln brannte. Wenn man sie neben¬ 
einander hält, ist man verwundert, wie man dem 
Manne Doppelzüngigkeit und Charlatanerie nach- 
sehen konnte. Aber er erhielt sich in der Volks¬ 
gunst länger, als man nach den bedenklichen 
Proben seiner Gesinnungsschwankungen hätte 
für möglich halten können. Nur seiner unge¬ 
wöhnlichen Geschicklichkeit hatte er zu danken, 
dass er das Heft so lange in der Hand behielt. 
Auch die Kunst, Reklame für sich zu machen, 
übte er meisterhaft aus, und zusammen mit 
seinem Freunde, dem Buchdrucker Ferdinand 
Reichardt, der seine Plakate druckte, sorgte er 
für deren Vertrieb durch den fliegenden Buch¬ 
handel, der damals in Berlin eigentlich so recht 
erst aufkam. Vor den Druckereien sammelten 
sich halbwüchsige Jungen, die auf das Er¬ 
scheinen der frischen Blätter lauerten, um sie 
auf den Strassen zu verkaufen, unter lautem 
Geschrei und zudringlichen Anpreisungen. 

Grosser Beliebtheit, zumal bei der demo¬ 
kratischen Partei, erfreuten sich die humo¬ 
ristischen Flugblätter, die Adalbert Cohnfeld 
unter dem Pseudonym Aujust Buddelmeyer, 
„Dagesschriftsteller mit’n jrossen Bart“, im 
Berliner Jargon herausgab. Über sein Leben 
sind uns nur dürftige Mitteilungen bekannt. In 
Pyritz 1809 geboren, erhielt er auf dem Gym¬ 
nasium zu Stargard seine Schulbildung und 
studierte in Berlin Medizin. Seit 1834 war er 
hier als praktischer Arzt thätig. Wenige Jahre 
darauf begann seine gar bunte schriftstellerische 
Thätigkeit: er schrieb Novellen, gab Volks¬ 
sagen heraus, war Redakteur an der „Nord¬ 
deutschen Zeitung“ für Theater, redigierte später 
die „Erinnerungsblätter“, war auch dramatischer 


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Bachholtz, Die Berliner litteratur von 1848. 


8 7 


Lehrer, Belletrist und Kunstkritiker und nahm 
sich dazwischen noch die Zeit, zwei dickleibige 
Werke über die „Geschichte des preussischen 
Staats mit besonderer Berücksichtigung des 
deutschen Reiches“ und eine Lebensgeschichte 
Friedrich Wilhelms ID. zu schreiben. Als die 
Märztage anbrachen, wurde er mit in den 
Strudel der Politik hineingerissen. Mit unsäg¬ 
licher Beharrlichkeit hat er seine Flugblätter 
geschrieben, deren fast jeder Tag ein neues 
brachte, das in derbem, meist zündendem, 
aber oft auch fadem Witz die neuesten Be¬ 
gebnisse des Tages behandelte, die grossen 
Vorgänge in der politischen Welt, wie die 
kleinen innerhalb der vier Wände des bürger¬ 
lichen Hauses. Immer gab es viel zu lachen, und 
die Gardinenpredigten, die Madame Bullrichen 
ihrem Gatten Ludewig zum Mittagessen hielt 
oder beim Zwimabwickeln oder bei der Rück¬ 
kehr vom Bezirksballe, waren oft das Tages¬ 
gespräch, und wie er sein berühmtes Blatt 
„Berlin, verprobjantire dir! Dein jrosser Held 
hat Hunger!“ auf die Strassen warf, so war es 
ein Schlager, der dem Verfasser für so manche 
schwächere Leistung die Nachsicht seiner Leser 
sicherte. Aber schliesslich produzierte er so 
unendlich viel, dass das Interesse an Aujust 
Buddelmeyers Ergüssen, namentlich an der 
Buddelmeyer-Zeitung, erlahmte. Mitte der 
fünfziger Jahre zog sich Dr. Cohnfeld vom 
politischen Schauplatz für immer zurück und 
widmete sich fortan ausschliesslich seiner ärzt¬ 
lichen Praxis. Am 20. Januar 1868 ist er in 
Berlin gestorben. 

Ein anderer fruchtbarer Flugblattschreiber 
von glücklichem Humor war Albert Hopf, der 
unter eignem wie angenommenen Namen, als 
Ullo Bohmhammel, Anastasius Schnüffler und 
in anderen Verkleidungen, gleichfalls im Berliner 
Volksdialekt eine Fülle von Gedichten und 
Prosaerzählungen und -Dialogen verfasst und 
tausende von Lesern gefunden hat. Eins seiner 
erfolgreichsten Gedichte trug die Überschrift: 
„Die Russen kommen!“, der Angstruf des 
philiströsen Spiessbürgertums, über dessen Be¬ 
denken gegen die Folgen der neuen Freiheiten 
er sich lustig macht. 

In jüdischem Jargon, als Isaak Moses Hersch 
und unter anderen Namen, verfasste S. Löwen¬ 
herz seine offenen Briefe „an den gewesenen 
Ober-Borgemeister Krausnick“, „an seine Mit¬ 


berger“, „an die Berliner Börsenleute, als da 
sind: Banquiers, Kortiers, Komhändler und die 
ganze übrige Maschpoche“ u. a. m. Robert 
Springer versichert uns, dass auch diese Flug¬ 
blätter „ihr Furore selten verfehlten“. 

Jeder dieser produktiven Flugblattschreiber 
hatte seinen Drucker, den er vor anderen be¬ 
vorzugte. Nach dem Drucker konnte man 
leicht auf die Gesinnung des Flugblattschreibers 
schliessen. Was bei Julius Sittenfeld gedruckt 
wurde, ging meist von der konservativen Partei 
aus oder hatte doch einen konservativen An¬ 
strich. Wilhelm Fähndrich aber und Ferdinand 
Reichardt steuerten in entgegengesetzter Rich¬ 
tung, Fähndrich, ein früherer Wein- und Tabak¬ 
händler, Reichardt nach der Charakteristik 
Springers „mit allen Hunden gehetzt“, „immer 
mit einem Fusse in der Stadtvogtei, aber wer 
ihn ganz hinein bringen wollte, musste früh auf¬ 
stehen“, „gewaltig pfiffig, glatt wie ein Aal, und 
lässt sich höchstens von Held übers Ohr hauen“. 
Aus Reichardts Presse sind alle die unzähligen 
Plakate Heids und seine „Lokomotive“ hervor¬ 
gegangen. Für den Druck der Plakate kamen 
dann noch in Betracht: die Deckersche Geh. 
Oberhofbuchdruckerei für die amtlichen Er¬ 
lasse der Staatsbehörden, A. W. Hayn für die 
Bekanntmachungen des Magistrats, E. Litfass, 
W. Moeser u. a. Cohnfelds humoristische 
Blätter druckten Marquardt & Steinthal; Hopf 
liess meist bei J. Draeger drucken; Löwenherz 
hatte selbst eine Druckerei und Lithographie. 

Um die Berliner Märztage hat sich ein reicher 
Kranz von Dichtungen gewoben, in Versen und in 
Prosa, von genannten und ungenannten, von be¬ 
kannten und unbekannten Dichtem. Andreas 
Sommer liess „Berliner Barrikadenlieder“ er¬ 
scheinen und besang den Tod des jüdischen 
Philosophen Levin Weiss, der auf einer Barri¬ 
kade in der Königstrasse gefallen war („Todt 
wird von den Barrikaden weg der Philosoph 
getragen“ etc.), ein Vorgang, der uns auch noch 
in einem lithographischen Bilde überliefert ist. 
Julius Heinsius gab „Märzlieder“ heraus, die 
zwei Auflagen erlebten, Ignaz Julius Lasker den 
Prolog, den er am 20. März im Königsstädtischen 
Theater gesprochen hatte, Julius Minding, der 
Dichter Sixtus* V., einen „Völkerfrühling“, eine 
Fahne, unter der damals noch viele andere 
Dichtungen in die Welt gesegelt sind; August 
Pauli dichtete einen „Frühlingsanfang“, Moriz 


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88 


Buchholtz, Die Berliner Litteratur von 1848. 


Lövinson einen „Berliner Demokratenmarsch“, 
den H. Hauer als „Volkslied fiir ächte Patrio¬ 
ten“ komponierte, Theophil Bittkow ein „Jubel¬ 
lied zum Andenken an die glorreichen Tage 
des 18. und 19. März 1848“. Friedrich Eylert 
dichtete „eine deutsche Marseillaise“ und August 
Brass richtete einen Gruss an Frankreich „am 
ersten Tage der freien Presse in Preussen: 
„vive la libertö!“ Zum Besten der Witwen und 
Waisen steuerte Lebrecht Neuhof „drei Lieder 
für die Zeit“ bei, und Ludwig Karl Aegidi liess 
ein Farben- und ein Parlamentslied drucken, 
zum Besten eines Denkmals im Universitäts¬ 
garten für die gefallenen Studenten. 

Den Toten des 18. März wurden Nachrufe 
gewidmet, die manchen schönen Gedanken aus- 
sprachen, öfter aber verletzt die Schärfe und 
Bitterkeit, mit der der traurigen Vorgänge ge¬ 
dacht wird, und hier und da fällt die Sprache 
in Abgeschmacktheit, wie in jenem einen unter 
den „Liedern, gesungen bei der Beerdigung 
unserer . . . gefallenen Brüder“ von L. B. („Ob 
auch Tiger sich bekriegt, diesmal hat der Mensch 
gesiegt“). Nicht viel besser ist die von Mz. 
J . . 1 gedichtete „Elegie auf die . . . Gefallenen“. 
Ergreifend aber ist Titus Ullrichs „Requiem: 
den Todten des 18. März“. Das Thema: „Die 
Gräber in Friedrichshain“ wurde viel variiert. 
„Todtenopfer“ und „Todtenmessen“ ist eine 
grosse Zahl von Dichtungen überschrieben, 
die den Märzkämpfem gewidmet sind, und 
noch nach Jahr und Tag verstummten die 
poetischen Klänge nicht, die das Andenken 
der Gefallenen aufzufrischen bemüht waren. 

Andere Gedichte richten sich direkt an 
und gegen den König, wie Friedrich Eylerts 
„19. März 1848“, „Des Königs Ritt“ („Der König 
reitet schweigend, mit kummerschwerem Sinn...“) 
und viele andere, deren Inhalt sich nicht wieder¬ 
geben lässt. 

Keine unter den ernsten Dichtungen jener 
Zeit konnte sich an tiefgehender Wirkung mit 
Ferdinand Freiligraths im Juli 1848 verfasstem 
und wiederholt aufgelegtem und nachgedrucktem 
Gedicht: „Die Todten an die Lebenden“ („Die 
Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit ge¬ 
spalten ...“), vergleichen. Es wurde unter¬ 
drückt und von der Polizei eingezogen, wo sie 
seiner habhaft werden konnte, und der vor 


mir liegende „Anzeiger für die politische Polizei 
Deutschlands auf die Zeit vom 1. Januar 1848 
bis zur Gegenwart“, in Dresden 1854 erschienen 
und jetzt eine bibliographische Seltenheit, ent¬ 
warf von dem Dichter, den er eigentlich aus¬ 
schliesslich nach jenem Gedicht beurteilte, 
folgende Charakteristik: „Freiligrath, Ferdinand, 
von Barmen, der, schändlichen Undankes voll, 
seinen ehemaligen Wohlthäter, Se. Majestät den 
König von Preussen, in dem bekannten Schand- 
gedichte: „Die Todten an die Lebenden!“ auf 
das gröblichste und gemeinste beschimpfte und 
auch ausserdem wegen dieses Gedichtes, einer 
Pestbeule in der Geschichte deutscher Dichtung, 
der Anklage auf Hochverrat unterworfen und 
im August 1848 zu Düsseldorf verhaftet wurde. 
Vor die Assisen gestellt, wurde er aber frei¬ 
gesprochen!“ Der ausführliche stenographische 
Bericht über den Prozess ist gleichfalls in der 
Friedlaenderschen Sammlung enthalten. Das 
Gedicht selbst ist damals durchaus nicht ohne 
Widerspruch aufgenommen worden, es rief eine 
Anzahl Proteste und Antworten hervor, darunter 
allerdings auch Zustimmungen. Überhaupt ist 
Freiligraths Muse, die sich in den Dienst der 
Revolution gestellt hatte, ausserordentlich pro¬ 
duktiv gewesen; vieles ist zu grotesk, aber 
das „Lied vom Tode“, das er den Berliner 
Arbeitern am 20. Oktober 1848 widmete („Auf 
den Hügeln steht er im Morgenrot. . .“), noch 
heute nicht wirkungslos. 

Mit vollen Händen haben auch unsere 
Romanciers aus dem Leben der Märztage ge¬ 
schöpft Es war allerdings ein Wagnis, die 
allernächste Vergangenheit mit ihrem aufregen¬ 
den Inhalt schon zu einer Zeit poetisch be¬ 
handeln zu wollen, wo sich der Lärm der 
Parteien nicht gelegt hatte, wo die Gegen¬ 
sätze noch unvermittelt und unversöhnt ein¬ 
ander gegenüber standen, aber mutig wurde 
jedes Hindernis genommen, und der Autor 
suchte meist das Gewicht seines Buches noch 
dadurch zu heben, dass er beteuerte, die Er¬ 
zählung, die er böte, wäre einer wirklichen 
Begebenheit jener Tage entnommen und gebe 
ein getreues Büd der Zustände, wie sie 
eben erlebt worden seien. Und dennoch ist 
alles Phantasie und Übertreibung, und vieles 
Närrische dabei. (Schiu** folgt in Heft in.) 


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Neue Illustrationswerke. 



on dem im Aufträge des Barons Cornelius 
Heyl zu Hermsheim in Worms heraus¬ 
gegebenen Prachtwerke „Geschichte der 
rheinischen Städtekultur von den Anfängen 


bis zur Gegenwart “ von Hänrich Boos , dessen ersten 


Band wir im ersten Hefte dieser Zeitschrift besprechen 


konnten, ist jüngst der zweite Band verausgabt 


worden (Verlag von J. A. Stargardt in Berlin). 


Der Band umfasst den Zeitraum vom Ausgang 
des XÜL bis zur Wende des XV. Jahrhunderts, 
und wiederum steht Worms im Mittelpunkte der 
Darstellung. Es war dies beabsichtigt Professor 
Boos hat sich darüber bereits in der kurzen Ein¬ 
leitung zum ersten Bande ausgesprochen. Er 
wollte die Entwicklungsgeschichte der Rheinstädte 
an einem typischen Beispiel schildern, allerdings 



Z. f. B. 98/99* 


Zeichnung von Josef Sattler zu Boos „Rheinische Städtekultur", Bd. II. 
(Berlin, J. A. Stargardt.) 


12 


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90 


Neue Illustrationswerke. 



Kapitelstück von JJosef Sattler aus Boos „Rheinische Städtekultur**. Bd. II. 
(Berlin, J. A. Stargardt.) 


stetig unter Bezugnahme auf die allgemeinen Er¬ 
scheinungen der Zeiten. Dass Worms ihm be¬ 
sonders am Herzen liegt, erklärt sich nicht nur 
aus seiner Freundschaft zu dem Baron Heyl, der 
Bürger der Stadt ist und sie auch im Reichstage 
vertritt, sondern aus der Thatsache, dass er mit un¬ 
endlicher Mühe Sichtung und Ordnung in dem Chaos 
des Wormser Archivs geschafft hat. Und durch 
diese Ordnungsarbeiten wurde Boos so intim ver¬ 
traut mit der Geschichte von Worms, dass eine 
besondere Berücksichtigung dieser Stadt in seinem 
Werke nahe lag. Die Gruppierung des Stoffes ist 
wieder eine ausgezeichnete; nicht nur der Historiker 
Führt das Wort, sondern auch der genaue Kenner 
mittelalterlichen Städtelebens, der Kulturhistoriker 
und Sittenschilderer. Und immer ist die Boossche 
Darstellung gleich interessant, warmherzig und 
dennoch klar, sich nicht in Einzelheiten verlierend 
wie die wirrsalige Politik jener Zeit, die er nur 
in grossen Zügen verfolgt Das letzte Kapitel des 
zweiten Bandes behandelt die „Katastrophe von 
Mainz“, den Einfall Adolf von Nassaus und die 
Mordnacht des 28. Oktober 1462. Genau zehn 
Jahre später rühmte Wilhelm Fichel, der Rektor 
der Pariser Universität, den Mainzer Bürger Gutten- 
berg: „Wahrlich — dieser Mann verdient es, dass 
alle Musen, alle Künste und alle Zungen derer, 
die sich an Büchern erfreuen, ihn mit göttlichem 
Lobe verherrlichen. Dieser Guttenberg hat Grosses 
erfunden dadurch, dass er Buchstaben gegossen 
hat (exculpsit), mit welchen alles, was man sagen 
und denken kann, rasch geschrieben und abge¬ 
schrieben und der Nachwelt überliefert werden 
kann“ . . . Und in der erwähnten Mordnacht war 
auch die Fust-Schöffersche Druckoffizin zu Mainz 
in Flammen aufgegangen und die Gesellen zer¬ 
streuten sich nach allen Himmelsrichtungen und 
trugen die neue Kunst weithin über die Lande . . . 

Josef Sattler hat den zweiten Band des Werkes 
in ähnlicher Weise geschmückt wie den ersten. 
Seine Vollbilder, Initialen, Vignetten und Kapitel¬ 
stücke sind von feinstem künstlerischen Reiz, nicht 
alle gleichwertig, aber alle eigenartig und sich weit 
über die landläufige Illustrationsmanier, die bei 
diesem Buche wie ein Faustschlag gewirkt haben 
würde, erhebend. Am treffendsten ist er immer, 


wo er die Tragik der 
Geschehnisse zu symbo¬ 
lisieren oder allegorisch 
darzustellen versucht. 
Wie famos ist z. B. die 
Zeichnung des Tods als 
Schnitter mit den sterben¬ 
den Menschen zwischen 
den fallenden Garben 
und der untergehenden 
Sonne im Hintergründe, 
deren Strahlen nicht mehr 
imstande sind, das tiefer- 
fallendeGewölk zu durch¬ 
brechen! Ferner das Büd, 
auf dem Pfaffe und Bürger, auf den Stadtschlüsseln 
von Worms hockend, das grosse W in giftigem 
Streite zu zerbrechen drohen — weiter der Tod 
auf der Fähre und die prächtige Verkörperung der 
Zünfte von Worms. Am genialsten aber giebt er 
sich in der Kleinkunst, in der Initial- und Vignetten¬ 
zeichnung. Es sind Kabinetsstücke darunter, die 
von sprühender Phantasie und von echt poetischem 
Empfinden zeugen. 

Auch dieser Band kostet, auf Büttenpapier von 
Otto von Holten in Berlin gedruckt, nur 10 M. 
Ohne die Munifizenz des Barons Heyl würde ein 
so billiger Preis sich nicht ermöglichen lassen. 

Die fünfzigjährige Wiederkehr der Revolution 
von Achtundvierzig hat zahlreiche Werke ins Leben 
gerufen, die sich mehr oder weniger eingehend 
mit den Ereignissen des „tollen Jahres“ beschäftigen. 
Unter ihnen nimmt Hans Blums „Die deutsche 
Revolution 1848—1849. Eine Jubiläumsgabe Jur 
das deutsche Volk“ (Verlegt bei Eugen Diederichs, 
Florenz und Leipzig. Gr. 8°, 480 S.) einen hervor¬ 
ragenden Platz ein. Hans Blum ist der Sohn 
Robert Blums, und als dessen Biograph hat er 
sich schon vor Jahren in den Besitz eines wert¬ 
vollen und umfangreichen Materials über die Ge¬ 
schehnisse jener stürmischen Tage setzen können. 
Der politische Standpunkt, auf dem der Verfasser 
steht, befähigt ihn zu einer ruhigen und sachlichen 
Beurteüung der grossen Bewegung; er stützt sich 
zudem bei seinen Schil¬ 
deningen in der Haupt¬ 
sache auf Schriften jener 
Zeiten selbst, ohne Rück¬ 
sicht auf die Parteischat¬ 
tierung der betreffenden 
Autoren. So ist es ihm 
gelungen, ein klares, um¬ 
fassendes und sehr in¬ 
teressantes Bild der letzten 
Revolutionszeit zu geben, 
in einer Darstellung, die 
immer fesselt und durch 
die von der ersten bis 



Ein ausgewiesener 
Litterat von 1848. 
(Aus Blum, „Die deutsche 
Revolution 1848/49." 
Leipzig, Eugen Diederichs.) 


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Neue Illustrationswerke. 


91 



zur letzten Seite der Atemzug begeisterter Vater¬ 
landsliebe weht. 

Auf eine kritische Beleuchtung der Einzel¬ 
heiten einzugehen, ist hier nicht der Ort Der 
Verfasser hat sein Werk in vier grosse Abschnitte 
geteilt Das erste Buch giebt eine Übersicht der 
Bestrebungen des Volkes vor Beginn der Revolution, 
eine Schilderung der Mettemichschen Politik, der 
Burschenschaftsbewegung mit dem Attentat Sands, 
der Karlsbader Beschlüsse und 
Wiener Schlussakte, der Reaktion 
bis 1830 und der Wirkungen der 
französischen Julirevolution auf 
Deutschland, des neuen nationalen 
Aufschwungs und der ersten Re¬ 
gierungszeit Friedrich Wilhelms IV. 

Der zweite Abschnitt behandelt die 
Märztage in Baden, Bayern (mit der 
Lola Montez-Episode), Württem¬ 
berg, beiden Hessen und Nassau, 
in Hannover, Oldenburg, Sachsen, 
den nord - und mitteldeutschen 
Kleinstaaten — dann die Sturmzeit 
in Wien mit dem Sturz Metternichs, 
die Märzbewegung in Preussen und 
speziell in Berlin, die ruhigeren Tage 
des Vorparlaments und schliesslich 
den sogenannten Heckerputsch im 
badischen Oberlande. Das dritte 
Buch beginnt mit dem ersten 
Wirken der Nationalversammlung, 
Reichsverwesertum und Bundestag, 
schildert das erneute Aufflackern 
der Revolution in Frankfurt und 
Baden, den Oktobersturm in Wien 
und den allgemeinen Umschwung 
in Österreich und Preussen. Der 
Schlussabschnitt endlich enthält 
die Darstellung der vergeblichen 
Einheitsbestrebungen, der letzten 
Kämpfe in Sachsen und Baden, der 
Auflösung des Parlaments und der 
Jahre der Reaktion. Die letzten 
Worte des Buches gelten Wilhelm I. 
und Bismarck. „Diese beiden 
hohen Helden unseres Volkes er¬ 
füllten in dreissigjährigem treuem 
Zusammenwirken die Sehnsucht 
nach den höchsten Zielen und Gütern der Deutschen, 
um die unser Volk 1848/49 so heiss und ver¬ 
geblich gerungen hatte, und sie legten der Ver¬ 
fassung des Norddeutschen Bundes und Deutschen 
Reichs zu Grunde jenes Verfassungswerk der ersten 
deutschen Nationalversammlung in Frankfurt a/M., 
das im Frühjahr 1849 in Thränen und Blut er¬ 
stickt und für immer begraben su sein schien“ . . . 

Ein besonderer Wert des Buches liegt in seiner 
illustrativen Ausstattung, und das interessiert uns 
hier am meisten. Herr Eugen Diederichs, der 
Verleger, auf dessen Schultern die Last der Be¬ 
schaffung des meisten Vorlagematerials ruhte, hat 


ein wahrhaftes Wunder geschafft Ein gutes Dritt- 
teil des Werkes wird durch Facsimüebeüagen, 
Karikaturen, Porträts und authentische Abbil¬ 
dungen gefüllt Es mag nicht leicht gewesen sein, 
aus der ungeheuren Fülle aller zeitgenössischen 
Flugblätter, Journale und Illustrationen die ge¬ 
eignete Auswahl zu treffen, die charakteristischsten 
herauszusuchen — und zwar so, dass die An¬ 
schauungen aller Parteien zur Vertretung und dass 


Ein Kaffeehaus von 1848 zur Polizeistunde. 

Nach einer Originalzeichnung von Jul. Raimond de Baux. 

(Aus Blum. „Die deutsche Revolution 1848/49.** Leipzig. Eugen Diederichs). 


neben den kultur- und sittengeschichtlichen auch 
die künstlerischen Gesichtspunkte zur Geltung 
kommen konnten. Aber Herr Diederichs hat sich 
seiner schwierigen Aufgabe gewachsen gezeigt Die 
Illustrationen und Beilagen sind nicht nur eine 
Ergänzung zu dem Blumschen Text sondern an 
und für sich gewissermassen ein kulturhistorisches 
Bilderbuch des „tollen Jahres“, das man nicht ohne 
höchstes Interesse durchblättern kann. Ich erwähne 
aus dem reichhaltigen Material der meist auf photo¬ 
graphischem Wege hergestellten Druckbeilagen nur 
einzelne Seltenheiten: die Nummer der „Isis“ mit 
Okens Bericht über das Wartburgfest und den 


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92 


Neue Illustrationswerke. 



Der Bürgergardist, wie er sein soll. 

Satire auf die Volksbewaffnung. 

(Aus Blum, 

„Die deutsche Revolution 1848/49.'* 

Leipzig, Eugen Diederichs.) 

höhnischen Vignetten zum Verzeichnis der auf dem 
Scheiterhaufen verbrannten Gegenstände — Struves 
„Wer ist reif und unreif für die Republik?" — den 
Rastatter Festungsboten mit der berühmten Blut¬ 
egelgeschichte — das Lola Montez-Vaterunser — 
die Parodie auf „An meine lieben Berliner“ — 
die Nr. i des „Berliner Krakehler“ — das offene 
Sendschreiben Carl Hertzogs an den König von 
Preussen — das Heckersche Guckkastenlied — 
das einzige „Regierungsblatt“ der Struveschen 
Republik und das Exerzierreglement der Auf¬ 
ständischen. 

Ausser diesen Beilagen schmücken noch zahl¬ 
reiche weitere Abildungen das Buch, alle nach 
zeitgenössischen Illustrationen. Besonders inter¬ 
essant ist der Reichtum an Karikaturen. Es 
war nur natürlich, dass bewegte Zeiten wie jene 
den Stift geistreicher Spötter geradezu heraus¬ 
forderten. Wir selbst werden im nächsten Hefte 
eine ganze Reihe im Original nur noch schwer 
aufzutreibender Lola Montez-Karikaturen veröffent¬ 
lichen, die man wohl als sittengeschichtliche Doku¬ 
mente bezeichnen kann. Die Karikatur hat selten 
eine so hervorragende Rolle gespielt als in diesen 
Tagen des Sturms, der Hoffnungen und des 
Schreckens. Im Blumschen Buche sind alle 
Varianten vertreten: Bilder voll ätzenden Grimms, 
gallebitterer Bosheit, niederträchtiger Respektslosig- 
keit, voll heissender Satire und behaglichen Bier¬ 
humors, voll köstlicher Naivität und harmloser 
Biedermaierei — oft nur flüchtig hingeworfene 
Skizzen, oft auch durchaus künstlerisch nach In¬ 
halt und Ausführung. Und ich möchte nochmals 
betonen: gerade dieser Illustrations- und Beilagen¬ 
schmuck verleihen dem Werke einen besonderen 


Wert; man wird es nicht einmal durchlesen, sondern 
häufig zur Hand nehmen, denn immer wieder 
stösst man auf Neues und Interessantes. 

Der Preis ist massig: io M. für das brochierte, 
12 M. für das sehr hübsch in grünes englisches 
Leinen mit Lederrücken und Lederecken ge¬ 
bundene Exemplar. 

Als Kuriosum sei schliesslich noch erwähnt, 
dass das genial entworfene Plakat für das Werk, 
von der Künstlerhand J. V. Cissarz* herrührend, 
in Naumburg a/S. als „aufreizend" verboten wurde. 
Das Plakat, das sich darstellerisch an den Rethel- 
schen Totentanz von 1849 anlehnt, wird wahr¬ 
scheinlich um so mehr verlangt werden; was daran 
„aufreizend“ sein soll, werden nicht Viele verstehen. 

Felix Vallotton ist den Lesern dieser Blätter 
kein Fremder mehr. Wir haben oft Gelegenheit 
gefunden, von diesem originellen Linienkünstler 
zu sprechen, haben auch im vorigen Jahrgange 
einige seiner charakteristischen Porträts reproduziert 
Nunmehr hat J. Meier- Graefe das „Werk“ Vallot¬ 
tons erscheinen lassen. Es liegt als elegant aus¬ 
gestatteter Querfolioband vor uns (Berlin, J. A. Star- 
gardt und Paris, Edmond Sagot) und enthält als 
Einleitung eine Biographie und eine eingehende 
künstlerische Würdigung von Seiten des Heraus¬ 
gebers, der sich auch hier wieder als ein Kunst¬ 
historiker voll feinem Empfinden und voll ehr¬ 
licher Begeisterung für alles Gute und Eigenartige 
giebt 

Vallotton ist Schweizer; er wurde am 28. De¬ 
zember 1865 in Lausanne geboren. In seiner 
Familie werden beide Sprachen gesprochen; er ist 
eine glückliche Mischung gallischen und germa¬ 
nischen Elements. Als Siebzehnjähriger kam er 
nach Paris und versuchte sich zunächst in Litho¬ 
graphien, denen später eine Reihe von Ölgemälden 
folgte. Aber der Künstler in ihm brach erst durch, 
als er sein Talent für die Holzschnittzeichnung ent¬ 
deckte. Sein erstes Porträt auf Holz war das Paul 
Verlaines. Die Vallottonschen Porträts sind in ge¬ 
wissem Sinne nur Skizzen und sind mehr Modellie¬ 
rungen als Zeichungen. Populär werden sie wahrschein¬ 
lich niemals werden, denn alles Süssliche und Kon¬ 
ventionelle liegt ihnen fern. Der Künstler stellt 
sich ganz in den Bann seines Materials, des Holzes. 
Für ihn giebt es nur schwarze und weisse Flächen, 
scharf und schroff nebeneinanderstehend, ohne 
weiche Übergänge und sanft getönte Vermittelungen. 
So kommt es, dass seine Werke hier und da nahe 
an die Karikatur streifen, aber auch dann ver¬ 
lieren sie nichts von ihrer Ausdrucksfähigkeit, die 
zuweilen geradezu frappiert, wie bei den Bildern 
der Königin Viktoria, bei Edgar Allan Poe und 
Dostojewski. 

In seinen Strassenscenen liegt etwas von der 
Momentphotographie, die durch Künstlerhand 


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Neue Illustrationswerke. 


93 


beseelt worden ist Vallotton hält stets nur den 
Augenblick fest Ein Windstoss wirbelt den Staub 
empor und verfängt sich in Kleidern und Schirmen. 
Ein Brüllchor jubelnder Chauvinisten schreit dem 
Redner Beifall. Ein Selbstmörder verschwindet im 
schwarzen Wasser der Seine. Im „Bon March6“ 
breitet ein Schwarm von Commis die Stoffe vor 
den Augen der kauflustigen Menge aus. Und all 
das ist nur durch Linien und Flächen dargestellt, 
und man glaubt gamicht, wie eminent malerisch 
das wirkt und von welchem erstaunlichem Reize 
auf Auge und Gemüt es ist 

Ja — auch auf das Gemüt In Vallotton steckt 
eine Dichterseele wie in unserem grossen Klinger, 
wie in Sattler und wie auch in Th. Th. Heine, 
durch dessen gallebitteren Humor immer ein ver¬ 
söhnlicher und verklärender poetischer Atemzug 
weht Man betrachte die letzten Blätter: Das 
Begräbnis vom Trauerhause aus bis zum Friedhof. 


Diese wunderbare Darstellung menschlichen Jammers, 
die doch auch nur eine Tragikomödie ist, greift 
tief zu Herzen wie ein erschütterndes Lied Un¬ 
willkürlich denkt man dabei an eine der grausigen 
Balladen, wie die Yvette »Guübert sie so mark¬ 
durchrieselnd vorzutragen versteht 

Allerdings — man muss sich Mühe geben, 
Vallotton zu verstehen und die eigentümlich im¬ 
pressionistische Art seiner Darstellung begreifen zu 
lernen. Seine Schrift ist nicht allzu leicht lesbar 
und vor allem nicht nach akademischem Kanon 
zu beurteüen. Moment und Sehwinkel spielen bei 
ihm eine grosse Rolle; ich möchte sagen, man 
wartet darauf, dass seine Büder sich im nächsten 
Augenblick verändern werden — man wartet auf 
die Bewegung in den fixierten Gruppen. Jedenfalls 
muss man Herrn Meier-Graefe Dank wissen, dass 
er uns intimer mit dieser originellen Künstlernatur 
bekannt gemacht hat F. v. Z. 



Selbstporträt tod Felix Vallotton. 

Aus Meier-Graefe „Felix Vallotton**. (Berlin, J. A. Stargardt.) 


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Caxton im British Museum. 

Von 

Otto von Schleinitz in London. 


illiam Caxton, geboren 1422 in Kent, und 
bekannt durch die Einführung der Buch¬ 
druckerkunst in England, brachte einen 
grossen Teil seines Lebens im Aufträge 
Eduards IV. in den Niederlanden zu. Magarethe, 
die Schwester des englischen Königs und Ge¬ 
mahlin Karls des Kühnen, wurde hier seine 
Gönnerin. Der „Recueil,“ das erste in englischer 
Sprache gedruckte Buch, entstand auf nicht eng¬ 
lischem Boden, indessen ist weder die Jahreszahl 
noch der Druckort mit absoluter Gewissheit fest¬ 
zustellen, da 1469, 1471 und 1474 für das Datum, 
sowie die Niederlande und Köln als Entstehungs¬ 
ort in Betracht kommen. Caxtons Drucke werden 
teils als die ersten in England, teils als alte Schriften 
in der Landessprache, teils wegen ihren Inhalts 
von allen englischen Büchersammlem hochgeschätzt, 
obwohl sie sich sonst weder durch ihre Typen 
noch durch ihre Holzschnitte ungewöhnlich aus¬ 
zeichnen. Die Ashbumham-Auktion bot einen 
wiederholten Beweis für die ausserordentliche Wert¬ 
schätzung, die den Drucken Caxtons beigelegt 
wird. Im übrigen wird der Gegenstand von 
Otto Mühlbrecht in seinem vortrefflichen Werke 
„Die Bücherliebhaberei“ so übersichtlich behandelt, 
dass es nur dieses Hinweises bedarf, um aller 
weiteren Einleitungen enthoben zu sein. 

Innerhalb der letzten neun Monate war die 
Verwaltung des British Museum glücklich genug, 
drei in der Offizin Caxtons gedruckte Werke zu 
erlangen, die es bisher nicht besass. Mit Ausnahme 
der 1874 erworbenen „St. Albans-Fragmente“ ist 
dies der bedeutendste Glücksumstand seit etwa 
dreissig Jahren. Caxtons Werke gehören bekannt¬ 
lich zu den ebenso seltenen wie begehrten, obwohl 
in jeder Saison in London 2—3 davon unter den 
Hammer kommen. Auf den ersten Blick hin er¬ 
scheint die langsame Ergänzung, welche sich in 
dem British Museum vollzieht, daher etwas über¬ 
raschend. Die Erklärung dieses Umstandes ist 
indessen sehr einfach. . Ungefähr fünfundzwanzig 
verschiedene Caxtons oder Caxtoniana können ver¬ 
hältnismässig gewöhnlich genannt werden, da von 
jedem dieser Werke 9—30 Exemplare vorhanden 
sind. Dies sind die flotanten Bücher, die auf den 
Auktionen wiederholt erscheinen, aber in der Haupt¬ 
sache, wenigstens des Ankaufs wegen, das Museum 
nicht interessieren. Gerade diese Drucke besitzt 
das Institut durch die Munifizenz von Gönnern, 
durch Vermächtnisse u. s. w. bereits in mehreren 
Exemplaren. Von den seltenen Caxtons sind etwa 
fünfzig verschiedene Werke, teils jedoch nur in 
Fragmenten, auf uns überkommen. Von jenen 
existieren nur 1 oder 1—3 Exemplare, die indessen 
alle in den Museen festgelegt sind und deshalb für 


den Kauf nicht in Betracht kommen. Von dieser 
Klasse von Drucken besitzt das British Museum den 
Löwenanteil, da es die Unica unter den Fragmenten 
und zehn der nur in einem einzigen Exemplar 
vorhandenen Bücher aufbewahrt. 

Zu den kürzlich en Erwerbungen gehört »Doctrinal 
Sapience“ aus dem ersten Teü der Ashbumham- 
Auktion. Obgleich das Museum das Buch bisher 
nicht besass, so gehört es doch gerade nicht zu 
den seltenen Caxtons, denn dem verstorbenen 
Mr. Blades waren neun Exemplare davon bekannt, 
und seitdem sind abermals zwei weitere Exemplare 
entdeckt worden. Dass das „Doctrinal“ nicht schon 
in der Bibliothek vorhanden war, bemhte auf ZufalL 
Ein sehr schönes, vor allen andern ausgezeichnetes 
Exemplar auf Velin, nebst dem Zusatzkapitel „Of 
the necgligences happyng in the masse and of the 
remedyes“ befand sich in der Sammlung König 
Georg III., die 1822 dem Museum überwiesen 
wurde und durch die der Museumsbibliothek 37 
Caxtons zufielen. Das erwähnte schöne Exemplar 
war für 84 Mark von Mr. Bryant angekauft und 
dem Könige geschenkt worden. Aus Anstands¬ 
rücksichten wurde dies Buch dem Könige wieder 
zurückgestellt und so kam es in die Privatbibliothek 
der Königin nach Windsor. 

Die beiden andern in diesen Tagen erworbenen 
Caxtons sind viel kleiner als „Doctrinal,“ aber 
bedeutend seltener. Man kann behaupten, diesen 
Zuwachs habe Dibdin in gewissem Sinne prophezeit, 
indem er „Curia Sapientiae“ dem Museum irr¬ 
tümlich schon zu seiner Zeit zuwies. Bekanntlich ist 
Dibdin nicht immer ganz zuverlässig in seinen An¬ 
gaben. „ Curia Sapientiae oder „ Court ofSapiencP 1 
ist an und für sich ein ziemlich mässiges Gedicht, 
dass nach Stows Ansicht dem John Lydgate als 
Verfasser zugeschrieben wird. Der wenig bedeutende 
litterarische Inhalt handelt über Theologie, Geo¬ 
graphie, Naturgeschichte, Gartenbaukunst, Rhetorik, 
Grammatik, Musik, Arithmetik, Geometrie und 
Astronomie. Wahrscheinlich ist das Buch 1481 
gedruckt worden. 

Derselben Zeit gehört das dritte Buch an, be¬ 
titelt „ Distic ha de Moribus “ von Dionysius Cato , 
nebst einer englischen Paraphrase in Versen. Das 
Werk wird gewöhnlich verzeichnet als „Parvus et 
Magnus Cato.“ Der Abschnitt „Parvus“ enthält 
nur 3 Seiten während „Magnus“ 50 Seiten stark 
ist. Das vorliegende Buch besteht in der dritten 
Ausgabe des „Cato“ und unterscheidet sich von 
der früheren durch zwei Holzschnitte, welche 
einen Lehrer mit seinen Schülern darstellt Auf 
dem ersteren ist der Lehrer mit einer Rute be¬ 
waffnet, auf dem zweiten hat er ein bewegliches 
Lesepult vor sich, welches unsern neuesten Kon- 



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Kritik. 


95 


struktionen sehr ähnlich sieht. Diese beiden Holz¬ 
schnitte kommen auch in Caxtons „Mirror of the 
World“ vor. Da sie aber viel besser zum Text 
des „Cato“ passen und fiir dies Werk gezeichnet 
wurden, so darf man wohl annehmen, dass „Cato“ 
das erste illustrierte Buch Caxtons veranschaulicht 
Als im Jahre 1861 William Blades grosses Werk 
„The Life and Typography of William Caxton“ er¬ 
schien, gab Blades die gesamte Zahl der Caxtoniana 
im British Museum (exclusive der Fragmente) auf 
77 an, von denen 24 Duplikate waren, so dass also 
dort 53 verschiedene Werke Caxtons verzeichnet 
werden konnten. Zu jener Zeit war die Spencer-, 
jetzige Rylands-Bibliothek reicher als das Museum, 
da sie 56 verschiedene Werke besass, aber keine Du¬ 
plikate, denn diese waren bereits sämtlich verkauft. 
Unter den 56 Exemplaren befanden sich 40 intakte 
und 16 unvollkommene, gegen 40 intakte und 
13 unvollkommene im British Museum. Das letztere 
besitzt in Summa jetzt 58 Caxtons und hiermit 
die grösste bisher bekannte Anzahl in einer Hand. 
Die drei letzten Neuerwerbungen sind in der 
Kings Library des Museums zur Besichtigung aus¬ 
gestellt 

Das Geburtsjahr Caxtons wurde weiter oben 
in das Jahr 1422 verlegt, als eines mittleren Wahr¬ 
scheinlichkeitsdatums, wie es Brockhaus annimmt, 


während Mühlbrecht hierfür mit gleichem Recht 
1421 angiebt In dem von Blades verfassten und 
bei Trübner erschienenen Werke „William Caxton“ 
(Seite 6) wird es offen gelassen, ob 1421, 1422 
oder 1423 das wirkliche Geburtsjahr des be¬ 
rühmten Druckers ist Sein 1491 erfolgter Tod 
lässt über die Richtigkeit dieses Datums keinen 
Zweifel, obwohl noch 1493 Werke erschienen, die 
aus seiner Offizin hervorgegangen sein sollen. 
Sie stammen indessen von Wynkin de Wörde, 
der den hochklingenden Namen Caxtons für seine 
Geschäftszwecke ausbeutete. Im übrigen galt nach 
damaligen Moralbegriffen ein derartiges Verfahren 
nicht einmal fiir unschicklich. Die beiden einzigen 
zur Zeit in England verkäuflichen Exemplare von 
Caxtons Drucken befinden sich im Buchlager von 
Bemard Quaritch. Nach Ausweis seines letzten 
Antiquariatskatalog sind dies: Chaucers „Canter- 
bury Tales,“ Klein Folio, erste Ausgabe, ein 
schönes Exemplar, in dem das erste und sechste 
Blatt durch Facsimile ersetzt wurde, und dessen 
Preis mit 50,000 Mark angesetzt ist. Das andere 
Werk ist „Dictes of the Philosophers,“ Klein-Folio, 
ein perfektes Exemplar (30,000 M.) von 75 Blättern, 
Typen No. 2, mit 29 Linien auf der Seite und hat 
auf dem Schlussblatt den philosophischen Ausspruch: 
„Et sic et finis.“ 


& 


Kritik. 


Das neunzehnte Jahrhundert in Bildnissen , mit 
textlichen Beiträgen. Herausgegeben von Karl 
Werkmeister . Berlin, Photographische Gesellschaft, 
Heft I und H. 

Er ist erfreulich, dass sich neben so unsinnigen 
Sammelwerken wie „Berlin bei Nacht“ und ähn¬ 
lichen auch noch Platz und Ernst fiir ein verdienst¬ 
volles Werk gefunden hat wie das vorliegende. 
Sagt uns doch oft ein Porträt und eine Photographie 
mehr über den Charakter eines Menschen, als ein 
dickleibiger monographischer Band. 

Die erste Stelle des Werkes ist, wohl aus 
Gründen des Geburtsdatums, den Gebrüdern 
Grimm eingeräumt worden. Geheimrat Hermann 
Grimm, ihr Nachkomme, hat, so gut sich dies in 
kaum vier Spalten machen lässt, ein paar charakte¬ 
ristische Äusserungen zu den Bildern gefügt. Neben 
den grossen Zeichnungen Wilhelms von Ludwig 
Grimm 1822 und Jakobs von Hermann Grimm 
1855 sind dem Text noch zwei kleine Bildnisse 
beigefügt Das zweite, eine Photographie, zeigt 
Wilhelm Grimm im späteren Alter. 

Gaben die gelehrten Grammatiker neben ihren 
Studien dem deutschen Volke seine Kinder- und 


Hausmärchen, so hat Ludwig Richter, der zweite 
in der Reihe, ihm in seinen hunderten von Holz¬ 
schnitten — seiner berühmten und geschätzten 
Gemälde nicht zu gedenken — in seinen Dar¬ 
stellungen aus dem Leben der Kleinen einen bei¬ 
nah Dürerschen Schatz hinterlassen. Leon Pohle 
— nach dessen Bild die Photographie aufgenommen 
wurde — giebt ihn nach damaliger Mode im Pelze 
auf einem Stuhl sitzend wieder, neben sich einen 
Tisch mit Zeichenbogen. Seine stets fleissigen 
Finger führen den Stift. 

Auf die Malerei folgt die Musik: Felix Mendels¬ 
sohn-Bartholdy, der Liebling Zelters und Goethes, 
der Heine der Tonkunst, nach dem Gemälde von 
Magnus. Mendelssohn hat keine Selbstbiographie 
hinterlassen, wie Grimm und Richter („Aus dem 
Leben eines deutschen Malers“), aber sein Brief¬ 
wechsel mit seiner Schwester Henriette und anderen 
ist uns allen längst ein liebes Buch geworden. 
Das fünfte Blatt ist einem Manne gewidmet, dessen 
Bedeutung auf allemeustem Gebiete, dem der 
Elektrotechnik, liegt, nämlich Werner von Simens. 
Lenbach hat in seinem köstlichen Gemälde darauf 
verzichten dürfen, ihm „seines Amtes Attribut“, etwa 


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9 6 


Kritik. 


das Modell einer elektrischen Bahn oder dergL, 
wie es geschmackloserweise immer noch Mode ist, 
in die Hand zu geben. Die siegende Intelligenz 
der Stirn macht solche Schilderei überflüssig. 

Die Vogelsche Zeichnung des alten Thor- 
waldsen ist noch besonders durch die Aufschrift, 
die sie trägt, interessant. Sie ist „C. V. Maxen 
20. Juni 1841“ datiert und zeigt unter der Auf¬ 
schrift: „Albert Thorwaldsen föd. d. 19. Novem¬ 
ber 1770“ eine zweite Handschrift. „Christine 
Gampe geb. Dalgas aus Nysöe, in Gesellschaft von 
Thorwaldsen auf der Reise nach Rom von Kopen¬ 
hagen“. — Spätere Thorwaldsenbiographen dürften 
die Reproduktion gerade dieses Bildes besonders 
zu schätzen wissen. 

Aus der Wiener k. k. Hofbibliothek stammen 
das Original einer sehr schönen Lithographie des 
Dichters Lamartine von Maurin, sowie des Turner- 
schen Stiches des Porträts Lord Byrons von Westall, 
das den Dichter romantisch-klassizistisch als jugend¬ 
schönen Schwärmer mit sehr kleinem Kopf und 
langem Hals wiedergiebt 

Interessant ist es, die grosse Photographie 
Arthur Schopenhauers, die 1859 nach dem Leben 
aufgenommen wurde, mit zwei kleinen Jugend¬ 
bildnissen — der Philosoph eröffnet das zweite 
Heft — zu vergleichen. Es will beinahe scheinen, 
als habe der Lebensabend dem grossen Pessimisten 
doch noch verklärenden Sonnenschein gebracht, 
der aus den tausend Fältchen des klugen Greisen- 
kopfes hervorbricht, während besonders das Ruhl- 
sche Ölporträt des Missmuts gamicht genug thun 
kann. Hier ist auch Eduard Grisebachs klar zu¬ 
sammenfassender Text lobend zu erwähnen. 

Auch Herr Julius Hart hat vielfach belehrende 
Textnotizen geliefert, so u. a. zu Hans Christian 
Andersens Porträtzeichnung von Vogls Künstler¬ 
hand. Man kann sich kaum einen grösseren Kon¬ 
trast denken als zwischen dem Abbild des Märchen¬ 
dichters mit den guten Augen und dem schlichten 
Haare und dem nächsten Blatt, auf dem das 
orientalisch-sinnliche Antlitz der Aurora Dudevant 
(George Sand) durch einen Stich Calamattas ver¬ 
ewigt worden ist 

Blatt 12 bringt einen andern, ebenso scharfen 
Gegensatz: das leicht bäuerliche Pastorengesicht 
Friedrich Overbecks, des friedlich-religiösen Schwär¬ 
mers, des Illustrators der Sakramente und der 
Passion, das Adolph Henning meisterlich in seinem 
sinnenden Ausdruck wiedergegeben hat. 

No. 13, die Unglückszahl, birgt hier ein Meister¬ 
stück: die weltberühmte, bei Amsler & Ruthardt 
in Berlin erschienene Radierung Stauffer-Berns 
mit Gustav Freitags markigem Kopfe. Was uns 
Deutschen Freytags „Bilder aus der deutschen 
Vergangenheit“ und a. m. sind, fühlt heut zu Tage 
jedes Schulkind. Mit verdoppelter Sympathie beugen 
wir uns über das Blatt, das uns neben einem 
Unikum der Radierkunst auch das Porträt eines 
verehrten Autors zeigt 

Hektor Berlioz steht uns fremder; populär sind 


bei uns eigentlich nur seine paar Trivialitäten, 
z. B. die „Danse macabre“ geworden. Sein schönes 
„Requiem“, selbst die oft gespielte „Fausts Ver¬ 
dammnis“, haben es immer nur zu einem kleinen, 
freilich desto musikverständigeren Publikum bringen 
können. 

Der Radossche Stich nach Focosis Zeichnung 
des Canova mutet bei aller Feinheit der Durch¬ 
führung etwas trocken und tot an, besonders wenn 
man die prächtig lebensvolle Photographie Helm- 
holtzs daneben legt 

Aber was that ich da!? Ich habe die „banau¬ 
sische Photographie“ auf Kosten einer edlen Kunst 
gelobt! Freilich — gut photographieren, so photo¬ 
graphieren, wie Fechner Helmholtz photographiert 
hat, das ist auch eine Kunst Und da das Werk 
bestimmt ist, die Porträts grosser Menschen „uns 
wie unsere besten Freunde vertraut zu machen“, 
so meine ich, dass in diesem Falle dem lebens¬ 
getreusten Abbild der Vorrang vor dem künstlerisch 
vollendeteren gebührt 

Wir sehen den folgenden Heften mit grosser 
Spannung entgegen. 

Der erstaunlich niedrige Preis von 1,50 M. 
pro Heft ermöglicht dem Werke, in allen Kreisen 
Eintritt zu finden. v. R. 

* 

Die Schweizer-Trachten vom XVII. bis XIX 
Jahrhundert nach Originalen. Von Frau Julie 
Heierli . Druck und Verlag von Brunner & Hauser, 
photographische Kunstanstalt, Zürich IV. Serie II 
und III. 

Die Folgehefte halten völlig, was Heft I ver¬ 
sprach. Das kostümgeschichtlich höchst lehrreiche 
Werk lässt bei jedem Blatte mehr bedauern, dass 
die köstlichen alten Trachten langsam auszusterben 
beginnen. Auch psychologisch kann man den 
Blättern manches Interessante abgucken. Die 
Bernerin in ihrem prächtigen langen Rock, das 
Köpfchen von dem Glorienschein der Rosshaar¬ 
haube umgeben, mit seidener Schürze und silber- 
geziertem Mieder sticht wesentlich von der Baselerin 
ab, die sich in Tracht und Behaben mehr dem 
Schwabenmädli nähert Die Thurgauerin hat die 
Schürze und die blühweissen Ärmel mit der ersten 
gemein, doch lässt der grosse, das Gesicht malerisch 
abhebende Radhut auf eine gewisse Koketterie 
der Bewohnerin neben Sauberkeit und Wirtschaft¬ 
lichkeit schliessen. Die Bewohnerinnen des Landes 
an der Thur sollen thatsächlich die gewecktesten 
der Schweiz sein. Die Ufer des Rheins bergen 
beinah von der Quelle bis nach dem Zuidersee 
hinab überall Wohlstand. Die Hailauer Braut aus 
der Schaffhausener Gegend mit ihrer fusshohen, 
edelsteingezierten Goldkrone ist ein stattliches 
Beispiel dafür. Schade, dass gerade diese Tracht 
schon bald seit einem halben Jahrhundert ver¬ 
schwunden ist. Grundverschieden sind auch die 
Männertypen in Heft II. Die Freiburger Sennen 
sehen fast aus wie Studenten in besonders hohen 


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Kritik. 


97 


Semestern mit ihren verwogenen Käppis und den 
bunten „Bierzipfeln“, während der Bewohner des 
rauhen Ury in seiner derbleinenen Hirtentracht und 
mit seinen asketischen Sandalen uns als der echte 
Sohn der Berge ohne Firlefanz und Schniegelei 
erscheint 

Schier operettenhaft in ihrer Pracht muten die 
Gewänder einer Städterin aus Solothurn oder einer 
SchwyzerinimKirchschmuckan. Kostbare gestickte 
Tücher und Schürzen, goldne Pfeile und Sammet¬ 
pantöffelchen wollen uns kaum mehr zum Bauern¬ 
stände passen. Freilich waren die damaligen 
Schweizer Geschlechter von ganz anderer Art 
als die, die heute vom Besuche der Touristen¬ 
welt allein leben. Bei einem walliser Hochzeits¬ 
paar scheint der Bräutigam direkt vom pariser 
Hofe zu kommen, in Dreispitz und Schossweste; 
er nimmt sich höchst sonderbar aus neben seiner 
ausgesprochen bäuerlich gekleideten Liebsten mit 
dem winzigen Blumenkrönchen und dem bunten 
Brusttuch. Ein Bauernmädchen der Tessingegend ist 
das deutlichste Beispiel einer Grenzmischung. Die 
lang und gerade herabwallende Schürze, das kurze 
Zuavenjäckchen und die Sandalen könnten gerade 
so gut einer Schönen der Donauländer gehören. 
Die Strumpfrohre sind eigentlich das einzige, was 
an die Trachten der umliegenden Bergvölker erinnert 

Das einfache Züricher Gewand ist ganz jungen 
Mädchen besonders kleidsam, deren jugendfrisches 
Gesicht dann schelmisch aus der klösterlichen 
Altfrauenmütze hervorlacht Eine eigentümliche 
Mützenform mit einer Art weisser Schmucklappen 
trägt die Bewohnerin des Kantons Glarus, deren 
einfach und dunkel gehaltenes Kostüm wohl dem 
unserer polnischen Grenze am nächsten kommt 

Über die Einzelheiten der Kleidung giebt der 
Text oft geschichtlich interessante Aufklärungen. 
Wie köstlich dem Auge müsste einmal eine wahr¬ 
haft kostümstügerechte Aufführung des „Wilhelm 
Teil“ sein! — —n. 

* 

Pan, Zweite Hälfte des dritten Jahrgangs, 
drittes und viertes Heft F. Fontane & Co. Berlin. 

Gleich die erste Kunstbeilage „Motiv aus 
Hessen“, Radierung von Ubbelohde, gewährt einen 
hohen Genuss; die Renaissance dieser Technik 
fördert prächtiges zu Tage. Auch Orlik pflegt 
sie sorgfältig; er ist in dem Hefte reich vertreten. 
Neben heumachenden Bäuerinnen und einer etwas 
gleichgültigen Landschaft giebt er zwei ausser¬ 
ordentlich feine Genrescenen, „Kurzweü“ und 
„Würfler“; alle vier sind kleinen Formats und in 
Behandlung wie Thema grundverschieden. Da¬ 
gegen verraten drei Arbeiten Thomas eine starke 
Ähnlichkeit der Technik; das erste, „Narziss“ 
benannt, dürfte wohl das Beste sein. Nicholson 
hat es verstanden, mit dem konturlosen Holz¬ 
schnitt eine starke Wirkung hervorzubringen, doch 
eignet sich diese Technik wohl mehr für sogenannte 
eyescatcher, die auf die Entfernung berechnet sind. 

Z. f. B. 98/99* 


Ornamentale Schwäne beginnen nunmehr epi¬ 
demisch zu werden. Rieh, Grimm hat ihnen 
weder in seinem Schlussstück noch im Kapitel¬ 
kopf neue Seiten abgewinnen können, eine Kunst, 
die Th, Th, Heine mit seinen paar höchst ein¬ 
fachen Linienmotiven aus dem Grunde versteht 
und bei seinen Urnen, Guirlanden und Bändern 
aufs neue beweist Zwei wundervolle, regenfeuchte 
Baumstudien hat Ludwig Dill, nebst einem grossen 
Blatt „Schneewehen im Moos“ geliefert, während 
Maurice Denis* Lithographie ein stark — mm 
sagen wir benebelten Eindruck macht Eine Reihe 
gut reproduzierter Dürerscher Holzschnitte sind 
dem vortrefflichen Artikel des Herrn v, Sddlitz 
beigegeben. Der Schluss des Heftes ist August 
Rodin gewidmet, von dem neben etlichen Skizzen 
eine ausgezeichnete Radierung von Antonin Proust 
und Reproduktionen einiger seiner berühmten 
Büdwerke beigegeben sind. Verehrungsvoller 
Übereifer widmete einer Tuschzeichnung ein be¬ 
sonderes Blatt: das wäre wirklich nicht notwendig 
gewesen; man hätte lieber den prächtig lebens¬ 
vollen Kopf Victor Hugos also ehren sollen: der 
verdientes! —f. 

Meisterwerke der Holzschneidekunst, Neue Folge. 
Viertes Heft: Moderne Meister, Zehn Blatt Holz¬ 
schnitte nach Originalen, mit Begleittext von Aemil 
Pendler, Leipzig, J. J. Weber. 

Es ist stets eine Freude, Lenbachs Schöpfungen zu 
begegnen, eine doppelte Freude aber, wenn er 
Männer wie Kaiser Wilhelm L und seinen Klanzier 
zur Darstellung erwählt hat Ich weiss nicht, ob es 
noch mehr Büder des alten Kaisers aus den letzten 
Lebensjahren giebt, besser mag es wohl keinem 
gelungen sein, Hoheit mit Freundlichkeit zu paaren. 
Lenbach hat Bismarck ungezählte Male porträtiert 
— man kann ihm diese Vorliebe nachfühlen — 
doch es will uns scheinen, als sei das gewählte 
Büd nicht das menschlich ähnlichste der statt¬ 
lichen Zahl. 

Dettmann ist durch drei Scenen aus dem Ar¬ 
beiterleben vertreten: charakteristische Gestalten, 
denen es nicht an einer gewissen Poesie trotz alles 
Realismus der Darstellung gebricht 

Die büssende Magdalena von Gabriel Max 
hat etwas gar zu Opemhaftes und Gekünsteltes, um 
dem Beschauer zu Herzen zu gehen. Es ist, als 
habe Max eine der mondainen Erscheinungen 
Modell gestanden, die Reni Reinicke so kaleidos- 
cop artig bunt in seinen Strand- und Spielsaal- 
büdem schüdert: jene Welt, die gleichsam unter 
der Sourdine zu leben scheint und aus der doch 
von Zeit zu Zeit ein greller Misston, ein Jubellaut 
hervorbricht 

Den Frühling feiern Hofmann und Bartels ; 
ersterer durch Fidussche Backfischgestalten, letzterer 
durch die erste Liebe eines holländischen Bauem- 
paares. 

Ein ganz eigentümliches, mystisch durchwehtes 

13 


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98 


Chronik. 


Büd ist die Arbeit Angelo Janks , die er „Sehnsucht“ 
nennt Ein einsames junges Weib, im Abend¬ 
dämmer, zur Zeit der grossen Stille durch die 
Wiesen schreitend, und fern auf dem Fluss ein 
gleissendes Lichtkreuz: das Ziel ihrer Sehnsucht, 
die kühle Tiefe. 

Georg PapperitZ „Dame im Kopfshawl“ schliesst 
die Mappe ab; ein hübsches, puppenhaftes und 


nicht sehr seelenvolles Frauenköpfchen, um das 
sich der Shawl in äusserst flotten Linien legt 
Die Reproduktion der Holzschnitte ist durch¬ 
weg sehr sauber und oft, wie bei dem Jankschen 
Büde und bei Dettmann, von grosser künstlerischer 
Wirkung. Bilder, bei denen das koloristische vor¬ 
wiegt sollten meiner Ansicht nach überhaupt nicht 
einfarbig reproduziert werden. —L. 


4P 


Chronik. 


Mitteilungen. 


Die Weigeische Miniaturensammlung. — Zu den 
kenntnisreichsten Bibliophilen muss unstreitig der 
Leipziger Buchhändler Theodor Oswald Weigel 
(geb. den 5. August 1812, gest den 2. Juli 1881) 
gerechnet werden. Als Sohn des als vorzüglichen 
Kunstkenner und eifrigen Sammler hochangesehenen 
Johann August Gottlob Weigel wuchs er mit den 
vom Vater trefflich angelegten und gepflegten Samm¬ 
lungen von Gemälden, Handzeichnungen, Kupfer¬ 
stichen, Radierungen und xylographischen Werken 
auf und früh erwachte in ihm die Liebe zur Kunst 
und jenes feine Kunstverständnis, mit dem er 
später die väterlichen Sammlungen erweiterte und 
für die Allgemeinheit nutzbringend verwertete. Die 
schönste Frucht seines Sammelfleisses, ein reicher 
Schatz von Kenntnissen auf dem Gebiete der In¬ 
kunabelkunde und der frühesten Buchdrucker¬ 
geschichte, ist in seinem wichtigen, mit A. Zester- 
mann zusammen herausgegebenen Werke nieder¬ 
gelegt (T. O. Weigel und A. Zestermann: Die 
Anfänge der Druckerkunst in Bild und Schrift . 
An deren frühesten Erzeugnissen in der Weigelschen 
Sammlung erläutert Mit 145 Facsimiles und 
vielen in den Text gedruckten Holzschnitten. 
2 Bde. 1866. Fol.). Wieviel Arbeit und Mühe, 
welche Ausdauer und Beharrlichkeit gehörten dazu 
die schöne Sammlung zusammenzubringen, welche 
Fülle von Kenntnissen und wieviel Fleiss waren er¬ 
forderlich, die reichen Schätze zu beschreiben! 
Um so dankenswerter ist die Veröffentlichung der 
Beschreibung. Und die Sammlung selbst? Ver¬ 
geblich waren die Bemühungen, sie in ihrer Ge¬ 
samtheit zu erhalten und an den preussischen 
Staat zu verkaufen; der grosse Wert wurde an 
massgebender Stelle — König Friedrich Wilhelm IV. 
interessierte sich besonders dafür und war persön¬ 
lich sehr Für die staatliche Übernahme — wohl 
anerkannt, aber die Mittel zum Ankauf für ein 
Staatsinstitut nicht flüssig zu machen. So wurde 
denn im Jahre 1872 die grossartige Sammlung, dieser 


wertvolle Beitrag zur Geschichte der Typographie, 
zur Versteigerung gebracht und zu dieser inter¬ 
essantesten Auktion, welche in der deutschen Buch¬ 
händlercentrale wohl je abgehalten worden ist, 
erschien der „ Katalog frühester Erzeugnisse der 
Druckerkunst von T O. Weigel und A. Zestermann. 
Mit 12 Facsimile-Tafeln, 1872. Nebst Preisliste“. 
Naturgemäss nicht von jenem grossen Umfange 
und ebensolcher Bedeutung wie die vorerwähnte 
Weigeische Inkunabelsammlung, aber ebenfalls hoch¬ 
interessant ist die Kollektion von Handzeichnungen 
gewesen, welche an zweiter Stelle versteigert wurde 
und über die gleichfalls ein sorgfältig bearbeitetes 
Verzeichnis erschien unter dem Titel ,,Katalog 
einer Sammlung von Originalhandzeichnungen der 
deutschen , holländischen , flandrischen , italienischen ,, 
französischen , spanischen und englischen Schule , ge¬ 
gründet und hinterlassen von O. A. G . Weigel in 
Leipzig. 1869“. 

Den dritten Teil der Weigelschen Sammlung 
bildeten die Miniaturen , welche ausschliesslich 
von dem eingangs erwähnten Theodor Oswald 
Weigel gesammelt worden sind. Wir machen die 
Weigeische Miniatursammlung aus dem Grunde zum 
Gegenstände einer kurzen Besprechung, weil auch die 
Tage dieser Sammlung gezählt sind, da dieselbe, 
wie die obenerwähnten beiden Teile der Weigel¬ 
schen Sammlung, zur öffentlichen Versteigerung ge- 
langen soll. 

Die kostbare Miniaturensammlung enthält 22 Ma¬ 
nuskripte mit zahlreichen Malereien, Initialen und 
Bordüren, sowie 105 Einzelminiaturen, d. h. Male¬ 
reien, die nur ein einziges Blatt umfassen, und 
solche, die als Titel-, Anfangs- oder Einzelblätter 
aus grösseren Manuskripten stammen. Es dürfte 
wenige Sammlungen geben, welche so herrliche 
Beispiele der Kunst der Miniatoren aufzuweisen 
haben wie diese; namentlich unter den illumi¬ 
nierten Codices befinden sich einige glänzende 
Kunstwerke burgundisch-französischen Ursprunges, 
die von seltener Vollendung und Wichtigkeit 
sind. Von den 22 Manuskripten sind 7 deutschen 
Ursprunges und gehören dem XII.—XIV. Jahrhundert 


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Chronik. 


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an; eine Probe deutscher volkstümlicher Kunst 
bietet eine Bilderbibel mit 285 Federzeichnungen 
aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts. Weitere 
7 illumierte Codices sind französischen bezw. 
burgundischen Ursprunges und zeugen durch glän¬ 
zende Vertreter von der Blüte der Miniaturmalerei 
im XIV. Jahrhundert Besonders seien ein Psal- 
terium (eine entzückende Pergamenthandschrift in 
Duodez), ein grosses Antiphonarium und ein Livre 
d’heures von vollendeter Ausführung erwähnt 
Italienischen Ursprunges sind 4 Pergamenthand¬ 
schriften, unter denen die für den späteren Papst 
Julius n. geschriebene Ordo celebrandae missae 
hervortritt, während das grosse Missale Romanum, 
eine Pergamenthandschrift von 306 Blatt mit Mi¬ 
niaturen, figurierten und ornamentierten Initialen 
und Bordüren, zwar französischen Ursprunges, aber 
unter unverkennbarem Einflüsse italienischer Kunst 
entstanden ist und ebensowohl zu der letzteren 
Gruppierung gezogen werden kann. Den Beschluss 
der illuminierten Handschriften bilden 4 deutsche 
Manuskripte aus dem XV. und XVI. Jahrhundert, 
von denen die Vita Christi deutsche volkstümliche 
Kunst erkennen lässt, während die Federzeich¬ 
nungen zu der „Hystoria von dem Edlen Ritter 
Peter von Profentz vnd der schönsten Magalona, 
des Künigs vö Napples tochter“ eine hochinter¬ 
essante Illustrationsprobe des XVI. Jahrhunderts 
bieten, welche auf Hans Burgkmair oder einen 
diesem Künstler kongenialen Illustrator schliessen 
lassen. Dass die letzterwähnte Hystoria auch von 
sprachlichem Interesse ist, sei an dieser Stelle nur 
nebenbei erwähnt. 

Die 105 Miniaturen auf Einzelblättem lassen 
sich analog der Gruppierung der Codices in fünf 
Abteilungen gliedern, von denen die erste 
40 Miniaturen deutschen Ursprungs aus dem X. 
bis XIV. Jahrhundert umfasst. Von hoher Wichtig¬ 
keit ist das erste Blatt, welches die Verkündigung 
darstellt und, dem X. Jahrhundert angehörend, 
den vollen Beweis für den unmittelbaren Einfluss 
der Antike auf die ottonische Zeit liefert Der 
burgundisch-französischen Schule entstammen 27 
Blätter; 15 Miniaturen sind italienischen und 7 
niederländischen Ursprunges, während 16 Blätter 
deutschen Ursprungs aus dem XV. und XVI. 
Jahrhundert datieren. 

Es würde zuweit führen und mangels bildlicher 
Darstellung immerhin ungenügend sein, an dieser 
Stelle eine detaillierte Beschreibung der kostbaren 
Codices und Einzelblätter zu geben, welche Proben 
der Renaissance in ihrem ganzen Umfange, von 
der Frührenaissance der Italiener bis zur Spät¬ 
renaissance in Deutschland und den Niederlanden, 
umfassen. Die vorstehende skizzenhafte Schilde¬ 
rung der wertvollen Miniaturensammlung kann 
naturgemäss kein annäherndes Büd von deren 
Reichtum und Schönheit geben, aber für den 
Liebhaber werden auch diese Zeüen von Inter¬ 
esse sein, da sie ihn auf eine überaus seltene 
Gelegenheit hinweisen, seine Studien zu erweitern, 


seine Kenntnisse zu vergrössem und seine Samm¬ 
lungen zu bereichern. Miniaturen müssen sorgfältig 
beschrieben und minutiös genau abgebildet sein, 
wenn sich der Leser einen ungefähren Begriff von 
ihrer Schönheit und ihrem Werte machen will; 
eine bezügliche Publikation in Bild und Schrift 
oder wenigstens ein sorgfältig bearbeiteter be¬ 
schreibender Katalog über die vorstehende Samm¬ 
lung wird den Interessenten gewiss erwünscht sein, 
und wir zweifeln nicht, dass, gemäss der früheren er¬ 
folgreichen Praxis bei den Versteigerungen der ersten 
beiden Weigelschen Sammlungen, ein sachgemässer 
Auktionskatalog den Sammler in besserer Weise 
über die Miniaturschätze unterrichten wird als es 
hier mit einer oberflächlichen Andeutung möglich 
war. Da vorläufig über den Zeitpunkt der Ver¬ 
steigerung der Weigelschen Miniaturschätze nichts 
Bestimmtes in Erfahrung zu bringen war (vielleicht 
findet sie schon im Juni cL J. statt), so müssen wir 
uns Vorbehalten, später darauf zurückzukommen, 
wie wir hoffen, an der Hand eines eingehenden 
Kataloges. 

Leipzig. C. A. Grumpdt. 

«3 

Dmckermarken aus Speier und Neustadt a. d. 
Hardt. Peter Drach der Ältere führte 1477—1480 nur 
eine einzige Druckmarke, die das Alliancewappen 
seiner und seiner Frau Familie bildet Es sind zwei 
zusammengebundene, an einem Ast hängende Schild¬ 
chen, rechts das Schüdchen mit Darstellung eines 
Drachen als redendes Wappen Drachs, links dasjenige 
mit dem Wappen seiner Frau: ein Baum auf einem drei¬ 
zackigen Felsen stehend, zu beiden Seiten je ein Stern. 
Das Ganze dürfte eine Nachahmung des Druckerstocks 
Fust-Schoeffer zu Mainz sein. Von der Darstellung 
lässt sich nur das sagen, dass sie gering im Schnitt und 
dass namentlich der Ast, an dem die Schildchen hängen, 
undeutlich und stillos ausgefallen ist Diese Marke kommt 
1477 zum ersten Mal vor und ward stets nur schwarz 
abgezogen. Häufig fehlt dieselbe in einem Exemplar, 
während ein anderes der gleichen Auflage dasselbe 
besitzt. Es sei bemerkt, dass Drach auch beim Rot- und 
Schwarzdruck von Über- und Unterschriften diese 
eigentümliche Abwechselung liebte. Drachs Sohn, 
Peter Drach der Mittlere (1481—1504) bediente sich der 
Druckermarke seines Vaters, zog dieselbe aber meist 
schwarz, in kirchenrechtlichen Werken seines Verlags 
aber nur rot ab. Hierin ahmte er Peter Schoeffer zu 
Mainz nach, bei dem sich diese Eigentümlichkeit auch 
findet. Ausschliesslich für seine Missaldrucke führte 
er eine grosse viereckig-längliche Druckermarke: 
Drachen mit Monogramm und druckte dieselbe nur rot 
ab, wie er denn überhaupt den Rotdruck sehr bevor¬ 
zugte. Sein Sohn, Peter Drach der Jüngere (1504—1530) 
kannte nur die Marken seines Vaters. So sehen wir 
die eine dieser Marken 1477—1530 verwendet — 

Von den Gebrüdern Hist zu Speier, Johann und 
Conrad, ist eine Druckermarke nicht bekannt; sie 
pflegten in ihrer Druckthätigkeit (1492—1515) die 
Illustration nur wenig. 


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IOO 


Chronik. 


Hartmaim Biber (1502), Jacob Schmidt (1514—1530), 
Hans Eckhardt (1522—1525), Jacob Fabri (1523—1535), 
Anastasius Noitius (1523—1542) und Johann Dreizehendt 
(1569—1575) kannten keine Druckermarken. Erst 
Beraard Albinos (1581—1600) führte wieder Drucker¬ 
marken in seinem blühenden Geschäft ein. Die grössere 
derselben zeigt eine Kirche (Speierer Dom) mit und 
ohne Umrahmung und Monogramm B. A., sowie eine 
gleiche Darstellung in kleinerer Form für kleinere 
Werke. Beide wurden übrigens willkürlich in allen 
Formaten verwendet 

Bemard Albinus Witwe und Erben sowie David 
Albinus (1600—1607)* bedienten sich ebenfalls dieser 
Druckermarken, von denen die eine auch bei Elias 
Kembach vorkommt 

Abraham Smesmann (1594—1595) führte 1595 als 
Marke einen Engelskopf zwischen zwei verbundenen 
Füllhörnern. 

Von Johann Lancillotus (1601) ist keine Drucker¬ 
marke bekannt 

Aegidius Vivet (16o2)führte keinerlei Druckermarken. 

Johann Philipp Spiess (1602—1603) hatte 1602 eine 
Druckermarke: zwei verschlungene Hände, darüber 
einen Kranz und zwei Spiesse, unten eine Burg mit der 
Umschrift: „Johannes Spiess. Beat servata fides“ im 
Gebrauche. 

Melchior Hartmann (1602—1605), Nicolaus Schoen- 
wetter (1602), Simon Günther (1603—1622), Elias Kem¬ 
bach (1604—1618) führten keinerlei selbständige 
Druckermarken. 

Johann Taschner (1606—1611) druckte 1606 und 1609 
mit einer aus einem doppelköpfigen Adler und einer 
Kirche bestehenden Marke. 

Augustin Scheider (1608—1611), Georg Bau¬ 
meister (1622—1636), Johann Balthasar Buschmüller 
(1646—1647), Christian Dürr (1659—1666), Jacob Siverts 
(1659—1675), Matthaeus Metzger (1675) 1111(1 J ohann 
Matthaeus Kempffer (1680—1685) führten als Speierer 
Buchdrucker keine Marken, so dass die Druckmarken 
mit Anfang des XVII. Jahrhunderts zu Speier als ausser 
Gebrauch gesetzt zu betrachten sind. 

In dem Speier benachbarten Neustadt a. d. Hardt 
wurde 1577 der Buchdruck bekannt. Johann Meyers 
Erben führten ein Oval, innen Landschaft mit Piedestal 
in der Mitte, auf dem das Monogramm H. M. und eine 
Hand mit Blumenstrauss angebracht waren. Umschrift 
in Majuskeln: „In manu domini sunt omnes fines terrae“, 
1579 vorkommend. Sehr fein geschnittene Darstellung. 
Die Meyersche Druckerei scheint an den Verleger 
Matthaeus Harnisch zu Neustadt gelangt zu sein. Dieser 
führte dreierlei Druckmarken mit gleicher Darstellung 
in zweierlei Grössen. Verschlungene Hände mit Füll¬ 
horn, rechts oben Engel als Verzierung, Umschrift: 
„Mathe. Harnisch. Ditat servata fides“ in Majuskeln. 
Die Marke kam schon zu Heidelberg, wo Harnisch als 
Verleger wirkte, 1574 vor. Reizende und gut geschnittene 
klare Darstellung. Die zweite Marke ist ein Spiegelbüd 
der obigen und kommt seit 1581 vor. Sie zeigt starke 
Abnutzung und ist unklar im Abdruck. Die dritte 
Druckermarke ist wie die obige, aber kleiner im Schnitt, 
die Engel fehlen. Sie findet sich meist in kleineren 


Formaten. Josua und Wilhelm Harnisch, des Matthaeus 
Söhne und Erben des Geschäfts, führten noch zu 
Lebzeiten ihres Vaters die gleiche Darstellung, aber 
ohne Engel in den oberen Ecken. Umschrift: „I. & W. 
Harnisch ditat servata fides“ in Majuskeln. — Hein¬ 
rich Starckius, Buchdrucker zu Neustadt (1600—1619), 
führte als Druckermarke den Jonas mit dem Wallfisch; 
Umschrift „Fata viam invenient“ in Majuskeln. Die 
Darstellung ist gering. Die zweiteDruckermarke Starcks, 
1617 vorkommend, zeigt eine einfallende Säulenhalle 
mit Männern darin; Umschrift „Nomen domini nostra 
fordtudo“ in Majuskeln. Geringe Darstellung. 

Wiesbaden. F W. E. Roth. 

.« 

In Brügge soll ein wichtiges Dokument zur Ge¬ 
schickte der Buchdruckerkunst entdeckt worden sein. 
Ein kürzlich erschienenes umfangreiches Werk des 
Brügger Archivars Gilliodts van Severen beschreibt, der 
Köln. Volksztg. zufolge, ein bis jetzt unbekanntes, in 
der Pariser Biblioth£que Nationale befindliches Buch, 
das mit beweglichen gusseisernen Buchstaben gedruckt 
und „allem Anschein“ nach älter sei als die erste Bibel 
Gutenbergs. In diesem Werke, Loeuvre de Jean Briio, 
führt der Verfasser aus, dass das Pariser Unikum 1445 
zu Brügge durch Johann Brito — der sich auf dem 
Umschläge als „Bürger von Brügge, Buchdrucker und 
Erfinder“ vorstellt — unter dem Namen Doctrinael 
„zur Belehrung aller Christen“ gedruckt wurde. Im 
Archiv der Stadt Brügge wird Brito „Meister“ genannt 
Ähnliche Versuche, Denkmäler der Buchdruckerkunst 
über Gutenberg hinaus nachzuweisen, sind bekanntlich 
schon oft gemacht worden, aber stets gescheitert (Nach 
A. v. d. Linde druckte Brito in Brügge erst von 1477 
ab bis 1488.) 


Meinungsaustausch. 


Kann mir ein Leser der „Z. f. B.“ angeben, wer der 
Autor von: 

Geschichte eines Patriotischen Kaufmanns , 

1. und 2. Teil. 2. Auflage. 1769. 
ist 

Weder Verleger, noch Verfasser, noch Drucker 
sind genannt 

London NW. Max Freund. 

42 Upper Gloncester Place. 

Bezüglich meiner Notiz über den Casanovabrief in 
der Morrison-Sammlung im Januar-Hefte Ihrer ge¬ 
schätzten Zeitschrift macht mich Herr E. Fischer von 
Röslerstamm in Rom darauf aufmerksam, dass von 
Oettinger der Todestag Jacopos auf Grund des von 
ihm eingesehenen Totenscheines endgültig auf den 
4. Juni 1798 festgestellt sei, wie dies auch Herr Victor 
Ottmann in seinem Auftatze thut, und dass der von 
Thibaudeau irrtümlich dem Abenteurer zugeschriebene 


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Chronik. 


IOI 


Brief in der genannten Sammlung aber von dem 1805 
in Hinterbrühl bei Wien verstorbenen Maler und 
Radierer Francesco C. herrühre. 

Bremen. Dr. H. H. Meier . 


Antiquariatsmarkt 


Kurz vor Druckabschluss dieses Heftes ging uns 
der neueste Katalog (Nr. 18) der Firma Jacques Rosen - 
thal in München, Karlstrasse 10, zu. Wir werden im 
nächsten Hefte auf die interessanten Einzelheiten dieser 
Sammlung näher zurückkommen und erwähnen für 
heute nur, dass der Katalog wieder überreich an litte- 
rarischen Seltenheiten, alten Handschriften, Pergament¬ 
drucken u. s. w. ist In erster Reihe stehen zwei Mi¬ 
niaturwerke von grosser Kostbarkeit: eine Pergament¬ 
handschrift des Psalters, vielleicht um 1240 verfasst, 
155 Blatt in 4°, mit einem reichhaltigen Kalendarium, 
dessen Monatsbilder von einem doppelten Portikus mit 
Arkaden und Ornamenten, die teils auch mit mensch¬ 
lichen Figuren wechseln, eingefasst sind. Ausser 19 
ganzseitigen VollbÜdem finden sich noch 2 halbseitige 
Miniaturen, 12 grosse Initialen und mehrere hundert 
ausgemalte grosse Buchstaben, Randleisten und der¬ 
gleichen mehr vor. Der Deckel besteht aus zwei, durch 
einen Kupferrand eingefassten bemalten Holzplatten 
mit Lederrücken und lederner Hülle und stammt jeden¬ 
falls auch aus dem XIII. Jahrhundert. Am Ende des 
Werks befindet sich die Signatur von Hans MühHg, 
Miniaturmaler am bayrischen Hofe, geboren 1515 und 
gestorben zu Augsburg 1572; dann folgen 2 Wappen 
und 9 Pergamentblätter mit einer Familienchronik der 
Mühligs. Das zweite Psalterium ist eine Pergament¬ 
handschrift aus der Zeit um 1260 und enthält zunächst 
ein Monatskalendarium und einen Almanach für 1265 
bis 1305, sodann 116 grosse Miniaturen zur Illustrierung 
der Heiligen Schrift, beginnend mit der Schöpfung 
und schliessend mit einer Darstellung Sankt Michaels 
mit dem Drachen. Die BÜder sind von wundervoller 
Frische der Farben, hauptsächlich in blau, grün, roth, 
weiss und purpurn auf goldenem Hintergründe, die 
Gesichter prächtig individualisiert. Nur je eine Seite 
ist bemalt, die Rückseiten sind weiss geblieben. Ausser¬ 
dem schmücken die 257 Blätter des Werkes (in KI.-4 0 ) 
8 Initialen und vielfache Randleisten und Ornamente. 
Gebunden ist die Handschrift in einen alten schönen 
Maroquinband mit Hülle. 

Aus den sonstigen, im Katalog aufgefiihrten Manu¬ 
skripten heben wir noch hervor: ein Horarium aus dem 
XV. Jahrhundert auf Velin, der flandrischen Schule 
angehörig, mit 29 grossen und 26 mittelgrossen Minia¬ 
turen, 30 Initialen und 84 Bordüren, der Text in rot 
und schwarz; 215 Bl., in KI.-8 0 , Lederband mit Schliessen 
— ferner eine Folge von 42 Miniaturen, Episodeh aus 
dem Leben des heiligen Benediktus darstellend, auf 
Velin, wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des XIII. 
Jahrhunderts in Italien entstanden, von grösster Kost¬ 
barkeit— eine Chronik von Frankreich, Velin, XV. Jahr¬ 
hundert, Gr.-Fol., 269 und 281 BL, mit 33 herrlichen 


Miniaturen, darstellend fast alle französischen Könige 
von Chlodwig bis auf Karl V., auf und vor dem Throne, 
zu Pferde, allein und mit Umgebung — ein Gebetbuch 
der Marie d’Amboise, Gattin des Jean von Hangest, 
Kanzlers Königs Karls VIII. von Frankreich, Velin¬ 
manuskript mit 25 Miniaturen und zahllosen Randleisten, 
Blumen und Früchte und belebt durch figürlichen Bei¬ 
schmuck, 229 Bl. in 12°, in schönem Maroquineinband. 
Der Katalog enthält noch die eingehende Beschreibung 
von 30 weiteren Miniaturwerken, deren Besprechung 
an dieser Stelle zu weit fuhren würde. Interessenten 
thuen gut, sich den Katalog kommen zu lassen; die 
illustrierte Ausgabe kostet 2 M. Vereinzelte Nummern 
der Druckseltenheiten werden im nächsten Hefte der 
„Z. £ B.“ Berücksichtigung finden. — bl. — 


Von den Auktionen. 


Bei Amsler Ruthardt in Berlin wurde jüngst die 
Sammlung des verstorbenen Direktors des KönigL 
Münzkabinetts Herrn von Sallei versteigert. Von den 
Kupferstichen und Holzschnitten alter Meister erzielten 
die höchsten Preise: Albr. Altdorfer, Kirche zur schönen 
Maria von Regensburg, M. 105; A. Dürer, Adam und 
Eva, B. 1, erster Abdruck, M. 3200; derselbe Christus 
am Kreuz B. 24, M. 610; ders. Schweisstuch der Veronica 
B. 25, M. 220; ders. Jungfrau B. 31, M. 105; ders. 
Hieronymus in der Höhle B. 61, M. 460; ders. Satyr- 
famüie B. 69, M. 305; ders. Melancholie B. 74, M. 215; 
ders. der Traum B. 76, M. 300; ders. Ritter, Tod und 
Teufel B. 98, M. 1300; ders. Wappen mit dem Toten¬ 
kopf B. 101, M. 1155; ders. Erasmus B. 107, M. 315; 
ders. Das Marienleben B. 76—95, M. 1155; ders. Maria 
mit Engeln B. ioi, M. 200 und 205; ders. Ulrich Vam- 
bühler B. 155 HauptbL, M. 405; ders. Wappen Rudolf 
von Scheerenberg, M. 520; ders. Mönch und Nonne 
B. 176, M.400. Ferner E. S. Meister 1466, Hostienteller, 
M. 1050; Mart. Schongauer, Mariä Verkündigung B. 2, 
M. 800; ders. Kreuztragung B. 21, M. 1800; ders. Maria 
mit Kind B. 31, M. 1160; ders. Die 12 Apostel B. 34—45» 
M. 610; ders. Heiliger Antonius B. 47, M. 445; ders. 
Heilige Jungfrau neben Gott Vater auf dem Throne 
B. 71, M. 1160; ders. Das grosse Räucherfass B. 107, 
M. 800. Joh. Wechtlein, Gepanzerter Ritter B. 10, 
M. 375; Mart Zasinger, Das Grosse Turnier B. 14, 
M. 300. Lukas Cranach, Luther als Junker Jörg Sch. 179, 
M. 1855; ders. Melanchthon Sch. unbek., M. 400; ders. 
Heiligtumsbuch Sch. 107, M. 300. — Ferner: Bibel, 
Wittenberg 1534, M. 285; ein französisches Horarium 
des XV. Jahrhunderts mit Miniaturen, M. 1850; ein 
zweites aus gleicher Zeit, M. 1805; französ. Gebetbuch 
des XV. Jahrh., M. 400; Petrarca, De vita solitaria, 
Manuscr. um 1450, M. 455; Bergomensis, De pluribus 
mulieribus, Ferrara 1497, M. 485; Bibel, Augsburg, 
Zainer, gegen 1473, M. 310; Breydenbach, Reysen, 
Mainz i486, M. 200; Constanzer Condl, Augsburg 1483, 
M. 425: Gaistliche Usslegung, Ulm oder Strassburg 
um 1470, M. 265; Hie hebt sich an die new Ee, Augs¬ 
burg 1476, M. 265; Isolanis, Mysterii B. Veronicae, 


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102 


Chronik. 


Mailand 1518, M. 320; Leben der Heiligen, Nürnberg, 
1488, incompl., M. 220; Missale Augustense, Augsburg 
1496, M 620; Missale Pataviense, Augsburg 1498, M.610; 
Poliphili Hypnerotomachia, Venedig 1499, M. 500; 
Stammbuch aus dem Anfang des XVII. Jahrhunderts, 
M. 405; Voragine, Legenda sanctorum, Augsburg 1468, 
M. 305. —f. 

« 

In Paris brachte die Versteigenmg der Sammlung 
seltener Bücher des Grafen du Piv 258000 Fr. Eine 
1652 bei Vitrö in Paris gedruckte lateinische Bibel in 
zehn Bänden, die nacheinander Longepierre, Firmin 
Didot, Pixerecourt, dem Baron Pichon und dem Grafen 
Roger du Nord gehörte, erreichte 5800 Fr.; ein zu Paris 
1586 bei Jamet Mettayer für die Kapelle Heinrichs III. 
gedruckter lateinischer Psalter 3600 Fr.; ein 1653 zu 
Löwen von Elzevir gedruckter lateinischer Psalter mit 
dem Wappen des Grafen Hoym 700 Fr.; Paraphrase 
en frome de priöres sur les psaumes de David, wahr¬ 
scheinlich das einzige Exemplar dieses für Frau de 
Bruc 1741 gedruckten Werkes, 2055 Fr.; Les Homelies 
du Breviaire avec les legons des Festes des saints, 
mises en fran^ois par J. Baudouin, Paris, Pierre 
Rocolet 1640, der Einband ein wahres Meisterwerk 
von Le Gascon, mit dem Wappen des Kanzlers 
Seguiere, 18500 Fr.; Adamantii originis de recta in 
Deum fide Dialogus, Lutetiae, Michael Vascosami, 1556, 
mit dem Wappen Heinrichs II. auf dem Einband, 
21000 Fr.; Les lettres de Saint Augustin, Paris, Crignard 
1701, Wappen der Frau de Chamillard auf dem Ein¬ 
band, 7040 Fr.; ein (französisches) Gebetbuch der Anna 
von Österreich 920 Fr.; eine 1684 in Köln bei Balthasar 
Winfeldt gedruckte Ausgabe der Provinciales von 
Pascal, 2505 Fr.; eine 1700 von Nie. Schonken zu Köln 
gedruckte Ausgabe desselben Werkes Pascals in zwei 
Bänden, mit dem Wappen der Frau von Chamillard, 
10400 Fr.; einer Nachfolge Christi, von de Beuil ins 
Französische übertragen, 1690 zu Paris bei G. Desprez 
gedruckt, auf den Deckeln des Einbandes (von Monnier) 
Ereignisse des Alten Testaments in Mosaik dargestellt, 
die Gestalten in chinesischer Tracht, 18550 Fr.; Assertio 
Septem Sacramentorum adversus Marth. Lutherum, 
Henrico VIII., Angliae Rege, Auctore; Paris, G. Desboys 
1562, 2620 Fr.; eine 1583 zu Orleans bei Saturny Hottet 
erschienene Trachtensammlung des Orleanais, 2550 Fr.; 
M. Tullii Ciceronis de Officiis Libri tres, in Löwen bei 
Elzevir 1645 gedruckt, mit dem Wappen des Grafen 
Hoym, 3010 Fr.; Aquitilium animalium historiae, Romae 
Hippol. Salvianum, 1554, mit Wappen der Äbtissin 
Anne de Thou, 3820 Fr.; Le Rommant de la rose, Paris 
1529, 5150 Fr.; die Apokalypse (französisch), 1541, Paris 
bei Angeliers, 6100 Fr.; Les Aventures de Telemaque, 
Paris 1717, Delaulne, 9000 Fr.; Titi Livü historiarum 
libri, Löwen, 1634, Elzevir, 4000 Fr.; Saint Graal, 1523 
Paris, Le Noir, 3650 Fr. 

* 

Der dritte Teil der AshbumhamBibliothek wird 
am 9. Mai und den fünf folgenden Tagen bei Sotheby 
versteigert werden. Es verlautet, dass bei Katalogisierung 


der Bücher sich das vorhandene Material auch dieser 
Abteilung als wertvoller herausgestellt hat, wie es an¬ 
zunehmen berechtigt erschien. So sollen unter andern 
noch mehrere Drucke von Caxton zum Verkauf 
kommen. —s. 


Kleine Notizen. 


Deutschland. 

Der deutsche Kaiser hat, wie berichtet, durch einen 
Erlass die Mittel zur Herausgabe eines Wörterbuches 
der ägyptischen Sprache bewilligt, und die kgl. Akademie 
der Wissenschaften in Berlin, die kgl. Gesellschaft der 
Wissenschaften in Göttingen und Leipzig und die kgl 
bayerische Akademie der Wissenschaften in München 
haben vor kurzem eine Kommission zur Leitung dieser 
Arbeiten eingesetzt, die aus den Professoren Ebers, 
Erman, Pietschmann und Steindorff besteht. Diese 
Kommission veröffentlicht nun in der „Zeitschrift, d. 
deutsch, morgenl. Gesellsch.“ den Plan, nach dem das 
„Wörterbuch der ägyptischen Sprache“ bearbeitet 
werden wird. Es soll den gesamten Sprachschatz um¬ 
fassen, den die in hieroglyphischer oder hieratischer 
Schrift geschriebenen Texte uns bewahrt haben; die 
demotischen und koptischen Texte sollen dagegen nur 
soweit herangezogen werden, als es die Erklärung hiero- 
glyphisch geschriebener Worte verlangt. Die Samm¬ 
lung des Materials soll vermittels desselben Verfahrens 
erfolgen, das bei dem „Thesaurus linguae latinae“ aus¬ 
gebildet worden ist, und das es erlaubt, für jedes Wort 
sämtliche Belegstellen mit verhältnismässig geringer 
Mühe zu vereinigen. Die Dauer der Arbeit bis zum 
Beginne des Druckes ist auf etwa n Jahre berechnet 
Da zur Durchführung dieses grossen Unternehmens 
auch solche Inschriften und Papyrus verarbeitet werden 
müssen, die noch unveröffentlicht sind, so richtet jetzt 
dieKommissson an alle wissenschaftlichen Gesellschaften 
und Körperschaften, an die Verwaltung der Alter¬ 
tümer Ägyptens, an die Vorstände der Museen und an 
die Besitzer ägyptischer Sammlungen die Bitte, ihr neu 
entdeckte oder sonst noch unbekannte Texte in Ab¬ 
schrift, Abklatsch oder Photographie mitzuteüen und 
ihr die Berichtigung bereits veröffentlichter Texte zu 
erleichtern. Die Kommission geht dabei für sich und 
ihre Mitarbeiter ausdrücklich die Verpflichtung ein, 
alles ihr so Zukommende als vertraulich mitgeteilt zu 
betrachten, und es weder zu veröffentlichen, noch für 
andere Zwecke als die des Wörterbuches zu benutzen. 


In der „N. Fr. Pr.“ giebt Georg Brandes sehr inter¬ 
essante Aufschlüsse über das Verhältnis Heinrich 
Heines zu seinen Komponisten , die auch unsem Lesern 
als Ergänzung zu dem Artikel von Karpeles im Februar¬ 
heft willkommen sein werden. Danach beläuft sich die 
Zahl der musikalischen Kompositionen zu seinen Ge¬ 
dichten auf 3000, und unter denselben befindet sich die 
Fülle der schönsten Lieder von Schubert, Mendelssohn, 
Schumann, Brahms, Robert Franz und Rubinstein. Nach 


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Chronik. 


103 


ihm, mit seinen 3000 Kompositionen, kommt Goethe 
mit ungefähr 1700 und dann erst folgen in grossen Ab¬ 
ständen die anderen. Am allerhäufigsten, doppelt so 
häufig als irgend ein anderes Lied, ist „Du bist wie 
eine Blume“ komponiert worden: von nicht wenige Als 
160 verschiedenen Tondichtern. Zwei von Heines Ge¬ 
dichten sind je dreiundachtzigmal komponiert worden: 
„Ich hab’ im Traum geweinet“ und „Leise zieht durch 
mein Gemüt“. „Ein Fichtenbaum steht einsam“ kommt 
zunächst an die Reihe. Es ist sechsundsiebenzigmal 
komponiert. Siebenunddreissigmal endlich ist jenes 
Heinesche Gedicht komponiert worden, welches häufiger 
als alle seine übrigen Lieder gesungen wird und das, 
zuerst ein Studentenlied, nachmals ein Volkslied in 
Deutschland wurde: „Ich weiss nicht, was soll es be¬ 
deuten“, das Lied von der Loreley. Was also von 
Heines Lyrik den grössten Anklang fand und am häu¬ 
figsten auf den Lippen singender Menschen lebendig 
wird, das sind seine unschuldigsten, gefühlvollsten, naiv¬ 
sten, volkstümlichsten Verse — wie im Grunde nur zu 
erwarten stand, insofern nichts populär werden kann, 
als das Schlichte und Volkstümliche. 


Für eine durchgreifende Reform des städtischen 
Bibliothekswesens in Berlin plädiert der bekannte Kieler 
Bibliothekar Dr. Nörrenberg in dem neuesten Heft 
der „Comenius-Blätter für Volkserziehung“. Er weist 
darauf hin, dass es in der Absicht der Staatsregierung 
liege, falls ein geeigneterer Platz für die Unterbringung 
der Kgl. Bibliothek nicht gefunden wird, diese Biblio¬ 
thek ausschliesslich für die gelehrte Forschung offen 
zu halten, wie dies seitens des Britischen Museums 
geschieht Sollte es dazu kommen, so wäre ein er¬ 
heblicher Teil der gegenwärtigen Benutzer, Gewerbe¬ 
treibende, Künstler, Schriftsteller, Lehrer u. s. w. 
gezwungen, zu einer anderen Bibliothek seine Zuflucht 
zu nehmen. Angesichts dieser wenig erfreulichen 
Möglichkeit würde allerdings die Frage der Errichtung 
einer „Bürgerbibliothek“, ähnlich der in Charlottenburg 
ins Leben gerufenen Stadtbibliothek, ein erhebliches aktu¬ 
elles Interesse erhalten. Nörrenberg nimmt Notiz von 
dem Vorschlag, die Magistratsbibliothek zu teilen, eine 
Handbibliothek im Rathause zu lassen und den Rest 
nebst der wertvollen Goritz-Lübeck-Bibliothek in einem 
halben Erdgeschoss des Vorhauses der Markthalle an 
der Zimmerstrasse unterzubringen. Die Ausführung dieses 
Planes, so urteilt der Kieler Bibliothekar, würde die Ber¬ 
liner Bibliotheksverhältnisse auf Jahre oder Jahrzehnte 
schädigen müssen. Die Berliner Bürgerschaft kann im 
eigenen Interesse nur wünschen, dass eine grosse, reor¬ 
ganisierte Stadtbibliothek nebst Leseräumen und erwei¬ 
terter Benutzungszeit in einem besonderen, gut gelegenen 
Gebäude geschaffen werde. In diesem Gebäude könnte 
dann gleichzeitig das gegenwärtig im Rathause unterge¬ 
brachte Stadtarchiv eine würdige Unterkunft finden. 
Diese zentrale Stadtbibliothek sei dann in engste Ver¬ 
bindung mit den Volksbibliotheken zu bringen und in 
Ausrüstung und Einrichtung nach dem Musterder besten 
englischen und amerikanischen Vorbüder zu gestalten. 
Sie müsste versehen sein mit der gesamten Litteratur, 


die der Bildung und auch den in Berlin blühenden 
Erwerbszweigen dient, in Büchern und Zeitschriften, 
daneben politische Zeitungen jeder Richtung, un¬ 
parteiisch ausgewählt, und dazu ausreichende Leseräume 
von früh bis spät um 10 Uhr geöffnet Jedenfalls 
wäre es wünschenswert, wenn bei einer Neuregelung 
unseres städtischen Bibliothekwesens, gegen dessen 
bedeutende bisherige Leistungen auch der genannte 
Kritiker sich nicht verschliesst, von den Erfahrungen, 
die man jenseit des Kanals und des Ozeans auf 
diesem Gebiete gemacht hat, Nutzen gezogen würde. 


Von der vortrefflichen Shakespeare-Ausgabe Pro¬ 
fessor Alois Brandts (Leipzig, Bibliograph. Institut) 
erschienen kürzlich Band III und IV. Besonders 
interessant sind des Herausgebers Bemerkungen zum 
„Hamlet“, nur wenige Seiten stark, aber auf diesem 
knappen Raum alles zusammenfassend, was zum Ver¬ 
ständnis des komplizierten Charakters nötig erscheint, 
und dies in lichtklarer Darstellung gebend — was man 
von den meisten Veröffentlichungen aus der Hochflut 
der Hamletlitteratur nicht sagen kann. — L 


In der Kunstsammlung von Keller und Reiner in 
Berlin waren kürzlich sehr zarte künstlerische Buchein¬ 
bände von Maywald ausgestellt Sie sind aus Sämisch¬ 
leder gefertigt und mit modern stilisierten Arabesken 
in Aquarell auf das diskreteste bemalt. So entzückend 
der erste Eindruck^uch ist, so möchten wir doch immer 
wieder betonen, dass Bucheinbände ein kräftiges An¬ 
fassen aushalten müssen und dass allzuheikles Material 
von der Anwendung ausgeschlossen sein sollte. —z. 


Österreich-Ungarn. 

Im Mährischen Gewerbemuseum zu Brünn ist am 
6. März die lange geplante Buch-Ausstellung eröffnet 
worden, welche die ganze Entwickelung des Schrift¬ 
wesens und Druckwerkes veranschaulicht Für die 
älteste Zeit haben das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, 
das mährische Landes- und das Brünner Stadtarchiv, 
sowie die Stifte Admont und Zwettl die wichtigsten, 
insbesondere auf Mähren bezughabenden Original¬ 
urkunden zur Verfügung gestellt. Die sich daran 
schliessende Siegelabteilung führt an ausgewählten Bei¬ 
spielen die künsderische Ausführung des Siegels vom 
IX. bis zum XIX. Jahrhunderte vor. Sehr reich und 
und prächdg ist die Abteüung der mittelalterlichen 
Büderhandschriften, die Zeit vomX. bis zum XVI. Jahr¬ 
hunderte umfassend, ausgefallen, für den Specialforscher 
von besonderem Interesse die Inkunabelsammlung, in 
der die hervorragendsten Typen und namentlich fast 
sämtliche in Mähren erschienenen Frühdrucke zu 
sehen sind — der Anfang zu einer Druckergeschichte 
Mährens. Daran schliessen sich Holzschnitte und 
Kupfersdchwerke von der Renaissance bis zu den 
modernsten österreichischen, deutschen, englischen und 
französischen Werken, weiter eine Kollektion von Ex- 


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ich 


Chronik. 


Libris und eine umfangreiche Abteilung von Buchein¬ 
bänden. Besonderen Wert verleiht der Ausstellung ein 
gewissenhaft und ausführlich gehaltener Katalog. Wir 
ersehen daraus, dass sich 65 Aussteller beteiligt haben, 
darunter die kaiserliche Fideikommissbibliothek, fast 
alle Hof- und Staatsinstitute, zahlreiche in- und auslän¬ 
dische Museen und die bekanntesten Privatsammler, 
wie Dr. Alb. Figdor und Theodor Graf in Wien, Graf zu 
Leiningen-Westerburg in München, Fedor v. Zobeltitz 
in Berlin und Direktor J. Luthmer in Frankfurt a. M. 


Von der „Deutsch-österreichischen Utteraturge- 
schichte”, herausgegeben von J. W. Nagel und Jakob 
Zeidler (Wien, Carl Fromme), sind die 9. und io. Liefe¬ 
rung erschienen. Eine nähere Besprechung soll nach 
Fertigstellung des Werkes erfolgen. 


England. 

Sidney Lee , einer der grössten Shakespearekenner, 
machte der bibliographischen Gesellschaft Mitteilung 
von einer seltsamen Entdeckung in einem von den 
zwei Exemplaren der ersten Folioausgabe Shakespeares 
im Besitz der Baroness Burdett-Coutts. Die Baroness 
besitzt ausser dem 1864 für 716 Lstr. gekauften sog. 
Danielexemplar, das für das am besten erhaltene gilt, 
noch die sog. Sheldonausgabe, die über anderthalb 
Jahrhunderte im Besitz der Familie Sheldon war und 
sich in deren Landhaus Long Compton in Warwickshire 
befand. Die Decke trägt noch, wie der „Voss. Ztg.“ 
geschrieben wird, das Wappenschild der Familie 
Sheldon und das Exemplar zeichnet sich durch Rand¬ 
bemerkungen in einer aus dem XVII. Jahrhundert 
stammenden Schrift aus. Die Bücherei wurde 1781 
verkauft. Auffallend in diesem Exemplar ist nun, dass 
die Schlussstelle von „Romeo und Julie“ und die An¬ 
fangsstellen von „Troilus und Cressida“ zweimal in ver¬ 
schiedenen Teilen des Bandes abgedruckt sind, was 
darauf deutet, dass die Drucker ungewiss waren, ob 
„Troüus und Cressida“ nach „Romeo und Julie“ kommen 
oder ihm vorangehen solle. Nach der Berechnung des 
Herrn Lee sind von den 200 Exemplaren der ersten 
Folioausgabe nur 30 vollständig, etwa 20 haben kleinere 
Fehler und 150 sind schwer beschädigt Dieser ersten 
Folioausgabe von 1623 verdankt man die Erhaltung 
von zwanzig Meisterwerken Shakespeares. 


Die Historical Manuscripts Commission hat wieder 
einen interessanten Band veröffentlicht Diesmal sind 
es die Fatnilienpapiere des Earl of Carlisle in Schloss 


Havard, die R. G . Kirk herausgegeben hat Es werden 
hier mehrere Tausend Aktenstücke geboten, die zumeist 
auf Männer und Frauen Bezug haben, welche im XVIII. 
Jahrhundert eine hervorragende Rolle spielten. Es 
giebt da Briefe von Sir John Vanbrugh, dem Drama¬ 
tiker und Architekten, der in den Tagen der Königin 
Anna die Schlösser Bienheim und Howard erbaute, 
ferner Briefe des grossen Herzogs von Marlborough, 
des Sir Robert Walpole, des Herzogs von Wharton, 
des Lord Essex und des Herzogs von Kingston. Die 
Briefe der Lady Anne Irwin, einer der Töchter des 
Lord Carlisle, haben eine hohe sittengeschichtliche 
Bedeutung, da die Lady ihrem Vater über gesellschaft¬ 
liche Vorgänge und bedeutende Persönlichkeiten Bericht 
erstattete. Lady Mary Wortley Montagu, eine ihrer 
Jugendfreundinnen, die ihrer Schönheit und ihres Witzes 
wegen berühmte Tochter des Herzogs von Kingston, 
erscheint hier in nicht sehr günstigem Lichte. Ein 
ausschliesslich politisches Interesse beanspruchen die 
Briefe des Earl Fitzwilliam. Sie stammen aus der 
Zeit des Unabhängigkeitskrieges der amerikanischen 
Kolonien, der Geisteskrankheit des Königs, reichen 
bis in die französische Revolutionszeit und berühren 
irische Angelegenheiten. 


Frankreich. 

Von Claude Gilberts Histoire de Calejeva, ou de 
l’Isle des hommes raisonnables ist nur ein einziges 
Exemplar vorhanden, welches die Witwe des Verfassers 
dem Abte Papilion zum Geschenk gemacht hat Später 
befand sich das Buch in der Bibliothek des Herzogs 
von Lavalli&re und wurde bei der Versteigerung der¬ 
selben 1784 für 120 Livres verkauft. Das Werk war 
ohne Druckort und Jahr 1700 zu Dijon bei Jean 
Resseyre in 12 0 erschienen. Der Verfasser setzt die 
Insel Calejeva nach Litthauen und handelt in Gesprächs¬ 
form in zwölf Büchern über sie und ihre Bewohner. 

—r. 


Das letzte Heft des Illustrationswerkes „Les MaUres 
de tAffiche" enthält u. a. die Reproduktion einer 
Pan-Anzeige von Sattler (Kunstanstalt von Albert 
Frisch in Berlin), die in Deutschland wenig bekannt 
sein dürfte. Aus einer weit geöffneten Fabelblume 
steigen Staubfäden in den Abendhimmel, die sich zu 
dem Worte Pan verschränken, während ein Faun aus 
dem Hintergründe auftaucht Sehr reizvoll ist ein 
Plakat für den Architekten Hankar, von Crespin ent¬ 
worfen, das eine Art Porträtstudie darstellt Eine Bade¬ 
scene „Carbourg ä Paris“ von Privat-Liremont gehört 
neben einer Willetteschen Zeichnung zum besten des 
Werkes. —m. 


Nachdruck verboten . — Alle Rechte Vorbehalten . 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse: Berlin W. Augsburgerstrasse 6x erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. — Papier der Neuen Papier- 

Manufaktur in Strassburg i. E. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR . 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz, 

2. Jahrgang 1898/99. _ Heft 3: Juni 1898. 


Lola Montez in der Karikatur. 

Von 

Eduard Fuchs in München. 


H s ist an dieser Stelle nicht der 

nisse in den Jahren 1846—1848 

zierung derselben erscheint uns 
aber um so notwendiger, als das Verständnis 
der Karikaturen, 1 mit denen sich der nach¬ 
folgende Aufsatz beschäftigen wird, auf der 
Kenntnis der Zustände damaliger Zeit beruht 
Es war im April 1838, als dem Staatsrat 
Abel vom König Ludwig I. das Portefeuille des 
Innern übertragen wurde. Die bekannte „Knie¬ 
beugeverordnung“ war die erste That des neuen 
Ministeriums. Eine weitere Verordnung, die 
der Autokratie die Wege ebnen helfen sollte, 
folgte. Nach dieser neuesten Verordnung 
durften z. B. alle Eingaben nicht mehr die 
Aufschrift tragen: „An das Staatsministerium“, 
sondern nur: „An Seine Majestät“; an Stelle 
des Ausdrucks „Staatsbürger“ musste ferner 
stets „Unterthan“ gesetzt werden u. s. w. Hier¬ 
mit hatte die Regierung vollkommen freie Bahn 
erhalten. Alle Vorwürfe, die an sie gelangten, 
lehnte sie ab; achselzuckend konnte sie auf 
den König als den Urheber der Verfügungen 
verweisen. Dann kam die Lemfreiheit an die 


Reihe, und als auch diese glücklich vernichtet 
war, machte man es mit der Lehrfreiheit ebenso. 

Alles das war gleichbedeutend mit der Ver¬ 
nachlässigung der wichtigsten Kulturaufgaben. 
Die meisten öffentlichen Stellen wurden nur mit 
zuverlässigen Parteigängern besetzt und unlieb¬ 
same oder unbequeme Personen rücksichtslos 
aus ihren Stellungen entfernt. Natürliche Folge 
war, dass niemand nach Tüchtigkeit im Amte, 
sondern nur nach Wohlgewogenheit der mass¬ 
gebenden Stellen strebte, und dies bedingte 
nicht selten eine Verwahrlosung der amtlichen 
Körperschaften. Die Zensur war zur absoluten 
Herrscherin im Reiche der Publizistik erhoben 
worden; sie feierte wahre Triumphe. Die Blätter 
vom Auslande — unter Ausland alle ausser- 
bayrischen deutschen Staaten inbegriffen—unter¬ 
standen Nummer für Nummer der Kontrolle. Das 
Volk war stumm gemacht worden. Und aus 
dem stummen Volke wurde ein stumpfes Volk. 
Wo noch eine höhere geistige Regung auf¬ 
tauchte, erstarrte sie rasch unter dem Bahr¬ 
tuche der Unduldsamkeit des Ministeriums 
Abel. Verzweiflung hatte den besseren Teil 
des Volkes erfasst, Gedankenlosigkeit seine 
breiten Massen, und wie ein dichter undurch¬ 
dringlicher Nebel breitete die Hoffnungslosigkeit 


* Aus gleichem Grande hat der Herausgeber den politischen Ansichtsäusserungen des Herrn Verfassers freien 
Raum gegeben, diesem selbst die Verantwortlichkeit für seine Ausführungen überlassend. F. v. Z. 

Z. f. B. 98/99. 14 


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io6 


Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


ihre düstem Schwingen über das ganze Land. 

In diesem Zustande befand sich Bayern, 
als Lola Montez nach München kam, um zu 
tanzen (zu tanzen auf den Brettern der Mün¬ 
chener Hofbühne), aber was sie tanzte, war 
bayrische Geschichte . 

Von völlig unhistorischem Blicke würde es 
freilich zeugen, wollte man behaupten, dass 
ohne Lola Montez der März 1848 mit seinen 
Folgen ftir Bayern ausgeblieben wäre. Lola 
Montez war nur das zufällige Instrument der 
Geschichte. Weniger wegen ihres Tanzes, als 
wegen ihrer fascinierenden Schönheit, 1 ferner 
durch ihre galanten Abenteuer in Paris, Baden, 
Berlin u. s. w. hatte sie schon lange die Auf¬ 
merksamkeit weiter Kreise, natürlich besonders 
die der Lebewelt, auf sich gezogen; auch 
die Polizei hatte mehrfach ihr Augenmerk 
auf sie gerichtet und ihrem skandalösen Be¬ 
tragen durch Ausweisungsbefehle (z. B. in 
Warschau und Berlin) für die betreffende Stadt 
ein Ziel gesetzt. Ein Ausweisungsbefehl aus 
Reuss-Lobenstein-Ebersdorf, den Heinrich der 
Zweiundsiebzigste ihr eigenhändig ausstellte, 
war es auch, der sie nach München verschlug. 
Aber dessen ungeachtet war sie bis dahin 
doch nur die galante und geistreiche, die her¬ 
kömmlichen Sitten verspottende Abenteurerin, 
von der man sich eine Anzahl sehr pikanter Anek¬ 
doten erzählte, die aber wohl kaum je eine 
bemerkenswerte Beachtung in der Karikatur, 
der gezeichneten Sittengeschichte, gefunden 
hätte. Vergeblich forschten wir auch in fran¬ 
zösischen und englischen Zeitschriften nach 
Karikaturen aus der Periode, die ihrem Mün¬ 
chener Aufenthalt voranging. Die galante 
Abenteurerin wäre in dem Augenblick vergessen 
gewesen, in dem das Alter ihren Erfolgen ein 
unübersteigliches Ziel setzte. Deshalb muss sich 
ihre Würdigung für uns auf München kon¬ 
zentrieren, und es genügt, wenn wir Lolas 
frühere Erlebnisse nur oberflächlich streifen. 2 
Von München ab datiert ihre geschichtliche 
Rolle; hier entstanden die ersten Karikaturen, 
auf die Münchener Ereignisse spielen sie sämt¬ 


lich an, und auf diese sind auch alle späteren 
zurückzufuhren. Hier war sie zu einer Persön¬ 
lichkeit geworden, mit der in der weitesten 
Öffentlichkeit gerechnet werden musste und 
mit der man deshalb auch in der breitesten 
Öffentlichkeit abrechnete. Ohne ihre politische 
Rolle wäre ihr Benehmen auch nicht so ge¬ 
schäftig als ein öffentlicher Skandal dargestellt 
worden. Konnte es übrigens für den politischen 
Gegner ein geeigneteres Angriffsfeld geben, als 
den Lebenswandel einer Lola Montez, ihre freche 
Brüskierung jedweden gesellschaftlichen An¬ 
standes? Man bekämpfte die Sache, indem man 
die Person der allgemeinen Verachtung aus¬ 
zuliefern sich bemühte. — 

Das für beide Teile so folgenschwere Zu¬ 
sammentreffen der Lola Montez mit dem König 
datiert bekanntlich aus den ersten Tagen ihres 
Münchener Aufenthalts. Das vom Hoftheater¬ 
intendanten erbetene Debüt wurde Lola ab¬ 
gelehnt, worauf sie, resolut in allen Dingen, 
sich einfach zum König begab, um die Erlaubnis 
für das Gastspiel sich bei diesem unmittelbar 
zu erwirken. 

Wir übergehen die pikanten Einzelheiten, 
die man sich über jene Audienz erzählt. Lola 
trat auf —■ nach dem einen dreimal, nach 
andern nur einmal — aber ihr nicht gerade 
aussergewohnlicher Tanz liess das Publikum 
ziemlich kalt; ob jetzt schon fremde Einflüsse 
mitspielten, ist nicht festzustellen, behauptet 
wird es zwar von verschiedenen Seiten, wie 
auch rasch bekannt wurde, dass Lola des 
Königs Gunst bereits im höchsten Grade be¬ 
sitze. Ganz anderes Interesse erweckte der 
Pas de deux, der jetzt folgte. 

Es dauerte nicht lange, und die Angriffe 
auf Lola Montez und den König begannen, 
zuerst versteckt, allmählich aber immer lauter 
und deutlicher. 

Wie kam das? Sollte auf einmal in der 
Allgemeinheit das sittliche Gefühl für Anstand 
erwacht sein, das Jahrzehnte lang sich durch 
nichts hatte aus seinem Schlafe aufstören lassen? 
— Wer sich mit der Geschichte jener Jahre 


1 Durch die Eigenart ihrer Schönheit machte Lola Montez thatsächlich grosses Aufsehen. Litteraten, Künstler, 
Musiker — unter ihnen eine Zeit lang auch Franz Liszt — spannte sie in grosser Zahl vor ihren Triumphwagen. 
Die eleganten Lebemänner trugen ihr Bildnis auf Busennadeln, Ringen, Pfeifenköpfen. Nicht weniger häufig fand 
man ihr Bild auf Porzellantassen, Hals- und Taschentüchern, Tabaksdosen u. s. w. 

2 Diejenigen, die sich für die näheren Einzelheiten des abenteuerlichen Lebens der Lola Montez interessieren, 
werden unter der beigefügten Bibliographie überreiches Material finden. 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


107 


eingehender beschäftigt hat und sich nicht 
verblüffen lässt durch die dröhnenden Phrasen, 
die damals reich verschwendet wurden, dem 
kann die wahre Ursache nicht unverständlich 
bleiben. Lola Montez war für die Zwecke des 
Ministeriums nicht zu haben gewesen — das ist 
die einfache Lösung! Versuche für Gewinnung 
ihres begünstigenden Einflusses, so versichern 
Zeitgenossen, seien mehrfach gemacht worden, 
aber an ihrer Unbändigkeit gescheitert. Aus 
diesen misslungenen Versuchen sei der unver¬ 
söhnliche Hass zwischen ihr und dem Ministerium 
Abel entstanden. Freilich spielten auch später 
Lolas Extravaganzen dabei eine Rolle, aber 
zweifellos eine willkommene, denn diese boten 
das unerschöpfliche Arsenal, dessen Waffen 
unausgesetzt gegen sie und den König ver¬ 
wendet werden konnten. 

Durch Lola wurde der König sehr bald 
über die wirkliche Stellungnahme des Mi¬ 
nisteriums Abel aufgeklärt, und so trennte er 
durch Ordre vom 15. Dezember 1846 das 
Ministerium der Erziehung und des Kultus von 
dem Ministerium des Innern. Abels gewaltiger 
Einfluss auf die Schule war hierdurch lahm¬ 
gelegt worden. Zu Lola Montez aber, die Ludwig 
für seine einzig wahre Freundin hielt, fühlte der 
König sich immer mehr hingezogen und ge¬ 
währte ihr allmählich auch Einfluss auf die 
Regierungsgeschäfte. Dies wusste man, und 
deshalb wurde der ganze Gang der ferneren 
Entwickelung hauptsächlich ihr zur Last gelegt. 
Das aber steigerte naturgemäss bei jeder neuen 
Niederlage, die sich die Regierung holte, den 
Hass gegen sie. 

Das Bestreben des Ministeriums Abel war, 
den König in die frühere Abhängigkeit 
zurückzufuhren. Das erste Mittel zu diesem 
Zweck — ein Privatbrief, in dem Abel auf 
seine Verdienste pochte — schlug aber fehl. 
Nun galt es, den König in ein Dilemma zu 
bringen — vorerst ihm damit zu drohen, dass 
das Gesamtministerium zurücktreten und der 
König gänzlich isoliert dastehen werde, wenn 
er die Spanierin nicht entferne. Eine will¬ 
kommene Ursache, diese Drohung wahr zu 
machen, bot die bekannte Indigenatsgeschichte, 
das heisst die Erhebung der Lola Montez zur 
Gräfin Marie von Landsfeld. 

Zur Erteilung des bayrischen Indigenats 
bedurfte es der Zustimmung des Staats¬ 


ministeriums. Die Gelegenheit wurde von Abel 
benutzt und das berühmt gewordene Memo¬ 
randum, unterzeichnet von dem gesamten 
Ministerium, dem König überreicht. 

In diesem Memorandum hiess es, das 
Ministerium könne seine Zustimmung zur Ver¬ 
leihung des bayrischen Staatsbürgerrechts an 
Lola Montez nicht geben, denn es habe zur 
Folge: „Die Ehrfurcht vor dem Monarchen 
wird mehr und mehr in den Gemütern aus¬ 
getilgt, weil nur noch Äusserungen des bittersten 
Tadels und der lautesten Missbilligung ver¬ 
nommen werden; dabei ist das Nationalgefühl 
auf das tiefste verletzt, weil Bayern sich von 
einer Fremden, deren Ruf in der öffentlichen 
Meinung gebrandmarkt ist, regiert glaubt, und 
so mancher Thatsache gegenüber nichts diesen 
Glauben zu entwurzeln vermag . . .“ 

Das Memorandum verfehlte trotz alledem 
seine Wirkung, das gesamte Ministerium erhielt 
seinen Abschied, und das Ministerium „der 
Morgenröte“ trat an seine Stelle, an dessen 
Spitze der ebenso bedeutende Gelehrte als 
gefügige Minister G. L. v. Maurer stand. Lola 
Montez erhielt das bayrische Indigenat nun 
von Maurer, als dessen erste Amtshandlung, 
obgleich er kurze Zeit zuvor im bayrischen 
Staatsrate die Verleihung des Indigenats als 
das grösste Unglück für Bayern bezeichnet 
hatte. 

Wie aber war im Volke die Stimmung über 
den Sturz des Ministeriums Abel? — Ohne Zweifel 
eine freudige. Vertrauensvoller blickte man in 
die Zukunft; das neue Ministerium Maurer- 
Zu Rhein-Zenetti war von vornherein populärer. 
Doch die Reaktion liess nicht lange auf sich 
warten. Die angebrochene Morgenröte sank 
rasch wieder herab. Maurer zeigte sich unfähig 
zu wirklichen reformatorischen Thaten, und 
seiner Regierungsweisheit letzter Schluss waren 
binnen kurzem dieselben Mittel, mit denen das 
Ministerium Abel geherrscht hatte. Nun kam zur 
Steigerung des Unmutes noch ein neues Mo¬ 
ment hinzu. Der Übermut der Spanierin stieg 
jetzt, nachdem sie einmal erkannt hatte, wie weit 
ihr Einfluss reichte, von Tag zu Tag, und bei 
zahllosen Fällen war es einzig ihr Wille, der zum 
Durchbruch gelangte. Auf allen Gebieten stand 
es binnen kurzer Zeit schlimmer denn zuvor. 

Dass dies den Zündstoff von neuem in den 
Massen aufhäufte, war nur zu selbstverständlich. 


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io8 


Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


Zum ersten grösseren Strassenskandal kam es, 
als Professor Lasaulx, einer der Hauptschütz¬ 
linge Abels, in den Ruhestand versetzt wurde und 
deshalb seine Vorlesungen einstellen musste. 
Die Studenten zogen demonstrierend vor Lolas 
Haus, das damals in der Theresienstrasse lag, 
und verliehen ihrem Unwillen und ihrer Ent¬ 
rüstung durch Schreien, Lärmen und Pereatrufen 
Ausdruck. Als der 
König eines Abends 
aus dem Hause trat, 
verfolgte ihn die aufge¬ 
regte Menge, und nicht 
allzu schmeichelhafte 
Namen wurden ihm 
massenhaft zugerufen. 

Erst dem Militär gelang ... 

es, die Strassen all¬ 
mählich zu säubern. 

Das Leben des 
Ministeriums „der Mor¬ 
genröte“ dauerte nicht 
lange, und das soge¬ 
nannte „Lolaministe- 
rium“ folgte. Von Lolas 
Gnaden war es und 
nach Lolas Willen „re¬ 
gierte“ es. Es mag un¬ 
ter seinen Vorgängern 
schlecht gewesen sein; 
was aber noch gesund 
am Staatskörper war, 
das wurde nunmehr 
zerfressen von völli¬ 
ger Korruption, einer 
Korruption, wie sie 
empörender nicht leicht 
gedacht werden kann. 

Wer zu Lolas Ver¬ 
ehrern und Anbetern zählte, durfte auf Würden 
und Ämter rechnen, wer ihr missfiel, der bal¬ 
digsten Entlassung gewärtig sein. 

War es ein Wunder, wenn die Unzufrieden¬ 
heit nun aller Orten mächtig emporkeimte? 
Dabei darf man nicht vergessen, dass eine 
mächtige Partei ständig dafür sorgte, dass alles, 
was an altem und neuem Skandal über Lola 
Montez existierte, absichtlich in die weitesten 
Kreise getragen wurde. 

In zahlreichen Spottnamen fand die steigende 
. Unzufriedenheit zuerst ihren Ausdruck. Die 


X 


Abb. x. Lola Montez auf der Tribüne. 


Anhänger der Lola Montez wurden vom Volks¬ 
witz kurzweg mit „Lolarden“ oder „Lolamon- 
tanen“ bezeichnet, was als Schimpfname galt 
Die Polizei taufte man „Lolaknechte“ und das 
Gensdarmeriekorps „spanische Garde“. Lola 
Montez nannte man „Gräfin von Kainsfeld“ 
weil sie den Abel erschlagen hätte. Es erschien 
das scharf-satyrische „Lola Montez - Vaterunser“ 

(siehe weiter unten), 
natürlich anonym. Viel¬ 
begehrt wanderte es 
von Hand zu Hand. 
So war Lola zu einer 
Figur geworden, die 
den Satyriker kate¬ 
gorisch zur Behandlung 
zwang. 

Ihre Extravaganzen, 
die Reitpeitschenaben¬ 
teuer, ihre Manie, sich 
auf offener Strasse zu 
prügeln, alles das bot 
jene Merkmale, mit 
denen die Zeichner den 
Typ der Lola in der 
Karikatur schufen. Als 
die Gedichte bekannt 
wurden, in denen Lud¬ 
wig Lola und seine 
Liebe zu ihr verherr¬ 
lichte, gab dies dem 
Zeichner weiteren Stoff. 
Damals erschienen Ka¬ 
rikaturen wie „Ludwig 
/. und Lola Montez 
„Ein wider die Mauer 
rennender Esel w u. a. m. 

Als die Erhebung 
zur Gräfin von Lands¬ 
feld und die Verleihung des bayrischen Indigenats 
aller Orten von sich reden machten, wurden 
neue zahlreiche anonyme Einblattdrucke ver¬ 
ausgabt, die mit mehr oder weniger Geist und 
Sarkasmus die Gesinnung des Volkes zum Aus¬ 
druck brachten. Und als Lolas Übermut immer 
grösser, ihr Einfluss auf die Regierungsgeschäfte 
immer deutlicher wurde, folgten Karikaturen 
wie „ Lola auf der Tribüne“ und „Lola am 
Theater tanzend “, von denen besonders die 
erste eine grosse Beachtung und entsprechend 
auch schnell eine starke Verbreitung fand. 



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Abb. 3. Der Engelsturz. Karikatur auf Lola Montes. 


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Fuchs, Lola Montee in der Karikatur. 


Überhaupt wurden diese Blätter vom Publi¬ 
kum mit Begierde entgegengenommen und 
weiter verbreitet. 

Von der Mitte des Jahres 1847 ab begegnen 
wir Lola weniger mit dem König karikiert als 
mit ihrer Leibgarde, den Allemannen, einer 
Studentenverbindung, die sich eigens ihrem 
Dienst gewidmet hatte. Und das kam so. 

Alle Welt hatte sich von Lola Montez 
zurückgezogen und ihren Umgang gemieden; 
die grossstädtischen Gesellschaften verweiger¬ 
ten ihr gleich von Anfang an den Eintritt, 
und auch die Hofkreise blieben ihr trotz 
aller Anstrengungen des Königs verschlossen. 
Da war es denn begreiflich, dass Lola, die 
durch des Königs Freigebigkeit über fürstliche 
Revenuen verfügte, sich einen eigenen Hofstaat 
gründete, mit dem sie paradieren konnte. 
Geistreiche Leute, Maler, Schriftsteller und 
Diplomaten wurden an diesen Hof gezogen, 
darunter auch einige sehr hübsche Studenten 
des Korps Palatia, wie z. B. der Senior Elias 
Peissner. Lola Montez hätte gern die ganze 
Studentenschaft zu ihren Anhängern und Ver¬ 
ehrern gezählt, aber die grösstenteils im Banne 
des Ministeriums Abel stehenden Lehrkräfte 
hatten bei Zeiten einen Riegel vorgeschoben 
und sich die jungen Leute gesichert. Nur 
wenige kümmerten sich um die Mahnungen ihrer 
Professoren nicht, und diese wenigen wurden 
dann ausgeschlossen; hierauf gründeten die Aus¬ 
geschlossenen ein neues Korps „Allemannia“, 
das von Ludwig mit allen Rechten versehen 
wurde und dessen Anerkennung der König 
erzwang. Lola Montez war die Protektorin 
des neuen Korps, das allmählich auf 18 bis 20 
Mitglieder kam; sie Hess es auf ihre Kosten 
ausstatten und bildete sich aus diesen jungen 
Leuten eine ständige Leibgarde. Die Alle¬ 
mannen, vom Volkswitz sofort Lolamanen ge¬ 
tauft, spielten die Hauptrolle im neuen Palais 
der Lola. Sie hatten stets ungehinderten Zu¬ 
tritt zu ihren Gemächern und bildeten ihre Be¬ 
gleitung auf der Strasse, während wiederum 
Lola häufig den Kneipen der Allemannen bei¬ 
wohnte. Im enganliegenden Studentenkostüm, 
die Studentenmütze auf dem Kopfe, erschien 
sie bei den Trinkgelagen ihrer Schützlinge. 
Über die Orgien, die dabei gefeiert worden 
sein sollen, kursieren einige höchst pikante 
Anekdoten. Auf diese beziehen sich in erster 


Linie die erotischen Karikaturen, so „Lolas 
Leibgarde und auch „Lola auf dem Hunde 
der Allemannen“. 

Die Skandale, welche die Allemannen her¬ 
aufbeschworen, waren es, welche die entschei¬ 
dende Ursache zum Sturze der Lola wurden. 
Reibereien zwischen diesen und den anderen 
Korps Hessen sich nicht vermeiden. Des Königs 
Machtwort und die Versuche des Rektors 
Thiersch, die Studenten zu veranlassen, mit den 
Allemannen Frieden zu halten, halfen immer 
nur für einige Tage, dann begannen die Streitig¬ 
keiten mit verstärkter Kraft. Das reizte Lola; 
sie forderte rücksichtslose Genugthuung für die 
schmachvolle Behandlung ihrer Schützlinge, und 
sie erhielt sie auch. Der König ordnete zur 
Strafe die sofortige Schliessung der Universität 
an. Gleichzeitig wurde verfügt, dass sämtUche 
auswärtige Studenten binnen 24Stunden München 
zu verlassen hätten. Was alle Anstrengungen des 
besseren Teils des Volkes nie zustande brachten, 
einen energischen Protest gegen die unausge¬ 
setzten Bedrückungen, das hatte diese Massregel 
zur Folge. Sehr erklärlich, denn sie ging unmittel¬ 
bar an den Geldbeutel der Bürger, ihre einzige 
noch empfindliche Stelle. Die Bürger erklärten 
sich solidarisch mit den widerspenstigen Studen¬ 
ten, und es folgten nun die denkwürdigen Tage 
des 9., 10. und 11. Februar: zunächst die Wieder¬ 
eröffnung der Universität, und, als die einmal 
aufgerüttelten Gemüter sich damit nicht zu¬ 
frieden gaben, auch die dringend geforderte 
Ausweisung der Spanierin. Die Ausweisung 
der Allemannen, deren Pässe nach Leipzig 
visiert wurden, folgte Tags darauf. 

Das Satyrdrama war zu Ende. 

Lolas Sturz brachte die Hochflut ihrer 
Karikaturen. In München erschien der in 
der Geschichte der politischen Karikatur des 
Jahres 1848 zur Berühmtheit gewordene „ Engel - 
stürz“, eine geistvolle Parodie auf das gleich¬ 
namige Bild von Rubens. Sie machte grosses 
Aufsehen, und in zahlreichen Abzügen ging die 
anonym erschienene Karikatur durch alle Hände. 
Es ist das bekannteste und interessanteste, 
aber ein heute immerhin schon ziemlich selten 
gewordenes Blatt. Ihm folgten dann die ver¬ 
schiedenen „ Politischen Bilderbogen“ und die 
„Erinnerungsblätter“ vom 9., 10. und 11. Februar. 
Jetzt erst sah man, mit welcher Spannung sich 
die Augen derWelt auf Bayern richteten und dass 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


III 


Lola wirklich zum europäischen Skandal ge¬ 
worden war. In allen deutschen Vaterlanden 
wie im Auslande fand sie ihre treffende kari¬ 
katuristische Behandlung. — 

Bald nach Lolas Sturz war das Frührot 
der deutschen Pressfreiheit angebrochen, und 
die bis dahin gefesselten Geister konnten sich 
entfalten. Man begann einzusehen, dass ein 
epochemachendes Stück über die Bretter 
der Weltbühne gehen sollte und dass der 
Lola Montez-Skandal gewissermassen nur das 
parodistische Vorspiel dazu war. Das Stück 
hub an, und die Ereignisse drängten sich; jeder 
Tag brachte neuen aktuellen Stoff für den 
Karikaturisten. Das Gestern wurde ob dem 
wichtigeren Heute rasch vergessen, und so blieb 
nicht viel Zeit übrig, sich bei Lola Montez 
aufzuhalten, umsoweniger, als deren politische 
Bedeutung mit ihrem Sturze thatsächlich auf¬ 
gehört hatte. Aber sie hatte doch einen so 
stark empfundenen Eindruck hinterlassen, dass 
man sich von der Ausbeutung ihrer Skandale 
dauernderes Interesse versprach, und als sich 
die Wogen wieder glätteten, da tauchten auch 
wieder neue Karikaturen über sie auf, teils 
Reminiscenzen an ihre frühere politische Rolle, 
wie z. B. im „Satyrischen Bild teils Karikaturen 
auf neuerdings bekannt gewordene Intimitäten 
aus ihrem abenteuerreichen Leben. Zu den 
letzten Karikaturen, die über sie erschienen, zählt: 
„Lola Montez verkauft in New- York die Hüte 
und Stiefel der von ihr geschiedenen Galten“. 

Wir lassen nun das in verschiedene Kate¬ 
gorien geordnete Material folgen: 

I. 

Allgemeine und politische Karikaturen. 

1. Ludwig I. und Lola Montez . Litho¬ 
graphierte Karikatur in KI.-4 0 . Lola mit der 
Krone auf dem Kopfe sitzt auf einem Sopha 
und schlägt mit der Linken den Takt, während 
ihre Rechte das Scepter hält. Vor ihr steht 
mit der Dichterharfe im Arme lorbeergeschmückt 
der König und greift in die Saiten. Auf dem 
Boden links von Lola liegt ihre bekannte Bull¬ 
dogge, rechts neben ihr steht das Notenpult, 
auf das sie die Reitpeitsche gelegt hat. 

2. Lola Montez in der Walhalla . Litho¬ 
graphierte Karikatur in 4 0 mit der Unterschrift: 
„Doch unerklärlich bleibt mir dieser Zwiespalt 


der Natur, hier der alte Luther — dort die 
neue Pompadour!“ 

Ludwig I. beabsichtigte, eine Büste Lolas 
in der von ihm bei Donaustauf erbauten Wal¬ 
halla aufstellen zu lassen; der projektierte Platz 
befand sich zwischen Theodolinde und der 
heiligen Elisabeth von Thüringen. Gegen dieses 
Projekt wandte sich die Karikatur. 

3. Ein wider eine Mauer rennender Esel. 
Lithographierte Karikatur in kl. 4° Anonym 
und ohne jeden Text 

Der Esel trägt eine karrierte Schabracke, 
ohne Zweifel eine Charakterisierung des bay¬ 
rischen Wappenschildes. Links sind drei Orden 
angeheftet; ferner trägt der Esel um den Hals 
eine Ordenskette. Eine spanische Fliege im 
Balletröckchen sitzt ihm ganz hinten am Rücken. 
Im Hintergründe des Bildes ein Berg, dessen 
Spitze mit einem Stern gekrönt ist. 

4. Lola Montez , Comtesse de Landsfeld. 
Ein Pas de deux. Delacroix del., de Sorel 
lith. Paris chez le Blanc. 4 0 . 

Lola in kurzem Röckchen und tief dekolle¬ 
tiertem Kleide fliegt dem ihr entgegenstürmen¬ 
den König in die Arme. 

In der Technik dilettantisch, in der Idee 
ohne Witz und Pointe. 

5. Lola am Theater tanzend. Lithographierte 
Karikatur von W. Stek, gedruckt bei J. G. 
Fritzsche in Leipzig. Folio. 

Lola tanzt auf der Münchener Hofbühne, 
mit der unvermeidlichen Reitpeitsche in der 
Hand. Auf dem Boden liegen vier Minister¬ 
portefeuilles, während im Hintergründe der 
Bühne vier Männer, den Rosenkranz in den 
aufgehobenen Händen, knieen. Anscheinend 
flehen diese Lola an, sie möge durch ihren 
Tanzschritt ihnen die Portefeuilles zukommen 
lassen. Vor der Bühne befinden sich drei 
Fauteuils, deren Inhaber, die jedoch infolge 
der perspektivisch falschen Zeichnung nicht 
sichtbar sind, Lola durch die Operngläser 
anstarren. Der mittlere Fauteuil, aus dem ein 
besonders grosses Opernglas hervorragt, soll 
den Sitz des Königs bezeichnen, erkenntlich 
gemacht durch die Krone über der Lehne 
und dem bayrischen Wappenschild auf dem 
dem Beschauer zugekehrten Rücksitz. Links 
und rechts ist die Bühne von zwei Rosen¬ 
sträuchern eingefasst, in denen Amoretten 
sitzen. In der oberen Einfassung des Bildes 


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HO 


Fuchs 


Überhaupt wurden diese Blätter 
kum mit Begierde entgegengeno 
weiter verbreitet. 

Von der Mitte des Jahres 1847 
wir Lola weniger mit dem König 
mit ihrer Leibgarde, den Aller 
Studentenverbindung, die sich 
Dienst gewidmet hatte. Und c 

Alle Welt hatte sich voi 
zurückgezogen und ihren Um 
die grossstädtischen Gesellscl 
ten ihr gleich von Anfang 
und auch die Hofkreise 
aller Anstrengungen des K 
Da war es denn begreifli 
durch des Königs Freigebi 
Revenuen verfügte, sich ei 
gründete, mit dem si< 
Geistreiche Leute, Mal 
Diplomaten wurden an 
darunter auch einige 1 
des Korps Palatia, wi 
Peissner. Lola Mont 
Studentenschaft zu il 
ehrem gezählt, aber 
des Ministeriums 
hatten bei Zeiten 
und sich die jur 
wenige kümmerte 
Professoren nich 
dann ausgeschlc 
geschlossenen 
das von Ludv 
wurde und » 
erzwang. I 
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i 12 


Fachs, Lola Montez in der Karikatur. 


befindet sich in einem Rahmen ein Esel ein¬ 
gezeichnet, der wütend mit den Hinterbeinen 
ausschlägt, weil ihn ein Maikäfer sticht. — 
Dem Bild ist keinerlei Text beigegeben. 

6. Lolas Erhebung zur Gräfin Landsfeld . 
Lithographierte Karikatur, anonym und ohne 
Angabe des Druckers. Folio. Nur rechts in 
der Ecke befindet sich der Vermerk „ä Paris“. 
Es kann jedoch gar keinem Zweifel unterliegen, 
dass die Karikatur den gleichen Zeichner zum 


ein grosses dichtverhangenes Himmelbett zeigt. 
Auch diesem Bilde ist keinerlei Text beigegeben. 

7. Lola Montez als Ariadne auf Naxos . 
Lithographierte Karikatur. Folio. Druck von 
L. Blau. Leipzig 1848. 

Lola, auf einem Tiger liegend, erhält vom 
König, der als Amor mit dem Köcher dar¬ 
gestellt ist, die Grafenkrone. 

Bezieht sich auf die Ernennung zur Gräfin 
Landsfeld. 



. Zw» S»rUm _ W k*in O fdafJi* ' _ _ 

A»u> Htrx /_ tUtA mxtU ScA/rnft __ • 

Abb. 2. Lola auf dem Hunde der Allemanncn. 


Urheber hat, von dem „Lola am Theater tanzend“ 
herrührt; zu diesem Blatt bildet es in jeder 
Beziehung ein Gegenstück. 

Ludwig in der Gestalt eines Fauns über¬ 
reicht der mit einem kurzen Tanzröckchen be¬ 
kleideten Lola die Grafenkrone. Lola — natür¬ 
lich nicht ohne die Reitpeitsche — stützt sich 
mit der Linken auf ein Wappenschild, das ein 
mit Lanzen gespicktes Feld als Wappenzeichen 
aufweist. Vor Lola liegen auf dem Boden 
grössere Geldsäcke, von denen einer aufge- 
brochen ist. Das Ganze hat als Staffage einen 
Theatervorhang, in dessen oberem Rahmen sich 
ein durch Lorbeer eingefasstes Bild befindet, das 


8. Lola auf der Tribüne . Lithographierte 
Karikatur. Anonym. Verlag der Lith. Anstalt 
von Ed. Gust. May in Frankfurt a. M. Kl.- 
Folio. 

Lola im hermelinverbrämten Reitkleid, den 
Reithut auf dem Kopfe und die Reitpeitsche 
in der Hand, steht hinter dem Rednerpult und 
hält eine Rede. Auf einem am Pulte an- 
gehefteten Zettel steht: „— hat keinen Datum 
nicht.“ Lola ist in der Weise karikiert, dass 
der Maler ihr Gesicht mit einem Schnurr- und 
Knebelbarte versah, wie ihn der König zu tragen 
pflegte; dadurch erhält ihr Gesicht eine leichte 
Ähnlichkeit mit dem seinen (Abbildung 1). 


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H4 


Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


9. Lola auf dem Hunde der AUemannen . 
Kolorierte Lithographie in KL-Querfolio. Druck 
von A. Schäfer, Werderscher Markt, Berlin, 
Verlag und Eigentum von B. J. Hirsch, Kunst¬ 
verlagshandlung Berlin, Niederwallstr. 11. 

Lola liegt mit der Reitpeitsche in der Hand 
auf dem Korpshunde der Alemania. Im Hinter¬ 
grund ein bayrischer Grenzpfahl mit der Auf¬ 
schrift: „Valencia!“ Unter dem Bilde die Worte: 

Die Tochter der Wildnis. 

Zwei Seelen — und kein Gedanke! 

Kein Herz, doch viele Schläge! 1 — 

Die Karikatur zählt zu den seltensten Ein¬ 
blattdrucken aus dem Jahre 1848 (Abbildung 2). 

10. Der Engelsturz . Lithographierte Kari¬ 
katur. Gross-Folio, Bildgrösse 26 cm breit, 
38V2 cm hoch; Papiergrösse 3672 x 477 ** 
Anonym und ohne Angabe des Druckers. 

Eine ebenso gute als geistvolle Parodie auf 
das bekannte Rubenssche Bild. Die in den Höllen¬ 
schlund gestürzte Lola wird von dem Gendar¬ 
meriehauptmann Bauer getragen. Bauer ist der¬ 
selbe, unter dessen Schutze sie am 9. Februar in 
die Theatinerkirche flüchtete, als sie vom Volke 
bedroht wurde, derselbe auch, der den Grafen 
Hirschberg, einen Allemannen, entwischen liess, 
als dieser auf einen anderen Studenten den Dolch 
zückte. An Lolas Kleid klammert sich der 
Student Peissner, während einige andere Alle¬ 
mannen, den Pass nach Leipzig in der Hand, 
voranstürzen. Rechts sehen wir den an seinen 
Chokoladenpaketen erkenntlichen Bonbon- und 
Chokoladefabrikanten Mayrhofer, der Lola 
Montez täglich mit Bonbons und Konfekt be¬ 
schenkte; Mayrhofer gehörte zu Lolas devo¬ 
testen Anhängern, und am Tage ihres Sturzes 
wurde er von den aufgeregten Massen schwer 
misshandelt, als er gerade zu Lola gehen 
wollte. Links sehen wir einige Offiziere aus 
Lolas Gefolgschaft und den Redakteur des 
Morgenblattes, der mit Lobhudeleien auf Lola 
Montez ständig sein Blatt füllte und zu ihren 
ergebensten Presslakaien zählte. Oben in den 
Wolken erblicken wir links die Studenten mit 
gezückten Schlägern, rechts die bekanntesten 
Professoren, den Rektor Thiersch und andere 
an dem Schlusskonflikt beteiligten Personen. 
In der Mitte den bayrischen Löwen, der das 
bayrische Wappenschild hält, und im Hinter¬ 
gründe die jubelnde Bürgerschaft. Rechts und 
links zwei Jesuiten mit aufgepflanzten Gewehren. 


Als Unterschrift trägt das Bild nur die In¬ 
schrift: „11. Febr. 1848“. Erschienen soll die 
Karikatur am 28. Februar sein (Abbildung 3). 

11. Lola Montez als Genius der Sittsamkeit. 
Lithographierte Karikatur in 4 0 von W. Stek. 
Druck von J. G. Fritzsche in Leipzig. 

In den Wolken kutschiert Lola in einem 
von zwei Tauben gezogenen Triumphwagen. 
Auf der Wagendeichsel sitzen zwei rauchende 
Allemannen mit Mafskrügen in den Händen. 
Hinterher flattert eine Flagge mit der Inschrift: 
„Pass nach der Schweiz“. Eskortiert wird der 
Wagen von zwei als Engel kostümierten Sol¬ 
daten. Unten auf der Erde freudig bewegte 
Volkshaufen, im Hintergründe München. 

Als Unterschrift dienen dem Bilde die Worte: 
„Der Genius der Sittsamkeit verlässt das gelobte 
Land und Alle Mannen, welche der Tugend und 
Freiheit anhängen, begleiten sie; dasselbe thun 
zwei Tugendritter 4 *. — Ohne künstlerischen Wert 

12. Die Apotheose der Lola Montez. Litho¬ 
graphierte Karikatur in 4 0 von W. Stek, ohne An¬ 
gabe des Druckers (wahrscheinlich gleichfalls 
J. G. Fritzsche in Leipzig). 

Lola als Venus mit der Reitpeitsche in der 
Hand auf einer Muschel. Ludwig fliegt als 
Cupido mit leerem Köcher hintendrein und 
hält einen Sonnenschirm über Lola. Die Muschel 
wird von drei als Engel dargestellten Gendarmen 
getragen, deren jeder einen anderen Staat — 
Bayern, Preussen und Österreich—repräsentiert. 
Unten auf der Erde wirdMünchen verschwommen 
sichtbar, während im Vordergründe rechts 
einige Jesuiten stehen. Über das Ganze spannt 
sich der Himmelsbogen, auf dem ein Amor 
zwei Wappentafeln hält, von denen die eine 
das Bildnis eines Jesuiten und die andere ein 
Stern ziert. Auf den Seiten Löwe und Bär. 

13. Neuestes Blatt aus der Gunstgeschichte 
Bayerns . Extrabeilage zur Deutschen Brüssler 
Zeitung vom 1. April 1847. Lithographierte 
Karikatur in 4 0 ohne Angabe des Zeichners. 

Die Scene der Englische Garten in München: 
Lola im Reitkostüm fliegt zur Sonne empor und 
verweist den ihr sehnsuchtsvoll nachblickenden 
Ludwig mit der Reitpeitsche auf den Himmel. 
Im Hintergründe lustwandeln vier Jesuiten. Über 
dem Bilde befindet sich als Wappen die Krone 
mit den Kroninsignien und einer Knute, durch 
die sich Schlangen und Bänder winden. Auf 
den Bändern stehen die Namen Ludwig und Lola. 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


IIS 


14. Illustrierte Karte von Österreich und 
den angrenzenden Ländern . Lithographierte 
Karikatur. Anonym und ohne Angabe des 
Druckers. Gr.-Querfolio. 

In Kartenform. In jedem Lande findet sich 
das wichtigste derzeitige Ereignis verzeichnet. 
Auf „Bayern“ sehen wir im Vordergründe einen 
von der Bürgergarde, wie er die Jesuiten und das 
Militär in die Flucht schlägt. Unterschrieben 
„Sieg der Radikalen über die Weissblauen“. 
Seitwärts entflieht Lola Montez als Balleteuse 
durch ein Stadtthor. 

15. Mithologie des Jahres 1848, Litho¬ 
graphierte Karikatur in 4 0 . Überschrieben: 
„Dem Verdienste seine Krone“. Unterschrift: 
„Der pensionirte Apoll und die auf Wartegeld 
gesetzte Terpsichore.“ 

16. Liebesabenteuer im Gebirge . Lithogra¬ 
phierte Karikatur. Anonym und ohne An¬ 
gaben des Druckers. Folio. 

1. Scene: Das Wiedersehen . Lola und der 
König fallen sich in die Arme. Der König 
trägt Zivilkleidung, Lola ein kurzes Röckchen. 

2. Scene: Der Hinterhalt . Lola und der 
König sitzen unter einer grossen Tanne. Lola 
streichelt den König am Kinn; ihr Blick und 
der leere Geldbeutel, den sie ihm hinhält, 
zeigen zur Genüge die Gründe ihrer Schmeiche¬ 
leien. Im Hinterhalte lauem vier mit Prügeln 
bewaffnete Bauern. 

3. Scene: Der Angriff- Die Zahl der Bauern 
hat sich vergrössert; sie überfallen die Lieben¬ 
den. Lola wehrt sich mit Dolch und Pistole, 
während der König die volle Börse ergriffen 
hat, mit der er die Wuth der Bauern zu be¬ 
siegen hofft. 

4. Szene: Der Sieg . Die Bauern haben die 
Beiden überwunden und im Triumph auf den 
Kopf gestellt. Einige schwenken die Hüte 
und machen Luftsprünge vor Vergnügen. 

Dilettantenarbeit und jedes Witzes bar. 

17. Zwei Karikaturen, auf denen Lola 
Montez nur eine untergeordnete Rolle spielt. 

a) Die Staatsmaschine . Lithographierte 
Karikatur. Eigentum von Hochfelder, Lithogr. 
Anstalt in München. Anonym. Gross-Folio. 

Die Karikatur zeigt uns, auf welche viel¬ 
fältige Art das Volk zu Gunsten der Privat¬ 
schatulle ausgepresst wird. Jetzt aber sind Lola 
und Ludwig gestürzt, und links unten sehen wir 
die Beiden abziehen. Der König trägt einen 


Sack über die Schultern. Unterschrieben ist 
diese Scene: „Er und Sie, Sie und Er.“ 

b) Mannheimer Karikatur aus dem Jahre 
1848 . Lithographie in Querfolio. Anonym. 

Vor dem „Europäischen Hotel“ sitzt eine 
Gesellschaft Flüchtlinge, darunter Louis Philipp. 
Von links erscheint als Postillon gekleidet Prinz 
Wilhelm von Preussen. In einem Wagen ver¬ 
steckt trifft Metternich aus Wien ein, und 
links an einem Wegweiser, dessen eine In¬ 
schrift „Weg des Schicksals“ lautet, Lola 
Montez, die Reitpeitsche in der Hand und 
Pistolen im Gürtel. Sie fragt: „Ist mein Ludwig 
noch nicht da?“ Aus dem Fenster des Hotels 
schauen die bekannten Typen aus den Münche¬ 
ner „Fliegenden Blättern“, Eisele und Beisele; 
darunter ist an die Wand geschrieben: „Lieber 
Doktor was thun denn die vielen Leute hier?“ 
„Lieber Herr Baron, das giebt einen europäisch 
diplomatischen Thee als Fortsetzung der Wiener 
und Karlsbader geheimen Beschlüsse!“ — Als 
Unterschrift dient dem ganzen Bild: „Bonjour, 
Fürst Mitternacht, seid ihr a hie?“ 

18. Satyrisches Bild . Lola Montez , Ohr¬ 
feigen austeilend . In Kupfer gestochene Kari¬ 
katur von Cajetan, Geiger sc., koloriert, Kl.- 
Querfolio. Wien im Bureau der Theaterzeitung, 
Rauhensteingasse No. 926. 

„Der alte Charon transportirt eine Gesell¬ 
schaft von Individuen, die sich selbst überlebt, 
über den Styx in die Unterwelt“. Dies die 
Unterschrift zu dem Bilde, das uns ein mit ver¬ 
schiedenen, zum Teil historischen Personen 
besetztes Boot zeigt, in deren Mitte Lola Montez 
steht und eben im Begriff ist, einen Jesuiten 
zu ohrfeigen. (Abbildung 4.). 

19. Lola Montez verkauft in New-York die 
Hüte und Stiefeln der von ihr geschiedenen 
Gatten . Lithographierte Karikatur von Cajetan. 
Gedruckt bei J. Häselichs Wwe., Wien im 
Bureau der Theaterzeitung, Rauhensteingasse 
926. Kl.-Quart. 

Im Reitkostüm, den Rock durch die mit 
der Reitgerte bewehrten Hand geschürzt, bietet 
Lola ein paar Stiefeln zum Kauf aus. Weitere 
Stiefeln und Hüte sind in einer langen unabseh¬ 
baren Reihe aufgestellt; hinter Lola wartet 
dienstbereit ein schwarzer Groom. Die Kauf¬ 
lustigen sind in zahlloser Menge erschienen. Im 
Hintergründe erblickt man das Meer, auf dem 
zwei Dampfer sichtbar werden. (Abbildung 5.). 


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ii6 


Fachs, Lola Montez in der Karikatur. 



Abb. 6. Die spanische Fliege (Musca cantharidina). 


n. 

Erotische Karikaturen. 

Dass die erotische Karikatur unter den 
Lola Montez-Spottbildem eine verhältnismässig 
grössere Rolle spielen musste, ist nur zu natür¬ 
lich. Einerseits gaben die sich immer erneuern¬ 
den Ausschweifungen der Lola ununterbrochen 
derartigen Stoff, andererseits besass wohl kaum 
eine Stadt soviel ausgelassene Künstler, die im 
Stande und auch jederzeit bereit waren, für ein 
Bonmot, eine schlüpfrige Anekdote sofort einen 
noch boshafteren zeichnerischen Ausdruck zu 
finden, wie gerade München. Zeitgenossen, die 
infolge ihrer gesellschaftlichen Stellung damals 
in intimem Verkehr mit der Künstlerschaft 
standen, teilten uns mit, dass in jenen Jahren 
unausgesetzt eine ganze Anzahl erotischer 
Karikaturen auf Lola und den König kursierten. 
Letzterer spielte auf ihnen freilich meist eine 
recht klägliche Rolle. Von diesen Bildern 
waren allerdings die wenigsten für den Verkauf 
bestimmt; sie entstanden im Kreise irgend einer 
Künstlerschar und zirkulierten dann unter den 
Freunden. Die nachstehend beschriebenen sind 
uns näher bekannt geworden. 

20. Der Triumphzug Lolas. Lithographierte 
Karikatur. Querfolio. Anonym und ohne An¬ 
gabe des Druckers. 

Voran schreitet Lola, mit der Reitpeitsche 
in der Hand und der Grafenkrone auf dem 
Kopfe, sonst aber ziemlich kostümlos. Ihr folgt 
in endlos langem Zuge das zahlreiche Heer 
ihrer Verehrer, Studenten, Offiziere, höhere 
Beamte, Minister und alle Jene, die sich um sie 
drängten, in der sicheren Erwartung, in ihrem 
Dienste und unter ihrer Protektion recht bald 
Karriere machen zu können. Die Darstellung 


der Einzelheiten entzieht sich der Besprechung. 
Bei verschiedenen Typen ist aus der Porträt- 
ähnlichkeit sofort zu erkennen, wen der Künstler 
damit karikieren wollte; manche sind in der 
Haltung noch besonders boshaft glossiert worden. 
Rechts im Hintergründe betrachtet Ludwig in 
sehr trübseliger Stimmung den Zug. 

Die zotige Unterschrift ist eine Anspielung 
auf eine gelegentliche Bemerkung, die dem 
König in den Mund gelegt wurde. 

21. Lolas Leibgarde . Lithographierte Kari¬ 
katur in 4 0 . Anonym und ohne Angabe des 
Druckers. Federzeichnung. 

Lola liegt auf einem Ruhebett, und rings 
um dasselbe stehen 20 Allemannen, in ähnlicher 
Weise karikiert wie die Triumphzugfiguren 
des vorerwähnten Bildes. 

An Zügellosigkeit übertrifft diese Darstellung 
noch bedeutend die unter No. 20 geschilderte. 
Gesagt muss aber werden, dass diese beiden 
Spottbilder in der Komposition wie in der Durch¬ 
führung zu dem künstlerisch besten zählen, 
was uns in der Karikatur über Lola Montez 
bekannt ist. Beide rühren daher allem An¬ 
scheine nach von ziemlich tüchtigen Künstlern 
her. Selbstverständlich fehlt jede Andeutung, 
die auf den Autor schliessen lassen könnte. 



Abb. 7. Ludwig und Madame Lola. 
Zeichnung von J. Nisler. 


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Fuchs, Lola Monte* in der Karikatur. 


117 



(Die „Lolianer“ sind in Unterröcken abge¬ 
bildet) 

2. Bild. „Alsdann gerät die Abentheuer¬ 

gewöhnte Seniorin der 20 Allemannen oder 
was-auf ihrer Promenade hart ins Ge¬ 

dränge, bekömmt sammt Ihrem Anhänge von 
allen Seiten bedeutende Verbal- und real- 
Injurien, und wird förmlich in die Flucht ge¬ 
jagt. Da jedoch alle Thüren für sie verschlossen 
sind, retirirt sie in die Theatinerkirche“. 

3. Bild. „Sofort soll die Universität auf ein 
Jahr geschlossen und alle 1500 Studenten sollen 
sich aus München entfernen. Es bewirken die 
hochherzigen Bürger jedoch eine allerhöchste 
Gnade Sr. Majestät des vielgeliebten Königs 

und Lola wird aus Stadt und 
Land gewiesen! — worüber 
im biederen Publikum eine 
jubelnde Freude entstand.“ 
3. Bild. „Tief in ihr voriges 
Nichts herabgesunken, ver¬ 
lässt Sennora Lola sammt 
einigen Schmarotzerpflanzen 
mittels Eskorte das schöne 
Land der Bayern, in welchem 
sie noch lange ihre bedeutende 
Rolle zu spielen wähnte — 
und der Stern von Sevilla — 
ist verschwunden!“ 

5. Bild. „Donna Lola 
Montez ist in der Schweiz, 
— hat wieder ihr altes Hand¬ 
werk ergriffen — arbeitet 
fleissig ums liebe Geld, — und 
da sie in keiner Stadt mehr 
reüssiert, — produziert sie 
sich mit ihren sieben Sprüngen 
auf dem Lande. — Entree 
6 kr. 


Politische Bilderbogen und Erinnerungs¬ 
blätter. 


22. Erinnemngsblatt an die hochherzigen 
TJiaten der edlen Münchner Bürger und Studen¬ 
ten am g., 10 . und 11. Februar 1848 . Folio. 
Lithographie ohne Angabe des Zeichners und 
Druckers in fünf Bildern mit folgendem Text: 

1) Bild. „Den von einer Lola protegierten 
und öffentlich verachteten Allemannen wird von 
den ehrliebenden Studenten nach Gebühr ein 
Pereat gebracht. Ein Lolianer zückt nach 
Banditenart den Dolch, was ihm und seinen 
Konsorten jedoch übel zu statten kömmt“. 


Abb. 5. Lola Montez verkauft in New-York 
die Hüte und Stiefel ihrer geschiedenen Gatten. 
Lithographierte Karikatur von Cajetan. 


O Lola Du voll süsser Huld- 

Du bist — o ach — an Allem 

Schuld“. 

(Auf diesem Bild sehen 
wir Lola, als Balleteuse kari¬ 
kiert, auf einer Dorf bühne ihre 
Tanzkünste produzieren.) 

23. Erinnerungsblatt an 
die Ereignisse am g., 10. und 
11. Februar 1848 in München. 
Lithographie in Grossfolio. 
Ebenfalls anonym erschienen. 


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118 


Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


In sechs Bildern werden uns dieselben Vor¬ 
gänge geschildert wie auf dem vorigen Blatt und 
auch mit ähnlichem Text. Nur ist dieses Blatt 
um das erste Bild Lola Montez und ihr Anhang 
vermehrt worden. Der Zeichner stellt Lola 
als Orden spendenden Engel dar, der über die 
devot am Boden Knieenden, die Hände zu ihr 
Aufhebenden hinschwebt und Orden und Schätze 
mit der Linken ausstreut; in der Rechten hält 
sie natürlich die Reitpeitsche. 

24. Ein politischer Bilderbogen . Gr.-Folio. 
Lithographie. Erschien ebenfalls anonym. Als 
einziges Signum unten rechts in der Ecke ein K. 

In zehn Bildern werden uns die wichtigsten 
Münchener Ereignisse des Februar und März 
vorgefuhrt. Oben links tanzt Lola zum Stadt¬ 
thor hinein, auf dem die Jahreszahl 1846 steht. 
In der Mitte sehen wir als zweites Bild Lola, 
geschmückt mit der Grafenkrone, thronend in 
einem weiten Saale und umgeben von den 
Allemannen. In den Händen hält sie Reit¬ 
peitsche und Pistole, als Fussschemel dient 
ihr der Chokoladefabrikant Mayrhofer. Ein sich 
sträubender Minister sowie ein anderer Regie¬ 
rungsbeamter werden vor dem Umfallen durch 
Winden gestützt. Die Zeichnung trägt als 
Überschrift „1847“. Auf dem dritten Bilde 
tanzt Lola wieder zum Stadtthore hinaus, be¬ 
gleitet von den Steinwürfen der empörten 
Bürger, wobei sie die Grafenkrone verliert. 
Diesmal trägt das Thor die Jahreszahl „1848“. 
Die weiteren Bilder zeigen uns die Verkündigung 
der Einberufung der Stände, das Dolchattentat 
des Lolianers, den Zeughaussturm, eine Kari¬ 
katur auf den „Lolaminister“ Berks (mit der 
Unterschrift: „Langsam gehts hinauf zum Gipfel 
des Bergs.—Aber kopfüber hinunter— merks!“), 
den Abzug der Redemptoristen-Deputation aus 
Alt-Oetting, die von Racheengeln zur ewigen 
Wanderschaft hinausgetriebenen Lola-Monte- 
zianer und die Verbrüderung aller Stände. 
Als Gesamtunterschrift dienen dem Bilde die 
Sätze: „Es lebe Bayern! Es lebe Deutschland 
hoch!“ Eingefasst ist das Ganze von einem 
dekorativen Rahmen, gebildet durch Waffen 
aus dem Zeughause, durch die sich ringsum 
ein Band schlingt, das als Inschrift die be¬ 
kannten Forderungen des Jahres 1848 trägt. 

Von den moralischen Bilderbogen ist dieser 
zweifellos sowohl in der Idee wie in der künst¬ 
lerischen Durchführung der beste. Das Blatt 


verrät durchweg einen tüchtigen Künstler; der 
Technik nach zu schliessen stammt es von 
derselben Hand, die den Engelsturz entwarf. 

25. Das Nachtlager in Blutenburg. Roman¬ 
tisches Schauspiel aus dem XIX. Jahrhundert in 
mehreren Aufzügen. Lithographie. Gr.-Folio. 
Anonym, 

In sieben für die AUemannen nichts weniger 
als schmeichelhaften Bildern, jedes mit einem 
entsprechenden Text versehen, wird die Flucht 
der Lola Montez geschildert. In Blutenburg, 
wo sie mit mehreren AUemannen zusammen¬ 
traf, hat sie bekanntlich Nachtquartier ge¬ 
nommen. Erst war sie in der Richtung nach 
Lindau mit ihrem Wagen gefahren, gefolgt von 
dem Grafen Arco-VaUey, der sich versichern 
wollte, ob sie nicht wieder zurückkehre. Als 
dieser sich heimgewandt hatte, änderte sie die 
Richtung nach Grosshesselohe und Blutenburg. 

Idee, Text und Zeichnung sind dilettantisch. 

IV. 

Karikaturen in politisch-satyrischen 
Zeitschriften. 

Wenn wir in der politisch-satyrischen Presse 
des Jahres 1848 nur sehr selten einer Karikatur 
auf Lola Montez begegnen, so findet das, wenn 
es auch auf den ersten Moment befremdlich 
erscheint, eine sehr einfache Erklärung. Das 
Jahr 1848, das die politische Karikatur in 
Deutschland zum Leben erweckte, machte über¬ 
haupt die Herausgabe politisch-satyrischer Zeit¬ 
schriften erst möglich und es hat auch Deutsch¬ 
land seine ersten derartigen Organe gebracht. 
Als eines der frühesten auf dem Plane erschienen 
die „Münchner Leuchtkugeln“ im November 1847, 
eine Art primula veris auf der deutschen 
Blätterwiese; ihnen folgten im Anfang des Januar 
der „Eulenspiegel“ , Ende des Monats der 
„Münchner Punsch “, dessen Zeichner und Redak¬ 
teur Martin Schleich in einer Person war. Am 
7. Mai traten gleichzeitig der „Kladderadatsch“ 
und Glasbrenners „Freie Blätter“ ins Leben und 
am 18. Mai der „Berliner Krakehler*\ Hiermit 
war die Reihe der wichtigsten politisch-saty¬ 
rischen Zeitschriften des Jahres 1848 erschöpft 
Lola Montez Rolle war also demnach bereits 
ausgespielt, als die meisten dieser Blätter ge¬ 
gründet wurden. Was sie somit über Lola 
bringen konnten, waren lediglich Reminis- 
cenzen, aber in einer für den Satyriker so be- 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


119 


wegten Zeit auf Vergangenes und Gestürztes 
noch nachträglich Pfeile zu verschiessen, 
das wäre sinnloser Kräftevergeudung gleich¬ 
gekommen. 

Daraus erklärt es sich auch, dass z. B. der 
„Kladderadatsch“ nicht eine einzige Karikatur 
auf Lola Montez brachte und auch textlich 
niemals besondere Notiz von ihr nahm. Die 
Münchener Blätter, die noch zu Lolas Zeiten ins 
Leben traten: „Fliegende Blätter“ (seit 1846), 
„Leuchtkugeln“ und „Punsch“ hatten aber gar 
keine Lust, ihr noch so junges Leben durch die 
brutalen Striche des Zensors aufs Spiel zu 
setzen. Man muss berücksichtigen, dass sämt¬ 
lichen Blättern in Bayern aufs strengste unter¬ 
sagt war, über Lola auch nur ein Wort zu 
schreiben, gleichviel ob für oder gegen sie. Die 
einfache Mitteilung von der Indigenatsverleihung 
hatte einem Nürnberger Blatte eine strenge Rüge 
eingetragen, und dabei war die Notiz aus dem 
Kgl. Amtsanzeiger, dem Regierungsblatt, abge¬ 
druckt worden. Witze und Karikaturen wären 
Staatsverbrechen gleich gerechnet worden. Was 
also der Satyriker zeichnerisch glossieren wollte, 
das nahm kein Journal unter seine verantwort¬ 
liche Flagge; anonym und als Freigut musste 
es hinaus, und manche boshafte Fracht wanderte 
auch, wie wir gesehen haben, so in die Welt, 
zum masslosen Ärger der Angegriffenen, zur 
stillen Freude aller Gleichgesinnten. 

Den ersten, übrigens sehr zahmen Witz auf 
Lola Montez erlaubte sich Martin Schleich im 
„Punsch“ am 13. Februar 1848, also zwei Tage 
nach ihrem Sturze. Der Scherz steht unter der 
Rubrik „Kleine Törtchen“ und lautet: „Ein 
Franzose erzählt, das ehemalige prachtvolle 
Schloss der fameusen Madame Pompadour sei 
jetzt in eine Hosenträgerfabrik umgewandelt 
worden! (Brauchen wir keine Hosenträger¬ 
fabrik?)“ — Vielleicht ist ein noch zahmerer 
schon früher gebracht worden und unseren Sinnen 
die Beziehung auf Lola Montez gar nicht mehr 
wahrnehmbar. — Wir lassen nun das Verzeichnis 
derjenigen Karikaturen folgen, die in der politisch- 
satyrischen Presse doch noch erschienen sind. 
Hier sei gleich bemerkt, dass auch der „Punsch“ 
keine Karikatur von Lola Montez brachte und 
ausser dem weiter unten aufgeführten längeren 
Spottgedichte nur noch einige Prosa-Glossen 
und eine sehr nette Prosa-Satire in Nr. 8 unter 
dem Titel: „Schau Dich nicht um, die Lola geht 


rum!“ Die Satire wandte sich gegen das öfters 
auftauchende Gerücht, Lola Montez sei wieder 
in München, was neben zahlreichen Hausdurch¬ 
suchungen sogar die Demolierung des Polizei¬ 
gebäudes zur Folge hatte, in dem das Volk sie 
verborgen glaubte. 

26. Leuchtkugeln . Randzeichnungen zur Ge¬ 
schichte der Gegenwart. München. Vierter 
Band Nr. 10 (ca. August 1849) S. 77. 

Die Spanische Fliege (Musca cantharidina). 
Dieser hübsch in Holz geschnittenen Kari¬ 
katur, die wir in Originalgrösse reproduzieren 
(Abbildung 6), ist folgende naturgeschicht¬ 
liche Erläuterung beigegeben: „Sie ist ziem¬ 
lich selten in Deutschland und wird nur von 
gekrönten Häuptern gehegt; denn ihr Unter¬ 
halt kostet ein horrendes Geld. Eine Art 
davon (Musca mola lontes) hatte sich vor 
einiger Zeit von Spanien verflogen und in 
Süddeutschland eingenistet, wo sie in ganz 
kurzer Zeit zu einer wahren Landplage wurde. 
Im übrigen ist es ein hübsches Thierchen mit 
glänzenden Farben, welche an der Hofsonne 
chamäleonartig schillern. Das Klima sagt jedoch 
der unstäten Arragonierin nicht zu, und es hat 
sich an ihr schlagend erwiesen, dass sie die 
deutsche Witterung nicht auf die Länge ver¬ 
tragen kann.“ 

Wenn man von den weiter unten zitierten 
vier Illustrationen zu Goethes Lied vom Floh 
absieht, ist dieses die beste Karikatur, welche 
die „Leuchtkugeln“ von Lola Montez brachten. 
Wir begegnen dem Bilde der Spanierin im 
Übrigen noch zweimal, und zwar einmal im 
fünften Bande No. 17 und einmal im sechsten 
Bande Nr. 18. 

Im fünften Bande zunächst als Vignette zu 
einem Gedicht „Vivat Lola! Pereat Loyola“, in 
dem es unter anderem heisst: 

„Da kam Sennora Lolala, 

Stürzt Abel und Consorten: 

Ach wär sie doch jetzt wieder da, 

Und jagte fort den —“ 

Der fehlende Reim soll lauten: „Pforten“, der 
spätere Minister. Die Vignette zeigt die über 
München hinfliegende Lola, in der linken Hand 
die Reitpeitsche, unter dem rechten Arme eine 
Kassette und auf dem Kopfe die Grafenkrone. 

Im sechsten Bande sehen wir Lola, ebenfalls 
mit Kassetten unter dem Arme, von einem Gen¬ 
darmen verfolgt: eine Illustration zu einem 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


120 


satyrischenGespräch 
über die Schwinde- 
leien,die sie in Frank¬ 
reich verübte, wo 
sie sich eine wert¬ 
volle Einrichtung 
anfertigen liess, so¬ 
fort verpfändete und 
mit dem erlösten 
Gelde abdampfte, 
weshalb sie dann 
auch wegen Betrugs 
verfolgt wurde. 

27. Eulenspiegel 
von Ludwig Pfau. 

Stuttgart. No. 14 
vom 1. April 1848,. 

Seite 54. 

Eine mit „Lud¬ 
wig Wittelsbacher 
und Madame Lola“, 
überschriebene Ka¬ 
rikatur (Holzschnitt, 
gezeichnet von J. 

Nisler, geschnitten 
von A. Mauch) zeigt 
uns Ludwig als Dreh¬ 
orgelspieler, wie er gleichzeitig mit einem 
Stocke auf eine Moritat zeigt, die Lola in der 
Hand hält. Lola singt dazu: 

„O Himmel was hab ich getha — ah — han? 

Die Liebe war schuldig daran!“ 

Die Moritat trägt den Titel „Schreckliche 
Geschichte“ und zeigt in 6 Bildern die 
Münchener Ereignisse vom 9. bis 11. Februar. 
Ein Affe auf einem Pudel ist ebenfalls bei 
der Gruppe. (Abbildung 7.) 

In Nr. 16 desselben Jahrganges bringt der 
Eulenspiel unter „ Eulen¬ 
spiegel als Menagerie- 
herr “ noch eine weitere 
kleine Satyre auf Lola 
resp. Ludwig. 

28. Berliner Kra- 
kehler . No. 5 vom 7. Juni 
1848. 

Unter dem Titel „Illu- 
strirter Krakehl“ wird 
u. a. Lola Montez mit 
einem Besen dargestellt. 

— Witzlos und schlecht. 


29. Charivari, 
Paris. Jeudi, 17. Fe- 
vrieri848. Dix-sep- 
tieme Ann6e. No. 48. 

La morale bava- 
roise. Dieser an der 
Spitze des Blattes 
stehende humorist¬ 
isch-satyrische Ar¬ 
tikel ist mit zwei 
Karikaturen von 
Cham geschmückt, 
deren zweite uns 
Lola und den König 
zeigt, wie sich beide 
schmerzlich bewegt 
in den Armen liegen 
und gerührt und wei¬ 
nend von einander 
Abschied zu nehmen 
scheinen. 

Ibd. No. 51, 
20. F6vrier 1848. 

30. Revue co - 
mique de la semaine 
par Cham . Zwei 
Karikaturen auf den 

Sturz der Lola Montez. Die erste unter dem 
Titel: „La couronne de la comtesse de Lands¬ 
feld“ zeigt uns Lola, wie sie ihre beschmutzte 
Grafenkrone einem Stiefelputzer zur Reinigung 
übergiebt; darunter steht: „£a vous coütera 
eher pour que je vous nettoye cette couronne 
— lä . . . Elle est bien salel . . Gut und 
witzig gezeichnet 

Die zweite Karikatur zeigt Lola Montez 
auf der Flucht. Sie ist bepackt mit einer 
Banditenbüchse, mit Reitpeitsche, Schirm und 
Pistole. Ein Wegweiser 
trägt dielnschrift: „Route 
de France“. 

31. La Revue co mique. 
Paris (November 1848 
bis Dezember 1849). 

Dieses für jene Zeit 
hochinteressante poli- 
tisch-satyrische Journal, 
das zu seinen Hauptmit- 
arbeitem die berühmten 
Karikaturisten Bertall 
und Nadar zählte, hatte 



Abb 9. Lola Montez, 

Comtesse de Lanzfeld, enlevant son demier mari. 
Dessin de H. Emy. 

(„Journal pour rire", 1849.) 



Abb 8. Lolas Fahrt in den Olymp. 
Schlussstück zu einer französischen Parodie, 
gezeichnet von Bertall. 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


121 


es sich zur Hauptaufgabe gestellt, Louis 
Napoleon zu bekämpfen. Dies Programm ver¬ 
folgte es mit ebensoviel Geist als Hartnäckigkeit 
bis zu seiner Unterdrückung im Dezember 1849. 

„Les grandes fetes de la liberte “ betitelt sich 
eine Karikatur von Nadar, in Nr. 8 vom 9. Januar 


Parodie „Lola Montez . Cinq actes avec epüogue 
et apotheose “ über ein Schauspiel (siehe unter 
No. 47), das Lola Montez in Amerika auffuhren 
Hess. Natürlich war dies Stück dem Verfasser 
der Parodie nicht bekannt; der Scherz beruhte 
vielmehr nur auf der Annahme, dass man durch 



Lola Montez. Nach Julien. 

Aus Blum „Die deutsche Revolution 1848/49**. 
(Verlag von Eugen Diederichs in Florenz und Leipzig.) 


1849. Ludwig, mit mächtigen Ohren, kniet vor 
Lola, die ein Tanzröckchen trägt. Hinter Lola 
steht eine Stange mit einem Plakat, auf dem 
die Inschrift „Bavaroise au lait“. 

Eine weitere Karikatur aus Bertalls Stift 
reproduzieren wir in der Abbildung 8. Sie 
erschien im „Almanach comique“ von 1853 un< ^ 
bildet die Schlussvignette zu einer dramatisierten 

Z. f. B. 98/99. 


Zufall hinter das Scenarium des Dramas ge¬ 
kommen sei. 

32. „Journal pour rire “, Paris, No. 82 vom 
25. August 1849: Intpressions de voyage . „Lola 
Montez, comtesse de Lanzfeld, enlevant son 
dernier mari“ 

Die Zeichnung (Abbildung 9) von H. Emy 
parodiert die Flucht der Lola aus England, wo 

16 


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122 


Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


sie im Sommer 1849 wegen Bigamie verhaftet 
werden sollte. Sie hatte sich in London mit 
dem Lieutenant Heald verheiratet, ohne von 
ihrem ersten Gatten, gleichfalls einem englischen 
Offizier, Namens James, geschieden worden 
zu sein. 

Eine zweite Karikatur- auf Lola brachte das 
Journalpour Rire “ in der No. 157 vom 31. Januar 
1851 unter dem Titel „Apropos non politiques“ 
gezeichnet von Ed. Morin. Lola schlägt, ihre 
Memoiren unter dem Arm, mit der Reitpeitsche 
auf einen Studenten ein. Die Unterschrift 
lautet: „Ah! tu m’as fichue äla porte, choucroute 
de Bavarois! je vais joliment t’arranger le 
physique!“ — Bezieht sich wahrscheinlich auf 
Papon (No. 68) oder einen anderen ihrer Me¬ 
moirenschreiber, in deren Schilderungen sie 
schlecht fortkann. 

Auch der Londoner „Punch“ hat mehrfach 
karikaturistische Glossen auf Lola und den König 
gebracht. 

Hier kann übrigens auch die Meinung richtig 
gestellt werden, der man hie und da noch be¬ 
gegnet und nach der Moritz Schwind in seiner 
köstlichen Vignette in den „Fliegenden Blättern“ 
„Der Teufel und die Katze“ auf Lola und den 
König angespielt haben soll; auf eine Information 
bei der Redaktion wurde uns von Herrn Redak¬ 
teur Schneider diese Anekdote als absolut un¬ 
zutreffend und grundlos bezeichnet. Die „Fliegen¬ 
den Blätter“ brachten niemals eine Karikatur 
auf Lola. 

V. 

Sa ty rische Flugschriften, Pamphlete, 
Spottgedichte und Ähnliches. 

33. Lola-Montez-Vaterunser, Erschien als 
anonymes Flugblatt in 8°. Schwer zu finden. 1 
Es beginnt: 

„Lola Montez, leider Gott noch die Unsere, 
die du bald lebst in , bald um München, bald 
in China, bald in Sendling, die du das Volk 
nennst eine Canaille, und die du selbst eine 
Canaille bist, du Verpesterin der Ruhe und 
Ordnung, der Sitte und Zucht, des Vertrauens 
und der Liebe, du Teufel ohne Hörner und 
Schweif, aber mit sonst allen Teufelskünsten 
und Attributen, du Babylonische, die nirgends 


fast mehr leben kann, weil sie dich schon überall 
hinausgehauen, verwünscht sei dein Name, 
zerrissen dein Adelsbrief, verdammt bist du 
von den Guten und Schlechten, von Gross und 
Klein, von Nieder und Hoch!“ . . . 

34. Vaterunser der Lola Montez selber . 
Anonymes Flugblatt im Anschluss an das 
vorige. Gleichfalls sehr selten. 8°. 

Wenn das vorgenannte „Vaterunser“ die 
Gefühle des Volkes zum Ausdruck bringen 
sollte, so will hier der Verfasser zeigen, wie 
cynisch Lola Montez über das Volk dachte. 
Steht an Heftigkeit dem vorigen nicht nach. 

Es beginnt: 

„Vater unser, an den ich mein Leben lang 
nicht geglaubt habe, der Du bist in einem ge¬ 
wissen Himmel oder wie er heisst, der Ort, 
mir ist Alles recht.“ . . . 

35. Münchener Fliegenblätter . Humoreske 
aus den Februartagen von 1848. Mit einem 
Titelkupfer. Leipzig 1848. Verlag von Ignaz 
Jackowitz. 12°. 

Das Titelkupfer zeigt uns Lola Montez mit 
dem Allemannen Peissner auf der Flucht in der 
Schenke von Blutenburg und trägt die Unter¬ 
schrift „Sein oder nicht sein? — Gräfin Lands¬ 
feld oder Lola Montez?“ Lola hält in der 
Linken die unvermeidliche Reitpeitsche; neben 
ihr auf dem Boden liegen zwei Geldsäcke. 

Die 20 Seiten starke dramatisierte Humo¬ 
reske erzählt Lolas Sturz in der damals häufig 
angewandten Guckkästner-Manier. Der Ver¬ 
fasser ist nicht angegeben, wir glauben aber 
mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf A . Glas¬ 
brenner schliessen zu dürfen. 

36. Mola Lontez , Leipzig, Ph. Reclam jun. 

1847. Kl. 8°. 29 S. Auf dem Titel Holz¬ 
schnitt-Karikatur, Lola in steifer Tanzpose, mit 
der Unterschrift „Saltatio est circumferentia 
Diaboli. St. Augustin.“ — Verfasser ist Eduard 
Maria Oettinger\ (Vergl. „Jüdisches Athenäum,“ 
Grimma und Leipzig 1851. 12 0 . S. 182.) 

In dieser Satyre wird u. a. auch das Ver¬ 
hältnis zwischen Lola und Heinrich dem Zwei¬ 
undsiebzigsten, Fürsten von Reuss-Lobenstein- 
Ebersdorf, verspottet. Die der Broschüre vor¬ 
angesetzte Karikatur ist übrigens nicht original, 
sondern nur eine Kopie des letzten Bildes aus 


1 In Blum „Die deutsche Revolttion 184814g “ in Facsimile wiedergegeben; ebenso das unter No. 35 ver- 
zeichnete Gegenstück. 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


123 


dem von uns schon oben zitierten „Erinnerungs¬ 
blatt an die hochherzigen Thaten etc/ 4 

37. Politische Soiree der Ex-Regenten in 
England und ihre Begegnung mit Lola Montez. 
Von A. Hopf\ Berlin 1848. 

38. Memoiren der Lulatsch Chontez (Jrete 
von Landsberg). Veröffentlicht in der Berliner 
Buddelmeyer-Zeitung (redigiert von Dr. Cohn¬ 
feld), Februar und März 1851. Eine humoristische 
Behandlung der damals soeben erschienenen 
Montez-Memoiren; der Humor ist aber ziemlich 
bescheiden. 

39. Münchener Punsch. Humoristisches Origi¬ 
nalblatt von M. E. Schleich. No. 4 vom 20. Fe¬ 
bruar enthält ein längeres Spottgedicht auf Lola 
Montez unter dem Titel „Februar-Geschichten“, 
ein Epos in Knittelversen. Breit und dürftig 
an Witz. 

40. Leuchtkugeln. Randzeichnungen zur Ge¬ 
schichte der Gegenwart. (Gegen Ende Februar 
1848.) Erster Band No. 13. Göthes Lied vom 
Floh in vier Gesängen. Durch ebensoviel lustige 
Holzschnitte illustriert. Die Holzschnitte zeigen 
uns Lola als grossen Floh, umgeben von kleinen 
Flöhen, den Allemannen. Eine ebenso gelungene 
als witzige Satyre. In der Nummer vorher 
brachten die Leuchtkugeln ihre erste satyrische 
Glosse auf Lola Montez. 

41. Dasselbe. Zweiter Band Nr. 16. „ Die 
Solotänzerin mit einer in Holz geschnittenen 
Vignette, Lola als Balletteuse. 

42. Das Mädchen aus der Fremde. Zur 
Erinnerung an den 11. Februar 1848. Nach 
Schiller. Anonymes Spottgedicht, ohne An¬ 
gabe des Druckers. Zirkulierte 1848 sehr häufig. 
Nicht identisch mit dem gleichnamigen Gedicht 
von Gustav Bernhard. Ziemlich trivial und in 
der Form mangelhaft. 

Ungefähr auf der Höhe dieses Gedichtes 
stand der grössere Teil der damaligen (anonym 
erschienenen) Spottgedichtlitteratur. Pfaus Eulen¬ 
spiegel, der Punsch und die Freien Blätter allein 
boten mitunter Besseres. 

43. Die Gräfin Landsfeld, weiland Lola 
Montez und die Münchner Studenten. Von 
Gustav Bernhard\ Leipzig, Kösslingsche Buch¬ 
handlung, 1848. KI.-8 0 . 

32 S. Gedichte. Inhalt: 1. Abschied der 
Gräfin Landsfeld von München. 2. Reiselied 
der Gräfin Landsfeld. 3. Lied des abgesetzten 
Gendarmeriehauptmann Bauer in München. 


4. Freudiges Stossgebet eines Jesuiten. 5. Jubel¬ 
lied der Münchner Studenten. 6. Noch ein 
Jubellied der Münchner Studenten. 7. Gedanken 
eines Witzigen über die Gräfin Landsfeld und 
die durch sie hervorgerufenen Münchner Ereig¬ 
nisse. Das Mädchen aus der Fremde. 8. An¬ 
rede von dem Verfasser dieses an die Münchner 
Studenten. 9. An das Volk in München. 
10. An den König Ludwig von Baiern. 

Geist- und witzlos. 

44. Neuer Speisezettel. Satyrisches Flug¬ 
blatt, anonym, ohne Angabe des Druckers. In 4 0 . 

In Form von Speisen werden die jüngsten 
Ereignisse in Baiern satyrisch behandelt. Unter 
„Suppen 1 * und „Voressen** verspottet der Ver¬ 
fasser auch Lola Montez und Ludwig. 

In den zahlreichen satyrischen Flugblättern 
jener Zeit begegnen wir noch häufig Glossen 
auf Lola Montez, die alle anzuführen aber 
zwecklos wäre. 

Unter den Spottgedichten darf das boshafteste 
und gleichzeitig beste und geistreichste nicht 
vergessen werden, nämlich das Heinrich Heines, 
das, soviel wir wissen, sich nur in der ameri¬ 
kanischen Ausgabe seiner Gedichte befindet. 

Hier endigt eigentlich die uns gestellte Auf¬ 
gabe, aber wenn auch die folgenden drei 
Rubriken streng genommen nicht mehr in den 
gegebenen Rahmen gehören, so glauben wir 
doch, dass es angebracht ist, mit unserer Arbeit 
eine möglichst vollständige Montezbibliographie 
zu verbinden, umsomehr, da eine solche in der 
Kuriositätenlitteratur bis jetzt noch nicht vor¬ 
handen war. 

VI. 

Werke, die Lola Montez selbst zu¬ 
geschrieben werden. 

45. Lola Montez , Comtesse de Landsfeld: 

L’art de la beaute ou secrets de la toilette des 
dames. Suivi de petites instructions aux mes- 
sieurs sur l’art de fasciner. Pröface et notes 
par H. Emile Chevalier. Paris chez tous les 
libraires 1862. 8°. 176 S. 

Enthält ausser dem Vorwort in 28 Kapiteln 
zum Teil ganz vernünftige Schönheitslehren und 
kosmetische Ratschläge, und als Nachwort die 
im Titel angegebenen „Kleinen Instruktionen.“ 

Nach dem Vorwort des Herausgebers ist 
dies Buch zuerst englisch zu Anfang des Jahres 
1858 in New-York erschienen; 60000 Exemplare 


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124 


Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


sollen davon in wenigen Monaten verkauft 
worden sein. Infolgedessen wurde es angeblich 
in verschiedene Sprachen übersetzt. Die fran¬ 
zösische Übersetzung soll dagegen von Lola 
Montez selbst besorgt worden sein; der 
Herausgeber habe nur die Korrektur über¬ 
nommen. Am Schlüsse seiner einleitenden 
Notizen bemerkt der Herausgeber noch, dass 
die „Instruktionen für die Männer, Frauen für 
sich einzunehmen“, für Franzosen weniger In¬ 
teresse hätten; sie seien lediglich in Rücksicht 
auf die Yankees geschrieben worden. 

46. Lola Montez: Abenteuer der berühmten 
Tänzerin. Von ihr selbst erzählt. Verlag der 
Kösslingschen Buchhandlung, Leipzig. 1848. 
12°. 32 S. 

Die Broschüre enthält heftige Ausfälle gegen 
die Jesuiten, aber keine Autobiographie. 

47. Ein Drama von Lola Montez . Der 
genaue Titel dieses Dramas ist uns nicht be¬ 
kannt geworden; es soll anfangs der fünfziger 
Jahre in New-York und später auch in Kali¬ 
fornien mit Beifall aufgeführt worden sein und 
Lola in der Heldin des Stückes sich selbst 
verherrlicht haben. 

48. Lectures of Lola Montez (Countess 
of Landsfeld), including her Autobiography. 
New York, Rudd & Carleton, 310 Broadway 
MDCCCLVIII (1858). 8°. Mit Porträt. 292 S. 

Chap 1—2: Autobiography. 3. Beautiful 
women. 4. Gallantry. 5. Heroines of history. 
6. Comic aspect of love. 7. Wits and women 
of Paris. 8. Romanism. 

49. Memoiren der Lola Montez (Gräfin von 

Landsfeld). Neun Bände. Berlin 1851. Druck 
und Verlag von Carl Schultzes Buchdruckerei, 
Breite Strasse 30. 8°. Gegen 1600 Seiten. 

Angeblich nach dem Englischen. Inwieweit 
es sich hier um Lolas eigenes Produkt handelt 
oder wieviel eine fremde Hand mitgewirkt hat, 
lässt sich schwer feststellen. An Abenteuer¬ 
lichkeit kommen die in dem Buche geschilderten 
Erlebnisse beinahe denen des Casanova gleich; 
wenn aber Casanovas Schilderungen zu vier 
Fünftel wahr sind, so existierten die Lolas zu 
vier Fünftel wohl nur in deren Einbildung. Dem 
Ganzen merkt man die Absicht an, Sensation 
zu machen, doch ist das Buch gewandt und 
interessant geschrieben. Dass Lola nach ihren 
eigenen Schilderungen — sofern es wirklich 
solche sind^und das Ganze nicht eine geschickte 


Buchhändlerspekulation ist, was zu untersuchen 
sich nicht der Mühe lohnt — absolut rein und 
bewunderungswürdig dasteht, bedarf keiner 
besonderen Bestätigung. 

VII. 

Bemerkenswerte Artikel über Lola 
Montez. 

Bei der Flut von Artikeln, die seiner Zeit 
über Lola Montez in allen Blättern der Welt 
erschienen, kann es sich für uns nur darum 
handeln, einzelne der wichtigsten derer anzu- 
fiihren, die wirklich interessantes Material bringen 
oder psychologisch und kulturgeschichtlich von 
Bedeutung sind. 

50. Aus dem bayrischen Vormärz von Ludwig 
Steub . Beilage der „Augsburger Allgemeinen 
Zeitung“ vom 20. April 1849. Wiederabgedruckt 
in dem im Jahre 1869 im Verlag von Emst 
Keil, Leipzig, unter dem Titel Altbayrische 
Kulturbilder erschienenen Buche des wackeren 
Steub. 

51. Baiern unter dem Ministerium Abel. 
„Die Gegenwart“, Leipzig. Sechster Band 1851. 
S. 672—734. Dieser, wenn auch nicht direkt 
sich mit Lola beschäftigende Artikel giebt ein 
instruktives Bild der Zustände, die zu dem 
endlichen Zusammenbruche führen mussten. 
Anonym. 

52. Baiern unter dem Übergangsmmisterium 
von 1847 —49 ‘ Ebendaselbst Siebenter Band 
1852. S. 688—758. Die Fortsetzung des vorher¬ 
genannten und von demselben Verfasser. Be¬ 
schäftigt sich eingehend mit dem Einfluss und 
der Bedeutung der Lola Montez auf die Ent¬ 
wicklung der bayrischen Verhältnisse. 

53. Dr. Sepp: Ludwig Augustus, König von 
Bayern 1869. 

54. Baiern und sein König Ludwig L „Gegen¬ 
wart“, I. Band, S. 183—202. 

vm. 

Werke über Lola Montez. 

Wenn man die zahlreichen Broschüren und 
Werke über Lola Montez überblickt, so wird 
man finden, dass die meisten einer Buchhändler-, 
Litteraten- oder Parteispekulation ihre Ent¬ 
stehung verdankten. Die wenigsten Arbeiten 
können geschichtswissensghaftlichen Wert für 


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Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


125 


sich in Anspruch nehmen; das Urteil der Ver¬ 
fasser wurde durch gründliche Sachkenntnis 
meist nicht getrübt. 

55. Dr. Paul Erdmann : Lola Montez und 
die Jesuiten. Eine Darstellung der jüngsten 
Ereignisse in München. Hamburg, Hoffmann 
& Campe, 1847. 8°. VI u. 370 S. 

Der Verfasser dieses ziemlich interessanten, 
damals viel gelesenen und häufig zitierten 
Werkes stellt sich ganz auf die Seite der Lola 
Montez. Sein Buch soll von der ersten bis 
zur letzten Seite eine Rechtfertigung ihres 
Charakters und ihrer Handlungen sein. 

56. J. Venedey: Die spanische Tänzerin 

und die deutsche Freiheit Paris, gedruckt bei 
Wittersheim, rue Montmorency 8. 1847. 16 0 . 

119 S. S. 1—43 betrifft Lola Montez. 

Diese Broschüre enthält den bekannten gegen 
Ludwig I. gerichteten Brief, den Venedey an 
die „Kölnische Zeitung“ richtete, sowie die 
Kontroverse, welche Venedey mit den Redak¬ 
teuren des Pariser „National“ und der „Demo- 
cratie pacifique“ hatte, als er dort den Brief 
unterbringen wollte, nachdem ihm die „Kölnische 
Zeitung“ die Aufnahme verweigert hatte. 

57. Die Münchner Vorgänge . Mit Porträt 
der Lola Montez. („Die Laterne“ 1847. No. 2.) 

58. Mola oder Tanz und Weltgeschichte . 

Eine spanisch-deutsche Erzählung. Leipzig, 
Ernst Keil & Comp., 1847. KI.-8 0 . 326 S. 

59. Lola Montez und andere Novellen von 
Rudolf 0 . Ziegler Stuttgart und Leipzig, Deutsche 
Verlagsanstalt (vorm. Ed. Hallberger). 8°. 209 S. 
S. 1—80: Lola Montez. 

60. Lola Montez mit ihrem Anhänge , und 

Münchens Bürger und Studenten! Ein dunkler 
Fleck und ein Glanzpunkt in Bayerns Ge¬ 
schichte. Münchens edlen hochherzigen Bürgern 
und Studenten in tiefgefühlter Verehrung zu¬ 
geeignet von einem Unparteiischen. München, 
Dr. Wildsche Buchdruckerei 1848. 12°. 36 S. 

Als Verfasser stellt sich am Schluss des 
Buches Karl Wilhelm Vogt vor. 

61. Lola Montes und ihre politische Stel¬ 

lung in München. Nach einem englischen Be¬ 
richte und mit einem Vorwort des deutschen 
Herausgebers. München 1848. Druck der Joh. 
Deschlerschen Offizin. Gr.-8°. 16 Seiten. 

Der Bericht stammt angeblich von dem 
Engländer Francis , der sich im Herbst 1847 
längere Zeit in München aufhielt und auch 


bei Lola Montez eingeführt war. Er war zuerst 
in „Frazers Magazin“ erschienen und wurde dann 
von der in englischer Sprache in Paris er¬ 
scheinenden Zeitung „Galignanis Messenger“ in 
der Nummer vom 18. Januar 1848 abgedruckt. 
Aus diesem Blatte stammt die Übersetzung ins 
Deutsche. Francis beginnt mit einem Hymnus 
auf die kulturellen Grossthaten Ludwig I. und 
endigt mit einer durchaus nicht ironisch ge¬ 
meinten Tirade auf Lolas Sittenstrenge. 

62. Lola Montes t Gräfin von Landsfeld. Mit 

Titelporträt (Kniestück in Holzschnitt). München, 
J. Deschler, 1848. 8°. 

16 S. Inhalt: 1. Allgemeine Studenten- und 
Volksbewegung in München am 8. bis 12. Februar 
1848. 2. Die Allemannen. 3. Das Volk in 

München und die Küche der Gräfin Landsfeld. 
4. Die durch geraubtes Holz verfolgte Gen¬ 
darmerie. 5. Lola auf der Flucht und das 
Nachtlager in Blutenburg. 6. Nachtrag. 

63. Bericht aus München über die Ereignisse 

des 9., 10., 11. Februar 1848. München, Leonh. 
Henzel, 1848. 8°. 21 S. 

64. L . Beyer (ps.): Glorreiches Leben und 
Thaten der edelen Sennora Dolores. Aus dem 
Spanischen, verteutscht durch —. Leipzig, 
E. O. Weller, 1847. kl. 8°. 24 S. 

65. Lola Montez (1823—61). Anfang und 
Ende der Lola Montez in Bayern . Wahrheits¬ 
getreue Schilderung der Zeit vom Oktober 1846 
bis Februar 1848. München 1848. In Kom¬ 
mission bei Christian Kaiser. 8°. 14 S. u. 2 Bl. 
Anhang: Das Nachtlager in Blutenburg oder 
der Lola Montez letztes Verweilen in Münchens 
Nähe. 8°. 

Volkstümliche, höchst einseitige Darstellung 
der Ereignisse. 

66 . Strodl : Kirche und Staat in Bayern 
unter dem Minister Abel und seinen Nachfolgern. 
Eine kirchlich-politische Denkschrift. Schaff¬ 
hausen, Hurter, 1849. 8°. XII u. 425 S. S. 227 
—381: Die Zeit des Lola-Montanismus, der 
Morgenröte und der neuen Freiheit. 

67. Dr, Jos, Wolf: Walhalla der grossen 

Fest- und Versöhnungswoche zwischen König 
und Volk in München, vom 6.—13. März 1848. 
Historisch erbaut von —. München, Dr. Wolf 
und Deschler. Gr.-8°. 16 S. 1848. 

Kapitel 8. Fort mit Lola! — Lola noch¬ 
mals in München. — Ächte Biographie der 
Lola. 


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126 


Fuchs, Lola Montez in der Karikatur. 


68. Lola Montls. Mdmoires accompagnes 
de lettres intimes de S. M. le roi de Baviere 
et de Lola Montes, avec facsimile, omes des 
portraits de S. M. le roi de Baviere et de Lola 
Mont&s, sur originaux donnes par eux ä Tauteur. 
Po6sies, documents politiques et litt^raires 
inedits, par Auguste Papon. Nyon, Canton de 
Vaud (Suisse) J. Desoche, Imprimeur-öditeur. 
1849. Gr.-8°. 96 S. — Statt angekündigter fünf 
Lieferungen erschien nur diese eine. 1 

Erpressungsschrift ärgster Art. 

69. Lola Montez . Memoiren in Begleitung 

vertrauter Briefe Sr. Majestät des Königs Ludwig 
von Bayern und der Lola Montez. Heraus¬ 
gegeben vonA. Papon und Anderen. 5 Bändchen 
in 1 Band. Stuttgart, Verlag von J. Scheible, 
1849. 12°. 552 S. 

Der erste Teil ist eine Übersetzung des 
ebengenannten französischen Originals; als aber 
nichts weiter erschien, d. h. als Papon allem 
Anscheine nach mit dem veröffentlichten Teil 
das glücklich erreicht hatte, auf was er speku¬ 
lierte, ein gehöriges Schweigegeld, da wusste 
sich der deutsche Übersetzer zu helfen: er 
schusterte aus dem vorhandenen Material den 
grösseren Rest zusammen und schrieb auf den 
Titel neben Papon „und Andere“. So kam es, 
dass das Werk, das mit den heftigsten Angriffen 
auf Ludwig und Lola begann, sich allmählig 
ungefähr in das Gegenteil umwandelte. Ein 
Sammelsurium von Wahrheit und Dichtung. 

70. Lola Montez oder Münchens Bürger 

von einst und jetzt. Mit Porträt auf dem Um¬ 
schlag. Verlag von Ottomar Zieher, München 
1896. gr. 8°. 16 S. 

71. Vor fünfzig fahren. Lola Montez in 
München, von f. M. Förster . (Separatabdruck 
aus dem „Neuen Münchener Tageblatt“.) Mit 
dem Porträt der Lola, des Studenten Peissner, 
des Ministers Maurer und des Fürsten Ludwig 
von Öttingen-Wallerstein. Nebst Ansicht des 
Hauses der Gräfin von Landsfeld in der Barer¬ 
strasse zu München und der Flucht der Gräfin 
von Landsfeld in das Kgl. Schloss, gr. 8°. 
16 S. 1896. 


72. Der Antheil der Münchener Studenten¬ 
schaft an den Unruhen der Jahre 1847 und 1848. 
(Lola Montez — Studentenfreicorps.) Von 
Ferdinand Kurz . München, Akademischer Ver¬ 
lag. 8°. 112S. 1897. Enthält die Porträts von 
Lola Montez, des Staatsministers v. Pechmann 
und des Rektors Friedrich v. Thiersch in 
Autotypie. 

Vom Studentenstandpunkt aus geschrieben. 

An weiteren Werken über Lola Montez 
fanden, wir noch die folgenden zitiert: 

Lola Montez . Ein Roman von Bülow. (Wo 
erschienen?) 

Lola Montez , jetzige Gräfin von Landsfeld, 
oder das Mensch gehört dem König. Gerichts¬ 
verhandlung aus der neuesten Zeit. Birsfeld 
1848. 8°. 

Nach Hayn Bibi. Germ. Erot. S. 207 seltene 
Skandalschrift voll heftiger Ausfälle gegen den 
König und Lola. 

Auch Gautier soll in seiner „La Gitana“ 
Lola Montez zum Vorbild genommen haben. 

Hiermit ist das Material erschöpft, das wir 
über Lola Montez erlangen konnten. Wir sind 
überzeugt, dass in allen Rubriken Lücken vor¬ 
handen sein werden, doch wird es das Wich¬ 
tige in ziemlicher Vollständigkeit umfassen. 2 

Wir haben gesehen, dass für die Entstehung 
der Lola Montez-Karikaturen alle Grundlagen 
vorhanden waren, die für die Karikatur im 
allgemeinen von Wichtigkeit sind. Vor allem 
das Haupterfordernis: grosse politische Be¬ 
deutung, ferner zahlreiche Angriffspunkte im 
öffentlichen und privaten Leben und endlich 
eine ständig treibende Kraft in einer mächtigen 
Oppositionspartei. So wurde Lola Montez neben 
den Spottbildern auf die Berliner Ereignisse 
zu dem interessantesten Kapitel der politischen 
Karikatur des Jahres 1848, doppelt interessant, 
weil das Jahr 48 das eigentliche Geburtsjahr 
der deutschen politischen Karikatur ist und die 
Lola Montez-Karikaturen die erste grössere 
Manifestation dieser Art bedeuten. 


1 In der Münchener Ilofbibliothek befinden sich 2 Lieferungen des Pamphlets. F. v. Z. 

2 Lola Montez-Karikaturen sollen sich, wie ich erfahre, noch in grösserer Anzahl in folgenden Sammlungen 
befinden: Freiherr von Marschalk in Bamberg, Germanisches Museum in Nürnberg, Maillingersche Sammlung in 
München, Historisches Museum in Würzburg, Altertumsvercin in Mannheim. Ich weiss indessen nicht, ob sich unter 
diesen Karikaturen auch solche befinden, die dem Herrn Verfasser des obigen Aufsatzes unbekannt geblieben sind. F. v. Z. 


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ieren wir unsere Bücher? 


Anregungen und Vorschläge. 


F. Grunwald in Berlin. 


PTjHTflie Regal, hie Schrank! tönt schon seit Conservierung hier und da das offene Regal 
0 M 9 c * n P aar J a hrhunderten der Kriegsruf, der Glasscheibe vorziehen, so geschieht dies 
un d die schlechtesten Bücher sind es wohl meistens, um leichter und intimer mit unsem 
nicht, die der freudeglühende Forscher aus Lieblingen in Verkehr treten zu können, um 
alten Truhen hob. Wenn der Franzose das uns ungeblendet an der Schönheit ihrer Ein- 
Unterbringen der Bücher „caser les livres“ nennt, bände erfreuen, sie ohne den ewig unauffind- 
so drückt er damit völlig die Ansicht jedes baren Schlüssel liebevoll erfassen und ohne 
Bibliophilen aus. Wir wollen — heute mehr kreischende Thüren ihre Blätter wenden können, 
als je — unsern Büchern eine Wohnung geben. Die Schränke können aber schräg zum 
nicht nur ein Behältnis, um sie aufzuheben, und Fenster gestellt, die Schlüssel am Brett auf- 
wenn wir selbst dabei auf Kosten sorgsamerer bewahrt, die Thüren geölt werden, höre ich 


Studierzimmer. 

Entworfen in den Ateliers vou Max Bodenheim & Co. in Berlin. 
(Abb. 3.) 


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Grunwald, Wie logieren wir unsere Bücher? 


sagen. Gewiss — aber ist denn Alles in dieser ponieren, und so richtet sich nicht mehr die 
Welt, wie es sein könnte t — . Bibliothek nach den Sesseln, sondern hat den 

Seit die fürchterliche Zeit der Massenstile ihr gebührenden ersten Platz wieder erobert 
der siebziger und achtziger Jahre überwunden Geschmackvolle „Innenarchitekten“ — wie 
ist, beginnt man wieder die gesamte Ein- reich ist doch die Zeit an neuen Worten! — 
richtung um das Hauptmöbel herum zu kom- haben ihr ein Spezialstudium gewidmet. 



Arbeitszimmer mit Bibliotheksschrank. 
Entworfen in den Ateliers von Max Bodenheim & Co. in Berlin. 
.(Abb. 4.) 


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Granwald, Wie logieren wir unsere Bücher? 



Eine Reihe besonders reiz¬ 
voller Skizzen, welche aller¬ 
hand Geschmacksrichtungen 
gerecht werden, hat auf unsern 
Wunsch die Firma Max Boden¬ 
heim 6* Co ., Ateliers für Innen¬ 
dekoration, in Berlin W., Unter 
den Linden 6, durch ihre 
Architekten Meier und Werle 
entwerfen lassen. Sie behan¬ 
deln sowohl die Miniatur¬ 
bücherei, wie die tausend¬ 
bändige und dürften das 
Interesse unserer Leser fesseln. 

Ich möchte der Besprech¬ 
ung der Skizzen ein paar 
allgemeine Bemerkungen vor¬ 
anschicken. Bei einer Biblio¬ 
thek soll immer die Frage der 
Zweckmässigkeit des Ganzen 
obenan stehen: also viel Licht 
und Luft, denn auch die sorg¬ 
lichst abgestäubten Bücher 
verbreiten bei der geringsten 
Erschütterung auf der Strasse 
oder im Hause eine grosse 
Menge Staubpartikelchen. Die 
Fenster müssen leicht zu¬ 
gänglich und in voller Grösse 
zur Beleuchtung ausgenutzt 
sein. Leichte, schmale Gar¬ 
dinen, etwa in Libertyseide, 
deren köstliche Muster zum 
Teil von Walter Crane und 
seinen Jüngern selbst her¬ 
rühren, sind durchaus nicht 
zu „weibisch“ und gestalten 
ein Zimmer im Verein mit 
einem Teppich, der das Knirschen derber 
Stiefelsohlen bei einsamen Spaziergängen auf¬ 
saugt, sehr traulich. 

Es ist glücklicherweise ausser Mode ge¬ 
kommen, die Platten der Salontische mit sog. 
Prachtbänden zu überladen. Man leistet sich 
dafür heute eine kleine Anzahl prächtiger Bände, 
die nicht nur vom ungeduldigen Besucher 
durchblättert werden, während Madame Toilette 
macht. Diesen zierlich gebundenen, auch den 
Besitzern vertrauten Bänden, die verlorene 
Minuten gut ausfüllen helfen, ist ein kleines 
Eckplätzchen (Abb. i) gewidmet. Das englisch- 

Z. f. B. 98/99. 


Partie e iner Damen-Bibliothek. 

Entworfen in den Ateliers von Max Bodenheim & Co. in Berlin. 
(Abb. x.) 


schlanke geschlossene Schränkchen enthält 
vielleicht Maupassants Werke in Omptedas voll¬ 
endeter Übertragung, ein paar gute deutsche 
Romane — es soll auch deren geben — während 
aus der ungleich niedrigeren, halb offenen Seite 
einige Bände Bierbaum oder Dehmel, irgend 
etwas aus einem modernen Verlage mit 
ihren vielfarbigen Deckeln schimmert. In den 
zwei flachen Schiebladen, welche den Unter¬ 
bau einnehmen, bergen sich verschämt die 
Modenblätter, die nur hervorgeholt werden, 
wenn kein spöttischer Mann im Zimmer weilt. 
Unmittelbar an das Schränkchen schliesst 

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130 


Grunwald, Wie logieren wir unsere Bücher? 


sich ein Eckdivan, der durch einen gemalten 
Fries gegen die Wand abgegrenzt und durch 
ein schmales Bort gekrönt ist, auf dem sich 
ebenfalls Bücher, vielleicht mit Bronzen ge¬ 
mischt, befinden können. Ein kleiner, vier¬ 
eckiger Tisch und ein bequemer niedriger 
Polsterstuhl füllen die Ecke aus. Jedes recht¬ 
eckige Zimmer irgend einer Mietswohnung lässt 
diese Anordnung zu. 

Ebenso leicht ist die Einrichtung des Biblio¬ 
thekzimmers Abb. 2 unterzubringen: ein nicht 
zu unterschätzender Vorzug der Werleschen 


Skizzen. Das Zimmer ist als am Ende der Flucht 
liegend gedacht; die Thürlaibung des links ge¬ 
legenen Eingangs ist mittels schmaler Regale 
nutzbar gemacht; eine Sammlung Duodezbände, 
etwa Elzevirs, lässt sich ohne Überladung gut 
aufstellen. Ein tuchbezogener Divan unterhalb 
des Fensters gestattet dem Bewohner noch, 
die letzten Lichtstrahlen auszunutzen, während 
der Regalreihe die ganze Längswand gegenüber 
der Thüre reserviert bleibt. Die horizontale 
Gliederung dieser Regale wird in halber Höhe 
durch eine Reihe von Schiebladen betont, ober- 
























Grunwald, Wie logieren wir unsere Bücher? 


131 



Partie aus einer Schloss-Bibliothek. 
Entworfen in den Ateliers von Max Bodenheim & Co. in Berlin. 
(Abb. 6.) 


halb welcher die nächstfol¬ 
gende, etwas höhere Bücher¬ 
kolonne durch eine seidene 
Gardine verhängt werden 
kann. Ebenso lässt sich je 
nach Bedarf an Raum und 
Eleganz der Ausstattung die 
oberste Reihe durch ein Sims 
mit Schnitzereien ersetzen. 

Der Büchertisch mit Seiten¬ 
klappen ist freistehend ge¬ 
dacht. 

Eine glückliche Verbin¬ 
dung von Regal und Schrank 
stellt Abb. 3 dar; bis zu 
zwei Dritteln der Höhe reicht 
die Verglasung, während die 
oberen, durch luftige Holz¬ 
schnitzereien eingesäumten 
Brette offen sind. Dieser 
Mittelbau wird rechts und 
links von schmalenSchränken 
flankiert, deren Thüren reich mit Schmiedeeisen 
geziert sind. Die von Vorhängen geschlossenen 
Tische des unteren Teils bringen geschickt 
Abwechslung in den vertikalen Charakter des 
Ganzen. Der Schreibtisch mit seiner schmalen 
Schmuckgallerie — die ich übrigens an dieser 
Stelle nicht für recht praktisch halte — schliesst 
sich dem Stil des Hauptmöbels an. Obwohl 
man eigentlich Bücher nie gegen das Licht 
aufstellen soll, ist doch die Seitenbalustrade 
des Erkers sehr geschickt für ein niedriges 
Gestell ausgenutzt worden, dessen Deckbort 
frei bleiben soll, um durch entsprechende 
Nippes, Köppinggläser oder Elfenbeinschnitze¬ 
reien, das ziemlich wuchtige Äussere der Ein¬ 
richtung etwas leichter erscheinen zu lassen. 

Abb. 4 bringt durch unregelmässige Verwen¬ 
dung kleiner, etwa Brochüren verbergender Zier¬ 
felder eine neue Variante des Regalcharakters. 
Der Ausschmückung der Krönung ist beson¬ 
dere Sorgfalt gewidmet; ein Vorhang schliesst 
die unteren Buchreihen gegen Staub ab. Der 
Gesamteindruck dürfte wohl ein wenig spielrig 
und unruhig sein und mehr für die Konversations¬ 
zimmer eines eleganten Hotels als für ein 
ernstes Bücherzimmer passen; auch der Schreib¬ 
tisch scheint mir mit seinen Papierschiebladen 
und der nicht allzu grossen Platte besonders 
für jenen Zweck geeignet; er würde fraglos, 


an eine feste Wand gestellt, sehr gewinnen. 

Skizze 5 und 6 verlassen das Mietshaus, 
um sich dem eignen Besitz zuzuwenden. Erstere 
ist wohl als eine Art „Library-Hall“ ‘gedacht, 
obwohl ein augenscheinlich zum Durchgang 
bestimmtes Zimmer nicht gerade das Ideal des 
die tiefste Stille liebenden Bücherfreundes sein 
dürfte. Schlichte, hin und wieder durch vor¬ 
springende Schränkchen unterbrochene Bücher¬ 
reihen paneelieren in zwei drittel Höhe den 
hohen überwölbten Raum. Ganz besonders 
originell ist hier der Schreibtisch, an dessen 
Diplomatenplatte sich links ein Spindchen 
anschliesst, das gleichzeitig die Verbindung 
mit der Wand herstellt. Aufbau und Schnitzerei 
erinnern an die stumpftürmigen Kirchen des 
XIII. Jahrhunderts. 

Abb. 6 reproduziert Bücherschränke im 
eigensten Sinne, die in keinerlei organischem 
Zusammenhang mit dem Bau stehen, wenn sie 
auch auf der Skizze die ihnen zugewiesene Wand 
gerade ausfüllen. Sie stehen rechts und links 
neben einem Kamin, aber man kann sich ganz gut 
noch ein halbes Dutzend ebensolcher Schränke 
an den andern Zimmerwänden denken. Bei 
diesen grossen, edelproportionierten Schränken 
liegt die ganze Wirkung in der Schönheit des 
verwandten Materials und der Schnitzerei. Die 
einzig zulässige Farben Verwertung dürfte durch 


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Bibliothekshalle in einem Landschloss. 
Entworfen in den Ateliers von Max Bodenheim & Co. in Berlin. 
(Abb. 5 ) 


bunte Kissen auf dem weit vorspringenden bank¬ 
artigen Unterbau und schmale Borte aus Bunt¬ 
glas, die sich längst des dekorativen, halbrunden 
Fensters hinzieht, zu erreichen sein. Selbst¬ 
verständlich bedarf ein solcher Raum — nach 
den Dimensionen ist wohl an eine Schloss¬ 
bibliothek gedacht worden — noch anderer, 
grösserer Fenster, um das erforderliche Licht 
in sich aufzunehmen. 

Man sieht, Max Bodenheim & Co. haben 
thatsächlich für jede Geschmacksrichtung etwas 
gefunden, das unsern Büchern ein behagliches 
Heim sichert. Ich möchte denjenigen Formen 
den Vorzug geben, die einen steten weiteren 
Anbau gestatten, wenn die Sammlung zu 
zahlreich für das alte Heim geworden ist. Es 
sieht doch gar zu hässlich aus, wenn eine 


Bibliothek „auf Zuwachs“ berechnet ist und 
wenn uns jahrelang hohle Lücken vorwurfs¬ 
voll anstarren oder wenn gar zwei Reihen 
von Büchern hintereinander postiert werden 
müssen — aus Mangel an Platz, und wenn man 
nur nach den Umschiebungskünsten eines chine¬ 
sischen Geduldspiels den gewünschten Band 
erwischen kann. 

Natürlich ist mit einem oder selbst mehreren 
Repositorien und dem Schreibtisch die Ein¬ 
richtung einer Bücherei nicht erschöpft. Da 
fehlen noch die Pulte, auf denen schwere Bände 
zum Nachschlagen ruhen können; da fehlen 
Tritte und Leitern, Studierlampen und solche, 
die auf beweglichem Gestell an den Schränken 
hin und her gleiten. Da fehlen Glasschreine 
für kostbare Einbände und Zeitungstische für 


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Buchholtz, Die Berliner Litteratur von 1848. 


133 


die grossformatigen Brochüren und Monats¬ 
schriften. Auch eine Mappe für einzelne 
Illustrationsblätter und ein Papierkorb gehören 
in unsre Bücherei, wenn sie uns wirklich der 
behagliche Aufenthalt werden soll, in dem 
wir uns mit unsem lieben gedruckten, ge¬ 


schriebenen und gemalten Freunden ungestört 
unterhalten können. Ich hoffe auch von diesen 
noch nicht gebrachten Gegenständen bald so 
vollendete Abbildungen zu erhalten, dass es sich 
lohnt, sie den Lesern der „Z. f. B.“ bei passender 
Gelegenheit vorzuführen. 




Die Berliner Litteratur von 1848. 

Von 

Dr. Arend Buchholtz in Berlin. 

(Schluss aus Heft II.) 


„Preussen vordemachtzehnten März“ (Leipzig, 
J. J. Weber 1849, 2 Teile) ist ein anonym er¬ 
schienener politischer Roman, zu dem Heinrich 
Simon das Vorwort geschrieben hat, recht 
harmlos nach seinem Inhalt und unbeholfen in 
der Form. Noch im Revolutionsjahre selbst 
kam Alexander v. Sternbergs Erzählung „Die 
Royalisten“ heraus (Bremen, Schlodtmann); sie 
ist einmal viel gelesen worden, und alle Vor¬ 
züge dieses talentvollen Dichters verleugnen 
auch die Royalisten nicht; seine patriotische 
Gesinnung, die ihn damals, obwohl er selbst 
kein Preusse war, für Preussens Grösse und 
Ruhm eintreten lässt, ist erfrischend, aber wenn 
er allen Ernstes behauptet, die Schilderung des 
achtzehnten März, die er in einem Kapitel giebt, 
wäre so wahr, dass auch nicht ein Wort von 
dem, was dort als Thatsache hingestellt sei, 
ohne die sorgfältigste Prüfung und ohne un¬ 
mittelbaren Bericht der Augenzeugen nieder¬ 
geschrieben worden wäre, so ist das doch eine 
Naivetät. 

In zwei Abteilungen schrieb Rudolph Lu- 
barsch unter dem Pseudonym L. Schubar einen 
historischen Roman aus der Berliner März¬ 
revolution: „Fürst und Volk“ mit der Fort¬ 
setzung: „Die Märztage“ (Berlin, Sacco 1849 
und 1850), Hugo Harzburg einen vierbändigen 
Roman: „Der achtzehnte März. Dies Buch ge¬ 
hört dem deutschen Volke“ (Berlin, Schneider 
1850), Adolph Schirmer einen Tendenzroman 
in Versen: „Politisches Maibüchlein“ (Hamburg, 
Hoffmann & Campe 1848), und Adolph Streck- 
fuss sein vielgelesenes Buch: „Die Demokraten. 


Ein Roman in Bildern aus dem Sommer 1848“ 
(Berlin, Gerhard 1850, 3 Teile) mit vielen die 
Neugier des Lesers spannenden Kapitelüber¬ 
schriften : „Wie Meister Neumann einen geheim¬ 
nisvollen Miether erhält“, „Die Vorbereitungen 
der Royalisten zum Zeughaussturm“, „Wie der 
Lieutenant von Berg in einer Schlinge gefangen 
wird“ u. a. m., das ganze dicke Buch auf fast 
achthundert Seiten eine dichterische Verherr¬ 
lichung der „Reinheit und Herrlichkeit der demo¬ 
kratischen Ideen“, aber auch ein ununterbrochenes 
Geschimpfe auf die „Hinterlist und Gewissen¬ 
losigkeit“ der Reaktion. Die reiche Phantasie 
des Dichters Streckfuss macht in diesem seinen 
ersten grossen Roman ebenso tolle Sprünge, wie 
der ,Geschichtsschreiber' Streckfuss sie in seinen 
bekannten verbreiteten Geschichtswerken mit 
grösserem Erfolge auch noch in späteren Jahren 
ausgeführt hat. 

Ausserordentlich reich ist die Friedlaender- 
sche Sammlung an humoristischen Blättern. 
Es kam ihrer Popularität wohl sehr zu statten 
dass eine Anzahl talentvoller Zeichner ihnen 
ihre Kunst zur Verfügung stellte. 

Noch aus dem vormärzlichen Berlin stammte 
der liebenswürdige Illustrator Theodor Hose¬ 
mann. Er war dem Buchhändler Winckelmann 
von Düsseldorf nach Berlin gefolgt, und jahr¬ 
zehntelang war nun hier sein Zeichenstift in 
unausgesetzter Bewegung: er wurde der Refor¬ 
mator der illustrierten Jugendliteratur, und kaum 
dass ein Weihnachtsfest verging, an dem nicht 
Werke seines anmutigen Humors erschienen 
wären. E. T. A. Hoffmanns und Jeremias Gott- 


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Buchholtz, Die Berliner Litteratur von 1848. 


helfs Erzählungen, dem „Münchhausen“ und 
den „Geheimnissen von Paris“ hat er durch 
seine Illustrationen erst die rechte Verbreitung 
geben helfen, und selbst populär wurde er durch 
seine köstlichen Zeichnungen von Berliner 
Volkstypen, die einer nun schon lange hinter 
uns liegenden Epoche angehört haben. Er 
schuf die schwarzen und die bunten Bilder zu 
Glassbrenners „Komischen Volkskalendem“ und 
„März-Almanachen“, zu der politisch-humo¬ 
ristischen Zeitung „Freie Blätter“, die gleichfalls 
Glassbrenner herausgab, vor allem aber zu den 
vielen Heften seines „Berliner Volkslebens“: den 
Eckensteher Nante, die Leierkastenmänner und 
die Guckkästner, den Arbeiter mit Frau und 
Kindern, wie sie sich um die dampfende Kartoffel¬ 
schüssel setzen, den Weihnachtsmarkt und 
Fritz und Stephan mit ihren Waldteufeln und 
Papierfahnen, wie sie brüllend ihre Ware feil¬ 
bieten, den Droschken- und den Lohnkutscher, 
Schusterjungen und Hökerweiber und was sonst 
noch alles das Berliner Strassenbild belebte. 
Auch noch in den Märztagen und später be¬ 
gegnen wir oft den Zeichnungen Hosemanns. 
Zu seinen grössten Bildern zählt ein koloriertes 
Blatt, das bei Wilhelm Hermes, Berlin, König¬ 
strasse 26, erschien und das Begräbnis der 
Feder und die Herrschaft der Zensur darstellte. 
Bekannter sind Hosemanns „Rehberger“ — so 
nannte man die an der Abtragung der Reh¬ 
berge beschäftigten Erdarbeiter — Leute, die 
andere an der Arbeit hinderten und sie von 
ihr gewaltsam vertreiben wollten, auch gegen 
den bauleitenden Beamten aufsässig wurden und 
ihn gern an den nächsten Baum gehängt hätten, 
sodass sich eines Tages das ungeheuerliche 
Gerücht in Berlin verbreitete, die Rehberger 
wollten die Stadt überfallen. Die Verlumptheit 
dieser die Berliner Strassen unsicher machenden 
Gestalten zu skizzieren, ist Hosemann vortreff¬ 
lich gelungen, aber zur humoristisch-satirischen 
Illustration politischer Vorgänge war er denn 
doch nicht so geschaffen, wie für die Klein¬ 
malerei des Krähwinkeltums, das dem vor¬ 
märzlichen Berlin in so prägnanter Weise an¬ 
haftete. 

Da trat dann in Wilhelm Scholz ein echtes 
Berliner Kind auf, dem mit der Gabe sonnigen 
Humors ein glänzendes Talent zur Karikatur, 
ein erfindungsreicher Witz und eine spitze 
Zeichenfeder verliehen waren. Zum erstenmal 


war er in die Öffentlichkeit getreten, als er, 
mit Ernst Kossak verbunden, eine Satire auf 
die Berliner Kunstausstellung schrieb. Auf dem 
Felde der politischen Satire tummelte er sich 
zum ersten mal, als er sich mit Rudolph Gen6e, 
der damals ein sehr fleissiger und rühriger Holz¬ 
schneider war, und Gustav von Szczepanski 
zusammenthat, um ein politisch-satirisches Blatt, 
den „Eulenspiegel“ (Winter 1847/48, im Verlage 
von Simion) zu kreieren; aber als dies hoffnungs¬ 
volle Kind schon nach dem ersten Lebens¬ 
zeichen verendete, wandte sich Scholz anderen 
Blättern zu. Als die Februarrevolution aus¬ 
brach, gab er mit Szczepanski „Berliner Rand¬ 
zeichnungen zur Geschichte der Gegenwart“ 
heraus. Davon ist aber nur ein Heft mit sechs 
köstlichen „Variationen“ über Louis Philippe 
erschienen; zu einer Fortsetzung kam es nicht, 
da Scholz inzwischen durch seine Thätigkeit 
an den „Freien Blättern“ Glassbrenners, dem 
„Berliner Krakehler“ und dem „Kladderadatsch“, 
dem er fortan bis an seinen Tod angehört hat, 
voll in Anspruch genommen war. 

Die bildliche Karikatur hat überhaupt aus 
den Ereignissen der Berliner Märzrevolution 
und ihren kleinsten Einzelheiten auf das Reich¬ 
lichste geschöpft. Es wäre nicht wenig lohnend, 
wenn man die lange Reihe der Blätter auf ihre 
Entstehung, auf den Urheber, Zeichner und 
Lithographen oder Holzschneider prüfen wollte. 
Viele Blätter hat A. Hofmann, der Begründer 
des „Kladderadatsch“, verlegt, anderes ist bei 
H. Delius, S. Löwenherz, Hirsch, Schepeler, 
A. Sala u. a. herausgekommen, und auch Gustav 
Kühn in Neuruppin blieb nicht unthätig. Meist 
sind die Zeichner unbekannt geblieben. 

Nur einige der verbreitetsten Karikaturen 
greife ich heraus. Eine stellt die am 18. März 
gefallenen „1200“ — Militärs dar. Sie begehren 
an der Himmelspforte Einlass, aber Petrus wirft 
mürrisch die Pforte zu: „Ach was, es sind ja 
nur zwanzig angemeldet!“ Ein anderes Blatt 
stellt den „Kongress falscher Spieler unter eng¬ 
lischem Schutze“ dar: beim Kartenspiel in einer 
Taverne sitzen drei bekannte Männer, die ihr 
Asyl in London hatten und schon oft karikierenden 
Zeichnern hatten herhalten müssen. 

Sehr beliebt waren die grossen gelben 
Bilderbogen, die A. Hofmann vertrieb: „Traum 
eines roten Republikaners“ („Er träumt so süss 
von Republik, sieht die Tyrannen schon am 


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Buchholtz, Die Berliner Litteratur von 1848. 


Strick . . .“) und das Pendant hierzu: „Traum 
eines Reaktionärs“. Oft ist der Prinz von 
Preussen Gegenstand der Karikatur, viel öfter 
der König, daneben Wrangel, die Bürgerwehr, 
Ministerium und Generalität. Der Karikatur war 
in den Tagen der absoluten Ungebundenheit 
der Presse ein freies Feld gegeben. Wenn man 
ihre Leistungen überblickt, so kann man nicht 
sagen, dass sie in den fliegenden Blättern, die 
oft zu Tausenden an einem Tage im Publikum 
verbreitet wurden, viel Geist und Witz entwickelt 
hat. Neben viel Harmlosigkeit treten doch auch 
viel Plumpheit und Plattheit hervor. Der Geist 
der politischen Karikaturenzeichner erschöpfte 
sich in den paar Witzblättern, und was ausserdem 
noch geleistet wurde, war nicht viel wert. Auch 
die Herstellung der Illustrationen in Holzschnitt, 
in Steindruck und dazwischen auch in Farben¬ 
druck war meist ausserordentlich dürftig, aber 
alles musste möglichst schnell geschafft werden, 
sodass man keine Zeit hatte, auf Zeichnung und 
Vervielfältigung sorgfältig zu achten. 

Eins der ersten periodischen Blätter, die 
ihre Aufgabe in der humoristischen Behand¬ 
lung der politischen wie unpolitischen Tages¬ 
begebnisse sahen, war „Die ewige Lampe“. 
Ihre erste Nummer erschien in Berlin am 
15. April 1848. Den Namen hatte sie sich von 
dem Siechenschen Bierlokal in der Neumanns¬ 
gasse geborgt, und ihrProgramm war, schonungs¬ 
lose Kritik zu üben: „Ihr Grundsatz ist die 
Wahrheit. . . Sollte jemand einen Injurien¬ 
prozess gegen sie versuchen, so wird ihm der 
Dr. Stieber als Verteidiger empfohlen. Die 
Colportirung dieses Organs erfolgt durch die 
Nachtwächter Berlins, welchen aus Rücksicht 
einer höheren Politik vor den arbeitslosen 
pietistischen Predigern der Vorzug gegeben 
werden musste.“ Anfangs gab sich „Die ewige 
Lampe“ recht harmlos. Oft war der Inhalt einer 
Nummer der Niederschlag der Gespräche im 
Kneiplokal der „ewigen Lampe“, in dem viele 
Schauspieler verkehrten, bis schliesslich Dr. 
Arthur Muellers Geist und Ton die Färbung 
gaben, die schon gar nicht mehr harmlos war. 
„Die ewige Lampe“, die beinahe nur durch den 
fliegenden Buchhandel vertrieben wurde und 
weite Verbreitung fand, hat viele ausgezeichnete 
Artikel voll originellen Geistes und sprühenden 
Witzes gebracht, bald aber erregte sie doch 
durch die Rücksichtslosigkeit und Unverfroren¬ 


es 


heit, mit der sie angesehene Personen angriff 
und in die intimsten Privatverhältnisse hinein¬ 
leuchtete, wohlbegründetes Ärgernis. Nament¬ 
lich die hässliche Charakteristik der Mitglieder 
der preussischen Nationalversammlung, die Un- 
geniertheit, mit der sie sich über Takt und 
Anstand hinwegsetzte, verletzte allenthalben. 
Aufsehen erregte sie, als sie in einer Nummer 
ein Verzeichnis aller Berliner Wucherer brachte 
und dann und wann noch eine Ergänzung gab. 

Als Wrangel „Die ewige Lampe“ ver¬ 
bot, versuchte es Arthur Mueller getrosten 
Mutes mit der „Ewigen Leuchte“, wie er von 
nun ab sein politisch-satirisches Oppositions¬ 
blatt nannte, am I. Januar 1849, und als auch 
sie wie die früher erschienenen Extrablätter 
„Die Knute“ und „Die Gasflamme“ unterdrückt 
wurden, da schrieb Arthur Mueller für die erste 
Nummer der „Ewigen Fackel“, wie er die Fort¬ 
setzung seines Blattes nunmehr nannte, einen 
Leitartikel unter der Überschrift: „Hof sie der 
Teufel!“, der ihm sechs Monate Gefängnis ein¬ 
trug. Im April 1849 wurde „Die ewige 
Lampe“ nochmals „angezündet“ diesmal vor¬ 
sichtigerweise in Leipzig, wo es keinen Be¬ 
lagerungszustand gab. Im März 1850 aber zog sie 
nach Berlin zurück und führte hier nur noch 
ein kurzes, von der Polizei und der Staatsan¬ 
waltschaft vielfach beanstandetes Dasein. Im 
Mai hatte sie ausgelebt. Ein vollständiges 
Exemplar dieses originellen Erzeugnisses der 
Märztage mit allen Fortsetzungen und Beilagen 
gehört zu den grössten Seltenheiten. Die 
Friedlaendersche Sammlung hat den Vorzug, 
ein solches zu besitzen. Einige Nummern 
tragen die Bezeichnung: zweite, dritte oder 
vierte Auflage, was beweist, dass die Nach¬ 
frage nach dem pikanten Blatte ungewöhnlich 
lebhaft war. 

Weit überholt wurden alle die bisherigen 
humoristischen Blätter durch die gemeinsame 
Gründung Albert Hofmanns und David Kalischs: 
am 7. Mai 1848 erschien die erste Nummer 
des „Kladderadatsch“. Er nannte sich ein 
„Organ für und von Bummler“. Seinen Cha¬ 
rakter in Blatt und Witz gab er in folgendem 
Programm Ausdruck: „Die Zeit ist umgefallen! 
Der Geist hat der Form ein Bein gestellt! Der 
Zorn Jehovahs brauset durch die Weltgeschichte! 
Die Preussische Allgemeine, die Vossische, die 
Spenersche — Gesellschafter, Figaro und 


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Buchholtz, Die Berliner Litteratur von 1848. 


136 


Fremdenblatt haben zu erscheinen aufgehört 
— Urwahlen haben begonnen — Fürsten sind 
gestürzt — Throne gefallen — Schlösser ge¬ 
schleift — Weiber verheert — Länder gemiss- 
braucht — Juden geschändet — Jungfrauen 
geplündert — Priester zerstört — Barrikaden 
verhöhnt — Kladderadatsch / Wer dürfte hier¬ 
nach die Farbe — die Tendenz — den Cha¬ 
rakter unseres Blattes in Zweifel ziehen. Der 
klare Ausdruck unseres Bewusstseins wird uns 
Männer wie Junius, Julius, Curtius, Gervinus, 
Ruppius und Nebenius; — Löwisohn, Löwen¬ 
feld, Löwenberg, Löwenthal, Löwenheim, Löwen¬ 
stein, Löwenherz, Ledru-Rollin, D. A. Benda, 
Louis Blanc, von Bülow, Eylert und Lamartine, 
Thiele, Hecker, Eichhorn, Struve, Meding und 
Herwegh, Jacoby und Aegidi zu Mitarbeitern 
gewinnen. Berliner! Räumt die Hindernisse 
weg, die dem Erscheinen dieses Journals im 
Wege stehen! — Entsendet Männer voll des 
ächten Berliner Geistes, die auf Kladderadatsch 
subscribiren!“ Dank Kalisch, und noch mehr 
dank Löwenstein und Dohm, die sich ihm sehr 
bald anschlossen, wurde der Kladderadatsch 
unter allen damaligen Witzblättern das beliebteste, 
mit Glück, Geschick und Talent redigierte Blatt. 

Elf Tage nach der ersten Nummer des 
„Kladderadatsch“ begann der „Berliner Kra- 
kehler“ zu erscheinen, am 18. Mai 1848, „am 
sechzigsten Tage nach dem ersten Missver¬ 
ständnis“, im Verlage von Emst Litfass, und 
von C. O. Hoffmann, später von Heinrich Beta 
redigiert. Sein Motto war: „Ruhe ist die letzte 
Bürgerpflicht, die erste aber: immer mit dem 
Kuhfuss!“ Und sein Programm: „die Tendenz 
des Krakehlers ist einzig und allein Krakehl“. 
Als Zeichner waren W. Scholz, G. Bartsch u. a. 
thätig. Auch der „Krakehler“ erfreute sich 
grosser Beliebtheit, wenn er auch an Verbreitung 
hinter dem „Kladderadatsch“ zurückständ. 

Viel weniger wurden Glassbrenners „Freie 
Blätter“ mit dem Motto: „der Staat sind Wir“, 
gelesen, obgleich Glassbrenner der beliebteste 
Humorist in dem vormärzlichen Berlin gewesen 
war, aber er wusste Mafs zu halten, und in jener 
Zeit, die aller Schranken spottete, war das ein 
Mangel. Daneben gab es eine Anzahl illu¬ 
strierter Blätter, denen nur ein kurzes Leben be- 
schieden war. „Der Teufel in Berlin“ (Verlag 
von Louis Hirschfeld), noch vor den Märztagen 
begründet — auch hier arbeitete W. Scholz 


mit — musste, von der Zensur bedrängt, ein- 
gehen; der Märzfreiheit sich freuend, erschien 
er dann noch zweimal, bis er gänzlich einschlief. 
Nur zu einer Nummer brachte es der bei 
A. Bartz gedruckte „Satyr, Blatt für offene 
Meinung und freies Wort“, redigiert von Max 
Cohnheim und Adolph Reich, und auch „Der 
blaue Montag, Organ des passiven Widerstan¬ 
des“ erschien einmal und nicht wieder, im 
Dezember 1848, da Wrangel ihn unterdrückte. 

Die Strassenkämpfe der Berliner Märztage 
sind uns in einer Reihe bildlicher Darstellungen 
überliefert worden. Wie weit hierbei die Phan¬ 
tasie mitgespielt hat, wer weiss das heute noch 
zu entscheiden? Auf denjenigen, der unbe¬ 
fangen die Bilder betrachtet, machen sie den 
Eindruck, als ob die blutigen Szenen doch 
stark aufgeputzt wären, wie das von Winckel- 
mann gedruckte farbige Blatt, das den Kampf 
in der Breitenstrasse am Kölnischen Rathause 
darstellt. Sehr viel dürftiger, aber auch natur¬ 
getreuer ist die kleinere Lithographie von 
J. Boehmer: „Die Barrikade an der neuen 
Königstrasse in der Nacht vom 18. bis 19. März“, 
während bei den bunten Bildern von den Kämpfen 
am Alexanderplatz und an der Landsberger 
Strasse wiederum die Phantasie des Zeichners 
manches hinzugethan hat. Auch hier giebt 
ein schwarzer Steindruck von Wundt eine ge¬ 
treuere Vorstellung des Barrikadenkampfes. Ganz 
in das Reich der Phantasie gehört ein Bunt¬ 
druck von P. C. Geissler in Nürnberg. Auch 
von den Barrikaden an der Ecke der Tauben- 
und Kronenstrasse giebt es ein Bild, und noch 
so mancher andere Vorgang aus jenen Tagen 
ist bildlich dargestellt worden: der Triumphzug 
der freigelassenen Polen, eine Parade der Bürger¬ 
wehr und Schützengilde vor dem Könige auf 
dem Opernplatze, der Umritt des Königs am 
21. März, die Aufbahrung der Särge der Ge¬ 
fallenen, ihr Begräbnis und schliesslich ihre Ein¬ 
segnung im Friedrichshain. 

Die ergreifendste Illustration zu den Bürger¬ 
kämpfen des Jahres 1848 von der Hand eines 
bedeutenden Künstlers sind die sechs schönen, 
ideal ersonnenen, aber realistisch behandelten 
Bleistiftzeichnungen Alfred Rethels: „Auch ein 
Todtentanz aus dem Jahre 1848“, die Hugo 
Bürkner in Holz geschnitten und Robert Reinick 
mit erläuterndem Text versehen hat. Neben 
einer Ausgabe in sechs Blättern in Querfolio 


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Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


137 


giebt es noch einen Brockhausschen Schnell- Verwesung Hohn im Blick, der Held der roten 

pressendruck, einen grossen Bogen, der vor Republik!" . . . 

fünfzig Jahren für fünf Silbergroschen verkauft ^ 

wurde. Beide Ausgaben hat Georg Wigand 

in Leipzig verlegt. Der Sensenmann, der einen Nur flüchtig habe ich den Inhalt der an- 
Emtetag wittert, rüstet sich mit seiner besten sehnlichen Sammlung berühren und manches 
Wehr, der List, der Lüge, der Eitelkeit, Toll- nur streifen können, was eingehender Behand- 
heit und Blutgier, und trabt mit wilder Hast lung wert gewesen wäre, aber betonen möchte 
auf seinem Klepper in die Welt hinaus. In ich nochmals zum Schluss, dass des Geschichts¬ 
einer Schenke wiegelt er Bürger und Bauers- forschers, der seine Studien der Bewegung von 
mann gegen die obere Gewalt auf und beweist 1848 zuwenden will, eine reiche Fundgrube harrt 
ihnen, indem er Krone und Pfeifenstiel gegen Auch zu einer Geschichte der so mannig- 
einander abwägt, dass die Krone nicht mehr faltig gearteten Berliner Presse von 1848 und 
gilt als ein Pfeifenstiel. Er drückt dem Volke ihrer oft gar wunderlichen Eigentümlichkeiten 
das Schwert in die Hand, begleitet es auf die ladet das übersichtlich geordnete Material ein. 
Barrikaden und steht dahinter. „Sie stürzen Vielleicht glückt es, eine Charakteristik der 
rings, er aber lacht: Jetzt lös’ ich mein Ver- politischen und humoristischen Blätter und ihrer 
sprechen Euch: Ihr alle sollt mir werden gleich! Redakteure, wie der Strassenlitteratur und der 
Er hebt sein Wams, und wie sie’s schaun, da Verfasser der unzähligen Einblattdrucke zu 
fasst ihr Herz ein eisig Graun. Ihr Blut strömt, schreiben, ähnlich wie die Pariser sie für die 
wie die Fahne, rot, der sie geführt — es war Zeit der Belagerung und der Kommune in den 
der Tod! — Der sie geführt, es war der drei Büchern Firmin Maillards schon lange be- 
Tod! Er hat gehalten, was er bot Die ihm sitzen: der „Histoire des joumaux“, den „Publi- 
gefolgt, sie liegen bleich als Brüder alle, frei cations de la rue" und den „Affiches, professions 
und gleich. — Seht hin, die Maske that er de foi, documents officiels, clubs et comit£s 
fort; als Sieger, hoch zu Rosse dort, zieht, der pendant le Stege et sous la Commune" 

& 


Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 

Von 

Ernst Schur in Friedenau-Berlin. 

n. 


Neue 

enn ich am Schlüsse des vorigen Auf¬ 
satzes (,,Z. f. B." Heft I) Melchior 
Lcchter als den Künstler erwähnte, 
der am weitesten sich bei der Ausstattung des 
Buches vorgewagt hat, so führe ich dafür zum 
Beweise die Vorsatzblätter für zwei Kalender 
des Tierschutzvereins an, für einen Katalog der 
Leinenindustrie (Hildebrand & Sack) und den 
Roman „Gegen den Strich" von Huysmans 
(Schuster & Loeffler), wo das Bild des Umschlags 
in Ermangelung eines anderen als Vorsatzblatt 
z. f. B. 98/99. 


Typen. 

verwandt ist, eine Idee, die in diesem Falle wohl 
als Notbehelf gedient hat, die aber gamicht 
von vornherein abzuweisen ist Denn erstens 
ist diese Wiederholung jedenfalls besser als die 
sonstige Frostigkeit und Gleichmässigkeit des 
Aussehens, die wir bis zum Ekel über uns er¬ 
gehen lassen müssen; ich meine die Anordnung, 
bei der unfehlbar oben in der Mitte der Name 
des Verfassers steht, dann der Titel folgt und 
die Seite mit der Angabe des Druckortes, des 
Verlages, des Erscheinungsjahres abschliesst, 

18 



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»38 


Schar, Ziele Ihr die innere Ausstattung des Buches. 


die ebenso unfehlbar unten in die Mitte gesetzt 
ist. Dann ist noch zu sagen: gerade in dem 
nochmaligen leiseren Anschlägen des Tones, der 
uns entgegenklang, ehe wir das Buch öffneten, 
liegt eine Feinheit und eine Diskretion in der 
Durchführung der Absicht, die entzücken kann 
und oft besser wirkt als ein neues Büd, das die 
Harmonie stört, weil es neue Gedanken weckt 
Wie es bei dem erwähnten „Huysmans“ denn 
auch der Fall ist. 

Es gilt, dem Buch den Massencharakter zu 
nehmen; das Buch ist ein Individuum. Drama 
und Roman können eher Fabrikware werden, ja 
müssen, um sich Geltung zu verschaffen, ihrem 
Wesen gemäss vielleicht Zugeständnisse machen; 
daher lasse man diese Gattungen beiseite; 
gehen doch, wie uns jeder Verleger sagen 
kann, von einem Roman sicher 300 Exemplare 
an die Leihbibliotheken. Man wende sich also 
zu der vornehmsten Kunst, zu der, sagen wir 
es offen, eigentlichen Kunst, zu der Lyrik. 
Hier, an dem richtigen Punkte, setzten auch 
die Blätter für die Kunst ein. Denn da die 
wirklich wahre, moderne Lyrik eines ursprüng¬ 
lichen Geistes naturgemäss nie rückschauend, 
sondern, weil aus dem Innersten einer Persön¬ 
lichkeit geboren, die sich mit sich und ihrem 
Schicksal auseinandersetzt, immer nur eine 
Poesie der Zukunft, gerichtet an einige wenige, 
sein kann — so ist es offenkundig, dass, einer 
solchen Lyrik Massenabnahme zu prophezeien 
ein Unding wäre; also ist ein solches Buch 
notgedrungen, wie es sich aus dem Wesen 
einer Kunst ergiebt — Gott sei Dank — immer 
Individuum. Gerade deshalb ist es hier am 
ehesten möglich anzuknüpfen, Neues zu geben 
und Anregungen, dann auch für die anderen 
Gebiete, nutzbar zu machen und fruchtbar. 

Man muss einen Widerwillen bekommen, 
wenn man die Kataloge der verschiedenen 
Druckereien, mit allen möglichen Typen an¬ 
gefüllt, durchblättert; man findet bei emsigem 
Suchen wohl viel, sehr viel, aber nicht das 
Eine; man muss förmlich lechzen, eine krank¬ 
hafte Sehnsucht empfinden nach Neuem, wo 
überall Wust ist. Ja, wenn es überhaupt einen 
Zug zur dekorativen Kunst giebt, muss dieser 
ja in logischer Weiterentwickelung notgedrungen 
auf dies Gebiet führen! — 

Das Buch muss erst wieder einsam werden, 
ein Kunstwerk, ein wunderbar fein abgestimmter 


Organismus. Die Erneuerung der Type ist 
dazu der gesundeste und, weil er die Sache 
im Kern packt, der natürlichste Weg, der am 
schnellsten zum Ziele führt 

Ich denke mir den einfachsten Fall, der 
wohl noch nie eingetreten, so schön er auch 
ist Der Dichter verkauft sein Manuskript 
wie der Maler sein Bild direkt Das Buch ge¬ 
langt gamicht in den Handel. Der Besitzer 
hat das einzige Exemplar in Händen, in der 
eigenen Niederschrift des Verfassers. Ein 
Kunstenthusiast, der reich genug wäre, könnte 
wohl auf diese Idee kommen; wenn er den 
Ehrgeiz hat, Büder von einem bestimmten Maler 
ausschliesslich für sich zu besitzen — weshalb 
soll er nicht auch diese Begeisterung auf eine 
Dichtung erstrecken wollen? Die Type ist dann 
der geschriebene Buchstabe; will er das Werk 
unter seine Freunde verbreiten, so lässt er Ab¬ 
drücke nehmen; der nach der Handschrift ge¬ 
nommene Abdruck erlaubt so die Verviel¬ 
fältigung, während das Original in Händen des 
Besitzers bleibt Ja, es wäre denkbar, dass eine 
ausserordentlich fein und charakteristisch durch¬ 
gebildete Schrift vorbildlich sein für eine all¬ 
gemeine Type und Anknüpfungspunkte bieten 
könnte für spätere Massenvervielfaltigung. 

Hat der Autor schon einen kleinen festen 
Kreis von Anhängern um sich (der produktive 
Geist fühlt sich gern von anderen getragen), 
so kann er auch diesem sein Werk über¬ 
geben. Die Kosten der Überlassung verringern 
sich natürlich dadurch bedeutend; vergleichen 
wir es wieder mit der Malerei! Das Ver¬ 
hältnis wird dann sein je nach der Anzahl der 
Liebhaber geringer oder höher wie Ölgemälde 
zu Radierung. Will man nicht den oben an¬ 
gegebenen Weg wählen, so ist folgendes das 
naheliegendste, künstlerisch sowohl neu wie eigen¬ 
artig und zu dem Charakter der ganzen Ver¬ 
öffentlichungsart vortrefflich passend: man über- 
giebt, da das jedesmalige Abschreiben für den 
Autor lächerlich und lästig sein würde, das 
Manuskript einem Künstler, der die dazu nötige 
Begeisterung und dekorative Begabung besässe. 
Er zeichnet in Typen, die aus dem Cha¬ 
rakter des Buchs oder des Autors oder bei¬ 
der herausgeboren sein müssten, das ganze 
Buch, oder der Künstler spiegelt seinen Geist 
und seine Auffassung darin wieder, und das 
Werk stammt also von Umschlag bis zur letzten 


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Schar, Ziele für die innere Ausstattung des Baches. 


139 


Seite von seiner Hand. Davon werden dann 
soviel Abdrücke genommen, wie erforderlich 
sind, und die Platten werden vernichtet. Das 
Original aber bleibt je nach Abmachung im 
Besitz des Autors oder der Liebhaber, die den 
Auftrag zur Vervielfältigung gegeben. 

Man darf nicht dagegen einwenden, dieses 
Handeln des Autors mit seinem Manuskript 
wäre entwürdigend. Ist die heutige Stellung 
des Verfassers zum Verleger angemessener? 
Hängt nicht der Verleger wiederum vom Publi¬ 
kum und seinen Massenbedürfnissen ab? Be¬ 
dingt sich nicht durch dies Missverhältnis von 
vornherein die schlimme Lage für den Dichter? 
— Der Verleger kann nur von Massenabgaben 
leben; das ist das Prinzip des heutigen Buch¬ 
handels. Die ganze Misere der lebenden Dichter 
resultiert aus dieser Verkennung der natürlichen 
Lage, wie sie nun einmal ist und wohl bleiben 
wird. Man macht die Prinzipien, nach denen 
man viel zu billigem Preis auf den Markt bringt, 
weil man auf viele Abnehmer mit Bestimmtheit 
rechnen kann, da geltend, wo man nach ver¬ 
ständiger Überlegung nur auf wenige Abnehmer 
gefasst sein darf. Diese Verkennung der öko¬ 
nomischen Seite bringt dann vielleicht noch 
eine andauernde Entwertung, ein Sinken im 
Preise mit sich. Findet man etwas dabei, wenn 
ein Maler von irgend jemand gegen eine 
bestimmte Summe einen Auftrag annimmt? 
Gleichgiltig, welcher Auftrag es sei; man achtet 
hier vielmehr auf das Wie, das Sache des 
Künstlers ist; bei der Dichtkunst achtet man 
aber fast ausschliesslich auf das Was. Daher 
die Annahme, solch Auftraggeben wäre beim 
Dichter entwürdigend, ja unmöglich. Wurden 
nicht früher, zu Haydns, Mozarts, Beethovens 
Zeiten, die Musikstücke, ja sogar ganze Opern, 
gegen ein festes Honorar bestellt? Verdanken 
wir nicht gerade diesen abgeschlossenen Adels¬ 
kreisen und Musikfreunden in Österreich unend¬ 
lich viel? Ist es besser, den Dichter hinauszu- 
stossen, damit er sehe und suche — wie sein 
Werk nicht gekauft wird? Die Vertragsfreiheit, 
wenn man es so nennen will, hat auch hier 
keinen Segen gebracht Ist nicht die That- 
sache, dass ein Gegenstand im Verhältnis zu 
der sinkenden Zahl der Abnehmer im Preise 
steigen muss, ein bekanntes Gesetz? 

Also ist gerade dieses Verfahren, das den 
Künstler nur in Berührung mit den Kreisen 


bringt, die ihn eben als Künstler ansehen wollen, 
ist dieses Sichabschliessen in der Gegenwart 
das einzig natürliche und zweckentsprechende 
Mittel. Natürlich, weil es die Entwicklung der 
Dinge berücksichtigt. Ausserdem ist es auch 
das einzig würdige. Dringt der Einfluss in 
die Masse, dann ist es Zeit, hinauszutreten. 
Der Dichter laufe nicht dem Publikum nach. 

Der dritte und letzte Weg ist der, der wohl 
erst eintreten wird, wenn durch die beiden 
vorherigen Einflüsse viel vorbereitet ist Man 
lässt neue Drucktypen herstellen. Das kann 
aber nur geschehen, wenn der Boden so durch¬ 
ackert ist, dass sich auf gute Ernte mit Sicher¬ 
heit rechnen lässt. Denn die Kosten, welche 
die Ausführung dieser Idee bereiten würde, 
sind keiner Druckerei zuzumuten, ohne dass 
sie sichere Aussicht auf Gewinn hat Zu ver¬ 
werten und von grossem Nutzen werden da die 
Erfahrungen sein, die man vorher gemacht hat 
Sind diese neuen, modernen, künstlerischen 
Typen erst in grosser Auswahl vorhanden, wo¬ 
bei alle künstlerischen Kräfte mitarbeiten müssen, 
ist somit die Vorherrschaft der langweiligen 
überkommenen Typen beseitigt, dann erst wird 
man sagen können, dass wieder ein bis dahin 
brachgelegenes Land urbar gemacht worden 
ist. Material ist sodann in Hülle und Fülle vor¬ 
handen; man ist dem modernen Buch um ein 
gutes Stück näher gekommen; der Kern, der 
Grundstock ist wenigstens vorhanden. Die 
Reichsdruckerei, deren Aufgabe es wäre, hier 
voranzugehen, hat es unterlassen. Das Nibe¬ 
lungenlied, das mit grossen Kosten zur Pariser 
Weltausstellung hergestellt wird, dürfte wohl 
wieder die alte oder wenigstens eine aus¬ 
gegrabene Type zeigen. Anderen Druckereien 
aber ist die Inangriffnahme dieser Aufgabe 
nicht zuzumuten, zumal da die Notwendigkeit 
hierfür noch gamicht tief empfunden wird. Ja, 
es fragt sich, ob man jetzt schon dazu geneigt 
sein wird, ein so modern gedrucktes Buch in 
der richtigen Weise zu verstehen und zu ge¬ 
messen. Auch die Fähigkeit des Lesens müsste 
ja gesteigert werden, denn eine künstlerische 
Type wird, da sie neu ist und eigenen Geist 
trägt, eben wegen ihrer Neuheit nicht so schnell 
entziffert werden können wie die alte. Und zu¬ 
letzt legt man dann das Buch aus der Hand, 
lächelnd über diese Kuriosität Wir haben durch 
die Glattheit und ewige Gleichmässigkeit der 


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140 


Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


Drucktypen viel vom künstlerischen Sehen und 
schnellen Aufnehmen verlernt Doch um diesen 
Zustand, der erhebliche Kosten erfordern würde, 
möglich zu machen, sind ein künstlerischer 
Boden, eine Bildung, eine Kultur notwendig, 
wie sie augenblicklich nicht vorhanden sind und 
in absehbarer Zeit nicht eintreten werden. Von 
der Lyrik ausgehend müsste man dann alle 
anderen Gebiete in Angriff nehmen; solange 
jedoch die Kunstgewerbeschulen ihren Schülern 
Sammelmappen aller Initialen und Typen aus 
allen Jahrhunderten zum Nachzeichnen und zum 
Vorbilde geben, steht das noch in weiter Feme 
und legt den Gedanken nahe, dass von den 
Künstlern das Heil kommen muss. 

Es fragt sich nun: wer soll hier helfend 
eingreifen? Ich denke mir, es wäre keine Un¬ 
möglichkeit, dass sich ein Liebhaber, der im¬ 
stande ist, sich Bilder zu kaufen und ausser den 
Vergnügungen und dem Luxus künstlerischen 
Neigungen nachzugehen, wohl einmal bei dem 
Wunsche ertappte, von seinem Lieblingsdichter 
sich ein Manuskript zu erwerben. Oder giebt 
es solche Menschen nur in Frankreich? Damit 
wäre der Anfang gemacht Es brauchte nicht 
einmal Neigung vorhanden zu sein; die Mode 
thut viel Die Mode bestimmt ja bisweilen auch 
die Maler, deren Bilder man absolut kaufen muss. 
Warum soll es auf diesem Gebiet nicht auch 
Sitte werden? Oder sehen wir von diesem ein¬ 
gebildeten Idealmenschen ab (der in Wirklich¬ 
keit gamicht so unmöglich wäre); ist es nicht 
denkbar, dass ein Bücherfreund, dessen Nei¬ 
gungen sich auch auf die moderne Litteratur 
erstrecken, auf die Idee käme, die Gedichte, 
die er besonders hochschätzt, sich in Urschrift 
von dem Verfasser zu verschaffen; oder etwa 
die Auswahl der besten sich besonders drucken 
zu lassen; oder aber für sich eine besondere 
Ausgabe auf besonderem Papier herstellen zu 
lassen, Papier, dessen Berührung schon ihm ein 
feiner Genuss ist? Er lässt den Druck genau 
nach der Handschrift des Autors vornehmen, 
oder er lässt das ganze Werk von einem Künstler 
zeichnen. Die Kosten sind nicht so unerschwing¬ 
lich; und ist der Gedanke so fernliegend, auch 
in der Dichtkunst etwas für sich zu haben, 
das kein anderer neben ihm geniesst? 

Doch sehen wir wieder von diesem ein¬ 
gebildeten Idealmenschen ab! Nehmen wir an, 
ein feiner Dichter besitzt einen kleinen, aber 


geschlossenen und treuen Anhängerkreis. Da 
liegen die Ideen nicht mehr so ferne. Dieser 
Kreis lässt die Manuskripte nur für sich her¬ 
stellen, nach der Handschrift abdrucken oder 
zeichnen oder, wenn die Anzahl der Mitglieder 
gestiegen ist, drucken. Das Bewusstsein, etwas 
Eigenes zu besitzen, es nur mit wenigen Gleich¬ 
gesinnten zu teilen, muss doch für die Mehr¬ 
kosten entschädigen. 

Kann man sich nicht denken, dass ein 
begeisterter Verehrer dAnunzios sich dessen 
fein gesponnenen lyrischen Roman „Lust“ be¬ 
sonders drucken lässt, vielleicht jedes Kapitel in 
einem Bande? Oder sieht man in der Dichtung 
immer noch nicht die reine Kunst, immer nur 
noch das Berichtende, das Erzählende, das 
Sagende? Von Pflicht der Nation zu reden 
und der Besitzenden, hat nicht viel Sinn; ist 
das Bedürfnis nicht vorhanden? 

Spinnt man diesen Gedanken weiter aus, so 
wird daraus das, was wir für die Vergangenheit 
schon besitzen: ein Verein der Bücherliebhaber. 
Diese müssten einzelne Werke in bestimmter An¬ 
zahl für sich herstellen lassen, deren Autorrechte 
auf sie übergegangen wären. Auch sie würden 
dann noch etwas Besonderes für sich haben, das 
sich nicht jeder verschaffen kann. Die Autoren 
würden sie ja nach ihrenWünschen wählen. Oder 
wenn ihre Neigungen noch nicht bis in unsere 
Zeit gehen, dann wähle man die Dichter, deren 
Schätze noch so gut wie ungehoben sind. Hölder¬ 
lin, Novalis und andere! Man behandle diese, als 
gehörten sie der Jetztzeit an und gebe ihre Werke 
von neuem einzeln für sich heraus. Den 
wechselnden Wünschen kann ja dann Rechnung 
getragen werden. Und dieser in modernem 
Sinne geleitete Verein hätte die Aufgabe und den 
schönen Zweck, das moderne Buch vorzubereiten, 
Proben und Erfahrungen durch eigene Prüfungen 
zu machen. Er gebe wenig, doch das bis ins 
einzelnste künstlerisch durchgebildet, und sei 
eingedenk, dass die „gesammelten Werke“ eines 
Dichters meist der Sarg sind, wo die Schätze 
schlummern; er lasse die Toten wieder unter uns 
leben; soweit wird das Verständnis doch wohl 
sein, dass es die Richtungen der Gestorbenen 
erfassen kann, in ihrer ganzen stillen Schön¬ 
heit Auch alte, antike Dichter könnte man 
so wieder auferstehen lassen in modernem 
Gewände. Welch’ intimer Reiz würde darin 
liegen! Ein solcher Verein würde wirklich 


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Kritik. 


141 


Zukunftsarbeit, praktisches Wirken leisten, und 
er würde der Dichtung eine tiefe Achtung 
wiedergewinnen. Der ganze Buchhandel, jetzt 
ein Risiko und allen Wünschen der breiten 
Masse preisgegeben, auf die sie angewiesen ist, 
würde in gesundere Bahnen gebracht werden. 1 


Wenn ich Wert lege auf eine moderne 
Zimmereinrichtung, weshalb mache ich dann 
beim Buch Halt? Und weshalb beim Buch 
wiederum bei dem Umschlag? Das Buch muss 
erst wieder ein Individuum sein; dann wird es 
auch äusserlich ein Kunstwerk werden. 


& 


Kritik. 


Georg Kaufmann: Die Geschichte der deutschen 
Universitäten . Band 1, 2. Stuttgart, Cotta. (M. 20.) 

Der erfreuliche Aufschwung, den die Kultur¬ 
geschichtsschreibung in unseren Tagen genommen hat, 
ist auch der Erforschung einem der interessantesten 
historischen Probleme, dem der Entwicklung der gei¬ 
stigen Kultur und der Stätten, an denen dieselbe geför¬ 
dert wurde, wesentlich zu Gute gekommen. Man hat, 
und das nicht erst in unseren Tagen, neben der Ge¬ 
schichte der Wissenschaften auch die Geschichte 
der Lehranstalten, vornehmlich der Universitäten in 
den Kreis der Forschung gezogen, und andrerseits 
hat das neu erblühende akademische Leben zu einer 
Betrachtung der Vergangenheit aufgefordert, die so¬ 
wohl für die Kenntnis des studentischen Wesens und 
Treibens in früherer Zeit, als auch für die der be¬ 
treffenden Alma mater Früchte getragen hat Die 
Jubelfeste und Säkulartage, die an zahlreichen deut¬ 
schen Universitäten im letzten Jahrzehnt gefeiert wurden, 
haben die äussere Veranlassung zu einer Reihe vielfach 
vortrefflicher Spezialuntersuchungen geboten, die nun¬ 
mehr insgesamt der Verarbeitung in einem alle Uni¬ 
versitäten gleichmässig umfassenden Werke harren, 
das dann wohl in der historischen Litteratur einen her¬ 
vorragenden Platz einzunehmen bestimmt wäre. Gäbe 
es doch die Geschichte einer Institution, die Jahrhun¬ 
derte lang der Träger des gesamten geistigen Fort¬ 
schrittes gewesen, die als Brennpunkt künstlerischer 
und litterarischer Interessen gedient hat, und der wir 
selbst unsere Bildung danken. 

Früh hat man daher angefangen, sich mit der Ge¬ 
schichte der Universitäten zu beschäftigen, allerdings 
ist diese mehr Spezial- oder Lokalgeschichte gewesen; 
wo es zusammenfassend geschah, ist mehr dem päda¬ 
gogischen als dem kulturhistorischen Interesse Rech¬ 
nung getragen worden. Die älteren Werke enthalten 
entweder Biographien von Professoren oder Geschichte 
der Wissenschaften. So verfolgt auch eines der be¬ 
deutendsten Bücher neuerer Zeit, Paulsens Geschichte 


des gelehrten Unterrichtes (2. Auflage, Leipzig 1896/97, 
2 Bde.), wiewohl es auch für dieses Gebiet reiche Aus¬ 
beute gewährt, wesentlich andere Ziele. Der erste so 
ziemlich, der für die Geschichte der höheren BÜdungs- 
anstalten die allgemeine Grundlage zu gewinnen suchte, 
ist Friedrich Zaracke gewesen, dessen wichtigste dies¬ 
bezügliche Arbeit (Die deutschen Universitäten im 
Mittelalter. Beiträge zur Geschichte und Charakteristik 
derselben. Leipzig 1857) erst jüngst in diesen Blättern 
(I, 4.) durch W. Fabricius eine wertvolle Ergänzung 
erfahren hat Zamcke hat die zahlreichsten und bedeu¬ 
tendsten Vorarbeiten, aber auch nur solche zu einer 
wirklichen und umfassenden „ Geschichte der deut¬ 
schen Universitäten “ geliefert Diese zu schreiben hat 
erst der Breslauer Professor Georg Kauffmann unter¬ 
nommen, uns liegen die beiden ersten Bände, in längerem 
Zwischenräume erschienen, vor. Das Werk, auf An¬ 
regung und mit Unterstützung des preussischen Unter¬ 
richtsministers verfasst, soll die Geschichte der Univer¬ 
sitäten bis auf unsere Zeit behandeln. Kauffmanns Werk 
enthält eine quellenmässig gegründete und wissenschaft¬ 
lich vollwertige Darstellung, die daneben, insbesondere 
im 2. Bande, den Reiz lebendiger Anschaulichkeit hat. 
Bei der ganz verschiedenartigen Entwicklung, die die 
einzelnen Hochschulen im Laufe der verflossenen Jahr¬ 
hunderte genommen und die erst in unserer Zeit in 
einheitlichere Bahnen gelenkt wurde, besteht für den 
Bearbeiter die Schwierigkeit darin, der Gefahr, eine 
Geschichte der einzelnen Universitäten aneinander¬ 
zureihen, zu entgehen und dafür ein Bild von den gemein¬ 
samen Grundzügen ihrer Verfassung, von ihren Zielen 
und dem Ergebnis ihrer Wirksamkeit auf Gesellschaft 
und Wissenschaft zu geben. Kauffmann hat diese 
Schwierigkeit glücklich bewältigt 

Der erste Band, welcher der Universität Bologna, 
„welche zuerst der akademischen Freiheit rechtliche 
Formen gab“, gewidmet ist, behandelt die Vorgeschichte 
des deutschen Universitätswesens und beschäftigt sich 
daher hauptsächlich mit den Universitäten Italiens, 


1 In Frankreich und England existiert eine ganze Anzahl derartiger Vereine: die Sociltö des amis des livres, 
der Roxburghe-Club, The Sette of Odd Volumes, The Edinburgh Bibliographical Society u. s. w. Während die 
englischen Vereine hauptsächlich Neudrucke älterer Werke in der geringen Anzahl ihrer Mitglieder veranstalten, 
berücksichtigen die französischen auch lebhaft die moderne Litteratur und Buchausstattung. F. v. Z. 


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142 


Kritik. 


Frankreichs und Englands. Eine genaue Scheidung 
und Bestimmung der einzelnen Stände, Grade, Privi¬ 
legien und Rechte wird versucht, und vor allem die 
kulturelle Mission der einzelnen Anstalten, ihre Be¬ 
deutung flir das nationale Leben entsprechend gewür¬ 
digt Naturgemäss muss an diesem Orte von einer 
rein fachlichen Würdigung des Werkes abgesehen 
werden und dieselbe einer anderen Gelegenheit über¬ 
lassen bleiben. Nur soviel sei bemerkt, dass es wohl 
wünschenswert gewesen wäre, wenn die vorhandene 
umfangreiche Litteratur nicht nur benützt, sondern auch 
fleissiger zitiert worden wäre, als dies durch das alpha¬ 
betische Register der benutzten Werke geschehen ist 
Der Verfasser hätte dadurch künftigen Arbeitern manche 
Mühe erspart und sein Werk gewissermassen zu einem 
umfassenden Grundrisse auf diesem Gebiete gestaltet 
Das gleiche gilt dem zweiten Bande, der, die Entstehung 
und Entwicklung der Deutschen Universitäten bis zum 
Ausgang des Mittelalters schildernd, sich zu einem 
farbenreichen Gemälde des Lebens und Treibens auf 
den deutschen Hochschulen von anno dazumal erweitert. 
Was Gustav Freytag in seinen Bildern aus der deut¬ 
schen Vergangenheit angedeutet, ist hier auf breiterer, 
zumeist aktenmässigerGrundlageausgeführt. Wirsehen 
die Universitäten im Kampfe um ihre Selbständigkeit, 
Schüler und Lehrer in fester Eintracht zur Förderung 
und Unterstützung bereit, wir sehen, wie die Körper¬ 
schaften Schritt für Schritt sich Boden und Privi¬ 
legien erkämpfen, ohne dabei die im Inneren aus- 
brechenden Zwistigkeiten unterdrücken zu können. Die 
Fakultäten untereinander befehden sich, wie sie auch 
mit der Universität, deren Glieder sie sind, Streit zu 
beginnen keine Scheu tragen. Wir beobachten die 
Studenten in ihren Bursen und Kollegien, beim Studium 
in den Hörsälen, auf dem Marktplatze im Kampfe mit 
den eingeschüchterten Bürgern oder kecken Hand¬ 
werksgesellen, die Universität in Kriegsnot, in Acht und 
Bann, dann wie die ganze Körperschaft die Stadt verlässt, 
um sich anderwärts ein Heim zu suchen; wir werden 
in das ganze so vielrädrige Getriebe einer mittelalter¬ 
lichen Universität eingeführt, wie verwickelt die Studien¬ 
ordnung ist, wie langwierig die Erreichung akademischer 
Grade und Würden, wie schwierig der Stand der Pro¬ 
fessoren, der in der Lehrfreiheit durch hundert Vor¬ 
schriften, in der Ausübung seines Berufes durch die 
nicht immer leise Willensäusserung der Zuhörer beengt 
war, dann die Disputationen mit all den Feierlichkeiten 
und Zeremonien im Gefolge. Wir lesen auch vom 
Leben der Studenten manch interessantes Detail, so 
wenn in Heidelberg der Senat einmal verbietet, die 
Kapuzen der Mäntel nach Art der Reitersknechte 
zu tragen, oder ein anderesmal, die Vorlesung durch 
Geschrei und Schimpfreden zu stören oder dadurch, 
„dass sie einen Fuchs zwängen, das salve anzustimmen 
oder mit Dreck würfen“. Auch die Pedelle haben ihre 
liebe Not mit den Musenjüngern; die Streitigkeiten und 
Schlägereien wollen nicht aufhören, trotz aller Verbote 
werden Waffen getragen, Wirtshäuser besucht, mit 
Würfeln und Karten gespielt. Der Fortschritt der 
Wissenschaft ist nicht gross. Lehrziel und Lehrmethode 
bleiben so ziemlich dieselben. Die Jurisprudenz artet 


in Rabulistik, die Theologie in Spekulation aus. Ein 
frischer Hauch in das allmählich stagnierende Leben 
der Universität kam erst durch den Humanismus und 
durch — Luther. „Er beseitigte die ganze scholastische 
Theologie und damit die Hauptstütze der Scholastik 
überhaupt, er beseitigte ferner im besonderen die bis¬ 
herige Stellung des Aristoteles in der Wissenschaft und 
der Studienordnung. Damit war die Bahn frei gemacht 
für eine wirkliche Erneuerung des akademischen Unter¬ 
richts — gleichzeitig auch für eine Neuordnung der 
Verfassung der Universitäten“. 

Mit diesem Ausblicke schliesst der 2. Band des 
Werkes. Der 3. wird mit Halle und Göttingen be¬ 
ginnen und bis zur Gründung von Strassburg fuhren. 
Möge er uns bald bescheert werden. 

Im Anschluss an obige Besprechung sei eine Reihe 
andrer neuerer Schriften zum Universitätswesen kurz 
erwähnt Allen voran kommt hier in Betracht 

Friedrich Zamcke: Aufsätze und Reden zur Kultur- 
und Zeitgeschichte (Kleine Schriften II). Leipzig, Ave- 
narius. 

Aus dem Nachlasse des Altmeisters auf diesem 
Gebiete, von dessen Sohne pietätvoll herausgegeben, 
ist dieser Band zum grössten Teile mit Beiträgen zur 
Universitätsgeschichte ausgefüllt Neben den Recen- 
sionen einschlägiger Werke aus dem durch fast ein 
halbes Jahrhundert von Friedrich Zamcke geleiteten 
„Literarischen Centralblatt“ findet sich eine Reihe 
grosser Aufsätze aus sonst schwer zugänglichen Zei¬ 
tungen, deren Abdruck man hier mit Freuden begrüssen 
wird, so die weitausgreifende Rektoratsrede von 1881 
„Über Geschichte und Einheit der philosophischen 
Fakultät“ oder die seinerzeit in Tagesblättem abge¬ 
druckten Abhandlungen „Einst und Jetzt Aus dem 
Verfassungsleben der Universität Leipzig“ und „Theodor 
Körners Relegation aus Leipzig“, wie nicht minder den 
bisher ungedruckten Aufsatz über „Caspar Bomer und 
die Reformation der Universität Leipzig“. In den um¬ 
fassenden Abhandlungen wie in den kurzen Anzeigen, 
überall zeigt sich Zamcke als ein gründlicher Kenner 
des Universitätswesens überhaupt, und insbesondere 
war er wie kein zweiter mit der Geschichte der Uni¬ 
versität Leipzig vertraut an der er als Lehrer durch 
lange Jahre erfolgreich gewirkt hatte. Die Lücke, die 
sein Tod gelassen hat, ist noch nicht ausgefiillt. 

Mit einem Gegenstände, dem auch Zamcke ein¬ 
dringliche Aufmerksamkeit geschenkt, und den er als 
erster gründlich erörterte, den Schülergesprächen, be¬ 
schäftigt sich ein Beitrag von 

A. Bömer: Die lateinischen Schülergespräche der 
Humanisten . Erster Teil. (Texte und Forschungen zur 
Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes in den 
Ländern deutscher Zunge... herausgegeben von Karl 
Kehrbach) Berlin, J. Harrwitz. 

Die Schülergespräche, Dialoge für Schüler zur 
Übung in der lateinischen Umgangssprache geschrieben, 
sind durch die Mannigfaltigkeit der behandelten Gegen¬ 
stände eine der kostbarsten Quellen für Kulturgeschichte 
im allgemeinen und Kenntnis des Studentenlebens im 
besonderen. Sie sind daher wiederholt zum Gegen¬ 
stände der Forschung gemacht worden und haben auch 


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Kritik. 


143 


in einem zusammenfassenden grösseren Werke von 
L. Massebieau, Les colloques scolaires du seizüme sücle 
et leurs auteurs, Paris 1878, eingehende, wenn auch 
nicht allzu gründliche Behandlung erfahren. Auf die 
Erörterung dieses Gegenstandes von kundiger Seite 
in diesem Blatte ist bereits oben hingewiesen worden. 
Börner behandelt nun die Schülergespräche der 
Humanisten. Durch Nachforschungen an gegen 
40 deutschen und ausserdeutschen Bibliotheken ist er 
in den Stand gesetzt, die Angaben Massebieaus vor¬ 
nehmlich nach der bibliographischen Richtung hin 
zu berichtigen und zu ergänzen. Anhebend mit dem 
Manuale scholarum druckt er in dem vorliegenden 
ersten Teile zehn solcher Dialoge von Paulus Niavis, 
Laurentius Corvinus, Desiderius Erasmus, Christophorus 
Hegendorffinus und anderen ab, mit Einleitung und 
reichlichen Anmerkungen versehen. Durch das für 
den Schlussteü des Buches versprochene Sachregister 
wird das Werk, mit dem die Reihe der im Aufträge 
der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schul¬ 
geschichte herausgegebenen „Texte und Forschungen“ 
glücklich eröffnet wird, an Brauchbarkeit wesentlich 
gewinnen. 

In eine zwei Jahrhunderte spätere Zeit versetzt 
uns Der Leipziger Student vor hundert Jahren, Neu¬ 
druck aus den „Wanderungen und Kreuzzügen durch 
einen Teü Deutschlands von Anselmus Rabiosus dem 
Jüngeren". (Leipziger Neudrucke I). Leipzig, J. C. 
Hinrichs. 

Unter dem Pseudonym Anselmus Rabiosus verbarg 
sich der Schriftsteller Andreas Friedrich Georg Reb¬ 
mann (1768—1824). Die erste Auflage seiner „Wan¬ 
derungen und Kreuzzüge“, Schilderungen einer Reihe 
deutscher Städte, ist gleich nach ihrem Erscheinen 
1795 in Leipzig von der Bücherkommission verboten 
und die 235 Exemplare, die sich bei dem Buchhändler 
Liebeskind vorfanden, sind konfisziert worden. Der im 
folgenden Jahre erschienenen „zweiten ganz verbesserten 
und umgearbeiteten und vermehrten Auflage“ fugte, 
wie wir dem Nachwort des von G. Wustmann besorgten 
Neudruckes entnehmen, Rebmann einen zweiten Teü 
hinzu, der sich — offenbar ein Akt der Wiedervergeltung 
— ausschliesslich mit der Leipziger Universität, ins¬ 
besondere mit der Leipziger Studentenschaft beschäf¬ 
tigte und den Zweck hatte, Leipzig als Universitätsstadt 
unter den deutschen Studenten in Verruf zu bringen. 
Ob diese zweite Ausgabe auch wieder weggenommen 
und verboten worden, ist ungewiss. Jedenfalls gehört 
ihr zweiter TeÜ zu den grössten litterarischen Selten¬ 
heiten und ist die Erneuerung dieses litterarischen 
Kabinettstückes dankbarst zu begrüssen. 

Nach Giessen führt uns 

Alfred Bock: Aus einer kleinen Universitätsstadt. 
Kulturgeschichtliche BÜder (I). Giessen, E. Roth. 

Das Buch vereinigt eine Reihe früher in verschie¬ 
denen Zeitschriften erschienener Aufsätze Goethe und 
Professor Hopfner in Giessen, Klinger auf der Univer¬ 
sität, Börne als Giessener Student, Goethe und Pro¬ 
fessor Wübrand, Fichte, Schleiermacher und Schmidt, 
Blücher in Giessen, Karl Vogt im Jahre 1848. Der 
Verfasser, der vielfach aus den Akten geschöpft hat, 


giebt recht ansprechende und abgerundete Aufsätze; 
leider hat er es verschmäht, den einzelnen Aufsätzen 
die nötigen litterarischen und bibliographischen Belege 
und Quellen beizufügen. Weitere Bändchen sollen folgen. 

Wien. A. L. Jellinek. 

£D 

Die Kölner Büchermarken bis Anfang des XVII. 
Jahrhunderts , herausgegeben von Paul Heitz , mit Nach¬ 
richten üb er die Drucker von Otto Zaretzky. Strassburg, 
J. H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel) 1898. LII, 5 SS. und 
LXIII Tafeln. Imp. 4 0 . 

Schon wieder erfreut die Verlagsfirma die Freunde 
der Buchdrucker-Kunst und -Zeichen mit einer Arbeit 
von Paul Heitz, dem sich für den Text der Assistent 
an der Kölner Stadtbibliothek, Zaretzky, zugesellt hat 
Eingeleitet wird dieses fünfte derartige Paul Heitzsche 
Werk, zugleich das sechste in der Reihe der „Bücher¬ 
marken oder Buchdrucker- und Verlegerzeichen“ aus 
Heitz’ Verlag, mit einem Vorworte des Kölner Stadt¬ 
bibliothekars Adolf Keysser, dem wir entnehmen, dass 
die kürzlich in ein neues prächtiges Heim übergesiedelte 
dortige Stadtbibliothek als gediegenen Grundstock eine 
Fülle der seltensten, typographisch und litterarisch hoch¬ 
bedeutenden älteren Druckwerke besitzt, deren Er¬ 
schliessung eine der nächstliegenden Aufgaben der 
Bibliothekverwaltung büden solle. Nim giebt zwar 
seit Jahren diese eigene „Veröffentlichungen“ heraus, 
nicht über eingezogene Böden, Anzahl der fertig gewor¬ 
denen Titelkopien u. dgl., was in einen Bericht an 
Vorgesetzte Behörden passt, nein, MitteÜungen biblio¬ 
graphischen Inhaltes; aber die Zaretzkysche Arbeit 
wäre für diese zu umfangreich und zu teuer herzustellen 
gewesen, und so musste es mit Freuden begrüsst wer¬ 
den, dass die auf dem Gebiete der Buchdruckergeschichte 
fortgesetzt sich hervorthuende Firma den Verlag über¬ 
nahm. Keysser bezeichnet selbst die Zaretzkyschen 
Nachrichten über die Drucker als „Vorarbeit“ für die 
von der Bibliothekverwaltung geplanten grösseren Ar¬ 
beiten zur Geschichte der Druckkunst in Köln; sie sind 
aber das Ausführlichste, was man bis jetzt über dies 
Thema besitzt Denn bis jetzt verbarg sich der Stoff 
in etwas über 70 verschiedenen Büchern und Zeitschrift- 
Artikeln, die Zaretzky als seine Quellen verzeichnet 
(S. 3 — 5), eine Monographie zur Geschichte der Kölner 
Buchdrucker gab es jedoch nicht Dagegen waren 
Kölner Inkunabeln zweimal bearbeitet worden, zuerst 
von L. Ennen in seinem Katalog der Inkunabeln der 
Kölner Stadtbibliothek, Köln 1865, der nicht über Ab- 
teilung I. hinausgekommen ist, und zuletzt von R. Busch 
in seinem Verzeichnis der Kölner Inkunabeln in der 
GrossherzogL Hofbibliothek zu Darmstadt, erschienen 
in den Jahrgängen 6—8 des Centralblattes für Biblio¬ 
thekswesen, 1889— 9 i* Durch das vorliegende Werk 
erfahren wir von 58 Buchdruckern mit 235 Signeten 
und von 65 ohne solche, aus den Jahren 1466—1655. 
Von jenen gehören 14 ganz oder zum Teü dem XV. 
Jahrhundert an; es sind Ulrich Zeü, Arnold Therhoemen, 
Peter von Olpe, Johann Koelhoff, Johann Veldener, 
Nikolaus Götz (von Schlettstadt), Konrad Winters (von 
Homborg), Quentel, Ludwig (von Renchen), Cornelius 


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144 


Kritik. 


(von Zyricksee), Hermann Bungart (von Kettwig), 
Johannes Landen, Martin von Werden und Heinrich 
von Reuss; etwa40 lebten im XVI., die übrigen im XVII. 
Jahrhundert Da auf den Tafeln die Signete nur mit 
Nummern versehen sind, so musste ein besonderes 
Verzeichnis der Werke beigegeben werden, in welchen 
sich die Signete finden: es füllt die Seiten XXXVII— 
LI., und ihm schliesst sich ein alphabetisches Verzeich¬ 
nis der Drucker und Verleger an: S. 1—2., und somit 
wäre den meisten Ansprüchen genügt Aber nicht 
allen, denn es dürfte sich doch empfehlen, solchen 
Signetwerken noch zwei Register beizugeben, — 
auf 4—5 Seiten kommt es wohl bei so wichtigen Wer¬ 
ken nicht an, — nämlich eins über die Initialen bez. 
Monogramme und ein anderes über die Devisen. Wenn 
man in einem Buche ein Signet mit den Buchstaben 
„i k“ ohne Namen des Druckers oder Verlegers, aber 
mit Angabe des Ortes findet, so muss man, um Johann 
Karlhof als dessen Inhaber zu entdecken, alle Signete 
durchsehen, ebenso bei Devisen; ja, wenn der Ort 
verschwiegen ist dann muss man aufs Geradewohl alle 
möglichen Werke durchblättem, eine zeitraubende 
Arbeit, die sehr eingeschränkt würde, wenn man, 
besonders im letzteren Falle, solche Register vor¬ 
fände. 

Zum Schlüsse nur noch die eigentlich nicht hierher 
gehörende, aber gewiss vielen Freunden der Heitzschen 
Büchermarken interessante und erfreuliche Mitteilung, 
dass in Madrid das Manuskript einer grossen, das ver¬ 
dienstvolle Haeblersche Werk über spanische und 
portugiesische Signete an Umfang weitübertreffenden 
Arbeit eines spanischen Bibliographen desselben In¬ 
haltes ruht — weil die Druckkosten zu grosse sind. 
Avis au lecteur! P. E. R. 

s® 

's Freindl. Von Otto Berner. Heft I. Berlin, 
Meusser, Messer & Co. 

Wem ists nicht schon passiert, dass er einen lusti¬ 
gen, in Weinlaune verübten Streich erzählen wollte, 
und siehe da, der Streich war gamicht so lustig! Die 
Weinlaune fehlte eben, und die Nüchternen warteten 
kopfschüttelnd auf die Pointe. Herrn Berners Humor 
setzt eine gleich feuchtfröhliche Stimmung voraus, wie 
sie den Künstler zur Zeit der That beherrscht hat. 
Seine Blätter erinnern mehr an das Fremdenbuch einer 
genialen Kneipkumpanei, als an ein selbstständiges 
Kunstwerk, das mit 6 M. veranschlagt ist. Dass wir es 
mit einem genial veranlagten Künstler zu thun haben, 
verraten die leicht hingeworfenen köstlichen Typen¬ 
studien „Mein Freind“ und der St. Lukas mit seinem 
urkomischen Vogelvieh — verrät vor allem aber ein 
Frauenköpfchen von so entzückender Schönheit und 
leicht hingehauchter Grazie, dass man das Überwiegen 
des grotesk-komischen Elements im Genre des „kleinen 


Moritz“ nur doppelt bedauern kann. Eine originelle 
Initiale möchten wir noch erwähnen, nämlich einen 
Schlangenleib, der in dem Kopf einer altdeutschen 
Xantippe endet und dessen Windungen höchst unge¬ 
zwungen ein S, ein D und nochmals ein S bilden. —f. 

4D 

Bogvennen, udgivet af Forening for Boghaandvaerk 
(Der Bücherfreund, herausgegeben vom Verein für 
Buchhandwerk) 1896. Kjöbenhavn, E. Bojesen. 

Die Zeitschrift der dänischen Bücherfreunde bringt 
in jedem neuen Jahrgang neben dem Jahresbericht 
über die Thätigkeit der Fachschule für Buchhandwerk 
eine Reihe gediegener Fachaufsätze. Der erst neuer¬ 
dings erschienene Jahrgang 1896 beginnt mit einer 
Abhandlung des Ägyptologen O . Lange über das 
Schrift- und Buchwesen im alten Ägypten. Nach ein¬ 
gehender Behandlung der bei den Ägyptern gebräuch¬ 
lichen Schreibmaterialien (Papyrus, Holztafeln, Kalk¬ 
steinplatten, Thonscherben, Pergament) giebt der Ver¬ 
fasser eine Übersicht über die verschiedenen Zweige 
der ägyptischen Litteratur und verweÜt besonders bei 
dem interessanten Kapitel von den illustrierten Toten- 
büchem. — In einem „Beitrag zur Geschichte der Fibel- 
Litteratur in Dänemark“ weist Julius Clausen nach, 
dass dereinst in Dänemark ein ABC-Brett, ähnlich dem 
„Horn-Book“ der Engländer in Gebrauch gewesen sein 
muss. 1 Denn in einer Komödie des dänischen Lust¬ 
spieldichters Ludw. Holberg (1684—1754) wird ein 
Schulmeister mit dem Schimpfwort „Du ABC-Brett“ 
beehrt. Die älteste der erhaltenen dänischen Fibeln 
ist erst im Jahre 1731 gedruckt. „Kleine Drucksachen 
überstehen schwer die Fährnisse der Zeitläufte. Es 
scheint fast, als ob nicht die Bedeutung, sondern die 
Grösse eines Buches für seine Daseinsdauer bestimmend 
ist, dass ein Buch, je kleiner es ist, um so schwerer den 
Kampf ums Dasein besteht“ Die dänische Fibel hat 
in ihrer Entwickelung wesentlich unter deutschem Ein¬ 
fluss gestanden. So ist der Hahn, der auf der Nürn¬ 
berger Fibel v. J. 1537 erscheint, ebenfalls auf den 
dänischen ABC-Büchem ein beliebtes Symbol des Früh- 
aufstehens und der Aufmerksamkeit. Aus Deutsch¬ 
land entlehnte man auch die geistreichen zoologischen 
ABC-Verse. — Dem L J. 1896 verstorbenen englischen 
Buchreformator William Morris widmet F. Hendriksen 
einen Nachruf, der über das Leben und Wirken des 
verdienten Mannes ausführlich berichtet, und der mit 
Wiedergaben von charakteristischen Buchseiten aus 
seinen in der Keimscott Press gedruckten Werken ge¬ 
schmückt ist — Aus dem angefügten Jahresbericht der 
Fachschule für Buchhandwerk sieht man, dass diese auf 
das beste gedeiht. Die Zahl der Schüler nimmt stetig 
zu, und die jährlichen Prüfungen ergeben meist über¬ 
raschend gute Resultate. D. 


1 Das alte englische Hombuch bestand aus einem Stück Pappe, auf dem das Alphabet und das Vaterunser 
gedruckt waren. Als Schutz gegen Unsauberkeit diente eine durchsichtige Homscheibe und als Einfassung ein 
Holzrahmen, der unten mit einer Handhabe versehen war. Vgl. A. W. Tuer, History of the Horn-Book. London 1895. 


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Chronik. 


145 


Early Printed Books by Robert Proctor . London, 
Kegan Paul, Trübner & Go. 

Unter der bescheidenen Form eines Index für die 
Frühdrucke im British Museum und der Bodleian Biblio¬ 
thek hat Mr. Robert Proctor thatsächlich eine detail¬ 
lierte Geschichte des goldenen Zeitalters der Inkunabeln 
geschaffen. In dem ersten uns vorliegenden und über 
Deutschland handelnden Abschnitt wird uns die Arbeit 
der Drucker bis zum Jahre 1500 vorgeführt und er¬ 
läutert, insoweit sie sich in den beiden grossen Biblio¬ 
theken befindet Da letztere aber etwa 40 Prozent aller 
aus dieser Epoche herrührende Bücher besitzen und 
sogar 60—70 Prozent solcher Drucke, die wirklichen 
Wert darstellen, so ist Proctors Sammelwerk um so 
willkommener. Der zweite Abschnitt des Index soll 
über die in Italien hergestellten Drucke handeln. Der 
dritte Teil wird England, Frankreich und die übrigen 
Staaten von Europa umfassen, deren Erzeugnisse nicht 
entfernt an Deutschland heranreichen. Der Index stützt 
sich in seiner Anordnung nur auf den typographischen 
Punkt hinsichtlich des Herstellungsortes für den Druck. 
Nachdem 54 Ausgaben von Blockbüchem genannt sind, 
beginnt der Index mit Aufzählung der in Mainz ge¬ 
druckten Werke. Unter den Büchern der beiden Biblio¬ 


theken bis zum Jahre 1500 werden für Mainz 11 ver¬ 
schiedenen Offizinen angenommen, von denen 5 anonym 
sind. Von Peter Schoeffer und Fust besitzen die ge¬ 
nannten Bibliotheken 19 Bücher, von Peter Schoeffer 
allein 62 Werke. In diesen 81 Büchern wurden 9 ver¬ 
schiedene Typen im Gebrauch vorgefunden. Das 
Besondere in dem Index bildet der Umstand, dass 
erstens für jedes Buch die Typen genannt werden und 
dass ferner der Nachweis erbracht wird, in welchem 
andern Buche sich diese Typen gleichfalls noch vor¬ 
finden, ob sie mm von Schoeffer gedruckt sind oder 
nicht. Endlich wird versucht, die undatierten Werke in 
die richtige Reihenfolge einzuschieben, so dass Jahr 
für Jahr die Erzeugnisse jeder Druckerei angegeben 
werden, soweit es sich eben um die beiden Bibliotheken 
handelt Und was für Mainz zusammengestellt ist, 
geschah auch für Strassburg und jede andere deutsche 
Stadt, je nachdem dort Drucke zur Ausgabe gelangten. 
Die bibliographischen Werke Fischers, Panzers und 
Hains haben auf diese W eise eine nicht zu unterschätzende 
Bereicherung erfahren. Im vierten Teü der Arbeit soll 
schliesslich auch ein nach den Namen der Autoren ge¬ 
ordnetes Register veröffentlicht werden, das die Über¬ 
sicht noch mehr erleichtern helfen wird. v. S. 


Chronik. 


Mitteilungen. 


Eine büchersammelnde Bauemfamilie, — In 
meinem Heimatskirchspiele Heeslingen liegt der 
einstellige Vollhof Ahof in den alten Urkunden 
des Zevener St. Viti-Klosters Hrodmundesa, um 
1500 herum Rotmansa genannt. Hier wohnt seit 
Jahrhunderten eine Bauemfamilie Albers — echte 
Niedersachsen. 

Alle Vorfahren dieser Familie seit 1571 haben 
Bücher gesammelt, entweder Werke, welche für 
sie von praktischem Nutzen waren wie Gesetz- und 
Vieharzneibücher oder aber religiöse Erbauungs¬ 
schriften; daneben jedoch — kurz gesagt, die Bücher 
des jeweiligen Zeitgeschmackes. Alle Mitglieder 
dieser büchersammelnden Bauemfamilie aber sind 
dabei wackere, praktische Bauern gewesen — 
keiner ist aus dem Stande herausgetreten und etwa 
Lehrer oder Pastor geworden. 

In letzter Zeit ist nun der Bücherschatz in Ahof 
ganz bedenklich zusammengeschmolzen; das heute 
Vorhandene büdet kaum die Hälfte des noch vor 
1 s Jahren dort befindlichen Büchermaterials. Immer¬ 
hin lässt sich auch aus diesen Resten noch die 
ehemalige Zusammensetzung erkennen und so will ich 
hier an der Hand der Bücher etwas darüber mitteüen. 

Z. f. B. 98/99. 


Vorbemerkt sei: Durch mehrere Erbschafts - 
teilungen ist schon in früheren Jahren der Bücher¬ 
bestand in Ahof wesentlich vermindert worden; so 
z. B. bestimmt eine vor mir liegende Ehestiftung 
vom Jahre 1818 die Teilung der Bücher zwischen 
den beiden Brüdern Johann und Hinrich Albers. 

Das älteste Buch der Sammlung ist ein Fo¬ 
liant vom Jahre 1563. Er enthielt die Werke: 
Moscouitische Historien (Heinr. Pantaleon), gedr. 
zu Basel bei Nie. Brillinger vnd Marx Russinger 
1563; mit blattgrossen Holzschnitten, und: — 
Türkische Historien, Von der Türken Ankunft/ 
Regierung / Königen / vnd Keysem / Kriegen/ 
Schlachten / Victorien vnd Sigen / wider Christen vnd 
Heiden ... Aus dem Italienischen von Dr. Heinr. 
Müller. Frankfurt a/M. 1563. Mit zahlreichen Por¬ 
träts. Angehängt ist der Abdruck von Luthers 
Schrift: Von Krieg wider den Türken, 1529. — 
Der Band trägt vom folgende Einschrift: „Eises 
Buch habe ich auf einer Auction in Sittensen 1572 
für 10 gekaufft. Johann Albers .“ — (Sittensen ist 
ein 10 Km. von Ahof entferntes Kirchdorf. Hier 
lebten die Herren von Schulte.) — Dann folgen: 
Itinerarium , Das ist / Ein Reisebuch / Uber das 
Newe Testament Wittenberg, Zacharias Kraft, 1587. 
Mit merkwürdigen Karten — Newe Keyser Chronica . 
Magdeburgk, Druck von Joachim Böel, Verlag von 

19 


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146 


Chronik. 


Ambrosii Kirchners. 1614. — In diese Zeit dürften 
auch die in Resten erhaltenen n IUustrirten Kräuter - 
büche r* zu setzen sein. Aus dem XVII. Jahrhundert 
stammen ferner: Waldenser Chronik . Mit Titel¬ 
holzschnitt 1655 — und mehrere sehr unvoll¬ 
ständig erhaltene landesgeschichtliche und religiöse 
Werke, so z. B. Jagd - Policey - und Teich-Ordnung 
in den Herzogtümer Bremen-Verden. 1693, 
und ein Druck der Peinlichen Halsgerichtsordnung 
Karls V. — 

Am reichsten ist das XVm. Jahrhundert ver¬ 
treten. Nach allgemeinen Gruppen geordnet sind 
es folgende Bücher: a) Geschichte und Rechtskunde: 
Gottfried Achenwall, Geschichte der allgemeineren 
EuropäischenStaatshändelu.s.w., Göttingen, 1761 — 
Siebenfacher Königl Gross-Britt u. Churf. Braunschw. 
Lüneb. Staats-Calmder auf 1775, Lauenburg bei 
Joh. Georg Berenberg — Joh. Math. Schrökh, 
Allgemeine Weltgeschichte für Kinder, Leipzig, 
Weidmanns Erben und Reich 1787 — Ihrer 
Königl. Majestät zu Schweden Brem- und Vehr- 
dische Hojffgerichts-Ordnung. (Stade, 1675) »An - 
zutreffen bey Emesto Gohlen, Buchhändlern 
daselbst“ — Samuel von Pufendorffs Werke über 
Natur u. Völker Recht, 1711 — Einleitung in die 
bürgerliche Rechtsgelehrsamkeit für diejenigen, so 
keine Rechtsgelehrte sind. Von Dr. Joh. Jacob 
Lange. Schwerin 1781. — b) Religiöse Werke. 
Arndts Wahres Christenthum, Lüneburg 1730, bei 
Stern — Dr. Heinrich Müllers Evangelischer 
Hertzens-Spiegel, Minden 1761 — Dr. Joachim 
Lütkemanns , Apostolische Aufmunterung, Minden 
1768. — c) Schöne Litteratur: Werlhofs Ge¬ 
dichte, 1749 — O. Albrecht Hallers Versuch 
Schweizerischer Gedichte. Vierte Auflage. Mit 
Kupfern. Göttingen, Abram Vandenhoek, 1748 — 
Johann Friedrich Löwens Poetische Nebenstunden, 
Leipzig, Johann Wendler 1752 — Der Messias .“ 
Halle, im Magdeburgischen, Verlegt von Carl 
Herrmann Hemmerde 1751. Erster Band. (Mit 
Titelkupfer) — Brocke „Irdisches Vergnügen in 
Gott“ — Bodmers Gedichte — „Die Räuber.“ 
Ein Schauspiel. Frankfurt u. Leipzig. 1781, die 
erste, sehr seltene Ausgabe. — Ja sogar der Streit 
Lessing-Goeze ist bis in die stille Heide nach Ahof 
gedrungen. In einem (arg zerfetzten) Sammelbande 
ist erhalten: „Noch nähere Berichtigung des Mähr- 
chens von 1000 Dukaten oder Judas Ischarioth, 
dem zweyten. Monath December 1779.“ — 

d) Moralische Schriften und Verschiedenes. — 
Schau Bühne, oder Teutsche Physic: Eröffnet durch 
Theodor Hersfeld , Joh. Pfingsten, Verlag des 
Waisenhauses. 1714 in Frankfurt u. Leipzig — 
Joh . Adolf Hoffmanns Zwey Bücher von der Zu¬ 
friedenheit, Hamburg 1742 — Christan Thomasens 
Einleitung zu der Vemunfft Lehre. Halle 1719 — 
Derselbe: Von der Kunst Vernünftig und Tugend¬ 
haft zu lieben. Der Einleitung der Sittenlehre. 
Halle 1720. (In diesen Sammelband schreibt 
H. Albers 1804 ein: „Diss BuchJ führet seinen 
Grund Zwar deutlich aber Weitleuftig auss, und 


ist aber mein Lehrreichste Buch dass ich gelesen 
habe.“) — Menoza, Ein Asiatischer Printz, welcher 
die Welt umher gezogen Christen zu suchen,... 
Aber des Gesuchten wenig gefunden. Aus dem 
Dänischen übersetzt Copenhagen,Kiselgedr. 1747— 
Conrad Mel, Kurtzer Begriff der Kirchen Historie, 
1712 (die ganze bibL Geschichte gerdmi) — 
PubUi Ovidii . .. Epistol... Heroidu, oder Brieffe 
der Heldinnen, Quedlinburg u. Aschersleben, Muntz, 
1723 — Cosmographia , oder Erdbeschreibung, 
(drei verschiedene, alle sehr defect) — Historia 
von dem Edlen Finken-Ritter, . . . Herrn Paly- 
carpo von Kirrlarissa, Gedruckt in diesem Jahr, 
(ca. 1715—20) — Die Familie Hohenstam, oder 
Geschichte edler Menschen, von Christ Soph. 
Ludwig. Leipzig 1796 — („Diss Buch ist zwar 
edel, aber zu langweilig. H. A.“) — Vermächt¬ 
nis an Helene von ihrem Vater. Vom Verfasser 
des Greises an den Jüngling mit einer Vorrede 
von Adolph Freyherm Knigge. Bremen, bei Fridrich 
Wilmans. 1798. (Mit Titelkupfer) — Anleitung 
für den geringen Mann in Städten und auf dem 
Lande, in Absicht auf seine Gesundheit; von Herrn 
Tissot. Petersburg. Auf Kosten einer Gesellschaft 
1774 — Hausvieh-Arzneybuch, von Prediger 

J. C. Giesecken. Magdeburg 1792. („Ist offtmals 
verkehrt H. A.“) — Herrn Johann Hübners Reales 
Staats-Zeitungs- und Conversations-Lexicon. Leipzig, 
bei Friedrich Gleditschens Erben. Anno 1724. — 

Aus diesem Jahrhundert waren in früheren 
Jahren in Ahof eine grosse Anzahl Bücher pikanten 
Inhalts erhalten, „Curieux Liebes-Affären“ u. s. w., 
die heute nicht mehr vorhanden sind. Ich ent¬ 
sinne mich nur eines Titels mit ziemlicher Ge¬ 
wissheit: „Schertz vnd ernsthafte Gespräche im 
Reiche der Liebe“ ... 

Bibel-Ausgaben haben sich in Ahof drei erhalten: 
„Die Propheten alle Deutsch. D. Mart Luth. Cum 
Gratia & Privilegio, Wittenberg, Gedruckt durch 
Lorentz Seuberlich M.D.XCIX.“ (Erstes Titelblatt 
fehlt) Dann eine Folio-Ausgabe der Bibel der 
von Stemschen Druckerei in Lüneburg von 1703, 
(mit Holzschnitten) und eine Grossquartausgabe 
der heüigen Schrift: „Schiffbeck bey Hamburg, Bey 
Jacob Rebenlein, HoffürstL Schleswig-Holsteinischen 
Privilegirten Buchdrucker.“ (ca. 1750.) — 

Seit 1820 etwa lässt das Büchersammeln nach, 
oder es treten landwirtschaftliche und landesge¬ 
schichtliche Werke ausschliesslich an die Stelle der 
friiheren Vielseitigkeit. Seit 1848 sind es die 
Tageszeitungen, welche die Bücher verdrängen. 
Wie sein Vorfahr Hinr. Albers das , y Hannoversche 
Magazin“ lange Jahre hält, so kommt nun bei 
Joh. Albers das „Hannoversche Volksblatt “ von 
Dr. Arnold Schroeder an die Reihe — der Jahr¬ 
gang 1848 ist allein eingebunden erhalten. Später 
erscheint jahrzehntelang die „Weserzeitung“ auf 
dem einsamen Bauernhof, und der heutige Besitzer 
erhält täglich seine Berliner Tagesblätter. 

Das Büchersammeln in Ahof hat aufgehört 
Was an alten Büchern noch der Erhaltung wert 


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Chronik. 


147 


war, kam in meine Sammlung — über ioo Werke, 
die keinen Anfang und kein Ende mehr hatten, 
sind der gänzlichen Vernichtung anheim gefallen. 

Zeven. Hans Müller-Brauel. 

£D 

Wer hat Luthers Thesen gedruckt? Diese Frage 
beantwortet neuerdings der Ober-Bibliothekar Dr . 
G. Wustmann im Leipziger Tageblatt dahin, dass 
dieser Druck nicht etwa in Wittenberg, sondern viel¬ 
mehr durch Melchior Lotther in Leipzig hergestellt sei. 
Das ist keine Neuigkeit; er bestätigt dadurch nur die 
Ansicht, welche der Bibliothekar an der Königl. Biblio¬ 
thek zu Berlin Dr, Johannes Luther schon 2 Jahre 
vorher in der Festzeitung zum 200 jährigen Universitäts- 
Jubiläum der Universität Halle, No. 3 und 4 vom 
2. und 3. August 1894, aufgestellt und bewiesen hatte. 
Es handelt sich dabei um den nur noch in zwei Exem¬ 
plaren, auf der Königl. Bibliothek zu Berlin und in der 
Bibliothek des British Museum zu London, vorhan¬ 
denen Plakatdruck von Luthers Thesen , welcher bei 
der Einweihung der Schlosskirche zu Wittenberg am 
31. Oktober 1892 in Facsimilewiedergabe nach dem 
Berliner Exemplar den Teilnehmern der Feier über¬ 
reicht wurde. Dieser Druck wurde schon von dem 
Begründer der weimarischen Kritischen Gesamtausgabe 
von Luthers Werken, Pfarrer D. Knaake, L J. 1883 im 
ersten Bande dieser Ausgabe aus inneren Gründen als 
derjenige Druck der Thesen bezeichnet, welcher dem 
Reformator am nächsten stehe. Den Drucker dieses 
Blattes aber, der sich, wie das in jener Zeit ungemein 
häufig war, nicht genannt hat, hatte Knaake nicht er¬ 
mittelt. Und doch ist es nicht nur interessant, sondern 
auch nicht unwichtig, über die Herkunft dieses ersten 
Denkmals der Reformationslitteratur auf das genaueste 
unterrichtet zu sein; denn die allgemeine Meinung, die 
selbst die Fachleute hegten, bevor dieses Blatt leichter 
zugänglich war, und die dahin ging, dass höchst wahr¬ 
scheinlich Luthers erster Drucker Johann Grünenberg 
in Wittenberg das Blatt gedruckt habe, ging eben über 
den Grad der Wahrscheinlichkeit nicht hinaus. Ein 
zweiter Plakatdruck, von welchem je ein Exemplar auf 
der St Michaels-Kirchenbibliothek zu Zeitz und im 
Königl. Geheimen Staatsarchiv zu Berlin bekannt ist, 
wird von Knaake als nümbergischer Druck betrachtet 
Eine Ausgabe in Buchform in Quarto, die mit diesen 
Plakatdrucken etwa gleichzeitig ist, kommt für die 
Frage nach dem Originaldruck gar nicht in Betracht 
Für jenen ersten Druck standen nun von den mannig¬ 
fachen Mitteln zur Erforschung des Druckers nur das¬ 
jenige der Typen zur Verfügung. Die Typen haben 
in jener Zeit für die einzelne Druckerei zumeist noch 
ein derartig eigenes charakteristisches Gepräge, dass 
man durch sie ohne grosse Schwierigkeit den Drucker 
ermitteln kann — wenn man erst einmal weiss, wem 
sie gehören. Auf diese Weise haben sowohl Wustmann 
wie vor ihm J. Luther nachgewiesen, dass dieser erste 
Thesendruck nicht von einem wittenbergischen Drucker, 
sondern von Melchior Lotther in Leipzig hergestellt 
ist, zu welchem Luther von dieser Zeit an in regster 
litterarischer als auch persönlicher Beziehung gestan¬ 


den hat; wenige Jahre später richtete sogar der alte 
Melchior seinem gleichnamigen Sohne in Wittenberg 
eine eigene Druckerei ein, die dort eine Reihe von 
Jahren, auch unter Beihilfe des zweiten Sohnes Michael 
Lotther, bestanden hat und aus welcher eine grosse 
Anzahl lutherischer Schriften hervorging. Während 
nun Wustmann sich damit begnügt, den Leipziger 
Melchior Lotther als Drucker festgestellt zu haben, ist 
J. Luther seiner Zeit noch weiter gegangen und hat 
nachzuweisen gesucht, dass mit dieser Feststellung 
des Druckers auch die bisherigen Ansichten über den 
Anschlag und die Verbreitung der Thesen einer Ab¬ 
änderung bedürfen. Diese Ansichten gingen bekannt¬ 
lich dahin, dass, wie auch Wustmann noch annimmt, 
Martin Luther seine Thesen handschriftlich an die 
Thür der Schlosskirche angeschlagen, und weiter, 
dass die Presse sich wider seinen Willen der Sache 
bemächtigt habe. Das lässt sich nach den Aus¬ 
führungen J. Luthers in diesem Umfange nicht mehr 
aufrecht erhalten. Denn erstens geht aus diesen 
a. a. O. hervor, dass Martin Luther die Thesen bereits 
vor der Disputation, mit welcher er am 31. Oktober 
1517 auf den Kampfplatz trat, bei Lotther in Leipzig 
hatte drucken lassen, wie er auch für ihren Versand 
vor der Disputation bereits Sorge getragen hatte. 
Damit aber hat er, wenn auch diese Art der Veröffent¬ 
lichung nur eine beschränkte war, sie doch selbst der 
Presse übergeben, und nur die Schnelligkeit ihrer Ver¬ 
breitung und das Aufsehen, welches sie überall verur¬ 
sachten, erregte sein Staunen. Lagen aber einmal 
gedruckte Exemplare vor, so ist weiterhin die Annahme 
nicht von der Hand zu weisen, dass Luther sie auch in 
dieser gedruckten Form, nicht handschriftlich, an die 
Schlosskirche angeheftet hat —r. 


Meinungsaustausch. 


Die Geschichte eines Patriotischen Kaufmanns , 
2. Aufl. 1769, ist die Selbstbiographie des Berliner 
Kaufmanns J, E. Goizkowsky, Zuerst erschienen 1768, 
neu abgedruckt in den Schriften des Vereins für Ge¬ 
schichte Berlins. Heft VII, 1873. In Kommission bei 
E. S. Mittler & Sohn. 

Berlin. G. Weisstein, 

« 

In dem Artikel „Ein Annalenwerk der Litho- 
graphie" (Heft II) wird des Rappschen Bilderatlas zu 
seinem Lehrbuch Erwähnung gethan. Es dürfte 
interessieren, zu erfahren, welches ausser den beiden 
allegorischen Zeichnungen nach Michel Angelo noch 
der Inhalt dieses Werkes ist Es finden sich in ihm: 

2 Kreidezeichnungen: Landschaften, HR 1808. 

1 Federzeichnung: Landschaft, Dattenhofer sculp. 

1 Federzeichnung: Ansicht einer alten Stadtmauer. 

Federzeichnungen: Auf einem Blatt acht Allegorien 
auf das menschliche Leben. 


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Chronik. 


I48 


Der Plan der Tuilerien, in Stein gez. von /. Carl 
Ansfeld\ 

und Stereotypen auf Stein von H. Rapp . 

Berlin. J. A. 

£D 

Zu der in Heft I S. 30 angeführten Liste der 
Bücher, die nachweislich in Fischarts Besitz waren 
und mit dessen Namenseintragung versehen sind, muss 
noch hinzugefügt werden die Cosmographia Petri Apiani. 
Köln 1574. (Vgl. Emst Martin in den „Strassburger 
Studien“ 3. S. 146), die auf der Strassburger Landes¬ 
und Universitäts-Bibliothek aufbewahrt wird. 


grossen Gravüre, Christus am Kreuz; M 660): Joh. 
Marchesius „Mammotrectus super bibliam, Mainz, 
Schöffer, 1470 (mit den Durandustypen; M. 300); 

Horae Maguntiensis, Schöffer 1488 (unbekannter 
Druck, gotisch, rot und schwarz; M. 650); „Aesopi 
fabularum liber“, s. L (Poitiers, ca. 1490; Druckermarke 
statt Titel; das einzige bisher bekannte Exemplar in 
der Bibliothek zu Rouen; M. 1200); Basinus „Novus 
elegiansque confidendar. epistol“ . .. Saint-Di£, 1507 
(Unikum; das letzte Exemplar in Strassburg verbrannte 
1870; M. 1500); „Processionarium ord. Praedicatorum‘\ 
Sevilla 1494 (erstes spanisches Buch mit Musiknoten; 
nur noch 2 Exemplare in Paris und London; M. 1500); 



Metallschnitt aus Turrecrematas „Meditationes«*, Albi 1481. 
(Im Besitze von Jacques Rosenthal in München.) 


S. 21. Spalte rechts Z. 12 von unten muss es heissen 
Cardanus statt Candanus. 

Prag. A. Hauffen. 


Antiquariatsmarkt. 


Im Anschluss an die Notiz unter dieser Rubrik im 
letzten Hefte seien aus dem Katalog No. 18 des Buch- 
und Kunstantiquariats von Jacques Rosenthal in 
München noch die folgenden sehr interessanten Selten¬ 
heiten hervorgehoben: 

Das erste in Albi in Languedoc von Jean Nummeister 
(Neumeister) gedruckte Buch von Joh. de Turrecremata 
„Meditationes posite de ipsius man dato in ecclesia“ ... 
1481, mit 33 Metallschnitten (M. 7000); „Missale Basi- 
leense u (ca. 1478; von Weale nicht citiert, mit einer 


Anscharius „Oratiuncula sive collecta . . . omnes 
psalmos“, s. 1. et d. (wahrscheinlich Stockholm, ältestes 
Werk eines Christen, geborenen Hamburgers, im 
Norden; M. 1200). 

An Pergamentdrucken verzeichnet der Katalog 
zehn Nummern, fast durchweg Seltenheiten ersten 
Ranges. Zahlreich sind die Illustrationswerke des XV. 
und XVI. Jahrhunderts vertreten. Darunter: Aeneas 
Sylvius „Lystoire de deux a vrays amans Eurial et 
Lucresse“, Lyon ca. 1490 (Unbekannte Übersetzung in 
Versen; M. 2200); Bibel, Frankfurt, Egenolf, 1534 
(mit Behams Holzschnitten, hier zum ersten Male ab¬ 
gedruckt; M. 600); Vierzehnte deutsche Bibel, Augsburg, 
Otmar, 1518 (M. 610); Bibel, Nürnberg, Peypus, 1524 
(M. 800); Schweizer Bibelübersetzung (von Leo Juda), 
Zürich, Froschower, 1524/29, vollständiges Exemplar; 
M. 1200); Bouchet „Von den losen Füchsen dieser 
Welt“, Frankfurt 1546 (Das einzige Exemplar war in 


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Chronik. 


149 


Heyses Bibliothek; 84 BL, 4 0 , 12 Holzschnitte; M. 375); 
„Compost des Bergers", Paris 1497 (Unikum; Fol., got, 
65 Holzschnitte; M. 850); Josephus Flavius „De Bello 
Judaico“, Leyden 1566 (mit Holzschnitten von Woeiriot; 
nur 2 Exemplare bekannt; M. 2000); Stoffler „Römisch 
Calender“, Oppenheim, Köbel, 1518 (Exemplar der 
Philippine Welser mit Namensinschrift und Randbe¬ 
merkungen ; M. 375); „Das teglich Brot von der zeyt*', 
Hagenau 1522 (got, 8 Vorbl., 155 BL, 3 BL Reg., Fol.; 
unter der Vorrede „Hierony¬ 
mus aus dem Kloster Rebdorff *; 
bisher imbeschrieben; M. 450). 

Unter den Werken mit be¬ 
rühmten Einbänden befinden 
sich: ein Josephus Flavius, 

Venedig 1544, in einem Cane- 
varius (M. 2800); Aristoteles 
„Libri politicorum“, Paris, 

Stephanus, 1511 und Xenophon, 
ebda., 151 i.schwarzerMaroquin 
mit Wappen Franz I. (M. 1800); 

Xenophon „Opera“, Basel 1534, 
braunes Kalbleder, Grolier 
(M. 2800); Cicero, Paris 1545, 
braunes Kalbleder, Diane von 
Poitiers (M. 250); Augustinus 
„Dialogi“, Rom 1592, roter 
Maroquin, de Thou (M. 150) 
und zahlreiche andere. 

An Bibelausgaben enthält der 
Katalog ausser den schon oben 
genannten u. a. noch mehrere 
Manuscripte und ausserdem 
die zweite deutsche Bibel 
(Strassburg, Mentel, 1466; M. 

2500) die vierte t Bd. I (Nürn¬ 
berg, ca. 1475; M. 600); die 
fünfte (Augsburg, ca. 1473 ; M. 

1275); die sechste (Augsburg, 

1477; M. 1200); die neunte 
(Nürnberg 1483; M. 500); die 
erste Kölner in niedersäch¬ 
sischer Mundart (Köln, ca. 1475; 

M. 450). Sehr reichhaltig sind 
ferner die Rubriken „ Amerika “, 

England?*, „.Bibliographie ", 

„Böhmen“ („Biblia croatica“, 

Evangelisten und Apostelge¬ 
schichte, Tübingen 1562; M. 150), „ Katechismen “ 
(Calvins „Catecismo“, Genf 1559, 2. Ausgabe, M. 300; 
Leo Judas „Grösser Catechismus“, Zürich 1534, M. 
200), „Jägd*,„Trachten“,„Schach“, „Reitkunst“,„Fecht- 
büchet ", „Spanien “, „ Ex-libris“ (Alfieri [M. 20], Sebald 
Beham [M. 66], Dürer, Wappen mit Löwe und Hahn 
[M. 220], Johann von Regensburg [M. 80], Virgil Solis 
[M. 48], Herzog Wühelm von Bayern [M. 40].) 

Aus der Abteilung „Frankreich“ seien erwähnt: 

„Cent nouuelles nouuelles“ Paris, ca. 1520, illustr.(M. 600); 
Christine de Pisan „Les cent hystoires de Troyes“, Paris 
1522 (M. 2200); Martin Franc „Champion des dames“, 
Lyon ca. 1485 (M. 2000); „ Lhistoire de Gerard de 


Nevers“, Paris 1520 (einziges bekanntes Exemplar der 
ersten Ausgabe; M. 2500); „Romant nomme Jehan de 
Paris“ , Lyon ca. 1525 (M. 3000); „Lancelot du Lac“, 
Paris 1533 (M. 2600). 

Ältere deutsche Utteratur: „Eyn Christenlich nutz¬ 
bar Betbüchlein“, Nürnberg ca. 1520 (M. 60); Eberlin 
v. Günzburg „Die 15 Bundtgenossen“, Basel 1521; 
(„vollständig fast unauffindbar“ sagt der Katalog; mir 
kam kürzlich ein trefflich erhaltenes Exemplar durch 
die Hände; M. 450); Fischart 
„Eulenspiegel Reimens weis“ 
Frankfurt ca. 1580 (M. 300); 
„Hystori der Florio und Bian • 
ceffora“, Metz 1500 (M. 300); 
Grimmelshausen „Verkehrte 
Welt“, o. O. 1672 (M. 60); 
Logau „Hundert Teutscher 
Reimen“, Breslau 1638 (wohl 
Unikum; M. 500); Wandkalen¬ 
der deutsch, Basel ca. 1500 
(Holzschnitt am Ende, got, 
rot und schwarz, unbekannt; 
M. 75 ). 

Es folgen die Abteilungen 
„Gastromonie“ (prächtige Sel¬ 
tenheiten), „Genealogie“ (mit 
verschiedenen Stammbüchern), 
„Holland 1 , „Ungarn“, „Imi- 
tatio Christi“ (10 Nummern), 
„ Antisemitismus ", „Liturgie“ 
(dabei köstlicheStücke), „Astro¬ 
nomie“ (u. a. „Teutsch Kalen¬ 
der“, Augsburg 1522, mit zahl¬ 
reichen Holzschnitten älteren 
Ursprungs, 57 BL 4 0 , Einband 
Lortic; M.450), Rite Medizin“ 
(voller Kuriositäten), „Mili¬ 
taria“, „Totentänze“, „Musik*, 
„ Ornamente ", „Die Philippinen, 
Japan und China“, „Polen“, 

,, Porträtwerke“, Reformation“ 
(zahlreiche Flugblätter), „Russ¬ 
land*, „Geheime Wissenschaf¬ 
ten“ (hauptsächlich Alchimie), 
„Schweden“, „Schweiz**, „Paläs¬ 
tina“ und „ Topographie“. Einen 
der eigentümlichen Metall¬ 
schnitte aus dem Turrecremata 
und die Titelbilder der Grimmelshausenschen „Ver¬ 
kehrten Welt“ bringen wir anbei. —bl— 


Kleine Notizen. 


Deutschland. 

Am 23. April ist in Leipzig der Grundstein zu dem 
Deutschen Buchgewerbehause in feierlicher Weise ge¬ 
legt worden. Auf dem von der Stadtgemeinde Leipzig 
dem „Zentralverein für das gesamte Buchgewerbe“ zur 


s** 

2t6enf<uerlicßen Simplidi 

QJerteütfe QBelt. 

Sflicfcf / toie e$ frfjeinef/ 

Dem ßefer allein jur ßufi unt> 

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fen flufferfauiicfjein'ftutj an* 
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von 

Gimett JLettnfr»f4> Hartenfels. 
‘SitokÄupfenS Srflärung 
.©er £irf<& Öen fi'iljncn 3ager legt/ 
£>cr£>cf)$ mand)maf>l Den aReMerftyligt/ 
£>rr 21rm bem Steifen ©teuer trägt/ 

3ur Arbeit brr ©olbatfiä regt/ 

25er Sauer in SBaffen fidj beivegt/ 
cfj £>in g bie 28elt tu üben pflege. 



Titel von Grimmelshausens „Verkehrter Welt“, 
o. O. 1672. 

(Im Besitz von Jacques Rosenthal in München.) 


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Chronik. 


150 


Errichtung eines Vereinshauses geschenkten Bauplatze, 
der sich im Rücken des deutschen Buchhändlerhauses 
befindet, wird ein stattlicher Bau nach den Plänen 
des Architekten Emil Hagberg erstehen, welcher den 
gesamten Buchgewerben Deutschlands eine Heimstätte 
an ihrem Zentralpunkt bieten soll Das Haus wird 
die dem genannten Zentralverein zur Verwaltung anver¬ 
traute königlich sächsische bibliographische Sammlung 
und die eigenen Sammlungen des Zentralvereins bergen, 
welche zusammen das Deutsche Buchgewerbemuseum 


über 300 qm Flächenraum bedachte Saal, zu dessen 
künstlerischer Ausschmückung von einer grösseren An¬ 
zahl von Angehörigen des Buchgewerbes aus ganz 
Deutschland bereits ein namhafter Betrag gestiftet 
worden ist, soll eine Ehrenhalle der Buchgewerbe 
werden. Die Bildnisse der hervorragenden Erfinder 
und anderer um das Gewerbe verdienter Männer sollen 
darin Aufstellung finden, anderer künstlerischer Schmuck 
an die Stätten erinnern, an denen die vervielfältigenden 
Künste ihre hauptsächlichste Pflege gefunden haben. 



Frontispiz aas Grimmelshausens „Verkehrter Welt**, o. O. 1673. 
(In Besitz von Jacques Rosenthal in München.) 


bilden; ferner Ausstellungsräume für neue Erzeug¬ 
nisse und Hüfsmittel des Buchgewerbes: Neuerschei¬ 
nungen des Buch- und Kunsthandels, Mustererzeugnisse 
der Druck- und Kunstanstalten, der Buchbindereien, 
Schriftgiessereien, Papierindustrie u. s. w., sowie buch¬ 
gewerbliche Maschinen. Ein Geschoss wird den buch¬ 
gewerblichen Vereinen zu Bureau- und Sitzungsräumen 
Vorbehalten. Ein geräumiger Saal dient als Lese- und 
Zeichensaal, um den ausübenden Technikern und 
Künstlern die Vorbüdersammlungen und den Gewerbs- 
genossen die schon ziemlich stattliche Bibliothek leicht 
zugänglich zu machen. Als ein Weiheraum wird die 
Gutenberg-Halle dem Gebäude eingefugt. Dieser mit 


Ein Buchdruckmuseum soll auch in Berlin zur Feier 
des 500jährigen Geburtstages der Buchdruckkunst im 
Jahre 1900 errichtet werden. Während in Mainz , der 
Vaterstadt Johann Gutenbergs, eine Gutenberg-Gesell¬ 
schaft und die Eröffnung eines Gutenberg-Hauses geplant 
wird, das alles für Gutenbergs Lebensgang, sowie für 
die Entstehung und Entwickelung der Buchdruckerei 
Wichtige aufnehmen und übersichtlich geordnet der 
Nachwelt aufbewahren soll, ist für die Hauptstadt des 
Reiches, als den Sitz so vieler angesehener Vereinigungen 
für Kunst und Wissenschaft, sowie für die graphischen 
Gewerbe, ein Buchdruckmuseum grossen Stils in 
Aussicht genommen. Das Museum soll ein Büd der 


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Entwickelung der Buchdruckkunst vergangener Jahr¬ 
hunderte bieten und gleichzeitig im Anschlüsse an die 
Leistungen der Gegenwart zeigen, wie die heutigen 
Vervollkommnungen der Maschinen und Geräte Schritt 
für Schritt entstanden sind, welche Wandlungen unsere 
Schriften und Zierate durchgemacht, wie die ver¬ 
schiedenen Kunststilarten auf die Herstellung und Aus¬ 
schmückung der Drucksachen Einfluss genommen 
haben. Eine Zusammenstellung aller Maschinen, 
Modelle und Zeichnungen, von den ältesten, gegen¬ 
wärtig im Amsterdamer Plantinmuseum aufbewahrten 
Pressen bis zur modernsten Setzmaschine, würde einen 
ebenso lehrreichen als allgemein interessanten Ab¬ 
schnitt aus der Geschichte der menschlichen Kultur¬ 
entwickelung darstellen. Im Anschlüsse an das Buch¬ 
druckmuseum soll dann die in Fachkreisen seit langem 
herbeigewünschte graphische Hochschule erstehen, 
deren Anfänge bereits in der Fachklasse für Typographen 
an der Berliner Handwerkerschule vorhanden sind. 


Der Nürnberger Magistrat hat beschlossen, auf die 
Vervollständigung der für Nürnbergs Vergangenheit so 
bedeutungsvollen Kaspar Hauser-Litteratur in der 
Stadtbibliothek Bedacht zu nehmen. Anlass zu diesem 
Beschluss hat ein jetzt eingegangenes Werk einer in 
München lebenden Engländerin über Kaspar Hauser 
geboten, welches aufs neue die bekannte fürstliche Ab¬ 
stammung des Findlings beweisen will« 


Der verstorbene Maler Professor Augusi von Heyden 
in Berlin hat seine Sammlungen zur Kostümgeschichte 
dem Germanischen Museum in Nürnberg vermacht. 


Nach testamentarischer Verfügung des im Jahre 
1873 verstorbenen Friedrich v. Raumer ist j etzt nach dem 
am 31. Dezember v. J. erfolgten Hinscheiden des letzten 
Gliedes seiner Familie (Fräulein Agnes v. Raumer) 
seine ganze reichhaltige Bibliothek, dem Vernehmen 
nach etwa 12000 Bände stark, nebst einer grossen 
Sammlung von Kupferstichen u. dergl. und einem von 
L. Knaus gemalten trefflichen Porträt des Erblassers, 
wie die „Nat. Ztg.“ berichtet, in den Besitz des Staates 
übergegangen. Und zwar soll die Sammlung einer 
grösseren Stadt in der Nähe von Berlin überwiesen 
werden. Die Wahl des Ortes bleibt dem Kultusminister 
überlassen. Dem Vernehmen nach hat sich bereits der 
Magistrat von Frankfurt a. O. um die Überweisung 
dieser reichen Schätze beworben. 


Eine sehr interessante kleine Studie über die 
„ Tablettes Autrichiennes“ von Robert W. Arnold findet 
sich in „Ein Wiener Stammbuch “ (Wien, Carl Konegen, 
1898), S. 182 u. ff. Während des Zeitraumes zwischen 
Wiener Kongress und Märzrevolution entstand eine 
grosse Fülle pseudopolitischer Skandalschriften, unter 
denen die „Tablettes Romaines (< des sogenannten 
Grafen Santo-Domingo einen Hauptplatz einnahmen 


und zahllose Nachahmungen hervorriefen. Eine dieser 
Nachahmungen — wenigstens dem Titel nach — er¬ 
schien als „Tablettes Autrichiennes contenant des faits, 
des anecdotes et des observations sur les moeurs, les 
usages des Autrichiens, et la chronique secr&te des 
cours d’Allemagne, par un t&noin oculaire“ in Brüssel 
bei H. Tarlier 1830. Der belgische Bibliograph Delecourt 
bezeichnete Santo-Domingo als den Verfasser; Arnold 
weist mm aber nach, dass der fragwürdige Graf keines¬ 
wegs der Autor dieser Schrift ist, sondern, dass sich ein 
Name von litterarischer Berühmtheit hinter der Ano¬ 
nymität verbirgt — und zwar kein Geringerer als Charles 
Sealsfeald recte Karl Postl Die „Tablettes“ sind nämlich 
ein bis auf kleine Verkürzungen wörtlicher Abdruck von 
„L'Autriche teile qu’elle est, ou chronique sercr&te de 
certains cours d’Allemagne“ (Paris, A. Bossanges, 1828), 
welches wiederum den Urtext der Sealsfieldschen Sen¬ 
sationsschrift „Austria as it is; or sketches of Continental 
courts. By an eye-witness“ (London, Hurst, Chance 
& Co., 1828) getreu übersetzt Zum Ruhme Sealfields 
haben freilich weder Original noch Nachdruck beige¬ 
tragen; das nimmt den Untersuchungen Arnolds aber 
nichts von ihrem Interesse. In der von Arnold ge¬ 
gebenen Bibliographie der Scandalosa Santo Domingos, 
ihrer Übersetzungen und Nachahmungen fehlt nur 
unter 1825 die bei Vieweg in Braunschweig erschienene 
Verdeutschung der „Tablettes romaines“, die ich in 
meiner Bibliothek fand; sonst würde ich sie schwerlich 
vermisst haben. —z. 


England. 

Sotheby in London beendete am 12. März die 
VersteigerungverschiedenerAutographen-Sammlungen. 
Ein Brief von Robert Bums, 1787, und ein solcher von 
1791 erzielten je 315 M. (Dallaway); vier Quartseiten 
Gedichte von Bums Hand, 320 M. (Pearson); die 
Unterschrift der Königin Elisabeth, 140 M. (Mrs. Lang); 
das Originalabkommen zwischen Oliver Goldsmith und 
Thomas Cadell für die „Compilation der Geschichte 
Englands“, datiert 5. Januar 1771, kam auf 370 M. 
(Pearson). Ein Brief von der Königin Henriette 
Maria von England an ihren Bruder Gaston von 
Orleans, undatiert, brachte 17$ M. (Martin); ein bisher 
für unveröffentlicht erachteter Brief Keats an K. Haydon, 
den 8. März 1819 datiert, 252 M. (Dallaway); ein 
schöner Brief Schillers, datiert vom Neujahrstage 
1789 in dem der Dichter erklärt, er hoffe bei harter 
Arbeit innerhalb von zwei Jahren so weit zu sein, um 
sich von den drückenden Schulden befreien zu können, 
die sein Leben verbitterten, 205 M. (Grevel). Eine 
Folioseite Manuskript, ein Gondellied, unterzeichnet 
„Felix Mendelssohn-Bartholdy, Sorrento den 1. Juni 
1831,“ wurde mit 820 M. bezahlt (Read). Ein Schrift¬ 
stück über Marineangelegenheiten, datiert März 1648, 
als von Müton herrührend angenommen, brachte 400 M. 
(Lang); ein Brief Heinrichs VIII. an den Herzog von 
Savoyen, 200 M. (Barker); ein Brief von William 
Penn, 4. Oktober 1670, beginnend: „to my worthy friend 
Samuel Pepys“, 520 M. (Moore). —s. 


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152 


Chronik. 


Das vierte Heft mit dem Katalog (Clarendon Press) 
des Rev. W. F. Macrays über die Rawlinson Manu¬ 
skripte der Bodleian Bibliothek ist erschienen. 900 Manu¬ 
skripte sind katalogisiert und der Inhalt derselben 
summarisch mitgeteilt worden. Hauptsächlich enthalten 
die Schriften Material aus dem XVII. und XVIII. Jahr¬ 
hundert und zwar über Buchsammeln, Theologie, die 
englische Armee in Flandern, über Kunst, Litteratur u. s. w. 
Die betreffenden Manuskripte bilden für den littera- 
rischen Antiquar eine reiche Fundgrube. —s. 


Frankreich. 

„Le Petit Nigots“ veröffentlicht zwei kurze Artikel 
des Herrn Sappia über die Einführung der Buchdrucker - 
kunst in Nizza, . Es scheint, dass im XVI. Jahrhundert 
Nizza noch keinen Drucker besass, denn erst 1614 liest 
man von Unterhandlungen des Senats mit einem 
Drucker und einem Buchhändler aus'Turin. Die erste 
in Nizza erschienene Druckschrift ging aus der Presse 
eines gewissen Castello hervor und enthielt synodale 
Verfügungen des Erzbischofs Martinengo, die um 1620 
erschienen. Im XVIII. Jahrhundert kennt man Bücher 
aus den Pressen Gio. Battista Romens (1751) und 
Gabriele Floteronts (1759). Ende desselben Jahr¬ 
hunderts entstanden dort die als die besten italie¬ 
nischen Klassikerausgaben bezeichneten Druckwerke 
der typographischen Gesellschaft Sie veröffentlichte 
u. a. die vollständigste bekannte Ausgabe desMetastasio. 

—az. 


Italien. 

Über die erste neapolitanische Ausgabe der Dante - 
sehen „Divina Commedia " schreibt Herr Cavalcanti 
in der „Rivista delle Biblioteche e degli Archivi“: 
Wenn auch Dantes Dichtart nicht so viele Nachtreter 
hatte, wie z. B. Petrarca, so finden wir seine Spuren 
doch häufig wieder. Besonders auffällig ist dies in 
Palmieris „Cittä di vita“, d’Arezzos „Visione“, Gherardo 
daCignanos „De septem virtutibus“, Jonatas „Giardino“, 
De Jennaros „Le Sei Etä“ u. a. m., die sich mehr oder 
weniger an die „Götdiche Comödie“ anlehnen. Die 
erste neapolitanische Ausgabe des Werkes erschien 
während der Regierungszeit Ferdinands von Arragonien, 
und zwar 1472 bei Francesco del Tuppo, der damit die 
Buchdruckerkunst in Neapel einführte. Das Buch 
wurde in Klein-Folio verausgabt und hatte keinerlei 
Initialen, noch war es datiert; es enthielt 89 in je zwei 
Spalten bedruckte Seiten, von denen die meisten 15, 
einige nur 14 Terzinen brachten. Die Ausgabe ist sehr 
selten; man kennt nur noch zwei Exemplare; das eine 
befindet sich in der Königl. Bibliothek zu Stuttgart, das 


zweite im Londoner British Museum, welches das Buch 
1835 für 60 Pfund erstand. Die „Divina Commedia“ 
erschien 1472 in vier Städten, nämlich in Foligno, Man¬ 
tua, Jesi und Neapel; das Buch gehört also zu den vier 
überhaupt ersten Ausgaben. —m. 


Drei bekannte Gelehrte, die Professoren Solerti in 
Bologna, Campanini in Reggio-Emilia und Sforza in 
Lunigiana, haben ein sehr interessantes „Leben des 
Ariost“ zusammengestellt Der erste Band enthält 
Mitteilungen über sein Leben, seine Liebesangelegen- 
heiten, seine diplomatischen Sendungen. Der zweite 
Band bringt Briefe, Dokumente und eine Bibliographie 
über alles, was Ariost betrifft. Facsimües, Porträts und 
Illustrationen sollen das Buch schmücken. —az. 


Spanien. 

Wie alljährlich — wir verdanken der Firma die 
Facsimile-Ausgabe des Don Quixote von 1615 (spa¬ 
nisch) — veröffentlichte auch diesmal Montaner y 
Simön in Barcelona eine Extranummer der „Ilustraciön 
Artistica“, welche ganz einer klassischen spanischen 
Dichtung gewidmet ist. Diesmal handelt es sich um 
„El sueno de las calaveras“ des Quevedo. Alejandro 
de Riquer hat die schöne chromotypische Aus¬ 
schmückung entworfen. —m. 

Martinez Salazar lässt binnen kurzem seine 
„Cronica troyana“ im Druck erscheinen. —m. 


Amerika. 

Mag der „Inland Printer“, die amerikanische 
Buchdruckerzeitschrift, ein spielendes Kind, eine Herbst¬ 
landschaft, einen Indianer oder einfach ein Ornament 
als Deckelzeichnnng bringen — es wirkt fast immer 
reizvoll und in die Augen fallend. Die dem Text ein¬ 
gefügten Druckproben sind häufig sehr künstlerisch, 
so in der Februamummer eine Anzeige von Bradley 
für „The Ault and Wiborg Co.“, die in ihrer Kontur- 
losigkeit und Farbenwirkung an Steinlen erinnert. Der 
Zeichner eines brillanten Schlittschuhläuferpaares auf 
mostrichgelbem Grunde, Herr F. R. C. (für Jaenecke 
Broths. Fr. Schneemann) ist uns leider noch unbekannt 
Ein Artikel über die moderne Bewegung im Reich 
der Affiche ist mit interessanten Illustrationen von Pla¬ 
katen Willettes, Chdrets, Bradleys u. a. versehen. Auch 
eine photographische Anzeige von Mr. John E. Dumont 
befindet sich darunter, doch ist sie mit den Hand¬ 
zeichnungen nicht zu vergleichen. —f. 


Nachdruck verboten . — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich; Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse: Berlin W. Augsburgerstrasse 6x erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. — Papier der Neuen Papier- 

Manufaktur in Strassburg i. E. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Hcrausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

2. Jahrgang 1898/99. - Heft 4: Juli 1898. 


Chodowieckis Werther-Bilder. 

Von 

Professor Dr. Georg Witkowski in Leipzig. 


ls im Herbst 1774 Goethes 
„Weither“ erschien, hatte Da¬ 
niel Chodowiecki sich bereits 
die Stellung des grössten deut¬ 
schen Illustrators seiner Zeit 
errungen. Zwar waren seine 
ersten Leistungen auf diesem Gebiete, die 
zwölf Kupfer zu „Minna von Barnhelm“, erst 
fünf Jahre zuvor erschienen; aber diese feinen, 
weichen und doch so charakteristischen Bild¬ 
chen hatten sogleich die Augen der Kunstver¬ 
ständigen und zumal der Verleger auf sich 
gelenkt, die für den damals fast unentbehrlich 
scheinenden Schmuck ihrer Bücher und Al- 
manache nach neuen geeigneten Kräften eifrig 
Umschau hielten. So häuften sich bald die 
Aufträge, und der Meister verlieh zahlreichen 
Dichtungen und wissenschaftlichenWerken durch 
seine Titelblätter, Vignetten und Illustrationen 
erhöhten Reiz und erhöhte Anziehungskraft. 

Der Verleger des „Weither“, Christian 
Friedrich Weygand in Leipzig, glaubte solche 
Hilfsmittel entbehren zu können. Bei den früher 
in seinem Verlage erschienenen goethischen 
Werken „Götter, Helden und Wieland“ und 
„Clavigo“ hatte er sich begnügt, die Titel mit 
zwei alten, nichtssagenden Holzschnitten aus¬ 
zustatten; jetzt beim „Weither“ bediente er sich 
ebenfalls nur einer kleinen Verlagsvignette, die 
ebensowenig wie die früheren irgendwie zu dem 
Z. f. B. 98/99. 


Inhalt des Buches in Beziehung stand. Als 
sich dann der grosse ungeahnte Erfolg ein¬ 
stellte, als gleich im zweiten Jahre sieben Nach¬ 
drucke erschienen, da meinte auch Weygand, 
ein übriges thun zu sollen und versah die 
Titelblätter der zweiten ächten Auflage von 
1775 mit zwei süsslichen Medaillons, deren 
Gegenstand dem Roman entnommen war. Der 
ungenannte Künstler dürfte dem Stile nach Meil 
oder einer seiner Schüler sein. 

Auch die Flut von Nachahmungen, Gegen¬ 
schriften, Parodieen und Gedichten, die unmittel¬ 
bar auf das Erscheinen des „Weither“ folgte, 
bietet in künstlerischer Beziehung sehr geringe 
Ausbeute. Nur ein bemerkenswertes Erzeugnis 
bildender Kunst ist dadurch hervorgerufen wor¬ 
den, die Vignette Chodowieckis zu Nicolais 
Schrift „Freuden des jungen Werthers. Leiden 
und Freuden Werthers des Mannes. Voran und 
zuletzt ein Gespräch.“ Berlin, bey Friedrich 
Nicolai, 1775. (Abb. 1.) 

In diesem kleinen Pamphlet bäumt sich der 
philiströse Verstand des „selbstklugen“ Jahr¬ 
hunderts gegen die brausende Leidenschaft der 
neuen Generation auf, die seine sorgsam auf- 
gefuhrten Dämme durchbrechen und das be¬ 
hagliche, wohlgeordnete Dasein, das er hinter 
ihnen führt, vernichten will. Die Gewalt der 
Bewegung verkennend, glaubt Nicolai mit Spott 
ihrer. Herr werden zu können. Die Sprache 

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Witkowski, Chodowieckis Werther-Bilder. 


154 


ftteuben 

jungen äßertjjerS 

Reiben unb ^reuben 


SBertljerö m Cannes. 



35er ftn, 

bei) 5 r i c b r i cf) 5T1 i c 0 ( o ü 

1 7 7 5- 

Abb. 1. 

Titel von Nicolais „Freuden des jungen Werthcrs**. 

der Genies mit ihrem Streben nach Wieder¬ 
gabe der natürlichen Redeweise parodiert er 
übertreibend in dem Gespräch am Anfang, dann 
zeigt er, wie Werther mit einer ganz geringen 
Veränderung hätte glücklich werden können. 
Er lässt im zweiten Teil des Romans Albert 
mit Lotte nicht verheiratet, sondern nur verlobt 
sein; Albert erfährt bei seiner Rückkehr von 
dem letzten Gespräch Werthers mit Lotte, er¬ 
kennt, dass ihre Liebe gegenseitig ist, und 
schickt Werther, als der Knabe mit dem Zet¬ 
telchen kommt, die Pistolen wie im Roman, 
nur dass er sie vorher mit Hühnerblut ladet. 
Als der Selbstmörder, der sich schon verloren 
wähnt, dies durch Albert erfährt, springt er 
auf, umarmt Albert und mag es kaum glauben, 
dass der Freund so grossmütig gegen ihn 
handeln könne. Aber noch mehr. Albert ver¬ 
zichtet, nach wenigen Monaten wird Werthers 


und Lottens Hochzeit vollzogen, und „nach zehn 
Monaten war die Geburt eines Sohnes die 
Losung unaussprechlicher Freude“. 

Das Kind wird durch eine kranke Amme 
tödlich vergiftet und steckt auch Lotte an, die 
mit Mühe dem Tode entrinnt. Werther ver¬ 
liert sein Vermögen, muss ein Amt annehmen, 
ist oft missmutig und viel vom Hause ab¬ 
wesend. Lotte schmollt deshalb mit ihm und 
lässt sich von einem der neuen Genies den 
Hof machen. Schliesslich scheiden sie sich 
von Tisch und Bett, Lotte kehrt zu ihrem Vater 
zurück, und beide sind tief unglücklich. 

Albert hört davon, redet beiden ins Gewissen, 
bringt sie zur Vernunft und vereinigt sie wieder. 
„Albert holte Werther auf den Jagdhof, der alte 
Amtmann hiess Werthern kurz und lang, Lotte 
weinte und entschuldigte ihn. Werther umarmte 
Lotten, und sie reisten völlig versöhnt zurück.“ 
Diese Scene hat Chodowiecki in seiner 
reizenden Vignette dargestellt. Deutlich und 
doch nicht aufdringlich deutet er durch die Ge¬ 
wehre, den Hirschkopf und das Hern an der 
Wand, den Jagdhund unter dem Tische das 
Lokal an, in lebendigster Haltung zeichnet er 
die vier Gestalten, unter denen besonders der 
alte behäbige Amtmann in seinem Erstaunen 
und seinem Zorn gegen Werther äusserst glück¬ 
lich charakterisiert ist. 

Man meint, es der warmen, liebevollen Aus¬ 
führung des Bildchens anzumerken, dass der 
Künstler mit ganzem Herzen bei seiner Aufgabe 
war und völlig mit dem Verfasser und seiner 
Tendenz übereinstimmte. Freilich hatte Goethe 
Recht, wenn er gegen Nicolais Parodie die 
zornigen Worte (von noch schlimmeren zu 
schweigen) richtete: 

Mag jener dünkelhafte Mann 
Mich als gefährlich preisen, 

Der Plumpe, der nicht schwimmen kann, 

Er wills dem Wasser verweisen. 

Was schiert mich der Berliner Bann, 
Geschmäcklerpfaffenwesen! 

Und wer mich nicht verstehen kann, 

Der lerne besser lesen! 

Die hellauflodemde Leidenschaft, die grenzen¬ 
lose Verzweiflung, die gefühlsselige Schwärmerei 
Werthers war durch Welten von dem verstän¬ 
digen, bürgerlich soliden Berlinertum getrennt. 
Ein behagliches, streng an die geltenden Moral¬ 
begriffe gebundenes Familienleben herrschte 
hier, der Verstand führte das Scepter, und ihm 


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Witkowski, Cbodowieckis Weither-Bilder. 


155 



Daniel Chodowiecki. Nach dem Ölbild von Anton Gr aff. 


ordnete sich auch die Kunst unter, als deren Haupt¬ 
vertreter ein Nicolai und Chodowiecki galten. 
Wo die Leidenschaft sich unvernünftig geberden 
wollte, da war sogleich der Spott ihr zur Seite, 
um ihre gefahrdrohenden Wirkungen aufzuheben 
und sie in ihre Schranken zurückzuweisen. 

Aber daneben forderten auch die Bedürf¬ 
nisse des Gemüts ihre Befriedigung, und die 
Berliner verschlossen sich keineswegs der Em¬ 
pfindsamkeit, die damals allenthalben regierte. 
Sanfte Rührung, mitleidige Thränen bei unver¬ 
schuldetem Unglück liess man sich gern ent¬ 


locken, und gerade Nicolai hatte in einem] viel¬ 
gelesenen Roman, seinem „SebaldusNothanker“, 
kurz zuvor ein Muster dieser Art geboten, das 
durch eine reiche Anzahl von Stichen Chodo- 
wieckis seinen völlig entsprechenden Schmuck 
erhielt. Auch der „Weither“ fand in Berlin zahl¬ 
reiche gerührte Leser, und ein späterer Schrift¬ 
steller leitete in seinen „Bemerkungen eines 
Reisenden durch die königlich preussischen 
Staaten“ (Altenburg 1799 1 , S. 600) das dort vor¬ 
handene Übermafs an Empfindsamkeit geradezu 
von der Einwirkung des goethischen Romans ab. 


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156 


Witkowski, Chodowieckis Werth er- Bilder. 



Abb. 2. 

Titelkupfer zum „Werther“, Berlin, Himburg 1775. 

Diese starke Wirkung konnte dem aufmerk¬ 
samen Auge Chodowieckis nicht entgehen. 
Hielt er doch andauernd eifrige Umschau nach 
den Erscheinungen am literarischen Himmel, 
die durch ihre Beliebtheit seiner nie rastenden 
Nadel lohnende Beschäftigung verhiessen, und 
die Aufforderungen der Verleger an ihn be¬ 
zogen sich naturgemäss gerade auf solche 
Werke, die als die am meisten gelesenen den 
höchsten Gewinn erhoffen Hessen. 

Durch den „Werther“ war Goethe, der 
schon seit dem „Götz von Berlichingen“ eine 
führende Stellung unter den deutschen Dichtern 
behauptete, mit einem Schlage zum ersten unter 
ihnen, zu einer europäischen Berühmtheit ge¬ 
worden. KeinWunder, dass ein unternehmender 
Buchhändler, der Berliner Christian Friedrich 
Himburg, sogleich auf den Gedanken kam, die 
Schriften des jungen Autors, ohne ihn erst um 
seine Erlaubnis anzugehen, zu sammeln und in 
einer gefälligen, mit guten Kupfern geschmückten 


Ausgabe dem Publikum vorzulegen. Als ersten 
Band Hess er 1775 den „Weither“ erscheinen. 
Die beiden Titelblätter und das letzte Bild, 
Werther auf dem Totenbette darstellend, hatte 
Chodowiecki gezeichnet und Berger gestochen. 
Die ersteren stellten in graziöser Komposition 
Lottes und Werthers Porträt im Medaillon dar, 
das ihrige von Blumen, das seine von Baum¬ 
zweigen umkränzt. An eine beabsichtigte 
Porträtähnlichkeit mit den historischen Vor¬ 
bildern der Gestalten ist gewiss nicht zu denken. 
Zwar weist Lottes Porträt, wie Könnecke be¬ 
merkt hat, mit dem Bilde der Lotte Buff ge¬ 
meinsame Züge auf; aber Werther hat gar nichts 
von dem jungen Jerusalem erhalten. Unterhalb 
der Rundbilder sind zwei Scenen des Romans 
in der Art von Basreliefs wiedergegeben. 
Unter Lottes Bild der Moment, als Werther sie 
zum Balle abholt und sie, den Geschwistern 
Brot schneidend, findet, jener Vorgang, der 
später durch Wilhelm von Kaulbachs liebens- 



Abb. 3 

Titelkupfer zum „Werther“, 2. Aufl., Berlin, Himburg 1777. 


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Witkowski, Chodowieckis Werther-Bilder. 


würdige Darstellung so populär geworden ist, 
und unter Werthers Porträt das letzte Bei¬ 
sammensein der Liebenden in leidenschaftlicher 
Umarmung, deren heisse Glut in dem Bilde 
trotz seiner Kleinheit zu hinreissendem Ausdruck 
gelangt (Abb. 2). 

Während wir heute dem Helden des Romans 
höheres Interesse zuzuwenden pflegen als der 
einfachen, heiter ruhi¬ 
gen Gestalt Lottes, ha¬ 
ben die Zeitgenossen 
vor allem an ihr Ge¬ 
fallen gefunden und sich 
mit ihr beschäftigt. Aus 
diesem Grunde gab 
Himburg wohl auch von 
dem Blatte, dessen Me¬ 
daillon Lottes Porträt 
darstellte, einzelne Ab¬ 
drücke, das Stück zu 
acht Groschen, aus, und 
so nützte sich die Platte 
schneller ab als ihr 
Gegenstück. Für die 
zweite Auflage von 
1777 wurde sie nach¬ 
gestochen und der un¬ 
tere Teil durch eine 
neue Komposition Cho¬ 
dowieckis ausgefüllt 
(Abb. 3), für die er den 
Besuch beim Pfarrer 
von St... wählte. Wir 
sehen den gichtischen, 
halbtauben Alten, wie 
er die Geschichte der 
Nussbäume vor seinem 
Hause erzählt, Lotte 
„herzt seinen garstigen 
schmutzigen jüngsten 
Buben, das Quakelchen 
seines Alters“, und Werther lauscht eifrig. 

Auch diese Komposition blieb nicht die 
letzte, die das immer wieder aufgeätzte und 
retouchierte Medaillonbild Lottes begleitete. 
Dieses, wies schliesslich kaum noch einen 
Schimmer des Reizes auf, den es in den ersten 
Abdrücken besessen hatte: alle feineren De¬ 
tails waren verschwunden, von der zarten Ar¬ 
beit mit der kalten Nadel keine Spuren mehr 
zu entdecken, und unnatürlich schauten die 


157 


grossen schwarzen Augen aus dem leer und 
matt erscheinenden Gesicht hervor. Das war 
freilich kein Wunder; denn im Jahre 1778 
musste der Stich auch zu einer Einzelausgabe 
des „Werther“ (trotz der fingierten Bezeichnung 
„Frankfurt und Leipzig“ bei Himburg erschienen) 
herhalten und dann noch in der dritten und 
letzten Ausgabe von Goethes Schriften 1779 

(Abb. 7) seinen Dienst 
thun. Allerdings war 
nun wieder die unten an¬ 
gebrachte kleine Kom¬ 
position völlig abge¬ 
nutzt, und Chodowiecki 
lieferte eine dritte Bei¬ 
gabe zu Lottes Porträt, 
die an Vollendung die 
beiden früheren noch 
übertraf. Auch der 
Stecher Berger ging 
in ihrer Wiedergabe 
besser als zuvor auf die 
Manier des Meisters 
ein (Abb. 5). Wie sorg¬ 
fältig Chodowiecki die 
reizende Darstellung 
der Scene, wie Lotte 
dem Diener Werthers 
die Pistolen reicht, vor¬ 
bereitete, lehrt eine in 
grösserem Format aus- 
geführte Rötelstudie 
(Abb. 4), in der die 
Anmut der Haltung 
und die Natürlichkeit 
des Ausdrucks noch 
weit besser zur Geltung 
kommen. 

Das Wertherme- 
daillon hatte mit seinen 
kräftigeren Zügen und 
der einfacheren Komposition des Sockelbildes 
den vielfachen Ansprüchen der vier Ausgaben, 
in denen es überall als Pendant zu Lottes Bild 
erschien, besser Stand gehalten. Jetzt aber, in 
dem letzten Druck von 1779, war es ebenfalls 
bis zur Unkenntlichkeit abgenutzt und allent¬ 
halben durch ungeschickte Auffrischungen ent¬ 
stellt. Es zeugte von geringer Gewissenhaftigkeit 
des Verlegers, dass er es so noch einmal dem 
Publikum darzubieten wagte. Nur für die 



V 


Abb. 4. 

Rötelstudie (im Besitz der Frau Dr. Ewald in Berlin) 
zu der Vignette Abb. 5. 


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15^ Witkowski, Chodowieckis Werther-Bilder. 



Abb. 5. 

Scenenbild aus „Wcrthcr ,, s Lotte dem Diener die Pistolen 
reichend; Titelkupfer zu Goethes Schriften, Berlin 1779. 


begleitende Darstellung liess er von Berger 
eine neue Zeichnung Chodowieckis stechen, 
die reizvoll die Schlussscene des ersten Teils 
wiedergab (Abb. 6). 

Himburg that ausserdem für diese Ausgabe 
noch ein übriges. In den früheren waren dem 
„Werther“ ausser den Titelkupfem drei Bilder 
beigegeben, von denen zwei von Krüger ge¬ 
zeichnet und von Berger gestochen waren. 
Nur für die letzte Illustration, Werther auf dem 
Totenbette (ebenfalls durch Berger reprodu¬ 
ziert), hatte von Anfang an Chodowiecki die 
Vorlage geliefert. Ihre Auffassung war nicht 
sehr glücklich, da besonders die Gestalt des 
Helden infolge der durch die Anordnung ge¬ 
botenen Verkürzung zu gedrungen erschien, 
sie wurde aber trotzdem in allen Himburgschen 
Drucken beibehalten. In der dritten Ausgabe 
der Schriften von 1779 traten nun noch an 
Stelle der beiden unbedeutenden Bilder Krügers 
solche von Chodowiecki, die aber leider durch 
den leipziger Stecher Geyserbei der Übertragung 
auf die Platte eine ungenügende Wiedergabe 
erfuhren. Das erste, Lottes Abschied von den 
Geschwistern darstellend, ist süsslich und durch¬ 
aus konventionell, in dem zweiten hat Geyser 
offenbar die Karikaturen aus der adlichen 



Abb. 6. 

Scenenbild aus „Werther“: Lotte, Albert und Werther in der Laube; 
Titelkupfer zu Goethes Schriften, Berlin 1779. 


Gesellschaft, die Werther eine so tiefe Kränkung 
zufügt, ins Grimassenhafte übertrieben (Abb. 8 
und 9). 

Es zeigte sich hier der Nachteil, der fast 
überall hervortrat, wo eine Vorlage des grossen 
Illustrators einem seiner minderbegabten Kunst¬ 
genossen in die Hände fiel. Mochten sie auch 
noch so sehr sich bestreben, getreulich seine 
Absichten auszudrücken, das mangelnde Können 
und die einmal eingewurzelte eigene Manier 
Hessen die Absichten des Meisters nur zu unvoll¬ 
kommener Wirkung gelangen. Schon deshalb 
werden also, abgesehen von ihrem weit höheren 
künstlerischen Wert, diejenigen Bilder Chodo¬ 
wieckis zu Goethes Roman, bei denen keine 
fremde Hand die Vermittlung übernahm, uns 



Abb. 7. 

Medaillonbild Lottes 

aus dem Titelkupfer zu Goethes Schriften, 

Berlin 1779. 

über sein Verhältnis zu der Dichtung und seine 
Auffassung derselben allein eine wirklich zu¬ 
verlässige Auskunft geben können. In diesem 
Sinne sprach schon die Vignette zu Nicolais 
„Freuden des jungen Werthers“ zu uns, noch 
mehr können wir es den beiden Vignetten 
entnehmen, die der Künstler zu der französischen 
Übersetzung Deyverduns, die 1776 in Maestricht 
erschien, zeichnete und radierte. Die erste von 
ihnen zählt mit Recht zu den geschätztesten 
Blättern des Meisters. Sie stellt dieselbe Scene 
dar, die er schon für Himburgs erste Ausgabe 
zu Lottes Medaillon gezeichnet hatte. Aber wie 
hoch steht diese zweite Komposition über der 
ersten! Das Puppenhafte in Lottes Erscheinung 
ist einem liebenswürdigen Ausdruck gewichen, 
der hereintretende Werther erscheint schlanker, 
seine Haltung freier, die Raumverteilung, ins¬ 
besondere die Anordnung der sechs Kinder ist 


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Witkowski, Chodowieckis Werther-Bilder. 


159 


weit geschickter, von der höheren technischen 
Vollendung und der feineren Durcharbeitung des 
Details ganz zu schweigen. 

Eine besondere Stellung nimmt die zweite 
Vignette der Übersetzung ein. Sie stellt 
Werthers Zimmer dar und giebt in allen Einzel¬ 
heiten gewissenhaft Goethes Beschreibung 
wieder. Im Bette sieht man durch die zuge¬ 
zogenen Gardinen die Hand des Toten, an 
der Wand hängt Lottes Silhouette, auf dem 
Schreibtisch liegen aufgeschlagen Lessings 
„Emilia Galotti“ und der Abschiedsbrief an die 
Geliebte, daneben eine der Pistolen. Ausser 
dieser Darstellung kennen wir noch zwei Skizzen 
dazu, die beide den Gegenstand in abweichen¬ 
der Auffassung behandeln. Die eine, kleinere, 
zeigt die Gestalt des Toten dadurch, dass die 
eine Gardine des Himmelbettes in die Höhe 
genommen ist, vollständiger, und auf dem 
Boden liegt die Pistole, mit der die unglück¬ 
selige That geschehen ist; die zweite (Abb. io) 



Abb. 8. 

Kupfer zum „Werther** aus Goethes Schriften, 
Berlin 1779. 



Abb. 9. 

Kupfer zum „Werther** aus Goethes Schriften, 
Berlin 1779. 


lässt den Fuss Werthers sehen und deutet durch 
den vor dem Bette stehenden Sarg das Ge¬ 
schehene an. Jede der drei Kompositionen ist 
in Bezug auf Anordnung und Auffassung des 
Raumes von den andern völlig verschieden; alle 
drei beweisen, wie gewissenhaft der Meister seine 
Aufgabe behandelt hat und mit welchem rich¬ 
tigen Takte er schliesslich in der Ausführung 
nur das Milieu, in dem die That vor sich ging, 
auf den Beschauer wirken Iiess, indem die Gestalt 
des Helden bis auf eine leise Andeutung völlig 
verschwand. 

In ähnlicher, symbolisierenderWeise ist ein 
technisch meisterhaftes Fächerblatt Chodo¬ 
wieckis in Federzeichnung und Tusche aus dem 
Jahre 1776 behandelt, dessen vordere Seite er mit 
drei Vignetten aus „Werthers Leiden“ schmückte 
(Abb. 11). Durch eine Umrahmung von Weiden¬ 
zweigen wird die mittlere, die Lottens Flucht 
vor dem letzten leidenschaftlichen Ausbruch 
Werthers darstellt, von den beiden seitlichen 


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i6o 


Witkow»ki, Chodowieckis Weither*Bilder. 




Abb. xo. 

Skizze zu einer Titelvignette für die französische Obersetzung des „Werther 
Maestricht 1776. 


geschieden. Diese sind als Landschaften mit 
Staffage behandelt: links das Fällen der Nuss¬ 
bäume, unter denen- die Liebenden einst ge¬ 
sessen hatten, und rechts die Begegnung mit 
dem Wahnsinnigen und seiner Mutter, von der 
der Brief vom 30. 

November eine 
so erschütternde 
Schilderung giebt. 

Trotz der Klein¬ 
heit des Mafs- 
stabs sind die 
gebrochene Ge¬ 
stalt des Liebes- 
kranken, die er¬ 
klärende Haltung 
der Mutter und 
die ermutigende 
Werthers mit 
voller Schärfe aus 
gedrückt. Die ent¬ 
laubten Weiden¬ 
stämme und die 
nebelige Winter¬ 
luft geben den 


passendsten Hintergrund 
zu der düstem Scene. 
Die Rückseite des Fächers 
ziert eine freie symbolische 
Komposition: Eulen, die 
über eine vom Blitz ge¬ 
troffene Eiche dahin¬ 
fliegen (Abb. 12). 

In späterer Zeit wurde 
Chodowiecki nur noch 
einmal veranlasst, aus 
dem goethischen Roman 
den Gegenstand einer 
künstlerischen Kompo¬ 
sition zu entnehmen. Als 
Goethe endlich im Jahre 
1786 sich entschloss, 
selbst (bei Göschen in 
Leipzig) eine Ausgabe 
seiner Schriften zu ver¬ 
anstalten, berief der Ver¬ 
leger zu ihrer Aus¬ 
schmückung eine Anzalil 
der ersten Künstler der 
Zeit, unter ihnen auch unsern Meister. 1 Zu 
dem ersten Bande lieferte er eine Radierung, 
die jene Begegnung am Brunnen vor der Stadt 
(nicht zu Wahlheim, wie Engelmann angiebt) 
darstellt, die Weither in seinem Briefe vom 


Abb. iz. Rückseite des Fächerentwurfs Abb. 


1 Vergl. Jahrgang I dieser Zeitschrift S. 403 f. 


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IÖ2 


Witkowski, Chodowieckis Werther-Bilder. 


6 . Julius beschreibt. Er hat das kleine Malchen 
geküsst, und das Kind reibt sich auf den Rat 
der unten stehenden Lotte eifrig mit seinen 
nassen Händchen die Backen, aus Furcht vor 
der Schmach, einen hässlichen Bart zu kriegen. 
Man wird nicht umhin können, diese Radierung 
als ganz verfehlt zu bezeichnen. Von dem 
rührenden Humor des Vorgangs ist nichts 
darin zu bemerken, Lotte steht steif und 
ausdruckslos da, und aus Werthers Gesicht, 
das durch den ungeschickt geformten Hut 
zum grössten Teile beschattet wird, spricht 
ebensowenig Empfindung. Nicht einmal das 
traditionelle Werther-Kostüm ist beobachtet, 
und schon hierin zeigt sich die geringe 
Sorgfalt, die der Künstler auf das Blatt ver¬ 
wandt hat. 

Er ist offenbar nicht mit dem Herzen bei 
der Sache gewesen. Der Empfindungskreis 
Werthers, die leidenschaftliche Stimmung des 
Romans lag dem alternden Künstler zu fern, 
als dass er sich noch hätte hineinversetzen 
können; jener Gegensatz der Lebensauffassung 
Chodowieckis zu dem heissblütigen Ringen des 
jungen Goethe, den wir schon oben berührten, 
hatte sich sicher in den Jahren, die seit dem 
Erscheinen der Dichtung vergangen waren, noch 
beträchtlich vertieft. Wohl hatte er, gleich so 
vielen Zeitgenossen von dem ersten Eindruck 
überwältigt, unmittelbar nachher, einzelne Bilder 
in liebenswürdiger und nicht unangemessener 
Weise wiederzugeben vermocht; aber der Sturm 
der Leidenschaft, die Glut des Herzens, dessen 
Schlag wir aus jedem Worte der Dichtung 


vernehmen, findet bei dem Künstler keinen 
Widerschein. Er gehört zu jener Generation, 
die der des „Werther“ vorausging, und es mag 
als ein neuer Beweis seiner überragenden Grösse 
gelten, dass er im Gegensatz zu fast allen seinen 
Altersgenossen dem Werke eine Teilnahme 
zuwandte, die über die berufsmässige Beschäf¬ 
tigung damit weit hinausging. Chodowiecki 
fühlte das Grosse, obwohl es den Traditionen, 
in denen er aufgewachsen war, und der Lebens¬ 
anschauung, die ihn beherrschte, widersprach, 
und so leuchtet uns aus seinen Werther-Bildem, 
trotzdem sie vom Geiste der untergehenden 
Epoche erfüllt sind, doch ein Schimmer der neuen 
Sonne des anbrechenden Tages der klassischen 
deutschen Dichtung entgegen. 

Wir dürfen es unserm grossen, liebenswerten 
Künstler nicht als Mangel anrechnen, dass er 
dem Fluge des goethischen Geistesaars nicht 
bis zu seiner höchsten Höhe zu folgen ver¬ 
mochte. Wie schwer die Vorurteile der morali¬ 
sierenden und antikisierenden Aufklärungszeit 
auf ihren Söhnen lasteten, mögen uns die Worte 
des grössten unter ihnen, Lessings, lehren, der 
über den „Werther“ schrieb: „Glauben Sie wohl, 
dass je ein römischer oder griechischer Jüng¬ 
ling sich so und darum das Leben genommen? 
Gewiss nicht. Solche kleingrosse, verächtlich 
schätzbare Originale hervorzubringen, war nur 
der christlichen Erziehung Vorbehalten, die 
ein körperliches Bedürfnis so schön in eine 
geistige Vollkommenheit zu verwandeln weiss. 
Also, lieber Goethe, noch ein Kapitelchen zum 
Schlüsse; und je cynischer je besser!“ 



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Die Bibliophilen. 

i. 

Eduard Grisebach. 

Von 

Fedor von Zobeltitz in Berlin. 


H ch besuche geri\ Bücherauktionen, auch 
wenn ich einmal nicht zum Kaufen 
aufgelegt bin. Schon die Physiog¬ 
nomien der Anwesenden zu beobachten, ge¬ 
währt einen gewissen Reiz. Da sind zunächst 
die berufsmässigen Vertreiber der Ware, die 
Antiquare. Aber nicht immer sind die Bücher 
für sie nur „Ware“ und ein Handelsartikel, den 
sie erwerben, um ihn möglichst schnell wieder 
mit Profit loszuschlagen. Ich kenne Antiquare, 
die sich nicht ohne eine gewisse Überwindung 
von ihren Schätzen zu trennen vermögen und 
die irgend eine; Seltenheit lieber noch länger 
auf Lager behalten, ehe sie selbe in die 
Hände eines Käufers übergehen lassen, der 
vor dieser Rarität nur den Respekt des Geld¬ 
wertes, aber nicht die liebende Hochach¬ 
tung der Bibliophilen hat. Und gerade diese 
Leute habe ich besonders gern. Sie betreiben 
ihr Geschäft nicht lediglich kaufmännisch, sie 
bringen den wandernden Schätzen ihrer Re- 
positorien ein Gefühl zärtlicher Neigung ent¬ 
gegen. Viele von ihnen sind auch selbst 
Sammler und die meisten ausgezeichnete Kenner, 
wie — um nur ein einziges Beispiel aus der 
Berliner Antiquariatswelt anzuführen — Albert 
Cohn, der sich seit langen Jahren lediglich mit 
dem Vertrieb von ausgesprochenen Selten¬ 
heiten befasst, ein Mann von hervorragendem 
Wissen, der sich speziell um die Inkunabel- 
und Shakespeareforschung grosse Verdienste 
erworben hat. . . Dann kommen die Privat¬ 
sammler. Bei Auktionen von Gemälden, Kupfer¬ 
stichen u. dergl. m. sind die Versteigerungs¬ 
lokalitäten gewöhnlich überfüllt — bei Bücher¬ 
auktionen selten. In Frankreich und England 
ist das anders — bei uns sind die Bücher¬ 
liebhaber noch immer zu zählen. Einen, den 
ich vor Jahren fast regelmässig auf den Auk¬ 
tionen traf, hat der Tod auch hinweggerafft: den 
alten Baron von Maltzahn, der zu einer Zeit, 
da er seine schöne Sammlung längst verkauft 


hatte, noch immer mit Eifer die Versteigerungen 
besuchte und die Preise notierte. 

Und auf einer solchen Auktion lernte ich 
vor längerer Zeit auch den Konsul Dr. Eduard 
Grisebach kennen; wir stellten uns einander vor, 
weil wir beide fanatisch um ein einziges ver¬ 
gilbtes Blatt kämpften, das jeder von uns be¬ 
sitzen wollte und das schliesslich keiner bekam: 
es wanderte nach Weimar in das Goethearchiv, 
dessen persönlich anwesender Leiter die Börse 
weiter öffnen konnte als wir. Grisebach hatte 
damals erst vor kurzem den Abschied aus dem 
Staatsdienst genommen und konnte nun für 
seine Bücherei einen ruhigen Standplatz suchen, 
nachdem er sie viele Jahre hindurch über Meere 
und Länder geschleppt hatte. Er liess sich in 
Berlin nieder. 

Das beigefügte Bild stellt ihn dem Leser 
vor. Es ist vortrefflich. So sieht Grisebach 
aus: eine schlanke, vornehme Erscheinung mit 
feinem Gelehrtenkopf, hoher Stirn, lebhaften 
Augen und weichem Mund, der nur ungern die 
Cigarrette entbehrt. Biographisches kann ich 
nicht allzuviel über ihn berichten. Ich weiss 
nur, dass er am 9. Oktober 1845 in Göttingen 
geboren wurde, Jurisprudenz studierte und als 
Berufskonsul in Italien, im Orient und zuletzt 
an etwas entlegener Stelle, auf Haiti, thätig 
war. Wie aber der Verfasser der köstlichen 
Tanhäuserlieder, die seinen Namen weit über 
die Grenzen der Heimat hinaus bekannt ge¬ 
macht haben, zum Bibliophilen wurde, dass er¬ 
zählt Grisebach selbst in einer so hübschen 
„auto-bibliographischen“ Plauderei (in Heft 11, 
Jahrgang XIV von „Vom Fels zum Meer“), 
dass ich es mir nicht versagen kann, einiges 
daraus hier wiederzugeben. 

Ich kann den Zeitpunkt noch ziemlich 
genau bestimmen — so schreibt Grisebach — da 
bei mir die Bibliophilie erwachte, das heisst die 
Liebe zum Buche in utraque forma, als Geistes¬ 
produkt und in seiner körperlichen Erscheinung 


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164 


v. Zobeltitz, Eduard Grisebach. 


als typographisches Kunstwerk, mit allem, was 
daran hängt, wie: erste Ausgabe, historischer 
Einband, Ex-Libris des Vorbesitzers etc. Es 
war im Februar 1871, als ich vom grünen 
Tisch des Berliner Kammergerichts zum Feld- 
auditoriat nach Epinal kommandiert wurde. 
In den dienstfreien Stunden durch die Strassen 
der kleinen Vogesenstadt wandernd, sah ich 
an den Auslagefenstem eines Buchhändlers 
eine Reihe rotgebundener Kleinoktavbücher 
mit dem Aufdruck „Biblioth&que Elz£virienne" 
und dem altberühmten Buchdruckerzeichen, der 
Sphäre. Es waren darunter die Werke Frangois 
Villons, Antoine de la Sales „Quinze joyes de 
Mariage", Lafontaines „Contes“, Scarrons Komö¬ 
diantenroman. Diese Bände waren mit eigens 
gegossenen Charakteren gedruckt, den Typen 
der Elzeviers nachgebildet, sie waren mit Kopf¬ 
leisten und Schlussstücken in Holzschnitt ge¬ 
ziert, das Papier war mit der Hand geschöpftes 
Büttenpapier, der Einband schön gepresstes 
rotes Percaline, und der Buchbinder hatte die 
Bogen unbeschnitten lassen müssen. Der Her¬ 
ausgeber dieser Bibliothek war der Pariser 
Bibliophile Pierre Jannet, und im August 1853 
hatte er die ersten neun Bände seines auch 
für Frankreich neuen Unternehmens erscheinen 
lassen. Die in Epinal erworbenen Bände seiner 
Elzevierbibliothek wurden seitdem meine Hand¬ 
bücher und erweckten mir die Sehnsucht, die 
Jannetsche Idee „in mein geliebtes Deutsch 
zu übertragen." In Deutschland wurden vor 
25 Jahren die Bücher der schönen Litteratur 
in der Regel in der nüchternen Weise ausge¬ 
stattet, wie sie z. B. die Campesche Ausgabe 
von Heines Werken zeigt; den höchsten Auf¬ 
schwung bezeichnete die „Miniaturausgabe mit 
Goldschnitt" mit dem konventionellen Stahl¬ 
stich als Titelbild. Jede Erinnerung an die 
herrliche Bücherausstattung in der glorreichen 
Zeit der Wiegendrucke des XV. Jahrhunderts, 
an die mit Initialen, Holzschnitten, Kopfleisten 
und Schlussvignetten gezierten Bücher Albrecht 
Dürers und Hans Burgkmayrs war den Druckern 
und Buchhändlern, die damals den Markt be¬ 
herrschten, entschwunden. Ich wusste damals 
freilich ebensowenig davon und nahm daher für 
meine eigenen bibliophilen Bestrebungen anfäng¬ 
lich nicht jene grössten Blütezeiten des deutschen 
Druckgewerbes zum Muster, sondern die aller¬ 
dings immer noch köstliche Nachblüte vom 


Ausgang des XVI. bis ins XVII. Jahrhundert, 
die Elzevierzeit, auf die ich durch Jannet ge¬ 
wiesen war. Und so veranstaltete ich, im April 
nach Berlin zurückgekehrt, alsbald die erste 
deutsche „Elzevierausgabe" meines zwei Jahre 
vorher erschienenen Erstlingswerkes „Der neue 
Tanhäuser". Ich wählte eine Antiqua-Kursiv¬ 
schrift, um die Typen denen meiner geliebten 
Elzeviere möglichst anzunähern; bei einem 
Holzschneider wurde eine Vignette bestellt, 
auf Büttenpapier, das damals überhaupt in 
Deutschland kaum zu haben war, wurde ver¬ 
zichtet, aber bei der Firma Flinsch ein mög¬ 
lichst festes gelbliches Kupferdruckpapier aus¬ 
gesucht, das Format dem der Jannetschen 
Bibliothek genau angepasst etc. Ende Juni 1871 
konnte das im Text um das Doppelte ver¬ 
mehrte Buch erscheinen, in grauem Umschlag, 
die Titelzeile rot, auf der Rückseite die eine 
Vignette. Lange dauerte die Freude an diesem 
ersten Austattungsversuche nicht: im Winter 
desselben Jahres fiel mir ein von Wilhelm 
Drugulin in Leipzig gedruckter Katalog in die 
Hände, der die echte Antiqua-Renaissance¬ 
schrift aufwies, dazu Zierinitialen, Kopfleisten 
und Schlussstücke. So musste mein Buch auch 
gedruckt werden, und zu Anfang 1872 kam es 
auch wirklich dazu, da die 600 Exemplare der 
zweiten Auflage nahezu vergriffen waren. Von 
der dritten Auflage an, die im Juni 1872 er¬ 
schien, wurde das Buch nun bis zur zehnten 
Auflage (1877) einschliesslich bei W. Drugulin 
gedruckt; echtes holländisches Papier von der 
Firma Van Gelder kam hinzu, neue Vignetten 
in der Manier Aldegrevers wurden geschnitten — 
kurz, die Ausstattung konnte sich zuletzt mit 
derjenigen der Pariser „Biblioth&que Elz6vi- 
rienne" sehr wohl messen. Neben dem „Neuen 
Tanhäuser" gingen dann aus derselben Druckerei, 
in gleicher Ausstattung, drei andre meiner 
Bücher hervor. 1873: „Die treulose Witwe, 
eine chinesische Novelle und ihre Wanderung 
durch die Weltlitteratur", 1875: „Tanhäuser in 
Rom", 1876: „Die deutsche Litteratur seit 1770". 
Da die Antiquaschrift ihren schönen, gleich- 
mässigen, einheitlichen Eindruck einbüsst, wenn 
die Substantiva durch Majuskeln hervorgehoben 
werden, so sind in allen diesen Ausgaben 
meiner Bücher die Hauptwörter mit Minuskeln 
gedruckt, wie dies von Jakob Grimm, freilich 
nicht aus ästhetischen Gründen, zuerst eingeflihrt 


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v. Zobeltitz, Eduard Grisebach. 


165 


J 


wurde. In der zweiten Hälfte der siebziger 
Jahre vollzog sich jedoch ein Umschwung im 
deutschen Druckgewerbe, indem jetzt die alte 
Schwabacher Schrift in neuen scharf geschnit¬ 
tenen Lettern aufkam, und gerade die Firma 
W. Drugulin war es, welche 1877 für Velhagen 
und Klasing Goethes Faust, als „Ausgabe der 
Kabinetsstücke“, in Schwabacher Schrift, mit 
Vignetten und Initialen, auf Büttenpapier druckte. 
Damit hob eine wirkliche Wiederbelebung des 
ersten Blütenalters des deutschen Buchdrucks 
an, denn wenn auch schon in jener Zeit in 
lateinischer Sprache geschriebene Werke wenig¬ 
stens teilweise mit Antiqua gedruckt worden 


sind, so sind doch die deutsch geschriebenen 
regelmässig mit sogenannten gotischen, das 
heisst deutschen Typen gedruckt. Dürer hat 
bekanntlich sowohl für die Antiqua wie für 
die deutsche Schrift ein mustergültiges Alpha¬ 
bet erfunden. Durch die Wiedereinführung 
der Schwabacher Typen und meine inzwischen 
gewachsene Bekanntschaft mit den deutschen 
Druckwerken des XV. und XVI. Jahrhunderts 
kam ich nun von meiner bisherigen Vorliebe 
für die Elzevierdrucke zurück, und so wurden 
1880 und 1882 die elfte und zwölfte Auflage 
des „Neuen Tanhäuser“ ebenso wie die neuen 
Auflagen des „Tanhäuser in Rom“ mit Schwa¬ 
bacher Schrift und die Haupt¬ 
wörter mit grossen Anfangsbuch¬ 
staben gedruckt Denn bei dieser 
Schrift wird, wenigstens flir mein 
Auge, die Schönheit des Seiten¬ 
bildes durch den Wechsel von 
Majuskel und Minuskel nicht be¬ 
einträchtigt, während ich mich 
andrerseits auch überzeugte, dass 
die den Hauptwörtern gegebene 
Majuskel im Deutschen ein wesent¬ 
liches Hilfsmittel der raschen Ver¬ 
ständlichkeit ist. Seit 1880 habe 
ich nie wieder ein Buch von mir 
mit Antiqua drucken lassen. 

Die grösste Förderung erfuhr 
meine Bücherliebe durch meine 
Ernennung zum deutschen Konsul 
in Mailand. In den Jahren 1883 
bis 1886, die ich in Italien zu¬ 
brachte, habe ich meine freie Zeit 
dazu verwendet, meine Bibliothek 
zu bereichern, insbesondre ge¬ 
langte ich hier erst zur Bekannt¬ 
schaft mit der italienischen Renais- 
sancelitteratur und ihrer bewun¬ 
derungswürdigen Bücherausstat¬ 
tung. Erste Ausgaben des Dante 
und Petrarca, des Hieronymus und 
andere Meisterdrucke von Mai¬ 
land, Venedig, Florenz, Ferrara 
waren es denn, denen ich die 
Titelumrahmungen, Kopfleisten 
und Schlussstücke, sowie die 
Initialen entlehnte, mit denen die 
im Verlage von F. und P. Lehmann 
in Berlin 1885 erschienene Gross- 



Nach einer Photographie des Pastellbildes von Max Liebermann. 


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166 


v. Zobeltitz, Eduard Grisebach. 


quartausgabe (dreizehntes Tausend) des „Neuen 
Tanhäuser“ geschmückt ist Die Ausgabe, die 
noch heute im Buchhandel zu haben ist, scheint 
den Kennern und Liebhabern nicht so bekannt 
geworden zu sein, wie sie es durch die illustrative 
Ausstattung, besonders aber durch die Mitarbeit 
Klingers und Liebermanns verdiente. Auch die 
Kleinoktavausgabe des „Neuen Tanhäuser“, von 
der das vierzehnte, fünfzehnte und sechzehnte 
Tausend 1888 und 1889 im selben Verlage 
wie die Grossquartausgabe erschienen, sind 
durch vorzüglich reizvolle Titelumrahmungen 
und Kopfleisten geschmückt, die ich nach dem 
in Mailand gefundenen seltenen Werkchen 
„Philippi Calandri de aritmethica opusculum. 
Firenze per L. da Morgiani et Giovanni The- 
desco de Maganza 1491“ reproduzieren liess. 
Dieselben sind auch in der siebzehnten Auf¬ 
lage (Verlag der „Union“ in Stuttgart) wieder¬ 
holt, die rote Titelzeile dieser neuesten Ausgabe 
ist mit Dürers oben erwähntem Musteralphabet 
gedruckt. 

Das typographisch gelungenste meiner Bücher 
ist wohl die zweite Sammlung meiner Ver¬ 
deutschungen chinesischerNovellen. Bei Drugulin 
gedruckt, auf einem von der Firma Gebr. Ebart 
in Berlin eigens angefertigten Büttenpapier, mit 
Doppeltitel in chinesischen Charaktem (die ich 
dem Pinsel des chinesischen Gesandten in 
St. Petersburg verdanke), mit Kopfleisten und 
Schlussvignetten, die sämtlich nach chinesischen 
Originalen in Holz geschnitten sind — ist der 
in Seidenfaserpapier geheftete Kleinoktavband 
wirklich eine Freude des Bibliophilen . . . 

Man ersieht aus dem Vorstehenden, mit wel¬ 
cher Liebe Grisebach für die Ausstattung seiner 
eigenen Schöpfungen gesorgt hat. Nach Ge¬ 
währung der von ihm aus Gesundheitsrück¬ 
sichten erbetenen Pensionierung beschäftigte 
er sich zunächst mit der Abfassung einer 
populären Schopenhauerausgabe und mit seiner 
prächtigen Hundertjahrausgabe der Gedichte 
Bürgers, die in schönem Äusseren und mit den 
Heliogravüren der alten Kupfer von Riepen¬ 
hausen, Chodowiecki, Meil und Schellenberg 
bei Grote in Berlin erschien. 

Grisebach hat den Katalog seiner interes¬ 
santen Büchersammlung zweimal veröffentlicht. 


Zuerst unter dem Titel „ Katalog der Bücher eines 
deutschen Bibliophilen “ (Leipzig, W. Drugulin, 
1894, 8°, 287 S. und Supplement) und das 
zweite Mal s. t. „ Weltliteratur-Katalog eines 
Bibliophilen mit literarischen und bibliographü 
schenAnmerkungen u (Beiiin, Emst Hofmann & Co., 
1898. 8°. Vin und 341 S.). Dieser zweite 
Katalog ist insofern ein Auszug des ersten, als 
er von dessen sechzehn Abteilungen nur die 
erste bis neunte, die sogenannte schöne Litte- 
ratur aller Völker, umfasst; aber diese neun 
Abteilungen sind gegen den Katalog von 1894 
sehr erheblich vermehrt, enthalten auch neue 
litterarische Exkurse, während andrerseits die 
im ersten Katalog gegebenen (wie z. B. die 
Ausführungen über Antoine de la Sale) im 
Weltlitteraturkatalog nicht wiederholt sind. 

Grisebach ist kein reicher Mann, der jährlich 
Tausende für seine Bibliothek ausgeben kann. 
Aber gerade deshalb ist seine hübsche Samm¬ 
lung so interessant, weil sie mit einer grossen 
Liebe zusammengestellt worden ist und weil 
man merkt, dass der Besitzer nicht „um des 
Sammelns willen“ kauft, sondern aus Freude 
am Genuss der Bücher, die er studiert, kolla¬ 
tioniert und wieder und wieder zur Hand nimmt 
im stolzen Gefühl des Besitzes und in dem 
Frohempfinden der Wahrheit des Feuerbach- 
schen Wortes, dass Bücher unsere besten und 
bleibendsten Freunde sind. 

Die orientalische Litteratur des Katalogs 
umfasst 147 Nummern. Verhältnismässig reich¬ 
haltig ist die indische und die chinesische 
Litteratur vertreten; mit letzterer hat sich 
Grisebach eingehend beschäftigt Seine deut¬ 
sche Übertragung der „Treulosen Witwe“ und 
der Novellen des „Kin-ku-ki-kuan“ sind bekannt 
Bei der Boppschen Übersetzung von „Nalas 
und Damajanti“ aus dem Sanskrit erwähnt 
Grisebach auch die „verkürzte Nachdichtung“ 
des Maha-bharata von A. Holtzmann, die er 
ausgeschieden hat, da der Bearbeiter das Ge¬ 
dicht so gehalten wissen wollte, dass „es auch von 
Frauen (!) gelesen werden könne“. Holtzmann 
hat deshalb das ihm „anstössige Verhältnis der 
Draupadi zu den fünf Söhnen des Pandu“ in 
eine „Ehe“ mit dem ältesten Sohne „verwandelt“. 
Grisebach fügt richtig hinzu: „Dergleichen Be¬ 
arbeitungen müssen aus jeder anständigen 
Bibliothek ausgestossen werden“. Ch£zys 1814 
bei Didot in Paris erschienene französische Uber- 


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v. Zobeltitz, Eduard Grisebach. 


167 


tragung der Yadjnadatta-Badha trägt in Grise- 
bachs Exemplar die handschriftliche Widmung: 
„Pour l’academie royale des Sciences de Munich 
de la part de l’auteur“. Auch Ch6zys letzte Publi¬ 
kation, die Übersetzung von Kalidasas Sakuntala, 
ist vorhanden. Aus der arabischen Litteratur 
erwähne ich die sehr selten gewordene, hoch 
im Preise stehende zehnbändige englische Über¬ 
setzung der „Tausend und Eine Nacht“ von 
Richard F. Burton — aus der türkischen 
Diezens Bearbeitung des „Buch des Kabus“ 
mit der handschriftlichen Widmung Goethes an 
Herrn von Willemer und die Neudrucke des 
Nasr-Eddin-Hodja und BahNameh, alttürkischer 
Erotika von saftigster Derbheit. 

Die griechische und römische Litteratur 
umfasst mit den Mittel- und Neulateinem gegen 
150 Nummern. Aesop, Pindar, Sophocles, 
Aristophanes, Herodot, Platon, Aristoteles, 
Plutarch, Lucian, Longus, Xenophon sind in 
trefflichen alten Ausgaben vertreten, ebenso 
Plautus, Terentius, Lucretius, Cicero, Sallust, 
Catullus, Vergil u. s. w. Von Ovids Metamor¬ 
phosen finden wir die Folio-Ausgabe von 
1513 (Venedig), von den „Amatoria“ 1546 
(Leyden, Gryphius), 1629 (Leyden, Elzevir), 
1652 (ebda.), 1762 (Paris, Barbou, mit Eisen- 
schen Titelkupfern und Kopfleisten), und 
1763 (ä Cyth£re, aux d6pens du Loisir). Ähn¬ 
lich reichhaltig sind die Petron-, Juvenal- und 
Apulejus-Ausgaben; unter den letzteren fehlt 
Fiorenzuolas italienische Übersetzung mit den 
drastischen Holzschnitten nicht. Erwähnt sei 
noch eine Imitatio Christi, Mailand, 1488, 
und eine Horae Virg. beat. Mariae, Paris 
1492, in K 1 .- 8 0 , gotischer Druck auf Pergament, 
jede Seite mit figurenreicher Umrahmung und 
mit herrlichen Holzschnitten und Initialen. 
Ferner Poggios „Facecie“, o. O. u. J. (um 
1482), die zweite Ausgabe von Bebels Facetien 
und von Huttens Epistolae obscurorum virorum 
u. s. w. Von Choriers Satyra sodatica notiert 
der Katalog den ersten Lyoner Druck und 
die Ausgabe Amsterdam 1678 mit den 
„Fescennini“, von der Ebert ohne Grund be¬ 
hauptet, dass sie in Deutschland gedruckt sei. 

Für die italienische Litteratur hat Grise¬ 
bach als halber Italiener ein besonderes Inter¬ 
esse. Die undatierte Danteausgabe, die No. 303 
verzeichnet, ist die von Ebert unter No. 5697 
beschriebene, wahrscheinlich bald nach der 


Aldine gedruckte. Der Petrarrca von 1539 
stammt aus Marcolinis Druckerei in Venedig, 
vom Decamerone Bocaccios ist zunächst die 
erste kritische Ausgabe, Venedig, Gregorio di 
Gregori, 1516, zu nennen — wundervoll erhalten 
ist die Amsterdamer, nach der Giuntine von 
1527, in schönen Lederbänden, ziemlich selten 
geworden, auch die Londoner in folioartigem 
Quart. Ich greife natürlich immer nur einzelne 
Nummern heraus, die mir für die Zusammen¬ 
stellung der Bibliothek charakteristisch er¬ 
scheinen. 

Am interessantesten in den Einzelheiten 
ist die Abteilung der französischen Litteratur. 
Ich kann hier zum Teil wiederholen, was ich 
in einer Rezension über den ersten Grisebach- 
schen Katalog niederschrieb. Über den Vater 
des modernen französischen Romans, Antonie 
de la Sale, bringt Grisebach einen bemerkens¬ 
werten litterarischen Exkurs. Er schreibt Sale 
mit einem 1 , im Gegensatz zu den französischen 
Biographen des Meisters, Gossart, Pottier u. a., 
und begründet dies damit, dass Sale selbst 
seinen Namen meist nur mit einem einfachen 
1 geschrieben habe. Grisebach hat persönlich 
das Handschriftenmaterial über Sale in Paris 
und Brüssel eingesehen und u. a. in dem 
Brüsseler Manuskript von „La Salade“, dem. 
frühesten Werke des Autors, auf Seite 4 in 
roter Schrift den Namen „Anthoine de la sale“ 
gefunden. Die gleiche Schreibweise des Namens 
fand Grisebach in dem Manuskript des „Petit 
Jehan de Saintr6“ in der Bibliot^que Nationale 
in Paris, in dem Pariser Manuskript des Saleschen 
Traktats „comment les tournoys en armes se 
font“ und in der Gläsgower Handschrift der „cent 
Nouvelles nouvelles“. Antoine de la Sale war 
der erste französische Poet, der sich aus dem 
Banne des alten bretonischen und normannischen 
Ritterromans frei machte. Er wurde im Jahre 
1388 in der Provence geboren und verfasste 
seine erste Schrift „La Salade“ als Gouverneur 
des ältesten Sohnes des Herzogs Ren£ von 
Anjou, Grafen der Provence und Königs von 
Sicilien. „La Salade“ erschien zuerst gedruckt 
in Paris 1521 und befindet sich als Manuskript 
(geschrieben ist es wahrscheinlich zwischen 
1437 und 1442) auf der Bibliothek in Brüssel. 
In „La Salade“ ist ein kleines Traktat „Les 
quinze advisements de guerre“ eingeflochten, 
das Grisebach als eine Art „Vorahnung“ des 


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l68 


v. Zobeltitz, Eduard Grisebach. 


interessantesten Werkes Sales, der „Quinze 
joyes de Mariage“ bezeichnet Die erste 
Skizze dieser „Quinze joyes“ findet sich in de 
la Sales zweitem, nie veröffentlichtem Werke 
„La Salle“ (des histoires), das er dem Conne- 
table von St Pol, Herzog von Luxemburg, 
widmete. Von den „Quinze joyes de Mariage“ 
besitzt Grisebach in seiner Bücherei eine 
Anzahl Neudrucke, von denen die erstange- 
flihrte, die bei Tuchener in Paris erschienene, 
nicht die beste ist; sie ist nämlich eine ver¬ 
kleinerte Reproduktion der zwischen 1495 und 
1502 (wahrscheinlich 1499) bei Jehan Treperel 
in Paris edierten Quartausgabe, die zahlreiche 
Lücken enthält. Interessant sind bei der 
Techenerschen Publikation das Vorwort, die 
Varianten und das Glossarium. So ist z. B. 
dem Vorwort der Schluss jenes Manuskripts 
in Facsimile beigegeben, das Dr. Andr6 Pottier, 
Stadtbibliothekar in Rouen, im Jahre 1830 in 
der dortigen Bibliothek entdeckte und das in 
Form eines Silbenrätsels „den Namen desjenigen 
enthält, der die fünfzehn Freuden der Ehe 
geschrieben hat“. Pottier hat die Lösung dieses 
Rätsels ausgeklügelt und sie in einem Briefe 
an den Buchhändler Tuchener (abgedruckt im 
Oktavheft 1830 der „Revue de Rouen“ und 
später als Brochüre erschienen) veröffentlicht. 
Damit war der Streit um die Autorschaft der 
„Quinze joyes“ endgültig entschieden. Das 
Manuskript in Rouen ist das einzige z. Z. 
bekannte. Ein zweites Manuskript der „Quinze 
joyes“, nach welchem die editio princeps (in 
Folio, gotisch, ohne Ort und Datum, wahr¬ 
scheinlich Lyon 1470—80) hergestellt worden 
ist verloren gegangen. Auch der von Rosset, 
zum ersten Male 1595 in Paris veröffentlichte 
Text (bei Grisebach Neudruck von 1734) ist 
mit den vorgenannten beiden Manuskripten 
nicht identisch. Jannet publizierte 1853 eine 
neue Ausgabe nach der Rouener Handschrift 
und 1866 eine „Seizi£me joye de Mariage“ 
die er in einem alten Manuskripte als Fort¬ 
setzung der „Quinze joyes“ gefunden haben 
will; um die Lektüre zu erleichtern, hat er die 
Orthographie und einzelne Ausdrücke moder¬ 
nisiert In dem Exemplar Grisebachs ist das 
„Avis de TEditeur“ handschriftlich folgender- 
massen unterzeichnet: „L’auteur P. Jannet“; 
Grisebach schliesst daraus, dass Jannet selbst 
der Verfasser der „sechzehnten Ehefreude“ sei. 


An deutschen Ausgaben der „Quinze joyes* 
führt Grisebachs Katalog an: „Zehen Ergetz- 
lichkeiten des Ehestandes“ (Hamburg, Frank¬ 
furt und Leipzig, o. J., jedenfalls Ende des XVTL 
oder Anfang des XVTII. Jahrhunderts) mit und ohne 
Kupfer, wahrscheinlich eine Bearbeitung der 
1679 in Amsterdam erschienenen holländischen 
Ausgabe. Dieselbe sehr seltene Ausgabe 
erschien übrigens auch ohne Ortsangabe mit 
der Jahreszahl 1690 in Duodezformat Die 
erste wirkliche deutsche Übersetzung aus dem 
Französischen (nach Rosset) veröffentlichte 
erst Friedr. Samuel Mursinna unter dem Titel 
„Fünfzehn Freuden der Ehe, aus einem uralten 
Werke gezogen“ (Gotha 1794). Ein 1872 in 
Berlin erschienener Neudruck (Grisebach Welt- 
lit. No. 548) wurde meines Wissens polizeilich 
konfisziert. Die „Quinze joyes“ sind eine geist¬ 
reiche Satire auf die Ehe — ein Meisterwerk, 
das nur ein tiefer Kenner des menschlichen 
Herzens geschrieben haben kann. 

Die „Hystoyre et plaisante Cronicque du 
petit Jehan de Saintr6“ vollendete de la Sale 
in Genappe bei Brüssel, wohin er seinem 
Gönner, dem Grafen von St. Pol, gefolgt war. 
Das Pariser Manuskript trägt am Schlüsse das 
Datum „25. September 1459.“ In dieser Hand¬ 
schrift wird Sale übrigens mit einem doppelten 
1 , also Salle, geschrieben, was in einer Zeit, 
da die Sprache und selbst die Schreibart der 
Eigennamen einem beständigen Wechsel unter¬ 
worfen waren, freilich nicht Wunder nehmen 
kann. Die erste Druckausgabe erschien in 
Paris bei Lenoir 1517 in Folio, die zweite 
ebenda 1523 in Quart (Neudruck der letzteren 
d. d. Paris 1724 in 12 0 ); etwas später veran¬ 
staltete auch derselbe Jehan Treperel, der mit 
der lückenhaften Ausgabe der „Quinze joyes“ 
gute Geschäfte gemacht hatte, eine Edition 
des Werkes. Alle diese Ausgaben stehen 
hoch im Preise; die erste Lenoirsche wurde 
in den sechziger Jahren mit 3450 Franken 
bezahlt. Die beiden „aultres hystoyres“ von 
Floridan und Ellinde, die dem „Petit Jehan“ 
beigegeben sind, stammen nicht von de la 
Sale, sondern sind wahrscheinlich lateinische 
Originale von Nicolaus de Clemangin, die 
Sales Freund Rasse de Brichamel in das Fran¬ 
zösische übersetzt hat. In dem „Kleinen Jean 
de Saintr£“ persifliert Sale in entzückender 
Weise das nichtige Treiben der Ritterwelt; 


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v. Zobeltitz, Eduard Grisebach. 


169 


der Roman ist gewissermassen eine satirische 
Antwort auf die grossen alten Ritter-Epopöen 
der Franzosen, die in den Amadis-Geschichten 
einen neuen Aufschwung erlebten. 

Die Mitarbeiterschaft de la Sales an den 
„Cent Nouvelles nouvelles“, dem unmittelbaren 
Vorläufer des Heptamerons der Königin von 
Navarra, ist nie bestritten worden, zumal la 
Sale selbst durch seinen Protektor St. Pol in 
die Tafelrunde des Herzogs Philipp von Burgund 
und seines Gastes, des Dauphins von Frank¬ 
reich, eingeführt wurde. Grisebach schliesst 
sich in einer sehr interessanten Note der An¬ 
sicht Ludwig Sterns an, dass das ganze Werk 
dem Verfasser der „Quinze joyes“ zuzuschreiben 
sei, und führt u. a. als Beweis dafür an, dass 
die XCVIII. vom „Acteur“ („auteur“) erzählte 
Novelle inhaltlich identisch mit der dem „Petit 
Jehan“ angehängten Erzählung von Floridan und 
Ellinde ist. Schlagkräftiger als dieser Beweis, 
der immerhin fragwürdig ist, da die Geschichte 
von Florian und Ellinde nachweisbar nicht von la 
Sale stammt, scheint mir die Thatsache zu sein, 
dass der Autor in der XXXVII. Novelle die 
„Quinze joyes de Mariage“ ausdrücklich erwähnt. 
Aber auch das ist meiner Ansicht nach noch 
kein stichhaltiger Beweis, da die „Nouvelles 
nouvelles“ ihren Stoff nicht nur aus altfran¬ 
zösischen Fabliaux und lateinischen Facetien 
schöpfen, sondern sich auch an zeitgenössische 
Vorbilder anlehnen; es erhöht nur die Wahr¬ 
scheinlichkeit, dass la Sale das komplette Werk 
im Aufträge des Herzogs Philipp nach den 
Erzählungen an seiner Tafelrunde verfasst 
habe. Die Abfassungszeit setzt Grisebach auf 
die Jahre 1461 und 62. Die erste Druckaus¬ 
gabe erschien in Paris bei Ant. V£rard im 
Jahre i486 in Klein-Folio, gothisch zu zwei 
Kolonnen mit einem Holzschnitt zu jeder 
Novelle; sie ist sehr selten und wurde bis zu 
6000 Franken bezahlt. Im Jahre 1858 veröffent¬ 
lichte Th. Wright eine neue Edition nach einem 
im Museum Hunter in Glasgow aufgefundenen 
Manuskript, das zu der berühmten Kollektion 
des Bibliophilen Gaignat gehört hatte. Nach 
dem Verschwinden des la Saleschen Dedikations- 
exemplars aus der alten Bibliothöquö der Ducs 
de Bourgogne ist die Glasgower Handschrift 
der hundert Novellen die einzige heute bekannte. 
Das Manuskript ergänzt die V6rardsche Aus¬ 
gabe vielfach; es trägt das Datum: M. im c 
z. f. B. 98/99. 


XXXII « 1432, was zweifellos ein Irrtum ist 
Der Schreiber hat über den drei Zehnen ver¬ 
mutlich den Verdopplungsstrich vergessen, der 
das Datum wie folgt lesen lassen müsste: M. 
mic XXXII. gleich 1462, was der von Grise¬ 
bach vermuteten Abfassungszeit entsprechen 
würde. La Sale war damals ein Greis Mitte 
der Siebziger; sein Todesjahr ist nie bekannt 
geworden. Eine deutsche Übersetzung der 
„Cent Nouvelles“, gemischt mit Erzählungen 
aus dem Heptameron, erschien 1745/46 in 
Stockholm, eine zweite o. J. (gegen 1860) unter 
dem Titel „Liebesschwänke“ in Berlin. 

Ich bin bei la Sale absichtlich etwas weit¬ 
schweifig geworden, um zu zeigen, wie sich 
bei Grisebach mit der Sammelpassion das 
Interesse für gelehrte Forschung verbindet, 
die charakteristischen Kennzeichen des echten 
Bibliophilen. Neben la Sale gebührt Charles 
Sorel ein Ehrenplatz in der Geschichte des 
älteren französischen Romans. In seiner „Vraye 
histoire comique de Frangion“ entwirft er ein 
prächtiges Sittenbild seiner Tage und geisselt 
unbarmherzig die Thorheiten seiner Zeit¬ 
genossen. Die erste seltene Ausgabe des 
„Frangion“ erschien 1622, als Sorel 23 Jahr 
zählte; sie enthielt nur sieben Bücher. Der 
Roman wurde im Laufe der Zeit mehr als 
sechzig Mal neu aufgelegt und zahllos oft 
glossiert. Die Ausgabe Grisebach (Weltlit. 
No. 601) Paris 1641, ist die erste Edition, die 
das XII. Buch enthält. Grimmelshausen erwähnt 
den Roman im „Satyrischen Pilgram“; wahr¬ 
scheinlich, dass er ihn in der deutschen Über¬ 
setzung kennen gelernt hat, die 1663 unter 
dem Titel „Lustige Historia von dem Leben 
des Francios“ in Frankfurt erschien (Grisebach 
Weltlit. No. 603). Einen deutschen Elzevir- 
Druck des Romans s. t. „Vollkommene komische 
Historie des Francions“ Leyden 1668, entdeckte 
ich bei einem berliner Antiquar: eine Über¬ 
arbeitung der deutschen Ausgabe vom Jahre 
1663, aber als Elzevir-Druck von Seltenheit 
und auch nicht von Willems aufgeführt. 

Es würde zu weit führen, wollte ich noch 
weiter auf Einzelheiten eingehen. Ich erwähne 
nur noch aus der Voltairesammlung Grisebachs 
die erste, mit dem Zugeständnisse Voltaires, 
dass er der Autor sei, erschienene Ausgabe 
der „Pucelle“, o. O. (Genf) 1762 mit den 20 
nicht signierten Kupfern, und die ersten Aus- 

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170 


Bulthaupt, Die Bremischen Theaterzettel von 1688. 


gaben der Übersetzungen Goethes von „Maho- 
met“ und „Tancred“ — ferner die hübschen 
kupfergeschmückten Ausgaben der Dichtungen 
vonGr^court, Dorat,Cr6billon, Nerciat, Choderlos 
de Laclos und ihrer Schule, die editio prin- 
ceps von Voisenons „Tant mieux pour eile“, 
die Sammlungen Rousseau, Diderot und Beau¬ 
marchais (mit der Erstausgabe der „Folie 
journ£e“) und die vollständige Serie des Delalain- 
schen Musenalmanachs von 1765—94. Ebenso 
sind die Neueren: Balzac, Hugo, Müsset, 
Gautier bis auf Maupassant und Huysmans 
ziemlich vollständig vertreten. 

England umfasst hundertNummern, Deutsch¬ 
land gegen tausend im Weltlitteratur-Katalog. 
Ich greife folgendes heraus: Das Lied von 
dem Danheüser, o. O. u. J., 8 Bl. mit Titel¬ 
vignette (Anfang des XVI. Jahrhunderts), 
Steinhöwels Übersetzung von Boccaccios „Für- 
nembsten Weibern“ von 1566, Eybs „Eeweib 
oder nit“ von 1540, Dürers Zirkelmessung von 
1525, vieles von Hans Sachs, den Zeitver- 
treiber, die buhlende Jungfer und die Schein¬ 
heilige Witwe des Gorgias u. s. w. Von 
Grimmelshausen ist fast alles vorhanden: die 
erste Simplicissimus-Ausgabe in fünf Büchern 
(von 1669) und die erste des sechsten Buchs 
aus demselben Jahre mit der Rückdatierung 
am Schlüsse, der Nachdruck vom gleichen 


Jahre und die Ausgabe letzter Hand von 1671, 
die Goedecke 2. AufL nicht verzeichnet Ferner 
der Ewigwährende Kalender (Altenburgi 670) und 
die ersten Ausgaben der Courasche, des Spring¬ 
insfeld und des Ratio Status sowie verschiedene 
posthume Simplicissimusausgaben. Wieland 
ist durch zahlreiche Erstausgaben vertreten, von 
Scheffner ist Alles da, reich mit literar¬ 
historischen Glossen versehen, die sich auch 
vielfach bei Heinse, Herder und Goethe finden. 
Von Lichtenberg und Bürger giebt der Katalog 
eine ziemlich vollständige Bibliographie, ebenso 
sind von Kleist, Brentano, Heine, Waiblinger 
die meisten Erstausgaben vorhanden, der Heine 
vielfach in Originalumschlägen, wie auch die 
Schopenhauerausgaben, von denen die editiones 
principes bekanntlich selten geworden sind. 

In strengem bibliothekswissenschaftlichem 
Sinne sind die Grisebachschen Kataloge nicht 
zusammengestellt; das war auch nicht die 
Absicht des Verfassers. Trotzdem möchte 
ich ihre Anschaffung besonders den Privat¬ 
sammlern bestens empfehlen, denn auch sie 
bewähren sich, ähnlich wie die Verzeichnisse 
Tieck, Heyse, Maltzahn, Lipperheide u. s. w., 
als praktische Nachschlagebücher und erheben 
sich zudem durch die eingestreuten biblio¬ 
graphischen und literarischen Glossen weit über 
das Niveau des Schematischen. 




Die Bremischen Theaterzettel von 1688. 

Von 

Professor Dr. Heinrich Bulthaupt in Bremen. 


H n der Bremer Stadtbibliothek, deren 
Schätze ich seit nun bald zwanzig 
Jahren verwalte, befinden sich in einem 
der kleinen Gelehrtenstübchen des prächtigen 
und behaglichen Neubaus unterGlas undRahmen 
zwei merkwürdige Dokumente zur deutschen 
Theatergeschichte. Es sind Komödienzettel, 
von der Hand eines Unerfahrenen, der sich an 
ihren rauhen Rändern gestossen haben mag, 
säuberlich geradlinig beschnitten und auf einen 
gemeinsamen Karton gespannt. Die seltenen 
Papiere sind aus Bremischem Besitz — es 


lässt sich nicht genau feststellen, nach welchen 
Wanderungen — in die Hände des um die 
Theaterstatistik wohlverdienten Schauspielers 
Theodor Mehring in Hamburg gelangt, von 
diesem an den Direktor und Hofrat Pollini 
verkauft, der sie auf der Wiener Musik- und 
Theaterausstellung im Jahre 1892 ausstellen 
Hess und, nachdem sie auf diese Weise vor 
der Öffentlichkeit unter seiner Flagge ihre 
Schuldigkeit gethan, der Bremer Stadtbibliothek, 
die sich schon länger darum bemüht, zum Kauf 
anstellte. Das Geschäft kam zustande. Die 


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Bulthaupt, Die Bremischen Theaterzettel von 1688. 


171 


Zettel sind in ihre Heimat zurückgekehrt, und 
nun grüssen sie den Beschauer, so nah vereint 
wie unsre beiden grössten Dichter auf dem 
Weimarer Denkmal, wie ein Vorspuk grösserer 
Zeit Einen „Faust“ und einen „Wallenstein“ 
kündigen sie an, aber deren Verfasser ver¬ 
schweigen sie. Es werden keine Geister wie 
Goethe und Schiller gewesen sein, die uns die 
beiden gewaltigen Schatten für immer im Ge¬ 
dichte gebannt haben. 

Dass die Zettel, die hier im Facsimile wieder 
gegeben werden, aus Bremen stammen, hat 
Herr Theodor Mehring, der sie hier erworben, 
wiederholt bekundet, und die Scenerie bekräftigt 
es: des seligen Kapitän Nissens Haus auf der 
Langenstrasse vor dem Thore (der „Natel“). 
Auch über das Jahr kann es einen Zweifel 
füglich nicht geben, trotzdem die Zettel es so 
wenig wie den Ort bezeichnen. Aber sie 
nennen die Schauspieler die „Sächsischen 
Hoch-Teutschen Komödianten“, und am 6. 
und 20. April 1688 hat das Gesuch einer 
Schauspielertruppe um die Erwirkung der 
Spielerlaubnis den Bremer Rat beschäftigt. 
Im Wittheits-Protokoll Vol. XIV de 1688 findet 
sich auf pag. 505 unter dem 6. April die Ein¬ 
tragung: 

„ Commoedianten . ... 6) Ist proponiret, dass die 
Comoedianten von der Bande Ihrer Churfürstlichen 
Durchl. zu Sachsen verlangen hier zu agiren, quaesit: 
ob sie zu admittiren. Conclusum quod sic, doch 
dass sie vorhero, wie auch was sie agiren wollen 
zu examiniren, keine obscoena meliren, und die 
Herren frey sein sollen,“ 

und unter dem 20. April Vol. XIV, pag. 513, 
die folgende: 

„ Comoedianten . 1) Ist referiret wegen der an¬ 

gegebenen Commedianten, dass sie soviele auss 
dem ausserlichen zu judiciren guhte Leute zu sein 
schienen und hätten sich erklähret nicht alleine 
28 freyzettel als vor jeden der H. Bmstr. [Bürger¬ 
meister] und Rathsh. eines aus gäben, sondern auch 
alle Woche einmal für die Armen zu spielen und 
sich in ihren propositionen aller ehrbarkeit sich zu 
befleissigen hingegen sich aller obscoenis und An¬ 
züglichkeiten zu enthalten, concluss: quoad primum 
dass solche conditiones denen Commedianten ein- 
zuwilligen.“ 

Da nun nach dem Kalender alten Stils, der 
damals noch in Bremen galt, der 16. Mai 
(der Tag der Wallenstein-Aufführung) auf einen 
Mittwoch, der 18. auf einen Freitag fiel, und 
da es „Sächsische Hoch-Teutsche Komödianten“ 


sind, die die beiden Stücke gaben (das Witt¬ 
heits-Protokoll spricht von der „Bande Ihrer 
Churfürstlichen Durchl. zu Sachsen“), so müsste 
schon eine starke Zweifelsucht dazu gehören, 
anzunehmen, dass die Schauspieler, die dem 
Bremer Rat im April ihr Gesuch vorgelegt, 
nicht dieselben gewesen, die um die Mitte des 
Mai im nämlichen Jahre in Bremen auch wirk¬ 
lich gespielt haben. 

Wer aber war die Truppe? Und unter wessen 
Leitung stand sie? Mehring und andere — 
auch ich — haben immer angenommen, Jo¬ 
hannes Velten sei ihr Führer gewesen, denn 
dessen Gesellschaft, die Veltensche oder Velt- 
heimsche „Bande“, hatte sich durch ihre Vor¬ 
stellungen am Sächsischen Hofe das Recht 
erspielt, sich (seit 1679) „Kursächsische Komö¬ 
diengesellschaft“ zu nennen. Im Jahre 1688 
aber hat Velten, dessen Name überall im Reich 
einen guten Klang hatte und der mit seinen 
Leuten weit herumzog, wohlbezeugter Massen 
Vorstellungen in Hamburg gegeben, und zwar 
im Juni. Es läge also nahe genug zu glauben, 
er habe der Bremer Spielzeit die Hamburger 
folgen lassen. Dem scheint nun freilich ein 
Auszug aus den Leipziger Messrechnungen zu 
widersprechen, die Wustmann in den „Quellen 
zur Geschichte Leipzigs“ (1889) veröffentlicht 
hat. Aus diesen Rechnungen ergiebt sich, dass 
Velten (oder „Felden“, wie ihn der Marktvogt, 
echt sächsisch, Anfangs schreibt), zuerst im 
Jahre 1679 zur Neujahrsmesse nach Leipzig 
gekommen und mit seiner Truppe fünfzehnmal 
aufgetreten ist, 1684 zum zweitenmale, nun 
aber nicht mehr allein, sondern in Gemeinschaft 
mit Christian Starcke und Johann Wolfgang 
Ries, deren Compagnie ihm vom Kurfürsten 
Johann Georg III. von Sachsen, da sie „ältere 
Rechte“ geltend machen konnten (Starde stand 
schon seit 1669, Ries seit 1676 in kurfürst¬ 
lichen Diensten), aufgezwungen war. Mit diesen 
seinen Gesellschaftern, die um der Anciennetät 
willen ihren Namen dem seinen voransetzten, 
besuchte Johannes Velten die Leipziger Messe 
seit 1684 fast regelmässig, und nach den Stand¬ 
geldrechnungen müssten die drei auch während 
der Ostermesse 1688 vom 7. bis 28. Mai dort 
gespielt haben, „in Rothhäupts Hofe“ an 15 
Tagen; in dem Velten-Artikel der „Allg. deut¬ 
schen Biographie“ meint darum auch H. A. Lier, 
dass die Bremer Theaterzettel, die besonders 


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burcf» einen ^toliflmfcben e$d)urteu pvdfentiree »erben/wlewed rerfrefffiä 
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rabfwend.«)3crfobnen/nfmlu1)rin0pnnier/j»ep ®nubiebe/ ein ©ßnfc 
mefi.tcr / ein^aiier unb 35*i»ertn / »def)c auc ihren «bfottbctlicben 
bauen / unb fcfjjr lächerlich »irb mtjufeben fepn. 

3?4(&b7ffett fol jmn ftatfj^piel aglretftcrbrn / blf wrtrtflFfltfi yn&liw 
ßige Slcticn aus ben 5rano6|ifhen ind Jeutfche überfebet / genant xr - • 

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174 


Bulthaupt, Die Bremischen Theaterzettel von 1688. 


seit der Wiener Ausstellung schon manchen 
Litterarhistoriker beschäftigt haben, von Veltens 
Truppe nicht herrühren können. Dem strengen 
Wortlaut nach gewiss nicht. Nun wissen wir 
aber aus dem Bremer Wittheits-Protokoll, dass 
die Petenten von 1688 sich „Komödianten von 
der Bande Ihrer Kurfürstlichen Durchl. zu 
Sachsen“ nennen; wir wissen, dass Velten, dem 
eine Hoftrauer sein Auftreten in Berlin, Braun¬ 
schweig, Wolfenbüttel, Breslau und an andren 
Orten vereitelte, sich Anfangs 1688 entschloss, 
einen „sehr weiten Weg zu reisen“; wir wissen, 
dass er im Juni desselben Jahres mit seiner 
Gesellschaft in Hamburg gespielt hat. Ander¬ 
seits hatte Niemand sonst das Recht, sich die 
Bande des Sächsischen Kurfürsten zu nennen. 
Was bleibt also andres übrig, als anzunehmen, 
entweder dass die Schauspielergesellschaft, die 
in Bremen gespielt, sich fälschlich den Ehren¬ 
titel kursächsischer Komödianten beigelegt, oder 
dass die Truppe sich geteilt, ein Teil in Bremen 
gespielt habe, ein Teil zur Ostermesse nach 
Leipzig gereist sei. Beide Fälle wären denk¬ 
bar. Es hat schon einen falschen Blondin, 
einen falschen Renz, falsche Oberammergauer, 
es hätte also auch eine falsche kurfürstlich- 
sächsische Schauspielertruppe geben können. 
Aber die Dreistigkeit würde in diesem Falle, 
wo es sich um Aufführungen handelte, die der 
besondren Sanktion der Bremischen Stadtväter 
bedurften, doch eine ungewöhnliche gewesen 
sein, und es ist schwerlich zu glauben, dass 
der Rat Reisepässe und Titel der Gäste nicht 
sorgfältig geprüft haben sollte. Für die zweite 
Möglichkeit aber spricht der Umstand, dass 
die Bittsteller sich nicht schlechtweg „die Bande 
Ihrer Kurfürstlichen Durchl. zu Sachsen“, sondern 
„Komödianten von der Bande“ desselben nennen. 
Das erklärt den scheinbaren Widerspruch der 
Annahme, es seien Veltensche Schauspieler 
gewesen, die in Bremen im Mai 1688 den 
„Faust“ und „Wallenstein“ gegeben, mit der 
Notiz der Leipziger Rechnungen ziemlich mühe¬ 
los und mutet uns nicht die geringste Unwahr¬ 
scheinlichkeit zu. Und so könnten denn Mit¬ 
glieder der Veltenschen Truppe wirklich gleich¬ 
zeitig in Leipzig und in Bremen gespielt haben. 

Über die Dichter, den Wert und Charakter 
der beiden Dramen, von denen uns die Zettel 
melden, ist uns, wie schon erwähnt, näheres 
nicht bekannt. Der „Wallensteiner“ mag das 


Drama des August Adolf von Haugwitz sein, 
der Schillern auch mit einer „Maria Stuart“ 
vorgegriffen und in der Vorrede zu seinem 
„Prodromus poeticus“ bereits ein Friedländer- 
Drama seiner Vaterschaft angekündigt hatte. 
Wenigstens hat Velten (nach Lier in der Allg. 
d. Biographie) in Torgau — Lier sagt nicht, 
wann — den Haugwitzschen „Wallenstein“ zur 
Aufführung gebracht. Der gewaltige Stoff hatte 
seine dramatische Anziehungskraft schon zu 
Wallensteins Lebzeiten und in ungleich stärkerem 
Grade natürlich sehr bald nach des Fürsten 
Ermordung in Eger geübt. In einem Schrift- 
chen „Wallenstein in der dramatischen Dich¬ 
tung des Jahrzehnts seines Todes“ (Frauenfeld 
1894) hat uns Theodor Vetter kurz und an¬ 
ziehend darüber belehrt Schon im Jahre 1631 
erschien der düstre Held als der „Wüterich 
Lastlevius“ in der „Pomeris“ des Stettiner Rek¬ 
tors Lüttkeschwager, und unmittelbar nach 
seinem Tode behandelte der Löwener Dichter 
und Gelehrte Vernulz das tragische Geschick 
des von der „ambitio“ Verführten. Und wenn 
Wallenstein in England, Spanien, Italien auf 
der Bühne erschien, dann begreift es sich, dass 
er in Deutschland so bald nicht wieder ver¬ 
schwinden konnte, und jetzt vollends nicht 
wieder verschwinden kann, seitdem ein Genius 
ihm seine Worte geliehen. 

Auch aus der Ankündigung der Faust- 
Aufführung lässt sich nicht ersehen, welche 
der zahlreichen Bearbeitungen der Sage für das 
Theater ihr zu Grunde gelegen. Vermutlich 
hatte jeder Bühnendirektor seine eigene. Seit 
der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts liess 
das grosse Problem, das sich in dem Stoff 
verbarg und das erst durch Goethe ganz ge¬ 
hoben wurde, unser Volk, seine Erzähler und 
Dramatiker nicht ruhen. Aber so wenig wir von 
dem Verfasser des ältesten deutschen Volks¬ 
buches wissen, so wenig kennen wir den Dichter 
des ältesten Volksschauspiels vom Doktor Faust, 
das, vermutlich nur im Manuskript, von Hand 
zu Hand weiter wanderte und von den Schau¬ 
spielern zu den Marionetten kam, bei denen 
es sich bis weit in unser Jahrhundert hinein 
erhielt. Die Gestalt, in der Simrock es vor¬ 
gefunden und herausgegeben (1846), ist ja 
bekannt genug. Velten hat jedenfalls das 
„unvergleichliche und weltbekannte Stück“, das 
höchstwahrscheinlich durch Marlowes „Faust“ 


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Bulthaupt, Die Bremischen Theaterzettel von 1688. 


I 7 S 


stark beeinflusst war, in seiner Redaktion ge¬ 
geben, und sie wird nicht die schlechteste 
gewesen sein. 

Der „George Dandin“, der den Schluss der 
Vorstellung vom 18. Mai bildet, ist natürlich 
Molteres bekanntes Werk. Der grosse fran¬ 
zösische Lustspieldichter gehörte zu Veltens 
Lieblingen, und er hat es sich mit seiner Ein¬ 
führung in das Repertoire der deutschen Bühnen 
Emst sein lassen. 

Ob die Bremer Zettel die ältesten sind oder 
geblieben sind, das heisst, ob nicht seit dem 
15. November 1891 irgendwo noch ältere zur 
öffentlichen Kunde gelangt sind, ist mir nicht 
bekannt. An jenem Tage erschien nämlich 
in dem Organ der „Genossenschaft deutscher 
Bühnenangehöriger“ ein kleiner Artikel von 
Arthur Deetz, der Mehrings Notiz in derselben 
Zeitung, und zwar in der Nr. 45 vom 8. No¬ 
vember desselben Jahres, wonach der Faust- 
Zettel der „älteste Theaterzettel aus der deut¬ 
schen Bühnengeschichte“ sei, korrigierte. Mit 
jener Bezeichnung war Mehring allerdings ein 
kleiner Irrtum passiert, denn der Wallenstein- 
Zettel ist ja, wie sein Datum ausweist, um 
zwei Tage älter. Darauf wollte aber Deetz 
nicht hinaus. Er meldete sich vielmehr als 
der glückliche Besitzer einer Schauspiel-An¬ 
kündigung, die sich (nach Rudolph Genee) auf 
den Beginn der Saison 1629 auf dem Fecht¬ 
hause in Nürnberg beziehen soll und nach 
Deetz’ Mitteilung folgenden Wortlaut hat: 

„Zu wissen sei Jedermann, dass allhier an¬ 


kommen eine ganze neue Compagnie Comö- 
dianten, sowie niemals zuvor hier zu Land 
gesehen, mit einem sehr lustigen Pökelhering, 
welche täglich agiren werden, schöne Comödien, 
Tragödien, Pastorellen (Schäfereyen) und His¬ 
torien, vermengt mit lieblichen und lustigen 
Interludien, und zwar heute Mittwoch den 21. 
Aprilis werden sie praesentiren eine sehr lustige 
Comödi, genannt: 

Der Liebe Süssigkeit verändert sich 
in Todes Bitterkeit\ 

Nach der Comödi soll praesentirt werden ein 
schön Ballet und lächerliches Possenspiel. Die 
Liebhaber solcher Schauspiele wollen sich Nach¬ 
mittags Glock 2 einstellen auffen Fechthaus, 
allda um die bestimmte Zeit praecise soll an¬ 
gefangen werden.“ 

Das wäre, wenn man auf solche Unter¬ 
scheidung Wert legen will, in Form und Inhalt 
immerhin noch etwas andres als ein eigent¬ 
licher Theaterzettel. Doch entsprechen die 
Bremischen Zettel den Anforderungen unsrer 
jetzigen Programme mit ihrem vollständigen 
Personenverzeichnis, der Angabe der Dar¬ 
steller u. s. w. ja auch nicht. Karl Engel und 
Creizenach weisen in ihren bekannten Schriften 
zur Faust-Litteratur einen älteren Zettel nicht 
nach. Und so oder so: das litterarhistorische 
Interesse und der Reiz der Kuriosität bleiben 
ihnen, auch wenn sie von neu entdeckten 
Vorgängern um die Ehre der Alterspräsidenten 
gebracht werden sollten. 



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Zur Geschichte des „Kladderadatsch.“ 

Von 

Dr. Max Ring in Berlin. 

Mit Zusätzen von Fedor von Zobeltitz. 




Verlagsbuchhändler Albert Hof mann, die beiden 
geistvollen Kandidaten der Theologie und Philo¬ 
logie Emst Dohm und Rudolph L'özvenstei/i , 
sowie der witzige Zeichner Wilhelm Scholz . 

Kalisch zeigte, ursprünglich Lehrling, später 
Handlungsgehilfe und Prokurist in dem an¬ 
gesehenen Galanterie- und Möbelgeschäft der 
Gebrüder Bauer in Breslau, schon früh eine 
entschiedene Neigung und auch Begabung 
für die dem schlesischen Volksstamm eigene 
Gelegenheitspoesie. Da er sich aber durch 
seine Stellung in seiner Freiheit beschränkt und 
in seiner geistigen Entwicklung gehemmt fühlte, 
fasste er den Entschluss, Breslau zu verlassen 
und nach Paris zu gehen, wo 
er, wie so viele Deutsche in 
jenen Tagen, das Eldorado der 
politischen und persönlichen 
Freiheit zu finden hoffte. Mit 
geringen Geldmitteln und eini¬ 
gen Empfehlungen an deutsche 
Flüchtlinge, an Herwegh und 
Freiligrath, reiste er über Brüs¬ 
sel nach Paris, mit der Absicht, 
daselbst ein Kommissionsge¬ 
schäft für französische Galan¬ 
teriewaren zu begründen. 

Zunächst genoss Kalisch 
in vollen Zügen die so lang 
entbehrte Freiheit und die 


Geschichte des „Kladderadatsch“ 
liefert einen ebenso interessanten wie 
wichtigen Beitrag zu unserer allge¬ 
meinen Litteratur- und Kulturgeschichte. Der 
Boden, auf dem das lustige Blatt aufwuchs und 
sich entwickelte, war das vormärzliche Berlin 
mit seinem scharfen kritischen Verstand, seinem 
kaustischen, originellen Witz, seiner ange¬ 
borenen „Unverfrorenheit“ und seiner politischen 
Unzufriedenheit. Seine Geburt fiel in das ver¬ 
hängnisvolle Jahr 1848, in die bewegte Zeit 
der Märzrevolution. Sein Vater war David 
Kalisch , ein geborener Schlesier; die Pathen, die 
an seiner Wiege standen, waren der findige 


Kladderadatsch, Bismarck zeichnend. 
Zeichnung von G. Brandt. 


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Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


177 


verführerischen Vergnügungen des modernen 
Babel. Vom frühen Morgen bis zum späten 
Abend flanierte er durch die Strassen und auf den 
Boulevards, besuchte er die glänzenden Cafös 
und verlockenden Tanzsäle, vor allem aber die 
zahlreichen Theater, in denen er den ersten 
Grund zu seiner bewunderungswürdigen Bühnen¬ 
kenntnis legte und sich unbewusst den graziösen 
Witz, die Leichtigkeit und Feinheit des franzö¬ 
sischen Geistes, die Anmut und Schlagfertigkeit 
der Couplets und Chansons aneignete, den 
Stoff und die Form fiir seine späteren Arbeiten 
sammelte. 

Während Kalisch in solcher Weise das 
Pariser Leben gründlich kennen lernte, schwan¬ 
den seine mitgebrachten Napoleonsdore nur zu 
schnell dahin, so dass er in die grösste Not 
geriet und sich gezwungen sah, auf der Strasse 
sein Brod zu suchen, um sein Leben zu fristen. 
Eine Zeit lang diente er seinen Landsleuten als 
Fremdenführer, aber die Konkurrenz war zu 
gross und das Geschäft zu wenig einträglich. 
Um nicht zu verhungern, trat er als Arbeiter 
in eine Fabrik, doch seine Schwächlichkeit und 
Kurzsichtigkeit nötigten ihn bald, auf diese 
Hilfsquelle zu verzichten. Zuletzt blieb ihm 
nichts übrig, als seine überflüssige Wäsche und 
seine Kleider zu versetzen oder zu verkaufen. 
In seiner grössten Not wendete sich Kalisch 
an Heinrich Heine, der mit der ihm eigenen 
Herzensgüte sich des armen, verlassenen Land¬ 
manns annahm und ihn nach Kräften unter¬ 
stützte. 

Von Heine, Herwegh und Karl Grün em¬ 
pfohlen, erhielt endlich Kalisch mit Hilfe des 
berühmten sozialistischen Nationalökonomen 
Proudhon eine vorteilhafte Stellung als Buch¬ 
halter und deutsch-französischer Korrespondent 
in einer angesehenen Seidenhandlung zu Strass¬ 
burg; leider nur für kurze Zeit, da Kalisch ohne 
sein Verschulden in die zwischen seinen beiden 
Prinzipalen bestehenden Streitigkeiten ver¬ 
wickelt, seine Entlassung nehmen und nach 
Deutschland zurückkehren musste. Arm an 
Geld und Hoffnungen, aber reich an Erfah¬ 
rungen und Menschenkenntnis, an politischer 
Einsicht, literarischen und besonders drama¬ 
tischen Eindrücken, betrat Kalisch nach jahre¬ 
langer Abwesenheit die deutsche Heimat. Ein 
moderner „Gil Blas“ hatte er die verschieden¬ 
sten Verhältnisse, Personen und Zustände in 

Z. f. B. 98/99. 


seiner Jugend kennen gelernt, die Freuden und 
Leiden des Daseins, selbst Mangel und Not 
erprobt Abwechselnd Fremdenführer, Kauf¬ 
mann, Projektenmacher, Arbeiter und Prole¬ 
tarier hatte er tiefe Blicke in das Leben ge- 
than und eine Fülle interessanter Beobachtungen 
gemacht. 

Anfänglich Hess er sich in Leipzig nieder, 
wo er mit Oettinger und Herlosssohn bekannt 
wurde und für das Witzblatt „Charivari“ und ähn¬ 
liche Zeitschriften kleine Gedichte und Artikel 
schrieb. Da er aber in Leipzig zwar Aner¬ 
kennung, doch keine Honorare fand, so ver¬ 
tauschte er noch einmal die Htterarische Lauf¬ 
bahn mit einem Engagement in einem grösseren 
Speditions- und Kommissionsgeschäft in Berlin. 
Mit der ihm eigenen Pünktlichkeit, Ordnungs¬ 
liebe und kaufmännischer Solidität besorgte 
er die übernommenen Arbeiten. Nichtsdesto¬ 
weniger behielt er noch immer Zeit und Lust 
für seine Lieblingsneigungen. In seinen Mufse- 
stunden schrieb er mehrere kleine Theaterstücke, 
unter ihnen die witzige Bluette „Ein Billet von 
Jenny Lind“, die jedoch nicht in Berlin, sondern 
im Schöneberger Sommertheater zum ersten 
Male aufgeführt und mit dem grössten Beifall 
aufgenommen wurde. 

Aufgemuntert durch den unerwarteten Er¬ 
folg bearbeitete Kalisch eine bekannte franzö¬ 
sische Posse, „Einmalhunderttausend Thaler“, 
die auf dem früheren Königsstädtischen Theater 
einen ungewöhnlichen Triumph feierte, da er 
es verstanden hatte, ein eben so treues als 
unterhaltendes Bild des damaligen BerUn zu 
geben und statt der verbrauchten Theater¬ 
schablonen wirkliche Menschen, wahre Typen 
der Gesellschaft, wie den unvergleichUchen 
„Zwickauer“, darzustellen. Dazu kam noch der, 
bei der schon vorhandenen politischen Gärung 
doppelt zündende Dialog voll versteckter, aber 
wirksamer Anspielungen auf das reaktionär- 
pietistische Regiment, vor allem aber das in 
dieser Weise nie zuvor benutzte Couplet mit 
seinen scharfen Spitzen und treffenden Aus¬ 
fällen, getränkt in -der ätzenden Lauge eines 
revolutionären Witzes, der sich geschickt unter 
scheinbarer Harmlosigkeit verbarg und selbst 
die Polizei zum Lachen zwang. 

Mit einem Schlage wurde der kleine unbe¬ 
kannte Kommis ein populärer, allgemein be¬ 
liebter Schriftsteller. Das Volk sang seine 

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178 


Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


leicht fasslichen Lieder auf der Strasse, die 
Gebildeten lachten über seine geistreichen Ein¬ 
fälle, und seine witzigen Redensarten wurden 
sprichwörtlich. Die Kritik feierte einstimmig 
das plötzlich auftauchende Talent und begrüsste 
ihn als den modernen Aristophanes des neuen 
Spree-Athen. In der bekannten Hippelschen 
Weinstube, wo sich um Bruno und Edgar 
Bauer die jüngste Hegelsche Schule sammelte 
und mit vernichtender, weltverachtender Kritik 
den Staat und die Gesellschaft angriff, wurde 
Kalisch ein angesehener 
und beliebter Stammgast, 
und in dem sogenannten 
„Rütli,“ einer zwanglosen 
Gesellschaft, in der Ernst 
Kossack, Titus Ulrich, 

Rudolf Gottschall, Ernst 
Dohm, Wilhelm Scholz, 
u. a. m. verkehrten, wurde 
Kalisch mit Vergnügen 
aufgenommen. 

Hier herrschte jener 
übermütige Humor, der 
„höhere Blödsinn“, welcher 
in der nur von und für 
Mitglieder geschriebenen 
und von Scholz illu¬ 
strierten „Rütli-Zeitung“ 
seine lustigen Blüten trieb. 

Durch Dohm und Löwen¬ 
stein eingeführt, fand 
Kalisch in dieser Gesell¬ 
schaft bereits alle Keime 
und Elemente des künf¬ 
tigen „Kladderadatsch“, 
die er allmählich in seinem 
Geiste reifen Hess. Ausserdem fehlte es ihm 
nicht an mehr oder minder nennenswerten Vor¬ 
bildern des Berliner Witzes und deutschen 
Humors, wie der komische Beckmann mit dem 
Eckensteher „Nante Strumpf“, der witzige Glass- 
brenner, mit „Berlin, wie es ist — und trinkt“ 
und sein Namensvetter Ludwig Kalisch mit 
der Mainzer Karnevalsschrift „Narrhalla“. 

Alle diese Hilfsquellen geschickt benutzt 
und den richtigen Augenblick erfasst zu haben, 
ist das grosse und alleinige Verdienst von 
Kalisch. Als die Revolution im Jahre 1848 
ausbrach, in den Fürstenschlössern die Furcht, 
in den Ministerhotels Verwirrung und Ratlosig^ 


keit, in den Volksversammlungen und Klubs 
der Unverstand und die Phrase, in den Strassen 
Anarchie und Zuchtlosigkeit herrschten, da ent¬ 
sprang dem Kopf des kleinen David der 
Kladderadatsch “, wie die gewaffnete Minerva 
dem Haupte Jupiters. Mit dem vollständigen 
Manuskript der ersten Nummer trat Kalisch in 
das bescheidene Geschäftslokal des Buchhänd¬ 
lers Albert Hofmann, der vorzugsweise sich 
mit dem Verlage der humoristischen Tages- 
litteratur befasste, und bot ihm das neue Unter¬ 
nehmen an. 

Der Verleger zögerte 
und forderte einige Tage 
Bedenkzeit, nach deren 
Ablauf er sich zwar bereit 
erklärte, das beabsichtigte 
Blatt in Kommission zu 
nehmen, jedoch mit der 
Bedingung, dassder Autor 
die Kosten für Druck und 
Papier tragen sollte. Das 
vorläufige Honorar für 
eine Nummer wurde auf 
einen Friedrichsdor fest¬ 
gesetzt. Einige Tage 
später riefen die fliegen¬ 
den Buchhändler in den 
Strassen Berlins mit lau¬ 
tem Geschrei: „Kladdera¬ 
datsch, Kladderadatsch!“ 
— Das Publikum stutzte, 
wurde aufmerksam, kaufte 
aus Neugier das neue 
Blatt, las und lachte über 
den komischen Leitartikel, 
bewunderte den scharfen 
Witz und die Kühnheit, mit der der Verfasser 
alle Parteien geisselte, amüsierte sich über die 
pikante Geschichte einer anrüchigen Schau¬ 
spielerin, und das Glück des neuen Blattes war 
gemacht, wenn auch kein Mensch und selbst 
nicht der Vater des Neugeborenen die künftige 
Grösse und kulturhistorische Bedeutung des 
kleinen Weltbürgers ahnte. 

Aber bevor der „Kladderadatsch“ diese un¬ 
erwartete Höhe erreichte, musste auch er erst 
den allgemeinen schweren Kampf um das Da¬ 
sein bestehn. Obgleich Kalisch mit übermensch¬ 
lichem Fleisse arbeitete, so vermochte er 
doch nicht allein die geistigen Kosten seines 



Verlagsbuchhändler Albert Hofmann. 


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Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


179 


Witzblattes zu bestreiten. Er sah sich daher 
genötigt, geeignete Mitarbeiter zu suchen, die 
er zum Glück an seinen beiden Vettern und 
Freunden Rudolf Löwenstein und Ernst Dohm 
fand, zu denen sich als Vierter der geistreiche 
Zeichner der „Rütli-Zeitung“, Wilhelm Scholz, 
gesellte. Durch diese frischen Kräfte gewann 
das Blatt natürlich an Mannigfaltigkeit, Ab- 


so erzählt Schmidt-Weissenfels — an den 
Minister von Manteuffel nach Berlin: „Kladde¬ 
radatsch nichts zuleide thun!“ — Auch die 
demokratischen Parteiführer erkannten die neue 
Macht an, die schonungslos ihre Hiebe zur 
Rechten und zur Linken austeilte. Hauptsäch¬ 
lich durch die kühnen Angriffe des witzigen 
Blattes wurde der gefürchtete Agitator Held 



David Kalisch auf dem Schoosse Thalias. in den Armen 
den Kladderadatsch haltend. 

Zeichnung von Herbert König aus dem Jahre 1857. 


wechslung und auch an innerem Gehalt. Bald 
erregten einzelne Artikel ein ungewöhnliches 
Aufsehn und übten einen nicht zu unterschätzen¬ 
den Einfluss auf die öffentliche Meinung und 
selbst auf die politischen Verhältnisse aus. 
König Friedrich Wilhelm IV. wurde ein eifriger 
Leser und Gönner des Kladderadatsch; selbst 
witzig, fühlte er eine gewisse Sympathie für den 
verwandten Geist; als das Staatsministerium 
das Blatt seiner unverbesserlichen Haltung 
wegen unterdrücken wollte, telegraphierte er — 


von seiner Höhe herabgestürzt und wie so 
manche andere Grösse entlarvt und lächerlich 
gemacht. 

Natürlich fehlte es dem „Kladderadatsch“ 
auch nicht an erbitterten Feinden, die ihn um 
jeden Preis zu unterdrücken suchten. Während 
des Belagerungszustandes von Berlin stand vor 
allen dieses Blatt auf der Proskriptionsliste der 
Reaktion. Auch die Mitarbeiter wurden er¬ 
barmungslos verfolgt; Löwenstein, der noch 
Landwehrmann war, sollte vor das Kriegsgericht 


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Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


gestellt werden. Ein ähnliches Schicksal be¬ 
drohte Kalisch und Dohm, dem sich beide 
durch die Flucht entzogen. In dieser Zeit der 
grössten Not trat der Verleger Hofmann als 
rettender Steuermann an das Ruder des dem 
Untergang geweihten Schiffleins. Er wanderte 
mit seinem verstossenen Kinde nach Leipzig, 
wo Ernst Keil, der spätere Begründer der 
„Gartenlaube“, ihm Unterschlupf gewährte, bis 


Polizeipräsident von Hinkeldey unter dem 
9. Dezember 1848 die Rückkehr gestattete. 
Damit waren aber noch nicht alle Fährlich- 
keiten überwunden. Im Januar 1849 erfolgte 
ein neues Verbot; Hofmann und Löwenstein, 
die mit Ausgewiesenen, siedelten nach Neustadt- 
Eberswalde über, wo der „Kladderadatsch“ in 
der Buchdruckerei von E. Müller weiter erschien. 
Aber auch in Berlin versuchte man ihn um 
diese Zeit dennoch einzuschmuggeln und zwar 
zunächst unter dem Titel „Karnevals-Zeitung“ 
und später als „Fastnachts-Zeitung in der Art 


des Kladderadatsch“. Wrangels und Hinkeldeys 
scharfen Augen entging indessen auch diese 
Contrebande nicht, bis die Aufhebung des Be¬ 
lagerungszustandes dem Blatte erlaubte, ohne 
Visier wieder in Berlin einzuziehen. 

Nach beendetem Exil stellte sich jedoch 
immer mehr die Notwendigkeit heraus, dem 
Blatte einen eigenen Redakteur zu geben. 
Mit seiner gewöhnlichen Bescheidenheit und 
Schüchternheit überliess Kalisch das 
wichtige, aber gefährliche Amt seinem 
Freunde und Kollegen Dohm. Dieser 
hatte in Halle unter Wegscheider und 
Tholuk Theologie studiert, bereits mit 
Erfolg gepredigt und als Hauslehrer 
in einer angesehenen Familie gelebt. 
Sein Talent und seine Liebe zur Un¬ 
abhängigkeit führten ihn der Litteratur 
zu. Einige Zeit schrieb er für den 
„Gesellschafter“ von Gubitz und für Leh¬ 
manns „Magazin für die Litteratur des 
Auslandes.“ Gleichzeitig leitete er ein 
Knaben-Pensionat, das er jedoch bald 
wieder aufgab. 

Mit Dohm kam ein neues Leben, 
ein höherer Aufschwung, ein idealeres 
Element, eine universellere Richtung 
in das Blatt. Der spezifische Berliner 
Witz wurde durch die klassische Bil¬ 
dung, die gediegene Kritik und die 
poetische Form des neuen Redakteurs 
geadelt. Der Kladderadatsch feierte 
gewissermafsen seine Wiedergeburt, 
eine Art Renaissance, die Vermählung 
des modernen Couplets mit dem antiken 
Epigramm, des Chansons mit der Para¬ 
base, des höheren Blödsinns mit dem 
aristophanischen Geist. — In ähn¬ 
lichem Sinn wirkte Rudolf Löwenstein, 
der gründlich gebildete Philologe und Verfasser 
gemütvoller „Kinderlieder“, durch sein lyrisches 
Talent und seine schlesische Behaglichkeit, be¬ 
sonders aber durch die ihm angehörenden 
Freunde „Prudelwitz und Strudelwitz“. Dass 
aber trotz dieser Umwandlung die ursprüngliche 
Komik nicht fehlte, dafür sorgte Kalisch mit 
seiner unerschöpflichen lustigen Laune. 

Aus dem blossen Berliner Lokalblatt wurde 
jetzt ein Weltblatt, aus dem „Organ für und 
von Bummler“ ein Organ für die Gebildeten 
der Nation, eine bedeutende litterarische und 



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Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


181 



Dohms Abschied vom Molkenmarkt. 
Zeichnung von W. Scholz. 


kulturhistorische Schöpfung für ganz Deutsch¬ 
land, die den grössten Einfluss auf die öffent¬ 
liche Meinung übte, ein Freund der Freiheit 
und ein gefürchteter Gegner der Reaktion. 
Die Zahl der Abonnenten wuchs mit jedem 
Tage, der Verleger wurde ein reicher Mann, 
die Mitarbeiter erhielten Ministergehälter und 
eine zugesicherte Pension flir sich und ihre 
Familien. Aber mit des Geschickes Mächten 
ist kein ewiger Bund zu flechten; noch einmal 
drohte ein wütender Sturm dem Dasein des 
„Kladderadatsch“, als Zar Nikolaus von Russland 
1852 das von der demokratischen Seuche ge¬ 
reinigte Berlin mit seinem hohen Besuche beehrte. 
Es galt dem allmächtigen Kaiser eine bessere 
Meinung von der Bevölkerung beizubringen 
und einen schmeichelhaften 
Empfang zu bereiten, wozu 
der damalige Polizeipräsi¬ 
dent von Hinkeldey die 
nötigen Massregeln verord- 
nete. Auf seinen Befehl 
mussten sämtliche Berliner 
Zeitungen dem gefürchteten 
Zaren huldigen und die 
Stadt das freudigste Gesicht 
machen. Nur der ver¬ 
wegene „Kladderadatsch“ 
wagte zu widerstehen und 
mit dem allmächtigen Auto¬ 
kraten anzubinden, vor dem 
Fürsten und Völker zitterten. 

Einige Witze über die be¬ 
fohlene Fälschung der öffent¬ 
lichen Meinung, über die 


gemachte Begeisterung versetzten Hinkeldey 
in unbeschreibliche Wut. Kalisch und Löwen¬ 
stein wurden ohne Erbarmen abermals aus¬ 
gewiesen, bei Dohm wurde Haussuchung ge¬ 
halten und dessen Papiere mit Beschlag belegt. 

Zwar kehrten die Verbannten, nachdem sich 
das Ungewitter verzogen, heimlich wieder nach 
Berlin zurück und wurden von den nachsich¬ 
tigen Behörden stillschweigend geduldet, aber 
über ihrem Haupte schwebte fortwährend das 
Damoklesschwert der polizeilichen Willkür. 
Erst der Vermittlung einflussreicher Gönner, 
besonders den Bemühungen des Redakteurs 
Adami, des Geheimen Hofrats Louis Schneider 
und des Gartendirektors Lenne gelang es, den 
Bann aufzuheben und die vollständige Be¬ 
gnadigung der armen Sünder durchzusetzen. 
Von der schweren Sorge um die Existenz und 
von ferneren Verfolgungen befreit, widmeten 
die Mitarbeiter ihre ganze Kraft dem geretteten 
Blatt. Immer frischer und fröhlicher entwickelte 
sich ihr Humor, und immer grösser wurde die 
Zahl der Abonnenten und ihr Leserkreis. 

Zu den vielen Gönnern des „Kladderadatsch“ 
zählte auch Bismarck, nachdem ein zwischen 
ihm und der Redaktion ausgebrochener Konflikt 
(im Dezember 1849) wegen einer unabsichtlichen 
Beleidigung seines Hauses auf eine für beide 
Teile gleich ehrenvolle Weise beigelegt war. Bei 
dieser Gelegenheit schrieb Bismarck, der damals 
noch Bundestagsgesandter in Frankfurt war, den 
folgenden charakteristischen Brief an Dohm: 



Crino-caro-line. — Spottbild von W. Scholz. 

Dohm unter der Crinoline (im Gefängnis des Molkenmarkts), links Kalisch. Löwenstein 
und Scholz, rechts Kladderadatsch mit Schulze und Müller. 


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182 


Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


„Ew. Wohlgeboren sage ich meinen ver¬ 
bindlichsten Dank für die offene und zufrieden¬ 
stellende Art, in der Sie die Güte gehabt 
haben, mein Schreiben zu beantworten. Ich 
freue mich, dass ich mich in der Voraus¬ 
setzung nicht getäuscht habe, dass neben 
einer politischen Farbe, die sich auch unter 
veränderten Umständen gleich bleibt, auch 
das Vorhandensein einer ehrenhaften Auf¬ 
fassung von Privatverhältnissen anzunehmen 
sei. Mit der Versicherung aufrichtiger Hoch¬ 
achtung Ew. Wohlgeboren ergebenster 

Bismarck.“ 

Seitdem herrschte zwischen den beiden 
Mächten Eintracht, Friede und Freundschaft, 
und als Bismarck als Ministerpräsident nach 
Berlin berufen war, empfing er den Redakteur 
Dohm als einen der ersten Besucher, den er 
einer langen und inhaltsreichen Unterredung 
würdigte. Dafür fand er auch am „Kladde¬ 
radatsch“ einen ebenso tapfern als einsichts¬ 
vollen Bundesgenossen im Kampfe gegen seine 
Feinde, besonders gegen Frankreich und Louis 
Napoleon, den das witzige Blatt in Wort und 
Bild mit scharf geschliffenen Waffen gewaltig 
angriff und dessen Ansehn in Deutschland und 
ganz Europa der „Kladderadatsch“ wesentlich 
vernichten half, wodurch er sich ein grosses 
patriotisches Verdienst erwarb und seine poli¬ 
tische Bedeutung zeigte. 

Dankbar für die ihm geleisteten Dienste, 
schützte Bismarck seinen Freund bei mancher 
Gelegenheit. Trotzdem fehlte es auch in diesem 
freundschaftlichen Verhältnisse nicht an kleinen 
Zwistigkeiten und Reibungen, da „Kladdera¬ 
datsch“ kein byzantinischer Schmeichler und 
Augendiener war, sondern den Mut seiner 
Meinung behauptete. Als der lustige Schalk 
die neuen Schutzzölle des Reichskanzlers in 
einem ziemlich unschuldigen Bilde anzutasten 
wagte, wurden der Verleger und Redakteur 
je mit einer Busse von 200 Mark belegt, worüber 
„Kladderadatsch“ folgende Verse an seinen 
„Otto“ richtete. 

„Ich werd’ es tragen, wie ich Manches trug, 

Und auch von diesem Schmerz werd’ ich genesen; 
Doch wollt ich wohl, die mir die Wunde schlug. 
War’ eines andern Mannes Hand gewesen. 

Indes — vielleicht schon reut Dich, dass Du mir 
So hart begegnet bist in Deinem Grimme; 

Vielleicht ruft in Dir selbst schon eine Stimme: 
Nein, Otto , nein, das war nicht hübsch von Dir!“ .. 


Auch in diesem Falle bewährte sich das 
alte Sprichwort: „Was sich liebt, neckt sich.“ 
„Kladderadatsch“ blieb seinem Otto treu bis zum 
letzten Augenblick, und als der Reichskanzler 
seinen Abschied nahm und sich zurückzog, rief 
ihm der kleine Freund mit weinenden Augen 
ein schmerzliches Lebewohl zu: 

„Heil Dir, o Fürst! So lange auf dem Erdenrund 
Noch Deutsche wohnen, wird die stolze Kunde nicht 
Von dem versterben, was Du für Dein Volk gethan. — 

„Heil Dir, o Fürst! Beschieden sei Dir’s lange noch, 
Mit rüstgem Schritt im Sachsenwald Dich zu ergehn. 
Und oftmals magst Du feiern noch den frohen Tag, 
Der uns den besten Deutschen hat dereinst geschenkt“— 

„Kladderadatsch“ selbst blieb nicht verschont 
von schweren Schicksalsschlägen. Im Jahre 
1872 erkrankte David Kalisch und starb, be¬ 
weint von seinen zahlreichen Freunden. In 
kürzeren und längeren Zeiträumen folgten ihm 
Ernst Dohm, Albert Hofmann, Wilhelm Scholz 
und zuletzt auch Rudolf Löwenstein nach langer 
geistiger Umnachtung, die ganze lustige Ge¬ 
sellschaft, die ein glücklicher Zufall zusammen¬ 
geführt und so innig verbunden hatte. Zwar 
überlebte „Kladderadatsch“ seine unersetzlichen 
Verluste und suchte durch neue Kräfte die 
entstandenen Lücken so gut als möglich aus¬ 
zufüllen, aber die veränderten Zeitverhältnisse 
waren ihm nicht so günstig, wie in den glück¬ 
lichen Jahren seiner Jugend und seiner Blüte. 
Dennoch wird er fortleben in der Geschichte 
und sein Name noch von der Nachwelt stets 
mit einem heiteren Lächeln begrüsst werden. . . 

Ich möchte mir zu dem Artikel des Herrn Dr. 
Max Ring noch einige Zusätze erlauben. Über 
die Gründungsgeschichte des „Kladderadatsch“ 
ist bisher wenig mehr in die Öffentlichkeit ge¬ 
langt als das, was Dr. Ring in obigem wieder¬ 
erzählt hat. Am 7. Mai d. J. feierten der Ver¬ 
lag und die Redaktion des Blattes im Kreise 
engerer Freunde den fünfzigsten Geburtstag 
des „Kladderadatsch“, den auch Fürst Bismarck 
nicht vorübergehen Hess, ohne dem alten 
Freunde und Gegner einen Glückwunsch und 
ein Grusswort zu senden. Bei dieser Gelegen¬ 
heit erschien ein Büchelchen „ Der Kladdera¬ 
datsch und seine Leute 1848 — i8g8“, das 


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Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


mancherlei Neues und Interessantes zur Ge¬ 
schichte des vielgenannten Witzblattes bringt. 
Zunächst in Bezug auf die Namenstaufe. Kalisch 
war mit seiner Idee schon bei Hofmann ge¬ 
wesen, und Hofmann hatte sich einverstanden 
erklärt, sie auszuführen. Er hatte auch bereits 
eine Titelvignette gefunden, die ihm für das 
Blatt passend und charakteristisch erschien, 
die feiste Kladderadatschbüste, die den Leser 
seit fünfzig Jahren unverändert mit schlauen 
Philisteraugen anschaut und mit dem Finger 
auf den Inhalt der ersten Seite hinweist. 
Durch einen glücklichen Zufall war Hofmann 
in den Besitz dieses charakteristischen Bildes 
gelangt, das nicht besonders für den „Kladde¬ 
radatsch“ gezeichnet worden, sondern älteren 
Ursprungs war. Der Kopf hatte nämlich schon 
den Umschlag des 1847 bei B. Senff in Leipzig 
erschienenen „Anekdotenjägers“ geschmückt 
und hatte bei einer Abonnementsaufforderung 
in No. 52 desselben Blattes nochmals Ver¬ 
wendung gefunden. Ein lustiger und talentierter 
Commis, dessen Name unbekannt geblieben ist, 
hatte ihn gezeichnet; Hofmann, der von Senff 
häufiger Cliches erwarb, kaufte den Kopf, und 
an einem Apriltage 1848 brachte er den Holz¬ 
schnitt mit in die Hippelsche Weinstube am 
Alexanderplatz in Berlin, wo er sich mit Kalisch 
und dem Schriftsteller Julius Schweitzer verab¬ 
redet hatte. Man plauderte über das neue 
Blatt und beriet den Namen, den es erhalten 
sollte, als plötzlich der Jagdhund eines anderen 
Gastes, von irgend jemandem gehetzt, durch 
das Lokal zu rasen begann, das Tischchen 
umstiess, an dem Hofmann, Schweitzer und 
Kalisch sassen, und Teller, Gläser und Flaschen 
mit lautem Geklirr zu Boden warf. „Kladde¬ 
radatsch!“ rief Kalisch aus — und „Kladde¬ 
radatsch!“ wiederholten die beiden Freunde. 
Und plötzlich jubelte Kalisch auf — gab es 
denn einen besseren Namen für das neue 
Blatt, als dieser Ausruf „Kladderadatsch!?“ — 
Der Zufall wollte, dass der Zeichner des Titel¬ 
kopfs in die rechte Backe als eine Art Vexier¬ 
bild einen Hundekopf hineinkomponiert hatte — 
damit kam auch der ungestüme Köter zur 
Geltung, der die äussere Veranlassung zu dem 
Taufakt gegeben hatte. Wie populär Mann 
und Kopf allmählich’! wurden, beweisen schon 
die zahlreichen Nachahmungen, die der „Kladde¬ 
radatsch“ u. a. auch bei kaufmännischen Re¬ 


183 


klamen, Festzeitungen u. dgl. m. erfuhr. Bei 
seinem Eintritt in die Welt nannte sich der 
„Kladderadatsch“ bekanntlich in Berlinerisch 
grammatikalischer Bummelei „Organ für und 
von Bummler“. Am 5. August 1849 verschwand 
diese Bezeichnung und„Humoristisch-satyrisches 
Wochenblatt“ trat an ihre Stelle. Erst in der 
Nummer vom 16. April 1870 wurde aus dem 
Satyr eine Satire, und „Kladderadatsch“ nannte 
sich rechtschreibend nunmehr ein „humoristisch¬ 
satirisches Wochenblatt.“ Dagegen hat sich 
der Ausspruch: „Dieses Blatt erscheint täglich 
mit Ausnahme der Wochentage,“ ein Einfall 
Glassbrenners, bis heute erhalten — ebenso der 
„Wochenkalender“ zu beiden Seiten des Titel¬ 
kopfs. Die prosaischen Leitartikel des ersten 
Jahrganges (den die Verlagshandlung als will¬ 
kommene Jubiläumsgabe im Neudruck veraus¬ 
gabt hat) wichen mit der Zeit poetischen 
Ergüssen, die bei ernsten Ereignissen und in 
verhängnisvollen Zeiten nicht selten eine klas¬ 
sische Höhe erreichten. 

Die humorvollen „Illustrierten Rückblicke“ 
begannen in den Nummern 59 und 60 des 
Jahrganges 1856. Die volkstümlichen Typen 
Schultze und Müller treten in No. 8 von 1848 
in einer uns heute nicht mehr verständlichen 
Unterhaltung zum ersten Male auf; übrigens 
hatte Hofmann auch das Urbild dieser Gruppe 
von Senff in Leipzig erworben. Strudelwitz 
und Prudelwitz, Löwensteins Erfindung, tauchen 
schon in No. 3 des ersten Jahrganges auf. 
Der geistige Vater des Zwickauer war Ka¬ 
lisch; auch der gelehrte Quartaner Karlchen 
Miessnick und sein Freund Adolar Stint 
stammten von ihm, ebenso die von Zeit zu 
Zeit wiederkehrenden Bierphilisterresumees 
„Unter den Tulpen“ und „Bei der Weissen.“ 
In neuerer Zeit haben sich noch andere Typen 
zu den alten gefunden, so beispielsweise der 
Aeolsharfensänger Hunold von der Havel, den 
meines Wissens der lustige Chemiker Jakobsen 
ersonnen und erdichtet hat. 

Verantwortlich für die Redaktion zeichnete 
bis No. 28 von 1848 die Verlagshandlung, 
von No. 29 bis 32 kommt das Leipziger Inter¬ 
regnum mit Ernst Keil & Co. an die Reihe, 
No. 32 bis No. 2 1849 zeichnete wieder der 
Berliner Verlag und von No. 3 bis No. 20 
Rudolf Löwenstein. Von da ab bis zu seinem 
Tode, 5. Februar 1883, übernahm Dohm die 


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184 


Ring t Zur Geschichte des Kladderadatsch. 



Der Abschied Bismarcks vom Kladderadatsch. 
Zeichnung von G. Brandt. 


Leitung der Redaktion; ihm folgte nochmals 
Löwenstein und nach dessen Ausscheiden im 
Jahre 1886 Johannes Trojan. 

Löwenstein und Dohm standen Kalisch 
schon in den ersten Monaten des Bestehens 
des Blattes zur Seite. Im Jahre 1862 trat Trojan 
ein, 1883 Wilhelm Polstorff, der schon seit 1874 
Beiträge geliefert hatte — 1890 als jüngstes 
Mitglied endlich Paul Roland, der „Bilder¬ 
erfinder.“ Zu den auswärtigen Mitarbeitern der 
ersten Zeit zählten vor allem: Glassbrenner, 
Buddelmeyer-Cohnfeld, Dove, Kossack, Herwegh 
(der seine Beiträge G. H. zeichnete), Albert 
Wolff, der spätere „Figaro“-Redakteur, Prutz 
und Dingelstedt, zu denen in späteren Jahren 
Emil Jakobsen, Heinrich Seidel, Lohmeyer u. a. 
traten. Als Zeichner begann Wilhelm Scholz 
schon in der zweiten Nummer seine 
Thätigkeit; von Zeit zu Zeit lieferten 
aber auch Albert Wolff, der den 
Stift ebenso gewandt führte wie die 
Feder, Carl Reinhardt, Löffler, 

Steinitz, Trützel, Schroeder illustrierte 
Beiträge, denen sich öfters auch der 
geniale Constantin von Grimm zu¬ 
gesellte, ehemals Offizier beim Ersten 
Garderegiment, dann Herausgeber 
eines eigenen Witzblattes, des „Puck,“ 
das den „Kladderadatsch“ bitter zu 
bekämpfen pflegte. In den letzten 
Lebensjahren von Wilhelm Scholz 
assistierten ihm die vortrefflichen 
Karikaturisten Jüttner und Rete¬ 
meyer: an ihre Stelle sind gegen¬ 
wärtig die Zeichner Brandt und Stutz 


getreten. Unter den „unfreiwilligen“ Mit¬ 
arbeitern nahm vom Staatsstreich ab „ER“ 
die erste Stelle ein. Der Napoleonsbilder im 
„Kladderadatsch“ sind Legion; No. 4 von 
1850 bringt den Usurpator zum ersten Male, 
wie er sich mit dem damals in Paris weilen¬ 
den Kalisch vertraulich unterhält. Der ge¬ 
harnischte Spott, mit dem er Napoleon ver¬ 
folgte, trug ihm oft genug Verwarnungen 
ein; seine erste Haft aber hatte er einer 
Dame zu verdanken, der Fürstin Karoline 
von Reuss ältere Linie, deren „Prinzessin¬ 
steuer“ er in einem lustigen Lied vom 
15. November 1863 glossierte. Das Gedicht 
stammte von Trojan, aber Dohm musste dafür 
brummen. Einige Tage vor Dohms Haftent¬ 
lassung brachte der „Kladderadatsch“ das 
auch hier wiedergegebene „Crino-caro-linen“- 
Bild. König Wilhelm amüsierte sich köstlich 
darüber, und da zufällig an diesem Tage 
Ministerpräsident von Bismarck Vortrag beim 
Könige hatte, so sprach man über die gelungene 
Karikatur, und Bismarck schlug vor, dem ein¬ 
gesperrten Redakteur den Rest seiner Strafe 
zu schenken. Bismarck selbst teilte dies Dohm 
in einem liebenswürdigen Briefe mit, der mit 
folgender Mahnung endete: „Darf ich eine 
persönliche Bitte an diese Mitteilung knüpfen, 
so ist es die, die arme Karoline nun ruhen zu 
lassen . . .“ Und Karoline erhielt ihre Ruhe. 
Damals hatte Dohm für Trojan sitzen müssen; 
heute muss Trojan für die Idee und Zeichnung 
eines Andern in das Gefängnis spazieren . . . 



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Ring, Zur Geschichte des Kladderadatsch. 


185 


Über Bismarck und den „Kladderadatsch“ hat 
der Verlag selbst eine ganze Litteratur ver¬ 
öffentlicht. 1 Bildlich erschien Bismarck zum 
erstenmale in der No. 45 vom 4. November 
1849 in der als „Peter von Amiens und die 
Kreuzfahrer“ persiflierten Gruppe der Kreuz¬ 
zeitungspartei. Erst nach 1853 finden wir das 
typische Gesicht Bismarcks; die No. 20 vom 
3. Mai 1863 bringt ihn zuerst mit den charakte¬ 
ristischen drei Haaren, die der scheidende 
Kanzler dem „Kladderadatsch“ in der No. 14/15 
von 1890 beim Abschiede zurücklässt (siehe die 
Seite 184 wiedergegebene Abbildung). In den 
Stürmen der 1848er Zeit war der „Kladdera¬ 
datsch“ ausgesprochen demokratisch; unter 
Löwenstein lenkte er sodann in das Fahr¬ 
wasser des politischen Fortschritts ein, bis er 
unter Trojan bei einer gewissen Annäherung 
an den Nationalliberalismus eine objektivere 
Haltung in der Politik einnahm, d. h. sich über 
die Parteien zu stellen suchte. Trojan selbst hat 
sich bei Gelegenheit der fünfzigjährigen Geburts¬ 
tagfeier des „Kladderadatsch“ sehr witzig über 
diese „Wandlung“ ausgesprochen; der „Kladdera¬ 
datsch“ erreichte schliesslich das, was er wollte: 


er verdarb es mit allen Parteien, um fessellos 
an allen seinen Witz üben zu können. Für 
ein politisch-satirisches Blatt vielleicht der 
richtigste Standpunkt 

Von den Gründern des Blattes weilt keiner 
mehr unter den Lebenden. Kalisch starb, noch 
nicht 53 Jahre alt, 1872; 1880 folgte ihm Albert 
Hofmann, zwei Jahre später Dohm, dann 
Löwenstein und Scholz, die beiden lustigen 
Kumpane in geistiger Umnachtung. Nach 
dem Tode des ersten Verlegers übernahm den 
Verlag dessen Sohn, Rudolf Hofmann, der ihn 
noch heute mit voller Energie leitet 

Auch der „Kladderadatsch“ hat seine Pfeile 
zuweilen auf Ziele gerichtet, die er aus monarchi¬ 
schem Respekt hätte verschonen sollen. Das 
ist eine persönliche Ansicht, der man aus dem 
Wesen der Satire heraus widersprechen kann. 
Eins muss man dem „Kladderadatsch“ jeden¬ 
falls nachrühmen: er hat stets den Mannesmut 
gehabt, unter Schelle und Pritsche tapfer und 
furchtlos für die Wahrheit zu kämpfen und nach 
besten Kräften dem Vaterlande zu dienen, und 
zu allen Zeiten hat über seinem Haupte die 
nationale Fahne geweht. F. v. Z. 


x Bismarck-Album des Kladderadatsch 184g—1890. Mit 300 Illustrationen von Wilhelm Schob und vier facsimi« 
lierten Briefen des Reichskanzlers. Einleitung von Rudolf Genie. 1895. — Bismarck-Gedichte des Kladderadatsch , mit 
Erläuterungen herausgegeben von Horst Kohl und vielen Illustrationen von W. Schob und G. Brandt. 2. Tausend 1894. — 
Der Kladderadatsch und seine Leute. Ein Kulturbild. 1898. Alles bei A. Hofmann & Co. in Berlin. 


Z. f. B. 98/99. 



Aus alter Zeit. 

Zeichnung von W. Scholz aus der Festnummer des 
„Kladderadatsch** zu Bismarcks 80. Geburtstag. 


24 


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Die dritte Ashbumham-Auktion. 

Von 

Otto von Schleinitz in London. 


m 9. Mai begann bei Sotheby in London 
der Verkauf des letzten Drittels der durch 
den verstorbenen Grafen von Ashbumham 
begründeten Büchersammlung. An diesem 
Tage wurden 196 Nummern verauktioniert, die einen 
Erlös von 45360 Mark ergaben. Die bedeutendsten 
Bücher und die dafür gezahlten Preise waren folgende: 
Phoebus, Comte de Foix „Ph6bus des deduiz de 
la Chasse des Bestes Sauvaiges“, Paris, Verard, 
ungefähr 1507, ein vollkommenes Exemplar dieses 
sehr raren Werkes, 1000 M. (Quaritch). Die seltene 
Ausgabe von „Proenico di Ser Alesandro Braccio al 
prestantissimo Giovanni Lorenzo di Pier Francesco 
de medici“, Florenz, undatiert, brachte 1800 M. 
(Quaritch); Plinius Secundus „Historia Naturalis 
Hb. XXXVII“, auf Velin gedruckt von Jenson, 
Venedig 1472, im besten Renaissancestil ülu- 
miniert, 3800 M. (Quaritch); eine andere Ausgabe 
desselben Werkes „tradosta di lingua Latina in 
Fiorentina“, von Landino, 1476, gleichfalls von 
Jenson auf Velin gedruckt, 1600 M. (H. Yates 
Thompson); Pluvinel „L’Instruction du Roy en 
l’exercise de monter ä Cheval“, 1627, mit kolo¬ 
rierten und mit Gold gehöhten Kupferstichen, 
1360 M. (Thompson). Die Serie „Prayer-books“ 
umfasste 50 Nummern; die nachstehenden waren 
darunter die bemerkenswertesten: Ein schönes und 
sehr seltenes Exemplar von dem unter Elisabeth 
gebräuchlichen „Common Prayer-book“, 1559, 
vollständig, 4800 M. (Quaritch); eine spätere Aus¬ 
gabe, von der das vorliegende Exemplar allein 
den Psalter enthält, 2960 M. (Field & Co.); ein 
Exemplar der ersten Ausgabe von John Knox* 
„Liturgy“, 15 66, mit dem Wappen des Herzogs 
von Bedford, 3000 M. (Quaritch); „The Booke 
of Common Prayer“, 1604, von R. Barker ge¬ 
druckt, 1620 M. (Field & Co.); „Prymer of 
Salysbury Use, newly emprynted al Paris“, 1531, 
auf Velm, sehr selten, 1700 M. (Quaritch); „A 
Goodly Prymer in English, printed in Fleet-street 
by John Byddell for Wylliam Marshall, June 16, 
1 535 r % au f Velin, vollständig, wahrscheinlich ein 
Unicum, 4500 M. (Quaritch). Von den 19 Aus¬ 
gaben des Psalter ist die nachstehende hervor¬ 
zuheben: „Psalterium ex mädato victoriosissimi 
Anglic Regis Henrici Septimi“, 1504, aus der 
Offizin von William Facques, mit dem Autographen 
von Arthur Nowell 1588, nur noch in zwei anderen 
Exemplaren bekannt, 2000 M. (Quaritch). 

Am zweiten Tage wurde die Summe von 
43718 Mark erreicht Besonders erwähnenswert 
sind nachstehende Werke: Claudius Ptolemeus 
„Cosmographia“, ein vollständiger Satz von 2 7 Kar¬ 
ten, die seltene von Peter de Turre 1490 in Rom 
hergestellte Ausgabe, 310 M. (Stevens); F. Rabe¬ 


lais „Les Oeuvres“, 1556, die vier ersten Teile 
enthaltend, 250 M. (Elfis); „La Plaisante et Joyeuse 
Histoyre du Grand Geant Gargantua“, die vier 
ersten „Livres“; drei davon in der Original- 
Valence-Ausgabe, die nach Brunet nur noch in 
zwei Exemplaren bekannt ist, 1260 M. (Quaritch); 
„Les Songs Drolatiques de Pantagruel“, 1556, ein 
schönes Exemplar der ersten Ausgabe, 820 M. 
(Bain); Sir Walter Raleigh „The Discoverie of 
the Large, Rieh, and Bewtiful Empire of Guiana“, 
1596, erste Ausgabe, sehr selten, 620 M. (Jackson). 
Vier kleine Quartbände, enthaltend 124 italieni¬ 
sche Stücke, bekannt unter dem Namen „Rap- 
presentationi“, gedruckt Ende des XVI. oder 
Anfang des XVH Jahrhunderts, jedes Stück in 
der Regel aus 8—10 Blättern bestehend, brachten 
14240 M. Drei Bände kaufte Mr. Aubrey, den 
vierten M. Quaritch. Der Roman de la Rose, 
mit sämtlichen Holzschnitten, das Titelblatt in 
Facsimile, erzielte 7100 M. (Pickering). 

Ein ähnliches Resultat wie das der beiden Vor¬ 
gänger wurde am dritten Tage in Höhe von 
56913 Mark erreicht Den bemerkenswertesten, 
wenn auch nicht den höchsten Preis erzielte ein 
nicht beschnittenes Exemplar der ersten Ausgabe 
von Walter Scotts „Waverley“, 1814 durch Con¬ 
stable veröffentlicht, mit 1560 M. (Pickering). Das 
sogenannte Gibson Craig-Exemplar, ein vollkommen 
gleiches Objekt wie dieses, wurde vor zehn 
Jahren nur mit 210 M. bezahlt. Demnächst ge¬ 
langten die Folio-Ausgaben Shakespeares zum Ver¬ 
kauf. Die Ausgabe von 1623 erstand Sotheran 
für 11 700 M.; R. Scott „The Discoverie of Witch- 
craft“, 1584, ein schön erhaltenes Exemplar, 
1040 M. (Jackson); „Paradoxes ofDefence“, 1599, 
ein sehr interessantes Buch, weü es einige Scenen 
Shakespeares und anderer Dramatiker unter Elisa¬ 
beth illustriert, 1440 M. (Quaritch); „Why Come 
ye Nat to Courte“, gegen 1520, die sehr seltene 
erste Ausgabe, deren Inhalt eine Satire auf den 
Kardinal Wolsey bildet, geschrieben von John 
Skelton, 1365 M. (Bain); „Speculum Christiani“, 
lateinisch und englisch, um 1484, London, aus 
der Offizin von Machfinia, 4600 M. (Pickering); 
„Speculum Vitae Christi“, schönes Exemplar mit 
einigen ganz unbedeutenden Defekten, ungefähr 
1480 von Caxton gedruckt, 10200 M. (Pickering). 
Blades zählt in seinem Werke nur 10 und meistens 
defekte Exemplare auf. Dies Buch kostete dem 
Grafen Ashbumham nicht mehr als 500 M. 

Das Interesse des kauflustigen Publikums hatte 
sich am vierten Tage etwas abgeschwächt, so dass 
die Einnahme nur 27813 M. betrug. Bedeutendere 
Werke wurden aber trotzdem gut bezahlt: M. 
Stevenson, „The Tweloe Moneths“, 1661, sehr 



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v. Schleinitz, Die dritte Ashburnham - Auktion. 


187 


selten, 490 M. (Quaritch); Jonathan Swift, ein 
schönes Exemplar der ersten Ausgabe von „Gulli¬ 
vers Travels“, 1726, extrafeines Papier, 1220 M. 
(Stevens); T. Tasso „Rime et Prose“, von Clovis 
Eve gebunden, mit der Devise der Marie-Mar- 
guerite de Valois, Saint-Remy 1589, nur Teil III 
und IV, 1020 M. (Quaritch); der erste und zweite 
Teil des Werkes, gleichfalls von Eve für Margarete 
von Valois gebunden, wurde im Jahre 1882 in 
der Hamilton-Auktion verkauft R. Tavemer 
„The Confessyon of the Fayth of the Germaynes“, 
übersetzt von Tavemer im Aufträge von Thomas 
Cromwell, 1536, kam auf 1220 M. (Bain); Terentius 
„Book of Sentences“, lateinisch und englisch, wahr¬ 
scheinlich ein Unikum, London, von Machlina ge¬ 
druckt (von den 32 Blättern des vollständigen 
Exemplars sind 2 abhanden gekommen) 4020 M. 
(Quaritch); Terentius „Guidonis Juvenalis natione 
Cenoniani in Terentium Familiarissima Interpre¬ 
tation 1493, mit vielen interessanten Holzschnitten, 
1420 M. (Pickering). Von den 69 zur Versteige¬ 
rung gelangten Testamenten war die grössere An¬ 
zahl unvollständig. Die erste kombinierte Ausgabe 
von Tyndales englischem und des Erasmus latei¬ 
nischem Testament, 1538, mit zwei fehlenden 
Blättern, kaufte Sotheran für 1140 M., und dasselbe 
Buch, aber von 1549 datiert, erstand er für 1020 M. 
Tyndales Testament, 1548, von R. Jugge hergestellt, 
2600 M. (Quaritch). Das sehr seltene, 1557 in 
Genf gedruckte Neue Testament, in welchem zum 
erstenmale in der englischen Übersetzung die Ein¬ 
teilung des Textes in Verse geschieht, brachte 
560 M. (Quaritch). 

Der fünfte Tag ergab einen Erlös von 
39687 Mark. Der „Tewrdanck“, 1517, Nürn¬ 
berg, mit 118 Holzschnitten nach Zeichnungen von 
Hans Scheufflein, ein schönes Exemplar, 6200 M. 
(Quaritch); Tondalus „Libellus de Raptu Anime 
Tundali et eius Visione“, gotische Buchstaben, 
absque ulla nota (wahrscheinlich aber 1475) 9^° M. 
(Bain); „A Boke of Divers Ghostly Matters“, von 
Caxton ungefähr 1490 gedruckt, ein gut erhaltenes 
Exemplar, 6200 M. (Quaritch). Letzterer erstand 
auch die beiden folgenden Werke von George 
Turberville „The Booke of Faulconrie or Haw¬ 
king“, 1575, editio princeps, 1000 M. und „The 
Noble Arte of Veneri or Hunting“, 1575, erste 
Ausgabe, 1020 M. Robertus Valturius „De Re 
Militari lib. XII“, 1472, die äusserst seltene erste 
Ausgabe, 4380 M. (Dobell). „Viazo da Venesia 
al Sancto Jherusalem et al Monte Sinai“, 1500, 
obgleich sehr selten, erzielte nur 800 M.; Virgil 
„Opera“, von Heinsius herausgegeben, Elzevir, 
1676, 225 M. (Quaritch); „Burolica Virgüii cum 
Commento Familiari“, 1529, von Wynkyn de Worde 
gedruckt, unvollständig, 620 M. (Quaritch). 

Der letzte und sechste Auktionstag wies ein 


Resultat von 64936 M. auf, sodass im ganzen 
für das letzte Drittel der Ashburnham-Bibliothek 
278427 Mark gezahlt wurden. Kleinere Irrtümer 
oder Ungenauigkeiten in diesen Zahlenangaben 
sind indessen nicht ausgeschlossen, da hin und 
wieder einzelne Bücher nicht abgenommen werden 
oder wegen entdeckter Fehler u. s. w. nachträglich 
geringer in Ansatz kommen. Die erste Ausgabe 
der ersten vier Bücher von Virgils „Aeneide“ in 
englischer Sprache, von John Pates 1582 in Leyden 
gedruckt, ergab 2160 M.; Voragine „La Legende 
Dor6e“, illuminiert, das Exemplar des Herzogs von 
Sussex, 1493, auf Velin, 3300 M.; Voragine „Legen- 
dario de Sancti“, 1499, ein Band, 2400 M.; „Vora- 
gines Legende Aurea, that is to saye in Englyshe, 
the Golden Legend“, gotische Buchstaben, un¬ 
vollständig, Caxton 1493, i 11 defektem Zustande, 
3020 M. Ein anderes von Wynkyn de Worde 1498 
gedrucktes Exemplar brachte 1000 M. Die ersten 
5 Ausgaben von Waltons „Compleat Angler“, 
wahrscheinlich ein Unikum, 1653—1676 gedruckt, 
16000 M. Wolfium von Esschenbach, Parzifal 
und Titurell, die Originalausgabe, 1477, lith. got 
Buchstaben, 1620 M.; „The Bokys of Hawking 
and Hunting, by Dame Juliana Barnes“, erste 
Ausgabe, 1496, unvollkommen, gotische Buch¬ 
staben, in St. Albans gedruckt, 2400 M.; Caxtons 
„Chaucers Canterbury Tales“, erste Ausgabe, 
nur 295 Blätter (vollständig 372), 1478 gedruckt, 
4600 M.; dasselbe als Fragment von 277 Blättern, 
1200 M., und als Fragment von 165 Blättern, 

12 20 M. „Canterbury Tales“, zweite Ausgabe, 1484, 
Westminster, von Caxton gedruckt, 2000 M.; John 
Gowers „Confessio Amantis“, Westminster 1484, 
gothische Buchstaben, von Caxton hergestellt, un¬ 
vollständig, 2000 M.; Du Saix (Fraire Antoine) 
„Lesperon de Discipline“, Velin, gotische Buch¬ 
staben, 1532, aus der Offizin von Koehler, 3020 M. 
Da auch an diesem Tage Mr. Quaritch die be¬ 
deutendsten Werke erwarb, so kann man wohl mit 
Recht behaupten, dass der Löwenanteü der Ash- 
bumham-Bibliothek in seinen Besitz übergegangen 
ist. Wenn auch einzelne Bücher recht gut bezahlt 
wurden, so hat sich im ganzen doch die Unsicher¬ 
heit der politischen Verhältnisse fühlbar gemacht 
Die beiden ersten Drittel der Sammlung hatten 
den Betrag von 966009 Mark ergeben, so dass 
unter Hinzurechnung des Erlöses des letzten Drittels 
in Höhe von 278427 Mark, die Totalsumme von 
1244436 Mark erreicht wird. In den nächsten 
Monaten soll bei Sotheby ein vollständiges Preis¬ 
verzeichnis der drei Ashburnham-Auktionen er¬ 
scheinen, durch welches, wie bereits oben angedeutet, 
kleinere Änderungen von Preisangaben, sowohl für 
einzelne Bücher, als auch für das Gesamtresultat, 
entstehen können. Im allgemeinen dürfte die 
Differenz jedenfalls keine erheblich grosse sein. 


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Kritik. 


Johannes Brahms. Von Professor Dr. Heinrich Bei - 
mann. Berlin, Verlagsgesellschaft Harmonie. (M. 3.50.) 

Unserer Zeit kann man mit Recht nachsagen, dass 
sie den Autoritäten auf jedem Felde der menschlichen 
Leistungen mit der gebührenden Achtung und Ver¬ 
ehrung entgegen kommt und — was nicht zu vergessen 
ist — sie auch der irdischen Sorgen enthebt Die Ver¬ 
lags-Gesellschaft Harmonie in Berlin, im Jahre 1897 
gegründet, bestehend aus einer Anzahl litterarisch 
gebildeter Männer, unter der künstlerischen Leitung 
des Professors Dr. Heinrich Reimann, Bibliothekars der 
Königlichen Bibliothek, hat sich zur Aufgabe gestellt, 
unsere neueren bedeutenden Musiker durch ausführ¬ 
lichste Biographien in schmuckem Gewände weiteren 
Kreisen bekannt zu machen. Die erste Ausgabe be¬ 
handelt das Lebensbild Johannes Brahms von Prof. Dr. 
Heinrich Reimann. Mit gewandter Feder verbindet er 
den Schriftsteller mit dem Urteile des Musikers und 
Kritikers. Das Leben Brahms bietet nur wenig Ab¬ 
wechselung. Er wurde am 7. Mai 1833 zu Hamburg 
geboren. Sein Vater, Johann Jakob, aus Heide im 
Dithmarschen, arbeitete sich aus eigener Kraft zum 
Musiker empor, wurde Contrabassist am Hamburger 
Theaterorchester und spielte auch zum Tanze auf. 
Die musikalischen Anlagen des jungen Johannes zeigten 
sich sehr früh, und der Vater sorgte dafür, soweit seine 
beschränkten Mittel es erlaubten, dieselben auszubilden 
und nutzbar zu machen. Ein Glück für ersteren war 
es, dass er neben der praktischen Ausbildung an dem 
Theoretiker EduardMarxsen in Hamburg einen Mann 
fand, der seine bedeutenden Kompositionstalente er¬ 
kannte und sich des Knaben ohne Entgeld mit Liebe 
annahm. Seine Jugendzeit war mühevoll: am Tage 
musste er die Märsche und Tänze für Blechmusik 
arrangieren und Nachts zum Tanze aufspielen, um zum 
Unterhalte der Familie mit beizutragen. Am 21. Sep¬ 
tember 1848 hielt ihn sein Lehrer für reif, sich als Klavier¬ 
virtuose öffentlich vorzustellen. Charakteristisch ist das 
Programm, denn neben allerlei damals im Schwange 
befindlichen Virtuosenstücken, wie Rosenhain, Döbler, 
Marxsen, stand auch eine Fuge von Sebastian Bach; 
sie bildete das Sinnbild der künftigen Richtung seiner 
eigenen Laufbahn. Am 1. März und 14. April 1849 folgten 
weitere öffentliche Kunstgebungen, in denen er neben 
Beethovens grosser Sonate in Cd. (op. 53) auch eine 
eigene Komposition vortrug. Die folgenden Jahre bis 
1853 waren ernsten Studien geweiht, doch in letzterem 
Jahre bewog ihn der Violinist Eduard Remenyi\ der zur 
Zeit in Hamburg konzertierte und Brahms kennen ge¬ 
lernt hatte, mit ihm eine Künstlerfahrt durch Nord¬ 
deutschland zu machen. Das erste Ziel war Göttingen, 
wo sie Joseph Joachim trafen, der als Hospitant an der 
Universität historische und philosophische Vorlesungen 
bei Waitz und Ritter hörte, nachdem er soeben auf dem 
rheinischen Musikfeste mit dem Vortrage desBeethoven- 
schen Konzerts sich als gottbegnadeter Künstler ge¬ 
zeigt hatte. Hier lernte er den zwei Jahre jüngeren 
Brahms kennen, der ihn durch sein Spiel und seine 


Kompositionen fesselte und mit dem er einen Bund 
fürs Leben knüpfte. Von Göttingen reisten die beiden 
Künstler nach Hannover, dann nach Weimar. Nun 
trennte sich Brahms von Remenyi, denn Liszt verstand 
es, den jungen Mann an sich zu ketten, und erst nach 
einem sechswöchentlichen Aufenthalte ging er nach 
Göttingen zu Joachim zurück. Die Konzerttour scheint 
recht einträglich gewesen zu sein; nach kurzem Auf¬ 
enthalte folgte bald eine Reise nach der Schweiz, sodann 
zu Fuss den Rhein abwärts nach Bonn, wo Brahms die 
Bekanntschaft von Wasielewski, des Violoncellisten 
Reiners und Wüllners machte, die er durch seine Kom¬ 
positionen begeisterte. Anfang Oktober befand er sich 
in Düsseldorf und besuchte Robert Schumann; wie tief 
der Eindruck war, den letzterer empfing, beweisen sein 
Urteil über Brahms in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ 
vom 23. Oktober 1853 S. 484 und die Briefe, die er an 
Breitkopf & Härtel in Leipzig schrieb. Die Leipziger 
Verleger wollten Brahms selbst hören; am 17. Dezem¬ 
ber 1853 trat er daher in einem Konzert in Leipzig mit 
eigenen Kompositionen auf, die ihren Zweck soweit 
erfüllten, dass Breitkopf & Härtel, sowie Bart Senff zehn 
seiner Werke, meist Klavierkompositionen, in Verlag 
nahmen. Auch in den nächsten Jahren scheint er sich am 
Rhein aufgehalten zu haben, denn als Schumann 1854 
in Wahnsinn verfiel, war Brahms der Einzige, der im 
Endenicher Irrenhause bei Bonn zugelassen wurde und 
bis zu Schumanns Tode, 1856, den Meister pflegte. Im 
Jahre 1858 leitete er die Hofkonzerte und den Gesang¬ 
verein in Detmold, 1859 weilte er in Hamburg und gab 
Konzerte, in denen Joachim und Stockhausen, der 
Sänger, mitwirkten. Anfang der sechziger Jahre ging 
er nach Wien, um dort zu konzertieren. Der Eindruck 
war so bedeutend, dass man ihm die Direktion der 
Singakademie anbot, die er auch bis 1864 leitete. Trotz¬ 
dem man ihn im genannten Jahre für die nächste drei¬ 
jährige Periode wieder wählte, legte er das Amt doch 
im Juli nieder. Er konnte nicht lange an einem Orte 
verbleiben und hat dies Zugvogelähnliche bis an sein 
Lebensende beibehalten. Bis zum Jahre 1872 lebte er 
teils in der Schweiz, besonders in Zürich, in Karlsruhe, 
Bonn und Baden-Baden, teüs vorübergehend in Wien. 
1871 unternahm er mit Joachim eine Konzertreise nach 
Ungarn. Erst vom Jahre 1872 ab verbrachte er regel¬ 
mässig den Winter in Wien und übernahm dort die 
Leitung der Konzerte der Gesellschaft der Musikfreunde, 
die er bis 1875 führte. Dies war seine letzte amtliche 
Direktionsthätigkeit Seine Kompositionen standen so 
hoch im Preise, dass er von den Honoraren ein sorgen¬ 
freies Leben führen konnte und noch ein Vermögen 
von 100000 Gulden hinterliess, welches ihm sein alleiniger 
Verleger Simrock in Berlin verwaltete. 

Die vorliegende Biographie schreibt über sein 
äusseres Leben: „Im Genüsse vollster persönlicher 
Freiheit und Unabhängigkeit, in einer Stadt, dessen 
volkstümlich heiteres Wesen ihm ausserordentlich be- 
hagte, im vertrauten Umgänge mit einem Kreise von 
Künstlern und Schriftstellern (Hanslick, Goldmarck, 


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Kritik. 


189 


Brüll, Nottebohm, Mandycewski, Kalbeck u. a.), die 
dem Meister sämtlich in treuer Verehrung zugethan 
waren, vor allem im intimen Verkehr mit Billroth, in 
dessen gastlichem Hause die meisten Kompositionen 
für Kammermusik zum erstenmal gehört wurden, 
führte er ein ausserordentlich zufriedenes, behagliches 
Dasein in völlig ungestörter Hingabe an seine Kunst. 
Über das trauliche, aber einfache Junggesellenheim, das 
er sich in dem Hause Karlsgasse 4 im dritten Stocke 
begründet hatte, führten treu sorgsame, befreundete 
und mit der Eigenart des Meisters wohlbekannte Frauen¬ 
hände die Obhut Den Frühling pflegte er gern in 
Italien zuzubringen, den Sommer in der Schweiz. Die 
zweite Hälfte des Winters, in der Regel von Neujahr 
ab, nahm er Einladungen zur Aufführung seiner Werke 
an, wobei er selbst als Dirigent oder Klavierspieler 
thätig war.“ Trotz der Verehrung und der akade¬ 
mischen Auszeichnungen, die ihm von vielen Seiten 
entgegen gebracht wurden, beschränkte sich der Kreis 
seiner Freunde nur auf ein kleines Häuflein, und der 
allgemeine Erfolg seiner Kompositionen war nur ein 
Achtungserfolg, selbst in Wien. Der Antagonismus der 
sogenannten Wagner-Partei, die gerade in den siebziger 
Jahren in einem Brahms gespendeten Lobe eine Be¬ 
leidigung ihres Meisters erblickte, mochte das zum 
grössten Teüe verschuldet haben. Ein Leberleiden, 
nicht früh genug erkannt und von Brahms selbst zu 
wenig beachtet, führte seinen Tod herbei. 

Die äussere Ausstattung der vorliegenden Bio¬ 
graphie ist ausserordentlich geschmackvoll; schon der 
Einband aus weisser Leinewand, mit Gold- und Braun¬ 
druck und einer idealen Frauengestalt geschmückt, 
zeigt die Absicht, ein künstlerisch ausgestattetes Druck¬ 
werk zu bieten. Trefflich ist das Brustbild Brahms, 
das in Mattlichtdruck als Titelbüd beigegeben ist; zahl¬ 
reiche andere Porträts aus verschiedenen Lebensaltern, 
zum Teil nach gänzlich unbekannten Amateurphoto¬ 
graphien seiner Freundin Marie Fellinger, unterbrechen 
den Text, ausserdem findet man die Porträts seines 
Vaters, seines Lehrers Marxsen, seiner Freunde Joachim, 
Stockhausen u. a., ferner sein Geburtshaus, seine 
Wohnungseinrichtung in Wien, mehrere allegorische 
grössere Abbüdungen, die Bezug auf seine Werke haben, 
radiert von Max Klinger, mit dem Brahms — wie aus 
der Widmung seines letzten Opus (4 ernste Gesänge) 
zu ersehen ist — eng befreundet war, Facsimiles von 
Briefen (z. B. des vierseitigen Briefes, den Brahms nach 
seinem ersten Konzert an seine Eltern schrieb), mehreren 
Liedern (wie das bekannte Wiegenlied „Guten Abend, 
gut’ Nacht —“ im Dedikationsexemplar), einer Seite 
Partitur aus seinem Triumphliede und vieles andere in 
künstlerischer Darstellung, sodass der Gesamteindruck 
ein durchweg befriedigender und anregender ist Der 
Preis ist ausserordentlich niedrig bemessen worden. 

Templin. Robert Eitner . 

Ä3 

Pemwerth von Bämsteim Imitata. Lateinische 
Nachbildungen bekannter deutscher Gedichte . Mit einer 
kurzgefassten Geschichte der lateinisch-rhythmischen 


Nachbildung deutscher Gedichte. Leipzig, Dietrichsche 
Verlagsbuchhandlung. (1 M.) 

Dass die Übersetzungslitteratur, die Wiedergabe 
fremder Dichtungen in unsere Sprache in der Ge¬ 
schichte unserer Dichtung von nicht geringer Bedeutung 
ist, dürfte nach den Arbeiten von Degen, Goedeke, 
Bemays, Bolte u. a. hinlänglich bekannt sein. Weniger 
allgemein ist wohl die Kenntnis der Geschichte der 
Nachbildung deutscher Gedichte in neulateinischen 
Rhythmen, die auch in engstem Zusammenhänge steht 
mit der Geschichte der neulateinischen Dichtung über¬ 
haupt. Soviel für die letztere bereits gethan ist (vgL 
„Z. f. B.“ I. Bd. II S. 384/85), so wenig für die erstere. 
Eine sehr kurze „Übersicht über die Nachbüdung 
deutscher Gedichte in neulateinisch-rhythmischer Form“ 
findet sich in der von Pemwerth v. Bämstein jüngst 
herausgegebenen „Imitata“. Pemwerth zufolge habe 
man erst in unserem Jahrhundert begonnen, deutsche 
Gedichte in die Sprache Ciceros zu kleiden. Dem 
gegenüber bin ich, wenn auch augenblicklich ausser 
stände, Beispiele beizubringen, gewiss, dass sich bei 
eingehenderen Nachforschungen auch aus früherer Zeit 
Beispiele finden würden, namentlich in Humanisten- 
und Studentendichtungen. Für das XIX. Jahrhundert 
führt Pemwerth eine ganze Reihe von solchen Um¬ 
dichtem an, darunter von bekannteren Namen den 
Philologen Welker, den Archäologen Fuss, den Buch¬ 
händler Gustav Schwetschke, dessen Arbeiten für die 
Geschichte des Buchhandels in wohlverdientem An¬ 
sehen stehen, den Goetheforscher Friedrich Strehlke, 
den Phüologen Wölfflin, die Schriftsteller Scheffel, 
Dahn u. a. Der Verfasser, seit einer Reihe von Jahren 
auf dem Gebiete der Geschichte des Studentenwesens 
und der studentischen Litteratur erfolgreich litterarisch 
thätig — seine „Beiträge zur Geschichte und Litteratur 
des Deutschen Studententums“, Würzburg 1882, sind 
noch immer die beste und reichhaltigste Bibliographie 
der gesamten einschlägigen Litteratur — und dadurch 
auch mit dem Grenzgebiete deutscher und lateinischer 
Dichtung vertraut, hat, nachdem er in früheren 
Schriften bereits eine Reihe lateinischer Gedichte in 
deutscher Fassung vorlegte ( Carmina burana selecta 
1879, Ubi sunt qui ante nos in mundo fitere 1881 , In 
Duplo 1888), uns nunmehr mit einem Bändchen latei¬ 
nischer Nachbildungen bekannter deutscher Gedichte 
beschenkt Das von der Verlagsbuchhandlung reizend 
ausgestattete Werkchen enthält Übersetzungen von 
Gedichten von Goethe, Schüler, Herder, Geibel, Greif, 
A. Grün, Rückert, Scheffel, Uhland, Schack und haupt¬ 
sächlich Heine. Gerade bei den Liedern Heines kann 
der Übersetzer trotz aller Formgewandtheit nicht den 
melodischen Zauber des Originals wiedergeben. Da 
gegen ist die allerdings freie Übertragung des Goethe- 
schen „Über allen Gipfeln ist Ruh“ ziemUch geglückt 
Wien. A. L. Jellinek. 

Die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in 
Wien, die sich in dem Vierteljahrhundert ihres Be¬ 
stehens die weitgehendsten Verdienste um Pflege und 


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190 


Kritik. 


Förderung der graphischen Künste im ganzen deutschen 
Sprachgebiet erworben hat, betritt jetzt mit einem 
neuen Unternehmen ein Gebiet, welches ihrer bis¬ 
herigen Thätigkeit gänzlich fern lag. Ihre grossartigen 
Verlagswerke richteten sich bisher meist, wenn auch 
nicht an die „oberen Zehntausend“ der Reichen, so 
doch vorzugsweise an die der Gebildeten, ihre Bilder¬ 
bogen für Schule und Haus sollen indes Bildung im 
allgemeinen und Kunstbüdung im besonderen in die 
grosse Masse des Volkes tragen und darin mit der 
Schule beginnen; die Keime für die Liebe zur Kunst 
sollen schon in die Herzen der Jugend gesenkt, Ver¬ 
ständnis für die Kunst soll in ihr entwickelt werden. 
Deshalb wird diesen Bilderbogen auch ein weitaus¬ 
schauendes Programm zu Grunde gelegt. Die Ver¬ 
öffentlichung von 500 Bogen ist zunächst in Aussicht 
genommen, und diese werden biblische und profane 
Geschichte, Sagen und Legenden, Märchen, Geographie, 
Darstellungen aus dem Leben des Volkes, Tierleben, 
technische Einrichtungen und Kunstgeschichte umfassen; 
von den Sagen und Legenden werden die meisten, von 
den Märchen aber alle Bogen in farbiger Ausführung 
hergestellt, die übrigen sind in Schwarzdruck ausge¬ 
führt. Die Bilderbogen erscheinen in dreifacher Ge¬ 
stalt: in einer Volksausgabe, einer Liebhaber-Ausgabe 
und einer Luxus-Ausgabe, erstere zu dem ungemein 
billigen Preise von 10 Pf. pro Einzelblatt in Schwarz¬ 
druck und 20 Pf. in Farbendruck oder 3 Mark pro 
Mappe mit Umschlag und Titelblatt; die Liebhaber- 
Ausgabe in eleganter Kartonmappe, deren Blätter auf 
feines Velin gedruckt sind, kostet 10 Mark; das Format 
der Blätter beider Serien ist 37 :48 cm. Die Luxus- 
Ausgabe, Format 48:62 cm., erscheint nur in 100 
numerierten Exemplaren, ist auf Japanpapier gedruckt 
und auf Kupferdruckpapier montiert; ihre Blätter sind 
ohne Schriftdruck, tragen dafür aber die eigenhändigen 
Unterschriften der Künstler, und der Text, der bei der 
Volksausgabe auf die Rückseite der Blätter gedruckt 
ist, wird hier, wie bei der Liebhaber-Ausgabe, auf be¬ 
sonderen Blättern beigegeben; ihr Preis ist 100 Mark 
für die Mappe von 25 Blättern. 

Was den Inhalt des ersten Heftes anbelangt, so ist 
derselbe den vorstehend angegebenen Zweigen des 
Wissens entnommen, besonders umfassend aber ist die 
Geschichte—durch 11 Tafeln — vertreten, und in betreff 
der Ausführung der letzeren hat man augenscheinlich 
nach dem Grundsatz gehandelt, dass das Beste gerade 
gut genug für die Kinder und für das Volk. Sie ist in 
jeder Hinsicht vortrefflich. Die Darstellungen aus der 
biblischen Geschichte von F. Jenewein erinnern durch 
grossartige Auffassung und markige Kraft an die Blätter 
von Schnorr von Carolsfeld, und auch die anderen BÜ- 
der sind von ersten Meistern entworfen und teils in 
Holzschnitt (im Atelier der K. K. Hof- und Staats¬ 
druckerei in Wien), teils in Autotypie und Zinkätzung 
meisterhaft reproduciert. Diese Reproduktion könnte 
man auf einigen der Blätter fast zu fein für Schul¬ 
zwecke halten, denn sie macht, soll ihre ganze Schönheit 
erfasst und empfunden werden, ein Betrachten aus der 
Nähe unerlässlich selbst für gute, jugendliche Augen; 
als Wandtafeln werden sie sich nur bedingungsweise 


verwenden lassen, doch ist eine derartige Verwendung 
wie schon aus der Feinheit der Zeichnung der meisten 
Blätter hervorgeht, kaum beabsichtigt worden. 

Ausgeführt sind die Blätter in Holzschnitt und 
Zinkographie, einschliesslich Autotypie und Chromo- 
zinkographie; zehn Blätter in Holzschnitt sind aus den 
xylograpischen Ateliers der K. K. Hof- und Staats¬ 
druckerei hervorgegangen und zwei schuf Meister 
Hermann Paar in Wien; Angerer & Göschls photo- 
chemigraphische Kunststätte ist an der Herstellung von 
zehn Blättern durch autotypische, zinko- und chromo- 
zinkographische Ätzungen beteiligt, sechs Blätter für 
Schwarzdruck ätzte Jan Vilim in Prag, und eins Max 
Perlmutter in Wien; man darf letzteren beiden nach¬ 
rühmen, dass sie redlich bestrebt gewesen sind, es der 
altberühmten Firma von Angerer &Göschl gleichzuthun. 
Unter den Holzschnitten aber befinden sich wahre 
Perlen xylographischer Kunst, die jedes Prachtwerk 
zieren würden. Eröffnet wird die Mappe durch ein 
Porträt des Kaisers Franz Joseph, geschnitten in der 
Staatsdruckerei und auf Chamoisfond ebenda gedruckt; 
auch alle anderen Blätter der Mappe hat die genannte 
Anstalt in durchaus tadelloser Weise gedruckt 

So tritt uns unter dem bescheidenen Titel von 
„Büderbogen“ eine neue Schöpfung der Gesellschaft für 
vervielfältigende Kunst entgegen, die, was ihre graphi¬ 
sche Ausführung anbelangt, selbst in der einfachen 
Form der Schulausgabe als ein Prachtwerk bezeichnet 
zu werden verdient, dessen Schönheit aber allerdings 
erst auf dem feinem Velin der Liebhaber-Ausgabe ganz 
gewürdigt zu werden vermag. Eines nur scheint uns be¬ 
dauerlich: dass alle Jahre nur eine einzige Lieferung 
erscheinen soll. Alle Freunde graphischer Kunst seien 
auf diese „Bilderbogen“ hiermit aufmerksam gemacht. 

Stuttgart Theodor Goebel . 

s® 

Schillers Werke . Herausgegeben von Ludwig 
Bellermann. Kritisch durchgesehene und erläuterte 
Ausgabe. Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut 
8°. 14 Bände. 

Der grossen Serie der vortrefflichen Meyerschen 
Klassikerausgaben ist durch die vorliegende Schiller¬ 
edition eine neue Perle eingereiht worden. Professor 
Dr. Bellermann hat sich als Schillerforscher längst 
einen Namen von Ruf erworben; in seinem ausgezeich¬ 
neten Buche über Schillers Dramen, das wir bei dieser 
Gelegenheit in empfehlende Erinnerung bringen 
möchten, hat er sich auch als glänzender Stilist erwiesen, 
was man nicht allen Gelehrten nachrühmen kann. 
Unwillkürlich drängt sich beim Durchblättem der vor¬ 
liegenden stattlichen Bändereihe ein Vergleich mit 
früheren Schillerausgaben auf. Man pflegte die 
kritisch-historische Ausgabe Goedeckes bisher am 
höchsten zu stellen, und zweifellos verdient sie auch 
eine hohe Schätzung. Aber uns dünkt, als sei Beller¬ 
mann bei der Sichtung und Bearbeitung des Materials 
noch zweckmässiger vorgegangen. Vielleicht lag dies 
auch daran, dass er in gewisser Weise einer gegebenen 
Marschroute zu folgen hatte: den gemeinsamen 


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Kritik. 


191 


Gesichtspunkten, die für die Herausgabe der gesamten 
May ersehen Klassikerausgaben mafsgebend sind. 
Dadurch wurde u. a. der Ballast gelehrter Anmerkungen 
vermieden, der Goedeckes Ausgabe beschwert 

Die ersten acht Bände der vorliegenden Ausgabe 
umfassen die für den weiteren Leserkreis wichtigsten 
Schriften: ausser den Gedichten die sämtlichen grossen 
Dramen, die geschichtlichen Hauptwerke, die be¬ 
deutendsten der erzählenden Dichtungen und die 
philosophischen Abhandlungen in fast vollständiger 
Auswahl. Band IX und X enthält die Gedichte, bei 
denen das Eigentumsrecht Schillers nicht überall im 
einzelnen erwiesen ist: die „Anthologie von 1782“, die 
„Tabulae votivae“ und die Xenien aus dem „Musen¬ 
almanach von 1797“, ferner den dramatischen Nachlass 
in seinem ganzen Reichtum nach dem Kettnerschen 
Text. Band XI und XII umfasst die Übersetzungen 
und die Mannheimer Bühnenbearbeitungen der 
„Räuber“ und des „Fiesco“, Band XIII die kleineren 
historischen Aufsätze und Band XIV endlich die 
kleineren Erzählungen und die Beiträge zur Philosophie 
und Ästhetik, Vorreden, Ankündigungen, Rezensionen 
und als Schluss alles das, was aus Schillers Schulzeit 
vorhanden ist bis zu der Dissertation „Über den Zu¬ 
sammenhang der tierischen Natur des Menschen mit 
seiner geistigen“, die Schillers Austritt aus der Militär¬ 
akademie bezeichnet. 

Dem Text liegen überall die Ausgaben letzter 
Hand zu Grunde resp. diejenigen, die „als letzter nach¬ 
weisbarer Wille“ des Dichtens zu gelten haben. Die 
Anmerkungen im Text nehmen keinen allzu breiten 
Raum ein; dennoch scheint mir, als hätte auch hier 
noch manches erläuternde Wort erspart werden können, 
da insbesondere, wo bei kühnen dichterischen Um¬ 
stellungen der Sinn doch ein klarer bleibt. Uneinge¬ 
schränktes Lob verdient die Sichtung der Lesarten, 
die einen anschaulichen Überblick über die Geschichte 
des Textes gewährt —bl— 

Ä3 

Die Gesammelten Werke des Grafen Adolf Friedrich 
von Schack (in zehn Bänden, Stuttgart 1897/98, J. G. 
Cotta Nachf. 8°) erscheinen zur Zeit in dritter Auflage, 
ein Beweis dafür, dass sie auch beim Publikum Beifall 
und Anteilnahme gefunden haben. Über die eigen¬ 
artige Stellung, die Schack in der zeitgenössischen Li¬ 
teratur einnimmt, ist kaum noch etwas Neues zu sagen. 
Er selber, eine fein besaitete, vornehme und empfind¬ 
same Natur, litt Zeit seines Lebens schwer darunter, 
dass man ihm nicht die Beachtung schenkte, die er zu 
verdienen glaubte. Und in der That: wenn auch seine 
phantastischen Dramen sich nicht die Bühne zu erobern 
vermochten, so haben doch seine formenschönen und 
poesiedurchglühten Dichtungen ein Anrecht darauf im 
deutschen Hause heimisch zu werden. Die Cottasche 
Ausgabe zeichnet sich durch treffliche Ausstattung und 
Wohlfeilheit aus. Die bis jetzt erschienenen fünf Bände 
enthalten: die Dichtungen „Nächte des Orients“, „Epi¬ 
soden“, „Weihgesänge“, „Lotosblätter“, „Lothar“, „Tag- 
und Nachtstücke“, die poetischen Erzählungen „Durch 


alle Wetter“ und „Ebenbürtig“ und die Dramen „Die 
Pisaner“, „Gaston“, „Timandra“ und „Atlantis“. —f. 

Nicht viel Neues, aber doch mancherlei Interessantes 
bietet das bei H. K. Dohm in Dresden erscheinende 
Lieferungswerk „Die Körperstrafen bei allen Völkern 
von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart f“. Kultur¬ 
geschichtliche Studien von Dr. Richard Wrede . Es ist 
nicht so umfangreich wie des braven alten Jakob Döpler 
Theatrum poenarum und Seint-Edmes Dictionnaire de 
la pdnalitd, vor allem schwelgt der sehr belesene Ver¬ 
fasser nicht gar so gewaltig in der Ausmalung des 
Grausigen und Scheusslichen wie die erwähnten Autoren; 
aber auch die knapper gefassten Angaben genügen, 
sich ein anschauliches Bild von der Kriminaljustiz der 
Völker entwerfen zu können. Dr. Wrede berührt in¬ 
dessen auch verwandte Gebiete. In der Abteüung von 
den religiösen Körperstrafen nimmt die Flagellomanie 
einen verhältnismässig breiten Raum ein, und auch nach 
dieser Richtung hin scheint der Herr Verfasser die ein¬ 
schlägige Litteratur, von Herodot bis zu Boileau, Mai- 
bom, Cooper, Corvin und Lanjuinais, ziemlich gründ¬ 
lich durchgeackert zu haben. Dass die grossen Geissier- 
fahrten ebensowenig fehlen durften wie die Beschrei¬ 
bung der Disciplina gynopygica des Frater Adriaensen 
in Brügge ist selbstverständlich; wenn indessen der 
Autor bei letzterwähnter Gelegenheit meint, dass 
mystische Religiosität zu derartigen Übungen gelangen 
könne, so irrt er wohl. Der „Bussdoktrin“ des 
Brüggener Dominikaners lagen kaum andere Ursachen 
zu Grunde wie jene waren, die zweihundert Jahre 
später unter Katharina II. zu der Eröffnung des Club 
physique in Petersburg führten, von dem Masson de 
Blamont Ergötzliches erzählt In den Kapiteln über 
die Glaubensverfolgungen waltet das sichtliche Be¬ 
mühen vor, den Wahnsinn des Fanatismus regelrecht 
auf alle Parteien zu verteilen. Unter den beigegebenen 
Abbildungen sind leider nicht überall die Original¬ 
quellen angegeben. Fünf Lieferungen (zu je M. 1,50) 
liegen vor; mit fünfzehn soll das Werk beendet sein. 



Der,, Klassische Skulpturenschatz“, den F. von Reber 
und A. Bayersdorfer bei der Verlagsanstalt F. Bruck¬ 
mann A.-G. in München erscheinen lassen, hat kürzlich 
seinen zweiten Jahrgang begonnen. Die Vorzüge des 
Unternehmens sind bekannt; besonders erwähnen 
möchte ich nur, dass auch in diesem zweiten Bande der 
Plastik des Mittelalters ein weiter Raum geöffnet wird. 
Eine gewisse bunte Abwechslung ist bei derartigen 
populären Werken ja notwendig; jedoch bekundet die 
Auswahl eine geschickte Hand. Die Reproduktionen 
sind vortrefflich, der knappe Text genügt völlig zur 
Orientierung, der Preis (50 Pf. das Heft) ist so niedrig, 
dass der Verlag in der That nur bei grossem Absatz 
auf die Kosten kommen kann. —f. 


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192 


Kritik. 


Von W. Wyls „.Spaziergänge in Neapel, Sorrent, 
Pompeji etc. 11 und seinen venezianischen Novellen 
„Aus Tizians Tagen “ sind vor kurzem neue wohlfeile 
Auflagen erschienen (Zürich, Casar Schmidt). Friedrich 
von Wymetal, der Sohn des verstorbenen Verfassers, 
den seine ruhelose Seele immer wieder zum Wander¬ 
stabe greifen liess, hat die Herausgabe besorgt. Die 
„Spaziergänge“ wirken noch heute so frisch und 
wanderfroh wie vor 25 Jahren; es ist ein Buch, das man 
gern von neuem in die Hand nimmt, um sich an dem 
durch die Blätter wehenden erquicklichen Humor und 
an den köstlichen Schilderungen des Lebens und Trei¬ 
bens am Golf zu erfreuen. — g. 

m 

Von John GrandrCarteret, ist ein neues Illustrations¬ 
werk zur Geschichte der Karikatur erschienen „L'Affaire 
Dreyfus et fImage". 266 Caricatures frangaises et 
£trang&res. Paris, Emest Flammarion. 8°. 252 S. 
(Fr. 3 , 50 )- 

M. Grand-Carteret ist ein Sammelgenie ersten 
Ranges. Seinem Späherauge entgeht nichts. Auch 
in dem vorliegenden Buche hat er mit bienenhaftem 
Fleisse wieder zusammengetragen, was sich in allen 
Witzblättern der Welt über die Dreyfus-Angelegenheit 
vorfand. Charakteristisch ist die Titelzeichnung, 
Vallotons „L’Age du papier“: eine Gesellschaft Herren 
vor einem Boulevardcafe Zeitungen lesend, indes die 
Jouraalausträger schreiend vorüberstürmen. Ein 
Niederschlag unserer papierenen Zeit ist auch dies 
Buch Grand-Carterets. Was ist nicht für und wider 
Dreyfus zusammengeschrieben worden und wie hat 
sich auch an diesem Unglücksmenschen der Witz ge¬ 
übt! Die Franzosen eröffnen den Reigen, voran 
Meister des Stifts wie Hermann Paul im „Cri de Paris“, 
der in Andr£ Gills Fusstapfen tritt, wie Willette im 
„Courrier Frangais“, Forain und Car an d’Ache im 
„Figaro“. Dann die Riesenkolonne der Kleineren, 
unter ihnen auch geniale Künstler, voll Humor und 
satirischer Bitterkeit: Trick von der „Patrie“, Moloch 
von der „Chronique amüsante“, Pöpin vom „Grelot“, 
Bobb von der „SÜhouette“, Fertom und Chirac vom 
„Püori“, Ldandre vom „Rire“ und den „Quat* z’arts“ — 
die meisten wütende Dreifusgegner und Antisemiten, 
nur wenige Verteidiger Zolas, aber fast alle Deutschen¬ 
fresser. Ihr Witz ist meist gut und treffend, häufig 
sehr derb wie in der „Rlponse de la jeunesse“ Bobbs, 
wo die Mouquette aus „Germinal“ die Kleider rafft, 
oder bissig bis zur Gemeinheit wie in des gleichen 
Zeichners Büde „Coupeau-Zola“, auf dem der Autor 
des „Assomoir“ mit schief verzerrtem Munde im 
Säuferwahnsinn rast Ähnlich ist Clöracs Bilderreihe 
„La vie de Zola“ im „Pilori“; Fertom ist auch nicht 
müde, aber politischer — er weist in den meisten seiner 
Zeichnungen auf das sich schadenfroh freuende Aus¬ 
land hin. 

Die deutschen Witzblätter — „Kladderadatsch“, 
„Ulk“, „Lustige Blätter“, „Süddeutscher Postillon“, 
„Jugend“ — nehmen durchweg Partei für Zola; anti¬ 


semitisch ist der „Deutsche Michel“. Von den Wiener 
Blättern nimmt der gleichfalls antisemitische „Kicke- 
ricki“ in Wort und Büd gegen Zola Partei; „Floh“ und 
„Humoristische Blätter“ bringen einzelne ausgezeichnete 
Karikaturen — trefflich gezeichnet ist auch die von 
der Meute umtanzte französische Republik in den 
„Glühlichtem“. Ungarn ist durch „Borsszem Jankö“, 
„Ustökös“ und „Bolond Istok“ für Zola vertreten, die 
böhmischen Blätter „Sipy“ und „Humoristickl Listy“ 
sind antisemitisch und gegen Zola. Vor Zola tritt 
überall Dreyfus selbst in den Hintergrund, und das 
ist erklärlich. Englands Witz ist sparsam; in 
Belgien besitzt die „Rdforme“ einen sehr gewandten 
Zeichner. Recht gut sind auch die Dreyfusbüder 
Braakensieks im Amsterdamer „Weekblad“. Italiens 
beste Witzblätter „Fischietto“ und „Pasquino“ haben 
neben den kleineren „L'Asino“, „Rugantino“, „Rana“, 
„Don Chisciotte“ die Dreifusaffaire von allen Seiten 
beleuchtet; auch Russland, Dänemark, Spanien und 
Portugal, die Schweiz und Amerika fehlen nicht. „Mos 
Teaca“ in Bukarest bringt Zola als Athleten auf einem, 
aus seinen Werken gebüdeten Piedestal, auf das die 
gegen ihn demonstrierenden rumänischen Studenten 
zu klettern versuchen. 

Einige weitere Kapitel beschäftigen sich mit der 
Ausbeutung der Dreifusaffaire für das Gebiet der 
Reklame, der Zeitungsannonce, des PlakatbÜdes — 
kurzum, es fehlt nichts; auch eine Bibliographie ist an¬ 
gehängt. Das Buch ist nicht nur sehr unterhaltsam, 
nicht nur ein Stück Politik in der Karikatur, sondern 
mehr: auch ein Dokument zur Zeitgeschichte. 

Berlin. F. von Zobeltitz. 

Die Universitätspresse in Cambridge hat sich ein 
Verdienst erworben durch die Veröffentlichung des 
nachstehenden Werkes: „Fragments of the Books of 
Kings according to the translation of Aquila, from 
a Manuscript formerly in the Geniza at Kairo“. 
Dr. Schlechter und Dr. Taylor, Lehrer an der Uni¬ 
versität Cambridge, fanden im vorigen Jahre in der 
Rumpelkammer der Synagoge von Kairo einen Wust 
von alten Manuskripten, den sie zur prüfenden Durch¬ 
sicht mit nach England nahmen und alsdann hier 
ordneten. Unter den bis jetzt entdeckten wertvolleren 
Schriften ist das oben bezeichnete vor allem zu er¬ 
wähnen. Aquüa war ein Bürger der Stadt Sinope in 
Pontus. Als Proselyt übersetzte er im Interesse der 
griechisch sprechenden Juden das alte Testament in das 
Griechische. Sein Lehrer, der Rabbi Akiba, hatte ihn 
nämlich aufgefordert, die Septuaginta treuer als bisher 
und namentlich möglichst wörtlich zu übersetzen. Diese 
Methode barg natürlich manche Nachteüe in sich, aber 
sie gewährte andererseits grosse Vorteüe für eine Text¬ 
kritik. So kann denn fast mit absoluter Gewissheit, 
soweit der Fund vorliegt, der hebräische Text, wie er 
im II. Jahrhundert feststand, rekonstruiert werden. 

Zusammenhängende Übertragungen des AquÜa 
waren bisher nicht bekannt, sondern alles, was von ihm 
herrührte, war fragmentarisch zerstreut. Es ist das 


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Chronik. 


193 


besondere Verdienst des Mr. Burkitt, diese in Kairo 
entdeckten Manuskripte zusammengestellt und entziffert 
zu haben. Im Verein mit Professor Bensly hatte der¬ 
selbe bereits früher den berühmten „Lewis Palimpsest“, 
das syrische Evangelium, entziffert Auch das vor¬ 
liegende Manuskript ist eine Palimpsestschrift und er¬ 
weist sich als Teüe des Buches der Könige. Ausser¬ 
dem fand Dr. Schlechter, der Talmudgelehrte, noch 
ein Blatt mit Fragmenten aus den Psalmen. Durch 
Vergleiche und paläographische Details stellte sich 
heraus, dass es sich hier nur um ein Werk des Aquila 
handeln könne, wenngleich es kein Original, d. h. nicht 
die Urschrift von ihm, sondern eine Abschrift von 
zweiter oder dritter Hand darstellt. 

Die Handschrift ist eine regelmässige, gut ausge¬ 
bildete, in griechischen Uncialbuchstaben. Über dem 
griechischen Text befand sich eine hebräisch-liturgische 
Schrift, die dem XI. Jahrhundert zugewiesen wird. Da 
die Kapiteleinteüung nicht mit der unsrigen und der 
althebräischen Lesart korrespondiert, so würde ihre 
Angabe, ohne den wirklichen Text zur Seite stellen zu 
können, nur verwirren. Die Blätter sind auf jeder 
Seite in zwei Kolonnen eingeteilt; jede derselben ent¬ 
hält 23—24 Linien. Dem Werk sind sechs Helio¬ 
gravüren von M. Dujardin beigegeben, die sechs Seiten 
aus dem Buche der Könige in Facsimile repräsentieren. 
Alsdann folgt der Text in gewöhnlichen Typen nebst 
Anmerkungen, die einen vollständigen kritischen Ap¬ 
parat mit den verschiedensten Varianten zum Vergleich 
vorfuhren. Die Entscheidung, für oder gegen die 
neuere Lesart, vermag natürlich nur die Fachwissen¬ 
schaft zu fällen. 

Das am meisten in die Augen springende Resultat 
dürfte darin zu erkennen sein, dass manche Annahmen 
des Origenes und Hieronymus, deren Richtigkeit an- 
gezweifelt wurde, hier ihre Bestätigung erhalten. Als 
am interessantesten in dem neuentdeckten Manuskript 
werden diejenigen Stellen angesehen, die Beiträge über 
die Aussprache und Rechtschreibung des Namens „Je- 
hovah“ und „Javeh“ liefern. Endlich fordert das 


Manuskript zu Kritiken darüber heraus, ob in den 
älteren griechischen Schriften die üblichen hebräi¬ 
schen Buchstaben fiir „Javeh“ angewandt oder ob 
der Name „Jehovah“ in griechischen Zeichen nieder¬ 
geschrieben wurde. Oft sind in der vorliegenden 
Handschrift die althebräischen Zeichen gebraucht 
worden, aber gelegentlich, als der Schreiber auf der 
Zeile keinen Raum mehr hatte, übersetzte er „Jehovah“ 
auch in die griechische Sprache. 

London. Otto von Schleinitz . 

A3 


Von den bei A. W. Sijthoff in Leiden erscheinenden 
photographischen Nachbildungen berühmter griechi¬ 
scher und lateinischer Codices wird gegenwärtig als 
dritter Band Plato , Codex Oxoniensis Clarkianus 39 
angekündigt. Damit schreitet das grossartige Unter¬ 
nehmen, dessen Leiter, der Leidener Universitätsbiblio¬ 
theks-Direktor Dr. Scato de Vries, und dessen Ver¬ 
leger der Dank der ganzen gebildeten Welt gebührt, 
wiederum um einen tüchtigen Schritt vorwärts. Die 
eminente Wichtigkeit derartiger photographischer Re¬ 
produktionen ist auch in diesen Heften oft genug betont 
worden, nicht allein wegen ihres Wertes fiir die text¬ 
kritische und palaeographische Forschung, sondern 
auch, weil die Nachbüdungen — zumal wenn sie in so 
mustergütiger Ausführung hergestellt werden wie die 
Sijthoffschen — für den Fall des Verlustes des Origi¬ 
nals dieses in gewisser Weise zu ersetzen vermögen. 
Band I der Codices graeci et latini enthielt den Codex 
Sarravianus-Colbertinus, herausgegeben von Heinrich 
Omont, Band II den Codex Bemensis 363, heraus¬ 
gegeben von Hermann Hagen, der dritte Band mit 
dem ersten Teü des Codex Clarkianus wird von Thomas 
W. Allen, dem bekannten Oxforder PhÜologen, einge¬ 
leitet. Format (38 X 42 cm.) und Ausstattung sind 
unübertrefflich; der Preis entspricht dem der früheren 
Bände und beträgt 200 M. — 1 — 


Chronik. 


Mitteilungen. 


Deutsche oder lateinische Schrift? — Ein 
Brief von Karl Simrock, In dem Streite, der 
immer wieder einmal entbrennt: ob der Deutsche 
sich lateinischer oder deutscher Lettern in seinen 
Büchern bedienen solle, wird es Vielen von Inter¬ 
esse sein, die Stellung eines Mannes kennen zu 
lernen, der so recht berufen war, seine Stimme 
hierüber vernehmen zu lassen, und zwiefach ge¬ 
eignet scheint — als warmherziger Poet und als 
Z. f. B. 98/99. 


scharfsinniger Gelehrter — ein entscheidendes 
Urteü in der vielumstrittenen Frage abzugeben. 

Karl Simrock , der rheinische Dichter und Sprach¬ 
forscher, hat 1873 ih einem Briefe an einen 
Kölnischen Bekannten seine Ansichten über deutsche 
und lateinische Schrift niedergelegt, und das End¬ 
ergebnis seiner Ausführungen deckt sich — um 
dies vorweg zu sagen — mit der Ansicht des 
grössten lebenden Deutschen, des Alten von 
Friedrichsruh. Während dem grossen Staatsmann 
aber lediglich eine starke Vorliebe zu dem 
Gewohnten, Altvertrauten oder höchstens ein dunkler 

25 


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194 


Chronik. 


Instinkt für das Rechte die Sache der deutschen 
Lettern verfechten lässt, weiss der Sprachgelehrte 
seine Meinung mit kräftigen Beweisen zu belegen 
und Bismarcks Fürspruch und Forderung dadurch 
erheblich eindringlicher zu machen. 

Die klaren, überzeugenden, Liebe und tiefes 
Verständnis für die Muttersprache atmenden Aus¬ 
lassungen Simrocks werden der Partei der deutschen 
Lettern neue Freunde Zufuhren, ausserdem aber 
auch, wie wir hoffen, der Nation einen ihrer natio¬ 
nalsten Dichter zu guter, passender Zeit ins Ge¬ 
dächtnis rufen. Gerade jetzt beabsichtigt seine 
rheinische Heimat ihm das wohlverdiente Denk¬ 
mal zu errichten, zu dem bereits begeisterte Männer 
und Frauen eine grundlegende Summe zusammen¬ 
getragen haben. Noch aber bedarf das Unternehmen 
weiterer Unterstützung. Möge auch dieser Brief — 
wir sagen es nicht nur parenthesisch, sondern 
fordern geradeswegs dazu auf — neue Beiträge 
dem Denkmal-Fond zufliessen lassen! 1 

Wir lassen nun das Schreiben — unter Weg¬ 
lassung einiger rein persönliche Dinge betreffende 
Stellen, aber sonst in seinem vollen Wortlaut — 
folgen: 2 

„Geehrtester Hr. Doctor! 

.... Ihren Vorsatz gegen die deutsche Schrift 
zu plaidiren fuhren Sie ja nicht aus. Wenn die 
deutsche Schrift nicht schon eingeflihrt wäre, so 
müsste man sie einfuhren, weil sie allein alle deut¬ 
schen Laute wiedergiebt Die lateinische Schrift 
hat kein fj und die verschiedenen Versuche, die 
man gemacht hat, es in der lateinischen Schrift 
zu ersetzen, sind wülkürlich und ungenügend. Die 
lateinische Schrift hat eigentlich auch kein K und 
verführt daher zu solchen Ungeheuerlichkeiten wie 
Cöln , Cöslin , Cösfeld u. s. w. Selbst Grimm hat 
sich ihrer nicht enthalten, ja er schreibt sogar Carl 
der Grosse neben Kerl, Kerlinge, Kerlingische; 
ferner ist das deutsche V ein anderer Laut als das 
lateinische V und die lateinische Schrift hat es zu 
verantworten, dass man die Namen Veldeke, Varren- 
trapp und viele andere unrichtig ausspricht Aber 
es bleibt bei den Namen nicht, auch viele Wörter 
werden durch die lateinische Schrift falsch ausge¬ 
sprochen. Falsche Schreibung verfuhrt überhaupt 
zu falscher Aussprache, wie falsche Aussprache zu 
falscher Schreibung, und ich kann nicht umhin, 
die lateinische Schreibung eine falsche zu nennen, 
weil sie auf die deutschen Laute nicht passt Das 
führt auf Ihre zweite Frage der mir freundlichst zu¬ 
geschickten Vorlage. Allerdings hat eine richtige 
Schreibung ein nationales Interesse. Unsere Sprache 
ist unser hehrstes Heiligthum und Alles müssen wir 
fern zu halten bedacht sein, was sie beschädigen 


und verderben kann. Der klassische Zopf hat 
schon so viele Schädigungen unserer Sprache und 
Schreibung zu verantworten, z. B. in den Völker¬ 
namen Dänen statt Tenen, Thüringer statt Duringe 
u. s. w., er wird hoffentlich jetzt, wo wir unsere 
Sprache historisch kennen gelernt haben, nicht 
noch weitere Verheerungen anrichten. Wir sprechen 
jetzt schon Wörter wie Küsse, Rosse unrichtig aus, 
man muss nach dem Eisass oder nach Österreich 
gehen, um die richtige Aussprache zu lernen. Dar¬ 
an sind aber lateinische Wörter wie Masse u. dgl. 
Schuld. Auch das lateinische s ist wie das fran¬ 
zösische s ein anderes als das deutsche. Das 
französische s ist im Anlaut ein jj. Das deutsche f ist 
viel weicher. Wird es im Inlaut verdoppelt, so 
sollte es seine Weichheit nicht einbüssen; wir 
sprechen es aber jetzt scharf wie ein % und eben 
das ist schon eine Beschädigung unserer Sprache, 
welcher noch viele andere nachfolgen werden, wenn 
wir den klassischen Zopf nicht abschneiden. 

Was glauben Sie mit der lateinischen Schrift 
zu gewinnen? Dass die Franzosen das Deutsche 
leichter lernen? Am Ende sollen wir auch noch 
die russische Schrift annehmen, damit es den Russen 
leichter werde, deutsch zu lernen. Wer deutsch 
lernen will, fange damit an, die deutsche Schrift 
zu lernen: das ist sehr viel leichter als alles andere. 
Kann er diese geringste Schwierigkeit nicht über¬ 
winden, so kann er überhaupt nie deutsch lernen. 
Und wie viel Franzosen lernen es denn, und wie 
sprechen sie’s, wenn sie es gelernt haben? Wollen 
sie uns mit Deutsch sprechen in die Flucht jagen? 
Oder wollen sie uns nur den Lachkitzel erregen und 
dann mit unserer eigenen aqua tofana vergiften? 

Die sogenannte deutsche Schrift ist etwas mehr 
als eine bloss sogenannte. Ihre eckige Form 
schreibt sich noch von den Runen her, die man 
einritzte, und die daher nur aus geraden Strichen 
bestanden . . . 

Mit freundlichem Gruss 

Ihr 

8/4 73 - K. Simrock.“ 

Mitgeteilt von Georg Bötticher. 

.« 

Über den Absatz der Sckeffelschen Werke macht 
Dr. Max Oberbreyer auf Grund von Mitteilungen der 
Herren Adolf Bonz & Co. in Stuttgart, der Verleger 
Scheffels, Angaben in dem nunmehr bei Georg Hein¬ 
rich Meyer in Leipzig erscheinenden , Jahrbuch des 
Scheffelbundes für i8qj“. Diesen Angaben entnehmen 
wir folgende, die Leser der „Z. f. B.“ sicherlich interes¬ 
sierende Einzelheiten: 


1 Professor Dr. B. Lietzmann in Bonn, Koblenzerstr. 83 a, nimmt Beiträge entgegen. 

2 Wir geben den obigen Brief Simrocks gern wieder, obschon es nicht eines gewissen Humors entbehrt, dass 

diese gegen die Lateinschrift polemisierenden Zeilen in einem Blatte veröffentlicht werden, das mit Antiquatypen 
gedruckt ist Aber die Gründe, die uns zu der Wahl dieser Schriftgattung veranlassten, haben sich als stichhaltig 
erwiesen; die „Z. f. B.“ geht fast in der Hälfte ihrer Auflage in das Ausland, und thatsächlich erleichtern die 
lateinischen Lettern den Ausländem die Lektüre erheblich. F. v. Z. 


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Chronik. 


195 


Frau Aventiure hat seit 1863 in der Klein-Oktav- 
Ausgabe 17 Auflagen mit zusammen 25 500 Exemplaren 
erlebt; von der von A. v. Werner illustrierten, 1880 
erschienenen Gross-Oktav-Ausgabe ist die erste Auf¬ 
lage von einigen Tausend Exemplaren noch nicht 
erschöpft 

Die Bergpsalmen mit 6 Bildern von demselben 
Künstler, haben innerhalb 20 Jahre in der Klein-Oktav- 
Ausgabe einen Absatz von 6 Auflagen mit nahezu 
18000 Exemplaren erzielt. Die Kunstausgabe hat es 
seit 1868 bis zur 3. Auflage und damit zu einem Ab¬ 
satz von über 4000 Exemplaren gebracht. 

Ekkehard, seit 1870 im Bonzschen resp. Metzler- 
schen Verlage hat die 154. Auflage hinter sich. 
Bei dem Kontingent von 1200 Exemplaren jeder der 
Auflagen ist der Ekkehard also in beiläufig 185000 
Exemplaren abgesetzt worden. Dazu kommt das, was 
von den früheren Verlegern O. Meidinger in Frankfurt 
a. M. und O. Janke in Berlin von 1855 und 1870 unter 
das Publikum gebracht worden ist. Von der Gross- 
Oktav-Ausgabe sind seit 1884 insgesamt 8400 Exem¬ 
plare in 7 Auflagen verkauft worden. Der Ekkehard 
hat es also auf über 200000 Exemplare gebracht 

Gaudeamus in Klein-Oktav hat seit 1867 60 
Auflagen erlebt mit 72000 Exemplaren. Von der mit 
Illustrationen von A. v. Werner geschmückten Gross- 
Oktav-Ausgabe hat man seit 1885 einige Tausend 
Exemplare abgesetzt, ebenso von der seit 1867 existie¬ 
renden Quartausgabe. 

Die Klein-Oktav-Ausgabe des Trompeters von 
Säkkingen kam 1854 heraus und hat innerhalb 44 Jahren 
227 Auflagen mit zusammen 227800 Exemplaren er¬ 
reicht Ausserdem sind von der Gross-Oktav-Ausgabe 
seit 1884 an 16000 Exemplare in 4 Auflagen, von der 
Quart-Ausgabe seit 1868 mehrere Tausend Exemplare 
in 3 Auflagen verkauft worden. Der Trompeter von 
Säkkingen ist also alles in allem in nahezu 300000 
Exemplaren über die Lande verbreitet 

Vom Waltarilied , illustriert von Alb. Baur, sind 
etliche Tausend Exemplare in Quart seit 1874 abge¬ 
gangen. 

Mit dem von A. v. Werner illustrierten Juniperus 
hat man in einer Klein-Oktav-Ausgabe einen Absatz 
von 5 Auflagen, d. i. insgesamt von 20000 Exemplaren 
seit 1870 erzielt. Die 1867 in einer Auflagehöhe von 
1600 Exemplaren erschienene Quartausgabe ist ver¬ 
griffen. 

7500 Exemplare sind von der mit Bildern von 
Julius Marak geschmückten Waldeinsamkeit seit 1880 
abgesetzt worden. Die 5. Auflage ist auf dem Markte. 

Hupideo , 1884 erschienen, ist in 8 Auflagen von 
insgesamt 9000 Exemplaren ins Land gegangen. 

Von den Reisebildem , die 1887 erschienen, sind 
die 4000 Exemplare der 1. Auflage erschöpft Die 
2. Auflage ist noch im Handel. 

Die Episteln (1892), die Fünf Dichtungen (1897) 
und Aus Heimat und Fremde (1891) haben bis jetzt 
einen Absatz von je mehreren Tausend erreicht. 

Die Gedichte aus dem Nachlass sind seit 1888 in 
4 Auflagen mit zusammen 4000 Exemplaren erschienen. 

München. Hugo Oswald . 


Schriften von und über Frau von Krüdener aus 
der Zeit ihres Wirkens in der Schweiz und in Deutsch¬ 
land sind, trotzdem sie damals in Massen verteilt und 
sehr gelesen wurden, jetzt zum Teü sehr selten ge¬ 
worden. Zu den seltensten gehören die Gesänge , welche 
die Krüdener bei Versammlungen gebrauchte. Das 
Büchlein umfasst 16 Seiten und enthält neun Lieder, 
deren Anfänge sind: 1. Jesus Christus herrscht als König 
(23 Strophen); 2. Mir ist Erbarmung wiederfahren; 
3. Die Gnade sei mit allem; 4. Grosser Gott, wir loben 
Dich; 5. Wollt ihr wissen, was mein Preis; 6. Heü’ge 
Liebe! Himmelsflamme; 7. O! dass doch bald dein 
Feuer brennte; 8. Meinen Jesum lass ich nicht; 9. Wirf 
Sorgen und Schmerz ins liebende Herz. Die Flugschrift 
„An die Armen“, welche die Krüdener hauptsächlich 
in der Schweiz verteilte, umfasst ausser dem Titelblatt 
10 Seiten. Der Inhalt ist in hohem Grade aufreizend, 
indem mit Hilfe von Bibelstellen bewiesen wird, wie die 
Reichen dieser Welt sich der göttlichen Ordnung nicht 
fügen wollen, wie die Armen bestraft werden, wenn 
sie Almosen begehren etc. Dieselben Tendenzen, die 
Armen gegen die Reichen aufzustacheln, verfolgt die 
„Zeitungfür die Armen“, welche die Krüdener gründete. 
Die erste Nummer erschien am 5. Mai 1817; ob über¬ 
haupt mehr Nummern davon erschienen sind, ist frag¬ 
lich. In den Biographien der Krüdener wird weder 
dieser Zeitung noch der vorerwähnten beiden Schriften 
Erwähnung gethan. Den Inhalt des Zeitungsblattes 
bilden eine Ansprache an die Leser ganz im Sinne der 
Krüdenerschen Ideen, dann eine göttliche Ankündigung 
der Strafgerichte und des Reichs Gottes, ferner das 
Traumgesicht einer Frau in Lahr im Breisgau in der 
Neujahrsnacht von 1815 zu 1816 mit Hinzufügung ähn¬ 
licher Fälle, weiter ein Artikel „Die Natur predigt 
Busse“, ein paar Miscellen und ein Gedicht „Zeugnis 
von Jesu Christo“. Am Schluss der Nummer befindet 
sich die Notiz: „Die Armen erhalten die Zeitung um¬ 
sonst, teüen sie gegen Speise den Reichen mit und 
beten für diese.“ 

Berlin. Dr. Heinr. Meisner. 

A3 


Der Brügger Achivar Herr Gilliodts van Severen, 
dessen Werk über Jan Brito derzeitig um so lebhafter 
die Presse beschäftigt, als man sich in Mainz zur 
Gutenbergfeier zu rüsten beginnt, ist von dem Uni¬ 
versitätsbibliothekar Paul Bergmanns in Gent in dessen 
Brochüre „Limprimeur Jean Brito et les origines de 
rimprimerie en Belgique d'aprls le livre recent de 
M. Gilliodts - van Severen“ scharfsinnig widerlegt 
worden. Interessant ist auch eine kleine Entgegnung, 
die Oskar von Hase in der „Vossischen Zeitung“ durch 
H. R. Fischer veröffentlichen lässt Dass Belgien 
schon im vorigen Jahrhundert die Priorität der Erfin¬ 
dung der Buchdruckerkunst für Jan Brito vergeblich in 
Anspruch nahm, ist bekannt —bl— 


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196 


Chronik. 


Meinungsaustausch. 


Zu dem Artikel „Lola Moniez in der Karikatur M 
ist noch nachzutragen: 

Der „ Kladderadatsch “ hat einmal eine Karikatur 
über sie gebracht — aber erst nach Erscheinen ihrer 
Memoiren. „Lola Montez tanzt ihre Memoiren [Ba- 
varoise) u betitelt sich das BUd. Es ist in der No. 42 
vom 19. Oktober 1851 enthalten und zeigt uns Lola mit 
Blumenketten gefesselt zwischen zwei Gendarmen. Im 
Tanzschritt geht es der bayrischen Grenze zu, auf die 
durch eine Grenztafel „Reichsgränze“ hingewiesen wird. 
Links im Hintergründe verschwinden die Münchener 
Frauentürme. Die Unterschrift der mit dem Signum 
«F (FT) versehenen Karikatur lautet: ,„Einst spielt ich 
mit Krone, mit Scepter und Stern. Finale . Pas de 
trois . Mit obligater GensdarmeriebegleitungP 

Auch in der Jubiläumsnummer des „Kladdera¬ 
datsch“ vom 8. Mai d. J. findet sich Lola Montez im 
Bilde vertreten, und zwar in der illustrierten Revue 
über die Hauptereignisse von 1848 bis auf die Gegen¬ 
wart Lola posiert kostümlos vor dem Spiegel; Klad¬ 
deradatsch sitzt als Kind daneben. Unterschrift: „1851 
enthüllt die bekannte Lola, £i*V*nahige Königin von 
Bayern a. D., ihre Reize in ihrem Memoirenzimmer. 
Das Kind versteht ja nichts davon, wozu sich also 
genieren/“ Als Verfasser der Revue zeichnet G. Brandt. 

München. E. Fuchs . 

Meinen Ausführungen über die Druckerfamilie Le 
Rouge (Heft 7. 1897) ist Herr Hierte in Heft 12 ent¬ 
gegengetreten und schliesst seine Worte mit der Be¬ 
merkung: „Monceauxs Hypothese ist doch mehr wert, 
als S. glaubt“ — M. vertritt den Standpunkt, dass alle 
Mitglieder der Familie Le Rouge nicht nur Buch¬ 
drucker, sondern auch Miniaturmaler oder Holzschnei¬ 
der waren, hat aber bei keinem hinreichende Beweise 
für seine Behauptung beigebracht, und gegen diese 
Aneinanderreihung unbewiesener Vermutungen rich¬ 
tete sich mein Tadel. Wenig wäre mithin für M.'s 
Hypothese gewonnen, wenn sich heraussteilen sollte, 
dass ein einzelnes Glied der Familie, nämlich Jacobus, 
neben seinem Druckerberufe auch als Miniaturmaler 
thätig war — und dies ist der einzige Punkt, in dem 
mich Herr Hierte zu widerlegen versucht 

Doch selbst die in dieser Beziehung von Letzterem 
angeführten Gründe sind keineswegs überzeugend. 
Er beruft sich auf eine Anzeige von Quaritch, in der 
zwei handilluminierte Drucke des Jacobus angegeben 
sind. Aber aus den eigenen Worten des Herrn Hierte 
geht hervor, dass er weder selbst die beiden Drucke 
gesehen, noch dass Quaritch die darin enthaltenen 
Miniaturen als Arbeiten des Jacobus bezeichnet hat, so 
dass die Frage nach dem Urheber der Miniaturen, die 
möglicher Weise zwei ganz verschiedenen Händen ihre 
Entstehung verdanken, unbeantwortet bleibt. Dann 
erwähnt Herr Hierte einer gemalten Zierleiste, in einem 
ihm gehörenden Exemplare der von Jacobus gedruck¬ 
ten Historia Fiorentina, die seines Erachtens franzö¬ 


sische Arbeit sei Die Richtigkeit dieser Annahme 
vorausgesetzt, bleibt es mindestens zweifelhaft, ob 
Jacobus neben seiner Druckerthätigkeit noch ge¬ 
nügende Mufse zum Illuminieren fand, oder ob die 
Miniaturen nicht von einem seiner Landsleute her¬ 
rühren. 

Mit Wahrscheinlichkeit wird man erst dann Jacobus 
als Miniaturmaler bezeichnen können, wenn man nicht 
nur unter den Drucken aus seiner venetianischen Zeit, 
sondern auch unter denen seiner späteren Thädgkeit 
in Pinerolo, Mailand und Embrun Exemplare, die 
zweifellos von derselben Hand illuminiert sind, findet 
Herr Hierte hat Monceaux den Rat gegeben, Beweise 
für seine Hypothese in den Bibliotheken Italiens zu 
suchen — warten wir daher das Resultat ab! 

Potsdam. W. L. Schreiber . 

Ist einem Leser der „Z. f. B.“ bekannt, in wessen 
Besitz sich heute die Holzstöcke zu den Schnitten von 
Friedrich Wilhelm Gubitz befinden oder in wessen 
Verlag oder Zeitschrift eine grössere Anzahl dieser 
Schnitte erschienen ist? 

Für freundliche Nachricht wäre sehr dankbar 

R. Winter, Berlin W., Steglitzerstr. 53. 


Von den Auktionen. 


Bei /. M. Heberle in Köln erzielten Ende Mai bei 
der Versteigerung der Konsul Beckerschen Kunst¬ 
sammlung einige Pergamentmanuskripte hohe Summen. 
Es wurden bezahlt: für ein Gebetbuch in lateinischer 
Sprache aus dem XV. Jahrundert, 73 Bl. mit bunten 
Bordüren und vielen Miniaturen nach Art der Grisaille- 
malerei, in schönem Lederband, aus der Hamiltonschen 
Bibliothek: M. 3250; für ein lateinisches Livre d’heures 
aus dem Anfang des XV. Jahrhunderts, 143 Bl. mit 
10 Miniaturen: M. 910; für ein Livre d’heures aus 
gleicher Zeit, 103 Bl. mit 12 blattgrossen und 16 kleineren 
Miniaturen mit Bordüren von ausgezeichneter Arbeit: 
M. 5250; desgleichen, 126 BL mit 10 grossen und 
3 kleinen Miniaturen, 17 Bordüren und 1206 bunten 
Initialen, französischer Renaissanceband in Grolier- 
schem Genre: M. 2850; Gebetbuch in lateinischer 
Sprache auf feinem Jungfempergament, 121 Bl., mit 
Bordüren, 30 Initialen, 17 blattgrossen und 30 kleineren 
Miniaturen, italienische Arbeit, Lederband: M. 4800. 



Über die zweite Hälfte der Auktion Piat in Paris 
lesen wir in No. 3 der „Revue Biblio-iconographique“: 
Von den illustrierten'Büchern des XIV. Jahrhunderts 
bildete ein Exemplar von „Paul und Virginie“ auf 
China den Glanzpunkt. Da es bei der Ausstellung 
vor der Auktion etwas gelitten hatte, erzielte es nur 
1010 Fr., während ein Exemplar zwei Monate früher 
mit 1600 Fr. fortgegangen war. „Le Diable boiteux“ 
(Paris, Bourdin, 1842) brachte 103 Fr. und „Les Mille 


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Chronik. 


197 


et une Nuits“ (1840) desselben Verlags mit 260 Original- 
zeichnungen 855 Fr. Die „Oeuvres de Rabelais“, von 
Robida illustriert, auf China, kosteten 220 Fr., die 
„Histoire de Manon Lescaut“, (Paris, Glady Frfcres, 
1875) auf Whatmann mit Porträts und Folgen 180 Fr. 
Brillat-Savarins berühmte „Physiologie du Goüt“ (Paris, 
Libr. d. Biblioph., 1879) ia blauem Maroquin gebunden, 
auf Whatmann und mit angefugten Folgen, erzielte 
460 Fr., die „Oeuvres de Florian“ (Paris, Renouard, 1820) 
mit 400 Kupfern 335 Fr. 

Unter den Neudrucken befand sich eine Reihe von 
Velinbänden; u. A.: „Anakreon“, Paris bei Crozet et 
Didot 1835, blau Maroquin von Simier mit Folgen 
(255 Fr.); „Rolandslied“, Paris, Silvestre, 1837, rot 
Maroquin von Nidr^e (206 Fr.); „Roman de la Violette“, 
Paris, Silvestre, 1834, rot Maroquin von Nidr^e (305 Fr.). 

Goethes „Faust“ auf Papier Holland, mit Zeich¬ 
nungen von Delaroche, stieg bis auf 175 Fr. 

Piat hatte die Gewohnheit, Illustrationen und Aqua¬ 
relle zur Charakteristik eines Buches zu sammeln, ja 
zeichnen zu lassen. So zum Beispiel zu Balzacs „Contes 
drolatiques“, Paris 1855, illustriert von Dor6, Zeich¬ 
nungen von Coindre (185 Fr.) und „Physiologie du 
mariage“, Paris, OUivier, 1834, mit 103 Zeichnungen 
von Chauvet (305 Fr.). Femer zu Deroulfcde: „Monsieur 
le Hulan“ (16 Aquarellen von Kaufmann in einer 
Maroquinhülle 950 Fr.) und „Les Premifcres illustr^es 
1881—1886“ (1885 fehlt; auf Japan mit zahlreichen 
Originalen 1350 Fr.). 

Unter den modernen Ausgaben sind; Sautier, 
„Mademoiselle Maupin“, Paris, Conquet, 1883, Japan, 
Zeichnungenfolge (480 Fr.) und „Une Nuit de Cl£o- 
pätre“, Paris, Ferrond, 1894, Whatmann, mit Zeich¬ 
nungen von Paul Avril 1893 (A 9 2 Fr.) zu erwähnen. 

—m. 
s® 

Die Versteigerung der Sammlung des Marquis de 
Chenncvüres in Paris, etwas über zweihundert Zeich¬ 
nungen französischer Künstler des achtzehnten Jahr¬ 
hunderts umfassend, brachte 171902 Fr. ein. Nicht 
alle Stücke erreichten hohe Preise. Hervorzuheben 
sind; Boucher, Frauengestalt, schwarz und weiss, 
1000 Fr.; Mutter 800 Fr.; Psyche 1420 Fr.; Anbetung 
der Hirten 1600 Fr.; Mittagmahl 1250 Fr.; Chardin, 
Speisespind 1220 Fr.; Cochin, männliches Bildnis 
1250 Fr. und weibliches Büdnis (Schwarzstift) 1900Fr.; 
Fragonard, Mein Hemd brennt (Sepia) 16600 Fr., 
der kleine Bruder (Sepia) 10100, zwei Landschafts¬ 
zeichnungen 780 Fr. und 950 Fr.; Freudenberg, Auf¬ 
wachen (Tuschzeichnung) 1120Fr.; einige Zeichnungen 
von Greuze gingen dagegen unter 100 Fr. weg. Leprince, 
Rosenstrauch, 4050 Fr. und Russisches Dorf (Sepia) 
980 Fr.; Moreau le Jeune, Strasse bei Rouen 700 Fr.; 
Tod eines Kriegers (Sepia) 2000 Fr.; A. de Peters, 
Spulerin, 3150 Fr.; Portail, Edelmann, aufrechtstehend 
(Schwarz- und Rotstift), 8800 Fr.; Frau und Mädchen 
(Schwarz- und Rotstift) 4050 Fr.; Rosalba Camera, 
Junges Mädchen mit einer Taube (Pastell) 6020 Fr.; 
Saint-Aubin, Büdnis der Prinzess Lamballe (Stift¬ 
zeichnung) 8100 Fr.; Taunay, Erholung (Sepia) 700 Fr.; 


Antoine Watteau, ein Türke (Rotstift)4200 Fr.; sitzende 
Frau 2500 Fr.; Rast im Park (Rotstift) 3150Fr.; sitzende 
Frau, den Rücken kehrend (Rotstift), 2000 Fr.; Stell¬ 
dichein (Rotstift) 1900 Fr.; italienische Schauspielscene 
(Rotstift) 1700 Fr.; Hände- und Fussstudien (Rotstift) 
2000 Fr. 

Für die Versteigerung der Collektion Georg Hirth 
in München, die bereits stattgefunden hat, wenn dieses 
Heft die Presse verlässt, ist ein kostbarer Katalog er¬ 
schienen, dessen zweite AbteÜung auch einiges für 
unsere Leser interessantes enthält: Aesopi fab ule von 
1591; ein schönes Exemplar der ersten Theuerdanckaus- 
gäbe; ein Breviarum Romanum, Manuskript aus dem 
XV. Jahrhundert mit Musiknoten; Höre beat Marie 
virginis, Paris 1511, mit Holzschnitten, und das Album 
amicorum eines Joh. Christ Hetzel mit Eintragungen 
und Miniaturmalereien von 1630—1650. Ferner eine 
Anzahl sehr schöner Einbände deutscher, französischer, 
italienischer und orientalischer Arbeit und zahlreiche 
Schabkunst-, Farben- und Linienstiche, über deren 
Auktionsergebnisse wir berichten werden. Der Kata¬ 
log selbst ist ein Prachtwerk ersten Ranges. Es war 
dies bei einem Manne wie Hirth nicht anders zu er¬ 
warten; seine ganze Persönlichkeit strömt lautere 
Kunstbegeisterung aus. —bl— 


Buchausstattung. 


Aus dem Verlage von F. Fontane 6r* Co. in Berlin 
geht uns eine Reihe belletristischer Neuheiten in höchst 
geschmackvoller äusserer Ausstattung zu. Leider sind 
die Zeichner der Umschlagblätter nicht überall genannt. 
Ausserordentlich hübsch giebt sich Emil Rolands 
Novellensammlung ,/» blauer Feme" (M. 3): auf 
blauem Grund ein dunkelblaues Pflanzenomament, das 
sich auf der oberen Hälfte des Blattes zu landschaft- 
lichen Motiven erweitert Hugo Gerlachs kemiglustiger 
Berliner Roman „Heirath auf Tausch“ trägt ein eben¬ 
so reizvolles Gewand: das neue Kleid der Fontaneschen 
Zwei Mark-Bücher. Das viereckige Schüd mit dem 
Titel um giebt ein weisses Ornament, dessen zarte 
Konturen sich sehr wirksam von dem dunkelblauen 
Grunde abheben: Wasserrosen und Schüfstauden, über 
denen Schmetterlinge und Libellen flattern. Das obere 
Feld trägt ein Buch, vor dem eine Eule sitzt; dahinter 
sieht man den Zauberwald der Poesie, zwischen dessen 
schwarzen Stämmen das Sonnengold leuchtet — Bei 
Richard Bredenbrückers neuen Tiroler Geschichten 
„Crispin der Dorfbeglücker und Anderes " (M. 3) — 
Dorfnovellen voll wannsaftiger Frische — dehnt sich 
die Umschlagzeichnung über Vorder- und Rückendeckel 
aus, eine aus Paris uns überkommene Mode, gegen die 
sich vom künstlerischen Standpunkt aus allerhand ein¬ 
wenden lässt, die aber trotzdem viel für sich hat, da sie 
uns die hässlichen Verlagsreklamen auf der letzten 
Deckelseite erspart Die Zeichnung ist sehr einfach: 
ein grauer Baum auf moosgrünem Felde, oben abendrot- 


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198 


Chronik. 


leuchtende Wolken. Aber die Farbenzusammenstel¬ 
lung ist von frappierendem Reiz und mahnt an die 
Worpswedener Haidebilder. Das an sich sehr nied¬ 
liche Verlagssignet hätte auf der hinteren Umschlag¬ 
seite fortfallen müssen und wäre besser auf die letzte 
Buchseite gestellt worden. — Die Deckelzeichnung zu 
Clara Viebigs Novellenband „ Vor Tau und Tag“ (M. 3) 
trägt den Namen des Entwerfers, O. Seeck, von dem 
wohl auch der Umschlag zu Gerlachs „Heirath auf 
Tausch“ herrührt. Frühlingsahnung und Waldschauem 
vor Sonnenaufgang — im Umschlagbilde wie im Buche: 
ein Fluss, über den ein Reiher fliegt, eine Schlange 
im Schnabel; schlanke Buchen am Ufer, dunkelgrüne 
Hänge in der Feme, Luft und Wasser von rosigem 
Frühlicht durchtränkt. Das Alles ist hübsch empfun¬ 
den und weckt die Stimmung; man geht sozusagen von 
vornherein gern an die Lektüre des Inhalts. — Zu 
Wilhelm Hegelers „Sonnige Tage“ (M. 3) hat Otto 
Eckmann, der Vielbegehrte, das Titelblatt entworfen: 
lila auf lichtem Elfenbeinweiss eine schön erblühte 
Orchidee und ein Heckenröschen, und zwischen beiden 
tummelt sich eine Hummel Hier wird der Inhalt des 
Romans anmutig symbolisiert — aber dreht man den 
Band herum, so fallen auf der Rückseite des Deckels 
wieder die Ankündigungen des Verlags hässlich und 
störend in die Augen. Will man keine Abschlussvig¬ 
nette, dann lieber das Rückenblatt frei lassen! — Einige 
der Umschlagzeichnungen aus dem neueren Verlag 
von F. Fontane bringen wir bei Gelegenheit eines dem¬ 
nächst erscheinenden grösseren Artikels über moderne 
Buchumschläge in verkleinerter Abbildung. —f. 

Von Richard Dehmels Dichtungen „ Erlösungen “ 
hat der Verlag von Schuster & Lceffler in Berlin eine 
zweite Ausgabe erscheinen lassen, die uns in einem 
gebundenen Exemplar vorliegt, das schon äusserlich 
Freude macht F. R. Weiss, der vortreffliche junge 
Künstler, dem der moderne Buchschmuck viel Schönes 
verdankt, hat die Deckelzeichnung ausgefiihrt: eine 
schlichte Arabeske, aber gerade in seiner Einfach¬ 
heit tausendmal wirksamer als die bunten Clich^illustra- 
tionen, die man unbegreiflicher Weise noch immer 
häufig auf die Umschläge klext. Der ganze Einband — 
aus den Ateliers von H. Sperling in Leipzig — ist ein 
kleines Meisterstück: die Zeichnung liegt sattgolden 
auf leicht cremefarbenem Untergrund aus Seidenfaser¬ 
karton. Das Papier ist imitiertes Bütten, den Druck 
besorgte Oskar Bonde in Altenburg, mit haargenauer 
Verteilung der Typen von der Mitte der Blattseiten 
aus, korrekt und schön. 15 Exemplare in besonderem 
Format und Umschlag sind als Liebhaberausgabe 
(zum Preise von 15 M.) gedruckt worden. Die Deckel¬ 
zeichnung soll bei Gelegenheit hier reproduziert wer¬ 
den. — Derselbe unermüdlich thätige Verlag bringt 
ein zweites neues Gedichtbuch „Seltene Stunden“ von 
Thassilo von Scheffer mit einer feinen und stimmungs¬ 
vollen Titelzeichnung in zwei Farben von Theodora 
Quasch, und Karl Larsens eigentümlichen Roman 
„Doktor Ix* 1 in vortrefflicher Übersetzung von 


E. Brausewetter mit einem gleichfalls sehr gelungenen 
Umschlagbilde, dessen Zeichner nicht genannt ist: ein 
weisses Netz mit Blütendolden, über das ein unheim¬ 
liches Fabeltier seine Fangarme reckt —bl¬ 

aß 

Die Sitte, dann und wann auch von belletristischen 
Werken Sonderausgaben in besserer Ausstattung für 
Bücherfreunde zu veranstalten, scheint sich auch bei 
uns einbürgem zu wollen. Von „Dergemordete Wald 1 *, 
ein Bauernroman aus der Mark von Fedorvon Zobeltitz , 
kündigt die Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart ausser 
der gewöhnlichen Ausgabe noch eine zweite in einer 
geringen Anzahl von Abzügen auf Büttenpapier an, 
jedes Exemplar numeriert und vom Autor gezeichnet 

« 

„Die Schweiz“, die Schweizer illustrierte Halb¬ 
monatsschrift (Zürich, Polygraphisches Institut A.-G.), 
auf die wir hier mehrfach aufmerksam gemacht haben, 
ist in ihr zweites Lebensjahr getreten. Was wir an 
diesem Blatte so hoch schätzen, ist das glückliche 
Bemühen, sich nicht auf den landläufigen Illustrations¬ 
schmuck der meisten deutschen Familienblätter zu 
beschränken, sondern durch Vignetten, Umrahmungen 
und Kapitelstücke den Charakter des Künstlerischen 
über den des rein Unterhaltenden zu stellen. Wie 
reizvoll wirkt nicht schon die Kopfleiste von H. Hirzel, 
die der Ankündigung des ersten Heftes des neuen 
Jahrgangs als Zierstück beigegeben ist! Auch die 
farbigen Umschläge der einzelnen Hefte mit ihren 
wechselnden Motiven sind meist aussergewönlich 
hübsch. —z. 


Kleine Notizen. 


Deutschland. 

Von dem Katalog der Freiherrlich von Lipper- 
heideschen Sammlung für Kostümwissenschaft ist die 
siebente Lieferung der dritten Abteilung — Bücher¬ 
sammlung — erschienen, wiederum reich illustriert und 
voller interessanter bibliographischer Angaben. Er¬ 
wähnt seien: Tenglers „Laienspiegel“ in den Ausgaben 
von 1511 und 1536; die zweite Ausgabe des Theuerdanck 
(1517) in einem schönen Exemplar; Melanchthons Pas- 
sional mit den Cranachschen Bildern in der Original¬ 
ausgabe von 1521; ältere Verdeutschungen des Livius, 
Cicero, Justinus, Heriodan, Vergü, Xenophon; die 
erste deutsche Ausgabe des Fierrabras (1533); Pontus 
und Sidonia von 1539 und 1548; Boccaccios „De Claris 
mulieribus“ von 1539 und „Fümemmste historien“ von 
1545 ; die erste Verdeutschung von Pantaleons Helden¬ 
buch (1567/71); das Studentenstammbuch des Joh. Ad. 
von Glauburg (mit zahlreichen Wappen, figürlichen 
Darstellungen und von 1572—1590 reichenden Abbil¬ 
dungen) in schönem gleichzeitigem Pergamenteinband 
mit |dem Wappen des Besitzers; Schrots „Zehn Alter 
der Welt“ von 1574; die erste Ausgabe von Ammans 


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Chronik. 


199 


Stamm- und Wappenbuch (1579); Stammbücher von 
Michael Löchel (Nürnberg 1587/1616) und Leonhard 
Hayder (ebenda., 1589/1645); derWeisskunig von 1775; 
ein sehr interessantes Stammbuch aus dem XVII. Jahr¬ 
hundert (von Michael Schmidt) mit figürlichen Dar¬ 
stellungen in Aquarell; ein wenig bekannter Wieder¬ 
täuferbericht, Köln, um 1540; die selten aufzutreibende 
„Abcontrafactur Vnd Bildnis aller Gross Hertzogen“, 
Wittenberg, Säuberlich, 1599, die Bilder von Georg 
Mack koloriert; an Bibeln: die Froschauersche von 
1531, Behams Bibelbilder von 1536 und 1537, die 
Lufftsche Bibel von 1556, Solis Biblische Figuren von 
1565, die wendische Bibel, Wittenberg 1584, mit den 
Teufelschen Bildern, Holbeins Bilder zum alten Testa¬ 
ment im Wigandschen Neudruck, Dürers Kleine Passion 
im Neudruck, die Endtersche Kurfürstenbibel von 
1649/1653 u. s. w. —z. 

Von dem Lieferungswerke „Am Hofe Kaiser Wil¬ 
helms II“ (Berlin, Neuer Verlag) erscheinen gegen¬ 
wärtig die Schlusshefte. Ein Prachtwerk in veraltetem 
Sinne ist diese Publikation ebenso wenig wie im Sinne 
moderner Ausstattung, denn die eingefugten Abbil¬ 
dungen sind lediglich Reproduktionen nach Photogra¬ 
phien, und auf künstlerischem Beischmuck ist von vorn¬ 
herein Verzicht geleistet worden. Inhaltlich aber ist 
das Werk zweifellos sehr interessant. Es bietet über 
das Leben und Treiben und die Persönlichkeiten am 
Berliner Hofe viele intime Einzelheiten und auch 
manche Aufklärung aus sachkundiger Feder; die Re¬ 
daktion hat es verstanden, sich für die verschiedenen 
Abteilungen Mitarbeiter zu sichern, die ihr Thema be¬ 
herrschen. Für ein derartiges Werk, dessen Hauptreiz 
in der Aktualität liegt, ist die sogenannte authentische 
Illustration — nach Photographien — übrigens das 
Richtigste. —bl— 


Das erste Heft des neuen Jahrganges der „Ex-Libris 
Zeitschrift ' enthält u. a. Abbildungen eines Bücher¬ 
zeichens der Stadt Oehringen von Lukas Cranach , 
von Graf zu Leiningen erläutert, sowie eines modernen 
gotisierenden Ex-Libris, von Melchior Lechter für die 
Grossheimsche Bibliothek entworfen. Graf Leinigen 
bespricht in derselben Nummer auch drei neue 
Fachwerke; „Gli Ex-Libris" von Achille Bertarelli , 
„Artists and engravers of british and american book- 
plates“ von H. W. Fincham und „Ex-Libris, essays of 
a collector“ von Charles Dexter Allen , dessen 800 
Exemplare bereits vergriffen sind. —f. 


Vor einiger Zeit wurde hier über ein neu auf¬ 
gefundenes Kantbildnis berichtet, das, von der Gräfin 
Keyserling gemalt, den Philosophen in jungen Jahren 
darstellte. Dr. E. Fromm hatte darüber in einer 
Broschüre Näheres mitgeteilt. Neuerdings ist nun 
wiederum ein Bild Kants aufgefünden worden, das sich 
bisher in dem Besitze eines Antiquars befunden hatte. 
Wie Prof. H. Vaihinger in den „Kantstudien“ mitteilt, 
stellt dieses Bild, das von einem echten Künstler her¬ 
rührt und unzweifelhaft nach dem Leben gemalt, dem¬ 


nach keineswegs auf Grund anderer Kantbildnisse frei 
komponiert ist, den Philosophen in einer vom Durch¬ 
schnittstypus abweichenden, eigenartigen, aber durch¬ 
aus natürlichen und lebenswahren Auffassung dar. Das 
Bild ist vom Magistrat der Stadt Königsberg angekauft 
worden. 


In Leipzig ist Mitte Mai die buchgewerbliche Jahres¬ 
ausstellung im Buchgewerbemuseum eröffnet worden. 
Die „Leipz. Ztg.“ urteilt nach besonderer Würdigung 
der illustrativen Leistungen Muchas und der stimmungs¬ 
vollen Buchausstattung der Holländer, über Deutsch¬ 
lands modernes Buchgewerbe ziemlich abfällig; sie 
schreibt u. a.: In Deutschland sind die Firmen noch 
recht vereinzelt, die es verstehen, von den Fremden 
zu lernen und dort das hervorgebrachte Gute auf die hei¬ 
mischen Arbeiten zu übertragen. Wir sind doch sonst 
in Deutschland nicht so langsam, das Ausland in 
seinen Leistungen zu bewundern und sie ihm nachzu¬ 
empfinden — der deutsche Buchhandel jedoch verhält 
sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, recht reserviert 
Man kann auch heuer wieder „Prachtwerke“ sogenannter 
erster Firmen aufschlagen und zu seinem gerechten 
Bedauern finden, dass man in mancher Beziehung noch 
auf demselben langweiligen Standpunkte zu kleben 
scheint wie vor zwanzig und mehr Jahren. Geradezu 
wohlthuend wirken in dieser Wüste die von Lefler und 
Urban originell illustrierten „Rolandsknappen“ des alten 
Musaeus: hier greifen wirs ja mit Händen, welchen 
Genuss ein Buch, das in Bild und Wort einheitlich 
gestaltet ist, bietet; nur ein einziges Blatt fällt darin 
auf und damit aus dem Rahmen des Ganzen heraus. 
Wir haben gewiss sehr respektable Unternehmungen 
grösseren Stils zu verzeichnen (aus München, Bruck¬ 
mann: Furtwänglers „Sammlung Somz6e“, Photogr. 
Union: des Böcklinwerkes III. Folge, Hirths verschie¬ 
dene Publikationen; aus Dresden Gutbier: „Der Tro¬ 
janische Krieg“; aus Leipzig und Berlin mehrere Häuser 
mit Büchern von bestem Klange; aus Wien die Gesell¬ 
schaft für vervielfältigende Kunst, die ausser den 
„Rolandsknappen“ die „Bilderbogen für Schule und 
Haus“ mit anerkennenswertem Geschick in der Auswahl 
herausgiebt); aber ein rechter, echter Fortschritt, ein 
freudiges Erfassen der von der heutigen Kunst in über- 
grossem Reichtum gebotenen befreienden Gedanken 
ist nur teilweise zu spüren. Gewiss passt ein modernes 
Geranke nicht zu einer strengwissenschaftlichen Ge¬ 
lehrtenarbeit, aber dass man auch hierin dem Buche 
zu Liebe etwas mehr daran wenden könnte, das beweisen 
die Erfolge der Kelmscott-Presse des kürzlich verstor¬ 
benen Morris und die dem Werte des Gegenstandes 
gerecht werdenden Facsimüe-Ausgaben der berühm¬ 
testen klassischen Codices (Sarraviano - Colbertinus, 
Bernensis 363, Oxoniensis Clarkianus 39 u. a.) durch 
den Leidener A. W. Sijthoff... —. 


Frankreich. 

Es ist merkwürdig und trotzdem immer wieder in 
der Geschichte der Wissenschaften zu finden, dass 


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200 


Chronik. 


grosse Entdeckungen frühzeitig gemacht werden, doch 
mitsamt dem Namen ihrer Schöpfer vollkommen in Ver¬ 
gessenheit geraten. Ein Pariser Arzt hat kürzlich ein Buch 
vom Anfänge des XVIII. Jahrhunderts in der dortigen 
Nationalbibliothek ausgegraben, ein kleines Werk von 
60 Seiten, das jedenfalls nur in sehr wenigen Exemplaren 
noch sonst vorhanden sein wird. Sein Verfasser war 
Arzt in Lyon und hiess Goiffon. Das Buch handelt 
über Gifte und Pestilenz und zeigt deutlich, dass der 
Verfasser die Theorie von der Entstehung ansteckender 
Krankheiten durch in der Luft enthaltene winzige Keime 
durchaus erkannt hat Jedenfalls war das Gedächtnis 
an diesen Mann so gründlich verschwunden, dass auch 
Pasteur, der neue Schöpfer dieser Theorie, nichts von 
ihm gewusst hat, denn sonst hätte er bei seiner be¬ 
kannten Gewissenhaftigkeit gegen alle Vorarbeiten die 
Bedeutung dieses Mannes hervorzuheben sicherlich 
nicht unterlassen. 


Mucha , der Liebling der „Plume“, hat vier matt¬ 
kolorierte grosse Panneaux entworfen. Sie stellen 
symbolische Verbindungen von Frauen und Blumen 
dar und sind, ihren scharfen Konturen nach zu urteilen, 
für moderne Glasfenster gut geeignet. —a. 


Eine sehr reizvolle Affiche hat der pariser Künstler 
Mr. Berthon für den Roman „Sainte Marie-des-Fleurs '‘ 
von R. Boylesue entworfen. Es ist bedauerlich, dass 
man in Deutschland noch immer auf derartige Vor¬ 
anzeigen verzichtet. —a. 


Holland und Belgien. 

Das erste Heft des neuen Jahrgangs der 
„ Vlaamse School ' ist mit einer wunderhübschen Titel¬ 
zeichnung von Charles Doudelet geschmückt. Der 
talentvolle Künstler ist in dem Heft neben vielen anderen 
Zierstücken auch durch eine grosse Originalzeichnung: 
„Wder’t Paradijs“ vertreten. Die Zeitschrift bringt 
ausser ihren Originalartikeln auch stets eine vielseitige 
Joumalrevue, Gedichte und Illustrationen. Eine Ab¬ 
handlung Sanders van Loo über die „Unbekannten 
Meister um 1480“ verdient besondere Beachtung. 

— £ 


In einem grossen, wohlerleuchteten Saal der Königl. 
Bibliothek zu Brüssel sind die wertvollsten Hand¬ 
schriften der alten Burgunder-Sammlung ausgestellt 
worden, zugleich mit mehreren hundert Miniaturen, die 
ein vollständiges Bild der flandrischen Kleinmalerei 
geben. In besondem Schreinen haben die berühmten 
Inkunabeln chronologisch Unterkunft gefunden, sowie 
sehr interessante Autographen und Stiche, von denen 


die letzteren vom XV. Jahrhundert bis auf unsere Tage 
reichen und die Entwicklung von Kupferstich und 
Radierung ülustrieren. Eine Abteüung ist auch merk¬ 
würdigen historischen Einbänden aller Art eingeräumt 
worden. —m. 


England. 

Aus London geht uns eine höchst interessante neue 
Monatsschrift zu, welche das Motto: „Truth is stranger 
than Fiction“ unter ihrem eigentlichen Titel: „ The 
Wide World Magazine" fuhrt und der Wiedergabe 
nur wirklicher Erlebnisse kultur- und naturhistorischen, 
sowie geographischen Inhalts gewidmet ist; alle Illustra¬ 
tionen sind Photographien nach dem Leben. Von be¬ 
sonders aktuellem Interesse ist ein Nordpolartikel 
von Nansen, dem mancherlei noch unveröffentlichte 
Photographien beigegeben sind. Der Preis ist niedrig 
— 6 d für das Heft. —e— 


Unter dem Titel: „ Cartoons for the Cause; 
1886 — 96“ hat Walter Crane in der Twentieth-Century- 
Press eine Folge von stark socialisdsch angehauchten 
Holzschnitten in Dürermanier erscheinen lassen. 
W. Crane hat wohl von seinem Freunde Morris die 
radikale Richtung übernommen. —m. 


Amerika. 

Die Märznummer der amerikanischen Monatsschrift 
The Book Buyer enthält u. a. einen Artikel über die 
Buchbindekunst Otto Zahns in Memphis, Tennessee. 
Herr Zahn ist ein Schwarzburg-Sondershausener Kind 
und der Sohn eines Pastors. In Arnstadt in seinem 
Fach ausgebildet, begab er sich schon früh auf Reisen 
und liess sich nach mancherlei Irrfahrten 1884 in 
Memphis nieder, von wo aus er eine gewisse leitende 
Stellung im Buchbindergewerbe erlangt hat Auch auf 
den grossen Ausstellungen haben seine Arbeiten stets 
hervorragenden Beifall gefunden. —a. 


Die Dunlap Society veröffentlichte kürzlich eine 
Monographie Shipmans über zwölf von W. J. Gladding 
1867 gezeichnete amerikanische Theaterkarikaturen. 

—a. 


Von einem neuen Diktionär zur Bibel ist der 
erste Band bei Charles Scribners Sons in New-York 
und bei Clark in Edinburg erschienen, und zwar unter 
Leitung des Rev. James Hastings und der Mitarbeiter¬ 
schaft berühmter Specialisten, wie Professor Sanday und 
Präsident Harper. —a. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse: Berlin W. Augsburgerstrasse 61 erbeten. 

Gedruckt ton W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. — Papier der Neuen Papier- 

Manufaktur in Strassburg >. E. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

2. Jahrgang 1898/99. - Heft 5/6: August/Septbr. 1898. 


August Hermann Francke 

und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 

Von 

Dr. Georg Frick in Kassel. 


H um zweitenmale innerhalb weni¬ 
ger Jahre hat Halle, die alte 
Salzstadt an der Saale, ein 
erinnerungsreiches Jubiläum be¬ 
gangen. Freilich so glänzend, 
wie bei dem Jubelfest der Uni¬ 
versität im Jahre 1894, war das Junifest dieses 
Jahres, die zzveihundertjährige Gründungsfeier 
der Francke sehen Stiftungen nicht; aber treue 
Liebe und dankbare Anhänglichkeit zeugten 
auch in diesen Tagen laut von den Segen¬ 
strömen, die sich seit zwei Jahrhunderten über 
hunderttausende von Schülern ausgegossen 
haben. Zahlreich strömten sie aus allen Teilen 
Deutschlands herbei, um die Stätten ihrer 
Kindheit und frühen Jugend wieder aufzusuchen 
und pietätvoll dem Gedächtnis des Mannes zu 
huldigen, der jene grossartige Schulstadt ins 
Leben rief und so vielen eine zweite Heimat 
schuf. Denn es ist eine Persönlichkeit, dem 
dieser gewaltige Organismus von ineinander- 
greifenden, sich gegenseitig ergänzenden und 
tragenden Einzelgründungen von Schulen, Er- 
ziehungshäusem und erwerbenden Anstalten ihr 
Dasein und zweihundertjährige Dauer verdankt. 
Wohl sind sie auch im Laufe der Zeit gewachsen 
und von den Nachfolgern des Stifters ausgebaut, 
aber ihre ganze Anlage und grundlegende Ein- 
Z. f. B. 98/99. 


richtung geht zurück auf die schöpferische 
Kraft A. H. Franckes, des schlichten Pastors 
zu Glaucha bei Halle und gelehrten Professors 
an der neugegründeten Universität. 

Die Tageszeitungen haben über das Leben 
Franckes und seine allgemeine Bedeutung für 
die kirchlichen, gelehrten und sozialen Bewe¬ 
gungen seiner Zeit den Leser hinlänglich unter¬ 
richtet, soweit dem einzelnen der grosse Mann 
und seine Schöpfungen nicht schon vorher ver¬ 
traut waren. Uns kommt es hier darauf an, 
im Anschluss an eine der zahlreich erschienenen 
Festschriften eine besondere Seite der Wirk¬ 
samkeit Franckes herauszustellen, die, bisher 
noch nicht genügend gewürdigt, doch ganz 
überraschend neue Gesichtspunkte für seine 
Beurteilung eröffnet. Bekanntlich war A. H. 
Francke, von Haus aus Theologe, einer der 
nachdrücklichsten Vertreter des von Spener 
zuerst weiteren Kreisen vermittelten Pietismus. 
Gegenüber der damaligen Orthodoxie, einer in 
Dogmatik erstarrten Theologie und eines an 
Liebes werken armen Kirchentums, machte er 
die Vertiefung in die heilige Schrift selbst und das 
hingebende persönliche Verhältnis zu Gott und 
Christo zur Hauptforderung des Christentums. 
Aus der Kraft eines durch innere Erfahrungen 
gewonnenen und täglich neu errungenen 

26 


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202 


Frick, August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 


Glaubens schöpfte er den Trieb, von dieser 
innerlichen Gewissheit nach aussen Zeugnis ab¬ 
zulegen und überall dem Reiche Gottes Eingang 
zu verschaffen: so begann er seine gewaltige 
missionierende Thätigkeit, die auf Kanzel und 
Universitätskatheder anhub und ihn bald auch 
zur Arbeit an der Jugend führte; ihr galten in 
erster Linie seine zahlreichen Gründungen. Sie 
umfassten, um dem Leser einen kurzen Über¬ 
blick zu geben, bei Franckes Tode folgende 
Anstalten: eine Freischule für Knaben und eine 
solche für Mädchen, eine Bürger-Knaben- und 
eine Bürger-Mädchenschule, ein Pädagogium, 
ein Gymnasium (die sogenannte Lateinische 
Hauptschule), ein Gynäceum, eine Waisenanstalt 
für Knaben und eine solche für Mädchen, eine 
Pensionsanstalt für die Gymnasiasten, ein 
Seminar für die Kandidaten des höheren 
Lehramts; dazu kamen die Buchhandlung, die 
Buchdruckerei, die Waisenhausapotheke und 
Medikamentenexpedition, die von Cansteinsche 
Bibelanstalt und die Ostindische Missions¬ 
anstalt. 

Die äusseren Mittel zur Herstellung und 
Erhaltung seiner Schöpfungen gewann Francke 
teils durch freiwillige Gaben teilnehmender 
Menschen, die umso reichlicher flössen, je mehr 
der Pietismus zu einer wirklichen Macht inner¬ 
halb der Kirche wurde und je weiter der Ruhm 
des Hallischen Waisenhauses drang, teils durch 
die hochherzige Unterstützung der preussischen 
Herrscher, die ihm in besonderer Weise ihre 
Huld zuwandten, am meisten aber doch schliess¬ 
lich aus den von ihm selbst gegründeten erwer¬ 
benden Instituten: der Apotheke und Medi- 
kamentenanstalt und der Buchhandlung und 
Buchdruckerei. 

Der Überlieferung nach gilt der treue Ge¬ 
hilfe Franckes Heinrich Julius Elers als der 
Begründer der Waisenhausbuckhandlung . Er 
soll im Jahre 1697 die Leipziger Ostermesse 
mit einer Predigt Franckes bezogen und diese 
dort an einem Tischchen stehend unter dem 
Hohn der zünftigen Buchhändler feilgeboten 
haben. Diese Tradition ist, wie Schürmann 1 


nachweist, irrig. Gewiss dürfen die Verdienste 
Elers für die Entwicklung der Buchhandlung 
nicht gering veranschlagt werden, aber den 
eigentlichen Anstoss zu ihrer Einrichtung, die 
kräftigste und nachhaltigste Förderung zu ihrem 
Aufblühen hat doch Francke selbst gegeben. 
Dieser setzt die Errichtung eines eigenen Buch¬ 
ladens in das Jahr 1699, zü welcher Zeit zum 
erstenmale die Leipziger Ostermesse bezogen 
worden sei. Um indes den Buchladen bei dem 
damals geltenden Tauschhandel reichlich mit 
fremden Verlagssachen versehen zu können, 
musste jedenfalls schon eine gewisse Verlags- 
thätigkeit vorhergegangen sein, deren Werke 
dann in Leipzig als Tauschmittel dienen konnten. 
Eine solche lässt sich nun thatsächlich nach- 
weisen. Das älteste Verlagswerk ist Franckes 
„Glauchaisches Gedenkbüchlein“ ein Buch von 
300 Seiten aus dem Jahre 1693, das, im Selbst¬ 
verläge erscheinend, noch keine Verlagsbe¬ 
zeichnung, sondern nur den Erscheinungsort und 
den wichtigsten Messplatz: Halle und Leipzig 
trägt Dem gleichen Jahre entstammt ein 
Lexikon in Novum Testamentum, griechisch 
und deutsch, das auch zunächst noch anonym 
erschien, aber schon im Messkatalog von 1701 
als in den Waisenhausverlag übergegangen be¬ 
zeichnet wird. Aus der folgenden Zeit werden 
dann eine ganze Reihe von Schriften genannt, 
die in Beziehung zum Waisenhausverlag ge¬ 
bracht werden dürfen, so dass mit dem Jahre 
1698 schon ein gewisser Bestand von eigenem 
und übernommenem Verlagsgut vorhanden war, 
mit dem Elers samt einem Gehilfen die Messe 
beziehen konnte. So begeht denn innerhalb 
des grossen Jubiläums die Buchhandlung des 
Waisenhauses in diesem Jahre noch im beson¬ 
deren das Fest ihres zweihundertjährigen Be¬ 
stehens. 

Auf der Michaelismesse 1698 war das 
Waisenhaus schon mit folgenden eigenen Ver¬ 
lagswerken erschienen: Gottfr. Arnold, Leben 
der Alt-Väter. I. Band. Erasmus Rotterd., 
Enchiridion militis christiani. A. H. Francke, 
Busspredigten; Postille oder Sonn-, Fest- und 


1 Aug. Schürmann: Zur Geschichte der Buchhandlung des Waisenhauses und der Cansteinschen Bibelanstalt 
in Halle a. S. Halle, Buchhandlung des Waisenhauses 1898. M. 3. — Wer sich einen Überblick über die Geschichte 
der Franckeschen Stiftungen überhaupt zu verschaffen wünscht, dem sei das in gleichem Verlage zur Jubelfeier 
erschienene Schriftchen von Prof. Gust. Fr. Hertzberg: Aug. Hermann Francke und sein Hallisches Waisenhaus 
empfohlen. Preis M. 1,80. Im Nachfolgenden ist mehrfach benutzt die ganz knappe Studie des früheren Direktors 
der Francke’schen Stiftungen, Dr. OUo Frick: Die Frankeschen Stiftungen. Halle 1892. M. 0,36. 


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Frick, August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 


203 


Aposteltags Predigten; Speculum fidei; An¬ 
leitung zum Christentum; Einleitung in die 
heilige Schrift; Predigten (alphabetweise, d. i. 
nach der Bogenzahl abgegeben). F. H. Licht¬ 
scheid, Gedanken über das Büchlein vom 
ewigen Evangelio. Joh. Wilh. Petersen, Stimmen 
aus Zion. 3 Teile. Phil. Jak. Spener, Para- 
phrasis in I. epist Johannis oder Erklärung 
der ersten Epistel Johannis. Usserii Harmonia 
evangeliorum oder Zusammenfiigung der vier 
heil. Evangelien. Gottfr. Vockrodt, Erläuterung, 
was mit den vorgegebenen Mitteldingen in der 
Christenheit vor Ärgernis angerichtet worden; 
Sieg der Wahrheit. — Schwerlich ist damit das 
Verzeichnis der Verlagswerke, über die damals 
das Waisenhaus gebot, erschöpft. Aber schon 
aus den genannten Schriften geht als charak¬ 
teristisch hervor, dass sie durchweg theolo¬ 
gischer und erbaulicher Natur sind. Neben 
dem Spenerschen Buche, das Francke selbst 
als erstes bedeutenderes Verlagswerk rühmt, 
mögen vor allem die zahlreichen eigenen 
Schriften Franckes dem jungen Unternehmen 
von Nutzen gewesen sein. Die steigende Be¬ 
deutung des Buchladens bekundet sich auch 
darin, dass derselbe aus der engen Kammer, 
die ihm ursprünglich zur Verfügung stand, nach 
mehrfachem, durch Raummangel bedingtem 
Wechsel schon im Jahre 1700 in die neuer¬ 
bauten Räume des Waisenhauses übersiedeln 
musste. Die Geschäfte blieben nicht allein 
auf die Leipziger Messe beschränkt, sondern 
bald ging von Halle selbst ein weitgehender 
unmittelbarer Verkehr nach dem In- und Aus¬ 
lande aus. Wie schon Francke bemüht war, 
diesen zu heben, bezeugt die Errichtung einer 
privilegierten Buchhandlung in Berlin, welche 
1702 als Buchhandlung des Hallischen Waisen¬ 
hauses am Mühlendamm daselbst im Beisein 
Franckes und Elers eröffnet wurde; ihr schlossen 
sich stehende Niederlagen in Leipzig und Frank¬ 
furt an, den Hauptplätzen des damaligen Buch¬ 
handels. Denn eben durch einen ausgebreiteten 
Sortimentshandel gewann Francke die Mittel 
für eine umfassende /roduhtive Thätigkeit; der 
Verlag und die äusserste Spannung des letzteren 
waren es, wie Schürmann meint, worauf es ihm 
hauptsächlich ankam. Die Sortimentsgeschäfte 
waren ihm nur Mittel zum Zweck. Um jenen 
besser zu fördern, richtete er im Jahre 1701 eine 
eigene Buchdruckerei ein, die zwar zunächst 


nur mit zwei Handpressen arbeitete, aber doch 
von vornherein auf den wissenschaftlichen Bedarf 
einer grossen Verlagshandlung zugeschnitten 
wurde: sie sollte mit dem besten in Deutschland 
vorhandenen Schriftmaterial ausgestattet werden 
und nicht nur deutsche, griechische und latei¬ 
nische, sondern auch hebräische, syrische und 
äthiopische Typen führen; selbst das Slavo- 
nische blieb nicht ausgeschlossen. 

Mehr noch als der Buchhandel des Waisen¬ 
hauses ist diejenige Thätigkeit Franckes weiteren 
Kreisen bekannt geworden, die auf eine billigere 
Herstellung und damit allgemeinere Verbrei¬ 
tung der Bibel hinzielte. Und doch hat es 
eine Reihe von Zufälligkeiten gefügt, dass auch 
auf diesem Gebiet, das ihm Herzenssache war 
und von dem Drang, der seelischen Not seines 
Volkes abzuhelfen, das beredteste Zeugnis giebt, 
die Nachwelt ihm die gebührende Anerkennung 
versagt hat. Der Freiherr Carl Hildebrand 
von Canstein (1667—1719) gilt als der Vater 
jener hochherzigen Idee, den ärmeren Schichten 
die Bibel zu einem billigen Preise zu überlassen 
und sie dadurch erst zu dem Volksbuche zu 
machen, das sie schon nach Luthers Auffassung 
werden sollte. Francke hatte selbst das beste 
seines Wesens, den tief innerlichen Glauben, 
einer immer erneuten Beschäftigung mit der 
heiligen Schrift zu verdanken, hatte bereits als 
junger Magister in Leipzig mit seinen Studenten 
im Collegium philobiblicum die Auslegung der¬ 
selben betrieben und dann später in seiner 
seelsorgerischen Thätigkeit beständig auf die 
Bibel als die Quelle rechter Gottseligkeit ver¬ 
wiesen. Schon in Erfurt hatte er, unterstützt 
durch wohlgesinnte Freunde, den Armen Bibeln 
zu billigen Preisen abgegeben, die er aus Lüne¬ 
burg bezogen hatte. Die Bibel und die bibli¬ 
sche Litteratur wurde nun auch in Halle der 
vornehmste Gegenstand seiner publizistischen 
Thätigkeit. Reformatorisch und mit einer in 
der Zeit der Orthodoxie doppelt bewunderungs¬ 
würdigen Kühnheit ging er auch dabei zu Werke, 
indem er seit dem Jahre 1695 eine Monats¬ 
schrift herausgab unter dem Titel: „Obser- 
vationes biblicae oder Anmerkungen über einige 
Örter H. Schrift, darinnen die teutsche Über¬ 
setzung des Sei. Lutheri gegen den Original¬ 
text gehalten und bescheidentlich gezeigt wird, 
wo man dem eigentlichen Wortverstande näher 
kommen könne.“ Wenn auch diese Gedanken 


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204 


Frick, August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 



für die Revision und Berichtigung des Luther¬ 
textes, die Francke hier zum erstenmale aus¬ 
sprach, und die ihn allein schon davor schützen 
sollten, dass man das Wort Pietist im heutigen 
Sinn auf ihn und seine Bewegung anwendet, 
zunächst noch keine durchgreifenden praktischen 
Ergebnisse zeitigten, so war es doch dem 
Waisenhause Vorbehalten, zwei Jahrhunderte 
nach solchen Erörterungen die neue, soge¬ 
nannte „Revidierte Bibel“ herauszugeben, deren 
Text nun allmählich den alten Lutherschen ver¬ 
drängt. 

Ohne in Beziehung zur nachmaligen Bibel¬ 
anstalt zu stehen, weist schon der frühere 
Verlag eine Reihe von Bibelausgaben auf. Bei 
der ältesten, einer Duodezbibel von 1702, ist 


irz J^a<>drniu ' J&Ihrn/i/ 
ScfuriarcKcL/ 
uJT&t/if7)ircrtor 


itcr. 


es freilich zweifelhaft, ob sie schon im Waisen¬ 
hause gedruckt oder nur von diesem über¬ 
nommen ist. Nach einem handschriftlich erhal¬ 
tenen Katalog lautete ihr Titel: „Biblia, das 
ist, die gantze H. Schrift A. u. N. T. nach der 
teutschen Übersetzung D. Martin Luthers, mit 
jedes Kapitels kurzen summarien, concordan- 
zien u. Joh. Amd’s Informatorio biblico, be- 
nebens A. H. Franckens Unterricht, wie mann 
die H. Schrift zu seiner Erbauung lesen soll.“ 
1708 folgte eine Grossoktavausgabe der Luther¬ 
bibel, von der Francke selbst sagt, dass sie 
„nach den besten Editionen accurat revidiert, 
auch mit dessen Randglossen und Vorreden, 
ingleichen mit sehr vielen locis parralelis ver¬ 
sehen sei.“ So zeigte sich auch hier das Be¬ 
streben einer gründlichen Bear¬ 
beitung des Textes. Schon vorher 
war i. J. 1704 „ein sehr bequemes 
Teutsches Neues Testament in 24. 
mit sehr deutlichem Typo“, wie es 
in der Ankündigung heisst, heraus¬ 
gekommen. Auch für fernere Kreise 
wurde bereits gesorgt: so war zur 
Verbreitung in den evangelischen 
Gemeinden Böhmens bestimmt ein 
Neues Testament in böhmischer 
Sprache vom Jahre 1709 und für die 
griechische Kirche die von Francke 
veranstaltete und eingeleitete Aus¬ 
gabe des Neuen Testamentes im 
griechischen Grundtext mit neu¬ 
griechischer Übersetzung vom Jahre 
1710. Seit 1705 arbeiteten Francke 
und J. H. Michaelis an der Biblia 
hebraica, der ersten kritischen 
hebräischen Bibelausgabe in der 
evangelischen Kirche, die im Jahre 
1720 vollendet wurde. Dem Verlag 
standen bei diesen Arbeiten helfend 
und fördernd zur Seite die Mitglieder 
des Collegium orientale theologi- 
cum, das Francke in Verbindung 
mit seinen Kollegen in der theo¬ 
logischen Fakultät aus befähigten 
Studenten gegründet hatte, um mit 
ihnen das Studium der H. Schrift 
in den Grundsprachen zu betreiben. 
Für die Herausgabe der hebräischen 
Bibel ist die Mitarbeit dieses Colle¬ 
giums ausdrücklich bezeugt; aber 


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Frick, August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 


205 


auch sonst mag es an den übrigen im Waisen¬ 
hausverlag erschienenen Bibeln beteiligt gewesen 
sein und den ersten wissenschaftlichen und 
literarischen Stab für die Unternehmungen des¬ 
selben abgegeben haben. Mit Recht kann da¬ 
her Schürmann sagen: die Buchhandlung des 
Waisenhauses war schon Bibelanstalt, als das 
Institut, welches in weiterer Folge unter diesem 
Namen verstanden wird, noch gar nicht existierte. 

Dass diese Bibelanstalt nachmals nach dem 
Freiherm von Canstein benannt wurde, war ein 
Akt der Pietät, der 56 Jahre nach dem Tode 
jenes erfolgte. Bis dahin haben die Bibeln 
den Zusatz: „Zu finden im Waysenhause“; und 
erst nach diesem Zeitpunkt heisst es: „Halle, 
in der Cansteinischen Bibelanstalt“. Aus dieser 
Benennung hat sich die Meinung herleiten 
können, der Freiherr von Canstein sei der 
materielle und geistige Urheber der Bibelanstalt, 
die somit eine selbständige Stiftung innerhalb 
der Franckeschen Stiftungen sei. Das Irrige 
dieser Annahme nachgewiesen und das wirk¬ 
liche Verdienst an seinen Platz gestellt zu 
haben, ist Schürmann auf das glücklichste ge¬ 
lungen, und darum darf seine Schrift auch über 
die Fachkreise hinaus eine weitgehende Beach¬ 
tung beanspruchen. Er weist nach, wie Francke 
selbst den schon früher in die Praxis umge¬ 
setzten Gedanken der Beschaffung billiger Bibeln 
auch innerhalb seiner Anstalten wieder auf¬ 
genommen und durchdacht hat. Schon im 
grossen Aufsatz 1 vom Jahre 1704 ist er erwogen, 
dann wieder zurückgestellt und endlich im 
Jahre 1709 zum erstenmale an die Öffentlich¬ 
keit gebracht. Der Freiherr von Canstein in 
Berlin, auch sonst ein eifriger Förderer Francke¬ 
scher Ideen und Thaten, nahm sich des Planes 
warm an; er erklärte sich bereit, um „das Odium 
der Buchführer“ von dem Waisenhause abzu¬ 
lenken, zunächst die Sache mit seinem Namen 
zu decken. Doch sagt er ausdrücklich: „In¬ 
dessen, wenn ich die Sache zu Stande gebracht, 
so will ich Ihnen das ganze Werk hingeben, 
damit Sie in Wahrheit bezeugen mögen, es 
gehöre zu Ihren Anstalten und werde es also 
ein ornamentum davon“. Es handelte sich 
zunächst um Beschaffung eines Grundkapitals 
durch freiwillige Gaben, für die eben Canstein 



Das Francke-Denkmal in Halle. 

Photographie und Verlag von Sophus Williams in Berlin. 

als einflussreicher Mann innerhalb der pietisti- 
schen Bewegung und durch seinen Wohnsitz 
in Berlin besonders befähigt war. Und doch 
erscheint das Ergebnis gering im Verhältnis 
zu den Gaben, die Francke sonst im Interesse 
seiner Stiftungen aufzubringen wusste. Bis zu 
Cansteins Tode gingen wechselnde Beträge von 
300 bis über 2000 Thaler ein; dieser hinterliess 
der jungen Anstalt 3312 Thaler 12 Groschen. 
Die Gesamtsumme dessen, was an fremden Bei¬ 
steuern überhaupt eingegangen ist, beträgt nicht 
mehr als 11285 Thaler 4 Groschen. So ist denn 
in Wirklichkeit die Anstalt viel mehr auf ihre 
eigenen Erträgnisse und sorgsame Berechnung 
angewiesen gewesen als auf die Mithilfe anderer. 


1 A. H. Franckes Grosser Aufsatz, herausgegeben vom Direktor Dr. W. Fries als Festschrift zum zweihundert¬ 
jährigen Jubiläum der Universität Halle. Halle a. S. 1894. 


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206 


Frick, August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 


Eine der ersten Sorgen war die Herstellung 
eines Bibeltextes. Da Canstein schriftlich ver¬ 
sprochen hatte, so lange Francke lebe, sich 
keiner Direktion über das Bibelwerk anzu- 
massen, so muss auch hier diesem der Haupt¬ 
anteil zugeschrieben werden, .umsomehr als 
jener Laie war und Francke sich in den oben¬ 
genannten observationes biblicae bereits mit 
solchen Fragen beschäftigt und wichtige Vor¬ 
arbeiten geliefert hatte. Im Sinne dieser Grund¬ 
sätze handelte nun auch der zum Leiter des 
Instituts berufene Joh. Heinrich Grischow, ein 
Schüler Franckes, der 44 Jahre lang dem Werk 
mit grosser Treue vorgestanden hat. Unter 
Benutzung der Franckeschen Vorarbeiten und 
mit dessen steter Unterstützung stellte er in 
kurzer Zeit den Text her. Zu Grunde gelegt 
waren die Stadischen Bibeln aus den Jahren 
1690, 1698, 1703. Doch ging die Verbesserung 
nur schrittweise vor; noch die späteren Auf¬ 
lagen zeigen nicht unbedeutende Veränderungen 
gegenüber den früheren. Dieser sogenannte 
Cansteinsche Text ist dann im Laufe der Zeit 
zum grössten Teile der evangelischen Kirche 
rezipiert und auch der neuen „Revidierten Bibel“ 
zu Grunde gelegt worden. Somit hat die Bibel¬ 
anstalt des Waisenhauses auch darin ihre Be¬ 
deutung, dass es ihr gelungen ist, die verschie¬ 
denen Glieder der evangelischen Kirche auf 
einen gemeinsamen Bibeltext zu vereinigen. — 
Der Zusammenhang dieser Bibelanstalt mit der 
Buchhandlung wird dadurch bezeugt, dass Gri¬ 
schow gehalten war, dem Vorsteher des Buch¬ 
ladens, Elers, Rechnung, über Einnahmen und 
Ausgaben abzulegen, sowie in der technischen 
Leitung seiner Anleitung und seines Rates sich 
zu bedienen. Die Buchhandlung sollte die Ver¬ 
kaufsstätte und Bezugsquelle der Massenbibeln 
überhaupt bilden. Auch hier heisst es auf den 
Titeln: „Zu finden im Waysenhause“, doch fehlt 
nicht der Zusatz; „Nebst der Vorrede Herrn 
Baron Carl Hildebrands von Canstein“, wodurch 
die Bezeichnung Cansteinsche Bibeln mit der 
Zeit immer mehr in Aufnahme kam. 

Nach Erledigung der Vorarbeiten erschien 
im Jahre 1712 die erste Ausgabe in einer Höhe 
von 5000 Exemplaren unter dem Titel: „Das 
Neue Testament unseres HErrn und Heylandes 
JEsu CHristi, verteutscht von D. Martin Luthern; 
mit jedes Capitels kurtzen Summarien, und 
nöthigsten Parallelen. Nebst der Vorrede Hn. 


Baron Karl Hildebrands von Canstein. Halle, 
Zu finden im Waysenhause. 1712“. Das Testa¬ 
ment ist in Kleinduodez gedruckt und noch 
ohne Psalter. Voran geht das kurze Vorwort 
Cansteins; ihm folgt ungenannt Grischow mit 
seinem Bericht „Was in dieser Edition geleistet 
worden“ nebst einem Verzeichnis der textlichen 
Änderungen gegen die Stadische Ausgabe. 
Der ungewöhnliche Erfolg machte schon in 
demselben Jahre eine zweite, im folgenden eine 
dritte Auflage nötig. Nachdem so Text, Format 
und Schrift Beifall gefunden hatten, konnte man 
daran gehen, für die 4. Auflage den stehenden 
Satz zu verwenden. Dadurch wurden die Her¬ 
stellungskosten derart verringert, dass man der 
5. Auflage, ohne den Preis zu erhöhen, den 
Psalter beifügen konnte. Nunmehr wurden 35 V* 
Kleinduodezbogen für den Preis von zwei 
Groschen abgegeben. Auf diese Weise ge¬ 
langten in 37 a Jahren 38000 Neue Testamente 
zur Verbreitung, und zwar nicht nur in Deutsch¬ 
land, sondern auch weit über seine Grenzen 
hinaus. — Im Jahre 1713 erschien dann eine 
Hausbibel in Grossoktav zum Preise von 
10 Groschen: „Biblia, das ist die gantze H. 
Schrift Altes und Neues Testaments. Nach der 
teutschen Übersetzung D. Martin Luthers. Mit 
jedes Capitels kurtzen Summarien u. nöthig¬ 
sten Parallelen; mitFleiss übersehen, u. gegen 
einige, sonderlich erstere, Editiones des Sei. 
Mannes gehalten, auch an unterschiedlichen 
Orten nach denselben eingerichtet, und von vielen 
in den bisherigen Exemplarien hin u. wieder 
eingeschlichenen Fehlern gesäubert. Nebst einer 
Vorrede Hrn. Baron Carl Hildebrands von 
Canstein. Halle, Zu finden im Waysenhause. 
Im Jahre MDCCXIII“. Sie ist unter dem Namen 
„Grossoktavbibel“ nachmals bei allen Bibelan¬ 
stalten und bibeldruckenden Gesellschaften ty¬ 
pisch geworden. Nachdem bis zum Jahre 1716 
fünf Auflagen von je 5000 Exemplaren nötig 
gewesen waren, wurde auch sie auf stehenden 
Satz gebracht. — Im Jahre 1715 erschien dann 
die Handbibel in Duodez, die bis zu dem viel 
späteren Erscheinen der Mitteloktavbibel be¬ 
rufen war, als verbreitetste Bibelausgabe sich 
in den Schulen einzubürgern. 

Als Canstein im Jahre I7i9starb, gingderVer- 
abredung gemäss das Bibelwerk ganz in Franckes 
Hände über. An 100000 Testamente, 40000 
Grossoktavbibeln und ebensoviel Duodezbibeln 


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Frick, August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 


207 


waren inzwischen hergestellt und verbreitet 
worden. Aber ihre eigentliche Blüte erlangte 
die Anstalt doch nun erst, wo sie, nicht mehr 
einem auswärtigen Leiter unterthan, im engsten 
Anschluss an das Waisenhaus und seine An¬ 
stalten fortentwickelt wurde und, als eine im 
Kassen- und Rechnungswesen natürlich ge¬ 
trennte Abteilung der Buchhandlung, doch mit 
dieser die Strenge der Geschäftsgrundsätze 
und Ziele teilte. Vor allem musste sie unab¬ 
hängig von fremder Unterstützung gemacht 
werden. Indem die Bibelanstalt nun in den 
folgenden Jahrzehnten ohne jeden Beistand von 
Wohlthätem mit Ausnahme der Stiftungen, die 
den Grund und Boden für die notwendigen 
Bauten hergaben, allein auf sich selbst gestellt 
werden konnte, wurde sie erst recht begründet 
und für eine lange Lebensdauer gekräftigt Aus 
dem ersten unscheinbaren Gedanken, den Armen 
die Anschaffung der Heiligen Schrift zu ermög¬ 
lichen, erwuchs eine Anstalt, die auf lange Zeit 
hinaus für sich allein erfolgreich wirkte und 
dann den Anstoss gab zur Weckung zahlreicher 
verwandter Bestrebungen und somit die Bibel 
in der Lutherschen Übersetzung erst zum 
Gemeingut des evangelischen Volkes machte. 
Darin liegt die hohe Bedeutung der Canstein- 
schen Anstalt; die Zahlen der von ihr ver¬ 
breiteten Heiligen Schriften treten gegenüber 
den Zahlen der grossen Bibelgesellschaften, 
welche auf dauernde beträchtliche Unterstütz¬ 
ungen rechnen können, freilich zurück, immerhin 
sind bis zu diesem Jahre insgesamt über 
7 Millionen 1 Bibeln und Neue Testamente in 
deutscher, wendischer, polnischer und littaui- 
scher Sprache aus ihr hervorgegangen. 

Einen gleich glücklichen Fortgang hatte in¬ 
zwischen auch die Buchhandlung des Waisen¬ 
hauses genommen. In den wenigen Jahren nach 
ihrer Gründung war sie zu einem grossartigen 
Institut angewachsen, in welchem wissenschaft¬ 
liche und praktische Interessen der verschieden¬ 
sten Art gefördert wurden. Und auch hier ist es 
weniger der in seiner Art sehr tüchtige technische 
Leiter Elers, als vielmehr wieder Francke selbst, 
der allen Unternehmungen Antrieb, Kraft und Er¬ 
folg verleiht. Zwei Naturen schienen in ihm 
sich zu vereinigen: unmittelbar neben seiner fast 
mystischen Gefuhlsinnigkeit, einer natürlichen 


Schlichtheit und ungeheuchelten Demut, einem 
fast überschwenglichen Idealismus, der beständig 
in grossen Entwürfen schwebte, fand sich doch 
ein ungewöhnlich scharfer und nüchterner Blick 
für alle praktischen Dinge, eine geschäfts- 
männische Klarheit und Besonnenheit, die ihn 
auf den verschiedensten, weit auseinander¬ 
liegenden Gebieten, wie Seelsorge, theologischer 
Wissenschaft, Schulunterricht und den Ge¬ 
schäften der Buchhandlung und Apotheke zu 
ausserordentlichem befähigte. 

Nach drei Richtungen erstrecken sich die 
Unternehmungen der Buchhandlung. Zu der 
biblischen Litteratur gesellt sich die Theologie 
und zwar vorwiegend nach der Eigenart Franckes 
die praktische Theologie. Wir wissen, dass 
zunächst Speners Schriften den ersten Grund¬ 
stock mit bildeten, und der Name des hoch¬ 
gefeierten Vaters des Pietismus mag dem An¬ 
sehen der neuen Buchhandlung von grossem 
Nutzen gewesen sein. Aber ihren Schwerpunkt 
hatte sie doch in der eigenen litterarischen 
Thätigkeit Franckes. Im Verlagskatalog von 
1738 kommen von 39 Oktavseiten allein 11 auf 
Franckes Schriften, die mit 174 Titeln vertreten 
sind. Neben der grossen Masse von Predigten 
und Traktaten finden sich auch akademische 
Compendien und andere meist lateinisch ab¬ 
gefasste Schriften. Namentlich die erstge¬ 
nannten Erbauungsschriften entspringen dem 
innersten Drang Franckes, sich auch litterarisch 
an das Volk zu wenden und für Kirche, Schule 
und Haus reformierend zu wirken. Ihre Ver¬ 
breitung war von Anfang an eine ungewöhn¬ 
liche; obwohl gleich in mehreren tausend Exem¬ 
plaren hergestellt, erfuhren sie doch immer 
wieder neue Auflagen. Der verbreitetste Traktat 
ist der „Einfaltige Unterricht, wie man die Heilige 
Schrift zu seiner wahren Erbauung lesen soll“; 
er findet sich zum erstenmale in der Duodez¬ 
bibel vom Jahre 1702. Als Sonderdruck ist er 
dann unter den kleinen Erbauungsschriften zum 
Preise von 2 Pf. zu haben. Nachdem er später 
(seit 1775) allen Cansteinschen Bibelausgaben 
vorgedruckt worden, haben ihn auch andere 
Bibelgesellschaften übernommen, so dass er 
gegenwärtig in Millionen von Abdrücken ver¬ 
breitet ist. Diese kleinen Schriften bildeten eine 
wertvolle Einnahmequelle der Buchhandlung 


x Nach einer uns freundlichst erteilten persönlichen Auskunft A. Schürmanns. 


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208 


Frick, August Hermann Francke und die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle. 


und damit der Stiftungen überhaupt, so dass 
Francke, wie Schürmann mit Recht bemerkt, 
nicht nur der Schöpfer und Organisator der¬ 
selben auf Grund fremder Mittel ist, sondern 
auch durch die Erträgnisse seiner Schriften 
unter den Wohlthätern der Anstalten einen 
hervorragenden Platz beanspruchen darf. 

Zu der erbaulichen Litteratur lieferten auch 
die Mitarbeiter Franckes Beiträge. Namentlich 
ist J. K. Freylinghausen, der Schwiegersohn 
Franckes, durch das von ihm herausgegebene 


den Händen ganz unerfahrener Lehrer, junger 
Studenten, lag, galt es an Stelle der bisherigen 
mittelalterlichen Lehrbücher, wie z. B. Donat, 
neue Unterrichtsmittel zu schaffen. Sie wurden 
durch die aus den Franckeschen Stiftungen 
hervorgehenden, wegen ihrer methodischen 
Schulung sehr gesuchten Lehrer bald weithin 
verbreitet. Sie brachten den Namen Franckes 
auch dort zur Anerkennung, wo man sich seinen 
religiösen Bestrebungen gegenüber ablehnend 
verhalten mochte. Beginnt doch mit Francke 



Die Franckeschen Stiftungen in Halle. 
Photographie und Verlag von Sophus Williams in Berlin. 


Gesangbuch bekannt, das zahlreiche neue Lieder 
und Melodien aufnahm. Auch hier hat die 
Ausgabe des Waisenhauses vorbildlich gewirkt. 
Denn trotz der Anfeindungen, welche die Samm¬ 
lung anfangs erfuhr, sind heute doch die Lieder 
und Melodien derselben in die meisten evan¬ 
gelischen Kirchen Deutschlands übergegangen. 
Auch Gotthilf Francke, der Sohn des Stifters, 
nahm sich der Traktatlitteratur mit Eifer an, ein 
Zeichen der idealen und praktischen Bedeutung, 
die sie für das Waisenhaus hatte. 

Ebenfalls ein Ausfluss der eigensten Be- 
thätigung Franckes war der pädagogische Verlag 
des Waisenhauses. Für seine grossartigen 
Schulstiftungen, deren Unterricht zur Zeit in 


eine ganz neue Epoche in der Geschichte der 
Pädagogik und Didaktik. Das verbreitetste 
Lehrbuch wurde Joachim Langes „Verbesserte 
und Erleichterte Lateinische Grammatica“ vom 
Jahre 1703. Sie erlebte in dem Zeitraum von 
1703—1898 rund 60 Auflagen. Nach ihrem 
Vorbild erschien im Jahre 1705 die „Verbesserte 
und Erleichterte Griechische Grammatika“ ohne 
Angabe des Autors, daher im Volksmunde 
kurz als „Waisenhäusische Grammatik“ be¬ 
zeichnet. Sie war gleichfalls bis in das folgende 
Jahrhundert hinein im Gebrauch und erlebte 
57 Auflagen. Für den Religionsunterricht schrieb 
Freylinghausen eine Anzahl Compendien. Der 
bekannteste Schulschriftsteller jener Zeit war 


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Ex-Libris der alten Lüneburger R a tsbib liothek. 


Zeitschrift für Bücherfreunde. 


Zu Müller- Brauel: Drei Bücherzeichen. 


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Müller-Brauel, Drei Ex - Libris der Lüneburger Ratsbibliothek. 


209 


Freyher, der auf dem Gebiete des deutschen, alt- dauernden Geschäftsverbindungen gerade mit 
sprachlichen, geschichtlichen, erdkundlichen und den hervorragendsten Kräften der Universität 
religiösen Unterrichts eine ebenso vielseitige wie auch für die gesunden, vertrauenerweckenden 
erfolgreiche Thätigkeit entfaltete und am meisten Grundsätze, unter denen das Geschäft geleitet 
zur Verdrängung der alten Lehrbücher beitrug, wurde, und die Art der grossen Publikationen 
Die engen Beziehungen mit der Universität, für einen schwungvollen, weitblickenden Unter- 
die schon durch Franckes Lehramt gegeben nehmergeist 

waren, führten schliesslich auch zu einem be- Schürmann fuhrt die Geschichte der Buch¬ 
deutenden gelehrten Verlag. Die Blütezeit der handlung des Waisenhauses auch durch die 
Halleschen Universität, in erster Linie durch folgenden Jahrhunderte fort. Wer den Ver- 
Francke und Thomasius hervorgerufen, lag in fasser aus seinen früheren Schriften kennt, weiss, 
den Jahren von 1700—1730 und deckte sich dass er zu unseren ersten Kennern auf dem 
mit der Wirksamkeit Franckes, nachdem sein Gebiete der Entwicklung des deutschen Buch- 
Waisenhaus erstanden war. Aus dieser Zeit handeis zählt, und der kundige Forscher verrät 
weist der Verlagskatalog gegen 19 Mitglieder sich denn auch in jeder Zeile des vorliegenden 
der verschiedensten Fakultäten als Autoren Werkes. Uns kam es darauf an, im Jubiläums- 
nach, und auf diese 19 Universitätsgelehrten jahre die Wirksamkeit A. H. Franckes klar¬ 
kommen 157 grosse Verlagsunternehmungen, zustellen, aber auch über diesen begrenzten 
darunter viele Quartanten und Folianten, sowie Rahmen hinaus findet sich viel des allgemein 
einzelne bändereiche Werke. Der Theologe Interessanten in der Schrift: mag Schürmann 
Joachim Lange ist allein durch 26 Titel ver- über das Messwesen, den Tauschhandel, das 
treten. Diese starke Beteiligung der Univer- Privilegien- oder Zeitungswesen reden, immer 
sitätsprofessoren und die so augenfällig bekun- bieten seine Ausführungen wichtige Beiträge 
dete Anhänglichkeit derselben sind wohl zumeist zur Geschichte des Buchhandels. Wir würden 
auf die Persönlichkeit Franckes zurückzuführen, uns freuen, wenn wir durch diesen Bericht zur 
die in der Nähe auch Fernerstehende zu ge- Lektüre des Buches selbst Anregung gegeben 
winnen und für sich einzunehmen wusste, hätten. Kein Bücherfreund wird es ohne den 
Ebenso sprechen aber die zahlreichen und reichsten Gewinn aus der Hand legen. 

4t 


Drei Ex-Libris der Lüneburger Ratsbibliothek. 

Von 

Hans Müller-Brauel in Zeven. 



or einiger Zeit fand ich zwischen einem 
Haufen alter Kupferstiche, welche einst 
in der von Stemschen Druckerei in 
Lüneburg gedruckt wurden (für die berühmten 
„Stemschen Bibeln"), zwei hochinteressante Ex- 
Librisdrucke, die meine Aufmerksamkeit er¬ 


regten. 

Ich wusste sofort, dass ich in diesen Blättern 
die Folgezustände eines handgemalten stadt¬ 
lüneburgischen Bücherzeichens, welches schon 
vor längerer Zeit in meinen Besitz gekommen 
war, in Händen hatte. Ausserdem hatte ich 
Z. f. B. 98/99* 


aber beim Durchsuchen der reichen Lüneburger 
Stadtbibliothek in verschiedenen Fällen diese 
beiden Bibliothekszeichen als solche in verschie¬ 
denen geschichtlichen und rechtswissenschaft¬ 
lichen Werken thatsächlich verwendet gesehen. 

Irre ich nicht, so sind auch einige gemalte 
Ex-Librisblätter in den Bänden der Bibliothek 
eingeklebt — der Lüneburger Museumsverein 
besitzt eine Buchdeckelklappe mit dem gleichen 
Blatt. — Von einer andern Buchdeckelklappe, die 
vor langen Jahren beim Neubinden eines alten 
Foliobandes in einer lüneburgischen Buch- 

27 


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210 


Müller •Branel, Drei Ex-Libris der Lüneburger Ratsbibliothek. 


binderei liegen geblieben war, löste ich mein 
Blatt herab. Leider, muss ich hinzusetzen. Ich 
kannte damals die Bedeutung des Blattes noch 
nicht, und deshalb nahm ich die mir heute 
thöricht erscheinende Trennung vor; die buntge¬ 
presste schweinslederne Deckelklappe schenkte 
ich später dem Bremer Kunstgewerbemuseum. 

In Bezug auf die Blätter selbst verweise 
ich in der Hauptsache auf die beigegebenen 
getreuen Abbildungen, die eine eingehende 
Beschreibung überflüssig erscheinen lassen. 
Das gemalte Blatt, 21 x 16,8 cm gross, 
zeigt in zwar flotter, aber doch handwerks- 
mässiger Ausführung in einem tRenaissance- 
Rahmen das Lüneburger Stadtwappen in male¬ 
rischer, nicht streng heraldischer Gestaltung. 
Irgend eine Beischrift ist nicht vorhanden. Im 
Papier ist die Hälfte einesWasser- 
zeichens, ein Wappenschild, er¬ 
kennbar. Zeitlich zu datieren 
nach Form und Ausführung 
ist es etwa zwischen 1550—60; 
dazu passt die Deckelklappe, 
welche ehemals das Blatt trug. 

In kräftigem Holzschnitt aus¬ 
geführt ist das zweite Blatt, 

31,5 X 20,5 cm gross. Ein reicher 
Kranz von Renaissanceomamen¬ 
ten und Fruchtgehängen, in 
welchem vier weibliche Figuren, 
die Gerechtigkeit, Eintracht, 

Tapferkeit und Klugheit darstellend, angebracht 
sind, rahmt das grosse Lüneburger Wappen mit 
seiner vollen Helmzierde ein. Die untere Figur, 
die Tapferkeit, welche im rechten Arme die 
sagenhafte Lunasäule hält, (nun im Lüneburger 
Museum) steht auf einem ornamental um¬ 
rahmten Schilde, das ein leeres Feld enthält 
für eine Einschrift resp. die Katalognummer. 
Eine direkte Bezeichnung als „Ex-Libris“ ist 
auch hier nicht angebracht; die weiblichen 
Figuren sind durch lateinische Beischriften 
erklärt Zweifellos ist das Blatt aber ein Besitz - 
Zeichen, also ein richtiges Ex-Libris. Als solches 
ist es auch, wie erwähnt, in verschiedenen Folio¬ 
bänden der Lüneburger Bibliothek angebracht 
worden. 

Was dem Blatte eine ganz besondere Wich¬ 
tigkeit beilegt, ist der Umstand, dass es höchst¬ 
wahrscheinlich von der Hand des berühmten 
Bildschnitzers Albert von Soest herrührt, der 


(vermutungsweise ein Sohn Aldegrevers) in den 
Jahren 1572—1583 die berühmt gewordenen 
Schnitzereien für das Lüneburger Rathaus schuf. 
Bis 1588 wird Soest in Lüneburg urkundlich 
nachgewiesen. Sein Einfluss auf Kunst und 
Handwerk in Lüneburg war ein sehr grosser; 
ausser seinen Arbeiten im Rathause sind zahl¬ 
reiche andere Arbeiten in Holz, Stein und Papier¬ 
mache von ihm erhalten, ja, er hat auch Thon¬ 
friese für Häuserfronten und Ofenkacheln ge¬ 
schaffen, resp. sind solche unter seinem Einfluss 
und in seiner Schule entstanden. Zeitlich ist 
dieses Blatt wohl sicher in die Jahre 1570—80 
zu setzen; die Ausführung des Ganzen, die 
Ornamente, insbesondere aber die weiblichen 
Figuren, sprechen sehr für die gestaltende 
Hand des Meisters Albert. Will man indessen 
nicht seine direkte Thätigkeit 
annehmen, so bleibt sein starker 
Einfluss doch immer bestehen. 
Der Schnitt selber könnte, will 
man wieder von A. von Soest 
absehen, sehr gut in der v. 
Stemschen Druckerei, die zu da¬ 
maliger Zeit im Formschnitt und 
in der Buchdruckerkunst auf der 
Höhe ihres gesamten Schaffens 
stand, erfolgt sein. Die Druck¬ 
legung des Bücherzeichens ist 
jedenfalls, wie ja auch die Auf¬ 
findung meines Blattes schon 
beweisen würde, in der v. Stemschen Druckerei 
selbst erfolgt 

Wird erst einmal die jetzt in Angriff ge¬ 
nommene Durcharbeitung des städtischen Ar¬ 
chivs in Lüneburg vollendet sein, so werden 
sich diese Fragen mit Sicherheit beantworten 
lassen; bei der unerschöpflichen Reichhaltigkeit 
des Archivs kann man die einstige Auffindung 
der Rechnungen für das Blatt mit Bestimmtheit 
Voraussagen. 

Das Blatt scheint übrigens sehr selten zu 
sein; ausser den etwa x /a Dutzend Exemplaren, 
welche sich in Lüneburg befinden dürften, ist 
mir nur noch Kunde geworden von einem Exem¬ 
plar in der Sammlung der Düsseldorfer Aka¬ 
demie. Dieses kopierte wenigstens in den acht¬ 
ziger Jahren der Maler Heinrich Vogeler in 
Worpswede. 

Gut 150 Jahre später nach der Herstellung die¬ 
ses künstlerischen Bibliothekzeichens entstand 



Ex-Libris 

der alten Lüneburger Ratsbibliothek. • 


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Imim* 



Ex-Libris der altem Lüneburger Ratsbibliothek. 


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CONCQRDIA. 






212 


Müller-Brauel, Drei Ex-Libris der Lüneburger Ratsbibliothek. 


das letzte städtische Bücherzeichen, ein nüch¬ 
ternes, reizloses Blatt, nicht viel mehr wert 
als ein Siegelstempel. Es ist in Typensatz (?) 
hergestellt und ein reines Besitzzeichen; inner¬ 
halb einer doppelten kreisrunden Linienein¬ 
fassung stehen die Worte: LIBER BIBLIO¬ 
THEK SENATORLE LUNEBURG und 
eine kleine Vignette. Das Zeichen ist auf Folio¬ 
bogen gedruckt und zwar so, dass die erste 
und dritte Seite des Bogens je 6 x 4 Drucke 
enthalten 1 . Auf der Stadtbibliothek ist es fast 
nur in rechtswissenschaftliche Werke eingeklebt, 
die um und nach 1750 gedruckt sind. — Die 
Nachrichten über die Bibliothek selbst, für 
welche diese Buchzeichen Verwendung fanden, 
sind nicht eben gross. Die wenigen bezüg¬ 
lichen Notizen hat Prof. W. Görges übersichtlich 
zusammengestellt in seiner Abhandlung »Zur 
Geschichte der Stadtbibliothek “ im Osterpro¬ 
gramm des Johanneums zu Lüneburg für 1880. 
Dieser Arbeit sind auch die nachstehenden 
Angaben entnommen. 

Bereits vor Einführung der Reformation 
besass der Rat der Stadt eine, wenn auch 
vielleicht nur unbedeutende Bibliothek; es finden 
sich nämlich in einer Schedelschen Chronik 
die Worte: „Hane cronicam Ludolphus Tobingh 
senatui Luneburgensi ad librariam dono dedit 
Vita functus anno 1494“. Mehrere juristische 
Werke tragen die Einschrift „Hunc librum Spec- 
tabili Senatui Dominus Rudolffus de Calle Vi- 
carius, dum esset in humanis, in Ecclesia Divi 
Johannis Luneburgens. Anno 1516 legavit.“ 

Diese und andere Bücher der Ratsbiblio¬ 
thek werden nach 1555, als die letzten Franzis¬ 
kanermönche Lüneburgs ihr Kloster verlassen 
hatten, und nun ihre reiche Bibliothek durch 
Senatsverfügung dem geistlichen Ministerium 
und der Schule zum Gebrauch überwiesen 
und so die jetzige Stadtbibliothek begründet 
wurde, wahrscheinlich mit in die neue Bücherei 
gelangt sein. 

Mit der Zeit entstand dann wohl wieder 
eine, für den Handgebrauch des Rates be¬ 
stimmte Bibliothek, welche, nach den Resten 
zu schliessen, aus geschichtlichen, namentlich 
aber aus rechtswissenschaftlichen und auch 
aus genealogischen Werken bestand. Die An¬ 
schaffung der letztgenannten war erklärlich, da 


die Mitglieder des Rates fast alle alten hoch¬ 
angesehenen Patrizierfamilien entstammten. Es 
lag nun nichts näher als diese Handbibliothek 
des Rates als solche für alle Fälle zu kenn¬ 
zeichnen, und so wurde wohl in jedes oder aber 
in diejenigen Bücher, welche oft entliehen wurden, 
ein gemaltes Eigenzeichen als Ex-Libris hinein¬ 
geklebt 

Nötig war diese Kennzeichnung aber auch 
noch aus einem andern Grunde. Prof. Görges be¬ 
richtet in einer Fussnote zu seiner Abhandlung: 
„Der Rat liess sich selten eine Gelegenheit ent¬ 
gehen, Handschriften zu kaufen, deren Inhalt 
sich auf Lüneburg bezog. Es waren dies 
meistens Kollektionen, die sich ehemalige Mit¬ 
glieder des Rats zum Handgebrauch angelegt 
hatten, und die der Rat nicht in fremde Hände 
kommen lassen wollte. In den Rechnungen 
sind diese Handschriften so ungenau bezeichnet, 
dass sich jetzt nicht mehr konstatieren lässt, 
welche davon sich noch auf der Stadtbibliothek 
befinden. Vermutlich sind aber viele dieser 
auf Kosten der Stadtbibliothek angeschafften 
Handschriften gar nicht auf die Bibliothek ge¬ 
bracht oder sie sind später von irgend welchen 
Mitgliedern des Rats in Gebrauch genommen 
worden und so verloren gegangen.“ 

Diese Gefahr aber, etwa beim Ableben eines 
Ratsmitgliedes für die Ratsbibliothek verloren 
zu gehen, bestand auch begreiflicherweise 
für solche Bücher, welche die Ratsmitgliederbei 
Lebzeiten zu Hause benutzt hatten. So musste 
also schon der — allzeit praktische — Rat der 
Stadt ein Eigenzeichen für diese schaffen. Für 
die immerhin wenigen Bände genügte ein ge- 
maltes Blatt, welches natürlich das Stadtwappen 
zeigte. 

Als nun wenige Jahrzehnte später der Rat den 
Meister Albert von Soest zur Ausschmückung 
des Rathauses nach Lüneburg berief, lag es 
wiederum nahe, dieses Blatt, welches wohl von 
Fall zu Fall angefertigt wurde, durch ein vorrätig 
gehaltenes zu ersetzen, und so mag das Holz- 
schnitt-Ex-Libris entstanden sein. 

Dazu kam, dass die Sitte, seine Bücher durch 
ein Ex-Libris zu zieren, gerade zu dieser Zeit 
in Lüneburg in höchster Blüte stand. Von fast 
allen Patrizierfamilien Lüneburgs sind aus jenen 
Tagen geradezu herrliche, blattgrosse Ex-Libris 


1 Ein Foliobogen befindet sich in meinem Besitz. H. M.-B. 


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Schmidt, Mittelalterliche Lesezeichen. 


213 


(auch Geschenk-Ex-Libris) erhalten 1 . Der Jagd¬ 
junker Hieronymus von Witzendorf liess sich von 
dem Maler Daniel Frese , der von 1572—78 das 
Rathaus mit Bildern schmückte, ein Ex-Libris 
schneiden, sein Vater und er selber liessen 
ihren Büchern das Familienwappen aufpressen 
mit einem eigens gravierten Stempel 2 ; — diese 
selben Bücherfreunde sassen nun im Rate der 
Stadt — so waren also alle Vorbedingungen 
ftir ein Ratsbibliothekszeichen gegeben. 

Mit der Zeit kamen dann diese Bücher auch 
in die Stadtbibliothek; als solche bezeichnet sie 
1662 der damalige Bibliothekar Caspar Sagi- 
tharius in seinem Vorschlag: die bibliotheca 
hujus reipubücae et ecclesiae publica möge auf 
städtische Kosten, wie früher, gereinigt werden. 

Die Abgabe der Ratsbibliothek-Bücher an 
die allgemeine Bibliothek geschah wohl ent¬ 
weder aus der Erkenntnis heraus, dass sie so 
der Allgemeinheit zu gute kämen, oder es waren 


neuere, bessere Werke an Stelle der vorhan¬ 
denen getreten. 

Aus eben denselben Gründen entstand um 
1750 wieder das letzte Ratsbibliothekszeichen. 
Hiermit sind, wie oben wiederholt gesagt, 
meist rechtswissenschaftliche Werke gezeichnet 
worden; ich vermeine auch irgendwo gelesen 
zu haben, damals hätten die Ratsmitglieder unter 
sich eine Lesegesellschaft begründet, deren 
Bücher dann nachher eine eigene kleine Rats¬ 
bücherei gebildet hätten. 

Ich hoffe, in vorstehenden Zeilen mit Sicher¬ 
heit nachgewiesen zu haben, dass für eine, zum 
Handgebrauche des Lüneburger Rates be¬ 
stimmte Bibliothek diese drei, hier, wie ich 
glaube, zum erstenmale beschriebenen Bücher¬ 
zeichen, thatsächlich als Ex-Libris in Gebrauch 
gewesen sind, wenn sie auch, dem Umfange 
der Bibliothek entsprechend, nur in wenigen 
Exemplaren Verwendung gefunden haben . 




Mittelalterliche Lesezeichen. 

Ein Nachtrag 

von 

Dr. Adolf Schmidt in Darmstadt 


Maiheft des laufenden Jahrgangs 
HP IIIIj der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ ver- 
W 9 a HBil öffentlichte Herr Dr. R. Forrer in 
Strassburg eine sehr interessante, mit Abbil¬ 
dungen geschmückte Abhandlung über „Mittel¬ 
alterliche und neuere Lesezeichen.“ Da auch 
ich mich vielfach mit diesen kleinen Gebrauchs¬ 
gegenständen, die in den Handschriften der 
Grossherzoglichen Hofbibliothek zu Darmstadt 
in Menge erhalten sind, beschäftigt habe, ver¬ 
mag ich einige Ergänzungen und Nachträge 
zu Forrers Ausführungen zu geben. 

Man nannte die Schnüre oder Bänder, die 
man in die Bücher einlegte, um eine Stelle 
rasch auffinden zu können, im Mittelalter 


„Register“. Ein in den siebziger Jahren des 
XV. Jahrhunderts wahrscheinlich von Günther 
Zainer in Augsburg gedruckter lateinisch¬ 
deutscher Vocabularius erklärt Registrum als 
„register vel buch schnür, in proposito est zona 
vel multitudo zonarum interposita foliis quater- 
norum ut scriptura quae quaeritur citius inve- 
niatur et facilius inveniri possit,“ ein anderes 
Wörterbuch übersetzt „Register“ sehr treffend 
mit „Kersnuor“. Weitere Stellen über die 
mittelalterlichen Lesezeichen mag man in der 
unerschöpflichen Quelle für die Geschichte des 
Buches, in Wattenbachs vortrefflichem Schrift¬ 
wesen im Mittelalter, 3. Auflage, Leipzig 1896, 
S. 396—397 nachlesen. 


1 u. * Ich behalte mir vor, auf diese Patrizier-Ex-Libris und auf die von Witzendorfsche Bibliothek in einer 
eigenen Abhandlung zurückzukommen. Allerlei interessantes Material darüber steht mir zur Verfügung, und ich 
hoffe auch, dass die jetzige Verwaltung der Stadtbibliothek ihre Genehmigung zur Veröffentlichung ihrer Bibliotheks¬ 
zeichen und Einbände erteilen wird. H. M.-B. 


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214 


Schmidt, Mittelalterliche Leseseichen. 



Die von Herrn Dr. Forrer für die Entstehung 
des Gebrauchs, Lesezeichen zu verwenden, ge¬ 
gebene Erklärung, sie seien aus dem Bedürfnis 
der mittelalterlichen Chorsänger, die einzelnen 
öfter gebrauchten Gesänge in den Antiphonarien 
ohne langes Suchen rasch finden zu können, 
hervorgegangen, scheint mir zu eng gefasst 
zu sein, denn ein solches Bedürfnis lag nicht 
nur für die Chorsänger, sondern fiir alle Bücher¬ 
benutzer vor. Die Bücher waren damals weit 
weniger bequem eingerichtet als jetzt; es fehlten 
vielfach die Blätterzahlen und häufig die In¬ 
haltsverzeichnisse und alphabetischen Register. 
Wie lange es selbst nach der Erfindung der 
Buchdruckerkunst noch dauerte, bis man durch 
Seitenzahlen und bequeme Register die Be¬ 
nutzung der Bücher erleich¬ 
terte, habe ich in einer 
längeren Abhandlung über 
„Zeilenzählung in Druck- 
werken,Inhaltsverzeichnisse 
und alphabetische Register 
in Inkunabeln“ im „Central¬ 
blatt für Bibliothekswesen“ 
13 , 13 — 30 » Leipzig 1896, 
nachzuweisen versucht In¬ 
folge der schwerfälligen 
Einrichtung der Bücher kam 
man auf verschiedene Not¬ 
behelfe, um das rasche Auf- 
Abb. 3. schlagen einer gesuchten 


Stelle zu ermöglichen. Einmal liess man zu Be¬ 
ginn der einzelnen Teile eines Codex oder auch 
an besonders wichtigen Stellen kleine Pergament¬ 
streifen oder aus Pergament oder Leder ge¬ 
flochtene Knöpfe über den Seitenschnitt des 
Buches hervorragen, erstere vielfach mit Auf¬ 
schriften versehen, mit deren Hilfe man sich 
leicht zurechtfinden konnte. Nach meinen 
Erfahrungen ist diese Einrichtung bei liturgischen 
Handschriften viel häufiger als das zweite 
Mittel, die Benutzung der Bücher zu erleichtern, 
und als die eigentlichen Lesezeichen, die mir 
mehr in wirklich zum Lesen bestimmten Büchern, 
namentlich in den im späteren Mittelalter 
massenhaft verbreiteten Andachts- und Er- 
bauungsbüchem vorzukommen scheinen. 

In Handschriften der 
GrossherzoglichenHofbiblio- 
thek hat sich eine grosse 
Menge von Lesezeichen er¬ 
halten, von dem einfachen 
Pergament- oder Leder¬ 
streifen oder der geflochtenen 
Schnur an bis zu den mit 
schön geflochtenem Kopfe 
versehenen seidenen Bän¬ 
dern. Bald sind die Lese¬ 
zeichen nur eingelegt, bald 
sind sie oben im Rücken des 
Buches befestigt, eine Sitte, 
die nicht erst, wie Herr Dr. Forrer annimmt, 
im XVI. Jahrhundert aufkommt, sondern sich 
auch schon in Handschriften findet, von denen 
sich mit Sicherheit nachweisen lässt, dass sie 
im XV. Jahrhundert gebunden worden sind. 

Besonders interessant sind einige Lesezeichen, 
die mir namentlich in Handschriften des XV. 
Jahrhunderts aus Kölner Klöstern (z. B. in Hs. 
519, 792, 1004, I2 S°) begegnet sind, und die es 
nicht nur ermöglichen, die Seite, auf welcher der 
Leser stehen geblieben ist, zu finden, sondern 
sogar die Spalte und die Zeile. Um die sonst 
allein verwendete Schnur oder den Pergament¬ 
streifen ist nämlich ein kleines viereckiges oder 
nach der Seite zugespitztes Pergamentblättchen 
geschlagen, in das ein zweites kreisrundes 
Stückchen Pergament so eingenäht ist, dass es 
um seinen Mittelpunkt drehbar bleibt Auf 
dieser Scheibe sind nun bei einspaltiger Schrift 
ein und zwei dicke schwarze Punkte mit Tinte 
gemalt, bei zweispaltiger Schrift ein, zwei, drei, 




Abb. 2. 


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Fischer von Röslerstamm, Vom deutschen Antographenmarkt. 


215 


vier Punkte oder die Zahlen I—IHL Will der 
Leser festhalten, dass er auf der ersten Spalte 
stehen geblieben ist, so dreht er den einen Punkt 
oder den Einer nach aussen, ist er bis zur 
vierten Spalte gekommen, in gleicher Weise die 
vier Punkte oder die Zahl HU. Die beiden Ab¬ 
bildungen (1 und 2) in natürlicher Grösse werden 
diese sinnreiche Einrichtung noch deutlicher 
machen als es die blosse Beschreibung vermag. 

Bei dem Gebrauch dieser Lesezeichen darf 
man selbstverständlich die Spalten nicht in 
unserer heutigen Weise zählen, bei der die 
zwei Spalten der Vorderseite eines Blattes als 
erste und zweite, die beiden Spalten der Rück¬ 
seite als dritte und vierte bezeichnet werden. 
Die erste Spalte ist vielmehr die bei aufge¬ 
schlagenem Buche am weitesten links vom 
Leser liegende, also auf der Rückseite eines 
Blattes befindliche, und die Zählung schreitet 
von links nach rechts fort, so dass die letzte 
Spalte rechts zur vierten wird. Es ist dies 
eine Art der Spaltenzählung, die mir auch in 
Kölner Inkunabeln, verbunden mit der ent¬ 
sprechenden Blattzählung, vielfach begegnet ist 

Aber nicht nur die Seite und Spalte, auf 
welcher der Leser stehen geblieben ist, vermag 
er mit Hilfe dieses sinnreich erfundenen Lese¬ 


zeichens rasch aufzufinden, sondern sogar die 
Zeile, da das Pergamentblättchen an dem Per¬ 
gamentstreifen oder der Schnur auf- und abge¬ 
schoben und deshalb auf eine bestimmte Zeile 
gestellt werden kann. Dieses Lesezeichen leistet 
also alles, was man nur verlangen kann. 

Nicht weniger merkwürdig ist ein anderes 
Lesezeichen, das sich in der in den sechziger 
Jahren des XV. Jahrhunderts in dem Kölner Kar¬ 
thäuserkloster geschriebenen Handschrift 1102 
erhalten hat Es ist ein herzförmig zugeschnit¬ 
tenes Pergamentblättchen, das, wie aus der 
Abbildung 3 zu ersehen ist, in der Mitte einen 
den äusseren Rändern parallel laufenden Schnitt 
hat, vermittelst dessen es dem Rande eines 
Blattes aufgesetzt werden kann, so dass der 
obere Teil über den Schnitt des Buches her¬ 
vorragt. Ein ganz gleiches, nur etwas kleineres 
herzförmiges Lesezeichen fand Spyr. P. Lambros 
1880 in einem der Athosklöster; es findet sich 
in der „Byzantinischen Zeitschrift“ VI, $66 
Leipzig 1897, beschrieben und abgebildet 

Es ist nicht ohne Interesse zu sehen, wie 
das Bedürfnis nach Erleichterung der Bücher- 
benutzung in einem Kölner Kloster und im 
fernen Osten in Griechenland die nämliche 
Befriedigung gefunden hat 


& 


Vom deutschen Autographenmarkt. 

Von 

E. Fischer von Röslerstamm in Rom. 



Jon den Resultaten der im Oktober 1897 
in Berlin und Leipzig (4. Abt der 
Sammlung Künzet) abgehaltenen Auk- 
tionen wurden in dieser Zeitschrift bereits kurze 
Mitteilungen gegeben. Seither kamen in Leipzig 
(bei List 6* Franke) die 5. und 6. Abteilung 
Künzel zur Versteigerung und fanden ferner 
Auktionen statt in Berlin (bei Leo Liepmannssohn 
im März) und in Wien (bei Gühofer 6* Ransch - 
bürg im Februar), über welche in wenigen 
Zeilen gleichfalls schon berichtet wurde. 

Alle diese Versteigerungen standen, wenn 
ich mich so ausdrücken darf, unter dem Sterne 


des in den letzten Jahren in Deutschland — 
nur Chauvinisten genügt es noch nicht! — 
mächtig erwachten Nationalgefuhles. Damit 
will ich beileibe nicht sagen, die deutschen 
Autographensammler hätten es in den früheren 
Jahrzehnten an Patriotismus fehlen lassen. Sie 
haben, nicht nur mit der Pietät des Alles 
conservierenden Liebhabers, sondern, sobald 
dieses Moment mit in Frage kam, auch mit 
dem doppelten Interesse, das der Gebildete an 
den Schicksalen seiner eigenen Nation nimmt, 
Schriftstücke, die auf die Geschichte unseres 
Volkes Bezug haben, in ihren Schränken auf- 


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216 


Fischer von Röslerstamm, Vom deutschen Antographenmarkt 


gehäuft, und das kommt jetzt, da ein alter 
Sammler nach dem anderen die Augen schliesst, 
nach und nach wieder auf den Markt; das 
seither herangewachsene Geschlecht aber sendet 
den Alten seinen Dank für die Sorgfalt, mit 
der sie die Handschriften deutscher Patrioten 
bewahrten, noch ins Grab nach, indem es für 
solche Stücke hohe Preise anlegt Die Notie¬ 
rungen für Beckers „Rheinlied“ und Chemnitz 1 
„Schleswig-Holstein meerumschlungen,“ welche 
im Mai 1896 bei Herrn Liepmannssohn erzielt 
wurden (111, bezw. 90 Mark), und die ich in 
dieser Zeitschrift gebührend hervorgehoben 
habe, waren Vorläufer für eine Reihe von 
Kämpfen, in denen ähnliche Schriftstücke heiss 
umstritten wurden. (In den nachfolgenden Aus¬ 
zügen behalte ich für die bei List & Franke in 
Leipzig abgehaltenen Auktionen der Künzel- 
schen Sammlung das K bei und bezeichne die 
Berliner und Wiener Auktionen mit B und W.) 
Friesen, der Freund Körners und Lützows, ist 
allerdings ausnehmend selten, aber 205 M., die 
für einen (langen interessanten) Brief von ihm 
in Berlin bezahlt wurden, sind eine riesige 
Summe, ebenso Andreas Hofer (B 1. s.) 250 M., 
Schill (B las.) 80; Jahn (B las.) 62; die schles- 
wig-holsteinschen Patrioten Lomsen und Samwer 
(B 22 und 11 Mark) wären vor einigen Jahren 
kaum beachtet worden. Hierher gehört auch 
ein Brief von Moritz Busch an Emst Keil, aus 
Reims vom 8. Sept 1870, in dem zu einer 
Illustration für die Gartenlaube die Begegnung 
zwischen Napoleon HI. und Bismarck geschildert 
ist, und der bei K mit 100 M. bezahlt wurde. 
Dass die Stadt Dresden zu Gunsten des 
Körner-Museums für das Zriny-Manuskript 
1800 M. bewilligte und in Leipzig anwesende 
Sammler, darunter der seither verstorbene 
Rudolf Brockhaus , 600 M. opfern wollten, um 
das wertvolle Stück Herrn Posonyi-Wien zu 
entreissen, ist doch auch ein Beweis für meine 
Behauptung, dass man heute bereit ist, für 
Autographe, die mit den nationalen Fragen in 
Berührung stehen, hohe Summen zu bezahlen, 
wenn auch in diesem Falle die Liebesmühen 
unbelohnt blieben. Die Scene in Leipzig er¬ 
innert übrigens an eine ähnliche, die sich vor 
einigen Jahren mit demselben heissblütigen 
Autographenliebhaber in Berlin abgespielt hat 
Damals entriss man Herrn Posonyi ein wert¬ 
volles Manuskript von Hans Sachs, für dessen 


Erwerbung das Germanische Museum, dem 
Hans Sachs bis dahin fehlte, eine seine Finanz¬ 
kraft schon erschöpfende hohe Summe ausge¬ 
worfen hatte. Dieselbe war bereits überschritten, 
Herr Posonyi, der noch immer weiter ging, 
wurde aber von einem Berliner Sammler glück¬ 
lich in die Flucht geschlagen, und rauschender 
Beifall ertönte, als das Autograph in das 
Auktionsprotokoll als vom Germanischen Mu¬ 
seum erworben eingetragen wurde. Der Be¬ 
trag, um welchen die von der Nürnberger 
Museums-Direktion ausgeworfene Summe über¬ 
schritten werden musste, wurde noch am selben 
Tage durch Subskription unter Freunden des 
Museums gedeckt Übrigens kann sich die 
städtische Körner-Sammlung in Dresden dar¬ 
über trösten, dass ihr das Zriny-Manuskript 
vorläufig noch entgangen ist. Dasselbe ist nicht 
in den Besitz der ungarischen Regierung über¬ 
gegangen, also wohl nicht auf immer für 
Deutschland, resp. Dresden, verloren. — In 
der Künzelschen Sammlung fanden sich zu viele 
Autographe Theodor Körners, als dass alle die 
Briefe, Gedichte, Entwürfe hätten einen hohen 
Preis erzielen können, dagegen wurden im März 
in Berlin die beiden vorhandenen Gedichte, 
„Harras, der kühne Springer“ mit 400, und 
„An den Frühling“ mit 155 M. bezahlt 

Meine Befürchtung, dass im Oktober 1897 
in Leipzig so viele Schiller- Briefe angeboten 
werden dürften, dass daraus eine Schiller-Baisse 
entstehen könnte, ist glücklicherweise über¬ 
flüssig gewesen. Herr Künzel scheint, was ihm 
in den vielen Jahren, während welcher er Briefe 
Schillers an C. G. Körner verkauft hat, übrig 
geblieben ist, dazu bestimmt zu haben, dass es 
von seinen Erben nach und nach zum Verkauf 
gebracht werde. Das zu diesem Briefwechsel 
gehörige Schreiben vom 28. Aug. 1788 wurde 
mit vollen 620 M. bezahlt, ein ebenso kost¬ 
barer Brief Schillers an Schwan mit nur hundert 
Mark weniger. Dagegen wurde sein Jugend¬ 
gedicht „An die Sonne“ als zweifelhaft zurück¬ 
gezogen. Berlin brachte übrigens gleichfalls 
erstaunlich hohe Schiller-Preise. Zwei Briefe 
wurden mit 480 und 465, zwei Rätsel (eines 
ungedruckt) mit 455 M. bezahlt 

Hat nicht auch hier der nationale Enthusiasmus 
mitgesprochen? Ferner darf man die Vermutung 
aussprechen, dass nicht nur Begeisterung für 
die Schöpfungen unserer Musikheroen oder 


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Fischer von Röslerstamm, Vom deutschen Autographenmarkt 


217 


Interesse an Varianten o. dgl. es waren, welche 
Dr. Prieger bestimmten, die hohe Summe zu be¬ 
zahlen, welche für die Haydn-, Mozart-, Schubert-, 
Beethoven- und anderer Musikmanuskripte 
verlangt wurden, die aus dem Besitze der Ar- 
tariaschen Handlung stammten. 

Genug davonl Freuen wir uns, dass es da¬ 
mit besser geworden ist! Frankreich, Italien, 
England und Amerika haben ihren Autographen, 
besonders auch denen ihrer Nationalhelden, eine 
oft übertriebene Wertschätzung angedeihen 
lassen; die deutschen Sammler haben durch 
ihre Mitbewerbung um französische, englische, 
italienische Stücke, die jedenfalls in viel aus¬ 
gedehnterem Mafse stattfindet, als sich umge¬ 
kehrt das Ausland um deutsche Handschriften 
bekümmert, noch dazu beigetragen, die Prae- 
tensionen der Nichtdeutschen zu erhöhen; bei 
uns zu Hause dagegen hat man — überdies 
auch noch von dem deutschen Billigkeitsge- 
fiihle durchdrungen, dass man den „kleinen 
Leuten“ oder „mittelmässigen Berühmtheiten“ 
zukommen lassen müsse, was ihnen gebührt — 
förmlich eine Scheu davor gehabt, für erste 
Namen oder für, uns nur ihrer nationalen Ge¬ 
sinnung und Thätigkeit wegen ganz besonders 
sympathische Persönlichkeiten singuläre Aus¬ 
nahmen zuzugestehen, — unser Kalkül ging 
eigentlich bisher nur dahin: Hat der Betreffende 
viele Briefe hinterlassen? Ist er jung verstorben? 
Und was dergleichen Philistrositäten mehr sind. 

Endlich aber — und dies praktische Moment 
darf auch nicht vergessen werden — spiegelt 
sich in den höheren Autographenpreisen auch 
ab, dass in erfreulicher Weise unser National¬ 
reichtum gestiegen ist; und wenn ein kleiner 
Teil des grossen Mehlgewinnes, den Handel 
und Gewerbe jetzt erzielen, im Autographen¬ 
verkehr ausgegeben wird, so kommt dies denn 
doch auch in beschränktem Sinne der Ver¬ 
mehrung der idealen Güter unserer Nation zu 
gute. 

In dem Nachfolgenden teile ich meistens 
nur Preise von solchen Persönlichkeiten mit, 
die in dem, im Oktoberheft 1897 erschienenen 
längeren Berichte über Autographen-Auktionen 
in Deutschland nicht vorgekommen sind. — 
Ich beginne wieder mit dem Zeitalter der 
Reformation (wenn nicht anders bemerkt, las. 
d. h. eigenhändiger und Unterzeichneter Brief): 
Alle aus Berlin (im März): Agricola p. s. 26; 

Z. t B. 98/99. 


D. Ckytraeus 13—25; Corvmus 16; R. Cruciger 
28; V. Dietrich 28; Hedio 45; Luther (fragm. 
de las.) 35; Melanchton las. 79, mscr. a. s. 91; 
Muttanus Rufus (L a.) 22; Osiander 24; 
Spalatin (poes. a. s.) 50; Stancaro ( 1 . s. e. c. 
a.) 17 M. 

Deutsche Litteratur: J. V\ Andreas B 13; 
Rosa Maria Assing K 14; f. C. Bode K 
9—12; L . Brachmann (B poes. a. s.) 13; 
v. Canitz (K p. a. s. 1691) 20; Castelli (K 
mscr. a. s. 15 p. 8) 20; Chamisso K 14 (B 
12—27); B Manuskripte 40—105; J. A. Cramer 
K 8 —12; A . y. Cranz K IO; Eichendorff (B 
mscr. a. s.) 90; FreUigrath (B Manuskripte) 
42—55; Gaudy (B „Wo bleibt mein Geld?“) 20; 
Geihel K 11 (B 1835 an Chamisso) 68, (B 
poes. a.) 16—62; Henr . Gersdorf B 30; Joh 
CharL Gersdorf B 35; Goethe (B poes. a. 
„Zwischen Waizen und Korn u. s. w.“ 18 Zeilen) 
395, — in Leipzig brachten 62 Stücke von G. 
meist 1. s. oder L s. e. c. a., nur 1 las. und 
4 unbedeutende p. a. s. zusammen 563 M.; 
Gottsched (K, mitunterz. von seiner damaligen 
Braut) 71; B 46; Grillparzer brachte in Wien 
34—51 Gulden, Raimund sogar 110, auch (aber 
Lokal-) Patriotismus; V. Herberger B 12; 
Hölderlin (B poes. a.) HO; Hölty (B poes. a. s.) 
205, (K poes. a. s.) 37; E. Th. A. Hoffmann 
B 26; Iffland K bis zu 15; Ew. v. Kleist K 
25—52, B (über Lessing) 105; Lenau K (bill. 
a. s. „Niembsch Lenau“) 12; Ludwig /. v. 
Anhalt-Köthen B 13; Christlob Mylius, Lessings 
frühverstorbener Freund, (B an A. v. Haller, 
schön) 26; Platen B 34—61; Reinick B (poes. 
a. s.) 16; Rückert B (Manuskripte) 20—84; 
Schenkendorf B (poesie a. s. „M. Schf.“) 19; 
Schiller W (an Hufeland) 120 Gulden; sein 
Vater K (quitt, a. s.) 16; seine Frau K (p. a.) 
IO; seine Schwester Christophine K (doc. a. 
und p. a.) 8—14; sein Schwager Reinwald K 
(2 poes. a. und bill. a. s.) 20; sein Schwieger¬ 
vater K ( 1 . s. e. c. a., interessant) 32; seine 
Schwägerin K. v. Wolzogen K 10—17; deren 
Mann K (mscr. a.) 20; A. W. Schlegel B 11; 
Siegfr. Schmid K (las. 1800) 25; Schmidt 
v. Lübeck B (mscr. a. s.) 14; Schubart K 
(Hohenasperg 1786) 75, B (Augsbg. 1774)67; 
seine Frau K 10—27; Seume B (poes. a. be¬ 
glaubigt) 40; Charl. Stieglitz K 10; A. Stöber 
B (mscr. a.) 12; H. P. Sturz K 12; Thümmel 
K und B 9—12; Uhland B (poes. a.) 115, (p. 

28 


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218 


Fischer von Röslerstamm, Vom deutschen Autographenmarkt 


a. s.) 26; Wackenroder K 13—40; Waiblinger 
K fleckig) 8, (mscr. a. s.) 16—21; 

Wekhrlin K 11; Zack* Werner K 6, B (inter¬ 
essant) 20; Willamov K (poes. a. s.) 25 M. 

Einer kurzen Erläuterung bedürfen folgende 
Preisnotierungen: Der recht seltene M. Denis 
wurde bei K wohl deshalb nur mit 2 M. be¬ 
zahlt, weil der Brief italienisch abgefasst war; 
ein schöner Geliert- Brief mit der vollen Unter¬ 
schrift brachte in Leipzig 46 M., in Berlin da¬ 
gegen ein ebensolcher nur noch 17 M., die 
bloss „G.“ oder „Glrt“ gezeichneten Briefe 
gingen viel billiger weg; G. ist eine der weni¬ 
gen Persönlichkeiten, deren Schriftstücke im 
Preise sinken. Ebenso verhält es sich mit 
A. v. Haller , dessen las. in Leipzig und in 
Berlin 10 M. nicht erreichten. Ein unbedeu¬ 
tender Brief von Klaus Groth, mit einer p. a. s. 
dazu, wurde bei K mit 2 M. 70 Pf. bezahlt, 
während in Berlin ein interessanter Brief, in 
dem der Dichter unter seinen „Nachtretern“ 
Fritz Reuter nennt, bis auf 14 M. ging. Von 
Anast. Grün wurde ein „A. Auersperg“ ge¬ 
zeichneter Brief in Berlin wohl nur deshalb 
mit vollen 40 M. bezahlt, weil er sich darin 
„zu den wärmsten Bewunderern Heines offen 
bekennt.“ Noch komischer berührt, dass ein 
Brief von Therese Huber , die sonst wenig gilt, 
in Berlin mit 16 M. bezahlt wurde, weil sie 
darin von ihrer zehnten Entbindung spricht 
Ein Brief von Immermann ging in Berlin auf 
41 M., weil er an Heine gerichtet war; von 
Jung-Stilling konnte man bei K 5 Briefe für 
11 M. haben, während in Berlin einer , in dem 
der Schreiber über die französische Revolution 
seinen Zorn ausschüttet, mit 16 M. bezahlt 
wurde. Die Briefe der Karschin sind nicht 
selten und wurden dementsprechend in Leipzig 
bezahlt, — in Berlin wurde ein Gedicht an 
Friedrich den Grossen, zur Taufe des nach¬ 
maligen Königs Friedrich Wilhelm IH, auf 
15 M. getrieben. Just. Kerner folgt seinem 
Freunde und Landsmann Uhland, der immer 
mehr im Preise steigt; K. wurde in Leipzig 
und Berlin (las. bis zu 16 M., Gedichte noch 
höher) sehr gut bezahlt Lessing ist so selten 
geworden, dass ein von General Tauentzien 
gezeichneter Brief, den L. als dessen Sekretär 
geschrieben hat (18 Zeilen), mit 725 M. be¬ 
zahlt wurde. Uz, der nur erst als ziemlich 
selten bezeichnet wird, ist schon bei 20 M. 


angelangt Wielands Briefe werden in die 
haussierende Tendenz für die Klassiker all¬ 
mählich hineingezogen (Herder ist davon vor¬ 
läufig noch ausgeschlossen); eine Nachschrift 
Wielands zu einem Briefe seines Sohnes, worin 
es nach der Schlacht von Jena heisst „Wir 
sind nun unter dem Schutze des grossen 
Napoleon“ wurde bei K mit 29 M. bezahlt 
Von der Litteratur des Auslandes kamen in 
Berlin vor: H. C\ Andersen (mscr. a. s.) 21; 
J. de Lamettrie 126; Maupertuis 11. In Leipzig: 
Byron (bill. a. s., in schlechtem Zustand) 34; 
Cumberland 20; Longfellow 13; Sheridan 10; E. 
Young (las., beschnitten) IO; Piron 11; Goldoni 
las. 32, f. d’alb. 13 ; C. Gozzi 20—25; Leopardi 
13—2i; Manzoni 24; Metastasio 8—10 M. 

Die fiinfte Abteilung der Auktion Künzel 
brachte hauptsächlich Stücke aus Italien, Eng¬ 
land und Amerika. Die daraus hervorzuheben¬ 
den Preise schliesse ich hier an: Eugen v. 
Savoyen las. (eigenhändig selten) 30; Victor 
Etnanuel II. 15; Cavour 13; A. Doria ( 1 . s.) 
12—15; Fieschi (p. a. s. dürftig) 12; Carlo 
Borromeo ( 1 . s.) 28; Baronius (L s. e. c. a.) 12; 
Aldrovandi ( 1 . s. e. c. a.) 11; Galvani (p. a. s.) 
30; V. Gioberti 4—12; Fr. Gutcdardini ( 1 . s. 
e. c. a.) VH; Bolingbroke (doc. s.) 12, (p. a. s.) 11; 
Ch. Howard (Armada) 1 . s. IO; Marlborough 
1 . s. 13—20; Monk 1 . s. 16—20; W. Pitt d. j. 
13; Salisbury (1563—1612) doc. s. 15—20; 
Walpole 12; Casaubonus IO; P. Gassendi 37; 
Saumaise 19 M. Von Berlin nenne ich von 
hochbezahlten Ausländem noch: Berthier 1 . s. 
mit postscr. a. (7 Zeilen) 15; Duroc II; Junot 
25; Ney ( 1 . s., wichtig) 13; Uhrich 31; Mazarin 
1 . s. e. c. a. 61; Mirabeau 70; Robespierre (p. 
a.) 71; Saint Simon (interessant) 50; Oldenbame - 
veldt 1 . s. 25; J. de Witt 1 . s. 32; Napoleon L 
( 1 . s. „Bonaparte“) 39; Maria Lesczczynska ( 1 . a.) 
12; Wilhelm III. (Oranien) v. England (doc. s.) 
13 M. Ein Fragment von Leo X. brachte es 
auf 11 M., während von Künzels Päpsten 
nur Gregor XIII. ( 1 . s. als Papst) und Sixtus V. 
( 1 . s. als Kardinal) 15, bezw. 14 M. erreichten. 
Der verhältnismässig mehr begehrte Clemens XIV. 
blieb mit einem eigenhändigen Briefe, „Frä 
Lorenzo Ganganelli“ gezeichnet, bei 9 M. stehen. 

Von sonstigen Regierenden und deren An¬ 
gehörigen erwähne ich noch: Wilhelmine v. 
Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Grossen, 
(über die Schlacht von Leuthen) 100 M.; Georg 


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Fischer von Röslerstamm, Vom deutschen Autographenmarkt 


219 


d. Bärtige ( 1 . s.) 20; Friedrich Christian v. 
Augustbg. (über Schiller) 15; Wilhelm I. v. 
Würtbg . (hochinteressant) 21; die früher so 
hochgeschätzte Pfalzgräfin kommt jetzt häufig 
mit las. vor; deshalb brachte sie es bei K nur 
auf je 20 M. In Wien wurden 22 las. und 
bill. a. s. der Maria Theresia an G. v. Swieten 
mit 295 Gulden bezahlt, ein eigenhändiger, inter¬ 
essanter Brief Karls V. an den Papst mit 
226 Gulden. 

Von wissenschaftlichen Grössen seien ge¬ 
nannt: P. Bayle B 17; Boerhaave (K 2 las.) 
28; Comenius (B p. a. s. 2 p. 8, enggeschrie¬ 
ben) ioo; Darwin B 27; Euler K 14—26; 
Fichte K (las. „F.“) 17, (las. voll unterzeichnet) 
20—24, B (sehr schön) 41; Fröbel K (interes¬ 
sant) IO; W. Grimm B (hochinteressant) 21; 
H. Grotius B (mscr. a.) 13; Hamann K 8—9; 
Hegel K 4—20, B (2 Tage vor seinem Tode) 
20; Herschel d. Ä. K 10—16; Hevelius K 37; 
Chr\ Huygens B 56; Jenner K 12—23; Kant 
B 120; Leibniz K (nicht unversehrt) 46, B (eben¬ 
falls lateinisch) nur 20; Linne B 30; Mesmer 
K io; Montgolfier B 49; Pestalozzi B 29; 
Reaumur B 20; Schleiermacher K (las. „Schl.“) 
4, (voll) II; Schopenhauer B (ungedruckt) 135^ 
K 72, W 49 Gulden; D. Strauss K 12; Volta 
B 52; Zinzendorff K 21 M. 

Die bildende Kunst und die Musik waren in 
Berlin und Leipzig diesmal nicht besonders ver¬ 
treten. Ich erwähne aus Leipzig nur Ph. Hackert 
13 und aus Berlin: Dannecker 60; Schlüter 
(noch nie dagewesen — eine eigenhändig ge¬ 
schriebene und Unterzeichnete Quittung) 100; 
G. Fr. Schmidt (Kupferstecher) 30; Lortzing 
f. d’alb. 37, mus. a. (ergänzt) 27; Mendelssohn 
46—60; Süssmayer mus. a. (wurde von dem 
Vorbesitzer, weil S . 9 Noten ebenso zierlich ge¬ 
schrieben sind, für ein Mozart-Autograph ge¬ 
halten) 30; Zelter (las. an Schiller) 30, (mus. a.) 
12 M. In Wien wurden Briefe von Beethoven 
mit 88—176 Gulden, J. Haydn 89—125, R. 
Wagner 60 —120 bezahlt. 

Die sechste Abteilung der Sammlung Künzel 
welche im Mai d. J. versteigert wurde und auf 
die im Obigen gar nicht Bezug genommen 
worden ist, brachte in mehr als 1600 Katalogs- 
nummem etwa 10000 Stücke von deutschen 
Fürstenhäusern, Bischöfen und Staatsmännern, 
welche die Mappen vieler Sammler, die es 
schon als eine Lücke betrachten, wenn ihnen 


irgend ein Glied einer Dynastie fehlt oder 
irgend ein Ministerium nicht vollständig ist, 
bereichert haben werden. 

Es erübrigt mir noch eine Nachlese, welche 
zumeist solche Personen betrifft, die von den 
Sammlern unter die „Diversen“ gelegt werden. 
Vorher erwähne ich noch aus der Berliner 
Auktion: Forcade 17; H. J. v. Ziethen (eigen¬ 
händig selten) 40 und Garibaldi, der den Über¬ 
gang bilden kann. Was er schreibt (die halbe 
Oktavseite brachte 21 M.), ist zwar wenig, aber 
sehr interessant: „Caprera 27. Sept 1870. Mon 
eher Dubief. Le gouvemement provisoire ne 
veut pas de nous. Votre devou£ G. Garibaldi.“ — 
Drei Briefe des Verlegers Crusius an Schiller 
wurden in Berlin mit je 15—19 M. bezahlt; 
James Watt K IO; Pasquale Paoli K 12; 
Casanova K (mscr. a. 2 p. fol.) 10; die Dubarry 
K(p. a. s.) 23; Antoin. Bourignon , die bekannte 
Schwärmerin, B 23—39; die Gräfin Lichtenau 
B 72 M.; endlich schoss Therese Krones in 
Wienmit 65 Gulden den Vogel ab. 

Wieder habe ich den Lesern dieser Zeit¬ 
schrift eine lange Reihe von Namen vorgeführt, 
die ich, weil ich den hier gebotenen Raum 
nicht ungebührlich in Anspruch nehmen darf, 
meistens ohne Erläuterung, ohne Lebensdaten 
hinstellen musste. Wenn aber schon jeder 
einzelne Autographenkatalog ein kleines Laby¬ 
rinth ist, in dem nicht einmal der dabei inter¬ 
essierte Sammler stets den Ariadnefaden in 
der Hand behält, so ist ein Massenangebot, 
wie es die Saison 1897/98 brachte, geradezu 
sinnverwirrend. Und dabei stand, als dieser 
Bericht abgeschlossen wurde, noch eine präch¬ 
tige Auktion bei Heberle in Köln (die Samm¬ 
lung des verstorbenen Lempertz sen.) bevor, und 
es sind Aussichten vorhanden, dass 1898/99 
wieder grosse Versteigerungen bringen wird. 
Wenn das Autographensammeln in den letzten 
Jahren nicht erheblich zugenommen hätte, in 
demselben Verhältnis, wie der leidige Auto- 
graphenfo//*/ in erfreulicher Abnahme ist, so 
wäre das Angebot kaum zu bewältigen. 

Ich schliesse diesen Aufsatz mit dem Aus¬ 
druck dankbarer Anerkennung dafür, dass die 
Familie Brockhaus in Leipzig die Autographen- 
Schätze, welche Herr Rudolf Brockhaus in 
vierzig Jahren eifrigen Sammelns um sich ver¬ 
einigt hat, gleichsam als ein ideales Fidei- 
commiss beisammen halten wird. 


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Georg Leopold Fuhrmanns Schriftprobenbuch von 1616. 

Von 

Heinz König in Lüneburg. 


e für Italien mit den Städten Venedig 
und Florenz, so verbindet sich für 
Deutschland mit Augsburg und Nürn¬ 
berg die Vorstellung, dass sie auf dem Gebiete 
der Buchausstattung bahnbrechend für die 
Renaissance gewesen sind. Augsburg, die 
Geburtsstadt eines Holbein, die Heimat Hans 
Burgkmairs, Daniel Hopfers, Hans Schäufeleins, 
verliert zwar im Laufe der Bewegung an Be¬ 
deutung, Nürnberg jedoch erhält sich auf der 
Höhe. Besonders die deutschen Schriften 
finden in beiden Städten eine hervorragende 
Pflege und Verwendung. 

Um das uns vorliegende Schriftprobenheft 
Georg Leopold Fuhrmanns voll würdigen und 
verstehen zu können, werfen wir vorerst einen 
Blick auf die Zeit, aus der — und auf die Basis, 
auf welcher es hervorgegangen. Hier nimmt zu¬ 
nächst der „ Theuerdanck“ unser volles Interesse 
für sich in Anspruch. 

Gerade der „Theuerdanck“ mit seiner herr¬ 
lichen Frakturtype, die, einzig in ihrer Art, 
weder vorher noch später an eigenartiger Schön¬ 
heit erreicht wurde, bietet in seiner Gesamt¬ 
erscheinung ein Büd von ausserordentlich de¬ 
korativ wirkender Buchausstattung. Die ganze 
Freude des Kalligraphen an zierlichen Feder¬ 
schwüngen und Verzierungen, die unendlich 
abwechselungsreiche Anwendung verschieden¬ 
artiger Buchstabenformen, zeigt so recht die 
Reichhaltigkeit, welche der deutschen Schrift 


hierin zu Gebote stand. Interessant ist die 
Herstellung dieses Werkes für den Fachmann 
wegen der technischen Schwierigkeiten, welche 
bei der freien Verwendung der Federzüge zu 
überwinden waren; die Lösung der Aufgabe 
ist eine tadellose, so dass in früherer Zeit häufig 
die Vermutung ausgesprochen wurde, der 
Theuerdanck sei von Platten gedruckt worden. 

Der Zeichner der vielbewunderten Buchstaben 
war bekanntlich Vincenz Rockner, der Hof¬ 
sekretär Kaiser Maximilian I. Diesen Schrift¬ 
formen, welche man als den Ausgangspunkt der 
„Deutschen Schriften“ bezeichnen darf, steht 
Albrecht Dürer ohne Frage sehr nahe; er ver¬ 
wendet sie mit Vorliebe und hat sogar die 
Regeln für die Grundformen der Fraktur ge¬ 
geben, nach welchen Hieronymus Hölzel dann 
die Buchstaben schnitt Auch nach Dürers Zeit 
blieb Nürnberg noch die Hauptpflegestätte für 
die Frakturschrift. Schreibmeister wie der 
ältere und jüngere Neudörffer, Fabian und Paul 
Franck, Wolfgang Fugger, Künstler wie Jost 
Amann und Virgil Solis u. a. m. liefern im 
Verlaufe des XVI. Jahrhunderts eine ausser¬ 
ordentlich reiche Fülle von Schrift- und Ver¬ 
zierungsformen. 

Mit Schluss dieser Periode hört die gesunde 
Weiterentwickelung der deutschen Schriften 
nahezu auf; was für die Folge entsteht, ist von 
übermässigen Verschnörkelungen in den Kanz¬ 
leien entstellt und charakterisiert sehr anschau¬ 
lich mit seinen manirierten 
Formen das papieme Regi¬ 
ment des grünen Tisches. 
Jahrhunderte lang behilft sich 
der Buchdruck mit den über¬ 
nommenen Fraktur- und 
Schwabacherschriften; diese 
ausserordentliche Lebens¬ 
fähigkeit ist ein günstiges 
Zeichen für deren Wert als 
Schriften. Neue, dem Stil der 
Zeit entsprechende Formen 
kommen in den Lettern nicht 
zum Ausdruck; nur in über¬ 
ladenen Initialen und Leisten 


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OcrfcmcmltKclmor 

Abb. i. Die grosse Kanonfraktur Fuhrmanns. 



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König, Georg Leopold Fuhrmanns Schriftprobenbuch von 1616. 


221 



giebt die Buchaus¬ 
stattung Kunde da¬ 
von, dass sie noch 
nicht gänzlich erstor¬ 
ben ist Die gren¬ 
zenlose Verarmung 
infolge des unglück¬ 
seligen dreissigjähri- 
gen Krieges und der 
gänzliche Mangel an 
künstlerisch schaf¬ 
fender Neugestal¬ 
tungskraft bedingen 
das langsame Ab¬ 
fluten der kräftigen 
Renaissancebewe¬ 
gung auf dem Ge¬ 
biete der Buchaus¬ 
stattung. An der 
Wende des XVI. 

Jahrhunderts finden 
wir, dass dieselbe 
bereits ihren Höhe¬ 
punkt überschritten 
hat und ihre Kraft 
gebrochen ist. 

Aus dieser Zeit 
nun, dem Jahre 1616, 
hat sich ein Buch¬ 
drucker - Schriftpro¬ 
benbuch erhalten, 
welches uns einen 
ausserordentlich in¬ 
teressanten Über¬ 
blick über die ver¬ 
flossene Periode und 
das Material giebt, 
das den damaligen 
Typographen zur 
Verfügung stand. 

Es stammt aus 
der Officina calco- 
graphica von Georg Leopold Fuhrmann , „Civis 
et Bibliopolae Norici“, wie er sich nennt, und 
ist kürzlich in den Besitz des Berliner Kunst¬ 
gewerbemuseums gekommen. Fuhrmann zählte 
nebst Petrejusund Peypus in Nürnberg, Egenolph 
und Sabon in Frankfurt zu Deutschlands besten 
Schriftgiessem damaliger Zeit. 

Da an älteren Schriftproben auf unsere 
Tage verhältnismässig wenig gekommen ist, 


(malt pianturto rote in 
ImiöÄpIuwIpÄ 


KN* <£Mfi niSrßäfKtibe 


tnfuiun^cftO!w-£u autc 


Eine Seite aus Kaiser Maximilians Gebetbuch von 1515 
mit der Kanonfraktur und Dürers Randzeichnungen. 


ausser Einzelblättem, wie z. B. von Erhärt 
Ratdolt, so bietet uns dieses Buch einen um 
so willkommeneren Anhalt für die Beurteilung 
der damaligen Leistungen. Es dürfte vielleicht 
eines der frühesten zusammenhängenden Muster¬ 
bücher sein, welche uns erhalten geblieben sind. 
Es ist für uns von um so grösserem Interesse, 
als wir in ihm deutsche Initialproben aus der 
besten Zeit sowohl, wie auch spätere finden, und 


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222 


König, Georg Leopold Fährmanns Schriftprobenbuch von 1616. 


sich uns dadurch ein Bild von der Entwicke¬ 
lung dieser Schriften resp. Initialen entrollt, 
wie wir es nirgendwo so einheitlich, mit Aus¬ 
nahme natürlich der Schreibvorlagen, finden. 

Gerade diese Sparte der Schrift ist bislang 
bedauerlicherweise sehr vernachlässigt worden. 
Butsch hat in seiner „Bücheromamentik der 
Renaissance" die Fraktur und deren Übergangs¬ 
formen einfach übergangen. Es ist das um so 
weniger zu verstehen, als die deutschen Schriften 
zur Entwickelung des geschichtlichen Bildes der 
Buchausstattung gar nicht zu entbehren sind. 

Gehen wir nun auf die Betrachtung der 
Einzelheiten des Fuhrmannschen Schriftproben¬ 
buchs näher ein. Das Werk ist in kleinem 
Hochquart gedruckt, die Satzgrösse der ein¬ 
zelnen Kolumnen beträgt 12x15,2 cm. Letztere 
sind durchweg mit einer halbfetten Linie und 
daran schliessender zierlicher Arabeskenein¬ 
fassung umgeben, sogenannten Mauresken. 
Der ausführliche Titel fuhrt gleichzeitig den 
Inhalt an; er enthält als Vignette die Abbildung 
einer alten Druckerei mit hölzerner Handpresse, 
Setzkästen, an denen gearbeitet wird, dem 
Gestell zum Papiertrocknen, kurz dem ganzen 
einfachen Druckapparat von damals. 

Die Presse unterscheidet sich im wesentlichen 
nicht von Abbildungen aus früherer Zeit; der 
Drucker ist gerade damit beschäftigt, Papier¬ 
bogen in das Rähmchen zu legen, und der 
Pressgespan schwärzt die Form mit den Ballen 
ein. Oberhalb desTiegels steht das Stundenglas, 
um den Fortgang der Arbeit zu kontrolieren, 
daneben liegt der Schliessnagel; Hammer, 
Scheere und anderes unentbehrliches Hand¬ 
werkszeug hängen oben an der Presse an 
Nägeln, um gleich bei der Hand zu sein. An 
dem Seitenteile derselben sieht man das Schwert, 
das Symbol der Wehrhaftigkeit, welches dem 
Buchdrucker zu tragen verliehen war, eine 
Anordnung, welche jedenfalls in damaliger 
unruhiger Zeit nicht unnötig erscheint 

Die linke Seite der Vignette ist mit dem 
Signet Fuhrmanns in einem Schilde, dem Mono¬ 
gramm G. L. F., in Form alter Hausmarken 
gezeichnet, verziert; um dasselbe schlingt sich 
ein Band mit der Inschrift „prelum Fuhrman- 
nianum." Es geht natürlich ohne die nun 
folgende unvermeidliche lateinische Vorrede 
„Dissertatiuncula, quando et ubi regionum lo- 
corumve, Typographia primitus inventafit" 


nicht ab. In derselben wird uns erzählt, dass, 
den Geschichtsschreibern gemäss, in neuerdings 
entdeckten Ländern, dieCataitanier, ein indischer 
Volksstamm, sowohl den Gebrauch des Schiess¬ 
pulvers als auch die Typographie lange gekannt 
hätten; es sei daher wahr, was Aristoteles sage, 
dass unabhängig von einander zu verschiedenen 
Zeiten und in verschiedenen Ländern dieselben 
Erfindungen gemacht werden könnten. 

Es wird dann weiter fortgefahren, dass in 
unserm Weltteil letztere Erfindung von den 
Deutschen gemacht worden sei, ,dieses himm¬ 
lische Geschenk, das von Faustus und Peter 
Schöffer von Gernsheim, seinem Schwiegersohn, 
dem er seine einzige Tochter Christine zur 
Gattin gegeben hatte, geheim gehalten wurde; 
doch während alle Gesellen durch feierlichen 
Eid zum Stillschweigen verpflichtet waren, ver¬ 
öffentlichte es im zehnten Jahre darauf der Diener 
(Minister) des Faust, Johannes Guttenberger aus 
Strassburg, in Deutschland. . / 

Der alte Streit über die Erfindung der 
schwarzen Kunst scheint also auch damals 
bereits die Gemüter bewegt zu haben, denn 
ein späterer Besitzet des Buches fugt unter 
Anziehung einer Reihe von Autoren hand¬ 
schriftlich auf der ersten Seite des Buches 
hinzu . . . „hieraus erscheint hell und klar, dass 
dies Büchlein (Alphabetum divini amoris, de 
elevatione mentis in Deum, venerabilis Magistri 
Johannis Gerson, Cancellarii Parisiensis. Im¬ 
pressum Parisi per Georgium Mittelhus) drij? 
nach der Erfindung zwar ze Paris, aber nit 
durch einen Franzosen, sondern von den so 
genandten Teutschen Georg Mittelhusz ge¬ 
druckt und die Kunst nit aus Frankreich in 
Teutschland sondern von dar in Frankreich 
gebracht worden seye. Wird damethe der 
streit zwischen den Teutschen und Franzosen 
aufgehoben und liegt nichts daran, was die 
Stadt Strassburg und Mainz über den Vorgang 
sich zanken . . .“ 

Nach der fünf Seiten umfassenden Vorrede 
fügt Fuhrmann eine „Memoria magnorum aliquot 
virorum, qui liberales ac benefici in Typographos 
fuerunt“ hinzu, der ein abwechselnd in latei¬ 
nischen Hexametern und Pentametern ge¬ 
schriebenes Gedicht „Artis typographicae queri- 
monia, de illiteratis quibusdam typographicis, 
propter quos in contemptu venit; autore Henrico 
Stephano (Etienne)“ folgt. Nach Überwindung 


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Köllig, Georg Leopold Fuhrmanns Schriftprobenbuch von 1616. 


223 


auch dieser weitschwei¬ 
figen Verse kommen wir 
endlich zu den Schriften. 

Der Formenkreis an 
Brod- oder Werkschriften, 
welche dem Typographen 
jener Zeit zu Gebote stand, 
ist nur ein kleiner, aus 
F raktur, Schwabacher, 

Antiqua und Kursiv be¬ 
stehend. Die gotischen 
Schriften der Inkunabeln 
sind ausser Gebrauch ge¬ 
kommen ; die Buchdrucker 
behelfen sich während 
mehrerer Jahrhunderte 
fast ausschliesslich mit 
diesen vier Hauptschrift¬ 
charakteren, wie Probenbücher aus späterer Zeit 
ausweisen. 

Der grosse Kanon ist die erste Schriftart in 
unserm Probenheft. Grössere Titelzeilen werden 
im XVI. Jahrhundert meistens besonders ge¬ 
zeichnet und in Holz geschnitten; erst später 
kommen grössere Grade wie Sabon, Missal, 
Principal, Real und Imperial hinzu. Diese grosse 
Kanonfraktur (Abb. 1) ist von jenem herrlichen 
Schnitt, wie solcher zum Text des Gebetbuches 
Kaiser Maximilian I. mit Dürers Randzeich¬ 
nungen verwendet wurde (Abb. ia). Sie wird 
in den Drucken des XVI. Jahrhunderts durch¬ 
weg gebraucht und findet sich auch noch lange 
Zeit später, wenngleich der Schnitt allmählich 
verdorben wird. 

Die nun folgenden kleineren Schriftgrade: 
Der kleine Kanon, Text, Tertia oder Bibelschrift, 
Mittel, Cicero, Garmond, Petit oder ,Jungfraw- 
schrift“ tragen nicht mehr jenen reinen gleich- 
mässigen Schnitt wie die erste. „Schwobacher“ 
ist nur in den Grössen von Tertia abwärts 
vorhanden, es folgen Mittel, Klein Schwo¬ 


bacher oder Garmond und 
Maintzer oder die kleine 
Rheinländerin. 

Die Antiquaschriften 
sind von breitem klarem 
Schnitt, in deren Minus¬ 
keln der Federstrich gut 
zu Tage tritt; sie sind nur 
in wenigen Graden vor¬ 
handen. Auf Kleinkanon 
folgt Tertia, Mittel in 
Frankfurter und Nürn¬ 
berger Schnitt, Cicero 
und Garmond. Es fallt 
bei der Bezeichnung der 
Schriften auf, dass ein¬ 
zelne Namen für mehrere 
Grössen verwendet wer¬ 
den, so z. B. Garmond nicht nur für die kleine 
Zehnpunktschrift, sondern auch für die kleine 
Kanonantiqua; es muss also der Name, der 
bekanntermafsen von dem berühmten französi¬ 
schen Schriftgiesser Claude Garmond stammt, 
noch nicht für eine bestimmte Schriftgrösse 
feststehend gewesen sein. Falls sich die Be¬ 
zeichnung bei der kleinen Kanon lediglich auf 
den Schnitt beziehen sollte, wäre jedenfalls die 
Überschrift anders gewählt und Garmond nur 
als Zusatz gebraucht worden, wie solches bei 
der Cicero und Petit-Fraktur mit dem Namen 
„Sabon" geschehen ist. 

Die Kursivschriften, von denen vier Grade, 
Tertia, Mittel, Cicero und Garmond, vorhanden 
sind, zeigen im Verhältnis zum Kegel ein ausser¬ 
ordentlich kleines Schriftbild. Die über und 
unter die Zeile hinausragenden Buchstaben sind 
infolge dessen sehr lang geraten; es fällt dieses 
jedoch nicht unangenehm auf, da die Schrift 
im ganzen klar bleibt. 

Eine Reihe von Ligaturen finden sich in 
der Kursiv, welche heute nicht mehr gebräuch¬ 
lich sind; so sind für die Buchstaben sp 
fr ct is ris us besondere Lettern vorhanden, 



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Abb. 2 und 3. Notentypen Fuhrmanns. 




Abb. 4—7. Aus Fuhrmannschen Alphabeten. 


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224 


König, Georg Leopold Fuhrmanns Schriftprobenbuch von 1616. 


neben ss ist ein Zeichen für sz gegossen, eben¬ 
falls kommen zwei et-Zeichen vor. Zur Belebung 
des Schriftbildes dienen einzelne Anfangs- und 
Endbuchstaben mit Schwüngen und Ausläufern. 
Bei Versalien sind für diesen Fall zwei Formen, 
verziert und unverziert vorhanden, die jedoch 
nur bis zur Cicero durchgeführt sind. Aus 
den in mittelalterlichen Hand¬ 
schriften üblichen Kürzungen hat 
sich die lateinische Endung que 
in der bekannten Form in die 
Kursiv hinübergerettet Mit zwei 
Graden griechischer Typen 
schliessen die Schriften. 

Wir kommen jetzt zu den 
Notentypen. 

Sechslinige Noten dürften an 
und für sich nicht häufig sein, da 
sich in bekannteren musikge¬ 
schichtlichen Werken nichts da¬ 
rüber findet; es gehören daher 
die zwei Grade, welche als 
„Characterum ad Testudinem & 
tabulaturam Gallicam accomoda- 
torum, exemplum primum“ und 
„Specimen secundum“ bezeichnet 
werden, jedenfalls auch als Typen 
zu den Ausnahmen. Auf den 
Notenlinien stehen bei beiden 
Arten kleine lateinische Buch¬ 
staben, bei der ersten Sorte in 
Form der bekannten Antiqua 
geschnitten, während die zweite 
sich der Rundschrift nähert 

Der Unterschied zwischen 
diesen beiden Systemen liegt in 
den Zeichen, welche oberhalb der 
Notenlinien stehen; da eine Ab¬ 
bildung das Verständnis ausser¬ 
ordentlich vereinfacht, dürfte die 
beifolgende für Musikverständige von Interesse 
sein. (Abb. 2 und 3.) 

Drei weitere Blätter mit „notas figurales 
und Chorales“ bieten nichts Charakteristisches. 

„Calenderzeichen, Aspecten und Ziffer-Prob“ 
sind auf zwei Blättern zusammengefasst. Wie 
ausserordentlich lange derartige Zeichen in 
Benutzung geblieben sind, bevor sie durch 
Neuschnitt ersetzt wurden, geht aus einem 
Vergleich mit dem etwa 125 Jahre späteren 
Schriftprobenbuch von Emesti in Leipzig her¬ 


vor. Unbedingt dieselben Originalschnitte sind, 
wie eine genaue Vergleichung ergiebt, auch 
zu diesen späteren Klischees benutzt worden, 
wenigstens bei der groben Kanon, die kleineren 
Grade zeigen dagegen Abweichungen. 

Über welcherlei Verrichtungen der Kalender 
in früherer Zeit zu Rate gezogen wurde, setzt 
uns in Erstaunen; so finden wir 
unter den Bauemkalenderzeichen 
ein Kreuz für gut Aderlässen, ein 
Kleeblatt für gut Säen, ein Beil 
für gut Holzfällen, einen Stern für 
Arzneibrauchen, eine Scheere für 
Haare, eine Hand für Nägel¬ 
schneiden; auch über Schröpfen, 
Fischen, Jagen, Ackern u. a. m. 
geben diese Kalender Auskunft; 
unglückliche und glückliche Tage 
werden durch Zeichen bereits im 
voraus bestimmt Dass man sogar 
das Wetter vorher kannte, deuten 
die Zeichen für Regen, Wind, 
Schnee, Kälte, Donner, Hagel und 
Sonnenschein mit den verschie¬ 
densten Unterabstufungen an. 

Wir wenden uns jetzt zu den 
Initialen, unstreitig dem interes- 
santestenTeil des Buches; gleich¬ 
zeitig ist er auch der umfang¬ 
reichste, da von den 63 Blättern, 
aus denen das Werk besteht, 26 
für Ziermaterial, davon 17 allein 
für deutsche Initialen verwandt 
worden sind. Wir müssen diese 
Reichhaltigkeit dem Umstande 
zuschreiben, dass das Buch in 
Nürnberg, der Wiege der Fraktur¬ 
schrift, entstand. Ein volles Jahr¬ 
hundert blühte diese hier und 
lieferte das zierlichste Material für 
die „Modisten“, wie sich die Schönschreiber nann¬ 
ten, von denen wir bereits weiter vom eine Reihe 
von Namen erwähnt haben. In besonderen 
Schulen wurde die Ausbildung der Schreiber ge¬ 
pflegt, die im Gegensatz zu den Schreibern der 
mittelalterlichen Handschriften die Entwickelung 
und Verzierung der Schrift und des Initials aus 
dem Federzug durchführten, während erstere zur 
Malerei und dem Ornament gegriffen hatten. 

Bei nicht allzu übermässiger Verschnörkelung 
giebt der Federzug ohne Frage ein sehr geeignetes 



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König, Georg Leopold Fuhrmanns Schriftprobenbuch von 1616. 


225 





Abb. 12—14. Aus Fuhrmannschen Alphabeten. 


Ziermaterial ab und gestattet vor allem der 
Erfindungsgabe des Schreibers einen weiten 
Spielraum in der Neuschöpfung von Buch¬ 
stabenformen. Die Fraktur hat den Vorzug 
vor der Antiqua, dass sich ihre Grundformen 
durch die Anwendung der breiten Feder viel¬ 
gestaltig variieren lassen; sie erscheint gewisser- 
mafsen selbst als Ornament in der Fläche. So 
giebt es besonders von dem älteren Neudörffer 
aus dem Jahre 1538 Schriftvorlagen, in Kupfer 
gestochen, die uns die Schönheiten der Fraktur, 
vor allen Dingen aber die Übergangsformen 
aus der Gotik in die neuen Formen erkennen 
lassen. Die Bezeichnung „Kanzleischrift“ welche 
für die abgerundetere Form der Fraktur viel¬ 
fach gebraucht wird, stammt ebenfalls aus den 
Nürnberger Schreiberschulen, in denen die 
Sekretäre für die kaiserliche Kanzlei ihre Aus¬ 
bildung fanden. 

In dem uns vorliegenden Material finden 
wir nun Initialen, in denen die Durchführung 
der mit der Feder möglichen Verzierungen in 
der verschiedenartigsten Weise gelöst ist. 

Die einfachste Art ergiebt sich aus der 
begleitenden feinen Linie, welche, zunächst 
parallel mit dem Grundstrich laufend, in einer 


Spirale oder dem Teile einer solchen mit einem 
Punkte, einem anschwellenden Federzug oder 
einem flotten Federschwung als Ausgang endigt. 
Die Kombination dieser Begleitungslinien, die, 
von Anfang und Endung des Grundstriches 
ausgehend, in der Mitte oft zu reizenden Linien¬ 
kreuzungen fuhrt, ergiebt allein schon eine un¬ 
endliche Fülle von Verzierungen. Diese Linien 
werden noch weiter unterbrochen durch kleine 
Federstriche, Punkte, Häkchen, Kreuze u. a. m., 
die zur Belebung der Fläche beitragen. 

Die Grundstriche der Buchstaben erscheinen 
im Anfang aus einem Federzug bestehend, aus 
welchem häufig die Weiterführung in die ver¬ 
zierende Spirale erfolgt. Verdoppelungen dieser 
Hauptstriche, welche die Grundform bilden 
(Abb. 18—20), Unterbrechung derselben durch 
kleine Querstriche (Abb. 5, 6, 7,10), bis schliess¬ 
lich zur Auflösung der letzteren in ein Netz 
von Linienkreuzungen, geben der Phantasie des 
Schreibers den weitesten Spielraum. 

Es erscheint geradezu unmöglich, diese 
unendliche Fülle von Verzierungen durch Be¬ 
schreibung verdeutlichen zu wollen, und muss 
das Bild hier das fehlende Wort ersetzen. Je 
weiter sich die Bewegung von ihrem Anfang 



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226 


König, Georg Leopold Fährmanns Schriftprobenbuch von 1616. 


f) 1 i ^ ft Museums, welches gerade 

an deutschen Zierbuch- 

Abb. 19—21. Fubrmannsche Einzelbachstaben. yOH denen jedoch bei ein¬ 

zelnen die Buchstaben X 

entfernt, desto grösser und überwuchernder und Y, bei einigen ferneren vereinzelte Buch¬ 
wird das Beiwerk, bis schliesslich die klare staben fehlen. 


Buchstabenform unter dem Wust von Ver- 


Die Zeichner dieser Schriften lassen sich 


zierungen erdrückt wird und nur mit Mühe zu nur durch Vergleich mit den vielfach vor¬ 
erkennen ist handenen Schreibbüchem feststellen; es sind 

Fremdartiges Ornament, das nicht aus dem die oben erwähnten Namen, unter denen die 
Federzug hervorgeht, sondern aus Arabesken Familie Neudörffer ein Jahrhundert lang den 
(Abb. 4), zopfigem Blattomament, landschaft- hervorragendsten Platz einnimmt In geschickter 
liehen und naturalistischen Blumen und Laub- Weise ist die freie Entfaltung des Federstrichs 
motiven entstammt, verdrängt schliesslich den der quadratischen Form, welche für die Zwecke 
verzierenden Federzug, und diese organisch des Buchdrucks erforderlich war, angepasst, und 
nicht zur Grundform gehörenden Verzierungen die Initialen sind, ausserordentlich harmonisch 
nehmen sich wunderbar genug neben ersterer, sich entwickelnd, in den Raum komponiert 
die noch den Federzug zeigt, aus. Interessant Von den Abbildungen 15—21 ist nur je 
ist es, zu beobachten, welche bedeutende Rolle eine einzige vorhanden; diese Buchstaben sind 
die Überlieferung bei der Entwickelung der jedenfalls für besondere Zwecke geschnitten 
Schrift und ihrer Verzierungsweise spielt, wie worden. 

sich einzelne Formen aus den anderen ent- Zu bedauern ist, dass es dem Buchdruck 
wickeln, allmählich die Oberherrschaft gewinnen durch seine Technik verwehrt ist, Federzüge 
und, nachdem sie eine Zeitlang mit Vorliebe in voller dekorativer Weise verwenden zu 
verwendet worden sind, durch neue wieder können, wie es dem Schreiber möglich ist; es 
ersetzt werden. Linienkreuzungen, die im ersten geht die Verbindung der Schrift mit dem Initial 
Drittel des XVI. Jahrhunderts aufkommen, verloren, und es fehlt letzterem der Anschluss 
finden wir bereits vereinzelt in genau derselben durch die auslaufende Federverzierung. 


Art bei romanischen Buchstaben an Stelle des 


Die in dem Werke noch ausserdem vor¬ 


alten keltischen Bandornaments, dieses durch handenen fünf Alphabete Antiquainitialen bieten 
den Federstrich in seinen Kreuzungen, jedoch nichts Unbekanntes und sind daher ohne tieferes 
dunkel auf weissem Grund, nachahmend. In Interesse, während die Seiten mit Zierleisten 
der Zeit der Gotik wieder vollständig verloren auf geschrotenem Grunde eine ausserordentliche 
gehend, kommt jene somit sehr alte Verzierungs- Fülle guter Motive besitzen, auf die hier näher 
weise erst im XVI. Jahrhundert zu ihrem Recht einzugehen jedoch zu weit fuhren würde, 
und zur vollkommenen Entwickelung. Den Schluss bildet eine Kartusche mit dem 

In Abb. 13 sehen wir die Linienkreuzungen Ritter Georg in der Mitte, unten rechts und 


oder Bandverschlingungen in der denkbar mög¬ 
lichen Weise durchgeführt, so dass die Form 


links mit je einem Schilde belegt, von welchen 
der eine das Fuhrmannsche Monogramm, der 


des Buchstabens nur aus ihnen gebildet er- andere einen Mann mit einem Lorbeerzweige 
scheint; bereits der ältere Neudörffer zeichnete trägt; über der Kartusche steht „Spes mea 
ähnliche reiche Initialen. Druckstöcke mehrerer Christus", und unten befinden sich die Worte 
sehr grosser Buchstaben dieser Art finden sich aus Ovid „Quamvis est igitur meritis indebita 
in der reichen Sammlung des germanischen nostris: Magna tarnen spes est in bonitate Dei.“ 


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Kopfleiste von Heinr. Vogeler aus „Hannoversches Dichterbuch**. 
(Göttingen, L. Horstmann.) 


Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 

Von 

Ernst Schur in Friedenau-Berlin. 

m.* 

Die Komposition als Mittel. 


iv tfk «Mer hat nicht schon, wenn auch nur 
jA^^yin Abbildungen, auf denen sie vom 
eigentlichen Reiz viel verlieren, alte, 
auf Pergament geschriebene und gezeichnete 
Handschriften gesehen? Auf wen haben sie 
nicht nach langem Anschauen jenen stillen 
Zauber ausgeübt, dem wir uns schwer entziehen 
können? Sie haben etwas Seltsam-Abge¬ 
schlossenes, Verschlafenes; in der Sorgsamkeit 
und Genauigkeit der Ausführung liegt bei aller 
Bescheidenheit eine weltabgeschiedene Grösse; 
diese Handschriften, diese von fleissiger Hand 
mühsam gezirkelten Buchstaben haben fast etwas 
Heiliges an sich; wir ergehen uns wie in einem 
umfriedeten Garten; von mir zu dir wandern 
nur die Empfindungen. Es ist gleichgiltig, ob 
die Menschen der Zeit, aus der diese Schriften 
stammen, so empfunden haben; anzunehmen 
ist, dass dies sicher nicht der Fall war — be¬ 
wusst waren sie sich dessen jedenfalls nicht 
Aber wir, die wir aus der Vergangenheit die 
guten Lehren herüber nehmen, wollen uns als eine 
goldene merken: Das Buch ist ein „Interieur“; 
mache das Buch gleich einem solchen, ver¬ 
wende dieselbe stille Mühe darauf, und du 
wirst verflossene Schönheiten herauf beschwören, 
und deine Seele wird klingen!. . Das Buch ist 
für den, der es ausstattet, ein feines Instrument, 
auf dem er alle Töne zur Verfügung hat; es 


ist für den, der es aufschlägt, eine Folge von 
Tönen, hervorgebracht von allen Instrumenten, 
bald rauschend, bald nur leise sich hinziehend, 
auch verstummend und dann wieder anhebend; 
es ist eine volltönende Komposition. 

Ich will den Begriff „Komposition“ und 
„komponieren“ im eigentlichsten, wörtlichsten 
Sinn angewendet wissen: als ein Zusammen¬ 
setzen, und da dies nicht ohne einen Plan, ohne 
eine Idee, ohne einen darüber dominierenden 
Geist oder Geschmack geschieht, besser als ein 
Zusammenstimmen; auch Dissonanzen stimmen 
zusammen. Wenn ich ein Zimmer arrangiere, 
sei es nach einem alten Stil, sei es modern, sei 
es nach meinem persönlichen Geschmack, sei 
es nach einer augenblicklichen Laune, nach 
Willkür — ich komponiere. Wenn ich den 
Tisch künstlerisch decken lasse — ich kompo¬ 
niere. Womit komponiere ich ein Buch? Was 
ist das Material, das mir hierbei zur Verfügung 
steht? Aus der Natur des Gegenstandes ergiebt 
sich, dass Papier und Type die Mittel sind, 
deren ich mich zu bedienen habe. Papier und 
Type bilden das Buch. 

Die „neue Type“ haben wir noch nicht, 
wohl aber komponierte Bücher, wie ich zeigen 
werde. Beides wird gleichzeitig nebeneinander 
gehen, aber bis wir eine neue Schrift haben, 
müssen wir uns mit der Komposition behelfen; 


i Schlussartikel. VergL Heft I und m des laufenden Jahrgangs. 


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228 


Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


doch so sehr diese auch nur als Ausweg er¬ 
scheint, so ist sie doch mehr . Die Komposition 
ist der Weg zu einem Ziel; wenn man offene 
Augen besitzt und einen lebendigen Sinn, so 
sieht man auf den Weg und erfahrt viel Neues; 
wenn wir Erfahrungen gesammelt haben werden 
durch die Komposition, und es erscheint dann 
zur rechten Zeit, vielleicht durch sie angeregt 
und unterstützt, die neue Type, dann wird man 
viel von dem Bisherigen streichen können. 
Bleiben wird sie immer; denn wenn man die 
neue Type den Kern, das Herz nennen will, so 
ist die Komposition das Blut, das Belebende. 
Aber wenn sie nicht verschwindet, so wird sich 
vielleicht der Grad ihrer Leidenschaft massigen. 
Doch nein, mässigen ist nicht das richtige Wort; 
hoffen wir, mit Rücksicht auf die Entwicklung, 
dass wir uns nie mässigen. Aber wenn man 
Neues will, vor allem da, wo bisher wenig an¬ 
gebaut war, ist man um der Sache willen ei¬ 
friger und neuerungssüchtiger; man will alles 
probieren, alles heranziehen, um Erfahrungen 
zu sammeln; später, vor allem, wenn man durch 
eingehendes Arbeiten auf dem Gebiete allen 
Anregungen nachgegeben hat, dann auch, wenn 
der Geschmack sich gebildet hat an den An¬ 
forderungen, die die Sache selbst stellt, wird 
man weniger stark aufzutragen brauchen. Wo 
man früher viele Worte und viele Hindeutungen 
brauchte, um seine Absicht klar zu machen, 
genügt dann vielleicht nur ein feiner Wink; wo 
man früher viel in Bewegung setzte, um sich 
auszudrücken, kommen wir zur Einfachheit. Mit 
einem Satz ausgedrückt: die Kulturarbeit streicht 
das Überflüssige — überflüssig, weil es im Ge¬ 
wissen der Menschen nun festsitzt — und es 
erscheint der Stil. Betrachten wir die Sache 
von anderem Gesichtspunkt, so können wir 
sagen: es giebt Komposition ohne neue Type, 
jedoch keine neue Type ohne Komposition. 
Die Komposition wird immer ein Mittel bleiben; 
jetzt ein Hauptfaktor, später bescheidener, 
stiller wirkend, ein Nebending, das sich nicht 
vordrängt. Die Komposition ist ein Mittel, wie 
man die Sache anfasst; die Type ist der Kern 
der Sache selbst. Damit ist die Stellung des 
Inhalts dieses Aufsatzes zu dem vorigen ge¬ 
nügend gekennzeichnet. 

Aus Papier und Type setzt sich das Buch 
zusammen; so trivial das klingt, so ist es doch 
nicht so bedeutungslos, wie es scheinen könnte. 


Wenn ich in dem ersten Aufsatz die Richtungen 
in französische und englische unterschied, die 
erstere als malerisch und die andere als archi¬ 
tektonisch definierte, so kann ich erweiternd 
hinzufugen: die eine dient den Gesetzen des 
Schmuckes, die zweite denen der Praxis, richti¬ 
ger des organischen Aussichherauswachsens. 
Und wenn ich ferner sagte, dass die franzö¬ 
sische Art keine Zukunft für sich habe, ja zum 
Stillstand führe, so begründet sich dies Urteil 
auch hier. Man muss sich notwendig immer 
in demselben Kreise drehen. Sicher ist, dass 
die Vertreter dieser Richtung etwas für sich 
anführen dürfen, was wohl die Gegner an ihrer 
Ansicht zweifeln lassen könnte: die Geschichte. 
Blicken wir auf die alten Drucke, so sehen wir 
anscheinend denselben Geist; die Ausstattung 
scheint sich offenbar zu gleichen, wenigstens 
im Grunde zu ähneln. Druck wechselt mit Bild, 
beides sich gegenseitig ergänzend, sich eng 
aneinander anschliessend. Wenn das Bild bei 
uns auch wohl freier geworden ist und loser 
im Text steht, im Prinzip ist es doch wohl 
das gleiche. Aber das ist es nicht Was giebt 
den alten Drucken ihre Berechtigung? Ihre 
Einheitlichkeit. Der geistige Horizont war, weil 
eng, ein allgemeiner; was der Verfasser wusste, 
wusste ebenso der Maler, ebenso derjenige, der 
den Druck hersteilen liess. Die allgemeinen 
Anschauungen hatten solche Geltung, dass sich 
ihr jeder unterordnete, und es gab immer einen 
Punkt, wo sicher alle Gemüter zusammentrafen. 
Noch mehr war das der Fall zu der Zeit, als 
man sich noch der Schrift bediente; in den 
Klöstern herrschte eine noch stillere Luft. Der¬ 
jenige, der den Buchstaben gezeichnet hatte, 
unterschied sich nicht sehr von dem, der die 
bildliche Ausstattung gab, und Bild und Buch¬ 
stabe sind auf demselben und aus demselben 
Allgemeingeist erwachsen; und dieser All¬ 
gemeingeist konnte entstehen und seine Geltung 
behaupten nur in der lokalen und geistigen Ein¬ 
schränkung. Da sie aus demselben Stilempfinden 
hervorgehen, Bild und Type, machen die alten 
Drucke einen so wunderbar geschlossenen, 
einheitlichen Eindruck. 

Heute wird keiner mehr an die Existenz 
eines Allgemeinkulturgeistes glauben. An die 
Stelle der Einheit des Geistes ist die Vielheit 
getreten. Und da, wo ein einheitlicher Ein¬ 
druck erzielt wird, ist dies nur möglich, indem 


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Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


229 


man die Vergangenheit getreu kopiert, wie wir 
es bei den von William Morris hergestellten 
Drucken sehen. Sonst fallen Bild und Text 
immer auseinander, müssen es thun, weil eben 
die Type individualitätslos geworden ist und die 
Zeichnung höchstpersönlich; ja selbst, wenn 
man die Regeln, die man dem Vergangenen 
ablauscht, getreu anwendet, muss eine Lücke 
klaffen, um so tiefer, je bedeutender und 
origineller der Künstler ist 

Ein Buch, das mit Bildschmuck „komponiert" 
worden, ist Bürbaum - Vallottons „Bunter Vogel“. 
Mit vielem Geschick ist alles zusammengestimmt 
worden. Der Hauptton ist Derbheit, mit ein 
wenig Ungeschicktheit vermischt, humoristisch 
und ein bischen altvaterisch. Zwei Künstler, 
Vallotton und Weiss, sind gewählt worden, die 
sich in künstlerischer Beziehung wohl ähneln. 
Type und Papier passen gut zusammen. Aber 
Text und Schmuck wollen nicht Zusammengehen. 
Die dicken, breiten Flächen der Zeichnungen 
stören das Gesamtbild; wenn ich mich an dem 
Bild der Seite freuen will, gehen die Zeichnungen 
nicht mit, wollen sich nicht hineinfugen und 
umgekehrt. Das Gesetz, das die Ausstattung 
hier beherrscht, ist das der Laune, der freien 
Willkür; in die etwas japanisch gefasste Art 
der Anordnung will sich die schwere Technik 
der Ausschmückung nicht fügen; ich kann, 
wie gesagt, entweder nur die Bilder oder nur 
die Type gemessen; meist erdrückt das Bild 
die Type. Und dies ist der Fall, trotzdem 
alles so gut, wie es irgend angeht, zusammen¬ 
gestimmt ist. 

Ich wähle ein zweites Beispiel. Die „ Barri - 
sons“ von Pierre cPAubecq. Hier liegt der Fall 
noch misslicher; ich kann nämlich nicht einmal 
einen Künstler angeben, der die Ausschmückung 
in die Hand genommen hätte. Es sind deren 
so viele, dass ich sie kaum aufzählen kann. 
Heine ist der, der uns am meisten und aus¬ 
schliesslich fesselt und der das Buch auch 
lebendig erhalten wird. Hier ist also das Über¬ 
gewicht der Zeichnung ein so enormes, dass 
der Text nicht nur langweilig, sondern direkt 
abstossend wirkt Ich gehe natürlich nicht auf 
den Inhalt ein; aber wenn ich auf einer Seite 
eine der wunderbar feinen, melodiösen Linien¬ 
führungen Heines erblicke, verschwindet der 
Druck vollständig; ja, Druck und Zeichnung be¬ 
kämpfen einander vollständig, und wer das Buch 


durchblättert, schimpft innerlich auf denText und 
möchte die Zeichnungen lieber auf Kunstdruck¬ 
papier für sich gemessen. Nun kommt noch 
dazu, dass man die Geschmacklosigkeit beging, 
andere Künstler heranzuziehen; man nahm 
Vignetten und Seitenschmuck aus einer Kunst¬ 
anstalt und fügte dann noch Photographien 
hinzu. Der kindliche Fidus neben dem kräftigen 
Vallotton und neben Weiss, diese neben Heine, 
und alle diese wieder neben Plakaten von 
Ch6r6t und R^alier-Dumas; eine herzlich un¬ 
geschickte Kohlenskizze von Rauchinger, Photo¬ 
graphien der Barrisons, die als wirkliche Bilder 
nur dem Text eingefugt sind, ohne sich ihm ein- 
zugliedem, lassen den Buchschmuck dann ganz 
in das Gebiet der Illustrationskunst, der längst 
verpönten, herabsinken. Hier zeigt sich so recht, 
dass Künstler und Drucker nicht Zusammengehen 
können, weil da eben Persönlichkeit neben 
Unpersönlichkeit steht, und dass ein Einklang 
nicht zu erreichen ist, weil die Einheitlichkeit, 
aus der beides fliessen muss, Bild und Type, 
hier den Bedingungen der Herstellung gemäss 
fehlt Erst wenn der Künstler auch die Type 
entwirft, wird von einem Gesamtbild zu sprechen 
sein; aber es fragt sich, ob wir dann nicht, da 
der Druck an sich ja schon ein künstlerisches 
Bild giebt, ganz auf den Bildschmuck zu ver¬ 
zichten wünschen. Denn seinem Wesen nach 
wird der Bildschmuck immer rein äussserlich, 
eine Zuthat, also überflüssig sein und den stillen 
intimen Genuss stören, weil er plötzlich in das 
Auge fällt als etwas Neues, mit dem ich mich 
ganz anders auseinandersetzen muss als mit 
dem Druck und selbst dann, wenn das Bild 
nur dekorativ verwandt worden ist. 

Papier und Druck sind die notwendigen 
Bestandteile eines Buches. Mit diesen gilt es 
also zu operieren. Bei beiden sind zwei Ge¬ 
sichtspunkte zu berücksichtigen: bei dem Papier 
Wahl desselben in Bezug auf Farbe, Stärke und 
Form, beim Druck Wahl der Type und Stellung, 
resp. Anordnung. Die Art und Weise der 
Handhabung möchte ich die intuitive nennen; 
sie verschmäht grundsätzlich jeden Bildschmuck, 
weil sie als Hauptcharakteristikum unserer Zeit 
die Unruhe des Geistes und Gefühls erkannt hat, 
und strebt zur Schlichtheit als einfache Folge 
des Kontrastgesetzes; sie unterscheidet sich 
jedoch von der englischen dadurch, dass sie 
die Langeweile und Trockenheit derselben zu 


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230 


Schur, Ziele f&r die innere Ausstattung des Buches. 


vermeiden sucht, durch die Vergeistigung der 
Materie, durch energisches Betonen des reiz¬ 
vollen Äusseren, kurz durch die Komposition. 

In neuester Zeit bevorzugt man die gelbe 
Farbe des Papiers; auch ein graugetöntes wird 
gewählt, immer mit rauher Oberfläche; das 
Papier soll als Persönlichkeit mitsprechen. Gelb, 
grau, weiss, das werden wohl die einzigen Töne 
sein, die in Betracht kommen können; etwas 
anderes würde geschmacklos wirken. Unendlich 
zahlreicher sind die Wege, die man beschreiten 
kann, wenn es sich um die Form handelt Auch 
hier macht sich, wenn auch sehr spärlich, ein 
Wandel des Geschmackes bemerkbar. Eine 
schlanke Form hat für den feinnervigen Men¬ 
schen einen unsagbaren Reiz; der „Bunte Vogel" 
geht aus dem gewöhnlichen Rahmen heraus, 
indem er, was er der Höhe nimmt, der Breite 
zuerteilt. Kurz, es ist zu konstatieren, dass man 
aus dem alltäglichen Buchformat heraus zu 
kommen strebt Ich führe als Beispiele dafür, 
wie sie mir gerade einfallen, noch S. Fischers 
„Collection" und Langens „Kleine Bibliothek" an. 

Für die Type giebt jeder Katalog einer 
Druckerei Fingerzeige in Hülle und Fülle; je 
nach dem Inhalt^ nach dem Geist des Buches 
passt die oder die Type besser in das Gesamt¬ 
bild ; der Autor oder der Verleger hat danach 
zu wählen. In der Form sieht man den Wechsel 
eintreten oder vielmehr die Abkehr vom Alten, 
indem man z. B. dem Format des Satzes ein 
schmallanges Aussehen giebt oder den Text 
mehr in die Breite gehen lässt oder den Titel 
willkürlicher gruppiert; kurz, auch hier findet sich 
ein Eindringen des persönlichen Geschmackes 
in ein Gebiet, das man bisher lediglich dem 
Drucker überliess. 

Wieder wird sich in der Lyrik diese Neuerung 
zuerst den Weg bahnen, weil hier ja die Per¬ 
sönlichkeit am ursprünglichsten wirkt; freilich 
gehört dazu ein ausgebildeter Geschmack und 
die Lust, ein Feld zu betreten, das so gut 
wie brach liegt; auch auf die Gefahr hin, nicht 
verstanden zu werden, selbst auf die Gefahr hin, 
zu Massregeln zu greifen, die man vielleicht 
später wieder verwirft. Es giebt allerdings 
wenig Menschen, die Freunde des Wechselnden, 
d. h. der Entwicklung sind. Und doch muss 
es für den Leser eine Freude sein, zu sehen, 
wie die Maschine spielend bewältigt wird und 
der Geist des Künstlers bis in die Einzelheiten 


hin sich symbolisiert; für den Autor ist dies 
Streben, wenn anders sein Streben überhaupt 
in die Tiefe geht, eigentlich selbstverständlich. 
Die Hand fühlt die wohlthuende Berührung 
mit dem starken rauhen Papier, das Auge ist 
entzückt von der Farbe, von der Anordnung 
der Typen, der Inhalt ist für den Geist oder 
das Gefühl. Ist nicht diese Ganzheit des Ge¬ 
nusses das Selbstverständliche, das einzig Rich¬ 
tige? Der eigene Geist hat immer Recht, und 
der geschmackvolle Leser wird, wo er ihn spürt, 
seltsam und wohlthuend berührt sein. Es ist 
nun einmal nicht abzuleugnen, dass nur der 
Indivualität die Sprache der Wahrheit gegeben 
ist und die unwiderstehliche Sucht, der Instinkt 
zum Neuen. 

Ehe ich auf Beispiele eingehe, die hier sehr 
spärlich sind und selten auch dann noch in 
jeder Weise befriedigend, will ich noch eine 
Frage erledigen, die in letzter Zeit oft zur Be¬ 
handlung gekommen ist, wenn man sich auch 
nie in eingehenderWeise mit ihr beschäftigt hat: 
ich meine die der unbedruckten Fläche. Ist 
das Papier dadurch selbständig als Schmuck zu 
verwenden, dass die glatte, unbenutzte Fläche, 
der möglichst breite freie Rand u. a., je nach¬ 
dem die Anordnung der Seite gefasst ist, als 
gelungener Hintergrund für den im Gegensatz 
zu früher spärlicher gesetzten Druck gelten 
kann? Wo der bildliche Schmuck verschwindet, 
ist von vornherein schon das Streben gegeben, 
etwas Anderes an die Stelle des Verloren¬ 
gegangenen zu setzen. Indem das Papier durch 
das Verschwinden des Bildwerks an Raum ge¬ 
winnt, sich geltend zu machen, muss man be¬ 
strebt sein, ihm eine persönliche Note zu geben, 
nicht durch irgendwelche Raffiniertheiten, son¬ 
dern einfach durch Güte des Materials. Dann 
gewinnt auch das Streben nach vornehmer 
Wirkung immer mehr an Bedeutung, und frag¬ 
los wirkt auf jeden, für den der Begriff „Zierde" 
nicht unumgänglich mit Schnörkeleien und dgl. 
verbunden ist, die glatte Fläche eines mit 
Sorgfalt ausgewählten Papiers, die in feiner 
Anordnung, mehr oder minder frei, die Type 
wie in einem sicheren Schosse trägt, ruhig und 
elegant Ausserdem ist nicht zu verkennen, 
dass neben dem modernen Inhalt, der mich 
notwendig aufregt, für das Gefühl die Stärke 
des Papiers, für das Auge die ruhige, gleiche, 
ringsherum freigelassene Fläche einen ungemein 


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Schur, Ziele für die innere Ausstattung des Buches. 


23I 


wohlthuenden Gegensatz schaffen. Gerade die 
Zeitschriften, die dem Streben des modernen 
Geistes dienen, folgen diesem Drang, das Papier 
zu betonen: „Deutsche Kunst und Dekoration ", 
„Kunstwarf ' (in der neuen Ausstattung), „ Wiener 
Rundschau ", vor allem der „Pan“. Letzterer 
muss freilich oft genug hören, wie wenig man 
versteht, weshalb er auf das grosse Format 
seiner Seite häufig nur ein kleines Gedicht von 
wenigen Zeilen setzt, in einer oft wahrhaft ent¬ 
zückenden Druckart Ein solches unwillkürliches 
Drängen nach einer Richtung sollte aber allen, 
die sich darüber entrüsten, zu denken geben. 

Beispiele für die Ausstattung in derartig 
komponierter Weise sind sehr selten; ich nenne 
zuerst die „Blätter fiir die Kunst 9 und im An¬ 
schluss daran die Gedichtbücher von Stefan 
George und Wolfskehl. Ich erwähnte diese 
schon einmal, weil sie — der Erkenntnis folgend, 
dass schnelle Lesbarkeit, also alltägliche Deut¬ 
lichkeit, nicht immer das oberste Gesetz bildet 
— statt der grossen Anfangsbuchstaben der 
Worte die kleinen setzen; sie geben auch keine 
Inteipunktion. Und sie haben dadurch einen 
unendlich vornehmen, abgeschlossenen Eindruck 
gewonnen; die Bücher haben das, was den 
anderen fehlt — Geschlossenheit Sie haben 
ein sehr starkes, rauhes, gelbliches Papier; sie 
sind mit lateinischen Typen gedruckt und 
zeichnen sich durch eine aussergewöhnliche 
Anordnung des Satzes aus. So setzt Stefan 
George einmal den Titel zu einem starren 
Viereck geordnet auf den starken Umschlag 
links oben in die Ecke und erzielt damit eine 
ausserordentliche Wirkung. Wolfskehl nimmt zu 
seinem Bande „ Udos** einen knitternden, faserigen 
Umschlag mit einer Zeichnung von Lechter; 
Stefan Geoige zu seinem Buche „Das Jahr der 
Seele“ graues weiches Papier, das sich wie 
Sammet anfuhlt. Bei dem ganzen Kreise dieser 
jungen Dichter überrascht die Einheitlichkeit 
und die Reife, die sie schon jetzt besitzen, und 
die Zielbewusstheit, mit der sie vorgehen. Sie 
sind gewissermaßen die ersten, die erkannten, 
dass ein Buch aus Papier und Type besteht 

Ein anderes Beispiel finde ich in einem so¬ 
eben bei Schuster & Löffler erschienenen Roman 
von Huysmans „Gegen den Strich“. Mag es 
Zufall sein oder nicht: das Buch ist ausserordent¬ 
lich fein komponiert Nur das Bild des Ver¬ 
fassers fällt heraus; auch könnte man einwenden, 


dass die lateinische Type im Gegensatz stehe 
zu der von M. Lechter gezeichneten Type des 
Titels, der zugleich auf festem, derbem grau- 
weissem Pappdeckel den Umschlag bildet; 
beides, weil Persönliches zu Unpersönlichem, 
will nicht recht zusammen; doch ist erst zu 
entscheiden, ob der Umschlag dem Inhalt fremd 
gegenüberstehen oder aus ihm hervorwachsen 
soll Und in der That ist ein allzu greller Zwie¬ 
spalt vermieden worden, indem beide wundervoll 
ineinandergreifen. Zwischen dem von Lechter 
gezeichneten Umschlag und Titelblatt sehen 
wir eine Seite, die den Titel bereits in lateinischer 
Type trägt, auf die Art des Folgenden vor¬ 
bereitend. Das Format geht mehr in die Breite 
als gewöhnlich; die Farbe des Papiers ist gelb¬ 
lich, um eine Nuance gelblicher, als die der 
„Blätter für die Kunst“ Auf dem breiten Vier¬ 
eck der Fläche steht, etwas nach innen zu 
eingerückt, der Druck. Nur ist die lateinische 
Type hier von einer ganz besonders feinen 
Wirkung. Es eigiebt sich ein unendlich reiz¬ 
volles Spiel von Wechselbeziehungen. Alles ver¬ 
einigt sich hier zu einer intimen Wirkung, ohne 
aufdringlich zu sein. Das Buch ist an sich um 
keinen Preis ein Muster; aber der Geist, der 
die Ausstattung leitete, ist achtunggebietend. 
Weil das Buch einheitlich komponiert ist und 
einfach, darum kann man aus ihm sich manche 
Regel ableiten. Denn nicht das soll erstrebt 
werden, was man wohl litterarische Wirkung 
nennt und was mit Recht verpönt ist Nur 
wie ein leiser Ton soll manches angeschlagen 
werden, so wie es der, der in dem Geist des 
Buches lebt, wünscht. Dann wird eine zu grelle 
Wirkung auch schon um deswillen ausbleiben, 
weil der feine Geschmack so wie so das Zuviel 
gern fortnimmt und zum Einfachen neigt Später 
brauchen wir die Symbolik vielleicht überhaupt 
nicht oder aber sie verfeinert sich noch mehr; 
da hier ja alles aus der Notwendigkeit, aus den 
Bedingungen der Praxis, verbunden mit dem 
Geschmack, hervorgegangen ist, so ist wohl an 
einen Wandel im einzelnen, nicht aber an ein 
Überbordwerfen des ganzen Prinzips zu denken. 
Dieses wird überall da wieder auftauchen, wo 
man sich ernsthaft mit der Ausstattung be¬ 
fasst. Und wenn jemand sagt, es komme 
allein auf den Inhalt, nicht auf das Äussere an, 
der Geist sei die Hauptsache, so erwidere ich, 
dass ja gerade der Geist, den man bis jetzt 


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232 


Wolff, Inwieweit rührt „Die Familie Schroffenstein“ von Kleist her? 


vernachlässigt hat, zu seinem Recht kommen will. 
Das Werk ist an sich wohl ewig und bedarf nicht 
der nachhelfenden Hand; aber denen, die die 
Ewigkeit im Munde fuhren, mag gepredigt sein, 
dass jede starke Zeit eher die Gegenwart be¬ 
tonte als die Vergangenheit und Zukunft und 
dass unsere junge Zeit nicht da anfangen soll, 
wo eine alte Kulturperiode aufhörte, sondern 
sich selbst seine Erkenntnisse holen muss. Wenn 
also das Werk als solches der Ewigkeit an¬ 
gehört, der Vergangenheit und Zukunft, so ist 
das Äussere eine Konzession an die Gegenwart, 


an mein Ich. Den Geist der Alten, die schlichte 
tiefe Versenkung sollen und werden wir auf das 
neue Gebiet hinübemehmen, diesen Geist der 
Anbetung und Grösse. Da wir aber mit kompli¬ 
zierteren technischen Mitteln arbeiten können 
und eine andere Zeit andere Forderungen hin¬ 
sichtlich der Wirkung stellt, vielseitiger, mannig¬ 
faltiger, auch misstönender und zwiespältiger, 
so gilt es mit der verfeinerten Technik, die die 
zartesten Nuancen erlaubt, in diesen Geist unsere 
modernen Gedanken hineinzulegen. Das ist die 
kulturhistorische Seite dieser Bestrebungen. 


& 


Inwieweit rührt „Die Familie Schroffenstein“ von Kleist her? 

Von 

Professor Dr. Eugen Wolff in Kiel. 



enn es eines Beweises für Berechtigung 
und Notwendigkeit wissenschaftlicher 
Betrachtung auch der neueren Lite¬ 
ratur bedürfte, würde schon allein die Fülle 
ungelöster Rätsel in Heinrich von Kleists Leben 
und Werken ihn erbringen können. Der ver¬ 
suchte Nachweis, dass zwei Lustspiele , die 1802 
anonym beim Verleger der 1803 gleichfalls 
anonym herausgegebenen „Familie Schroffen¬ 
stein“ erschienen, von Kleist herrühren, 1 wird 
nicht die einzige Überraschung für literarische 
Kreise bleiben. Von mehreren Werken des 
Dichters sind die Handschriften erhalten, deren 
Vergleich mit den Drucken von der weitgehen¬ 
den Leichtfertigkeit Zeugnis ablegt, mit der 
Kleist wie seine Mit- und Nachwelt seine Texte 
bei der Drucklegung behandelten. 

Die Handschrift des meisterlichen Lustspiels 
„Der zerbrochne Krug“ zeigt noch, wie — bis¬ 
weilen nach Schwankungen — der Text des 
Druckes gewonnen ist. Aber auch er ist an 
nicht wenigen Stellen preisgegeben und hat 
einer vollkommneren Fassung Platz gemacht. 
Nun finden sich solche Verbesserungen zum 


grössten Teil in denjenigen Scenen, aus denen 
Proben in den ersten fragmentarischen Druck 
übergingen, den Kleists Zeitschrift „Phöbus“ 
1808 brachte. Und doch rührt der erste voll¬ 
ständige Druck mit den primitiveren Lesarten 
aus dem Jahre 1811 her?! Es ergiebt sich die 
ungewöhnliche Thatsache, dass die Buchausgabe 
von 1811 auf eine Abschrift zurückgeht, die 
Kleist sofort nach Vollendung des Lustspiels 
1806 anfertigen liess und nach Berlin sandte, 
während die 1808 überarbeitete Handschrift 
sogleich als Grundlage des fragmentarischen 
„Phöbus“-Druckes diente. Da adle bisherigen 
Ausgaben auf die Buchausgabe von 1811 
zurückgingen, wurde eine allgemeine Revision 
des Textes nach der Handschrift nötig. 2 

Für „Prinz Friedrich van Homburg** waren 
wir lange Zeit allein auf den Druck angewiesen, 
welchen Ludwig Tieck nach Kleists Tod ver¬ 
anstaltete. Vor einem Vierteljahrhundert tauchte 
endlich eine Abschrift des Originalmanuskriptes 
auf. Wer sie mit philologischem Auge mustert, 
kann nicht zweifeln, dass fast in allen Ab¬ 
weichungen ihr vor dem Tieckschen Drucke 


x Zwei Jugend-Lustspiele von Heinrich von Kleist , herausgegeben von Eugen Wolff. — Oldenburg 1898. 

* Meisterwerke von Heinrich von Kleist. L Der zerbrochne Krug. Kritische Ausgabe nach der Handschrift 
mit Erläuterungen von Eugen Wolff. Minden 1898. 


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Wolff, Inwieweit rührt „Die Familie Schroffenstein“ von Kleist her? 


233 



Aus der Handschrift von Kleists „Familie Ghonorez“. 


der Vorzug der Authentizität gebührt. Tieck 
hat sich um Erhaltung und Veröffentlichung 
von Kleists Nachlass unvergängliche Verdienste 
erworben, aber er besass weder genug geistige 
Verwandtschaft mit unserm Dichter, noch genug 
z. f. B. 98/99. 


philologische Gewissenhaftigkeit, um den Text 
unverstümmelt vorzulegen. 

Von je her ist ein fremdes Eingreifen in 
die Gestaltung der „Familie Schroffenstein u 
behauptet worden. Merkwürdig genug hat die 

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Wolff, Inwieweit rührt „Die Familie Schroffenstein“ von Kleist her? 


wissenschaftliche Forschung bisher jeden Ver¬ 
such unterlassen, diese Gerüchte auf ihre 
Wahrheit zu prüfen. Und doch liegt seit andert¬ 
halb Jahrzehnten die Handschrift des Dichters 
zum Vergleich mit dem Urdruck vor. 

Schon im Bücherkatalog von Heinsius, als¬ 
dann in Meusels „Gelehrtem Teutschland im 
XIX. Jahrhundert“ (Bd. IX, S. 556) und noch in 
Goedekes „Grundriss“ (Bd. III der 1. Auflage) 
wird auch Ludwig Wieland , dem Schmerzens¬ 
kind des Klassikers, dem Schwager des Ver¬ 
legers Gessner, einem von Kleists Berner 
Freunden, ein Trauerspiel „Die Familie Schroffen¬ 
stein“ zugeschrieben. Aus welchen Keimen 
eine solche Mutmassung entstanden, lässt sich 
aus Ludwig Tiecks und Eduard von Bülows 
Mitteilungen erschliessen. In der Einleitung 
zu Kleists „Gesammelten Schriften“ (S. XII) er¬ 
zählt Tieck, allerdings irrig, vom alten Wieland: 
„Auf dessen Rat arbeitete er die Familie 
Schroffenstein um und legte die Scene aus 
Spanien nach Deutschland.“ Bülow, der in 
seiner Schrift über „H. v. Kleists Leben und 
Briefe“ weithin aus schriftlichen und mündlichen 
Quellen schöpft, berichtet (S. 29), an dies Werk 
sei „in der Schweiz die letzte Hand gelegt. 
Nur dass Kleist den fünften Akt bloss in Prosa 
geschrieben und die Herausgeber Wieland und 
Gessner ihn in Verse gebracht haben sollen. 
Es heisst auch, dass derselbe Wieland Kleist 
bewogen habe, das Stück nochmals umzu¬ 
schreiben und die erst in Spanien vorgehende 
Handlung nach der Schweiz zu verlegen.“ 

Nun bestätigt die Handschrift des Dichters, 
dass dieser tragische Erstling in Spanien spielte 
(unter dem Titel „Die Familie Ghonorez '*) und 
in einer Reihe von Scenen die Prosaform vor¬ 
herrschte. Die Namen fast aller Personen und 
Ortschaften sind spanisch. Die nicht ritterlichen 
Personen reden in Prosa, im Gespräch mit diesen 
sowie in der Wahnsinns-Schlussscene zum Teil 
auch die ritterlichen. Dass die Verlegung der 
Handlung nach Deutschland rein äusserlich 
durch blosse Änderung aller Namen geschehen 
und dass die Umschrift in Verse durchwegs 
mechanisch und kunstlos geblieben, darüber 
herrscht unter neueren Forschern volle Über¬ 
einstimmung. Und doch nahm man die auch 
anderweit wesentlich überarbeitete Form des 
Druckes ohne weiteres als Kleists Werk hin. 
Theophil Zollings Abdruck der Handschrift im 


Anhang zu seiner Ausgabe der „Familie 
Schroffenstein“ (Kleists sämtliche Werke, Bd. I) 
veranlasste weder den Herausgeber noch sonst 
jemand zu philologischer Abwägung der zahl¬ 
losen Differenzen. 

Ein einziger Blick auf die Handschrift hätte 
den Glauben an die Authentizität der Druck¬ 
fassung erschüttern können. Hinter der 2. Scene 
des IV. Aktes steht von Kleists eigener Hand 
die flüchtige Bemerkung: 

„(bis hierher abgeschickt)“ 

— es ist am Schluss des 31. Bogens im Manu¬ 
skript. Wer trotzdem noch zweifeln wollte, 
dass der Dichter die Fassung der Handschrift 
(und keine Überarbeitung) abschriftlich in Druck 
gegeben, dem hätten zwei weitere Notizen aus¬ 
reichende Fingerzeige geben sollen. Am Anfang 
der 5. Scene des IV. Aktes vermerkt Kleist 
am Rande: 

„Nachricht für den Abschreiber: statt 
Rodrigo wird überall Ottokar gesetzt.“ 

Acht Seiten weiterhin: 

„Nachricht für den Abschreiber: statt 
Ignez überall Agnes“ 

Zwischen diesen beiden letzteren Notizen 
ist auf zwei Seiten teilweise der Versuch ge¬ 
macht, die neugewählten Namen im einzelnen 
an Stelle der früheren durchzuführen. 

Danach steht also fest, dass die Preisgabe 
der spanischen Scene erst nach Vollendung 
des ganzen Werkes und nach Absendung der 
zum Druck bestimmten Abschrift von Akt I 
bis III sowie IV, 1 und 2 des Manuskriptes, 
aber vor Absendung von Akt IV, Scene 5 er¬ 
folgte. Dass die Verlegung der Scene auf Rat 
von Ludwig Wieland, der als Schwager und 
Helfer im Hause von Kleists Verleger Heinrich 
Gessner lebte, nachträglich erfolgt sei, erhält 
somit weitgehende Bestätigung. Ebenso bleibt 
die Thatsache bestehen, dass bis zur Schluss¬ 
scene Prosastellen in die für den Druck an¬ 
gefertigte und fortgeschickte Abschrift gelangen. 

Bietet der Druck aber vielleicht trotz dieser 
äusseren Gegenzeugnisse eine vom Dichter 
herrührende Vervollkommnung des Dramas? 
Zwar die Übertragung der Scene müssen wir 
wohl hinnehmen: ist sie schon von aussen her 
angeregt und bleibt sie rein äusserlich, da der 
Geist der Tragödie nach wie vor eher spanisch 
als deutsch anmutet, so hat sie der Dichter 
doch immerhin ausdrücklich gutgeheissen. 


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Wolff, Inwieweit rührt „Die Famifie Schroffenstein“ von Kleist her? 


235 


Aber sah er denn in den Prosastellen über¬ 
haupt eine Unvollkommenheit oder Unebenheit, 
dass er sie dem vo